Spiegelschatten - Monika Feth - E-Book + Hörbuch

Spiegelschatten E-Book

Monika Feth

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Beschreibung

Er kennt seine Opfer, doch wer kennt ihn?

Ein Mörder geht um im Raum Köln/Bonn. Seine Opfer sind allesamt junge Männer. Als Romy Berner, Volontärin beim KölnJournal, mit der Recherche beauftragt wird, muss sie feststellen, dass alle Toten dem Freundeskreis ihres Zwillingsbruders Björn angehörten – und dass der Mörder ihr näher ist, als sie ahnt …

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Seitenzahl: 606

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Monika Feth

Spiegelschatten

cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012

© 2012 cbt Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagbild: Scherben: Init

Hintergrund: Plainpicture/Anja Weber Decker

Umschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeld,

he · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-08044-0

www.cbt-jugendbuch.de

Es ist besser, für das,

was man ist, gehasst,

als für das, was man nicht ist,

geliebt zu werden.

André Gide

PROLOG

Ohne dich bin ich nichts.

N i c h t s…

Stell es dir vor, dieses Nichts.

Diesen kalten, weiten, weißen Raum.

Spürst du, wie sich deine Gesichtshaut zusammenzieht?

Wie du frierst vor Einsamkeit?

Ohne dich bin ich nichts.

Mit dir alles.

Lass uns fliegen. Fort von hier.

Ins heiße Licht der Sonne.

Und uns daran verbrennen.

Spürst du mich?

Meinen Atem? Meine Hände? Meine Lippen?

Siehst du dein Spiegelbild in meinen Augen?

Komm mit mir. Ich bring dich in Sicherheit.

Werde nicht zulassen, dass dir etwas geschieht.

Bleib bei mir.

Komm, und wir werden unsterblich sein.

1

Schmuddelbuch, Dienstag, 1. März, acht Uhr, noch im Bett

Erreiche Björn nicht. Wahrscheinlich ist er wieder in Berlin, um in seinem hochkomplizierten Liebesleben aufzuräumen. Ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt. Viel zu sehr. Haben die Probleme des andern zu unsern eigenen gemacht. Vielleicht ist das bei Zwillingen normal, ich weiß es nicht. Habe mich nie darum gekümmert.

Greg schickt mich zu einem Vortrag an der Uni. Ein Professor Norman Forsyte spricht über besondere Aspekte der Zwillingsforschung. Passt, oder? Einerseits bin ich gespannt darauf, andrerseits empfinde ich ein merkwürdiges Unbehagen. Als wollte mich dieser Professor dazu bringen, einen Blick in mein Innerstes zu werfen, auf etwas Unberührbares, das ich aus gutem Grund nie angetastet habe.

In der Nacht waren die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt gesunken. Die letzten Februartage waren sonnig und beinah schon frühlingshaft gewesen. In den Kölner Straßencafés hatte Hochbetrieb geherrscht. Die Leute hatten sich die Sonnenbrillen auf die Nase gesetzt und waren Hand in Hand durch die Stadt geschlendert.

Licht und Schatten, Vogelgezwitscher und ein lauer Wind. Das alles war wie ein Versprechen gewesen.

Nun lag erneut Reif auf den Dächern, und es war so kalt, dass Romy am liebsten wieder unter die Bettdecke gekrochen wäre. Sie legte ihre Kladde beiseite, lief ins Bad, streifte T-Shirt und Slip ab, stellte sich unter die Dusche und drehte das Wasser so heiß, wie sie es eben noch aushalten konnte.

Sie liebte den Winter, aber allmählich hatte sie das Bedürfnis nach Sonne und Wärme. Sie sehnte sich danach, endlich mal wieder mit ihrem Laptop draußen zu sitzen, statt immerzu in geschlossenen Räumen zu arbeiten.

Während ihr unter dem heißen Wasser allmählich wärmer wurde, überlegte sie, was sie anziehen sollte. Sie würde ein Gespräch mit dem Professor führen und hatte mit Norman Forsytes Sekretärin einen Termin verabredet. Zwölf Uhr. Direkt nach seinem Vortrag.

Ihr war nach Jeans, dickem Pulli und ihren gefütterten Stiefeln. Nach ihrer wattierten Jacke und dem schwarzen Filzhut, der eigentlich eher eine Mütze war. Also würde sie genau das anziehen. Sie ließ sich Wasser in den Mund laufen und spuckte es in hohem Bogen wieder aus.

In ihrem Bauch grummelte es. Vor Hunger. Und vor Aufregung. Ein Interview hatte sie noch nie gemacht und sie hatte mächtig Bammel davor. Doch Greg ließ sich von ihrem Lampenfieber nicht beeindrucken. Er hatte ihr die Chance zu diesem Volontariat gegeben und verlangte, dass sie sie nutzte.

»Schwimmen lernst du nur, wenn du ins Wasser springst. Und Schreiben lernst du nur durch Schreiben.«

Seine Worte. O-Ton.

Eine halbe Stunde später saß Romy mit noch feuchten Haaren an ihrem kleinen Esstisch in der Küche, knabberte zwei Scheiben Toast mit Honig und ging noch einmal durch, was sie sich überlegt hatte. Aus ihren Recherchen im Internet ergaben sich immer mehr Fragen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der Zwillingsforschung zu beschäftigen?

Sind Sie selbst ein Zwilling?

Stimmt es, dass Zwillinge bereits im Mutterleib ihre sozialen Rollen erlernen?

Gibt es wirklich Fälle von Kannibalismus bei ungeborenen Zwillingen?

»Stell dir vor, was deine Leser interessiert«, hatte Greg ihr beigebracht. »Frag dich, was dich selbst beschäftigt. Geh bloß nicht akademisch an die Dinge heran.«

Gregory Chaucer, Verleger und Chefredakteur des links-alternativen, zweiwöchentlich erscheinenden KölnJournals, war ein guter Lehrer. Sie hätte sich keinen besseren wünschen können.

Als sie ihre Dachgeschosswohnung verließ, ihre Fragen im Gepäck, ihren Laptop in der Umhängetasche, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, um sich gegen die Kälte und den schneidenden Wind draußen zu wappnen, wünschte sie sich für einen kurzen Moment Björn an ihre Seite. Gemeinsam waren sie unschlagbar. Immer schon gewesen.

Trotzig drückte sie den Rücken durch. Norman Forsyte mochte ein weltweit anerkannter Professor und Zwillingsforscher sein, aber er würde ihr bestimmt nicht den Kopf abreißen, wenn sie sich hier und da ungeschickt anstellte.

Da die meisten Hausbewohner bereits unterwegs waren, gelangte Romy ohne Probleme an ihr Fahrrad. Sie hatte es, entgegen den Hausvorschriften, unten im Hausflur abgestellt, wie alle andern auch. Streng genommen gehörte es ihrem Freund Calypso, doch er hatte es ihr überlassen, nachdem ihr eigenes vor einigen Monaten geklaut worden war. Übergangsweise, hatten sie damals vereinbart, allerdings ging das Fahrrad mittlerweile ganz allmählich und unauffällig in Romys Besitz über.

Wenn nicht gerade Schnee lag, zog sie es vor, mit dem Rad zu fahren. In der Kölner Innenstadt war das Parken eine Katastrophe. Die Parkhäuser waren sündhaft teuer, und um irgendwo einen kostenfreien Parkplatz zu ergattern, brauchte man Zeit. Und Nerven aus Stahl.

Die meisten Bäume waren noch kahl, die Haselnusssträucher jedoch waren schon übersät mit langen gelben Blüten, die wie Raupen an den Zweigen hingen. Schneeglöckchen strahlten in der Sonne. Die Köpfe der Krokusse waren in der Kälte noch geschlossen. Sie würden sich, wenn überhaupt, erst in ein paar Stunden öffnen.

Romy hatte sich den Schal über die Nase gezogen, obwohl sie es hasste, wenn die Wolle von ihrem Atem feucht wurde und nach Schaf zu riechen begann. Ihr kamen Zweifel. Vielleicht hätte sie besser die U-Bahn nehmen sollen, um in einem halbwegs präsentablen Zustand bei dem Vortrag anzukommen.

Er fand im Kinosaal des Museum Ludwig statt, und weil Romy früh genug da war, hatte sie noch Zeit, im Restaurant einen Cappuccino zu trinken. Während sie den Blick über die Menschen an den übrigen Tischen schweifen ließ und sich bei der behaglichen Geräuschkulisse allmählich entspannte, versuchte sie ein weiteres Mal vergeblich, ihren Bruder zu erreichen.

Björn hatte sein Handy nicht ausgeschaltet, nahm das Gespräch jedoch auch nicht an. Romys Gefühle schwankten zwischen Enttäuschung, Ärger und Sorge. Es war nicht Björns Art, ihre Anrufe zu ignorieren. Es passte auch nicht zu ihm, sich tagelang nicht zu melden. Aber sie konnte nicht weiter darüber nachgrübeln. Die Ersten erhoben sich bereits, um sich in den Kinosaal zu begeben.

Auch Romy zahlte und stand auf. In ihrem Nacken spürte sie etwas Fremdes. Als würde jemand sie beobachten. Oder als würde eine drohende Gefahr ihren Schatten auf sie werfen. Sie schlang sich den Schal um den Hals und machte sich auf den Weg.

*

Fühle mich stark. Göttlich. Unbesiegbar. Blicke in den Spiegel.Sehe mir selbst in die Augen.

Erkenne mich.

Das kann morgen schon wieder anders sein. Und weil ich das weiß, genieße ich die Momente, in denen ich ganz bin. Unversehrt.

Ich will sie nicht, die Zweifel. Die Ängste. Aber sie fragen nicht, ob ich für sie bereit bin. Überfallen mich hinterrücks, wenn ich am wenigsten damit rechne. Ich sitze in einem Café, die Tür geht auf, und jemand kommt herein. Beispielsweise. Schwarz hebt sich seine Silhouette von dem Gegenlicht ab.

Er betritt den Raum und ich erschrecke. Bin unfähig, Luft zu holen. Sitze auf meinem Stuhl wie gelähmt. Kann nicht mal einen Finger krümmen. In meinem Kopf ist es ganz still, während die Geräusche in meiner Umgebung sich nicht verändern. Ich habe bloß nichts mehr mit ihnen zu tun.

Die andern und ich. Für ein paar Sekunden sind das getrennte Welten.

In meinem erstarrten Körper gefangen, warte ich, bis ich mich wieder regen kann.

Die Gestalt geht an meinem Tisch vorbei. Die Stimmen der übrigen Gäste gelangen wieder in mein Bewusstsein. Die beiden Welten schieben sich wieder übereinander. Ich bin wieder ganz.

Wie jetzt. Vorm Spiegel, in dem ich mein Gesicht bewundere und den entschlossenen Blick meiner Augen.

Warum kann es nicht immer so sein?

*

Er konnte seine Brille nicht finden. War blind wie ein Maulwurf und fand seine Brille nicht!

Dabei legte er sie nur an ganz bestimmten Stellen ab. Auf der Kommode im Flur, auf dem kleinen Badezimmerregal oder auf dem Nachttisch neben seinem Bett.

Nirgendwo sonst. Niemals.

Doch an all diesen Stellen hatte er bereits nachgesehen.

Die Brille war nicht da.

Er war so kurzsichtig, dass er nicht viel mehr als Licht und Schatten und den unscharfen Umriss von Gegenständen und Personen erkennen konnte, selbst wenn sie sich nur einen Meter von ihm entfernt befanden. Die kleine Zweizimmerwohnung, die er sich leistete, seit er die Assistentenstelle bei Professor Meinhardt an der Uni Bonn bekommen hatte, bestand für ihn lediglich aus einem sanften Gemisch warmer Farbtöne.

Wie auf einem abstrakten Gemälde.

Die Sonne leuchtete die Zimmer aus, brachte einen Goldton in das Bild hinein. Und Wärme. Fast war es ihm schon zu viel. Er fing an zu schwitzen.

Dankbar registrierte er den kühlen Luftzug, der ihn streifte. Der war schon wieder verschwunden, als er sich fragte, was ihn verursacht haben mochte. Sämtliche Fenster waren doch geschlossen.

Kopfschüttelnd tastete er sich zum Schreibtisch vor. Ein einziger achtlos abgestellter Gegenstand konnte ihn straucheln lassen. Aus diesem Grund war ihm immer sehr bewusst, wo die Möbel standen und wo er seine Brille abgelegt hatte, wenn er sie überhaupt abnahm.

Etwa vor dem Duschen, wie heute Morgen.

»Denk nach«, sagte er zu sich selbst. »Wo hast du die Brille zuletzt gesehen?«

Er war später aufgestanden als sonst, weil er die halbe Nacht lang gearbeitet hatte. Kurz nach zehn war er vom Wecker aus dem tiefsten Schlaf gerissen worden. Er hatte die Brille vom Nachttisch genommen, sie aufgesetzt und war in die Küche gegangen, um die Kaffeemaschine in Gang zu bringen. Das hatte sich bei ihm so eingespielt: Während der Kaffee durchlief und die Küche mit seinem würzigen Duft erfüllte, duschte er. Dann schlüpfte er in den Bademantel und frühstückte. Erst danach zog er sich an.

Das machte er so, seit er nicht mehr in seiner leicht chaotischen alten Wohngemeinschaft lebte.

Auch heute Morgen war er von diesen Gewohnheiten nicht abgewichen. Er hatte die Kaffeemaschine mit Wasser gefüllt, eine Filtertüte eingelegt und Kaffeemehl hineingegeben. Zwei Messlöffel voll, wie jeden Morgen. Dann hatte er geduscht, sich abgetrocknet, den Bademantel übergeworfen…

Und seine Brille nicht gefunden.

So sehr er auch die einzelnen Schritte durchspielte, er erinnerte sich nicht daran, wann genau er die Brille abgenommen hatte. Vermutlich doch kurz bevor er in die Duschkabine gestiegen war. Alles andere ergab keinen Sinn.

Wieso lag das verdammte Ding dann nicht auf dem Regal im Badezimmer, wo sie sich sonst auch immer befand?

In einer der beiden Schreibtischschubladen bewahrte er seine Ersatzbrille auf und zusätzlich zwei alte, ausrangierte Exemplare. Ihre Glasstärke war zwar nicht mehr ausreichend, sie konnten zur Not jedoch noch benutzt werden. Seine Hand fuhr in die Schublade. Leer zog er sie wieder hervor.

Wie war das möglich?

Ratlos richtete er sich auf. Er war sich absolut sicher, dass er die Brillen nicht von dort entfernt hatte. Himmel, er war noch keine dreißig, er würde sich doch daran erinnern!

Noch während er das dachte, spürte er, wie eine leise Angst in ihm hochstieg. War jemand in der Wohnung gewesen?

Es war schrecklich, sich so hilflos zu fühlen. Nicht durch die Räume gehen zu können, ohne bei jedem Schritt zu befürchten, gegen die Möbel zu stoßen oder über irgendwas zu stolpern und zu stürzen.

Ruhig, sagte er sich. Hektik bringt jetzt gar nichts.

Doch er war in Eile. Das Seminar über die deutsche Nachkriegsliteratur, das er in diesem Sommersemester halten würde, sein zweites, fing im April an, und er war mit seinen Vorarbeiten im Rückstand. Für heute hatte er einen Tag in der Bibliothek eingeplant, doch ohne Brille würde er nicht einmal bis zur nächsten Straßenecke gelangen, wo er seinen Wagen geparkt hatte.

Selbst jemanden zu bitten, ihn zur Uni zu fahren, hatte keinen Sinn. Er sah ja die Hand vor Augen nicht. Wie sollte er da den Tag überstehen? Bücher finden? Notizen machen? Mit Menschen sprechen, deren Gesichter er lediglich als helle Kreise ausmachen konnte?

Ohne Brille war er nicht einmal in der Lage zu lesen.

Er nahm sich voran, die ganze Wohnung noch einmal gründlich abzusuchen.

Am besten, er begann gleich mit dem Schreibtisch und arbeitete sich von da aus voran. Eine Stunde gab er sich noch. Hatte er bis dahin keine der Brillen gefunden, würde er doch einen seiner Freunde anrufen müssen, der ihn zum Optiker brachte. Er benötigte rasch einen Ersatz. Unbedingt.

Er betastete Bücherstapel und Papierberge, seine Hände glitten über die leichte Tastatur des Laptops und den kühlen Chromfuß der Schreibtischlampe. Seine Finger befühlten Kalender, Kugelschreiber und Kaffeebecher. Vor Anspannung brach ihm der Schweiß aus.

Verdammt!

Er beugte sich gerade über das Sofa, das er meistens als Ablagefläche für allen möglichen Kram nutzte, als er ein Geräusch hörte. Es war nicht laut. Aber es war unerwartet.

Und es war fremd.

Es hatte keinen Platz in dieser Wohnung. Es gehörte nicht hierher, denn er war allein, und eigentlich sollte es außer ihm in diesen Zimmern nichts geben, das ein Geräusch verursachte.

Lauschend neigte er den Kopf.

Als sich das Geräusch nicht wiederholte, fuhr er zögernd mit der Suche fort. Er verfluchte seine Hilflosigkeit, hasste es, sogar einem Geräusch so ausgeliefert zu sein.

Er hatte die Hälfte des Arbeitszimmers geschafft, als er die Anwesenheit eines anderen Menschen spürte.

Wieder verharrte er, wie ertappt.

Er kniff die Augen zusammen in dem vergeblichen Versuch, das undeutliche Bild vor seinen Augen ein wenig schärfer einzustellen. Es nützte nicht viel. Alles verschwamm ineinander, die Farben, die Konturen. So musste die Welt für einen aussehen, der sich unter Wasser befand.

»Hallo?«, sagte er. »Ist da jemand?«

Er kannte diesen Satz aus Filmen und hatte ihn da immer selten dämlich gefunden. Als ob ein Eindringling auf eine solche Frage antworten würde.

Ja, ich bin’s, Ihr Einbrecher. Ich will nicht lange stören, schnappe mir bloß das Tafelsilber, die Kamera, den Laptop und was sonst noch so rumliegt und bin schon wieder weg.

Und doch hatte er fragen müssen. Der Klang seiner Stimme gab ihm das Gefühl, nicht völlig in der Luft zu schweben. Sie verlieh ihm Halt, auch wenn sie seine Angst nicht verbergen konnte.

Die Antwort war eine noch dichtere Stille als zuvor.

Er schluckte. Schmerzhaft trocken und furchtbar laut. Seine Kehle war wie ausgedörrt. Die Zunge lag wie ein Fremdkörper in seinem Mund. Seine Augen waren jetzt schon müde von der ungewohnten Anstrengung, ihre Aufgabe ohne Brille zu bewältigen.

Schritte.

Langsam.

Fast lautlos.

Und ganz nah.

Sie ließen seine sämtlichen Körperfunktionen erstarren. Sein Herz schien nicht mehr zu schlagen, das Blut nicht länger durch seine Adern zu fließen. Alles in ihm hielt still, und für einen Moment schloss er die Augen, als könnte er auf diese Weise die Gefahr ausschließen.

Ene mene meck und du bist weg.

Doch das hatte schon früher nicht funktioniert.

Weg bist du noch lange nicht, sag mir erst, wie alt du bist. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…

Er drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die den beiden Fenstern gegenüberlag, und blinzelte verzweifelt. Zog den Bademantel enger um den Körper und verknotete den Gürtel fester. Als könnte er sich so schützen.

Schützen?

Vor was?

Vor wem?

»So sagen Sie doch was.«

Er war nie der Typ gewesen, der Konflikte auf aggressive, handgreifliche Art gelöst hatte. Er war jedes Problem verbal angegangen und meistens hatte es funktioniert. Doch beide Möglichkeiten versagten, wenn das Gegenüber unsichtbar blieb.

Und keinen Laut von sich gab.

Erst in diesem Augenblick, wehrlos an die Wand gedrängt, ergab er sich dem Gedanken, dass er seine Brille gar nicht verlegt und die Ersatzbrillen nicht woanders untergebracht hatte. Dass jemand…

Entsetzt hielt er den Atem an.

Lauschte.

Er nahm jetzt den Duft eines Rasierwassers wahr, sehr schwach, kaum mehr als die Erinnerung an einen Duft. Als wäre es am Vortag aufgetragen und seitdem nicht erneuert worden.

Ein Mann also.

Jedoch hatte er auch keine Sekunde lang angenommen, der Eindringling könnte eine Frau sein. Ihm fiel auf, dass es keine weibliche Entsprechung für den Begriff Eindringling gab.

Er fand es absurd, dass er den Literaturwissenschaftler in sich nicht einmal in einer derart bedrohlichen Situation verleugnen konnte.

Der Mann kam näher. Sein Körper schob sich vor das Licht, das durch die Fenster fiel.

»Bitte. Was wollen Sie von mir?«

Der Umriss der dunklen Gestalt verriet ihm, dass der Eindringling groß sein musste. Größer als er selbst.

Was konnte er tun?

Sich auf ihn stürzen. Überraschend losrennen, um an ihm vorbei zur Tür zu gelangen, und dann die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus.

Keines von beidem war eine wirkliche Option, denn beides war ohne Brille illusorisch.

Er sehnte sich danach, dem Mann in die Augen sehen zu können. Ein einziger Blick, und er hätte gewusst, wie er reagieren sollte. Ein einziger Blick hätte ihm gezeigt, ob er den Hauch einer Chance hatte. Denn dass es um Leben und Tod ging, war ihm so klar, als hätte der Fremde es ausgesprochen.

Ganz selbstverständlich ging er davon aus, dass es sich bei dem Eindringling um einen Fremden handelte. Dabei konnte er nicht einmal das mit Sicherheit wissen.

Es gab keine Möglichkeit, aus dieser schrecklichen Situation herauszukommen.

Außer einer vielleicht.

Er besaß eine einzige Stärke, und das war seine Redegewandtheit. Er musste versuchen, sich mit Worten einen Ausweg zu schaffen.

»Hören Sie«, sagte er und stieß sich in dem Versuch, eine Entschlossenheit vorzutäuschen, die er nicht besaß, halbherzig von der Wand ab. »Ich weiß nicht, wer Sie sind und warum Sie hier eingedrungen sind…«

Er vollführte eine kleine, nutzlose Geste, die an der stummen, reglosen Gestalt ebenso abprallte wie seine Worte.

»…aber vielleicht können wir darüber reden. Ich…«

»Schweig!«

Während Leonard Blum fiel, fragte er sich, wie viele Menschen es heutzutage wohl noch geben mochte, die den Begriff schweigen im Imperativ benutzten. Wenige, dachte er. Sehr, sehr wenige. Aus dem Wortschatz der Studenten jedenfalls war er längst verschwunden.

Es war nicht so, wie man immer las. Sein Leben spulte sich nicht im Zeitraffer vor ihm ab. Sein letzter Gedanke galt dem Bedauern, dass er sterben würde, ohne das Gesicht seines Mörders gesehen zu haben.

2

Schmuddelbuch, Dienstag, 1. März, zwölf Uhr dreißig, Diktafon

»Gibt es tatsächlich Kannibalismus unter Zwillingen im Mutterleib?«

»Kannibalismus ist das falsche Wort. Es kann passieren, dass bei einer Zwillingsschwangerschaft einer der beiden Föten in den ersten Wochen stirbt und dann von der Plazenta oder seinem Geschwisterfötus absorbiert wird.«

»Wie oft kommt das vor?«

»Etwa in jeder zehnten Schwangerschaft.«

»Das ist ziemlich häufig.«

»Ja.«

»Und der überlebende Zwilling? Nimmt er den Tod des andern wahr?«

»Manche Psychologen gehen davon aus, dass einige Traumata und Persönlichkeitsstörungen ihren Ursprung in einem solchen vorgeburtlichen Erlebnis haben.«

»Verlustängste zum Beispiel?«

»Richtig.Auch extreme Eifersucht, unerklärliche Zustände von Traurigkeit, das Gefühl, dass einem etwas ganz Wesentliches fehlt, die Angst zu versagen…«

»Es müssen aber nicht zwangsläufig Störungen entstehen.«

»Nein.«

»Faszinierend… Ich könnte also auch ein Drilling gewesen sein?«

»Heißt das, Sie sind ein Zwilling?«

»Zweieiig. Ich habe einen Bruder. Und Sie?«

»Einzelkind, leider. Ich habe mir immer sehnlichst einen Zwillingsbruder gewünscht.«

»Kann man daraus schließen…«

»Dass ich ursprünglich als Zwilling konzipiert war? Tja, darüber weiß ich leider nichts. Früher hat man die Mütter in solchen Fällen nicht darüber aufgeklärt.«

»Und heute?«

»Halten sich die meisten Ärzte bedauerlicherweise weiterhin zurück.«

Norman Forsyte war Ende vierzig. Er war ein paar Kilo zu schwer, was man sich leicht erklären konnte, wenn man ihm beim Essen zusah. Er nahm nicht einfach Nahrung zu sich – er zelebrierte den Vorgang.

Um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hatte er Romy zum Essen eingeladen, und weil er dabei ungestört bleiben und nicht erkannt werden wollte, hatte er vorgeschlagen, das Museum Ludwig zu verlassen. Zielsicher hatte er Romy in ein Restaurant geführt, das sie ohne ihn niemals betreten hätte.

Gestärkte weiße Stoffservietten standen spitz gefaltet auf den Tischen, die elegant eingedeckt waren mit drei Gläsern pro Gedeck, zwei Gabeln und zwei Messern. Die blitzweißen Tischdecken waren ebenfalls gestärkt und mit einem frühlingshaften Gesteck aus Narzissen, Tulpen und Vergissmeinnicht geschmückt.

Aus der Tiefe des Raums kam ein Kellner geschritten, der sie mit einer leichten Verbeugung und einem routinierten Lächeln begrüßte, ihnen mit geübtem Schwung Mantel und Jacke abnahm und sie dann zu einem der Tische führte. Er rückte Romy den Stuhl zurecht und reichte ihnen die Speisekarte.

Der Professor hatte sich schnell entschieden. Ein Bärlauchcremesüppchen vorweg. Zum Hauptgang eine Variation von dreierlei Edelfischen auf mediterranem Gemüse an getrüffeltem Kartoffelschaum. Zum Dessert marzipangefüllte Rotweinpflaumen an einem Zimtparfait.

Romy fand die abgehobenen Formulierungen auf der Speisekarte lächerlich. Sie fragte sich, welche Menschen dem Essen einen so großen Raum in ihrem Leben einräumen mochten, dass sie dafür sogar sprachlich in die Knie gingen. Das Wort Süppchen hatte sie selbst zuletzt mit drei oder vier Jahren verwendet, wenn überhaupt. Allein bei der Vorstellung, es auszusprechen, kräuselte sich ihr die Zungenspitze.

Sie entschied sich für einen Salat mit Früchten und Nüssen und wählte zum Nachtisch rote Grütze mit Eis.

Nach dem Gruß aus der Küche, einem Klecks Matjestatar auf einem runden, angetoasteten Stück Brot, und dem Bärlauchcremesüppchen des Professors waren sie nun beim Hauptgang angelangt.

Norman Forsyte wedelte sich den Duft, der von seinem Teller aufstieg, mit der linken Hand in die Nase und schloss vor Wonne die Augen, während die rechte Hand schon nach dem Messer griff, um das Kunstwerk, das auf seinem Teller aufgeschichtet war, zu zerstören.

Dann aßen sie in trauter Eintracht und Romy konnte ihre Fragen stellen. Das Diktiergerät stand zwischen ihnen auf dem Tisch. Die Aufnahmen, die es machte, besaßen eine so hohe Tonqualität, dass die Hintergrundgeräusche praktisch keine Rolle spielten.

Norman Forsyte stammte ursprünglich aus Ipswich, lebte jedoch seit seinem Studium in Deutschland und besaß auch einen deutschen Pass. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik an der Universität des Saarlands und hatte für seine Erkenntnisse in der Zwillingsforschung bereits mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten.

Romy brauchte nicht viel zu tun, um ihn zum Reden zu bringen. Er machte es ihr leicht und sie war ihm dankbar dafür.

»Für die Psychologie geht es in der Zwillingsforschung hauptsächlich um die Frage, wie hoch der Anteil der Gene an den Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen ist und wie hoch der von Umwelt und Erziehung.«

»Ob Eigenschaften und Fähigkeiten vererbt oder erworben werden?«

»Exakt.«

»Aber es gibt, wenn ich Sie richtig verstanden habe, noch keine eindeutige Antwort auf diese Fragen.«

»Bedauerlicherweise. Wir gewinnen unsere Erkenntnisse dadurch, dass wir beispielsweise zweieiige und eineiige Zwillingspaare miteinander vergleichen.«

»Oder eineiige Zwillinge, die getrennt voneinander aufgewachsen sind.«

»Auch. Und die Erkenntnisse und ihre Interpretation sind sehr unterschiedlich. Da haben wir noch einen langen Weg vor uns.«

In seinem Vortrag hatte er faszinierende Beispiele erwähnt. Zwillingsschwestern, die in verschiedenen sozialen Milieus aufgewachsen waren, hatten denselben Beruf ergriffen, waren zur selben Zeit schwanger geworden und hatten ihren Kindern dieselben Namen gegeben. Sie hatten dieselben Krankheiten bekommen, sich für die gleichen Haustiere entschieden, bevorzugten dieselbe Musikrichtung und besaßen in Modefragen denselben Geschmack.

Norman Forsyte wischte sich den Mund mit seiner Serviette und nahm einen Schluck Wein. Über den Rand des Glases hinweg schaute er Romy an. Ein Lächeln hatte sich in seine Augen geschlichen.

»Das Thema interessiert Sie privat«, stellte er fest, setzte das Glas ab und widmete sich wieder seinem Essen.

»Man sagt immer, zweieiige Zwillinge seien mit normalen Geschwistern vergleichbar«, sagte Romy.

»Von den Genen her, nicht von ihrem Verhalten.«

»Zwischen meinem Bruder und mir besteht eine… Verbundenheit, die keine Worte braucht. Meistens spüre ich, wenn es Björn nicht gut geht, egal, wo er sich gerade aufhält.«

»Leben Sie beide hier in Köln?«

»Nein. Björn studiert in Bonn.«

»Sie wollten Abstand«, vermutete der Professor.

»Ja. Das war für uns beide ganz wichtig.« Romy grinste. »Nun sind dreißig Kilometer ja keine Entfernung, aber es reicht jedem von uns, um sich ein eigenes Leben aufzubauen.«

»In dem der andere willkommen ist…«

»…aber als Gast, nicht als Dreh- und Angelpunkt.«

Der Professor nickte. Sie wunderte sich darüber, dass sie plötzlich über die ganz privaten Dinge sprachen, und sie fing an, diesen Mann zu mögen.

So hatte sie sich immer ihren Vater gewünscht, zugewandt, offen und klug. Stattdessen war sie mit einem Vater gestraft, der tausend Dinge anpackte und keines davon je zu Ende brachte. Einem Weltenbummler, der nie für lange irgendwo zu Hause war, der ständig die Koffer packte.

»Unsere Eltern leben auf Mallorca«, erzählte sie unvermittelt. »Zurzeit«, setzte sie hinzu. »Kann sein, dass sie morgen schon wieder ihre Zelte abbrechen und sich woanders niederlassen.«

Der Professor hörte schweigend zu. Sein Teller war schon fast leer, während Romy ihren Salat noch nicht einmal zur Hälfte geschafft hatte.

»Sie besitzen eine Kunstgalerie und verkaufen Bilder und Skulpturen. Vielleicht kommen sie demnächst aber auch auf die Idee, sich eine Imbissbude an der Nordsee anzuschaffen oder in einem tibetischen Kloster nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Bei meinen Eltern weiß man nie. Ihr Leben ist ein einziges… Gesamtkunstwerk.«

Sie sah den Professor schmunzeln und ärgerte sich über sich selbst. Plapperte munter drauflos, statt ihr Interview im Auge zu behalten und Norman Forsyte Informationen aus der Nase zu ziehen.

»Und Sie haben beschlossen, lieber eine Ausbildung zur Journalistin zu machen, als ihren Eltern nach Mallorca zu folgen.«

Romy nickte. Sie nahm sich vor, ab jetzt weniger zu reden und hatte diesen Vorsatz kaum gefasst, als sie sich dabei zuhören konnte, wie sie dem Professor von ihrer Leidenschaft für das Schreiben erzählte. Von dem Glück, einen Chef wie Greg gefunden zu haben, von dem Vertrauen, das er in sie setzte, und ihrer Dankbarkeit für die Chance, die er ihr mit dem Volontariat bot.

»Sie werden Ihren Weg machen«, sagte der Professor. »Davon bin ich überzeugt.«

Inzwischen war das Dessert serviert worden und Romy löffelte genüsslich ihre rote Grütze mit Vanilleeis. Ihr war vollkommen klar, dass sie die Gesprächssituation zu keinem Zeitpunkt beherrscht hatte, aber sie bedauerte das nicht und machte es sich nicht zum Vorwurf. Das Interview hatte sich zu einem privaten Gespräch entwickelt und das war in Ordnung so.

Als Norman Forsyte bezahlte, waren zwei Stunden vergangen, und auch er hatte sie den einen oder andern Blick in sein Leben werfen lassen.

»Ihre Eltern können stolz auf Sie sein«, sagte er. »Und ebenso auf Ihren Bruder, da bin ich mir sicher.«

Romy begleitete ihn zum Bahnhof, wo sie ihr Fahrrad abgestellt hatte und er seinen Zug erreichen musste. Als sie sich verabschiedeten, riss die Wolkendecke auf, und die Augen des Professors waren im Licht der Sonne dermaßen blau, dass Romy sie voller Staunen betrachtete.

Er schüttelte ihr die Hand.

»Viel Glück für Sie«, sagte er. »Unser Gespräch hat mir gefallen.«

Romy hatte das Bedürfnis, ihn zu umarmen, doch sie tat es nicht. Als sie auf dem Fahrrad saß, bereute sie es. So, dachte sie, würde es in Zukunft öfter sein. Sie würde Menschen begegnen und zwischen dem, was sie tun musste, und dem, was sie tun wollte, hin- und hergerissen sein.

Sie würde lernen müssen, ihre Gefühle zu kontrollieren.

»Um nicht auf der Strecke zu bleiben«, sagte sie laut in den Wind, der ihr die Worte von den Lippen wischte und sie mitnahm, irgendwohin.

Die Erkenntnis schmerzte. Aber womöglich war das so, wenn man erwachsen wurde. Sie trat in die Pedale, bis ihre Waden brannten und sie kaum noch Luft bekam. Verwundert spürte sie, wie ihr die Tränen kamen, und als sie weinte, wusste sie nicht einmal genau, warum.

*

Björn war glücklich. Er hatte so lange um einen Besuch von Maxim gekämpft. Endlich hatte er den Kampf gewonnen. Maxim war hier. Bei ihm. Und das schon seit dem Wochenende.

Fast war es wie früher.

Wie in der Zeit vor Griet.

Damals hatte Maxim ihm allein gehört. Sie hatten ihre Liebe ausgekostet, eine Liebe voller Leidenschaft und Poesie. Maxim hatte Björn gezeigt, was Schönheit ist. Er hatte ihm den Kopf verdreht und seine Weltanschauung über den Haufen geworfen. Mit Maxim war alles möglich gewesen.

Kein Berg zu hoch.

Kein Meer zu tief.

Kein Horizont zu weit.

Maxim war nach Jahren des Suchens eine Offenbarung gewesen. Er hatte Björns Herzschlag beschleunigt, sein Verlangen nach Zärtlichkeit gestillt und seinen Schritten Sicherheit gegeben.

Diese furchtbare innere Zerrissenheit– Maxim hatte sie beendet. Ohne Wenn und Aber hatte Björn sich zu seiner Homosexualität bekannt.

Und zu seiner Liebe.

Für seine Eltern war es keine Überraschung gewesen. Sie hatten lange vor ihm gewusst, dass ihr Sohn ihnen keine Schwiegertochter ins Haus bringen würde. Jedenfalls behaupteten sie das, und Björn sah keinen Grund, ihnen nicht zu glauben.

Und Romy?

Hätte er sie in den Jahren der Pubertät nicht an seiner Seite gehabt, wäre er wahrscheinlich draufgegangen. Sie hatte ihn immer unterstützt und bestätigt, hatte gegen alle Anfeindungen zu ihm gestanden. Nicht mal während der gemeinsamen Internatszeit bei den Augustinerinnen hatte sie ihn im Stich gelassen.

Mit Maxim war alles gewesen, wie Björn es sich erträumt hatte.

So, wie es sein sollte.

Maxim hatte das Gute in Björn an die Oberfläche geholt. Er hatte seine Auffassungsgabe geschärft, seine Sensibilität vertieft und seinen Mut zur Offenheit geweckt. Sie waren glücklich miteinander gewesen. Selbstvergessen. Voller Überschwang.

Und dann hatte sich alles geändert.

Dass Griet auf der Bildfläche erschienen war, hatte Björn erst bemerkt, als es fast schon zu spät gewesen war. Als Maxim sich bereits in ihren Fängen verstrickt hatte.

Obwohl… das klang, als sei Griet eine Teuflin, die Maxim mit Magie umgarnt, ihn mit Liebeszaubern und geheimen Schwüren gefügig gemacht hätte. Dabei war Griet einfach eine Frau, die sich in Maxim verliebt hatte. Anfang zwanzig und von Haus aus reich. Auf so was fuhr Maxim ab.

Björn hasste es, dass Maxim so war. Dass er nicht nur Schönheit besaß, sondern es auch wusste. Dass er alles einsetzte, sein Gesicht, seinen Körper, seinen Charme, seine Intelligenz. Er warf es gnadenlos in die Waagschale, wo immer es ihm von Nutzen war.

Und keiner konnte sich seiner Ausstrahlung entziehen.

Eigentlich hatte Björn also jeden Grund, Griet zu verstehen. Ihr erging es mit Maxim doch nicht anders, als es ihm selbst ergangen war. Sie hatte ihn gesehen und war ihm verfallen.

Dennoch gelang es ihm nicht, ihr freundliche Gefühle entgegenzubringen.

Griet war Niederländerin. In Roermond aufgewachsen, nah der deutschen Grenze, sprach sie perfekt Deutsch mit einem hinreißenden kleinen Akzent. Selbst in Björn war anfangs etwas geschmolzen, wenn er sie hatte reden hören.

Sie entwarf und fertigte Schmuck und hatte für Maxim ihren Freund verlassen, der ebenfalls als Goldschmied arbeitete. Aufs Geldverdienen war sie nicht angewiesen, weil ihr Vater ihr jeden Monat eine großzügige Summe überwies. Außerdem hatte er ihr eine Wohnung geschenkt, sodass sie keine finanziellen Probleme kannte.

Ganz im Gegenteil. Griet und Luxus waren zwei Begriffe für ein und dasselbe.

Für das, was Maxim magisch anzog.

Was ihn mehr als alles sonst faszinierte.

Doch Griet war nicht nur reich. Sie besaß eine ganz ungewöhnliche Art von Schönheit, war knabenhaft schlank, trug das schulterlange blonde Haar streng nach hinten gefasst und schminkte sich auf eine Weise, die einen an Greta Garbo denken ließ und an andere berühmte weibliche Stummfilmstars.

Es waren vor allem ihre Augen, die einen festhielten: groß und von einem dunklen, fast violetten Blau, schwarz umrandet, sodass es wirkte, als schaute sie einen aus tiefen Augenhöhlen an. Ihre Haut war blass und schimmerte wie Porzellan, und ihre Lippen waren in einem zurückhaltenden Pastellton geschminkt, niemals rot.

Zuerst tauchte Maxim bei jeder Ausstellung auf, zu der auch Griet erwartet wurde, und er war Gast auf jedem ihrer Feste. Dann trafen sie sich zu zweit in irgendwelchen Cafés. Und schließlich kam sie zu ihm in die Wohnung.

Immer häufiger verhielt Maxim sich Björn gegenüber sonderbar. Immer öfter beendete er abrupt ein Telefongespräch. Und manchmal meinte Björn im Hintergrund Stimmen zu hören, obwohl Maxim behauptete, allein zu sein.

Björn machte kein Drama daraus. Er wollte nicht dastehen wie ein eifersüchtiger Idiot. Und nichts lag ihm ferner, als Maxim hinterherzuspionieren. Dennoch festigte sich der Verdacht in seinem Kopf:

Dass Maxim ihn betrog.

Björn rief zu unterschiedlichen Zeiten bei ihm an.

Horchte.

Interpretierte Maxims Tonfall, seine Worte.

Dann, eines Tages, ging Griet ans Telefon.

Maxim suchte nicht nach Ausflüchten. Er gab es offen zu. Doch das war nicht das Schlimmste.

Er behauptete, nicht schwul zu sein.

»Ich bin allenfalls bi«, sagte er.

Allenfalls? Was sollte das heißen, allenfalls? Und warum sagte er das so, als wollte er Björn unterstellen, ihn zum Schwulsein verführt, ihn herausgerissen zu haben aus einem heterosexuellen Leben, das ihn hätte glücklich machen können?

»Willst du, dass wir uns… trennen?«, hatte Björn ihn gefragt, während sein Herz gegen seine Rippen hämmerte, als wollte es den Brustkorb sprengen.

Es war heraus, das Wort, das er von allen Wörtern am meisten fürchtete. Das Wort, das Abschied bedeutete und unendlichen Schmerz. Das ihn allein bei der Vorstellung zerriss.

Ungläubig starrte Maxim ihn an. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Hob die Hände und ließ sie wieder sinken. Dann zog er Björn an sich.

»Verlass mich nicht«, murmelte er, und Björn spürte seinen erschrockenen Atem am Hals. »Verlass mich nie.«

Die Erleichterung war so gewaltig, dass sie wehtat.

»Schwör es, Liebster. Schwör.«

Plötzlich war die Luft so klar, so leicht, das Licht der Sonne so sanft und leuchtend, der Duft von Maxims Haar so schmerzhaft vertraut, seine Berührung so elektrisierend, dass Björn einen kostbaren Moment lang davon überzeugt war, nichts würde an ihrer Liebe jemals etwas ändern können.

Doch Griet ließ Maxim nicht los.

Es folgten qualvolle Wochen, in denen Björn, durch sein Studium an Bonn gebunden, ihr das Feld überlassen musste. Und Griet nutzte die Zeit klug. Maxim rief kaum noch an. Wenn Björn ihn mal erreichte, warf Maxim ihm einsilbige, unwirsche Antworten hin.

Er trug jetzt einen silbernen Ring, den Griet für ihn entworfen hatte, und den er niemals ablegte. Der schimmernde Ring machte seine schmalen, dunklen Hände noch schöner, noch verführerischer.

Maxim begriff nicht, was Björn sofort klar gewesen war: Griet hatte ihn mit diesem Ring an sich gebunden.

Doch darüber konnten sie nicht sprechen. Maxim begann, äußerst reizbar zu reagieren, wenn Björn den Namen Griet auch nur erwähnte.

»Ichbinauf der Suche.«

Mit solchen Äußerungen hielt er Björn auf Abstand.

Auf der Suche. Bullshit. Auf der Suche wonach?

Nach mir selbst. Nach der Liebe. Nach der Antwort auf meine Fragen.

Nach Griet.

Nach dir.

Nach…

All das hätte Maxim antworten können. Doch er gestattete gar nicht erst eine Frage, auf die er hätte antworten müssen.

Björn ging fast vor die Hunde. Er hatte keinen Appetit mehr, vernachlässigte sein Studium und seine Freunde. Sein Zimmer wurde zu einem Gefängnis, in dem er sich selbst einsperrte. Die Eifersucht fraß ihn auf. Sie ließ ihn nicht aus den Klauen, nicht mal im Schlaf. Aber immer wieder rief er Maxim an. Nicht eine Sekunde lang dachte er daran, ihn aufzugeben.

Und jetzt war Maxim hier.

Bei ihm.

Wie durch ein Wunder.

Seit drei langen, kostbaren Tagen waren sie zusammen.

Nicht zu eng. Das machte Maxim rasend. Er konnte es nicht ertragen, wenn man ihm auf die Pelle rückte. Aber doch zusammen. Sie trafen sich mit Freunden, bummelten durch Bonn, gingen zum Essen aus, redeten.

Und liebten einander.

Jetzt saß Björn in der Cafeteria im Hauptgebäude der Uni und wartete auf Leonard Blum. Er hatte ihn an seinem allerersten Tag an der Uni genau hier kennengelernt, sie waren ins Gespräch gekommen und hatten sich danach mehrmals getroffen.

Leonard, der voller Begeisterung über Romane und Theaterstücke sprechen konnte, von technischen Dingen jedoch so gut wie nichts verstand, hatte Björn schließlich von einem Problem mit seinem Computer erzählt. Und Björn, der sich nicht ohne Grund für das Studienfach Informatik entschieden hatte und sich mit Computern bestens auskannte, hatte sich bereit erklärt, ihm zu helfen, es zumindest zu versuchen.

In kürzester Zeit waren sie trotz des Altersunterschieds Freunde geworden.

Im Augenblick allerdings hätte Björn die kostbare Zeit lieber mit Maxim verbracht.

Es war kurz vor drei und die Sonne schien durch die staubigen Fensterscheiben. Bald würde der Frühling kommen. Vielleicht konnte Björn Maxim ja überreden, an die Uni Bonn zu wechseln. Oder aber er selbst würde nach Berlin ziehen.

Falls diese Möglichkeiten für Maxim überhaupt noch in Betracht kamen.

Plötzlich hatte Björn einen bitteren Geschmack im Mund. Er begriff, dass sie– egal, wie es ausgehen mochte– einen Weg finden mussten, um einander nicht zu verlieren. Und das möglichst rasch.

3

Schmuddelbuch, Dienstag, 1. März, fünfzehn Uhr, Redaktion

Zwei Anrufe, bei denen sich niemand gemeldet hat. Ich hab den Typen (es war garantiert keine Frau) atmen hören. Es machte nicht den Eindruck, als wollte er sich an irgendwas aufgeilen. Ich glaube, er wusste bloß nicht, wie er das, was er sagen wollte, ausdrücken sollte. Oder er traute sich ganz einfach nicht, mit der Sprache rauszurücken.

Hier rufen häufig Spinner an, die sich wichtigtun wollen. Meistens kann man sie nicht bremsen. Sie behaupten, brandheiße Informationen zu besitzen, bieten Enthüllungsgeschichten über irgendwelche Promis an. Einschüchterungsversuche hat es auch schon gegeben. Morddrohungen sogar.

Beunruhigt.

Dabei kann ich das überhaupt nicht brauchen. Ich muss mein Interview fertig kriegen…

Calypso hatte Lampenfieber. Sie spielten heute eine Szene, auf die sie sich nur einen Tag vorbereiten konnten. Thaddäus hatte sie in sechs Paare eingeteilt. Es war eine Szene, in der ein Mann und eine Frau in einem Café sitzen, ins Gespräch kommen und sich ineinander verlieben. Am Ende stellt sich heraus, dass sie sich gar nicht wirklich in einem Café befinden, sondern in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik.

Die Szene an sich war schon schwierig genug. Was die Aufgabe noch problematischer machte, war die Tatsache, dass es nur fünf Mädchen in Calypsos Schauspielklasse gab, weshalb Calypso schließlich mit Leon ein Paar bilden musste.

Die Schauspielschule Orson in Köln arbeitete ausschließlich mit Dozenten, die aus der Praxis kamen. Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Tänzer, Sänger und sogar Clowns. Manche blieben nur ein oder zwei Semester als Gastdozenten im Volker Thaddäus jedoch, ein begnadeter Theaterschauspieler, war bereits seit einigen Jahren als Lehrer hier beschäftigt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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