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Spiegelland E-Book

Rebekka Frank

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Beschreibung

Wie tief musst du graben, um die Wahrheit zu finden? Elias hat so richtig Mist gebaut, das weiß er. Er versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch sie hütet ein Geheimnis, das alles infrage stellt, was Elias zu wissen glaubt ... Ein unendlich weiter Sommer, ein Vierteljahrhundert zuvor: Nach Jahren der Angst findet Catharina endlich den Mut, aus ihrer Ehe auszubrechen. Mit ihrer Tochter flieht sie in ein altes Haus im Moor. Während der Sonnentau im ersten Licht des Morgens leuchtet und die Rauchschwalben rufen, spürt sie sich zum ersten Mal wieder. Doch nichts ist wirklich sicher. Erst recht nicht, als Catharina im Moor eine Entdeckung macht, die ihren Mann auf ihre Spur bringen könnte. Berührende Lesestunden mit Rebekka Frank:  Das Echo der Gezeiten Stromlinien Spiegelland

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Seitenzahl: 724

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rebekka Frank

Spiegelland

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Wie tief musst du graben, um die Wahrheit zu finden?

 

Elias hat so richtig Mist gebaut, das weiß er. Er versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch sie hütet ein Geheimnis, das alles infrage stellt, was Elias zu wissen glaubt ...

Ein unendlich weiter Sommer, ein Vierteljahrhundert zuvor: Nach Jahren der Angst findet Catharina endlich den Mut, aus ihrer Ehe auszubrechen. Mit ihrer Tochter flieht sie in ein altes Haus im Moor. Während der Sonnentau im ersten Licht des Morgens leuchtet und die Rauchschwalben rufen, spürt sie sich zum ersten Mal wieder. Doch nichts ist wirklich sicher. Erst recht nicht, als Catharina im Moor eine Entdeckung macht, die ihren Mann auf ihre Spur bringen könnte.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Rebekka Frank wurde 1988 in Kassel geboren und wuchs auf dem Land auf, zwischen weiten Wiesen und Wäldern. Obwohl sie für ihr Studium in die Großstadt ging und dort nicht nur Theaterwissenschaft und Germanistik, sondern auch Menschen studierte, ließ die Natur sie niemals los. Bis heute ist sie ihr Inspiration und Rückzugsort, wenn sie mit ihrem Hund durch Küsten-, Marsch- oder Flusslandschaften streift. In ihren Romanen sucht sie stets nach der Verbindung zwischen der Kraft der Natur und unserem Leben. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen die kleinen und vor allem die großen Geheimnisse, die wir alle in uns tragen, die uns voneinander fernhalten oder uns auch zusammenbringen können. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Nordhessen. Auf Instagram und Tiktok ist sie unter @rebekka.mit.k zu finden.

Impressum

 

 

Hinweise zum Inhalt finden Sie am Ende des Buches

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Redaktion: Hanne Reinhardt

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Schmidt.

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-10-492079-5

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Hinweise des Verlags

 

 

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Inhalt

[Widmung]

[Prolog]

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

78. Kapitel

79. Kapitel

80. Kapitel

81. Kapitel

82. Kapitel

83. Kapitel

84. Kapitel

85. Kapitel

86. Kapitel

Nachwort

Inhaltshinweis

Für unsere Großmütter.

Für unsere Söhne.

Und alle, die im Spiegel mehr erkennen als ihr eigenes Gesicht.

Er wird sie durchs Moor jagen. Sie weiß das. Sie kennt ihn. Nur das Moor kennt sie noch besser. Dieses Land, das im Grunde keines ist. Weder Land noch Fluss, weder Erde noch Wasser. Ein Zwischenreich, das den Vögeln gehört. Und den Geistern. Wer sich in seinen Nebeln verirrt, der bleibt. Für immer. Doch sie wird sich nicht verirren. Sie wird sich retten lassen, schützen lassen, verbergen lassen von diesem Ort, der keiner ist.

Mit einem Paddel stößt sie sich vom Ufer ab. Sie kennt hier jeden Tümpel, jeden Bach. Nur die Tiefen unter ihrem Boot, unter dem Moorgras, den alten Schichten von Torf, die kennt sie nicht, natürlich nicht. Niemand kennt sie. Doch alle können sie spüren. Es gibt so viele Geschichten, die seit Jahrhunderten aus dem Moor aufsteigen. Angst hat sie nicht. Sie hat Respekt. Und dafür hat sie ihre Gründe.

Mit ihrem Holzboot gleitet sie über den Fluss. Immer wieder schaut sie hinunter auf die Waffe, die sie mitgenommen hat. Das Schwert mit der scharfen Schneide. Die Abendsonne sinkt tiefer, wirft ihr Licht auf das Metall und den Wasserspiegel. Es blinkt und schimmert und funkelt, das wogende Schilf, das nasse Moos, all die Pfützen und Teiche in der Ferne sind besprenkelt mit tiefem Rostrot.

Blutland, denkt sie.

Dieses Licht ist ein Versprechen. Das Moor wird ihr helfen, solange sie lebt. Und darüber hinaus. Denn seine Feuchtigkeit spiegelt nicht nur den Himmel. Dieses Land spiegelt die Zeit. Lautlos gleitet sie durch sein Leuchten. Ein feuchtes Flimmern umgibt sie, leicht vibriert die Luft.

Allmählich wird der Fluss enger. Die Schilfrohre scheinen nach ihr zu greifen. Sie streckt die Hand aus, erwidert die Berührung. Ein Schrei lässt sie herumfahren. Suchend schaut sie hinauf in den Himmel und erblickt einen Seeadler. Noch einmal schreit er, dann fliegt er rascher. Mit beiden Händen umgreift sie ihr Paddel.

Wenn dieses kluge Tier sie warnt, dann ist er bereits ganz nah. Wenn sie leben will, muss sie schneller sein als er.

1. Kapitel

2025

Ich hatte den Weg durchs Moor eindeutig unterschätzt. Bisher war ich nur tagsüber mit dem Rad hier gewesen. Und nie bei Regen. Jetzt aber flogen mir die Tropfen ins Gesicht, meine Hände am Lenker waren eiskalt, die Straßen glitschig und dunkel. Hinter mir blitzte es. Dicke Baumstämme, dazwischen ein Autowrack, dahinter Wolkenberge, die auf weite grüne Wiesen drückten. Sofort verschwand all das wieder in Finsternis. Ich hielt die Luft an, bis der Donner durch die Nacht krachte.

Jetzt also auch noch Gewitter.

Als wäre heute nicht schon genug Scheiße passiert.

Seit fast einer Stunde war ich unterwegs, meine Beine wurden lahm und meine Handgelenke schmerzten. Ob Mama etwas gemerkt hatte? Nein, ich war leise gewesen, als ich mich rausgeschlichen hatte und aufs Fahrrad gestiegen war. Bestimmt schlief sie tief und fest.

Dass Elias das getan hat.

Ich hörte ihre Stimme wieder in meinem Kopf.

Wie konnte er …?

Fest trat ich in die Pedale und versuchte, auch vor ihren Worten wegzufahren.

Noch ein Blitz, noch ein Donner. Die knorrigen Äste waren plötzlich ganz nah, dazwischen tauchte die Einfahrt zu einem verfallenden Moorbauernhof auf: die Reste eines Torfwagens, eine schiefe Tür, ein eingeschlagenes Fenster.

Dann wieder: Schwärze.

Jetzt hatte ich eine Gänsehaut. Lag sicher an der Kälte. Und am Regen. Der Wind wurde stärker, ließ die Blätter über mir rauschen, er pfiff und jaulte. Alles okay, sagte ich mir. Alles okay. Ich umklammerte den Lenker fester, fuhr schneller und bog in die breite, menschenleere Teufelsmoorstraße ein. Ich kannte sie gut: die gewaltigen Eichen am Rand, dazwischen schmale Wege, die zu versteckt liegenden, alten Häusern führten, dahinter die Reste der Moore, die noch viel älter waren. Ich wusste, dass dieses Land verdammt unheimlich sein konnte. Was ich in dem Moment noch nicht wusste, war, was es mit mir machen würde. Denn vor mir lagen nicht nur die Dunkelheit und die regennasse Straße. Sondern auch die gefühlte Unendlichkeit der Sommerferien. Und diesmal würde ich sie nicht im Schwimmbad verbringen. Nicht auf dem Fußballplatz. Nicht beim Zocken. Nicht mit meinen Freunden, meiner Mutter oder meinem Vater. Diesmal brauchte keiner von ihnen zu wissen, wo ich war. Sie konnten mir gestohlen bleiben, so wie ich ihnen gestohlen bleiben konnte.

Wo kommt das so plötzlich her?, hatte Mama gesagt. Er hat doch nie …?

Mit der flachen Hand schlug ich auf den Lenker. Kurz geriet ich ins Schlingern, fing mich wieder, kniff die Augen gegen den Regen zusammen. Hinter mir näherte sich ein Auto. Sein Scheinwerferlicht ergoss sich auf den nassen Asphalt, sodass die Straße wie ein Tunnel vor mir lag. Eng, hohl, lang, und am Ende des Lichtkegels die gleiche Dunkelheit wie überall.

Allmählich schwoll das Motorengeräusch an, wurde lauter als der Regen, lauter noch als der Wind.

Fahr endlich vorbei, dachte ich.

Und als das Auto fast auf meiner Höhe war, drehte ich den Kopf.

2. Kapitel

1999

Sie flohen in der Nacht, der Regen trommelte auf die Windschutzscheibe, und im Radio lief Baby One More Time.

Aus der Dunkelheit tauchte ein Radfahrer auf. Cato riss das Lenkrad herum, ein wenig zu heftig, doch Kira schien das nicht zu stören. Sie schaukelte nur im Beifahrersitz hin und her, drehte die Musik lauter und starrte das Radio an.

»Was ist das denn?« Cato versuchte, das Zittern ihrer Hände zu beruhigen. Dem Radfahrer war nichts passiert. Alles okay, sagte sie sich. Alles okay.

»Mein neues Lieblingslied«, antwortete Kira mit Überraschung in der Stimme.

»Nicht dein Ernst.«

Eigentlich hatte Kira aus Prinzip keine Lieblingsfarbe, kein Lieblingsessen, keinen Lieblingspulli. Man hätte sagen können, sie wäre keine Lieblingsperson. Wenn sie nicht Catos Lieblingsperson gewesen wäre. Cato sah sie von der Seite an und spürte die Liebe zu ihrer Tochter wie einen Schmerz, tief in ihren Eingeweiden.

»Das ist das Beste, was ich je gehört habe«, sagte Catos Lieblingsperson, als wäre sie schon jetzt ein neuer Mensch. Als hätte es gereicht, Kira aus diesem Haus zu holen und in dieses Auto zu setzen. Dabei wusste Cato, der wahre Umbruch stand ihr noch bevor. Diese Nacht würde ihre Kleine verändern, für immer. Der Gedanke zog alles in ihr zusammen, ganz leicht krümmte sie sich auf dem Fahrersitz.

Kira bemerkte es zum Glück nicht, sie drehte die Musik noch lauter.

Trotz allem musste Cato schmunzeln. »Willst du die ganze Straße aufwecken?«

»Gute Idee«, sagte Kira. Und dann kurbelte sie das Beifahrerfenster runter, streckte den Arm in den Regen und lachte hinaus auf diese Straße, die sie doch gerade erst mit Kreide in eine andere Galaxie verwandelt, auf der sie sich die Knie aufgeschlagen und Fahrrad fahren gelernt hatte. Sie war eben erst darüber gerannt, und bei jedem Schritt war sie größer geworden. Fast so groß wie Cato. Und nun rumpelte sie, zwölf Jahre alt und eingepfercht und heimlich neben ihrer zitternden Mutter, über die Pflastersteine ihrer Kindheit hinweg. Es war besser so. Denn in den moosbewachsenen Ritzen vermoderten all die naiven Jugendphantasien, die Cato bis hierher mit sich herumgeschleppt und dann im Alltag, eine nach der anderen, fallen gelassen hatte.

Kiras neues Lieblingslied hüllte sie ein, die gesprungenen Fenster des alten Golfs knacksten im Wind. Wenn Kira könnte, würde sie bestimmt mitsingen. Dieses Lied klang, als sollte man es grölen – gut, dass Kira den Text noch nicht konnte. Zumindest summte sie ein bisschen, während sie ihr Fenster wieder schloss. Cato versuchte, die Fröhlichkeit ihrer Tochter zu genießen, auch wenn die Willkür ihrer Tonfolge sie auf die Probe stellte. Was waren schon schiefe Töne, okay, verdammt schiefe Töne, gegen das stille Entsetzen, das am Ende dieser Nacht auf sie beide wartete? Kira ahnte noch nichts davon, dass sie nicht so schnell in ihre Straße zurückkehren würde. Oder in das Haus ihrer Kindheit.

»Britney Spears«, wiederholte Kira den Namen, den der Radiomoderator genannt hatte. »Darf ich mir davon die Maxi-CD zum Geburtstag wünschen?«

Alles, was du willst, dachte Cato. Sobald wir hier weg sind.

»Nur, wenn du niemals den Text lernst«, sagte sie stattdessen in ihrem gewöhnlichen, trockenen Tonfall, damit Kira keinen Verdacht schöpfte.

»Ich kann ihn schon.« Ihre Tochter holte tief Luft, dann grölte sie den Refrain wieder und wieder. Und mit jedem falschen Ton fiel ein wenig mehr Anspannung von Cato ab. Langsam fuhren sie durch den Regen, der weiter anschwoll. Immer wieder sah sie in die Seitenspiegel – im Rückspiegel konnte sie durch die zersplitterte Heckscheibe nichts erkennen – und beobachtete die Autos hinter ihnen. Eines folgte ihnen schon seit Minuten. Erst als es endlich abbog, hörte Cato auf zu zittern. Sie hatte es geschafft. Ihre Schultern senkten sich, ihre Hände wurden langsam trocken.

Mit einer Ruhe, die sie sich noch vor wenigen Stunden niemals zugetraut hätte, lenkte sie das Auto aus Bremen hinaus. Die Landstraße war schmal und schnurgerade, im Scheinwerferlicht leuchtete der regennasse Asphalt, und die Eichen über ihren Köpfen schienen in der Dunkelheit nacheinander zu tasten.

»Okay, Mama.« Plötzlich hatte Kira aufgehört zu singen. Sie wandte sich ihr zu, ihr dunkler Seitenzopf schaukelte. »Wann verrätst du mir, wo wir hinfahren?«

Catos Griff ums Lenkrad wurde wieder fester. »Erst, wenn wir da sind.«

»Warum haben wir dieses komische Auto genommen?«

»Wieso ist es komisch?«

»Es stinkt.«

»Das ist der Duftbaum.«

Kira griff nach dem Bäumchen und roch daran. »Stimmt.« Erneut kurbelte sie das Beifahrerfenster runter, diesmal nur einen Spalt, und warf den Baum auf die Straße.

»Noch irgendwas?«, fragte Cato.

»Oh ja.«

»Und zwar?«

Sie deutete hinter sich. »Die Fenster.« Das hier machte ihr Spaß, Cato konnte es hören.

»Ja, zwei sind kaputt.«

Wie gern würde Cato ebenso leicht und fröhlich klingen wie ihre Tochter. Doch seit Jahren lag eine Schwere in ihrer Stimme, sie war tonlos und rau geworden.

»Kaputt, Mama? Die sind völlig hinüber.«

»Ja.«

»Ich hab noch nie Fenster gesehen, die so wenig mit Fenstern zu tun hatten.«

»Okay.«

»Es würde eher aussehen, als hätte dieser Wagen noch alle Fenster, wenn er keine Fenster mehr hätte.«

»Du hast deinen Punkt klar gemacht.«

»Also?«

»Was, also?«

»Wieso haben wir dieses Auto genommen und nicht Papas?«

»Papa braucht den BMW morgen.«

»Es sind Ferien.«

»Sogar Schulleiter haben in den Ferien ein Leben.«

»Papa nicht.«

Cato musste schon wieder schmunzeln. Sie liebte es, dass ihre Tochter ihren Humor geerbt hatte. Und das, obwohl Cato ihn nur noch so selten zeigte.

»Hast du den Junggesellenabschied vergessen?«

»Der ist doch erst übermorgen!«

»Möglicherweise dauert unser Ausflug ja länger als du denkst.«

»Länger als die Ferien?«

»Hör auf mit den Fragen, sonst machst du dir noch deine eigene Geburtstagsüberraschung kaputt.«

Kira warf den Kopf zurück und sah verzweifelt an die Autodecke. »Ich halte das nicht aus, Mama!«

»Dann guck nach draußen.«

»Da ist alles dunkel!«

»Vielleicht erkennst du trotzdem was.«

Kira klebte ihre Nase an ihr Fenster, das tatsächlich noch heil war.

Und dann sah Cato aus dem Augenwinkel, dass sich der Rücken ihrer Tochter anspannte.

»Das ist das Teufelsmoor!«

»Möglich.«

»Mama?« Jetzt klang sie aufgeregt. »Was wollen wir mitten in der Nacht im Moor?«

3. Kapitel

2025

Ein Golf acht in Rot. Vor Schreck geriet ich ins Schlingern, denn genau so einen fuhr Mama. Doch er zog an mir vorbei, und spätestens beim Blick auf das Kennzeichen begriff ich, dass dieses Auto nichts mit mir zu tun hatte: Es war nicht mal aus Bremen.

Ich beobachtete, wie sich die Rücklichter entfernten und viele hundert Meter weiter in einer Kurve hinter dichten Eichen verschwanden.

Natürlich war Mama mir nicht gefolgt. Sie schlief.

Ich wischte mir das Regenwasser aus dem Gesicht und versuchte, erleichtert zu sein.

Ich musste wieder daran denken, wie ich auf der Treppe gesessen und sie belauscht hatte. Kindische Aktion. Ich hätte es lassen sollen, aber nach diesem schlimmsten aller Tage war nicht mehr viel Vernunft in mir übrig gewesen. Wie ein kleiner Junge hatte ich mich hinter dem Geländer versteckt und versucht, so flach wie möglich zu atmen, um auch jedes Wort zu verstehen, das in der Küche gesprochen wurde.

»Er hat es zugegeben«, hatte Mama zu ihrer Freundin gesagt. »Und nur mit den Schultern gezuckt.«

Jetzt beugte ich mich tiefer über den Fahrradlenker und fuhr so schnell ich konnte. Fast wünschte ich mir die Blitzlichter auf das Moor zurück. Vielleicht stand ja direkt neben mir eine Hirschkuh und starrte mich an. Oder ein alter, gruseliger Moorbauer. Wie in einem Horrorfilm. Von sowas würde ich lieber überfallen werden als von meinen Erinnerungen. Aber in dieser Nacht blitzte es nicht noch einmal. Alles blieb dunkel. Und der Weg beschissen weit. Da war nichts mehr, was mich von den Gedanken an Mama und dieses Gespräch ablenken konnte.

Ich hätte es ja verstanden, wenn sie wütend geworden wäre und vielleicht eine Schublade oder die Kühlschranktür zugeknallt hätte. Stattdessen hatte sie ganz leise gesprochen.

»Ausgerechnet mein Kind«, hatte sie gesagt. »Ausgerechnet Elias.«

»Scheiße«, antwortete ihre Freundin. Mehr gab es dazu nicht zu sagen – die ganze Situation war einfach scheiße. Klar. Wenn Marcel wollte, konnte er mir jetzt alles verbauen, wofür ich so lange gearbeitet hatte.

»Ich meine, das ist …« Mama schluchzte. Sämtliche Schluchzer, die ich bisher aus ihrem Mund gehört hatte, konnte ich an einer Hand abzählen. Und nie war ich der Grund gewesen. »Elias ist doch so tiefsinnig und nachdenklich. Wo kommt das plötzlich her?«

»Er ist vierzehn, Süße. Das ist ein schwieriges Alter.«

»Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun.«

Ich hätte aufstehen und auf mein Zimmer gehen sollen, dann wäre vielleicht nichts weiter passiert. Stattdessen saß ich da wie festgeklebt, hörte diese Sätze, die ich niemals hätte hören sollen. Und schließlich den einen, der alles ins Rollen brachte: »Ich habe versagt.«

Irgendetwas antwortete Mamas Freundin, Stühle wurden gerückt, Mama schluchzte, doch ich lauschte nicht länger. Keine Sekunde konnte ich noch auf dieser verdammten Treppe sitzen bleiben. Meine Mutter glaubte, sie habe versagt. Ich hatte versagt. Ich war missraten.

Ich musste hier weg. Raus aus diesem Haus, dieser Stadt, diesem scheiß verfluchten Leben. Sofort.

Und jetzt war ich hier. Mitten in der Nacht, mitten im Moor. Und fragte mich so langsam, ob ich darüber nicht wenigstens kurz hätte nachdenken sollen. Weit dürfte es nicht mehr sein, überlegte ich – und rutschte in eine nasse Spurrille ab. War ja klar, dass das auch noch passieren musste. In vollem Tempo flog ich vom Rad, spürte den Asphalt unter meinen Handballen, ein Brennen an meinen Knien, und schlitterte quer über den Radweg.

4. Kapitel

1999

»Du entführst mich an meinem Geburtstag ins Moor? Ist das Moor meine Überraschung?«, fragte Kira.

»Kein Kommentar«, sagte Cato.

Während Kira weiter in die Nacht hinausstarrte, ging Cato im Kopf noch einmal alles durch. Unter Kiras Sitz lagen die Unterlagen, auf der Rückbank ihre großen Rucksäcke, gefüllt mit Taschenlampen, Kerzen, den nötigsten Klamotten, mit Zahnbürsten, Wasser, Studentenfutter, Äpfeln, Bargeld. Fürs Erste musste das reichen. Hauptsache, der Wagen hielt durch. Er war weder angemeldet, noch hatte er TÜV. Doch wie wahrscheinlich war es, dass sie gleich von der Polizei angehalten würden? Vor ihnen lag eine Fahrt von gerade mal fünfundzwanzig Minuten. Es könnte klappen. Es musste.

Langsam rumpelte der alte Wagen über die Landstraße, die gesäumt war von dunklen Eichen und bleichen Birken, dazwischen gingen schmale Gräben ab, in die der Regen niederfiel, flach ergoss sich dieses Land ins Dunkel. Sie durchquerten kleine Moordörfer und bogen schließlich in die Teufelsmoorstraße ein. Von hier aus war es nicht mehr weit. Eine Brücke führte sie über die Hamme, auf der die Lichter eines Gasthauses wabernde Schlieren zeichneten. Noch ein Blick in den Seitenspiegel – niemand folgte ihnen. Das Moor schien tief und fest zu schlafen. Sie ließen die Lichter hinter sich. Alles war ruhig. Vollkommen dunkel.

Dann ruckelte der Wagen.

»Ähm … Mama?«

»Verdammt.«

Die Antwort des Golfs war ein verlegenes Stottern. Cato trat aufs Gas. »Nur noch ein paar Kilometer. Komm schon.«

Auf einen Schlag wurde es still – der Motor hatte aufgegeben. Klar hatte der Mechaniker recht gehabt. Es wäre besser gewesen, erstmal zur Werkstatt zu fahren. Doch Cato hatte nicht warten können, bis die Werkstatt aufmachte. Ein paar Meter rollte der Golf noch, Cato nutzte den letzten Schwung, um rechts ranzufahren. Dort blieben sie stehen. Auf einer unbeleuchteten Landstraße mitten im Moor.

»Überraschung«, sagte Cato und lehnte erschöpft den Kopf zurück.

»Nicht lustig, Mama.«

»Nein.«

»Überhaupt. Nicht. Lustig.«

Cato seufzte leise.

»Okay, was machen wir jetzt?« Kira beugte sich auf ihrem Sitz vor und sah nach draußen, als wäre das hier ein großes Abenteuer. Auf der Straße brauste ein Auto vorbei, so schnell, dass der alte Golf schwankte. Dann war es wieder still im stockdunklen Moor, nur der Regen rauschte über die Windschutzscheibe.

Cato schloss die Augen. Was tat sie ihrer Tochter hier an? Kira sollte zu dieser Zeit in ihrem warmen, sicheren Bett liegen und schlafen. Cato musste eine Lösung finden. Doch sie war so schrecklich müde. Die vergangenen Jahre steckten ihr in den Knochen. Mit einem Mal spürte sie die Anstrengung im ganzen Körper. Jeder Schmerz war da, gleichzeitig. Wie hatte sie nur so lang stillhalten können?

»Mama!«

Cato öffnete die Augen. »Ich gebe zu«, sagte sie langsam, »das war so nicht geplant.«

Kira verschränkte die Arme. »Wäre auch ein ziemlich komischer Plan gewesen.«

Cato beugte sich über das Lenkrad und versuchte, durch den Regen irgendetwas zu erkennen. Doch sie sah nichts als die Schemen der Bäume am Straßenrand.

»Es kann nicht mehr weit sein.« Sie wollte locker klingen. Lässig. Als wäre das hier keine Katastrophe. »Wir sind schon in der richtigen Straße.«

»Wir wollten in diese Straße? Hier irgendwo ist meine Überraschung?«

»Hier irgendwo, ja …« Cato schaltete das Licht im Wagen an und zog einen Atlas aus dem Handschuhfach. Mit dem Zeigefinger suchte sie ihren Standort auf der Karte. Es war noch nicht lange her, dass sie die Hamme überquert hatten. Sie fand die Brücke und das Gasthaus dahinter. Kurz darauf hatte der Motor aufgegeben. Okay, ganz so weit konnte es wirklich nicht mehr sein. Vielleicht zwei Kilometer, höchstens drei. Sie holte ihre Unterlagen unter dem Sitz hervor und steckte sie sich unter die Jacke. Kaum hörbar klimperte es in der Klarsichtfolie.

»Hol deinen Rucksack, wir müssen ein Stück laufen«, sagte Cato, während sie nach ihrem eigenen griff.

»Durch den Regen?« Mit dem Zeigefinger deutete Kira nach draußen.

»Oder willst du im Auto schlafen? Es soll die ganze Nacht so weiterregnen.«

»Ich will überhaupt nicht schlafen, ich will meine Überraschung.«

»Verständlich. Also?«

»Haben wir einen Schirm?«

»Keinen Schirm.« Den hatte Cato tatsächlich vergessen. Dabei dachte sie normalerweise an so etwas.

Kira sah ihre Mutter an und grinste. »Aber ich will kein Gejammere hören.« Sie klang ein bisschen wie Cato manchmal.

»Von mir?« Cato klappte der Mund auf.

»Es wird nicht gejammert, verstanden?«

Zum ersten Mal, seitdem sie liegen geblieben waren, musste auch Cato grinsen. »Verstanden!«

Kira fischte ihren Rucksack von der Rückbank und legte eine Hand an den Türgriff. »Auf drei?«

»Eins, zwei …«

»Drei!«, schrie Kira und sprang aus dem Auto.

Im Laufen sah Cato zu ihrer Tochter und spürte, wie heißes Glück in ihrem Bauch aufstieg. Kira war hier, bei ihr. Sie waren zusammen. Egal, was geschehen war, was noch geschehen würde – Kira war alles wert gewesen, würde alles wert sein. Immer.

 

Sie waren erst ein paar hundert Meter gelaufen, als sie bereits müde wurden. Die Teufelsmoorstraße lag schnurgerade und einsam vor ihnen, und in den dunklen, dichten Eichen, die sie zu beiden Seiten säumten, rauschte und prasselte der Regen. Schon jetzt waren Cato und Kira durchnässt bis auf die Haut, das Hochgefühl, das sie gerade noch getragen hatte, löste sich auf.

»Ich kann nicht mehr.« Kira keuchte, also verlangsamte Cato ihre Schritte.

»Weißt du was, Geburtstagskind?«

»Mmh?« Die Stimme ihrer Tochter klang jetzt fast kleinlaut.

»Das hier ist Geburtstagsregen. Ein ganz schön heftiger. Fühlt sich gerade zwar nicht so toll an, ist aber eigentlich ziemlich super.«

»Meinst du?«

»Wenn ein Geburtstagskind durch seinen Geburtstagsregen läuft, darf es sich was wünschen.«

»Wirklich?«

»Und je schlimmer es regnet, desto sicherer geht der Wunsch auch in Erfüllung.«

Kira lugte zu ihr hoch. In jeder anderen Situation hätte sie ihre Mutter ausgelacht und ihr gesagt, dass sie kein Baby mehr war. Netter Versuch, Mama.

Doch diesmal schien sie beinahe dankbar. Diesmal gewann das Kind in ihr. Cato wusste, dass das im Grunde kein gutes Zeichen war.

»Und das funktioniert besser als Geburtstagskerze Auspusten?«

»Viel besser.«

»Du führst mich?«

»Immer, mein Schatz.«

So nannte Cato ihre Tochter selten. Und Kira akzeptierte es noch seltener. Doch diesmal sagte sie nur »gut«, kniff die Augen zusammen, hielt das Gesicht in ihren Geburtstagsregen und ließ sich durch die Nacht führen.

 

»Wir sind da«, sagte Cato endlich. Tränen standen ihr in den Augen, doch sie hielt sie mit aller Macht zurück.

»Hier?«

»Hier.«

Beide blieben sie stehen und sahen den Weg durch die dichten Bäume hinunter. Dort stand es. Schmal, aber hoch. Im Dunkeln konnte Cato nicht viel erkennen, nur dass der Garten verwildert war, die Backsteine rosarot schimmerten und das Ziegeldach intakt aussah. Immerhin.

»Was ist das, Mama?«

»Das … ist unser neues Haus im Moor.«

Sie nahm Kiras Hand, dann rannten sie gemeinsam zur Haustür des alten, ein wenig windschief im Dunkeln daliegenden Bauernhäuschens.

5. Kapitel

1999

»Mama?«

»Mmh?«

»Warum haben wir ein Haus im Moor?«

Cato griff in die Klarsichtfolie, holte den Schlüssel heraus und steckte ihn ins Schloss. Er hakte.

»Weil ich es geerbt habe.« Es war das erste Mal, dass sie es aussprach. Wie schön, dieses Geheimnis endlich mit Kira teilen zu können.

»Du hast ein Haus geerbt«, wiederholte Kira. »Und jetzt schenkst du es mir zum Geburtstag?« Ihre Stimme wanderte in die Höhe.

Cato hätte gelacht, wenn der beschissene Schlüssel nicht gehakt hätte. Es regnete noch immer in Strömen. Wo sollten sie hin, würden sie die Tür jetzt nicht aufbekommen? Mitten in der Nacht ohne Auto, weit und breit kein Telefon. Selbst wenn sie eines fände – es gab niemanden, der ihnen helfen konnte. Catos Freunde waren im Grunde eher Freunde von Sven. Ihre Mutter reiste gerade durch Südamerika. Und mehr Familie war Cato nicht geblieben.

Kira zitterte, Cato sah es genau, auch wenn Kira versuchte, es zu verbergen.

»Das wäre doch etwas übertrieben für den zwölften Geburtstag, oder?«

»Kommt drauf an. Ich meine: Du hast schon ein Haus. In Bremen. Das hier könnte meins sein. Wäre nur fair.«

»Fair wäre, wenn diese Tür jetzt endlich aufginge.«

»Als Erstes lasse ich ein neues Schloss einbauen, versprochen. Und dann darfst du gern mal zu Besuch kommen, Mama. Aber du bringst Kuchen mit! Ich kann nämlich nicht backen.«

»Verdammt!« Cato drückte die Schulter gegen die Tür. Nichts. Ruhig bleiben, befahl sie sich. Jetzt nicht panisch werden. Aber wie sollte sie?

»Vielleicht schlagen wir ein Fenster ein.« Kira sagte es ruhig und sachlich.

»Wir können doch nicht …«

»Ist dein Haus, oder? Du kannst doch in deinem Haus ein Fenster einschlagen?«

Cato sah Kira mit offenem Mund an. Sie hatte recht.

»Ach Quatsch, was rede ich.« Kira fasste sich an die Stirn. »Es ist mein Haus. Und ich erlaube es dir. Bitte, Mama, schlag in meinem Haus ruhig ein Fenster ein. Such dir eins aus, ich bin da ganz offen.«

Cato zog den Schlüssel aus dem Schloss, steckte ihn in die Hosentasche und sah sich um. Das Fenster neben der Haustür war zu klein. Höchstens Kira würde hindurch passen, doch die Scherben könnten ihr Arme und Beine aufschlitzen – auf gar keinen Fall würde Cato das zulassen. Ein paar Schritte weiter gab es ein größeres Fenster. Oben links war es mit einem roten Vogel bemalt. Window Color. Sie bahnte sich einen Weg durch die hohen Gräser und Disteln des verwilderten Gartens.

»Du bleibst da!«, rief sie Kira zu.

Ganze Büsche musste sie beiseiteschieben, bis sie bei dem Fenster ankam. Sie hielt ihren Jackenärmel mit der Hand fest, damit er nicht verrutschte, dann atmete sie tief durch. Nun galt es, sämtliche Kraft in den Schlag zu legen, sonst würde es verdammt wehtun. Kurz sah sie hinüber zu ihrer Tochter, die wie ein begossener Pudel in der Dunkelheit stand, Haare und Klamotten völlig durchnässt, bibbernd vor Kälte. Sie musste endlich ins Warme. Also holte Cato aus und rammte den Ellbogen so fest sie konnte gegen das Glas. Wahrscheinlich hätte sie keine Chance gehabt, wenn es ein modernes Fenster gewesen wäre. Doch dieses hier musste Jahrzehnte alt sein, es splitterte sofort. Zum zweiten Mal in einer Nacht stand Cato im Scherbenregen, und diesmal fühlte es sich gut an.

»Du bist krass, Mama!«, rief Kira. »Das war krass!«

Cato musste lächeln. »Warte da, ich hole dich gleich.«

Mit dem Ellbogen schlug sie die abstehenden Scherben aus dem Rahmen, versuchte, gründlich zu sein. Dann warf sie ihren Rucksack ins Haus. Anscheinend befand sich genau hinter dem Fenster so etwas wie ein Tisch. Glück gehabt. Sie kletterte hoch und zwängte sich durch die kleine Öffnung. Vorsichtig stieg sie auf die Tischplatte und auf der anderen Seite wieder hinunter. Nun stand sie in fremder Dunkelheit. Die Regennacht war verdammt finster, die Straßenlaternen wurden abgeschirmt von all den Eichen vor dem Haus. Es roch abgestanden und staubig. Sie tastete nach ihrem Rucksack, kramte eine der Taschenlampen hervor und schaltete sie ein. Während sie langsam durch den Raum ging, ließ sie den Lichtkegel über die Tapeten wandern. Schräg gegenüber befand sich ein dunkles Rechteck, sicherlich die Tür. Scherben knirschten unter ihren Schuhen. Vorsichtig näherte sie sich, bis ihr Fuß etwas Weiches berührte. Scharf atmete Cato ein, unterdrückte einen Schrei und ließ den Lichtkegel hinabstürzen auf diesen Gegenstand. Ein blassrot gemusterter Sessel. Nur ein Sessel. Alles war gut, sagte sie sich und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen, doch das Trommeln in ihrer Brust wurde härter. Mit bebender Hand leuchtete sie umher, sah Schemen von Möbeln, unförmige Holzgestelle, große Dosen. Und egal, wo ihr Lichtkegel war – überall sonst war Finsternis. Lauerten Schatten. Immer schneller zuckte ihr Lichtkegel hierhin und dorthin. Etwas wartete in diesem Haus auf sie, schon lange. Beinahe war sie sich sicher. Wie hatte sie nur mit Kira mitten in der Nacht hierherkommen können?

 

Es war noch keine fünf Stunden her, dass sie daheim vor dem Fernseher gesessen hatten. Zu dritt. Eine Familie.

Cato hatte ihre Knie mit beiden Armen umschlungen und die Augen geschlossen. Rechts Kiras Finger auf den Handytasten gehört. Links Svens Atem. Über allem die Stimme des Tagesschausprechers. Sie hatten die Leiche von John F. Kennedy Junior gefunden, in fünfunddreißig Metern Tiefe in einem Wrackteil auf dem Meeresgrund.

»Noch immer vermisst werden Kennedys Ehefrau und deren Schwester, die mit im Flugzeug saßen«, sagte der Sprecher.

Vor wenigen Tagen war die Privatmaschine des Präsidentensohns abgestürzt, anscheinend hatte er in mondloser Nacht die Orientierung verloren. Möglicherweise hatte er geglaubt, er steuere die Maschine geradeaus durch völlige Dunkelheit, während er direkt auf das Meer zuraste. Eine Vorstellung, die Cato vertraut war.

»Frau Beck hat gesagt, dieses Unglück zeigt super, wie doll Männer sich überschätzen«, sagte Kira, ohne von ihrem Handy aufzusehen. Ein rotes Nokia, sie hatte es zu Weihnachten bekommen. »Sie hat gesagt, unser Bild von Männlichkeit schadet uns allen.«

»Ach, die liebe Petra macht gern einen auf Emanze.« Sven lachte, überschlug die Beine und nahm einen Schluck von seinem Wein. »Dabei hat sie sich schon vor Jahren die Brüste machen lassen.«

Jetzt sah Kira doch auf und beugte sich vor, um ihren Vater an Cato vorbei ungläubig anzustarren. »Woher weißt du das?«

»Von ihr selbst natürlich. Ich glaube, es gibt keinen einzigen Kollegen, der sich nicht schon mit ihr über ihre Brust-OP unterhalten musste.« Er verdrehte die Augen, Kira kicherte. Beinahe klang es dankbar, dieses Kichern, ihr Vater scherzte mit ihr. Dieses Geräusch wollte Cato zerreißen. Sie versuchte, nicht auf das Brennen in ihrer Magengegend zu achten, sondern darauf, wie das Rot von Kiras Pullover unter dem Dunkelbraun ihrer langen, hochgebundenen Haare leuchtete. Kraftvoll. Selbstbewusst. So war Kira. Sie war stark, sagte sich Cato. Egal, wie schrecklich dankbar sie in diesem Moment klang.

Langsam rieb Cato über die Brandnarbe auf ihrer Handfläche.

»Im Lehrerzimmer wissen wir eigentlich alles übereinander«, fügte Sven zwinkernd hinzu. »Ich kann dir die schmutzigsten Geheimnisse deiner Lehrer verraten.«

Jetzt lachte Kira noch lauter, lehnte sich zurück, und ihr Pulloverrot verblasste im Schatten des Wohnzimmers.

Er lügt, hätte Cato gern gesagt. Dein Vater lügt, über ihn wissen die Kollegen schließlich nicht das Geringste. In der Schule ist er der kompetente, junge Schulleiter Schmidt. Nichts weiter.

Natürlich sprach Cato diesen Gedanken nicht aus, aber irgendetwas musste sie tun. Also wagte sie zumindest einen Satz. »Ich glaube eigentlich nicht, dass sich Brust-OPs und Emanzipation ausschließen.« Sie wollte nicht, dass ihre Tochter sich so etwas einprägte. Wenigstens das wollte sie verhindern.

»Petra hat offensichtlich ein Selbstwertproblem. Ist ja auch klar – als Jungfer in ihren Vierzigern.« Sven drehte sein Rotweinglas in der Hand, ölig schwarzer Wein schwankte zwischen langen, bleichen Fingern, und sah Cato von der Seite an. Wer ihn nicht kannte, würde diesen Blick für ein Lächeln halten, allerdings hatte seine Oberlippe immer diesen gewissen Schwung. Spöttisch.

Es wäre leichter gewesen zu schweigen. Bloß – was würde das mit Kira machen?

»Ihr seid doch befreundet?« Das war noch eine Untertreibung. Petra war Svens Lieblingskollegin. Hin und wieder lud er sie sogar zum Essen zu ihnen ein. Cato fand diese Abende unangenehm. Petra war auch mal ihre Mathelehrerin gewesen, und so behandelte sie Cato bis heute.

»Ich bin mit allen Kollegen befreundet.«

»Aber warum …«

»Lass es, Catharina.« Drei Worte wie ein Peitschenhieb.

Auch Kira musste ihn gespürt haben, sie senkte den Kopf und begann wieder, auf ihrem Handy herumzutippen. Cato presste die Lippen aufeinander und sah auf den Fernseher. Das Meer, Apparate, ein großes Schiff, mit dessen Hilfe der Präsidentensohn geborgen werden sollte. Cato konnte nicht anders, als sich die letzten Minuten in diesem Flugzeug vorzustellen. Kennedy hatte es gesteuert, seine Frau und seine Schwägerin hatten ihm sicherlich vertraut. Wann hatten die beiden Frauen in der Maschine gespürt, dass etwas nicht stimmte? Wann hatten sie verstanden, dass sie niemals in dieses Flugzeug hätten steigen dürfen? Cato hätte gern ihre Namen gehört, wenigstens einmal. Doch genannt wurden sie nicht.

»Was spielst du?« Sie zwang sich zu einem Lächeln und stupste ihrer Tochter in die Seite.

»Wieso spielen?«

»Heute kein Snake?«

Normalerweise war Kira die Gesprächigere von ihnen, und in diesem Moment wünschte sich Cato ihre Fröhlichkeit herbei. Hinter die zugezogenen Vorhänge. Auf dieses viel zu enge Sofa. Wie oft hatten Kiras Kinderwitze schon das Schlimmste verhindert? Doch in vier Stunden, am ersten Tag der Sommerferien, wurde sie zwölf, und seit ein paar Monaten kam das Kind in ihr seltener zum Vorschein. Cato musterte sie. Wie immer hatte Kira ihre Haare zu einem hohen Seitenzopf gebunden. An diesem Abend schaukelte er nicht lustig hin und her, sondern schirmte ihr Gesicht vor den Blicken ihrer Mutter ab.

»Schreibst du SMS?«

»Mmh.«

»Mit wem?«

»Ist doch egal.«

Cato hob eine Braue. »Sag schon.«

»Das geht dich nichts an, Mama.«

Cato hörte, dass sie jetzt lächelte.

»Etwa mit einem Jungen?«

»Mama!« Sie kicherte. Und diesmal lag keinerlei Dankbarkeit darin, es gab keinen doppelten Boden. Es war das Kichern eines Kindes. Cato wurde warm.

»Schalt es aus.« Drei Worte. Schon wieder. Mehr hatte Sven nie gebraucht.

Sofort ließ Kira das Handy sinken. »Mein Guthaben ist sowieso gleich alle …«

»Schalt. Es. Aus.«

Cato spürte, dass Kira neben ihr steif wurde. Draußen kam die Abendsonne hinter einer Wolke hervor, ihr Licht schien durch die dünnen Vorhänge, flimmerte auf dem niedrigen, nackten Holztisch, dem weißen Teppich, den Weingläsern in der Vitrine, dem schwarzen Fernsehschrank, der sich über die ganze Wand erstreckte, der Stereoanlage, den gewaltigen Boxen. Alles war ausgeleuchtet. Nirgends gab es Farben. Kein einziges Versteck.

Cato musste etwas tun. Für Kira.

»Dein Vater weiß, dass du nichts Schlimmes gemacht hast, es ist alles gut«, sagte sie. »Aber wir haben eine Verabredung. Um 20 Uhr gucken wir drei zusammen die Tagesschau. Danach kannst du den Abend verbringen, wie du möchtest.«

Kira presste das Nokia mit dem Bildschirm auf ihr Knie, und Cato hoffte, dass sie nichts weiter sagen würde. Sie mussten nur noch zehn Minuten durchhalten.

»Können wir die Verabredung nicht einfach ändern? Ich will mir das nicht jeden Tag angucken.«

Kurz schloss Cato die Augen. Alles war leichter gewesen, als Kira noch jünger gewesen war. In letzter Zeit veränderte sie sich. Sie wurde größer, ihr Zopf länger und ihre Stimme mutiger.

»Wir können die Verabredung gern ändern.« Sven legte den Arm auf die graue Sofalehne. Sein Tagesschau-Glas war beinahe leer, und die Fältchen um seine Augen verhielten sich wie Lachfalten. »Wenn du so enden möchtest wie deine Mutter.«

Cato rang nach Luft.

Sag nichts. Halt still. Guck fern.

»Wenn du mit Mitte dreißig keinen Pfennig verdienen und dich von deinem Ehemann aushalten lassen möchtest, dann ist das völlig okay. Dann brauchst du ebenso wenig Bildung, wie deine Mutter sie hat.«

Sie hätte ihm nicht widersprechen sollen. Die Quittung kam immer. Und sie kam schnell. Das wusste sie doch.

Ganz leise sagte sie: »Ich habe Bildung.«

Svens Augen blitzten. »Meinst du dein 2,7er Abi? Oder die paar Monate als freie Reporterin? Kira soll es mal weiter bringen, das sagst du doch selbst. Sie soll studieren.«

»Ich hätte auch studieren können.« Wenn ich nicht mit dir zusammengekommen wäre. Sie hatte zumindest genug Selbstbeherrschung, um diesen Nebensatz nicht ebenfalls auszusprechen.

»Außerdem braucht man ja wohl nicht die Tagesschau zu gucken, um es an die Uni zu schaffen.« Kira hob die Augenbrauen und funkelte ihren Vater an. Das konnte nicht gutgehen.

Er lächelte, als klaffte hier, inmitten des Wohnzimmers, nicht schon längst ein Abgrund. »Man braucht Allgemeinbildung, man muss wissen, was in der Welt los ist, sonst entlarven sie dich an der Uni schnell. Und weißt du, was vielleicht sogar noch wichtiger ist?« Er fuhr sich durch das grau melierte Haar und trank sein Glas aus. »Disziplin. Durchhaltevermögen. Wenn du eine Verabredung triffst, hältst du sie ein.«

Das war der Kipppunkt, Cato wusste das. Noch ein weiterer Einwurf von Kira oder Cato, und es war vorbei. Sie hätte gern gesagt, dass Disziplin einen Menschen auch zerstören kann. Dass es Verabredungen gibt, die dich vernichten, wenn du sie einhältst. Doch sie biss die Zähne fest aufeinander.

»Aber ich möchte …«

»Schluss jetzt, Kira«, unterbrach Cato sie, schärfer als es sich gut anfühlte. »Ich will das hören.« Sie deutete auf den Fernseher.

Kira verschränkte die Arme, Sven schenkte sich Rotwein nach, und dann sahen sie schweigend auf den Apparat. Es war noch mal alles gut gegangen, beruhigte sich Cato.

Die Wettervorhersage kündigte das Ende des gemeinsamen Abends an. Viele Wolken, kühle Meeresluft. Regen die ganze Nacht.

Kira stand auf. »Ich geh hoch.«

Allein blieben Cato und Sven auf dem Sofa sitzen. Es hatte eine Zeit gegeben, da war das noch hin und wieder schön gewesen. An manchen Tagen hatte Cato sogar auf diese Stunden gewartet, in denen sie zu zweit laut lachten über Witze, die kein Ehepaar vor seinem Kind machen sollte. Wie lang war das jetzt her?

Er schaltete um, fragte nicht, was sie sehen wollte. Heute wollte er sicherlich kein Wort mehr von ihr hören. In seinen Augen hatte sie sich unmöglich benommen. Catharina Funke, das ungezogene Mädchen – selbst mit dreiunddreißig. Er war elf Jahre älter als sie, und niemals könnte Cato diesen Unterschied überwinden.

Leise stand sie auf und verließ das Wohnzimmer. Kurz überlegte sie, ihrer Tochter nach oben zu folgen, doch fair wäre das nicht. Ein Kind sollte seine Mutter nicht trösten müssen. Also schlug sie die entgegengesetzte Richtung ein.

Die Boxen im Wohnzimmer begannen zu wummern. Sven sah mal wieder einen dieser Filme, die mehr Bass hatten als Dialog. Gut so. Langsam stieg sie die Kellertreppe hinunter und öffnete die Tür zur Doppelgarage. Es war kühl hier unten, roch nach Stein und Ledersitzen. Im Licht der Deckenlampe glänzte der silberne Lack des neuen Autos. Sven hatte einen nagelneuen 3er BMW gekauft. Als Cato den Preis gesehen hatte, war ihr schlecht geworden. Was sie mit dem Geld alles hätte tun können, wie weit sie gekommen wäre. Doch in dem Moment, in dem Sven mit seiner neuen Matrix-Sonnenbrille und aus dem Fenster ragendem Ellbogen vom Autohof gefahren war, waren diese Möglichkeiten verpufft. Einfach so.

Sie wandte sich ab und betrachtete den uralten Golf, der daneben stand. Klein, rostig, rot. Wie immer, wenn sie dieses Auto ansah, spürte sie ein Ziehen tief in ihrem Bauch.

Sven hatte es schon zigmal verkaufen wollen. »Was hast du mit der alten Schrottkarre vor?«, hatte er gefragt, als Kira gerade geboren war. »Wir brauchen nur einen Wagen. Am Rand von Bremen. Du kommst hier mit dem Baby auch gut ohne Auto zurecht.«

Meistens ließ Cato sich von ihm überzeugen, knickte in allen möglichen Bereichen ein und hasste sich dafür. Aber nicht beim Golf. »Wenn ich wieder als Journalistin arbeite, brauche ich doch ein eigenes Auto. Sonst komme ich nicht zu den Terminen auf dem Land.«

»Ach, Kleines. Mach dir bitte nicht so einen Druck«, hatte Sven anfangs gesagt und sie auf den Scheitel geküsst. »Es wird sich alles fügen.«

Wenige Jahre später hatte er es anders formuliert: »Ach, Catharina. Hör bitte auf, dich selbst zu belügen. Jetzt bekommst du sowieso keine Aufträge mehr. Der Zug ist abgefahren.«

Das Auto war allmählich verrostet, Sven hatte es abgemeldet. Doch verkauft hatte er es nicht. All die Jahre. Vielleicht wusste er, dass sie es brauchte, um ihre Illusionen aufrecht zu erhalten. Nur mithilfe dieses Wagens hatte sie sich einreden können, das hier wäre einfach eine Phase. Nur vorübergehend hätte sie aufgehört zu arbeiten, wäre sie ausschließlich Mutter und Hausfrau, abhängig von ihrem Mann. Die alte Schrottkarre war schließlich noch hier. Sie wartete, bis Cato bereit war. Und eines Tages würde sie einsteigen.

Langsam ging Cato darauf zu und öffnete die Autotür. Sie quietschte leise, der alte Duftbaum roch nach vorgestern, sie setzte sich. Schloss die Tür. Legte die Hände auf das verschlissene Lenkrad und den Kopf zurück.

Sie hatte so lange gezögert. Doch seitdem sie einen Plan hatte, fiel es ihr schwer, sich auch nur einen weiteren Tag zu gedulden. Dieses Auto zog sie an. Dabei wusste sie, wie riskant es war, auf den alten Polstern zu sitzen. Sie sollte aussteigen und wieder raufgehen, bevor Sven sich fragen konnte, wo Cato war. Allerdings war er so wütend auf sie, dass er sie jetzt sicherlich nicht suchen würde. Trotzdem, sie sollte kein Risiko eingehen.

Wie lange war sie schon keine Risiken mehr eingegangen?

Wie häufig hatte ihr auch das nichts gebracht?

Tief atmete sie durch, dann griff sie nach den Unterlagen des Notars, die sie unter den Beifahrersitz gelegt hatte. Ihr Auto war das beste Versteck im ganzen Haus – hier würde Sven niemals nachsehen. Obwohl sie den Wortlaut längst auswendig kannte, las sie das Schriftstück, das obenauf lag, noch einmal.

Sven wusste nichts von ihrem Erbe. Genauso wenig wie von ihrer Bewerbung als freie Redakteurin beim Hamme Kurier. Von dem Konto, das sie eröffnet hatte, allein auf ihren Namen. Und von den Besuchen des Automechanikers in dieser Garage, während Sven auf Klassenfahrt gewesen war. Der Mann war ein alter Freund ihres Vaters, verschwiegen und effizient. Ohne Fragen zu stellen, hatte er die Bremsen erneuert, das Öl ausgetauscht und Benzin nachgefüllt. Am liebsten hätte er das Auto sofort in die Werkstatt mitgenommen, doch das wäre wieder so ein Risiko gewesen, das Cato nicht eingehen wollte. Was, wenn sie in der Werkstatt länger brauchten, als Sven auf Klassenfahrt blieb? Also hatte Cato dem Mechaniker versprochen, bald zu ihm zu fahren, sich bedankt und ihn von dem Geld bezahlt, das sie seit Monaten heimlich vom Haushaltsgeld beiseitelegte.

Wenn du mit Mitte dreißig keinen Pfennig verdienen willst … Jetzt waren die Worte ihres Mannes wieder da. Wie immer hatten sie ein verspätetes Echo. … Dann brauchst du ebenso wenig Bildung, wie deine Mutter sie hat.

Sobald Sven auf Mallorca wäre, würde sie zur Werkstatt fahren, das Auto durch den TÜV bringen, es anmelden und alles vorbereiten. Sie sagte sich das immer wieder, wie ein Mantra. Nicht mehr lange. Nicht mehr lange. Nicht mehr lange.

Meinst du dein 2,7er Abi?

Sie legte die Unterlagen auf den Beifahrersitz, umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und versuchte, ruhig zu atmen.

Oder die paar Monate als freie Reporterin?

Sie langte in ihre Hosentasche. Andere trugen Glücksbringer bei sich. Cato den alten Autoschlüssel ihres 1er Golfs. Sie steckte ihn ins Zündschloss und lauschte noch einmal. Im ersten Stock donnerte und krachte nun sogar lauter als zuvor Svens Abendbeschäftigung. Bei dem Lärm konnte er sie unmöglich hören. Vorsichtig drehte sie den Schlüssel, damit das Radio ihre Gedanken übertönte. Wenigstens ein paar Minuten wollte sie sich zurücklehnen und durchatmen.

Eine leise Melodie erklang, und Cato wusste sofort, dass sie einen Fehler begangen hatte. Dieses Lied. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet hier.

Kurt Cobains Stimme verhöhnte sie, forderte sie heraus, aus seinem Grab.

Cato legte die Stirn aufs Lenkrad und spürte, dass ihr die Tränen kamen. Wäre das hier Svens Auto und sie nicht allein, würde sie sofort umschalten und zum xten mal erklären, dass sie Nirvana hasste, dass sie Kurt Cobain verachtete. Ihre Familie hatte aufgegeben, nach dem Warum zu fragen. Launen hatte schließlich jeder. Und wer Sven fragte, der erfuhr, dass Cato ganz besonders launisch war. »Frauen«, würde er sagen, die Schultern heben und seufzen.

Doch Cato saß in ihrem eigenen Auto.

Cato war allein.

Und Kurt Cobain sang für sie.

Es war das einzige Lied, das Svens Stimme nicht übertönen konnte. Frauen, seufzte er in ihrem Kopf.

Frauen.

In diesem Moment kippte etwas in ihr. Sie hatte so viele Schreie unterdrückt, plötzlich wollten sie alle gleichzeitig ausbrechen. Sie war so lange geblieben, mit einem Mal wollte sie rennen. Und dann verlor sie, für nur einen Augenblick, die Kontrolle. Sie musste sich vergewissern, dass der Wagen sie hier wegbringen konnte. Dass sie tatsächlich eine Chance hatte. Sie musste es jetzt tun, sofort. Bevor sie sich zur Vernunft rufen konnte, trat sie schon die Kupplung, ihre Hände drehten den Schlüssel, nun richtig. Der Motor stotterte zweimal, dreimal, für einen Moment nahm Cato an, es wäre zu spät, die Bemühungen des Mechanikers umsonst gewesen. Doch dann schnurrte und dröhnte er doch. Der Golf war wie Cato. Sie waren beide noch da. Und wenn sie wollten, konnten sie laut sein. Sie trat aufs Gaspedal, wenigstens ganz kurz, der Motor heulte auf, übertönte endlich Kurt und ihre Gedanken, erzählte von all den Wegen, die sie einschlagen könnte, sobald der Moment gekommen wäre, das Tor zu öffnen. Wie sehr sie dieses Geräusch liebte. Die Gerüche der Kupplung und der Abgase, die in die Garage strömten. Sie atmete tief ein und fühlte sich beinahe frei.

Cato, verdammt! Endlich meldete sich ihre Vernunft zurück. Was zur Hölle tat sie hier? Sofort ging sie von Gas und Kupplung gleichzeitig, würgte den Golf ab, drehte das Radio leiser und hielt den Atem an. Kein Dröhnen mehr. Weder vom Auto noch vom Fernseher. Nichts.

Scheiße.

Was hatte sie getan?

War sie jetzt vollkommen verrückt geworden?

Sie starrte auf das Garagentor. Grau. Glatt. Keine Farbe, nirgends.

Bitte, lass es nur eine kurze Dialogszene sein, die die laute Action unterbrochen hat, dachte sie.

Doch da schwang schon die Garagentür auf, dann die Autotür.

Eine schnelle Handbewegung, damit die Unterlagen in den dunklen Fußraum fielen – es war das Einzige, was sie noch tun konnte.

»Hast du sie noch alle?« Sven sprach ganz leise. »Raus da. Sofort.«

»Ich wollte nicht …«

»Sofort, hab ich gesagt.«

Cato war wie erstarrt.

»Was fällt dir eigentlich ein?«

Sie konnte kein Wort mehr sagen. Doch Kurt konnte.

Er flüsterte aus dem Radio.

»Es reicht.«

Sven langte ins Auto, fasste sie hart am Arm und zerrte sie hoch. Mit beiden Händen stieß er sie so heftig gegen das Blech des Wagens, dass ihr die Luft wegblieb.

»Drehst du heute komplett durch?« Jetzt schrie er. Und irgendwie hatte er recht. Sie war am Durchdrehen. Wie lange schon? »Erst die Scheiße beim Fernsehgucken, und dann das? Soll ich dich einweisen lassen? Du gehörst weggesperrt, Cato! Weggesperrt!«

Speichel traf ihr Gesicht.

Im Auto erzählte Kurt ganz leise seine Lügen.

»Scheiße, Cato, was soll das hier? Willst du eine Spritztour machen?« Langsam verzogen sich Svens Lippen zu einem Grinsen. »Mit der alten Schrottkarre?« Er lachte. »Na gut!«

Er wirbelte herum, suchend, dann griff er nach seiner Golftasche, die an der Wand lehnte. Er zog einen Schläger heraus. Einen Schläger. Er hatte noch nie etwas anderes genommen als die Fäuste.

Sie musste sich entschuldigen, ihn besänftigen, irgendetwas tun, um die Situation zu entschärfen. Doch da war kein einziger Satz in ihrem Kopf, der Sinn machte. Da schien nicht mal mehr Luft in der Garage zu sein, die Cato noch hätte atmen können.

Sie wollte losrennen, doch sie konnte sich keinen Zentimeter bewegen. Die Tür befand sich hinter Sven, das Tor war geschlossen. Grau, glatt. Nirgends Farbe, kein Lichtblick. Sie saß in der Falle. Und diesmal hatte er einen Schläger in der Hand.

»Mach das, Cato, fahr deinen schicken Wagen spazieren!« Er holte aus. Jetzt war es so weit. Jetzt würde er sie töten. Sie konnte sich nur noch leicht zur Seite drehen, während Sven das Metall des Schlägers mit voller Wucht ins Seitenfenster krachen ließ. Cato spürte, wie Glassplitter auf ihr Haar regneten. »Fahr ruhig.« Wieder holte er aus, schlug auf die Tür ein, dass es knallte und sich das Metall verzog. Holte aus und drosch auf die Heckscheibe ein. Tausend Risse zischten bis in alle Ecken. »Verpiss dich, Cato. Aber eins schwör ich dir: Kira siehst du dann nie wieder.«

Er warf den Schläger auf den Boden. Das Metall klirrte. Mit federnden Schritten entfernte er sich, als liefe er über den Golfplatz.

Cato blieb zurück. Sie lauschte auf ihren eigenen Atem, der sich allmählich beruhigte, auf die feinen Splitter, die von ihr herabrieselten. Und sie begriff, dass ihre Ungeduld eine dringende Warnung gewesen war. Sie durfte keinen Tag länger warten.

Nur wenig später stand Cato im dunklen Kinderzimmer. Das Fenster war gekippt, draußen prasselte der Sommerregen auf den Asphalt, drinnen bauschte sich geisterhaft die Gardine. Leise holte sie ihr Feuerzeug aus der Tasche und zündete die kleine Kerze an, die sie auf das Yes-Törtchen gesteckt hatte. Wie in der Werbung, schoss es ihr durch den Kopf. Es regnete. Kira hatte Geburtstag. Und nichts war, wie es sein sollte.

»Happy birthday to you«, sang sie ganz leise.

Kichernd setzte sich Kira auf und rieb sich das Gesicht.

»Happy birthday to you.«

Ihr Kind lächelte so breit, dass Cato im Licht der Straßenlaterne beide Zahnreihen erkennen konnte. Wie viele Geburtstage würde sie Kira noch wecken dürfen? Wie häufig würde sie dabei in das Gesicht eines Kindes schauen, das seine Mutter liebte? Sie versuchte, sich jede Sekunde einzuprägen, den Schlaf ihrer Tochter, der noch im Raum hing, tief einzuatmen. Ruhig blieb sie stehen und sang weiter, als hätten sie Zeit. »Happy birthday, liebe Kira, happy birthday to you.«

»Ist es schon Morgen?« Kira flüsterte. Als ahnte sie etwas.

»Es ist Mitternacht. Und das hier ist eine Entführung.« Cato hoffte, ihr Blick wirkte geheimnisvoll.

 

»Mama, ist alles gut?«, rief Kira nun von draußen herein. Beinahe klang sie fröhlich, doch Cato wusste, dass ihre Tochter sich bemühte. Sich so sehr bemühte …

»Alles gut!« Cato musste sich aus ihrer Starre lösen. Ruhiger atmen. Jetzt unbedingt stark bleiben. Also grub sie ihre Nägel tief in ihre Brandnarbe. Dann lief sie geradewegs auf die Zimmertür zu, kleine Schritte, vorsichtig. Cato spürte die Wand unter ihren Fingern, Raufasertapete. Rechts der hölzerne Türrahmen. Langsam fuhr sie daran entlang. Und da war er, der Lichtschalter.

Bitte.

Sie drückte ihn.

Nichts.

Alles blieb dunkel.

Natürlich. Das hatte sie doch gewusst. Dieses Haus stand seit fünf Monaten leer, klar hatte man den Strom abgestellt. Aber das war kein Problem, sagte sie sich, sie war schließlich auf genau diesen Fall vorbereitet.

So schnell sie konnte, bog sie links ab, leuchtete durch einen kurzen Flur und erkannte im Licht ihrer Taschenlampe die hölzerne Haustür. Sie hastete darauf zu, kramte den Schlüssel aus ihrer Tasche und steckte ihn ins Schloss. Von innen war es kein Problem, er ließ sich drehen, es klickte.

Da stand Kira und lächelte sie an. Cato brauchte all ihre Kraft, um nicht vor Erleichterung laut aufzulachen und sie in ihre Arme zu ziehen.

»Das war so verdammt cool, Mama.«

»Ich weiß«, behauptete Cato so lässig sie konnte. Sie drückte auch Kira eine Taschenlampe in die Hand, und endlich beruhigte sich ihr Herzschlag, verschwand ihre Gänsehaut.

»Wie Nikita in diesem Film.« Kira stieß ihren Ellbogen in die Luft, drehte sich im Kreis und fuchtelte mit den Händen herum.

»Woher kennst du denn Nikita?«

Kira runzelte die Stirn und trat einen Schritt näher. »Das sieht ja total schön aus.«

»Der Flur?« Den konnte Kira doch kaum sehen. Cato blickte hinter sich.

»Nein, deine Haare. Die glitzern.«

Kira sagte es, als hätte sie lange nicht so etwas Schönes gesehen. Und vielleicht war es das. Schön. In all seiner Traurigkeit.

»Die funkeln richtig!«

Aus dem Augenwinkel sah Cato, dass Kira sie anleuchtete. Es war gut, dass sie selbst in die Dunkelheit des Flurs starrte und nicht in Kiras Gesicht, denn nun lief eine der Tränen, die sie seit Stunden bekämpfte, doch über ihre Wange.

»Das sind Mini-Scherben. Vom Fenster eben?«

Nicht nur, dachte Cato. »Bestimmt«, sagte sie.

»Vielleicht sollte ich auch ein Fenster einschlagen. Ich will auch so glitzern.«

Cato spürte, dass Kiras Hand vorsichtig über ihre Haare fuhr. Sie schloss die Augen, genoss das tröstliche Gefühl auf der Kopfhaut und sagte, einen Tick später als angemessen: »Du wirst auf keinen Fall ein Fenster einschlagen!«

Kira kicherte.

Jetzt sah Cato sie doch an, zog sie gegen alle Vorsätze an sich und drückte sie. Ihre Tochter war eiskalt.

»Okay, erstmal machen wir hier ein bisschen Licht, und dann müssen wir dich so schnell wie möglich umziehen.«

Cato holte Kerzen aus den Rucksäcken, zündete sie an, und Kira verteilte sie im Flur. Dann packten sie Wechselsachen aus. Zum Glück waren ihre Taschen wasserabweisend, das Meiste war trocken geblieben. Noch im Flur warfen sie ihre nassen Klamotten auf den Boden und zogen alles Trockene übereinander, das sie finden konnten. Dick eingepackt und mit Kerzen und Taschenlampen bewaffnet, begannen sie schließlich ihren Rundgang durch das düstere Haus.

 

Wenige Tage nachdem sie von ihrem Erbe erfahren und sich hinter Svens Rücken mit dem Notar getroffen hatte, war in Cato ein Plan herangereift: Sie würden während der ersten Wochen nach der Trennung hier unterkommen. So schnell wie möglich wollte sie dieses Haus verkaufen, um mit dem Erlös ein neues Leben für Kira und sich selbst aufzubauen. Schließlich würde es dauern, bis Cato beruflich Fuß gefasst hatte, und bis dahin brauchte sie Geld. Dringend. Mit einem alten Haus, das sicherlich renovierungsbedürftig, vielleicht sogar heruntergekommen und nach fünf Monaten des Leerstands staubig und muffig sein musste, würde sie nicht viel anfangen können, hatte sie geglaubt.

Doch während sie und Kira die Räume mit Kerzen erhellten, gewann Cato einen anderen Eindruck. Die Unheimlichkeit, die sie in der Dunkelheit gespürt hatte, trat in den Hintergrund. Dieses Haus schien sie warm und sicher zu umfangen, vor der Welt da draußen zu beschützen. Links befand sich eine langgezogene Wohnküche im Landhausstil: unbehandeltes, helles Holz, weiße Kuchenformen an der Wand, kupferne Töpfe auf einem großen Regal. Auf der Küchenbank lag eine dicke Wolldecke, auf den Holzstühlen bauschige rosafarbene Sitzkissen. Die Möbel waren dezent, die Wände hingegen dicht behangen mit strahlend bunten Kunstwerken, und sogar die Fenster waren allesamt mit kleinen Window-Color-Bildchen verziert. Nie hatte Cato so viele Bilder auf einmal gesehen. Landschaftsbilder, Abstraktes, Porträts … Es war voller als in jedem Museum, in jedem Atelier, in jedem Kunst-Ramsch-Laden.

»Wer hat hier früher gewohnt?« Kira ließ das Licht ihrer Taschenlampe über einzelne Bilder gleiten.

»Meine Großmutter. Also deine Urgroßmutter. Ellida Funke.«

»Meine Uroma war Malerin?«

Cato hob die Schultern. Sie hatte keine Ahnung, schließlich hatte sie noch nie mit ihr gesprochen. Als der Notar sie am Telefon darüber informiert hatte, dass sie Ellidas Haus geerbt hatte, war sie vollkommen verwirrt gewesen. Ellida hatte keinen Kontakt mit ihrem Sohn haben wollen. Catos Vater hatte nie jemandem erzählt, was zwischen ihm und seinen Eltern eigentlich vorgefallen war. Wann immer Cato als Kind nach ihren Großeltern gefragt hatte, hatte er sich verschlossen. Nun war er schon so lange tot, Cato hatte akzeptiert, dass sie es niemals erfahren würde.

Und dann erbte sie dieses Haus.

Vielleicht schenkte es ihr nicht nur ein Versteck vor Sven, der keine Ahnung von Catos Großeltern hatte. Sondern auch eine Chance, Antworten auf alte Fragen zu finden.

Nachdenklich lief sie mit Kira weiter durch den Flur und betrat das Zimmer, in dem durch das eingeschlagene Fenster nun der Regen auf einen kleinen Sekretär fiel. Sie sollte die Scheibe so schnell wie möglich abdichten. Neben dem kaputten befanden sich noch mehrere intakte Fenster. Tagsüber musste der Raum hell sein und den Blick auf die Landschaft freigeben. In der einen Ecke sah Cato ein gemütliches Ensemble aus einer Chaiselongue, zwei blassroten Ohrensesseln und einer altertümlichen Stehlampe, in der anderen ein einziges buntes Chaos.

»Deine Oma war Malerin.« Diesmal war es keine Frage.

Links von ihnen standen kleine und große Farbeimer, daneben Staffeleien, Leinwände, Pinsel. Bei dem Anblick fühlte sich Cato, als würde sie stolpern. Eine Erinnerung stieg in ihr auf, die lange im Dunkel ihres Unterbewusstseins verharrt hatte.

Was zur Hölle tust du da, Cato?

Etwas klirrt. Fliegt durch die Luft. Farbe spritzt an die Wand wie Blut.

Wie kannst du nur?

»Guck mal hier.« Kiras Hand auf ihrem Arm holte sie zurück ins flackernde Kerzenlicht des Bauernhauses.

Auf einer der Staffeleien stand ein halb fertiges Bild.

»Glaubst du, das hat deine Oma gemalt?«

Cato brauchte einen Moment, um sich im Hier und Jetzt wiederzufinden. Die Leinwand zeigte einen Ring aus Bäumen in der Ferne, dunkelgrün. Davor, hellgrün, eine Fläche. Weder Land noch Wasser. Weder See noch Wiese. Und Tiergestalten. Weiß. Zwei Kälber? Das Bild bestand nur aus Schemen, groben Strichen. Hatte die Künstlerin sie verfeinern wollen? Oder gehörte es so, brauchte es genau diese Kleckse und Striemen? Wunden auf Leinwand? Etwas daran faszinierte Cato. Sie wollte nicht wieder wegsehen, immer mehr entdecken.

»Mmh«, machte Kira nach einem Moment. »Ich erkenn da nichts. Komm, weiter, Mama!«

Sie zog sie zurück in den Flur und eine gewundene Holztreppe hinauf. Kira lief voran, stellte Kerzen auf eine Kommode im Gang und in jedes Zimmer.

»Schlafzimmer«, rief sie. »Badezimmer.« Und dann: »Noch mehr Kunstkram.« Kira schnaubte. »O Mann, Mama! Deine Oma muss der komischste Mensch der Welt gewesen sein.«

»Wieso?«

»Es gibt kein Wohnzimmer.«

»Nicht?«

»Sie hat keinen Fernseher, Mama!«

»Oh.«

»Wie kann man leben ohne Fernseher?«

»Äh.«

»Wie lange bleiben wir hier?«

Cato schluckte, schweigend folgte sie ihrer Tochter.

»Kann ich mir einen Fernseher zum Geburtstag wünschen? Muss ja auch kein großer sein. Und wenn wir zu Hause sind, kommt er in mein Zimmer!«

Zu Hause. Unheilvoll hallten die Worte in Cato nach. Wie sollte sie es Kira erklären? Und wann? Sie konnte es ihr doch nicht an ihrem Geburtstag sagen. Andererseits … Sie konnte sie auch nicht an ihrem Geburtstag anlügen.

Zum Glück war Kira so aufgeregt, dass sie direkt weitersprach. »Deine Oma war komisch, Mama, echt jetzt.«

»Sie war auch deine Uroma.«

»Kein Fernseher, kein Wohnzimmer, und der Teppich hängt an der Wand. Wer hängt denn einen Teppich an die Wand?«

Kira zog Cato durch den Flur in einen rechteckigen Raum. Das Erdgeschoss hatte überraschend gepflegt gewirkt, als hätte Ellida gerade erst alles für Gäste in Schuss gebracht. Nicht einmal besonders staubig war es gewesen. Hier oben in diesem Zimmer spürte man zum ersten Mal, dass das Haus tatsächlich seit fünf Monaten unbewohnt war. Zwischen einem Sessel und einem Tischchen hingen Spinnweben, halb geöffnete Kisten standen herum, kaputte Stühle, eine uralte Stereoanlage, eine verrostete Wäschespinne, zerschlissene Sitzkissen, gewaltige, chaotische Bücherregale – und auf allem lag eine dicke Schicht Staub.

»Guck, da!« Kira zeigte auf einen kleinen Wandteppich, der die Stirnseite des Raums zierte. »Das sieht doch blöd aus.«

Cato fand das nicht. Sie richtete ihre Taschenlampe darauf und trat näher. Dieser Teppich hatte etwas, das sie anzog. Eine Art sanftes Leuchten. Eine blasse Aura von vergessenen Geschichten, einem lang zurückliegenden Leben.

»Schau mal genauer hin.« Vorsichtig berührte Cato seine Fasern mit den Fingerspitzen. Sie fühlten sich hart an, hatten den Jahrzehnten getrotzt. Wer sie wohl einst zusammengefügt hatte? In wessen Räumen sie gehangen, für welche Lebensszenen sie Kulisse gewesen waren? »Der ist alt.«

»Okay.« Kira verschränkte die Arme.

»Ich glaube, er wurde noch mit der Hand gewebt.«