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Eine verlorene Seele, ist eine Seele, die niemals hätte in diese Welt geboren werden dürfen. Sie wird nie einen Platz finden an den sie gehört. Daher sollte sie selbst wählen dürfen, wann ihre Zeit für die Heimreise gekommen ist. Was jedoch, wenn eine geheimnisvolle Fremde just in dem Moment hinzukommt, in dem eine verlorene Seele mitten im See steht und im Begriff ist, den letzten Schritt zu tun? Und was ist, wenn diese Fremde, alternativ zum ursprünglichen Plan, eine Reise vorschlägt? Eine Reise, die nur ein Ziel hat: Zu beweisen, dass es keine verlorene Seele geben kann, wohl aber einen Weg und eine Bestimmung, die genau Jene einst gewählt hat. Und dann findet sich die verlorene Seele plötzlich auf einer irrwitzigen Reise wieder, auf der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie zu verschwimmen scheinen und ein leeres Buch plötzlich Antworten liefert, die Alles verändern könnten
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für DICH!
Weil Du mich in Tiefen und an Grenzen gebracht hast, die unmöglich erschienen und ihre Spuren hinterlassen haben…
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Traurig legte Nina den Kopf in den Nacken, schaute ein letztes Mal in den sternenklaren Nachthimmel empor. Wieder war kein Wunder geschehen, welches den unerträglichen Schmerz, der an ihren Eingeweiden nagte, hätte abmildern können. Ein tiefes Seufzen entrang sich ihrer Brust, in der ihr Herz wild pochte. Gleich würde es endlich vorbei sein, gleich würde der Kummer, all das Leid und der Schmerz, der sich in knapp vierzig Lebensjahren aufgestaut hatte, ebenso in den schwarzen Fluten untergehen, wie ihr eigener nutzloser Körper auch. Nina ballte ihre Hände zu Fäusten und ließ sie, mit voller Wucht, auf die spiegelglatte, schwarze Oberfläche des Sees niedersausen. Die Wut auf sich selbst und die Welt, war schon lange ein dauerhafter und treuer Begleiter für sie geworden. Wie oft hatte sie sich eingeredet, dass dies ein gutes Zeichen sei, denn so lange sie noch Wut empfand, würde sie auch die Kraft aufbringen zu kämpfen. Doch heute Nacht, das wusste sie, würde auch die Wut nicht mehr verhindern können, was sie im Begriff war zu tun. Es würden Wochen, vielleicht sogar Monate vergehen, bis Irgendjemand bemerken würde, dass sie nicht mehr da war. Hier, wo sie seit einigen Monaten lebte, kannte sie praktisch Niemanden. Die große Liebe hatte sie hierher geführt, gelockt mit einer aussichtsreichen, rosigen Zukunft, in der sie endlich ein Zuhause hätte und nie wieder Allein auf der Welt sein würde. Angekommen, ja, so hatte sie sich gefühlt, endlich angekommen. Nun war sie vorbei, die große Liebe und zurück blieb nur sie, wieder Allein und, so schien es, mit einer Seele, die in tausend Scherben zerbrochen war. Wie immer, wenn Nina daran dachte, rannen ihr auch dieses Mal wieder Tränen die Wangen hinunter. Sie hatte aufgegeben sie unterdrücken zu wollen, wozu auch, es gab Niemanden, der sie sehen könnte. „Eine verlorene Seele“, flüsterte sie leise in die Dunkelheit, bevor sie einen Schritt tiefer in das kalte Wasser ging, das jetzt gierig ihre Oberschenkel umschloss und sie erschauern lies. „Eine verlorene Seele, die endlich von hier verschwinden wird.“
„Was ist eine verlorene Seele?“ Die Stimme, die plötzlich aus der Dunkelheit links neben ihr ertönte, ließ Nina zusammen zucken, ein leiser Schrei entfuhr ihr und sie wäre um ein Haar bäuchlings im Wasser gelandet, hätte nicht eine schmale, blasse Hand nach ihr gegriffen und sie festgehalten, bis sie ihr Gleichgewicht zurück erlangt hatte. Nina blickte angestrengt in die Dunkelheit, um die Person zu erkennen, die sich offenbar zu ihr ins Wasser gesellt hatte. Ihr Herzschlag wummerte laut in ihren Ohren und ihre Atmung ging keuchend, sie war zu Tode erschrocken. Die Umrisse einer Frau, mit langen Haaren, wurden erst erkennbar, als sie etwa dreißig Zentimeter neben ihr stand und ihr entschuldigend zulächelte. „Ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich glaube, du warst gerade im Begriff etwas sehr Dummes zu tun, da wollte ich lieber keine Zeit mehr verlieren.“ Die Fremde schlang fröstelnd die Arme um sich. Nina starrte sie wortlos an, Wut kroch wieder in ihr hoch. Nicht einmal ihr eigener Tod war ihr vergönnt. Es war ja fast zu erwarten gewesen, dass wieder mal etwas schief gehen musste. Frustriert biss sie sich auf die Unterlippe, um nicht laut los zu brüllen. Die Fremde schien das nicht zu bemerken und wiederholte ihre Frage. „Also, was ist eine verlorene Seele?“ Interessiert blickte sie Nina an, trotz der Schwärze der Nacht, schien sie ihr direkt in die Augen zu blicken.
„Eine Seele, die in dieser Welt einfach keinen Platz hat“, presste Nina mühsam hervor. „Eine Seele, die unerwünscht ist, die furchtbare Dinge erleiden muss, weil sie eigentlich nie hätte hier sein sollen.“ Sie schluckte und wandte ihren Blick ab, ließ ihn unruhig über das Wasser huschen, in Gedanken nach einer Möglichkeit suchend, wie sie dieser überaus unangenehmen Situation entkommen könnte. „Eine Seele, die dazu verdammt ist, ihr Leben lang nach einem Platz zu suchen, wo sie hingehört. Sie wird ihn aber niemals finden und ist damit zu einem Leben in der Hölle verdammt, weil sie immer wieder Dinge tun wird, die sie nicht will, nur um nicht wieder vertrieben zu werden.“ Nina verstummte.
„Da irrst du dich aber gewaltig“, erwiderte die Frau neben ihr und in ihrer tiefen, melodischen Stimme, schwang ein unterdrücktes Lachen mit. „Keine Seele kann jemals ungewollt in diese Welt gelangen. Es gibt immer einen Plan, für jede Einzelne, sonst wäre sie nicht hier“. Nina schnaubte wütend. „Ach ja? Wer bist Du? Gott vielleicht oder woher willst du das so genau wissen?“ Trotz des harschen Tonfalls blieb die Frau, die ganz offensichtlich fürchterlich zu frieren schien, gelassen. Ihre Stimme zitterte ganz leicht vor Kälte, als sie belustigt antwortete. „Selbstverständlich bin ich nicht Gott, glaubst du ernsthaft sonst würde ich hier bibbernd im eiskalten Wasser stehen?“
Auch Nina spürte inzwischen, wie die Kälte an ihr hochkroch und ihre Muskeln sich mehr und mehr verkrampften. Trotzdem versuchte sie das Zittern zu unterdrücken. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir unsere Unterhaltung auf außerhalb des Wassers verlegen würden? Aufmunternd, aber ohne eine Antwort abzuwarten, griff die Fremde wieder nach Ninas Arm und zog sie mit sich, Richtung Ufer. Widerwillig musste Nina ihr Schritt für Schritt folgen, sehnsüchtig drehte sie den Kopf um noch einen Blick auf die Mitte des Sees zu werfen, in dem ihr Leben jetzt eigentlich hätte sein Ende finden sollen. Sie war so kurz vorm Ziel gewesen. Warum um alles in der Welt hatte diese Person hier auftauchen müssen? Und wer war sie überhaupt? Neugierig schielte sie hinüber und versuchte einen Blick in das Gesicht der Fremden zu erhaschen, doch es blieb im Dunkel der Nacht verborgen.
„Ich heiße übrigens Lola“, nahm die Fremde ihr die Frage vorweg. Bevor Nina etwas erwidern konnte, hatten sie das Ufer erreicht und kletterten, schwerfällig und mit vor Kälte steifen Gliedern, die kleine Böschung hinauf. Beinahe wäre Nina über ein am Boden liegendes Bündel gestolpert, im letzten Moment jedoch erkannte sie das Hindernis und wich zur Seite aus. „Ah, da ist ja mein Rucksack.“ Lola beugte sich hinunter und wenige Sekunden später, hielt sie Nina eine grob gewebte Decke, die den Duft von frischem Gras verströmte, vor die Nase. „Du solltest aus der nassen Hose raus, wickle dich darin ein, du holst dir sonst noch den Tod.“ Bei ihrer letzten Bemerkung musste sie ein Kichern unterdrücken und sogar Nina huschte ein verhaltenes Grinsen über das Gesicht, als ihr die Ironie des Gesagten bewusst wurde. Wenige Minuten später saßen beide Frauen trocken und eingewickelt in die Decken am Ufer. Nebeneinander kauernd blickten sie schweigend auf den schwarzen See hinunter.
„Gerade noch rechtzeitig“, murmelte Lola schließlich erleichtert vor sich hin. Nina warf ihr einen mürrischen Seitenblick zu. „Das liegt dann wohl im Auge des Betrachters“, gab sie schnippisch zurück. Doch Lola ließ sich nicht beirren und schien zu lächeln. Jedenfalls glaubte Nina, für einen kurzen Augenblick etwas Weißes aufblitzen zu sehen, dort wo sie den Mund der Fremden vermutete.
„Erklär es mir, wie kommt man auf die Idee, seine Seele wäre verloren und würde nicht hierher gehören?“ Lolas Stimme klang aufrichtig interessiert und Nina suchte nach den richtigen Worten. „Kennst du das Gefühl, wenn dir im Leben nur Schlechtes widerfährt? Wenn Niemand dich wirklich in seiner Nähe haben möchte und das Glück immer nur die Anderen findet, während du selbst ein Magnet für Pech und Misserfolg zu sein scheinst“? Lola schüttelte vehement den Kopf. „Nein“, begann sie, doch Nina unterbrach sie sogleich wieder. „Dachte ich mir schon, ich kenne Niemanden, der so ist wie ich, eine verlorene Seele eben.“ Ihr Ton klang beinahe triumphierend, als sei aus ihrer Sicht die Beweislage damit eindeutig.
„Ich kenne dieses Gefühl nicht, weil es nicht existieren kann“, setzte Lola erneut an. Als Nina tief Luft holte, um ihr wieder ins Wort zu fallen, legte sie ihr bestimmend eine Hand auf den Arm. „Lass mich bitte ausreden“, ermahnte sie und Nina schluckte die böse Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, herunter. „Das Leben, die Natur, ja die ganze Welt besteht aus Polaritäten“, begann Lola zu erklären. „Wo es Gutes gibt, ist das Schlechte vorhanden, wo Licht ist, gibt es Schatten und so weiter.“ Sie räusperte sich kurz. „Wenn du nie Glück empfunden hättest, wie solltest du dann wissen, wie sich Leid anfühlt?“ Nina unterbrach sie nun doch. „Ich sehe es fast täglich bei den Menschen um mich herum“, rief sie aufgebracht. „Okay, so wie du ihr Leid, ihren Kummer und ihren Schmerz auch siehst?“ Irritiert zuckte Nina zurück, schwieg aber. „Du siehst nur das, was die Menschen dich sehen lassen und vor Allem nur das, was du sehen willst.“ Ihre Stimme war nur noch ein leises Flüstern, trotzdem hatte Nina keine Mühe sie zu verstehen. „Könnte es nicht einfach sein, dass du mit unterschiedlichen Blickwinkeln schaust und beurteilst? Bei dir selbst siehst du nur schwarz, alles ist Negativ und voller Schmerz.“ Lola fuhr sich nachdenklich durch die Haare. „Bei den Anderen siehst du das, was dir im eigenen Leben verborgen bleibt, als hättest du einen blinden Fleck.“ Sie verstummte um Nina einen Moment Zeit zu geben, über ihre Worte nachzudenken, bevor sie fortfuhr. „Du sagst, Deine Seele hat keinen Platz, keine Daseinsberechtigung?“ Das letzte Wort zog sie betont lang. „Hast du schon Mal darüber nachgedacht, dass du am falschen Ort gesucht haben könntest“? Nina erwiderte Nichts, starrte nur Gedankenverloren ins Leere.
„Du wärst nicht hier, wenn es keinen Platz für dich gäbe. Kein Leben, keine Seele wird jemals verschwendet. Jede Einzelne hat ihren Platz und ihre ganz eigenen Aufgaben.“ Nina schüttelte verzweifelt den Kopf. „Wenn das wirklich so wäre, warum fühlt sich dann Alles so Leer, so sinnlos an? Warum sind mir dann so viele schlimme Dinge passiert? Warum ist mein Körper so unvollkommen und warum zur Hölle will mich Niemand auf der Welt bei sich haben?“ Sie hatte sich in Rage geredet und die letzten Worte schrie sie förmlich hinaus in den Nachthimmel.
Wieder reagierte Lola gelassen. „Das sind gute Fragen, nicht wahr?“ Nina nickte bestätigend, mit Mühe hielt sie die Wut im Zaum, die sich immer weiter in ihr empor kämpfte. „Falsch!“ rief Lola. Entgeistert zuckte Nina zusammen. „Was?“ fragte sie perplex. „Sie sind falsch!“ wiederholte Lola ungeduldig. „Du stellst ganz einfach die völlig falschen Fragen zu den Antworten die du suchst.“ Nina schnaubte und die anfängliche Überraschung schlug wieder in Wut um. „Ach ja? Da du ja anscheinend Frau Allwissend und Superschlau bist, wie lauten denn die richtigen Fragen?“ Wäre es heller gewesen, hätte Lola den nackten Zorn in ihren Augen funkeln sehen können, doch sie schien, wie schon zuvor, den Gefühlsausbruch ignorieren zu wollen.
„Du hast in deinem Leben die völlig falsche Perspektive eingenommen“, begann sie sanft zu erklären. „Du suchst Alles was Du willst im Außen, in deinen Mitmenschen, Gegebenheiten und wer weiß wo sonst noch. Doch dort wirst du niemals Antworten finden.“ Sie verstummte und Nina beugte sich ungeduldig ein Stück zu ihr hinüber. „Wie müssten dann die korrekten Fragen lauten?“ zischte sie leise.
„Was kann ich tun um mich nicht mehr so leer zu fühlen? Was brauche ich, um mich nicht sinnlos und verloren zu fühlen? Wie kann ich mir meinen eigenen Platz, meine Daseinsberechtigung erschaffen, so wie es meinen Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht?“ Nina starrte sie mit offenem Mund an. „Wie um alles in der Welt kommst du darauf, dass es die Aufgabe Anderer wäre, Dir all das zu geben, wonach du dich sehnst?“ Nina wusste nicht was sie darauf sagen sollte und schwieg betreten. „An was glaubst du? Was sind deine Aufgaben, Wünsche, Pläne, Ziele und was tust du selbst dafür? Ist es nicht so, dass du erwartest, dass es dir erfüllt wird? Wo ist dein eigener Anteil dabei?“ Lolas Stimme klang nicht vorwurfsvoll, sondern sanft und eindringlich. Nina knetete nervös ihre Hände, während die Worte der Fremden in ihrem Inneren wiederhallten, als hätten sie ein Echo erzeugt. Langsam wich ihre Wut zurück und machte einem anderen Gefühl Platz. Ein Funken Schuldbewusstsein glimmte auf und Nina beobachtete entgeistert, wie dieses Gefühl mehr und mehr Raum in ihrem Inneren einnahm, als sei aus dem Funken in kürzester Zeit ein beachtliches Feuer entstanden.
„Ich schlage dir einen Deal vor“, setzte Lola an und fuhr fort, als sie sicher war, dass Ninas Aufmerksamkeit wieder uneingeschränkt ihr galt. „Du wirst deinem Leben heute Nacht kein gewaltsames Ende bereiten. Stattdessen begleitest du mich auf eine kleine Reise.“ Überrascht keuchte Nina auf, doch Lola gab ihr zu verstehen, sie nicht zu unterbrechen. „Wenn du am Ende unserer Reise noch immer davon überzeugt bist, eine verlorene Seele zu sein, werde ich dich höchstpersönlich wieder hier an dieser Stelle absetzen und nicht abhalten zu tun was du tun willst.“ Nina dachte darüber nach, ob sie auf dieses Arrangement eingehen sollte. "Was hast du zu verlieren? Ob du heute stirbst, oder erst in ein paar Tagen, was macht das für einen Unterschied?“ bohrte Lola weiter. Nach einigen Minuten Bedenkzeit, die sie schweigend nebeneinander gesessen hatten, nickte Nina schließlich zustimmend. Sie war noch immer unschlüssig, ob diese Reise irgendetwas ändern würde, andererseits, würde Lola sie in dieser Nacht so oder so nicht wieder zurück in den See steigen lassen um ihr Vorhaben doch noch in die Tat umzusetzen. „Warum tust du das?“ fragte sie leise. „Weil du selbst es Niemals tun würdest. Für jeden anderen vielleicht, aber ganz sicher nicht für dich selbst“, war Lolas ernüchternde Antwort, während sie in ihrem Rucksack wühlte. Endlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte und reichte den Gegenstand an Nina weiter. „Das wirst du brauchen“, sagte sie zuversichtlich. Nina griff vorsichtig danach und in der beginnenden Morgendämmerung konnte sie erkennen, dass sie ein, in weißes Leder, gebundenes Buch in den Händen hielt. Überrascht fuhr sie über den weichen Einband, der keinen Schriftzug über Titel oder Autor zu enthalten schien.
Langsam schlug sie die erste Seite auf. Das Papier fühlte sich fest und kühl an, ganz im Gegensatz zum Einband. Verwirrt blätterte sie Seite um Seite um. „Es ist leer“, stellte sie enttäuscht fest. Lola war aufgestanden und stopfte gerade ihre Decke zurück in den Rucksack. „Ja noch scheint es das zu sein, aber glaub mir, es wird sich schon sehr bald füllen.“ Sie griff Nina unter die Arme und half ihr aufzustehen. Dann begann sie die zweite Decke einzupacken, während Nina weiterhin ratlos das seltsame Buch, ohne Inhalt, anstarrte. „Stelle nur die richtigen Fragen, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und es wird dir seine Geheimnisse verraten.“ Aufmunternd klopfte Lola ihr auf den Rücken, bevor sie den unhandlichen Rucksack mühelos schulterte, als würde er Nichts wiegen. „Steck es in deine Tasche und verlier es nicht“, forderte sie schon im Gehen. Nina tat wie ihr geheißen und beeilte sich, der seltsamen Fremden zu folgen. „Wohin gehen wir?“ fragte sie neugierig. Doch statt einer Antwort griff Lola ihre Hand und zog sie mit sich, fort von dem See, hinein in den dunklen Wald, der sich plötzlich vor ihnen auftat und den Nina hier noch nie bemerkt hatte.
Eine Weile folgten sie schweigend dem breiten Weg, auf dem Nina hier und da Abdrücke von Pferdehufen zu erkennen glaubte. Das dichte Blätterdach ließ das Sonnenlicht nur zögerlich durch und so liefen sie noch im Halbdunkeln dahin, obwohl es mittlerweile sicher schon helllichter Tag war. Nina schaute sich nicht um, sie starrte nur vor sich auf den Boden, konzentriert darauf, einen Schritt vor den anderen zu setzen. „Hast du Schmerzen?“ unterbrach Lola die Stille zwischen ihnen. „Ein bisschen“, gab Nina zu. „Das kalte Wasser hat mir nicht wirklich gut getan.“ Sogleich ärgerte sie sich, dass ihr das rausgerutscht war und erwartete eine Erwiderung, dass sie selbst Schuld sei oder ähnliches. Doch Lola sagte Nichts dazu, sie beobachtete sie nur aufmerksam, während sie behände neben ihr her schritt. „Wechsel mal die Perspektive“, schlug sie schließlich vor und erntete dafür einen fragenden Blick von Nina. Lola lächelte sie auffordernd an. „Das du Schmerzen hast, ist eine Tatsache an der Du Nichts ändern kannst. Es ist egal ob du dich auf sie konzentrierst und sie beobachtest oder nicht. Sie werden dich treu begleiten, also kannst du genauso gut auf etwas anderes schauen.“ Nina schien noch immer nicht verstanden zu haben. „Was hindert dich daran, dich einfach mal umzuschauen und deinen Fokus auf etwas Schönes zu lenken?“ forschte Lola nach. „Während du hier durch diesen Wald läufst, entgeht dir so viel Wunderbares, dass dir Kraft und Freude geben könnte, wenn du nicht die ganze Zeit auf den Boden starren und deine Schmerzen verfluchen würdest.“ Freundlich lächelnd griff sie nach Ninas Hand und zog sie ein Stück an den Wegesrand auf einen großen Baum zu. „Hier, fühl mal, die Rinde dieses Baumes ist ganz glatt, während der Baum daneben sich rau und rissig anfühlt.“ Sie hob Ninas Hand und führte sie an den Baumstamm. Zögerlich lies Nina ihre Fingerspitzen über die Rinde des Stammes gleiten, sagte aber Nichts. „Wir laufen schon seit Stunden durch diesen Wald, hast du überhaupt etwas davon wahrgenommen? Die Rehe, die uns eine ganze Weile am Wegesrand begleitet haben zum Beispiel? Oder die Vögel, die uns umkreisten?“ Geistesabwesend schüttelte Nina den Kopf, während ihre Hände noch immer die Rinde des Baumes ertasteten. „Du sagst, in deinem Leben gibt es nichts Schönes. Aber ich glaube, du hast es einfach nur verpasst, weil du es gar nicht beachtest und lieber mit deinem Schmerz allein sein willst, so lange, bis ihn dir Irgendjemand nimmt. Und ich meine nicht nur den körperlichen Schmerz“. Provozierend reckte Lola ihr Kinn nach vorne und blickte Nina angriffslustig direkt in die Augen, diesmal schien sie auf einen erneuten Wutausbruch gefasst zu sein. Doch Nina wandte sich wortlos ab, mit hängenden Schultern ging sie weiter in den Wald hinein. Egal was sie hätte erwidern wollen, es hätte alles zu sehr nach Ausrede geklungen, das war ihr klar.
Die nächsten Minuten trottete Nina nur neben Lola her, wagte sich nicht aufzuschauen und hing ihren Gedanken nach. Erst nach einer Weile begann sie möglichst unauffällig um sich herum zu schielen. Lola hatte Recht, dieser Wald war atemberaubend schön, saftige grüne Bäume und Sträucher, überall wuchs meterhoch der Farn und Moos schmiegte sich einladend und weich in die Kuhlen des Waldbodens, wo immer er Platz fand. Überrascht drehte Nina den Kopf mal hier hin und dann wieder dorthin. Sie war in ihrer Kindheit des Öfteren in verschiedenen Wäldern unterwegs gewesen, aber sie konnte sich an ein solch intensives Farbenspiel nicht im Geringsten erinnern. Gierig sog sie die würzige Waldluft ein, die schwer war vom Harz der Bäume. „Sieh mal dort“, rief Lola, die gutgelaunt neben ihr her schlenderte, fröhlich. Nina folgte dem ausgestreckten Arm und sah unter einer Gruppe von hohen Bäumen eine kleine Lichtung, auf der eine ganze Hasenfamilie umher hoppelte und ausgelassen im warmen Sonnenschein spielte. Fasziniert beobachteten die beiden Frauen das bunte Treiben und schlichen sich vorsichtig näher heran. Lola ließ sich auf die Knie, in das weiche Moos sinken und lächelte versonnen vor sich hin. Nina blieb ein wenig zurück und nutzte die Gelegenheit, sich ihre Begleiterin genauer anzuschauen. Sie war ein ganzes Stück kleiner als sie selbst, bestimmt einen halben Kopf, und war von kräftigerer Statur, was ganz im Gegensatz zu ihren schmalen Händen stand. Die langen honigfarbenen Haare fielen ihr in zerzausten, glatten Strähnen weit über die Schultern und umrahmten ihr Gesicht, mit breiten Wangenknochen und einem vollen Mund, der irgendwie immer zu Lächeln schien. Ebenso wie die haselnussbraunen Augen, die weit auseinanderstanden und von dunklen, langen Wimpern umsäumt waren.
Nina ließ den Blick tiefer wandern. Lola war in eine grob gewebte, sandfarbene Tunika gehüllt und trug darunter eine dunkelbraune Stoffhose. Ihre Füße steckten in Lederschuhen, die beinahe aussahen, als seien sie von Hand genäht. Nina musste bei dem Gedanken grinsen, sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Lola mit Nadel und Faden da saß und ihre eigenen Schuhe nähte, vielleicht während sie ein Liedchen über den Weltfrieden trällerte und dabei Kamillentee schlürfte.
Als ihr Blick wieder nach oben wanderte, bemerkte sie, dass Lola sie aufmerksam musterte. „Und, wie viele deiner Vorurteile und Klischees bediene ich?“ fragte sie amüsiert. Ertappt blickte Nina zur Seite und spürte wie ihre Wangen sich rot färbten und heiß wurden. „Mach dir Nichts draus. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, Alles und Jeden zu beurteilen. Nur zu verständlich, dass dabei auf bereits vorhandene Eindrücke zurückgegriffen wird.“ Sie erhob sich und wischte sich ein paar Erdkrumen von den Knien. „Ich singe übrigens nicht, ich Summe lieber vor mich hin.“ Spitzbübisch grinsend puffte sie Nina in die Seite. „Komm, gehen wir weiter, es liegt noch ein ganzes Stück Weg vor uns und ich würde gerne vor der Dunkelheit ankommen.
„Verrätst du mir nun endlich wohin wir gehen?“ Nina beeilte sich mit Lola Schritt zu halten, doch diese schüttelte nur geheimnisvoll den Kopf. „Du wirst es sehen, wenn wir dort sind.“ Dann lief sie einen Schritt schneller und begann vor sich hin zu summen, während sie Nina ein Stück hinter sich zurück lies. Irgendwie ist sie seltsam, schoss es Nina durch den Kopf. Angstvoll zuckte sie zusammen, was, wenn Lola auch diesen Gedanken gehört hatte? Doch die Fremde lief in zügigem Tempo und augenscheinlich gut gelaunt vor ihr auf dem Weg entlang, streckte hin und wieder die Arme nach einem Baumstamm oder einem Farnblatt aus und schien ganz in ihrer eigenen Welt versunken zu sein. Nina blickte ihr nachdenklich hinterher. Woher hatte sie gewusst, was Nina gedacht hatte? Wo kam sie überhaupt her? Und wo waren sie hier? Sie war sich sehr sicher, dass ihr ein Wald, von solchen Ausmaßen, bestimmt nicht entgangen, wäre in den letzten Monaten. Sie liefen jetzt schon seit Stunden diesen Weg entlang und er schien kein Ende zu nehmen. Im Gegenteil, irgendwie wirkte es eher so, als würde er dichter und vielfältiger werden. Immer öfter sah sie kleine und größere Wildtiere und es hätte sie nicht wirklich überrascht, wenn irgendwann ein Bär oder gar ein Wolf ihren Weg gekreuzt hätte. Selbst ein Einhorn erschien ihr möglich, denn irgendwie machte es den Eindruck, als sei dieser Wald, diese Vielfalt an Natur, direkt aus einem Märchen entsprungen.
„Einhörner wirst du wohl leider keine sehen“. Nina zuckte zusammen, sie hatte nicht bemerkt, dass Lola ihr Tempo gedrosselt hatte und nun neben ihr lief. „Kannst du bitte aufhören meine Gedanken zu lesen?“ Nina blickte sie mürrisch von der Seite an. „Noch Nichts von Privatsphäre gehört? Lola kicherte. „Tut mir leid, aber du bist einfach zu lesen und deine Gedanken springen mich förmlich an. Ich kann Nichts dafür.“
Abrupt blieb Nina stehen. „Ich gehe keinen Schritt weiter, wenn du mir nicht sagst, wer du bist und wo du herkommst.“ Nun war es an ihr, das Kinn hervor zu recken, um ihre Entschlossenheit zu untermauern. Sie begann an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln und fragte sich langsam, ob sie vielleicht doch im See gelandet war und das hier der Vorhof zu ihrer eigenen Hölle, dem Paradies oder was auch immer war. Diese Frau, mit der sie jetzt schon einige Stunden unterwegs war, schien jedenfalls nicht normal zu sein und hatte ein paar Fähigkeiten, die ihr mehr und mehr suspekt wurden. Lola war schon zwei Schritte weiter gegangen, hielt ebenfalls an und drehte sich langsam zu ihr um.
„Lass uns einen Pakt schließen“, schlug sie vor. „Ich bemühe mich, deine Gedanken nicht mehr ungefragt zu sehen, im Gegenzug dafür stellst du mir keine Fragen mehr.“ Verblüfft starrte Nina sie an, sprachlos öffnete sie den Mund und schloss ihn wieder. Lola grinste entschuldigend. „Es ist nicht so, dass ich ein großes Geheimnis darum machen möchte, aber zum jetzigen Zeitpunkt würdest du es weder verstehen, noch würden die Informationen dir nützen. Ich möchte, dass du unvoreingenommen bleibst.“ Als wäre das Erklärung genug, setzte sie sich wieder in Bewegung. „Aber“, setzte Nina an, doch Lola winkte ab und lief einfach weiter.
Unschlüssig blieb Nina stehen, ihr Plan, keinen Schritt weiter zu gehen, bevor sie die gewünschten Informationen bekam, war gründlich in die Hose gegangen. Lola ließ sie eiskalt stehen und Nina wägte ihre Optionen ab. Sie konnte hier einfach mitten im Wald, allein und ohne Proviant zurück bleiben, in der Hoffnung Lola würde irgendwann zurückkommen und ihre Fragen beantworten, was unwahrscheinlich war. Sie konnte aber auch genauso gut umkehren und den Weg einfach zurück laufen. Irgendwann, da war sie fast sicher, würde sie wieder am See heraus kommen. Beides erschien ihr keine gute Wahl. Blieb nur die dritte Möglichkeit, sie ging auf Lolas Abmachung ein und ließ sich überraschen, wohin diese Reise führen würde. Langsam setzte Nina sich in Bewegung, sie hasste Überraschungen. Sie wollte wissen worauf sie sich gefasst machen musste und plante gerne im Voraus. Trotzdem hatte sie im Moment keine andere Möglichkeit als mitzuspielen und wenn sie ehrlich war, dies war mit Abstand das Spannendste, was sie seit Langem erlebt hatte. Ein letztes großes Abenteuer, sozusagen das Finale in ihrem Leben.
In gemächlichem Tempo trottete sie der neuen Gefährtin hinterher, darauf bedacht, den Abstand zwischen ihnen nicht zu verringern. Nina genoss es, allein mit sich selbst zu sein, die Augen mittlerweile nicht mehr stur auf den Boden gerichtet, sondern sie versuchte irgendwie Alles auf einmal zu sehen. Wie ein trockener Schwamm saugte sie die verschiedenen Gerüche, Anblicke und Geräusche in sich auf und spürte, wie mit jeder Stunde, die sie hier umherwanderte, die Last auf ihren Schultern geringer wurde. Nach einer Weile stellte sie verwundert fest, dass die Schmerzen in ihren Beinen zwar gleichbleibend spürbar waren, aber sie hatten sich trotz des stundenlangen Marsches nicht verschlimmert, was verwunderlich war. Normalerweise schaffte sie nur wenige hundert Meter, bevor sie Pause machen musste, weil die Schmerzen sie sonst in die Knie gezwungen hätten. Und noch etwas fiel ihr auf, etwas, dass sie nur ungern vor sich selbst zu gab. Lola hatte Recht gehabt. Sie war zwischenzeitlich so abgelenkt und verzaubert von dem, was sie umgab, dass sie die Schmerzen meist nur noch dumpf im Hintergrund wahrnahm, sie manchmal sogar vergaß. Verwundert über diese Erkenntnis blieb sie abrupt stehen. Hatte sie sich wirklich so sehr auf den Schmerz, im Inneren wie im Äußeren konzentriert, dass sie ihr Umfeld und das was es zu bieten hatte gar nicht mehr wahrnehmen konnte? Traurig schüttelte sie den Kopf und ging noch ein bisschen langsamer weiter. Das war eine ziemlich bittere Erkenntnis, musste sie feststellen. Wer wusste schon, was ihr da entgangen war?
„Hast Du Durst?“ Erschrocken blieb Nina stehen, Lola war direkt vor ihr aufgetaucht und hielt ihr einen Beutel mit Wasser vor die Nase. Dankbar nickte sie und griff nach dem Getränk, setzte an und trank gierig ein paar Schlucke. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal etwas getrunken hatte und das kühle Wasser rann ihr erfrischend die Kehle hinab. Es schmeckte leicht nach Eisen und kribbelte ein wenig auf der Zunge. „Ich habe es vor unserer Reise an einer natürlichen Quelle aufgefüllt, es ist also schon ein bisschen abgestanden, daher der Geschmack“, beeilte Lola sich zu erklären, doch Nina trank ohne zu Zögern noch einen weiteren großen Schluck und reichte ihr den Beutel zurück.
„Wie geht es dir?“ Lola hatte sich Ninas Tempo angepasst und sie liefen nebeneinander her. „Erstaunlicherweise recht gut“, gab Nina zu. Sie stockte kurz und suchte nach den richtigen Worten. „Glaubst du wirklich, ich habe das Leben um mich herum verpasst, weil ich mich so auf meine Schmerzen konzentriert habe?“ Unsicher blickte sie zu Lola hinüber, die kurz über die Frage nachzudenken schien, bevor sie antwortete. „Nein, eigentlich glaube ich eher, dass du die Schmerzen genutzt hast, um eine Ausrede zu haben und dich vor der Welt und den Menschen darin verstecken zu können.“ Sie lächelte Nina wohlwollend zu, die sie, wie so oft seit ihrem Aufeinandertreffen, entgeistert anstarrte. „Wie meinst du das?“
„Ich denke, du bist schon so lange davon überzeugt, eine verlorene Seele zu sein, dass du versucht hast dich unsichtbar zu machen, um nicht noch weitere Enttäuschungen oder Verletzungen einstecken zu müssen.“ Sie schob die Riemen ihres Rucksacks wieder zurecht und fuhr fort. „Ich verstehe, dass es mühsam ist, mit diversen Schicksalsschlägen oder Enttäuschungen klar zu kommen. Der Weg den du für dich gewählt hast, war der totale Rückzug und da kam dir dein unvollkommener Körper gerade recht. Statt weiter zu kämpfen, mit erhobenem Haupt durch die Gegend zu laufen und vor Allem darauf zu vertrauen, dass Alles seinen Sinn hat und gut werden wird, bist du geflüchtet.“ Nina schaute sie gequält an. Diese Worte machten Sinn und es war ihr unangenehm, weil sie sich auf eine Weise ertappt und entblößt fühlte, die ihr fremd war. „Das ist nicht Schlimm“, tröstete Lola sie eilig. „Ich verurteile dich dafür nicht, sollte das deine Angst sein. Manchmal brauchen wir einfach ein paar mehr Anläufe, bis uns etwas gelingt und in anderen Fällen schaffen wir es ohne Hilfe gar nicht.“
Nina spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, sie schluckte schwer. „Es war schon immer schwer für mich, mich in der Welt zurecht zu finden, irgendwie war ich immer anders und bin überall angeeckt oder abgelehnt worden. Als mein Körper dann auch nicht mehr so richtig funktionierte und ich dadurch eingeschränkt war, hatte ich Angst, dass es jetzt noch schwieriger werden würde und hab es aufgegeben irgendwo dazu gehören zu wollen.“ Ihre Stimme versagte, ein leises Schluchzen entfuhr ihr. Lola griff zaghaft nach ihrer Hand und sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her.
„Ich verstehe, warum du so entschieden hast“, sagte Lola schließlich. „Aber, als du gemerkt hast, dass es dir nicht gut tut, warum hast du keine neue Entscheidung getroffen?“ Nina zuckte bedrückt die Schultern. „Ich war irgendwann so weit weg von Allem, dass ich den Weg zurück nicht mehr gefunden habe. Meine Einschränkungen waren für mich irgendwann so übermächtig, dass ich mich nicht mehr getraut habe irgendwas zu ändern.“
„Und trotzdem hattest du noch nicht ganz aufgegeben und hast dich auf das größte Abenteuer überhaupt eingelassen, die Liebe!“ Triumphierend grinste Lola und puffte sie leicht in die Seite. Nina zuckte zusammen und ihr Blick verdüsterte sich augenblicklich. Lola bemerkte den Stimmungswechsel und blieb stehen. „Ich weiß, dass bedeutet im Moment für dich den größten Schmerz, aber bitte, erzähl mir davon.“
Nina blickte sich überrascht zu ihr um. „Was möchtest du denn wissen?“ Lola setzte sich wieder in Bewegung und zuckte die Achseln. „Na, zum Beispiel warum du dich überhaupt darauf eingelassen hast, wo du doch eigentlich komplett mit der Welt abgeschlossen hattest?“ Ein zaghaftes Lächeln überzog Ninas Gesicht und ihre Wangen nahmen eine leicht rosa Färbung ein. „Es hat mich einfach erwischt, ich wusste es vom ersten Augenblick an. Es fühlte sich vollkommen, überragend und einfach unglaublich an. So war es noch nie gewesen.“ Sie hielt kurz inne und suchte nach den richtigen Worten. „Wir schienen uns so gleich zu sein, dieselben Wünsche, Pläne, Ziele, wir konnten uns auf Kilometer spüren und wussten genau wie es dem Anderen ging, wann wir schliefen oder aufwachten, einfach alles. Es war, als würden unsere Seelen und unsere Herzen denselben Takt haben.“ Jetzt waren ihre Wangen dunkelrot und beschämt blickte sie zur Seite. „Es hört sich ganz schön albern und kitschig an, ich weiß. Aber ich kann es nicht anders in Worte fassen.“ Lola lächelte verstehend. „Und warum hat es dann geendet?“
Ninas Augen wurden dunkel vor Schmerz, ihre vollen Lippen pressten sich aufeinander, bis nur noch ein schmaler Strich zu sehen war. „Das weiß ich nicht genau. Irgendwann bekam ich zu hören, es wäre immer nur um mich gegangen, es wären Alles nur meine Wünsche und Ziele gewesen und diese Liebe würde Alles zerstören. Es wäre kein Platz mehr zum atmen und Niemand von uns wäre mehr er selbst.“ Sie räusperte sich, um die erneut aufkommenden Tränen zu verdrängen. „Im Nachhinein betrachtet sieht es so aus, als hätten wir niemals zusammen gepasst, das Gefühl, sich zu kennen und sich blind vertrauen zu können war plötzlich weg. Ich saß mit einer völlig fremden Person da und flehte sie an, zu mir zurück zu kommen. Doch diese Person war eine vollkommen Andere, als die, mit der ich vorher zusammen gelebt hatte. Wir hatten keinerlei Gemeinsamkeiten mehr und alle Wünsche und Pläne waren verschwunden, sie waren nur noch eine Last.“ Sie verstummte und ihr Blick wanderte unruhig umher. Es fiel Nina noch immer unglaublich schwer darüber zu reden, es schnürte ihr die Brust ab und das Atmen fiel ihr mit Jedem Wort schwerer. „Das tut mir leid.“ Lola schluckte betroffen. „Da habt ihr euch aber in einer sehr unguten Kombination zusammen gefunden, so etwas sollte normalerweise nicht passieren.“ Nina hatte nur mit halbem Ohr hingehört, sie war in ihrem Schmerz gefangen und versuchte das Schluchzen, das ihr immer wieder entfuhr, unter Kontrolle zu bekommen. „Hört sich nach einem Reflektor an“, murmelte Lola mehr zu sich selbst, doch Nina schaute sie fragend an. „Was ist ein Reflektor?“ wollte sie wissen, doch ihre Gefährtin winkte eilig ab. „Dazu kommen wir später, aber ich verstehe jetzt, warum es dich so aus der Bahn geworfen hat, dass du in den See steigen wolltest.“ Sie beschleunigte ihren Schritt, als wolle sie Nina und weiteren Fragen entkommen, doch diese dachte gar nicht daran sich abschütteln zu lassen und zog das Tempo ebenfalls an. „Zählt diese Frage auch zu den Dingen, die ich momentan noch nicht wissen darf?“ bohrte sie weiter. Lola nickte zögernd und wich ihrem Blick aus. „Sagen wir einfach, es ist keine Liebe, wovon du da sprichst, den Rest erkläre ich dir später.“ Vollkommen verdattert war Nina stehen geblieben. „Es ist keine Liebe?“ fragte sie entrüstet. Lola schüttelte vehement den Kopf. „Nein, für dich fühlt es sich so an, aber ich versichere dir, es hat nicht das Geringste mit Liebe zu tun.“
Der Weg machte vor ihnen eine scharfe Rechtskurve und Lola atmete erleichtert auf. Endlich hatten sie das Ziel für die heutige Etappe erreicht. Nina war ein paar Schritte hinter ihr und schnaubte verächtlich. „Wenn das keine Liebe war, WAS ist dann bitte Liebe?“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. „Das ist das erste Mal, dass du eine richtige Frage stellst“ lächelte Lola begeistert. „Was genau ist Liebe und was bedeutet sie.“ Sie legte Nina versöhnlich einen Arm um die Schulter und schob sie ein Stück vor sich her. „Ich denke, dort wirst du eine Antwort darauf finden.“ Sie deutete auf ein Häuschen, das vor ihnen auf einer kleinen Anhöhe aufgetaucht war. Seine Wände waren aus groben Felssteinen gezimmert, das Dach schien mit Stroh bedeckt und aus einem kleinen gemauerten Schornstein kräuselte sich träge eine Rauchwolke in den Abendhimmel hinein. Fasziniert nahm Nina jedes Detail in sich auf, ein solches Haus hatte sie noch nie gesehen und die Lage, so direkt am Waldrand, umgeben nur von kilometerweiten Wiesen und Feldern, war schlicht und ergreifend atemberaubend. Je näher sie kamen, desto deutlicher stieg ihnen der Geruch von frischem Brot und etwas Würzigem in die Nase. Lola beschleunigte ihre Schritte und Nina tat es ihr nach. Zu ihrer Überraschung begann ihr Magen hungrig zu knurren und der Geruch lies ihr das Wasser im Mund zusammen laufen.
Sie hatten das Haus fast erreicht, als die Tür aufschwang und ein großgewachsener, bärtiger Mann mit ausladendem Bauch, sich in ihr Blickfeld schob. Er trug ein braunes Hemd und schwarze, weite Stoffhosen. Das Hemd war über seiner behaarten Brust nur halb geschlossen und flatterte leicht im Abendwind, als er auf sie zugestürmt kam. „Lola!“ donnerte seine Stimme ihnen entgegen und er packte Lola um die Hüfte, hob sie mühelos hoch und drückte sie überschwänglich an sich. „Ist das eine Überraschung, ich bin hoch erfreut, dich mal wieder als Gast in unserem Hause begrüßen zu dürfen.“ Er setzte sie vorsichtig wieder auf die Füße und Nina konnte das Strahlen in Lolas Gesicht sehen. Auch sie schien sich über dieses Wiedersehen sehr zu freuen. „Nina, das ist Harold, ein alter Freund und Bekannter von mir.“ Sie wandte sich wieder an den Mann. „Wir sind auf der Durchreise und würden gerne bei dir Rast machen. Hast du ein Nachtlager und eine Mahlzeit für uns übrig?“
Ein laut dröhnendes Lachen folgte. „Ob ich ein Nachtlager und eine Mahlzeit für euch habe? Was ist denn das für eine Frage? Kommt rein, Maggi wird begeistert sein.“ Er schob die beiden Frauen auf das Haus zu und rief, noch bevor sie die Tür erreicht hatten: „Maggi mein Liebes, stell noch zwei Teller mehr auf den Tisch, wir haben Gäste.“
Wenig später saßen sie zu viert um einen kleinen runden Holztisch herum. Vor Ihnen dampfte ein, köstlich riechender, Eintopf in kleinen Schalen und Maggi ließ gut gelaunt einen Korb mit frischem Brot herum gehen. Sie war Nina sofort sympathisch gewesen. Klein, relativ rund, mit roten Wangen und einem blonden Wuschelkopf, den sie mit einem braunen Tuch zu bändigen versuchte. Sie lächelte breit und hatte die beiden unerwarteten Gäste herzlich in Empfang genommen. Nina löffelte die deftige Suppe hungrig in sich hinein und beobachtete, wie Lola und Harold sich angeregt miteinander unterhielten. Maggi nickte hin und wieder zustimmend. Als er von dem Leben hier am Rand des Waldes redete und von den Schwierigkeiten berichtete, die ein Unwetter ihnen bereitet hatte, ein Teil ihrer Ernte war zerstört worden, hielt sie sich aber größtenteils aus der Unterhaltung raus.
„Wen hast du uns da eigentlich mitgebracht?“ Harold musterte Nina neugierig und plötzlich waren drei Augenpaare auf sie gerichtet. Verunsichert ließ Nina den Löffel, den sie eben hatte in den Mund schieben wollen, wieder in die beinahe geleerte Schale zurück sinken. Lola grinste breit. „Das ist Nina, ich habe sie eingeladen, mich auf dieser Reise zu begleiten. Da sie gerade keine anderweitigen Verpflichtungen hatte, hat sie das Angebot gerne angenommen.“ Harold grinste und Maggi lächelte vielsagend, als wüsste sie mehr, als das was Lola ihnen gerade verraten hatte. „Und, wie weit seid ihr schon gekommen?“ Harold ließ seinen Blick nun zwischen Ihnen hin und her wandern. „Ehrlich gesagt, ist das unsere erste Station“, antwortete Lola gutgelaunt. „Es liegt also noch ein ganzes Stück Weg vor uns.“ „Verstehe“, brummte der bärtige Mann und stopfte sich ein Stück des frischen Brotes in den großen Mund. Lola bedachte Nina mit einem seltsamen Lächeln, ihre Augen schienen ihr eine Botschaft zukommen lassen zu wollen. Gerade öffnete Nina den Mund, da wandte Lola sich wieder an Harold. „Sag mal großer Mann, du bist doch früher viel rumgekommen?“ Bestätigend nickte er und grinste breit. „In jüngeren Jahren ließ sich das nicht vermeiden. Aber seit ich mein Prachtweib hier habe“, er griff mit seiner großen Pranke liebevoll nach Maggis kleinerer Hand, „seitdem bin ich nirgendwo lieber als hier bei ihr.“ Seine Frau lehnte sich kurz an seine Schulter und hauchte ihm einen kleinen Kuss auf die Wange. „Du Charmeur“, seufzte sie, erhob sich und begann die geleerten Schüsseln abzuräumen.
„Ist dir irgendwann schon Mal eine verlorene Seele begegnet? Oder hast du von einer Solchen gehört?“ Harold war gerade im Begriff, seiner Frau den Brotkorb zu reichen, hielt aber mitten in der Bewegung inne.