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Nach ihrer langen Krankheit beginnt Sina wieder in der Redaktion zu arbeiten. Gleich am ersten Tag erhält sie eine mysteriöse E-Mail. Gemeinsam mit ihren Kollegen Mareike und Marcus beginnt sie zu recherchieren und sie treffen auf einen Sumpf von Drogen und Korruption. Doch die Fäden ziehen sich auch immer enger um den Mann, den sie liebt. Ist er in diese Angelegenheit involviert? Gefährlich wird es, als sich Verbindungen zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber in den USA offenbaren. Kann sie das Spiel mit dem Feuer gewinnen?
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Spiel mit dem Feuer
J J CULLEN
Liebesroman
Copyright © 2016 J J Cullen
All rights reserved.
ISBN-10:1522964681
ISBN-13: 978-1522964681
Nach einer unruhigen Nacht erwachte Sina, blickte auf den neben ihr stehenden Wecker. Er hatte noch nicht geklingelt. Um aufzustehen, war es noch viel zu früh. Länger wollte sie jedoch nicht im Bett liegen bleiben. Schließlich war heute ihr erster Tag, nachdem sie eine lange Zwangspause hatte einlegen müssen. Die Aufregung, wie sie von den Kollegen aufgenommen werden würde, plagte sie schon in ihren Träumen.
Wieder waren da diese Gedanken an die für sie nicht einfache Zeit. Gleichzeitig schossen ihr viele Fragen durch den Kopf. Wie würden die Kollegen auf sie reagieren? Würde sie ihre Arbeit gut machen können? Viele unausgesprochene Dinge zwischen ihr und Mareike standen noch immer wie eine Wand zwischen ihnen. Dabei waren sie Freundinnen gewesen, hatten viel gemeinsam geteilt. War es doch Mareike gewesen, die sie gerettet hatte, auch wenn sie ihr zum damaligen Zeitpunkt nicht dankbar dafür war. In ihrer ersten Reaktion keifte sie die Freundin an, beschuldigte sie sogar, sich an ihrem Leid zu weiden, ihr die ersehnte Ruhe nicht zu gönnen.
All das musste und wollte sie mit Mareike noch einmal in aller Ruhe besprechen. Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte sie sich vollständig aus ihrem alten Leben zurückgezogen, wollte wieder zu sich finden. Eine scheinbar nicht enden wollende Therapie tat ihr gut, auch wenn sie sich innerlich dagegen auflehnte.
Nun galt es aber erst einmal, sich für diesen wichtigen Tag vorzubereiten. Aufgeregt war sie, in ihrem Bauch grummelte es. Zu ihrem Spiegelbild sagte sie: »Ich weiß, dass du es schaffen wirst. Hab’ Vertrauen.« Bestätigend nickte sie sich selbst zu.
Vor der Redaktion angekommen, stand sie noch abwartend vor der Tür, nahm all ihren Mut zusammen, zog die Schultern nach hinten, drückte die Klinke nach unten und betrat mit Herzklopfen die Räume, die sie so vermisst hatte.
Ein eigenartiges Gefühl beschlich sie. Sina sah sich um. Es war niemand zu sehen.
War sie zu früh? War sie die erste heute? Eigenartig.
Unsicheren Schrittes ging sie den langen Korridor entlang, dorthin, wo ihr Büro lag. Auch auf dem Weg begegnete ihr keiner ihrer Kollegen. Aus den Büros rechts und links hörte sie kein Gemurmel, wie sie es gewohnt war. Zögernd öffnete sie die Tür ihres Büros, stellte sich vor, wie es nach einem Vierteljahr wohl aussehen mochte. Das Schloss sprang auf. Vorsichtig öffnete sie die Tür nur einen Spalt breit. Behutsam schob sie sie weiter auf und …
Nein, das konnte nicht wahr sein. Da standen sie alle. All ihre Kollegen riefen wie aus einem Mund: »Herzlich willkommen zurück, Chefin.«
Ganz vorn erblickte sie Mareike und Marcus. Sie waren in den letzten Monaten für sie da gewesen. Hatten ihr geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Lange hatten sie sie in Ruhe gelassen, so wie sie es gewollt hatte. Doch dann, irgendwann klopften sie wieder an, erzählten ihr vom Alltag in der Redaktion. Sie war also immer über alle wichtigen Vorkommnisse informiert.
Sina war überwältigt, konnte ihre Gefühle nicht zurückhalten. Mareike stürmte auf sie zu, umarmte sie.
»Ich bin so froh, dich hier wieder zu sehen«, flüsterte sie Sina ins Ohr.
Dabei betonte sie das Wort hier sehr bewusst.
»Danke dir. Ich auch. Ich bin auch froh, wieder hier zu sein«, entgegnete sie leise.
Der Kloß in ihrem Hals war nicht zu überhören. Als sich Mareike von ihr löste, sah sie Marcus vor sich stehen.
»Hallo Chefin«, begrüßte er Sina. »Schön, dass du wieder da bist. Auf ein Neues.«
Mit diesen Worten hielt er ihr ein Glas Prosecco hin.
»Im Namen aller Kollegen wollen wir dich ganz herzlich hier wieder begrüßen. Wie du siehst, haben wir nichts verändert«, sagte er.
Sina lugte an ihrem Kollegen vorbei. Sie konnte kaum glauben, was sie sah. So, wie sie ihr Büro verlassen hatte, war noch alles vorhanden. Rührung erfasste sie. Sie konnte sich nicht zurückhalten. Ein Sturzbach ergoss sich aus ihren Augen über ihr so sorgfältig geschminktes Gesicht. Sie wollte schnell die Tränen wegwischen, verschmierte dabei jedoch ihr gesamtes Make-up.
»Das war jetzt aber nicht so gut«, neckte Mareike ihre Freundin mit einem Lachen auf dem Gesicht und versuchte mit den Fingern die verschmierte Wimperndusche wegzuwischen.
Leider ohne Erfolg. Das Schwarz schien sich eher zu vermehren. Sina lachte. Seit langem wieder konnte sie sich an etwas erfreuen.
»Lass mal. Ich gehe besser zur Toilette und mache das vor dem Spiegel selbst. Ich glaube, das ist besser«, entgegnete sie.
»Aber beeil dich. Du weißt, … Es ist Montag und wir müssen die nächste Ausgabe planen … Wenn ich dich erinnern darf. Heute ist der Tag der Redaktionssitzung.«
Liebevoll klangen die Worte aus Mareikes Mund.
Ein dankbares Lächeln huschte über Sinas Gesicht.
»Danke, ich weiß es noch. Schließlich habe ich keinen Gedächtnisausfall«, gab sie kess zurück. »Ich beeil mich.«
»Das will ich hoffen. Die anderen sitzen schon im Besprechungsraum«, mahnte Mareike.
Sina hatte nicht bemerkt, wie sich die Kollegen aus dem Raum gestohlen hatten, um sich im Konferenzzimmer zu versammeln.
Erleichtert über ihren Neueinstieg tänzelte sie in die Toilette, um sich die schwarzen und mittlerweile getrockneten Bäche zu entfernen. Diese Begrüßung hatte sie nicht erwartet. Sie stützte sich auf dem Waschbecken ab, sah sich an.
»Du hast ganz schönes Glück gehabt mit diesen Kollegen«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.
Sich dieser Situation bewusst, kam sie sich wie eine Fremde vor, die sie da eben aus dem Spiegel ansah. Sie hatte sich allen Ernstes wegen eines Mannes das Leben nehmen. Noch dazu wegen eines Mannes, der ihre Gefühle nicht zu schätzen wusste. War sie denn von allen guten Geistern verlassen gewesen?
»Anscheinend schon«, antwortete sie sich auf die leise gestellte Frage.
Noch immer war ihr schleierhaft, weshalb es überhaupt so weit gekommen war. Schließlich war sie eine gestandene Frau, wie man so landläufig gern bezeichnet. Hatte sich in diversen Auslandseinsätzen als Journalistin bewährt. Doch dann das … Unverständnis zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
»Nutze die Gelegenheit und beginne ab heute neu«, ermunterte sie sich. »Durch diese blöde Aktion hättest du deine Stelle verlieren können. Mareike und Marcus müssen viel getan haben, dass man in der oberen Etage im Norden Deutschlands nicht mitbekommen hatte, was wirklich passiert war. Warum kommt dir eigentlich erst jetzt dieser Gedanke? Weshalb bist du nicht schon früher darauf gekommen?«
Mit einem hilflosen Schulterzucken antwortete sie sich selbst.
»Nun beeil dich. Du wirst erwartet. Chefin.«
Ein mit Tatendrang gefülltes Lächeln spiegelte sich wieder. Zufrieden, dankbar und voller Elan.
»Willkommen zurück im Leben, Sina.«
Mit diesen Worten reinigte sie ihr Gesicht mit wenigen, aber geübten Handgriffen.
Schnell war sie zurück, trat in den Besprechungsraum, wo die Blicke neugierig auf sie gerichtet waren. In diesem Moment merkte sie, dass sie die notwendigen Unterlagen vergessen hatte und war schon im Begriff, schnell noch einmal in ihr Büro zu hasten.
»Sina«, hielt Marcus sie zurück.
»Weil es dein erster Tag ist, haben wir dir schon mal alles vorbereitet. Das gilt aber nur für heute.«
Ein verschmitztes Lächeln bekräftigte seine Worte. Mit den Fingern zeigte er auf die Unterlagen, die vor ihr lagen und die sie noch nicht wahrgenommen hatte.
»Danke. Ihr seid so nett zu mir«, gab sie nur kurz zurück. Mehr konnte sie in diesem Moment nicht sagen, denn ein Kloß der Überwältigung hinderte sie an weiteren Worten.
»Ich möchte mich erst einmal für eure liebevolle Begrüßung bedanken«, begann sie die Redaktionssitzung.
»Ich bin froh, wieder hier sein zu können …«
»Und du siehst gut aus«, warf Mareike ein, die aller Wahrscheinlichkeit nach ihre zittrige Stimme gehört hatte.
Sinas Antwort war ein Grinsen.
Schnell überflog sie die Themen, die sie von der Hauptzentrale erhalten hatte. Ebenso schnell waren sie alle verteilt.
Ganz unten lag da noch eine Mail, die sie besonders interessierte. Sina las intensiv.
Sie las die Mail laut vor. Ein Raunen erfasste den Raum. Die Nachricht wühlte die Kollegen ebenso wie sie auf. Erwartungsvoll sahen sie sie an, denn sie waren gespannt, was Sina als Chefredakteurin zu dieser Mail sagen würde.
Was da stand, konnte sie kaum glauben. Der Schreiber behauptete, dass es in ihrer Nähe einen Drogendealerring gibt, der seine Drogen in den Swinger Clubs im Umkreis absetzen würde. Zum Schluss hatte der Absender noch hinzugefügt, dass die Drogen auf einem sehr ungewöhnlichen Weg kommen würden. Die harte Anschuldigung roch förmlich nach sogenanntem Investigativ-Journalismus.
Wenn das stimmt, dann ist das eine große Kiste, ging es ihr durch den Kopf. Gleichzeitig, als sie ›Bundeswehr‹ und ›Afghanistan‹ las, erinnerte sie sich wieder an ihre zerbrochene Liebe. Semih, schwirrte ihr sein Name durch ihre Erinnerung. Würde er nie mehr aus ihrem Leben verschwinden?
Wer würde aber so etwas behaupten, wenn er keine Beweise dafür hätte? Brand heiß, diese Story. In ihrer Zeit in den USA hatte sie derlei Geschichten oft und gern recherchiert. Wusste aber auch, dass sie sehr gefährlich werden konnten. Doch hatte sie das damals nicht davon abgehalten. Und heute? Noch immer verspürte sie den Drang nach Abenteuer, nach dem Außergewöhnlichen. Ihr Entschluss stand fest.
»Was sagst du denn dazu?«, riss Marcus sie aus ihren Grübeleien. Sina zuckte zusammen.
»Entschuldigung, habe ich dich geweckt?«, neckte er sie.
Sina schüttelte den Kopf.
»Nein, Marcus, du hast mich nicht geweckt. Aber ich bin geschockt von dem, was da steht«, gestand sie.
»Das ist ein echter Hammer«, warf Mareike ein.
Sina nickte nur zur Antwort, musste die Neuigkeiten erst einmal sacken lassen.
Während sie noch in ihren Gedanken gefangen war, hörte sie wie durch Nebel Mareikes laut ausgesprochene Vermutungen.
»Na, wenn da mal nicht dein Semih mit drin steckt.«
Die Worte trafen Sina wie ein Schlag. Seit ihrem Aufenthalt im Krankenhaus hatte sie nichts mehr von ihm gehört, erfuhr nur von ihren beiden Freunden, dass er wohl jeden Tag vor der Klinik stand und zu ihrem Fenster hochsah. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Marcus die Freundin anstupste.
Kannst du deine Idee nicht für dich behalten, sagte sie leise zu Mareike, auch wenn sei wusste, dass im umgekehrten Fall ihr genau die gleichen Worte über die Lippen gekommen wären. Doch Mareike schien sofort, als die Worte hervorgesprudelt waren, gemerkt zu haben, dass sie sich vorschnell geäußert hatte, denn sie biss sich sofort auf die Unterlippe, die jegliche Farbe verlor.
Semih? Drogen? Nein, unmöglich, ganz unmöglich. So wie sie ihn kennen gelernt hatte, traute sie ihm viel zu, aber er war so auf seinen Status bedacht, dass sie ihm niemals zugetraut hätte, dass er in Verbindung mit Drogen stand.
Jeder andere, aber nicht ihr Semih.
Ihr Semih? Ein bitteres Lachen entschlüpfte ihr, das auch für die anderen Anwesenden hörbar war.
»Hast du eigentlich schon wieder mal was von ihm – du weißt schon, wen ich meine – gehört?«, fragte Mareike in die Runde. Unterbrach damit Sinas Grübeleien.
Sina schüttelte den Kopf.
»Nein, … und … ich glaube, es ist auch gut so, … auch wenn ich ihn immer noch liebe«, gestand sie.
Sinas Worte klangen wie die eines kleinen Mädchens, das soeben ein großes Geheimnis verraten hatte, obwohl sie sich sicher war, dass Mareike ihre Gefühle erahnte.
Mareike neigte den Kopf zur Seite.
»Du hast jetzt nicht gesagt, … dass du den Mann noch immer liebst?«, fragte sie ungläubig.
Sina nickte langsam und betont.
»Doch Mareike. Doch … ich … ich liebe ihn noch immer. … Kann ihn nicht vergessen«, untermauerte sie ihre eben gesagten Worte.
»Gibt es noch was?«, unterbrachen die anderen Kollegen die Diskussion der beiden Frauen, sichtlich peinlich berührt.
»Nein, wir sind so weit fertig. Ihr könnt euch schon an eure Arbeit machen«, beendete Sina die Redaktionssitzung.
Dass noch die anderen anwesend waren, hatte sie durch den Inhalt der Mail völlig ausgeblendet. Die Kollegen verließen schnell den Raum, wollten nicht länger dem Gespräch beiwohnen. Die Gesichter zeigten, wie unwohl sie sich fühlten und dass sie froh waren, sich erlaubterweise wegzustehlen.
Als die Tür ins Schloss fiel, begann Mareike erneut, die Freundin davon zu überzeugen, sich von diesem Mann auch innerlich zu verabschieden.
»Hast du vergessen, …«
Abwehrend hob Sina die Hand, unterbrach die Freundin.
»Ich habe nichts vergessen. Ich weiß, … was er mir angetan hat. Das alles brauchst du mir nicht noch einmal zu sagen. Ich wollte mich …« Es fiel ihr noch immer schwer, sich einzugestehen, dass sie versucht hatte, sich mit Alkohol aus dem Leben zu verabschieden, weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte.
Sie geriet noch immer bei dem Gedanken daran ins Stocken. Wollte sich ihren Selbstmordversuch nicht eingestehen.
»… mit Alkohol der Schmerzen entledigen, die mir seine Liebe zugefügt hatte.«
Nun war es heraus.
»… und du kannst froh sein, dass wir so gut lügen können, denn ansonsten wärst du … in die Geschlossene gekommen. Du warst schließlich Suizid gefährdet.«
Die unangenehme Wahrheit schlug ihr entgegen. Soweit hatte sie bisher noch nicht gedacht.
»Nun mal langsam, Mareike.«
Sina hatte ihre Stimme erhoben.
»Mir ist durchaus bewusst, was ihr für mich getan habt …«
»Darum geht es doch gar nicht, Sina.«
Erst jetzt fiel Sina auf, dass Marcus noch im Raum war. Stillschweigend saß er auf seinem Stuhl, hörte den beiden zu. Seine Mimik verriet nichts. Nichts von dem, was er dachte.
Sina forschte in seinem Gesicht.
»Für all das … bin euch unendlich dankbar. … Vergesse euch das nie. Aber … mein Verstand … und … mein Herz sind … zwei unterschiedliche Wesen.«
Die letzten beiden Worte ließen sie grinsen.
»Und dein Herz ist immer noch in ihm gefangen?«, hakte Marcus nach.
Ob es eine Frage oder eine Feststellung war, ließ sich aus der Intonation nicht eindeutig schlussfolgern.
Eine nickende Antwort von Sina bestätigte allerdings seine Aussage.
»Jeden Tag denke ich an ihn … Vermisse ihn … Fühle mich innerlich zerrissen. Es ist also nichts anders als zuvor. Nur eines hat sich verändert. … Ich kann jetzt damit umgehen«, gab Sina unumwunden zu.
Sie sah von Mareike zu Marcus und wieder zurück. Ihre schonungslose Offenheit schien beide in eine Starre zu versetzen.
»Habt ihr wirklich gedacht, dass ich aus dem Krankenhaus entlassen werde und ich nicht mehr an ihn denke. Man hat mir dort schließlich keine Gehirnwäsche verpasst«, fügte sie noch hinzu.
»Wenn ich ehrlich bin …«, begann Mareike.
»… also wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mir das genauso vorgestellt«, gestand sie.
Bestimmendes Kopfschütteln.
»Nein, meine Liebe, so funktioniert es leider nicht. Sicher wäre es schön, wenn es auf diese Art und Weise machbar wäre. Aber leider ist das Leben anders.«
Bei diesen Worten sah Sina die Freundin an, versuchte herauszufinden, wie sie reagierte.
»Schade«, entgegnete Mareike und holte tief Luft.
Sina verzog ihren Mund, gab ihr zu verstehen, dass sie den Wunsch von Mareike nachvollziehen konnte.
Sina wollte ihre Liebe nicht weiter diskutieren.
»Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns jetzt unserem Thema widmen«, begann sie.
»Habt ihr beiden Lust, gemeinsam mit mir, die Anschuldigung des anonymen Schreibers zu verfolgen?«
Dabei sah sie von Marcus zu Mareike, um zu sehen, was sie dachten.
Marcus nickte langsam, aber mit Nachdruck. Er war also bereit.
Mareike verzog ihren Mund zu einer zögernden Grimasse. Sie schien noch nicht so recht überzeugt.
»Was hält dich davon ab?«, fragte Sina.
»Hm…«, kam es unschlüssig aus ihrem Mund.
»Was hast du einzuwenden. Sag’ es doch«, forderte Sina.
In ihrem Ton schwang eine leichte Ungeduld mit.
»Ich weiß nicht«, entgegnete die Freundin und Kollegin.
Sina sah sie mit leicht aufgerissenen Augen an, die erneut eine konkrete Aussage von Mareike forderten.
Mareike atmete unüberhörbar ein.
»Was ist, wenn an der Sache etwas dran ist?«
»Ja, das wollen wir doch hoffen«, warf Marcus kampfeslustig ein.
Er hat keine Ahnung, auf was er sich dann einlassen würde, dachte Sina.
»Habt ihr schon mal daran gedacht dass es dann auch für uns gefährlich werden kann?«, gab Mareike zu bedenken.
»Wir müssen eben aufpassen. Unsere Sicherheit geht selbstverständlich vor«, versuchte Sina Mareikes Bedenken zu zerstreuen.
»Das ist meine Bedingung. Falls die Nachforschungen in eine Richtung laufen, die wir nicht mehr im Griff haben, brechen wir die Aktion ab. Könnt ihr mir das versprechen, bin ich mit dabei.«
Das war eine klare und eindeutige Ansage der Kollegin.
»Okay. Aber ich habe niemals gedacht, dass du so ein Hasenfuß bist«, lachte Sina.
»Na dann, lasst uns die Arbeit beginnen. Zuerst müssen wir uns einen Überblick verschaffen, wie wir am besten anfangen. Ich denke, wir sollten erst einmal im Netz stöbern, ob es bereits Artikel über Drogenschmuggel aus Afghanistan gibt.«
Marcus nickte zustimmend.
»Am besten wird es sein, wenn wir uns die Arbeit dabei aufteilen«, schlug er vor.
»Also dann los.«
Sinas Gesicht zeigte ihren Enthusiasmus und ihre Bereitschaft, wieder mit ganzem Einsatz zu arbeiten. Wollte sie die offen ausgesprochenen Verdächtigungen widerlegen?
***
Mareike betrachtete die Freundin mit gemischten Gefühlen. Obwohl sie froh war, dass Sina mit großem Elan an die Arbeit ging, befürchtete sie, dass die Nachforschungen für Sina unangenehme Wahrheiten zutage fördern könnten.
Dann war da noch ihr Geständnis, dass sie Semih noch immer liebte. Dabei hatte sie so gehofft, dass Sina mit ihm abgeschlossen hatte. Hatte sie doch geglaubt, dass die letzten drei Monate Sina geholfen hätten, diesen Mann zu vergessen. Doch weit gefehlt. Anscheinend fühlte sie noch immer tiefe und innige Liebe für ihn. Für den Mann, der sie beinahe in den Selbstmord getrieben hatte.
Bei der Erinnerung, wie sie Sina in ihrem Apartment vorgefunden hatte, stiegen ihr erneut Tränen in die Augen. Hatte den grausigen Anblick der Freundin vor Augen. Dennoch fühlte sie sich außer Stande, sie vor weiterem Schaden zu bewahren. Sollte sie nicht trotz aller inneren Widersprüche hoffen, dass die Ermittlungen auf Semih verweisen sollten? Ein innerer Kampf tobte in Mareikes Seele.
Wie würde Sina arbeiten, wenn sich erste Hinweise ergeben würden, dass Semih in die Drogenaktion involviert wäre. Käme es dann zu einem Abbruch der Recherche? Oder würde Sina Informationen vorenthalten. Nach all dem, was Mareike bisher erlebt hatte und das unverhohlene Geständnis ließen sie daran zweifeln, dass Sina für diese Story geeignet sei. Doch von dieser heißen Story konnte sie keiner abbringen. Das ging selbst Mareike ein.
Lag in der Vorgehensweise von Sina ein wenig Besessenheit. Suchte sie die Unschuld des Mannes oder brauchte sie gar einen hieb-und stichfesten Beweis dafür, dass er nicht nur in Herzensdingen unberechenbar war?
Mareike kam zu keinem Schluss. Die Fragezeichen kreisten über ihrem Kopf und sie war froh, dass keiner sie sehen konnte.
***
»Dann schlage ich vor, dass wir uns das Internet vornehmen, nach entsprechenden Seiten und bereits veröffentlichten Artikeln suchen. Die Seiten notieren wir uns, um dann die Recherche aufzuteilen«, riss Sina die Freundin aus ihren Gedanken.
»Wir sollten die Suche mit unterschiedlichen Schlagwörtern beginnen«, warf Marcus ein.
»Eine gute Idee.«
»Ich werde Bundeswehr, Drogen und Afghanistan nehmen«, teilte Marcus mit.
»Ich suche einfach nur nach den Begriffen Drogen und Afghanistan«, erwiderte Sina.
Sie sah Mareike an.
»Und wie ist es mit dir?«
Mareike schreckte sichtbar aus ihren Gedanken auf, in die sie wieder verfallen war.
»Äh …«, stotterte sie.
Schnell hatte sie sich jedoch wieder gefasst.
»Ich suche nach …«
Dass sie darum kämpfte, die richtigen Stichwörter zu finden, war ihrem Gesicht anzusehen.
»… also …«
Wieder kam kein geistvoller Blitz in ihren Kopf. Sina sah sie an, wollte schon etwas sagen, als ihr Marcus zuvorkam.
»Ich denke, du solltest nach Soldaten, Auslandseinsatz, Drogen und Afghanistan suchen. Was hälst du davon?«
»Sind zwar mehr Begriffe, als ihr habt …«
»… dafür hast du jetzt geträumt«, beendete Sina ihren angefangenen Satz lächelnd.
Mit einer bestätigenden Kopfbewegung stimmte Mareike zu.
»Ja, du hast wohl recht. Wer nicht bei der Sache ist, muss eben mit dem Rest vorlieb nehmen«, ergänzte sie erheitert. Marcus und Mareike erhoben sich.
»Lasst uns an die Arbeit gehen«, forderte Marcus.
Sina saß noch immer da.
»Was ist? Gibt es noch was?«, fragte er, als er feststellte, dass Sina keine Anstalten machte, aufzustehen.
»Ja… Ich werde mich wieder auf der Seite mit den bunten Buchstaben anmelden, um besser zu sehen, wie er sich dort bewegt.«
Sie konnte auf den Gesichtern der beiden Kollegen lesen, dass sie diese Idee gar nicht gut fanden.
»Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?«, gab Mareike zu bedenken.
»Ja ist es«, antwortete Sina entschieden.
Marcus zog seine rechte Augenbraue hoch, dokumentierte damit, dass er die Idee überhaupt nicht gut fand, aber wusste, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Sie gingen gemeinsam aus dem Besprechungsraum und in ihre Büros, um mit der Suche nach geeignetem Material zu beginnen.
Sina ist zum Glück wieder zu Hause. Wie es ihr wohl geht? Verdammt noch nie hat sich bisher eine Frau so in ihn verliebt, dass sie lieber gestorben wäre, als er sie auf seine ihm eigene Art freigegeben hatte. Was geht in ihr vor? Hätte ich sie das fragen sollen, als sie noch im Krankenhaus lag? Aber die Blamage, dass sie mich nicht zu sich lassen würde, wollte ich mir auch ersparen. Bin ich ein Feigling?
Doch das, was passiert ist, habe ich schließlich nicht gewollt. Letztendlich hat sie beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Glücklicherweise hat es nicht geklappt, denn mit diesem Wissen zu leben, das wäre schon für mich ein Problem.
Semih saß in seinem Wohnzimmer, grübelte hin und her. Vor ihm lag das Smartphone, das ihn hämisch angrinste.
»Was grinst du so?«, fragte er laut an das Telefon gewandt.
Heute Morgen hatte Sina ihre Wohnung früh verlassen. Bisher war er täglich morgens vor seinem Dienstantritt zu ihr gefahren, parkte in sicherer Entfernung, so dass er zwar sehen konnte, wenn sie die Wohnung verließ, sie ihn aber nicht sehen würde. Heute dann gab es die so sehr von ihm ersehnte Entwarnung.
Gegen halb acht ging sie aus ihrer Wohnung. Also war sie wieder in die Redaktion gefahren. Spätestens jetzt würde sie von den beiden, die sie jeden Tag besucht haben, erfahren, dass er auch jeden Tag vor der Klinik stand.
Irgendwie hatte er es geschafft, herauszufinden, in welchem Zimmer sie lag. Es hatte Blick auf den kleinen Park. Dort postierte er sich unsichtbar für sie hinter einem großen Rhododendronbusch und sah nach oben, hoffte, sie käme auf den kleinen Balkon, würde ihn erkennen. Gleichzeitig war er froh, dass es nicht geschah. Wie hätte sie reagiert, wenn sie ihn erblickt hätte?
Er fühlte sich unwohl in seiner Haut, zumal auch sein bester Freund Emre ihm große Vorwürfe gemacht hatte. Was hatte er noch mal gesagt?
»Es war ja klar, dass dein Verhalten Frauen gegenüber irgendwann mal so enden musste.«
Das waren harte Vorwürfe. Immer wieder forderte Emre ihn auf, Sina anzurufen, mit ihr zu sprechen. Doch er schaffte es nicht. Was sollte er ihr sagen? Wie sollte er mit ihr sprechen?
Er fühlte sich hilflos. Unfähig zu reagieren. Emre hatte sich zurückgezogen, wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben.
Seit dreißig Jahren waren sie befreundet, kannten sich schon aus dem Kindergarten. Und jetzt hatte er die Freundschaft einfach so beendet. Sicher hatte Emre ihn hin und wieder mal gewarnt, dass seine Vielweiberei ein böses Ende nehmen würde. Dass es so kommen würde, hätte selbst Semih nie erwartet. Dabei war es doch eigentlich anders bei Sina. Anders als bei all den anderen Frauen zuvor. Er … Er lehnte sich zurück.
Liebte er sie? Mochte er sie? Was war das? Ein komisches Gefühl war es. Was er nie erwartet hätte, war, dass Emre sich von ihm zurückzog. Er hatte doch nicht die Pest. Emre kannte sie nicht einmal.
Mit der Faust hieb er auf den Tisch. Das Smartphone machte einen Satz und plumpste wieder zurück.
Er griff danach, fühlte sich wie ferngesteuert. Mit dem Finger strich er über das Display, öffnete die Kontaktliste. Er hatte ihre Nummer zwar gesperrt, aber nicht gelöscht. Sina konnte ihn nicht erreichen, aber er sie. Immer. Wann immer er wollte. Wollte er heute?
Semih starrte auf Sinas Nummer. Der grüne Hörer zog seinen Finger magisch an. Er drückte darauf, hielt das Telefon von sich, schaltete stattdessen den Lautsprecher an. Es knackte. Der Rufton zeigte, dass das Telefon besetzt war. Sina telefonierte. Sie war also zu Hause. Denn das wusste er noch aus seiner Zeit mit ihr. Im Büro telefonierte sie nie mit dem Handy. Dafür nutzte sie das Festnetz. Auch ihn hatte sie anfänglich oft weggedrückt. Hatte ihm stattdessen eine SMS geschickt, dass sie zurückruft.
Irgendwie war er froh, dass Sinas Nummer besetzt war. Dennoch wollte er mit ihr sprechen. Startete erneut einen Versuch. Sie musste doch rangehen.
Würde sie überhaupt seinen Anruf annehmen? Oder würde sie ihn wegdrücken? Was empfand sie noch für ihn?
Was empfindest du für sie? Du lebst deine sexuellen Vorlieben aus. Testest Frauen. Bei ihr war es immer anders gewesen. War er in ihr, spürte er, wie sie ihn mit ihren Schamlippen umklammerte. Sie war relativ eng, obwohl … Süffisant lächelte er vor sich hin. Es war immer ein Erlebnis mit ihr. Doch auch das gemeinsame Zusammenleben, bevor er nach Afghanistan gegangen war, hatte ihm ein ganz eigentümliches Gefühl gegeben. Er fühlte sich das erste Mal angekommen. War er deshalb regelrecht geflüchtet? Hatte er ihr deshalb weh getan?
Ach, lasst mich doch in Ruhe. Warum quälst du mich so sehr, fragte er sein Gewissen. Um seinen inneren Konflikten zu entfliehen, ging er duschen. Wollte diese Qual von sich abspülen. Dass ihm das gelingen würde, daran zweifelte er trotzdem. Danach würde er es noch einmal versuchen. Er musste endlich wissen, was sie fühlte, wie es ihr ging. Sina, immer wieder Sina. Er konnte den Namen und die Frau nicht aus seinem Gedächtnis verbannen.
Während das warme Wasser über seinen gut gebauten Körper lief, dachte er über sich und sein Leben nach. In der Woche war er der brave Soldat, erfüllte alle Anforderungen. War bestrebt, seine Karriere auch nach seiner Dienstzeit zu sichern. War strebsam.
Und an den Wochenenden? Dann mutierte er zu einem Womanizer, der stets neue Frauen brauchte, den Kick im Sex suchte. Gefühle wie Liebe und Zuneigung hatte er schon längst ausgeblendet. Empfindungen hätten ihm sein Wochenendleben erschwert. Hauptsache, er hatte immer eine neue Frau. Doch jedes Mal war er enttäuscht. Es war ständig das gleiche. Hatte er sich verrannt? Suchte er nach etwas, was es gar nicht gab? Nichts ließ er aus. Sein Begehren nahm ständig zu und er überlegte schon, ob es nicht an den Präparaten lag, die er nahm, ums seinen Körper zu formen.
Egal, ob er sofort zu einer Frau nach Hause fuhr, die er übers Internet kennen gelernt hatte oder ob er Swinger Clubs besuchte. Irgendwann musste es doch das geben, wonach er suchte. Bisher immer Fehlanzeige. Dass er sich dabei selbst in eine gewisse Gefahr begab, ließ er völlig außer Betracht. Schließlich wählte er doch seine Opfer bewusst aus. Legte Wert darauf, dass sie gepflegt waren. Dem Äußeren nach. Dem Äußeren nach? Reichte das?
Mittlerweile hatte er seine Ansprüche schon etwas nach unten korrigiert. Er suchte eine Frau, die ihm auch finanzielle Sicherheit gab. Da war ihm das Aussehen egal. Wichtig war, dass sie Geld hatte. Und wenn sie älter war, auch uninteressant. Ältere Frauen standen auf Typen wie ihn, waren froh, wenn sie das Gefühl bekamen, begehrt zu sein.
Sehnte sich nach ausgefallenen Praktiken. Wollte Sex mit zwei Frauen haben. Wie würde das wohl sein? Um sich eine ungefähre Vorstellung zu verschaffen, sah er sich wieder und wieder Pornofilme an. Dreier zogen ihn besonders an. Bisher hatte er leider noch keine Frauen gefunden, die sich dafür bereit erklärt hätten.
Das Wasser lief, sollte den Schmutz, den er fühlte, abspülen. Doch stattdessen mehrten sich seine abartigen Vorstellungen. Waren sie denn wirklich so unnormal? Er wollte sich und das Leben austesten und auskosten. Wollte alles mitnehmen, was ein freies und unabhängiges Leben zu bieten hatte.
Noch nackt setzte er sich wieder vor den Computer, öffnete die Seite mit den bunten Buchstaben, auf der er auch Sina kennen gelernt hatte. Wieso dachte er schon wieder an sie. Es gab noch so viel andere Frauen. Seine Gedanken jedoch kreisten erneut um sie.
»Lass mich endlich in Ruhe«, rief er in die Stille.
»Es ist vorbei. Du hast es nicht akzeptiert, hast für dich beschlossen, dein Leben wegen mir zu beenden. Das ist nicht meine Schuld.«
Seine Worte klangen gefühllos und flehentlich zugleich. Sina übte auch auf die Entfernung eine unbeschreibliche Anziehung auf ihn aus und er konnte nicht sagen, warum. Besonders, ja das war sie. Aber wie war sie besonders? Wann immer er sie sah, war sie die Perfektion in Person. Perfekt gekleidet, perfekt geschminkt, perfekt in ihrem Job. Gesehnt hatte er sich nach so einer Frau. Doch konnte er ihre Ansprüche auch erfüllen? Ansprüche? Welche waren das? Er dachte lange nach, las dabei seine Nachrichten, die bei ihm eingegangen waren.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Welche Ansprüche stellte Sina an ihn? Er suchte in seiner Erinnerung. Fand keine. Sie wollte eigentlich nur einen Mann, der treu war, der sein Leben mit ihr teilte. Nach ihrem aufregenden Job wollte sie nur eine ganz normale Beziehung führen. War es das, was ihn von ihr wegtrieb? Ein eigentlich langweiliges Leben. Das führte er während der Woche. Samstags und sonntags brauchte er den Kick.
»Hallo, du siehst aber gut aus«, las er eine seiner Nachrichten.
»Danke, du auch«, schrieb er zurück.
»Was machst du beruflich?«
Was sollte er jetzt antworten? Es musste etwas sein, das diese Frau beeindruckte.
»Unternehmer«, schrieb er schnell.
Jetzt log er schon, um ans Ziel seiner Bedürfnisse zu kommen.
»Und du?«
»Ich bin Sekretärin«, kam die zögerliche Antwort.
Nicht das, was ich suche. Aber er brauchte wieder mal eine Frau, um sein angestautes Testosteron auszugleichen.
»Lass uns telefonieren«, forderte er sie auf und schrieb ihr schnell seine Handynummer.
Schon rappelte sein zweites Handy, das er sich zugelegt hatte, um nicht in unangenehme Situationen zu geraten. Wollte er eine Frau testen, wie er es nannte, teilte er ihr immer nur diese Zweitnummer mit. So vermied er es, dass unter Umständen sein Lebenswandel auch in seiner Familie auffliegen würde.
Er drückte sie weg und wählte selbst. Schließlich hatte er eine Flatrate.
»Hallo, ich bin der Simon«, begrüßte er sein Gegenüber.
»Hallo ich bin Iris. Schön, dass du gleich zurückgerufen hast«, ließ ihn die Fremde wissen.
Sina musste jetzt erst einmal warten. Er hatte ein neues Opfer an der Angel.
»Was machst du?«, fragte er.
»Im Moment gerade mit dir telefonieren. Und du?«
»Ich auch. Oder was glaubst du? Was hast du heute noch vor?«
»Hm. Eigentlich nichts. Warum?«
»Was hälst du davon, wenn wir uns heute noch treffen. Dann wissen wir gleich, ob wir zusammenpassen?«
»Du bist aber schnell.«
»Hast du was zu verbergen?«
Seine Skepsis hatte er noch immer nicht abgelegt. Schon mehrfach hatte er die Erfahrung gemacht, dass auch Frauen ausgesprochen gut lügen können, Bilder einfach aus dem Internet benutzten, um sich als attraktive Frau zu präsentieren.
»Also was ist? Ich komme zu dir und wir trinken einen Kaffee, unterhalten uns ein wenig. Was hälst du davon?«
Er preschte wieder direkt nach vorn.
»Du willst zu mir kommen? Wir kennen uns doch gar nicht. Ich weiß nicht, ob das, was du mir bisher erzählt hast, stimmt«, gab sie zu bedenken.
»Nun hab dich mal nicht so.«
Er wurde ungeduldig, hatte er sich doch etwas anderes vorgestellt.
»Nein lass mal.«
Es folgte der Freiton. Hatte sie aufgelegt? Sie hatte …
Er bebte innerlich. In der letzten Zeit klappte es nicht mehr so einfach mit seinen Bekanntschaften.
»Du kannst mich mal …«, schimpfte er.
Also doch Sina anrufen?
Er würde sie anrufen und zwar jetzt sofort.
Du hast schon viel zu lange gewartet. Steh endlich mal zu deinen Gefühlen. Was hast du nicht schon alles verloren durch dein Verhalten? Fang endlich an, wieder normal zu leben. Dein exzessives Leben hat dich doch auch nicht weiter gebracht. Soeben hast du wieder eine Abfuhr erhalten. Männer, wie du einer sein willst, sind bei soliden Frauen doch nicht gefragt. Und die, bei denen du landen kannst, entsprechen nicht deinen Erwartungen. Rasch zog er sich eine Unterhose an. Lachte für sich. Immerhin, wenigstens trägst du eine Hose, wenn du sie anrufst.
Bevor er wieder die grüne Taste drückte, schwelgte er in Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit. Schloss die Augen, um ihr Bild lebendig werden zu lassen. Sie war die erste und die einzige Frau, die ihre Gefühle beim Sex so lautstark herausschrie. Ihr Stöhnen und Schreien spornte ihn an, ließ ihn sich zurückhalten, da er ihr Empfinden so lange wie möglich genießen wollte.
War es diese Art des Auslebens der Gemeinsamkeit, die ihn so an sie band? Andererseits hatte sie ihn auch anfänglich zappeln lassen, machte ihn unsicher, ob er ihre Nummer 1 war.
Ein zufriedenes Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus.
Plötzlich erinnerte er sich an die Worte, die er Emre gesagt hatte: »Sie ist die Frau, nach der ich mich immer gesehnt habe. Leider kann ich sie niemals heiraten.«
War es das? Hatte er sie deswegen so brutal aus seinem Leben entfernt? Wollte er sich selbst keine Gefühle zugestehen?
Verdammt, wirst du jetzt sensibel? Sei endlich wieder Mann. Was geht es dich an, ob sie damit klar kommt oder nicht.
Doch wie ferngesteuert, drückte er wieder den grünen Knopf.
Sina, schien seine Seele zu rufen. Seele?
Er war sich dessen nicht mehr richtig bewusst. Was er wusste, war, dass seine Familie niemals diese Frau akzeptieren würde. Andererseits wollte er auch nicht aus der Familie verstoßen werden. Er fühlte sich in diesem Land zu Hause. Doch sobald er seine Wohnung betrat, betrat er auch seine Tradition. Und die besagte, dass er nur eine Frau heiraten durfte, die seinen Glauben hatte und das Leben führte, dass er von ihr erwarten musste.
Er bäumte sich eigentlich nur gegen diese aufgezwungene Lebensart auf.
Der erste Tag war gut gelaufen. Sina hatte sich in ihre Arbeit gestürzt, war froh, wieder das Gefühl zu haben, etwas Vernünftiges zu tun. Um nicht gleich übers Ziel hinauszuschießen, verließ sie die Redaktion pünktlich, auch wenn ihre Recherche sie gefangen hielt.
Was sie für die neue Reportage über den Drogenschmuggel herausgefunden hatte, brachte sie immer wieder an den Punkt, dass sie nicht glauben konnte, was sie da las. Sie musste Pausen einlegen, denn das Gelesene übertraf ihre Vorstellungen und das, was sie verkraften konnte. Naiv war sie keinesfalls.
Die neuen Informationen waren allerdings schockierend. Nie hätte sie gedacht, dass gerade über diesen Weg so viele Drogen nach Deutschland kommen.
Würde Semih auch einer von diesen Dealern sein? Mareikes Annahme bohrte sich ständig in ihre Gedanken. Verschloss sie einfach nur die Augen für die Realität?
Dass er selbst Drogen nehmen würde, das schloss sie von vornherein aus. Nach zwei Jahren ihrer Achterbahnbeziehung konnte sie das trotzdem mit Sicherheit sagen. Allein sein Körperbewusstsein verbot ein solches Handeln.
Sie war von dem bisher Erkannten so fasziniert, dass sie sich ihre Liste der Texte auf ihren Stick speicherte und mit nach Hause nahm. Sie würde den Abend nutzen, um noch mehr darüber herauszufinden. Gefesselt von dem, was sie bisher gelesen hatte. Fand sich in einem Wirrwarr der Gefühle.
Immer wieder drehte sich alles nur um Semih, den sie doch vergessen musste, aber trotzdem uneingeschränkt liebte. Warum ließ er sie nicht endlich los? Er hatte doch, was er wollte. Scheinbar konnte oder wollte er sie nicht vollständig freigeben. Ein bitteres Lachen verließ ihre Lippen.
