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Sina ist single und sexy. Eine erfolgreiche Journalistin, die im Rahmen ihrer Recherche für einen Artikel über die Suche nach dem richtigen Partner den Latin-Lover Typ Semih im Internet kennen lernt. Trotz Erfahrungen in Sachen Männer verfällt sie ihm. Er hat das, wonach sie schon so lange suchte. Ein Drama bahnt sich an. Auch für Semih, den Herzensbrecher, eine völlig neue Erfahrung. Mit diesem Ende hatte er niemals gerechnet.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Verfallen – Geliebter Herzensbrecher
Verfallen
Geliebter
Herzensbrecher
JJ Cullen
Copyright © 2014 JJ Cullen
All rights reserved.
ISBN: 1497411270
ISBN-13: 978-1497411272
Orsina war neu in der Stadt, hatte einen neuen Job angefangen. Eigentlich war alles toll. Doch irgendwie fühlte sie sich einsam. Nach Arbeitsschluss ging sie nach Hause in ihr kleines Apartment.
Sie hatte die vierzig bereits überschritten, wollte endlich einen Namen haben im großen Kreis der Journalisten. All die Jahre hatte sie hart gearbeitet, hatte Privatleben hinter die Karriere gestellt. Beziehungen blieben dabei auf der Strecke.
Die Metropole am Rhein sollte sie in ihrem Streben nach Karriere voranbringen. Die Stadt der Mode. Die Stadt der Reichen und Schönen. Deswegen kam ihr das Angebot des großen Medienkonzerns, der seine Zentrale im Norden hatte, gerade recht. Neue Stadt, neues Glück.
Sie stand vor dem Spiegel. Eigentlich siehst du gut aus für dein Alter, lobte sie sich. Du achtest auf dein Aussehen, bist immer gepflegt. Sie musste lachen. Wie oft schon hatte man sie für Anfang dreißig gehalten. Ein Wunder war es nicht, denn sie zog sich immer bewusst sehr sexy an. Wirkte trotzdem nicht billig. Sexy, aber dennoch nicht übertrieben. Im Büro kleidete sie sich eher konventionell, doch auch das verbarg nicht ihre Kurven. Im Business-Look wirkte sie verführerisch. Viele ihrer Kolleginnen, die jünger waren als sie, sahen sie oft mit neidischen Blicken an. Anscheinend war das auch ein Grund dafür, dass sie noch keine größeren Kontakte knüpfen konnte. Hinzu kam, dass sie den Damen und Herren als Chefredakteurin vor die Nase gesetzt wurde, obwohl zwei von ihnen hofften, dass ihnen der Job zufallen würde. Und dann kam sie. Groß, blond, super schlank mit abgeschlossenem Germanistikstudium, langjährige Erfahrungen als Dolmetscherin im Ausland und einigen Auszeichnungen in der Tasche.
Zwei Monate arbeitete sie bereits hier, hatte bei der Einrichtung der Büros mitgeholfen und ließ sich von ihren männlichen Kollegen nicht beeindrucken. Sollen sie doch baggern, wie sie wollen, sagte sie sich. Sie trennte Privates und Berufliches immer strikt. Das hatte sie in den Jahren gelernt. Hatte schmerzhaftes Lehrgeld bezahlt. Nicht einmal mit weiblichen Kollegen freundete sie sich gern an.
Die einzige, zu der sie etwas Kontakt aufbauen konnte, war Mareike. Sie war etwas jünger als Orsina. Beide Frauen verband jedoch, dass sie überzeugte Singles waren, nur auf ihre Karriere fixiert. Bei ihr hatte Orsina nicht das Gefühl, dass sie die neue Chefredakteurin als Konkurrentin ansah.
„Hm“, lachte sie vor sich hin. Sie streifte den engen grauen Kostümrock über die schmalen Hüften und ließ ihn im Flur fallen. Gefühlvoll entledigte sie sich der Strümpfe. Lange schlanke Beine. Ein Hingucker bei den Männern. Sie knöpfte ihre Bluse auf. Der große Spiegel zeigte eine durchtrainierte Figur, die in verführerische Dessous gehüllt war. Langsamen Schrittes ging sie ins Bad, um sich abzuschminken.
Das waren immer die ersten Handlungen, die sie vornahm, wenn sie nach einem langen Tag nach Hause kam. Sie brauchte erst einmal eine Tiefenreinigung ihres Gesichts und ihres Körpers, um sich wieder etwas frischer zu fühlen.
„Du hast heute Augenringe“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Du brauchst eine Maske“, folgte der Ratschlag. „Hm, was haben wir denn in unserer Box? Entspannungsmaske, Anti-Faltenmaske, Erfrischungsmaske.“
Sie kramte in ihrer Schachtel, in der sie immer einen Vorrat an Masken aufbewahrte.
„Eine Erfrischungsmaske ist wohl heute das Beste, was ich dir tun kann. Vielleicht kann ich dann auch den Streit mit dem Kollegen Marcus vergessen“, redete sie sich gut zu. Marcus. Missmutig verzog sie ihren Mund zu einer Grimasse. Dieser Mann glaubte doch noch immer, dass er sie mit seinem Charme umgarnen konnte. Heute hatte es dann geknallt. Sie konnte sich nicht mehr zurückhalten und hatte ihm gehörig die Meinung gegeigt. Nur leider vergaß sie wieder, dass Diplomatie sie eher zum Ziel führen würde. Aber bei diesem Mann schien das nicht zu funktionieren. Und als er dann noch persönlich wurde und ihr zu verstehen gab, dass er sie gern einmal vernaschen würde, war ihr der Kragen geplatzt. Sie hatte ihm unumwunden gesagt, dass er wohl der letzte Mann auf der Erde war, den sie an sich heranlassen würde. Orsina musste lachen. Ihre Worte waren schon etwas derb gewählt. Doch er schien es nicht anders zu verstehen. Was waren noch mal ihre entscheidenden Worte?
„Solange es Beate Uhse und Orion gibt, kommen solche Möchte-Gern-Machos an mich nicht heran.“ Das war schon etwas hart. Aber es traf den Kern. Upps. Während sie an diese Situation dachte und lachen musste, schmierte sie sich die Maske ausversehen in die Nase. Dort sollte sie auf keinen Fall landen und sie griff nach einem Kosmetiktuch und wischte sich die Nase wieder frei.
Ein Wort hatte das andere gegeben. Die Situation hatte sich aufgebauscht. Es fielen Worte, die nicht hätten fallen sollen. Macho, frigides Weib, Emanze und … ja dann verlor sie komplett die Beherrschung. Sie hatte ihn Testosteron gesteuertes Individuum genannt. Das hätte nicht passieren dürfen. Doch ihre Nerven lagen in diesem Moment blank. Sie hatte sich außerdem noch gewählt ausgedrückt. Orsina zuckte die Schultern. Schließlich hatte er ihr vor aller Ohren an den Kopf geknallt, dass sie mal von einem Mann richtig rangenommen werden müsste, um endlich wieder normal zu ticken. Das war der Höhepunkt. Sie war doch nur selbstbewusst und keine seelenfreie Frau …Sie sehnte sich auch nach …
„Oh, nein, nicht jetzt“, rief sie in die Stille ihrer Wohnung. Handyklingeln riss sie aus ihren Gedanken. Eigentlich hatte sie doch Feierabend. Doch die Neugier ließ sie in ihrer Tasche nach dem Telefon suchen. Sie kannte die Nummer auf dem Display nicht. Normalerweise ging sie dann auch nicht ran. Doch sie schob den grünen Hörer nach rechts.
„Hallo.“
„Hallo Orsina. Mareike hier.“
„Woher hast du meine Nummer?“, fragte sie verwundert.
„Entschuldige, aber ich habe sie mir im Büro abgeschrieben. Ich wollte schon lange mal mit dir nach Büroschluss reden oder ausgehen. Schlimm?“, hörte sie die unsichere Stimme am anderen Ende.
„Nein. Überhaupt nicht.“ Orsina lachte. Sie wollte nicht zu rigide klingen. Ein Treffen? Nach Büroschluss? Eigentlich nicht.
„Also … ich wollte dich fragen, … ob du nicht Lust hast, noch mal mit mir in die Altstadt zu kommen. Ich kenne da eine nette Bar. Dort könnten wir was trinken und mal so richtig über die Kollegen ablästern“, schlug Mareike vor. Nach einer kleinen Pause fuhr die Kollegin fort: „Heute nach dieser Auseinandersetzung brauchst du vielleicht jemanden, bei dem du dich richtig auslassen kannst.
„Hm.“ Orsina lachte, aber zögerte leicht. „Das klingt schon verführerisch. Aber leider habe ich gerade eine Maske aufgelegt.“
„Schade. Dann müssen wir das eben verschieben. Ich dachte, du bist auch so spontan wie ich.“ Die Enttäuschung war der Kollegin anzuhören.
„Spontan? Das bin ich schon. Was hälst du davon, wenn du zu mir kommst?“, fragte Orsina.
„Zu dir? Ja, kann ich machen.“
„Okay. Dann erwarte ich dich in einer halben Stunden bei mir. Ich schicke dir per SMS meine Adresse zu. Einverstanden?“
„Super. Ich bringe Prosecco mit. Ist das in Ordnung?“, wollte Mareike wissen.
„Du, das klingt sehr gut“, freute sich Orsina. Besuch. Bei ihr. Außerhalb des Jobs. Wie lange war das her? Orsina freute sich aber wirklich.
Kontakte zu anderen suchte sie schon, war dabei aber sehr vorsichtig, denn sie hatte ein paar unangenehme Erfahrungen in den USA gemacht, wo sie ein Jahr als Dolmetscherin für eine deutsche Firma gearbeitet hatte. Damals nutzte eine Kollegin das Wissen über ihr Leben außerhalb des Unternehmens aus, um sie zu diskreditieren. Danach hatte sie sich sehr zurückgezogen, wollte nicht mehr angreifbar sein.
***
Pünktlich klingelte Mareike nach einer halben Stunde an der Hausschelle. Die Sektflöten standen bereits auf dem Glastisch. Sina, wie sie eigentlich sehr oft genannt wurde, hatte mit wenigen Handgriffen das Apartment aufgeräumt, hatte das große Doppelliegesofa zusammengeklappt, das ihr ansonsten als Bett diente. Sie hatte es sich abgewöhnt, es jeden Tag, bevor sie in die Redaktion fuhr, in ein Sofa zu verwandeln, um es am Abend dann wieder aufzuklappen.
„Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte sie die Kollegin.
Die Neugier stand Mareike ins Gesicht geschrieben. Wie war diese Powerfrau eingerichtet, fragte es, ohne die Wissbegier zu verbergen. Wollte sie vielleicht die neue Chefin nur ausspionieren? Orsina wollte wachsam bleiben.
„Danke für deine Einladung.“ Mareike betrat das Apartment, zog aber, wie hier üblich, die Schuhe nicht aus.
„Setz dich.“ Orsina wies mit der Hand auf das schwarze Ledersofa. Mareike schritt darauf zu, beäugte dabei die Einrichtung. Ein wissendes Grinsen konnte sich Orsina nicht verkneifen, als sie hinter der Kollegin herlief. Die schien alles zu scannen, nichts blieb ihr verborgen.
Sina stellte die Flasche kurz auf dem Frühstückstresen ab. Mit geübten Handgriffen hatte sie schnell die Flasche geöffnet, ging zum Tisch und goss beide Gläser voll.
„Sag mal, Orsina. Was war das heute mit unserem Macho Marcus?“, wollte Mareike wissen. Sie begann das Gespräch, ohne die neue Chefin vorzubereiten. Unumwunden nennt man diese Eröffnung einer Konversation wohl. Orsina war verblüfft.
„Ach der“, winkte sie ab. „Er hat mit mir ein Problem“, versuchte sie schnell vom Thema abzulenken.
Mareike hob die Augenbrauen. „Er mit dir oder du mit ihm?“
Orsina wiegte den Kopf hin und her. „Ja, du hast wohl Recht. Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Ich habe nun mal was gegen solche Männer, die glauben, nur weil sie gut aussehen, bekommen sie jede Frau weichgekocht.“
Mareike stimmte ihr mit einer Kopfbewegung zu.
„Hart gesottener Single oder wie darf ich das verstehen?“, hakte sie nach.
Orsina verfiel ins Grübeln. Sie war zwar Single, aber mehr oder weniger ungewollt. Ihre letzte Beziehung lag schon einige Jahre zurück. Sie hatte die Trennung nur sehr schwer überwunden. Immerhin war sie mit diesem Kerl acht Jahre zusammen gewesen. Schmerzlich musste sie erkennen, dass er sie schon länger mit anderen Frauen betrog. Das war für sie der Moment, sich von ihm zu trennen. Auch wenn es ihr damals sehr schwer fiel. Sie hatte sich vorgenommen, sich nie mehr zu verlieben, stürzte sich mit noch mehr Energie in ihre Arbeit. Das war vor drei Jahren. Bisher hatte sie sich immer an diese Entscheidung gehalten.
„Hey, Orsina, bist du noch da?“ Vorsichtig rüttelte Mareike ihre Kollegin am Arm.
Orsina schreckte aus ihren Gedanken auf.
„Was? Ja“, gab sie schnell zur Antwort.
„Süße, habe ich irgendetwas gesagt, das dich verletzt hat. Es tut mir leid. Das mit dem hart gesottenen Single war nicht so gemeint.“
Orsina schüttelte den Kopf. „Nein ist schon gut.“ Dabei rang sie sich mühsam ein Lächeln ab.
„Ich habe nur gedanklich in meiner Vergangenheit gekramt“, entschuldigte sich die toughe Redakteurin für ihr abwesendes Verhalten.
Mareike verzog die Lippen. Sie glaubte ihr nicht so ganz. Gab es da etwas im Leben ihrer Kollegin, das sie nicht wusste? Gab es in ihrem Leben noch eine andere Frau, die Gefühle hatte, die verletzbar war, so wie sie?
Bisher hatte sie Orsina so nicht kennen gelernt. Sie war gut in ihrem Job, beinahe perfekt. Immer wieder hörte man im Team, dass sie ein Mensch ohne Gefühle war, dass sie nur für ihren Job lebte und das ebenso von ihren Kollegen erwartete. Weil sie so unerbittlich in ihrer Arbeit war, hatten einige der Kollegen auch Probleme mit ihr.
Was Mareike aber eben erlebt hatte, zeigte ihr eine Frau, die scheinbar sehr zartbesaitet war. Das Lächeln, das sie sich auf die Lippen gezaubert hatte, war verkrampft, kam quälend herüber. Vielmehr schien es Mareike so, als wollte sie sich Tränen verkneifen. Wie konnte sie diese Frau dazu bringen, dass sie ihr etwas über ihr Privatleben erzählte? Orsina war immer so beherrscht, ließ nichts aus dem Privaten an die Öffentlichkeit dringen. Und mit ihren journalistischen Fragen konnte sie ihr kaum etwas entlocken.
Nur zu gut konnte sie ihre Kollegin verstehen. Ihr ging es nicht viel anders. Wie lange suchte sie schon nach dem passenden Mann? Bisher hatte sie ihn nicht gefunden. Deswegen wilderte sie seit einiger Zeit im Internet. Viele der angepriesenen Seiten hatte sie ausprobiert. Wenige dieser Portale waren so, wie sie sich eine Dating-Seite vorgestellt hatte. Die, die etwas Niveau aufzuweisen schienen, verlangten einen monatlichen Beitrag. Sie war jedoch nicht gewillt, für ein eventuelles neues Glück zu bezahlen. Außerdem waren die monatlichen Beiträge oft so hoch, dass sie einfach nicht einsah, das Geld zu investieren. Dann irgendwann hatte sie die Seite mit den bunten Buchstaben gefunden, die zudem noch kostenfrei war. Hier hatte sie sich angemeldet. Doch …
Wie lange war sie eigentlich schon auf dieser Seite? Gefunden hatte sie den richtigen Mann noch immer nicht. Die meisten wollten hier nur mal eine Frau kennen lernen, um mit ihr eine tolle Nacht zu verbringen. Vielleicht auch zwei. Das hatte Mareike schon erlebt. Kennen lernen, war hier nicht angesagt. Treffen und dann gleich zur Sache. Der Hormonhaushalt sollte sich wieder auf einem normalen Pegel befinden. Mareike war für solche Abenteuer nicht geeignet. Den meisten der dort suchenden Männern lag auch nicht viel an langem Schreiben. Schnell die wichtigsten Details geklärt, Telefonnummern ausgetauscht, treffen und dann zum eigentlichen Ziel geprescht.
Einer war bei den vielen Anschreiben dabei, mit dem sie sich schrieb. Das dauerte drei Tage, dann wollte er ihre Handynummer. Über Whatsapp schrieb er ihr dann Stück für Stück eindeutige Angebote. Mareike zog sich von diesem auf Sex gepeilten Mann zurück. Doch dieser Kerl – wie hieß er noch mal? – war clever. Er ließ nicht locker. Schrieb sie dann auf eine recht nette Art an, fragte sie nach einem Treffen. Das traf schon eher Mareikes Geschmack. Sie traf sich mit ihm. Er lud sie zum Essen ein, danach gingen sie in der Altstadt noch etwas trinken. Für Mareike war das für das erste Treffen ausreichend.
Doch nicht für Richie, wie er sich nannte. Ob das sein richtiger Name war, daran hatte sie von Anfang an gezweifelt. Er lud sie dann noch zu sich nach Hause ein, was sie dankend ablehnte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie nicht, dass dies das erste und letzte Treffen mit ihm war. Sie fuhr mit der Bahn nach Hause. Auf ihrem Profil fand sie nur noch eine Nachricht.
„Ich dachte, wir sind erwachsen. Du wolltest nur einen netten Abend. Das reicht mir nicht. Lass mich ab sofort in Ruhe und melde dich nie wieder bei mir.“
Als sie diese Nachricht las, war sie perplex. Er hatte doch allen Ernstes gedacht, dass er sie gleich am ersten Abend in die Kiste locken könnte. Aber nicht mit Mareike. So läuft das nicht mit ihr. Ein erwachsener Mann? Das war er ganz sicher nicht. Sie erwartete, dass jemand, der von sich behauptete, dass er reif war, sich und seine Triebe im Zaum halten kann. Oberflächlichkeit hasste sie zutiefst. Es geht nun mal nicht, dass sie einfach nur Sex hatte. War sie vielleicht ein wenig verklemmt? Ihr innerer Schweinehund lachte sie schon wieder aus. So viele taten es, auch Frauen. Gerade Frauen, die schon Erfahrungen hatten, die sich nicht mehr binden wollten, sondern die nur noch das Leben genießen wollten.
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. Eine solche Beziehung war für sie nicht vorstellbar. Nach diesem Erlebnis hatte sie erst einmal die Nase gestrichen voll von dieser Plattform, verbrachte ihre Abende anders, als nur vor dem Laptop zu sitzen. Hin und wieder las sie ihre Nachrichten, die sie aber konsequent löschte. Wusste sie doch schon im Voraus, was sie zu lesen bekam.
„Hey, wer ist jetzt abwesend, liebe Kollegin?“, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
Mareike musste lachen und nahm einen kräftigen Schluck Prosecco. Sie musste den bitteren Nachgeschmack ihrer Erinnerung runterspülen.
„Ja, du hast Recht. Ich war abwesend. Ich dachte gerade darüber nach, dass ich, genau wie du, allein lebe und mich manchmal recht einsam fühle. Geht es dir auch manchmal so?“, antwortete sie.
„Hm“, nickte Orsina. „Manchmal schon. Aber zum Glück habe ich ja meinen Job“, erklärte sie. „Soll ich dir was verraten?“, fragte sie Mareike.
„Ja.“
„Aber du musst mir versprechen, dass du das nicht den Kollegen verrätst.“
„Ja.“
„Versprich es. Schwöre es.“
„Ich schwöre.“ Orsina sah die Kollegin prüfend an.
Sie grinste verlegen. „Ich fahre sogar manches Mal an den Wochenenden ins Büro, um zu arbeiten. Einfach nur, um nicht hier in meiner Wohnung sein zu müssen. Sonst würde ich verrückt werden.“
Sie sah Mareike an, wollte erfahren, wie sie reagierte.
„Das ist kein Geheimnis“, gestand Mareike. „Das wusste ich. Man hat dich schon sonntags gesehen, wenn du in die Tiefgarage gefahren bist.“
Orsina lehnte sich zurück. „Was?“, fragte sie gedehnt.
Mareike nickte betont.
Die müssen im Büro alle denken, ich bin ein Workoholic, schoss es ihr durch den Kopf. Kein Wunder, dass die meisten ihrer Mitarbeiter auf Abstand gingen. Mareike war die einzige, die versucht hatte, mit ihr in Kontakt zu treten. Dabei sehnte sie sich so sehr nach ein wenig erfülltem Privatleben.
„Denkst du auch, dass ich ein Arbeitsjunkie bin?“, fragte sie sie.
„Na ja. Was soll man von jemandem denken, der immer nur arbeitet, keine anderen Hobbys hat? Sei doch mal ehrlich?“, entgegnete sie.
„Stimmt“, war Orsinas knappe Antwort. Sie blickte nach unten, dachte über ihr bisheriges Leben nach. Erfolg im Beruf und dann? Leere. Unendliche Leere.
„Sehnst du dich nicht nach einem Mann?“, fragte Mareike unumwunden.
Auf diese Frage war die erfahrene Journalistin nicht vorbereitet. Ruckartig hob sie ihren Kopf, blickte ihren Gast an. Direkt in die Augen. Mareike war erschrocken. War sie mit ihrer Frage zu weit gegangen? Sie sah, dass sich Orsinas Augen trübten.
„Ach, Mareike. Auch wenn man mir es nicht zutraut, aber selbst ich habe Gefühle“, begann sie ihre Beichte. „Doch ich habe keine Lust mehr, mich ständig nur verarschen zu lassen. Kannst du das verstehen? Du bist doch schließlich auch noch Single.“
„Ja. Und weißt du warum?“
„Sag’s mir.“
„Weil es nur noch Idioten gibt. Und aus genau demselben Grund wie du“, fasste Mareike ihre letzten Erfahrungen zusammen.
„Anscheinend.“ Orsina hob ihr Glas. „Auf uns. Zum Wohl“, prostete sie ihrer Kollegin zu.
„Auf uns“, prostete auch Mareike ihr zu.
Der Alkohol brannte sich Zentimeter für Zentimeter Orsinas Kehle hinab.
„Weißt du, was mich am meisten aufregt?“, fragte Mareike.
„Du wirst es mir sagen.“
„Wir sehen beide nicht schlecht aus, haben was im Kopf und trotzdem denken die Kerle, sie könnten uns verarschen und für dumm verkaufen.“
„Oh, da hast du Recht.“ Sie nickte. „Es ist immer dieselbe Geschichte. Mein letzter Freund, mit dem ich acht Jahre zusammen war, hat mich über Jahre hinweg betrogen“, erzählte Orsina und schluckte kräftig.
Mareike war die erste, der sie das erzählte.
„Danach hatte ich die Nase voll. Ich will das alles nicht mehr.“
„Wie lange ist das jetzt her?“, hakte Mareike vorsichtig nach.
„Drei Jahre“, war die knappe Antwort.
„Und hast du zwischendurch mal so ein kleines Abenteuer gehabt?“
„Du willst wissen, ob ich mal einen One-Night-Stand hatte?“
Mareike nickte.
„Nein, noch nie“, gestand sie. „Und du?“
Peinlich. Mareike nickte, wurde ein bisschen rot.
„Was ist?“, fragte Orsina. „Das ist doch nicht schlimm. Wenn es dir gut getan hat, dann ist es doch in Ordnung.“
„Bist du so tolerant? Oder willst du mir mein schlechtes Gewissen nehmen?“
Orsina lachte laut.
„Nein. Ich bin wirklich so tolerant. Und ehrlich … Ich hätte es auch schon getan, wenn sich die Gelegenheit dazu geboten hätte“, gestand sie.
„Du?“
Mareike war überrascht. Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.
Orsina nickte.
„Ja. Warum nicht?“
„Ich weiß nicht. Irgendwie traue ich dir das nicht zu.“
„Hey. Mareike, ich bin ein Mensch, keine Maschine.“
„Tut mir Leid. So sollte es nicht rüber kommen“, versuchte sie ihre Worte zu entschärfen.
„Ja, ja, ich weiß.“
„Nein, glaube mir doch. Aber …“
Mareike dehnte ihren angefangenen Satz. Orsina drehte ihren Kopf fragend. Mareikes Gesicht überzog sich mit einer leichten Röte.
„Ich bin nicht der Typ für solche Abenteuer. Es funktioniert nicht. Ich kann nur, wenn ich jemanden kenne und mich auch in ihn verliebt habe. Als ich es ausprobiert hatte, war es der totale Reinfall.“
Hitze stieg Mareike ins Gesicht. Orsina zog die Brauen hoch und grinste süffisant.
Mareike sah Orsina ins Gesicht. Sie war nicht böse über die letzten Worte. Sie lachte herzhaft, war amüsiert, dass ihr eigentlich niemand zutraute, dass sie auch ein wenig über die Stränge schlagen könnte. Dabei …
Sina genoss es hin und wieder, einfach mal ganz unverbindlich ihre Libido auszuleben. Und das konnte … Ja das konnte sehr erfüllend sein, so lange man seine Gefühle aus diesem Spiel herausließ.
Mareike sah auf die Uhr.
„Ich glaube, ich sollte jetzt wirklich gehen. Es ist fast zwölf und ich will morgen nicht müde sein.“
Sie sah Orsina vielsagend an. Die verzog ihren Mund zu einem wissenden Lächeln und nickte.
„Ja, morgen müssen wir die nächste Ausgabe planen. Da sollten wir nicht übermüdet sein“, bestätigte sie die Kollegin.
Mareike stand auf und ging zur Tür. Bevor sie sie öffnete, fasste Orsina sie am Oberarm. Mareike sah auf.
„Du, Mareike …“
„Ja.“
„Es war eine tolle Idee von dir, heute noch mal bei mir vorbeizuschauen.“
Auch Mareike war der Meinung.
„Ob wir das wiederholen könnten?“, fragte Orsina vorsichtig.
„Na klar. Gerne doch“, gab Mareike zurück. „Vielleicht am Wochenende. Da haben wir auch mehr Zeit.“
„Ich würde mich freuen. Komm gut nach Hause. Bis morgen.“
„Bis morgen. Schlaf gut.“
„Du auch. Und mit den Ons, da müssen wir noch mal ausführlicher reden.“
Mareike war beschämt und verließ schnell das Haus.
Als Mareike weg war, räumte Orsina noch die Gläser weg. Sie lachte in sich hinein. Was für ein schöner Abend. Sonst war sie immer allein. Es war lange her, dass sie mit jemanden über sich gesprochen hatte. Heute war ein Anfang gemacht. Schließlich war sie mehr als nur die Chefredakteurin. Sie war Frau und sehnte sich ebenso nach Liebe wie jede andere Frau auch.
Mareike. Sie hatte also auch schon einmaligen Sex. Fand ihn aber nicht gut. Oder war es gar nicht dazu gekommen? Das galt es noch herauszufinden. Schadenfroh lachte sie.
Als sie in ihrem Bett lag, dachte sie noch einmal intensiv über das besprochene Thema nach. Sex und Liebe ging das überhaupt? In der heutigen Zeit? Ein Brennen breitete sich in ihrem Körper aus. Sie brannte danach, endlich wieder einmal ihre Sinnlichkeit auszuleben.
Enthemmt durch den Prosecco strich sie sich verliebt über ihren Körper. Begann bei ihrem prallen Busen, arbeitete sich hinab zu ihrem Bauch, bis sie endlich ihre Vulva erreichte. Ihr Inneres zog sich lustvoll zusammen. Mit dem Finger auf der Lustperle schlief sie ein. Träumte von einem aufregenden Abenteuer, das sie aus dem Schlaf riss. Ihr Stöhnen hatte sie geweckt. Mit einem frivolen Lächeln kuschelte sie sich in ihre Decke und schlief weiter.
Die Nacht war kurz und das Klingeln des Weckers unterbrach ihre erotischen Träume. Der nächste Tag und der Rest der Woche waren stressig, so wie Orsina es erwartet hatte. Doch rechtzeitig stand das Konzept für die nächste Ausgabe.
Das Wochenende versprach herrlich mild zu werden, obwohl es schon November war, war es ziemlich angenehm draußen.
Doch gegen Abend würde es empfindlich kalt werden. Also wählte Orsina ihre Kleidung so, dass sie sowohl sexy aussah, aber auch nicht fror. Es wäre fatal, wenn sie keinen Spaß an der Altstadttour hätte. Schließlich war es das erste Mal, dass sie beabsichtigten, am Wochenende die Altstadt unsicher zu machen. Gegen drei Uhr klingelte Sinas Telefon. Mareike. Wer sonst?
„Ja, was ist?“, fragte sie sofort in den Hörer.
Nicht dass sie jetzt noch eine Absage erhielt.
„Ist bei dir alles klar?“, hörte sie die Kollegin fragen.
„Ja. Und bei dir?“ Sinas Ton klang ein wenig unsicher.
„Bei mir auch. Ich wollte nur noch mal nachfragen, ob es heute bei unserem Treffen bleibt.“
„Sicher doch.“ Sina holte hörbar tief Luft. „Und ich hatte schon Angst, du willst absagen.“
Die Erleichterung war ihr anzuhören.
„Nein. Auf keinen Fall. Ich mag es nämlich überhaupt nicht, allein durch die Altstadt zu gehen und noch dazu am Samstagabend“, erklärte Mareike ihren Anruf. „Also dann, bis später“, beendete sie das Gespräch. „Ich will mich noch frisch machen und stylen. Und du doch bestimmt auch.“
„Ja. Auf jeden Fall“, gab Orsina zurück. „Bis später dann. Ich werde pünktlich sein.“
Bevor sie sich ins Bad begab, sah sie noch schnell im Internet nach, wann eine Bahn fuhr. Mareike hatte Recht. Die Bahn zu nehmen, war die bessere Wahl. Nicht nur, dass sie dann auch etwas trinken konnte, mit dem Auto gab es immer das Problem, einen günstigen Parkplatz zu finden, wenn überhaupt.
Das würde den Spaßfaktor erheblich reduzieren. Kurz nach sechs Uhr musste sie also fertig sein, um die Bahn zu erreichen.
Als sie am verabredeten Platz ankam, war Mareike noch nicht da. So lief Sina ein wenig herum, schaute in das eine oder andere Schaufenster. Hing einfach ihren Gedanken nach, beobachtete Passanten. Plötzlich tippte sie jemand an der Schulter an. Mareike war da.
„Na, dann mal los. Lass uns einen schönen Abend haben“, begrüßte sie Orsina.
„Ja. Einen schönen Abend werden wir auf jeden Fall haben.“ Orsina strahlte Freude aus.
Sollte sie eine lebenslustige Frau sein, überlegte sich Mareike. Hatten sie alle in der Redaktion diese Frau unterschätzt? Trug sie vielleicht sogar ein paar kleine schmutzige Geheimnisse mit sich herum? Ein Grinsen spielte um ihr Gesicht.
„Wohin gehen wir?“, wollte Orsina wissen.
„Lass uns erst einmal was essen gehen. Ich kenne da so einen schönen Spanier. Das Essen ist dort Spitze.“
„Gern. Auf geht’s.“
Noch unsicher und leicht zögernd hakte sich Mareike bei Orsina unter. Das Strahlen auf Orsinas Gesicht zeigte ihr, dass es der Kollegin nicht unangenehm war.
Nach wenigen Metern bogen sie links in eine kleine Seitengasse ein. Schon von draußen machte das Restaurant einen einladenden Eindruck. Das Essen schmeckte vorzüglich. Der Wein war ebenfalls ein Hochgenuss. Schwer und süffig. Schnell stieg er zu Kopf, ließ sämtliche Hemmungen abfallen.
Draußen vor der Tür fragte Orsina: „Und jetzt?“
„Magst du Cocktails“, entgegnete Mareike. „Ich kenne da nämlich …“ Mareike legte eine Pause ein, wollte ihre Begleiterin neugierig machen, was ihr auch gelang.
„Was kennst du? Nun mache es bitte mal nicht so spannend.“
Orsina war schon richtig in guter Stimmung.
„Ja … also es gibt da so eine schicke Bar. Selbst bei diesem Wetter kann man draußen sitzen und seine Studien treiben. Man muss nur einen Platz zwischen zwei Heizpilzen bekommen“, erzählte Mareike. „Und um diese Uhrzeit dürfte das kein Problem sein“, fügte sie schnell noch hinzu.
„Also? Worauf warten wir noch?“
„Du bist eine richtig lebensfrohe Person“, stellte Mareike fest.
„Was denkst du denn. Hast wohl geglaubt, dass ich eine Spaßbremse bin. Nein, aber wirklich nicht.“ Orsina schüttelte lebhaft den Kopf. „Ich gehe nicht zum Lachen in den Keller.“
Beide kicherten wie Teenager.
Na da bin ich aber mal gespannt, was heute Abend noch so alles passieren wird, dachte sich Mareike. Nach nur wenigen Metern hatten sie besagtes Lokal erreicht. Und … sie hatten Glück, denn direkt an der Fußgängerpassage fanden sie einen Tisch, der auch noch direkt zwischen zwei Heizpilzen stand. Es war noch relativ früh am Abend. Das richtige Leben würde erst in zwei oder drei Stunden beginnen. Bis dahin hatten sie genügend Zeit, sich auf den Abend einzustimmen.
„Was trinkst du?“, fragte Orsina.
„Lass uns mal die Cocktailkarte durchsehen“, war die knappe Antwort.
„Brauche ich nicht“, erwiderte Orsina. „Ich trinke einen Caipirinha. Das ist mein Cocktail. Immer, überall und zu jedem Anlass.“
„Oho“, erntete sie die Überraschung der Kollegin. „Du gehst aber ganz schön ran.“
„Ja, so bin ich eben. Du weißt doch, dass stille Wasser oft tief und schmutzig sind“, lachte Orsina.
Mareike war überrascht. So kannte sie ihre Chefin überhaupt nicht. Sie war immer so geradlinig, gesetzt, wirkte eher wie eine Gouvernante auf den Rest der Belegschaft. Doch so wie sie sich heute gab, und das noch zu Beginn des Abends, ließ nur erahnen, was hinter dieser Fassade stecken könnte. Auf keinen Fall würde es langweilig werden, das war Mareike jetzt schon bewusst.
Mareike beobachtete die Frau neben ihr. So wie sie heute gekleidet war, sah sie wie eine Sexbombe aus. Gewagt, aber nicht primitiv. Dass sie auf Männer eine nicht zu unterschätzende Wirkung haben musste, daran bestand kein Zweifel. Und das war nicht übertrieben.
Das Make-up und die Smokey-eyes brachten ihre grünen Augen so richtig zur Geltung. Und die strahlten heute, blickten lüstern. Diese Frau war bestimmt eine Granate …
Schnell hielt sie sich die Hand vor den Mund, doch der kurze erstickte Lacher war nicht zu überhören. Glücklicherweise konnte sie aber das laute Aussprechen ihrer Gedanken verhindern.
„Warum lachst du? Du schaust mich schon die ganze Zeit so an. Lachst du mich jetzt aus?“
Orsina blickte skeptisch.
Mareike schüttelte ihren Kopf.
„Nein. Nein wirklich nicht, Orsina.“
„Nenn mich Sina. Alle meine Freunde dürfen mich so nennen.“
„Also gut, Sina.“
„Weißt du, ich mag meinen Vornamen überhaupt nicht.“
Sie kicherte.
„Was ist?“
„Ich musste jetzt gerade an meine Kindheit denken. Solange mich meine Mutter Sina nannte, war alles im grünen Bereich. Rief sie aber Orsina, dann wusste ich, dass das Maß überschritten war. Wahrscheinlich hat sie mir deswegen diesen Namen gegeben.“
Sie mussten beide lachen. Der Rotwein in dem spanischen Restaurant war ziemlich schwer gewesen und zeigte jetzt seine Wirkung.
Den ersten Cocktail hatte Sina auch schon zur Hälfte geleert. Sie war aufgekratzt, zeigte, was eigentlich in ihr steckte. Diese Frau war bestimmt keine Heilige. Mareike war sich sicher, dass diese Frau auch der Erotik sehr zugetan war. Vielleicht würde der Abend heute etwas mehr von diesem Vamp zeigen. Würde sie vielleicht als männermordendes Geschöpf entlarven.
Beide Frauen hatten sich ihre Stühle so zurechtgerückt, dass sie gleichermaßen angenehm die Vorbeigehenden mustern konnten. Doch bisher war noch niemand an ihnen vorbeigegangen, über den es sich gelohnt hätte, zu lästern. Nur langweilige Typen, meist mit ihren Ehefrauen oder Freundinnen. Aber der Abend war auch noch jung.
Nach dem zweiten Cocktail hatte sich die Situation schon geändert. Die ersten single Männer hatten sich aus ihren Höhlen herausgewagt. Sina verzog bei den meisten ihr Gesicht zu einer missbilligenden Grimasse. Waren heute nur die unansehnlichen Exemplare aus ihren Herbergen gekrochen?
Mareike schüttelte ihren Kopf und musste sich ein lautes Lachen verkneifen.
„Was hast du?“, wollte Sina wissen.
„Man sieht dir schon von weitem an, dass du die Männer einfach nur abartig findest. Nicht einmal nur hässlich.“
„Ja. Na schau dir die doch mal an. Dicker Bauch. Das Hemd spannt und steht ab, weil es schon nicht mehr in die Hose passt. Eine Nummer größer gab es das Model anscheinend nicht. Oder es stammt noch aus den schlankeren Zeiten. Oder …?“
Sina legte eine Pause ein. Mareike musterte sie neugierig.
„Oder sie denken, sie würden irgendwann noch reinwachsen.“
Bei dieser Vorstellung prusteten beide los. Ernteten dafür verständnislose Blicke. Sina setzte ihre nicht zu überhörende Betrachtung fort.
„Der nächste hat eine Halbglatze, die Nasenhaare wachsen schon heraus. Einen Zopf zu flechten, fällt da nicht schwer, vorausgesetzt man kann seine Ekelgrenze stark nach unten setzen. Wo soll man da bitte schön Lust auf mehr bekommen. Die sind doch alle was zum Abgewöhnen. Nein danke.“
Mareike nickte, hielt sich den Bauch vor Lachen. Sie gab Sina Recht. Auch sie konnte nicht einem von den Vorbeigehenden einen verzehrenden Blick nachschicken. So viel konnte man doch nicht trinken, um sich auch nur einen von den Vorbeigehenden schön zu trinken, schoss ihr der für diese Situationen übliche Spruch durch den Kopf.
„Sina? Darf ich dich etwas fragen?“
„Ja. Was denn?“
„Was ist eigentlich so dein Beuteschema? Ich meine, auf welchen Typ Mann stehst du?“
„Ich? Nicht auf das mir gerade präsentierte Material.“
Sie überlegte. Es war ihr anzusehen, dass sie über die Frage nachdachte.
„Ich mag muskulöse Männer. Finde Bodybuilder unheimlich sexy.“
Bei diesen Worten funkelten ihre Augen gierig. „Auch muss ein Mann schwarze Haare haben. Und … Wahnsinnsaugen. Seine Augen müssen sich in mich hineinbohren.“
Sie sinnierte weiter.
„Und er darf nicht aussehen, als hätte er den überwiegenden Teil seines Lebens im Keller verbracht. Reicht dir das fürs Erste?“
„Es ist super, denn ich stehe eher auf den sogenannten nordischen Männertyp. Er muss auf jeden Fall blonde Haare haben und blaue Augen. Also werden wir uns nicht in die Quere kommen“, stellte Mareike fest.
„Ist mir zu wässrig“, gab Sina schnell zurück. „Aus den Augen muss schon das Feuer sprühen. Die Leidenschaft muss bei jedem Blick spürbar sein.“
„Hey, Chefin, du bist scheinbar eine ganz Wilde.“
„Du hast es erkannt. Wenn schon, denn schon. Es muss krachen, wenn es so weit ist.“
Sina kniff die Augen zusammen, schwelgte in Erinnerungen. Lust auf eine heiße Nacht hätte sie schon wieder einmal. Das musste sie ehrlich zugeben. Jedoch war das bisher gesichtete Material nicht einmal ansatzweise dafür geeignet. Dann doch lieber … Sie verzog wohlwissend den Mund.
„An was denkst du?“, wollte Mareike wissen. „Du grinst so …“
„Wie denn?“, hakte Sina nach.
„Na so … lüstern?“
„Weißt du, ehe ich einen von denen hier nehmen würde, dann greife ich doch lieber zu einem Ersatzliebhaber. Du weißt, was ich meine?“
Sina wollte testen, wie offen die neue Freundin war. Nicht jede konnte mit ihrer Offenheit gut umgehen. Mareike sah sie mit großen Augen an. „Du meinst …?“
Sina nickte.
„Ja genau. Ich meine einen Dildo.“
Ohne Scheu sprach sie das Wort aus, was Mareike sich nicht getraute.
„Hast du so was nicht zu Hause? Ich meine für die Notsituation?“
Sinas Blick prüfte die ihr gegenüber sitzende Mareike. Ihr Blick war herausfordernd. Mareike schüttelte den Kopf. Trotz Make-up durchzog eine leichte Röte ihr Gesicht.
„Nein, habe ich nicht“, gestand sie flüsternd.
„Das ist nicht dein Ernst. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass Frau heute nicht mehr nur Kochtöpfe in ihrer Wohnung hat, sondern viel mehr den Liebhaber für alle Notfälle bei sich haben muss.“ Sina sagte laut, was sie gerade dachte. Ihre Worte wurden nicht nur von Mareike vernommen. Die Herren, die in diesem Augenblick vorübergingen, konnten die Worte nicht überhören. Einige von ihnen grienten. Wohlwissend, dass jede Frau in dieser Zeit, den immer greifbaren Loverboy im Nachtisch platziert hatte. Andere ballten ihr Gesicht zu einer abfälligen Miene, brummelten etwas, das sich anhörte wie: „Du musst mal wieder richtig durchgenommen werden, dann vergehen dir deine Flausen.“
Mareikes Gesichtsausdruck dokumentierte, dass sie peinlich berührt war. Nicht von dem, was Sina von sich gegeben hatte, vielmehr die Lautstärke, in der sie sich dazu bekannte.
„Wie meinst du das?“
Mareike war etwas verwirrt.
„Stell dir vor, du bekommst plötzlich Lust auf Sex …“
„Wie hier und jetzt?“
„Kann doch passieren. Was dann?“
„Na nichts.“
Mareikes Augen wurden groß, blickten entsetzt.
„Ich bin dafür ausgerüstet.“
Sina klopfte mit der Hand auf ihre Tasche. „Schau mal hier.“
Sina öffnete ihre Tasche und zeigte Mareike ein kleines goldenes Etwas.
„Du zeigst mir jetzt nicht gerade einen Dildo?“
„Doch natürlich. Oder was denkst du, was das ist?“
„Du bist verrückt.“
Mareikes Hand fuhr blitzschnell vor ihren Mund.
„Nein, nur offen für meine Bedürfnisse. Soll ich schlechte Laune bekommen, nur weil mein Sexleben nicht so läuft, wie es sein müsste. Wofür gibt es denn Beate Uhse und Co?“
Mareike war sprachlos. Das hatte sie von dieser immer so gesetzt wirkenden Frau nicht erwartet. War sie nur offen? Oder war es mehr als nur das? Im Moment wusste sie nicht so recht, wie sie die Neuigkeiten einordnen sollte.
