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Im Kern beschreibt der Roman die Beziehung zwischen dem Griechen Stelios und der Deutschen Tamara. Die großen Probleme der Spielsucht beschwören schwere Schicksalsschläge herauf. Einzig die eigenartige Sprachentwicklung des Paares liefert den nötigen Humor, denn die Geschichte endet dramatisch. Sie offenbart jedoch wichtige Erkenntnisse über die Sucht, Automat zu spielen
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Amanda Kelly
Spielsucht
Hellas Style
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Croco Freunde
Pame Isar
Ein Kind
Nahkampf
Schluss machen
Kunstgriff
Techtelmechtel
Mit Perücke
Eine Bootsfahrt
Erkaufter Frieden
Die Anderen
Gelegenheit
quid pro quo
Fataler Ausrutscher
Katastrophenalarm
Rückblende
Schmerzhafte Versöhnung
Montags geöffnet
Beförderung
Schöner Geburtstag
Die Thekenschlampe
Eiskalter Händedruck
Funkstille
Weihanchten
Private Hochzeit
Silvesterchaos
Tabula rasa
Der Verehrer
Verräterische Beine
Urlaubspläne
Kleiner Zwischenfall
Machtausübung
Die Flucht
Offenbarungen
Eine Katze
1600 Kilometer
Unmögliche Liebe
Impressum
Croco Freunde
Stelios stand mit dem Rücken zur Theke und starrte gebannt auf den Spielautomat, an dem er kurz zuvor noch gespielt, aber sein ganzes Geld verloren hat. Nun bearbeitete Monika den Automat. Sie war auch dem Automatenspiel verfallen. Stelios musste befürchten, dass Monika jeden Moment das Geld gewinnt, das er in den letzten Tagen reingesteckt hatte. Er dachte nicht mehr an sein Bier, ihm war in dem Moment nicht mehr bewusst, dass seine Freundin neben ihm stand. Seine Freundin hätte glauben können, er sei total verrückt nach Monika, die in der Tat sehr attraktiv war. Tamara glaubte schon beinahe so etwas, weil Stelios anfing, am ganzen Körper zu zittern. Er schien innerlich gegen den Ausbruch eines Vulkans anzukämpfen. Nicht nur weil er annahm, der Gewinn von diesem Automat stünde ihm zu, sondern auch, weil ihn eine Frau einheimsen würde.
Monika gewann allerdings nicht und Stelios ging mit Tamara nach Hause. Wo sollte er auch sonst hingehen ohne Geld? Essen war genug zu Hause bei ihr oder bei ihm in der Küche vom Restaurant, wo er arbeitete. Zigaretten hatte er auch noch. Also warten bis zum nächsten Zahltag und dann erst wieder ans Spielen denken. Der Wirt vom Restaurant würde ihm nach ein paar Tagen wieder einen satten Vorschuss geben, weil Stelios ein fleißiger Mitarbeiter war. Er wusste, dass Stelios abwartete, bis genug Vorschuss zu holen war, damit es Spaß machte, auszugehen. Es machte ihm eigentlich nur Spaß, wenn Spielautomaten vorhanden waren.
Zu Hause war Stelios ein völlig anderer Mensch, sehr liebenswürdig und charmant. Er war humorvoll und liebte gutes Essen, was aber nicht heißen soll, dass er nicht schlank war. Er hatte lediglich einen kleinen Bierbauch. Weil er im griechischen Lokal nur landestypische Speisen kochte und zu sich nahm, war er immer überglücklich, wenn seine Freundin ihm kalten Leberkäse mit Senf und Brot servierte. Ein kaltes Helles dazu - perfekt. Ihm reichte auch einfache Leberwurst mit Brot. Da er jedoch meistens griechischen Schafskäse vom Restaurant in Tamaras Kühlschrank gebunkert hatte, wurde mit frischen Tomaten ein üppiges Mahl daraus.
Nach wenigen Tagen holte Tamara ihn mal wieder von der Arbeit ab. Stelios setzte sich, nachdem er zum Schluss die Küche gewischt hatte, entweder an den Personaltisch oder an die Bar, weil er als erstes ein frisch gezapftes Helles brauchte. Daraus wurden meistens zwei oder drei. Tamara hatte sich schön angezogen. Sie wollte ausgehen und fragte Stelios: „Heute spazieren zusammen?“ „Nein, heute zu Hause, keine spazieren“, gab er zurück, in seiner kühlen, von der Arbeit gestressten Art. „Okay“, sagte sie und bestellte sich noch ein Helles. Hier im Restaurant war es auch nett. Es war ein sehr schönes Restaurant, mit Gemälden an der Wand, die teuer aussahen. Das Ambiente passte. Der Wirt ließ entspannende Musik laufen. Die beiden saßen zusammen an der Bar, bis Stelios aufstand und zielstrebig in die kleine Kammer hinter der Bar marschierte, in der sein Chef am Computer stand. Die Kammer konnte man von der Bar aus nicht ganz einsehen. Als Stelios zurückkam, sagte er, noch bevor er sich wieder hinsetzte: „Okay, zusammen spazieren. Stelios ena Dusch que weg.“
Stelios verließ das Lokal über die Eisentür der Küche, die zum Treppenhaus führte. Tamara verabschiedete sich durch die Lokal Tür und ging nach nebenan zur Haustür, die er ihr dann öffnete. Er sperrte die Personalwohnung im Erdgeschoss auf, wo sich sein Zimmer befand. Dort wohnten auch andere Leute, die nicht im Lokal arbeiteten, aber bereit waren, die horrenden Preise zu zahlen, die der Wirt verlangte. Verübeln konnte man es ihm nicht, denn die Bewohner kümmerten sich nicht darum, wieviel Gas oder Strom sie verbrauchen, weil sie nie etwas mit einer Abrechnung zu tun hatten. Im Bad brannte zum Beispiel immer Licht und keiner machte die Heizung aus, bloß weil gelüftet wurde. Im Gegenteil, Stelios legte seine frisch gewaschenen Klamotten über den laufenden Heizkörper und kippte das Fenster, wenn er raus ging.
Diesmal hatte Stelios seine Wäschestücke überall im Zimmer verteilt. Ein T-Shirt lag auf der Kante der geöffneten Schranktür. Tamara nahm es, drehte es um und erläuterte ihm, dass die entstandene Ecke so vielleicht wieder raus geht. Seine Unterhosen hingen zum Trocknen an den Griffen und über der Stuhllehne. Sie versuchte das Chaos irgendwie in Ordnung zu bringen. „Essi isse spezial mit Wäsche, hi, hi“, lästerte er, sie sei eine Wäschespezialistin. „Ja, das ist ja ein totales Durcheinander. Wie kann man nur so leben? Du machst ja alles kaputt und wieviel Gas du verbrauchst. Das ist doch Wahnsinn.“ „Gas?“ verstand er, „Stelios keine bezahlen Gas“, glaubte er, nichts fürs Gas zu bezahlen. Tamara wetterte weiter: „Du musst doch das Fenster zu machen, wenn du heizt. Wenn das jeder machen würde.“ Aber wen interessiert´s? Während er sich umzog, stand sie im Weg mit seinen trockenen Unterhosen in der Hand und sie lachten sich kaputt. Tamara erinnerte das Szenario an das berühmte Gemälde von Carl Spitzweg in dessen Dachzimmer. Das konnte sie Stelios aber nicht erklären, weil er von deutschen Malern keine Ahnung hatte.
Bald schon waren sie auf dem Weg zum Taxistand. Stelios ging sehr schnell, seine Freundin hatte es nicht so eilig. Es nervte Tamara, dass er immer ein Stück voraus ging, fast rannte. Sie hatte keine Ahnung, was ihn eigentlich so antrieb. Sie kannten sich zwar schon bald ein Jahr, doch die starken Gefühle, die sie für diesen griechischen Kauz empfand, hatten ihre Sinne dermaßen vernebelt, dass ihr gar nicht bewusst war, wie gierig er auf das Spielen war. Sie wollte das Taxi bezahlen, aber er war schneller. Stelios war zu stolz, sich etwas von ihr bezahlen zu lassen. Allerdings sollte immer Tamara dem Fahrer sagen, wo es hingeht, obwohl Stelios sich vorne hinsetzte und sie hinten allein sitzen musste. Genauso rannte er, nachdem ihn der Wirt des Musiklokals an der Tür begrüßt hatte, ganz durch nach hinten, wo die Automaten standen und bestellte unterwegs zwei Bier, damit er gleich anfangen konnte, zu spielen. In höchster Erwartung, was passiert, fädelte er den ersten 20-Euro-Schein in den Automat ein. Manchmal spuckte der Automat den Schein sofort wieder aus, was ihn nervös machte. Er hat die Banknote dann mit den Händen glattgestrichen und es erneut versucht. So, jetzt konnte es losgehen. Die Biere wurden hingestellt, was ihn nur zweitrangig interessierte. Er prostete seiner Freundin zu, nahm aber nur einen kleinen Schluck und zündete sich eine Zigarette an. Einen Vorteil hatte das Ganze. Stelios war wohl einer der wenigen Männer, die den sehr hübschen Bedienungen überhaupt keine Beachtung schenkten. Seine Freundin musste allerdings bei ihm bleiben. Er hätte nie akzeptiert, dass sich Tamara im Lokal herumtreibt und sich mit anderen Leuten unterhält, während er spielte.
Das hätte Tamara sowieso nicht getan. Sie spielte zwar selbst nicht, war jedoch total fasziniert von seinem Spiel. Irgendwie beherrschte Stelios es ja auch. Er machte immer wieder Gewinne, auch wenn er sie wieder verspielte. Wenn sie es probiert hätte, wäre das ganze Geld in kürzester Zeit weg gewesen. Er hatte eine bestimmte Art, den Automat zu erziehen. Gab der mehr, erhöhte er den Einsatz. Gab der weniger, verringerte er den Einsatz sofort oder wechselte das Spiel. Tamara liebte das Spiel Cool Diamonds, weil so schöne Edelsteine, Goldbarren, Diamanten, Schmuckkästchen und goldene Brillantringe erschienen sind. Die Musik im Lokal war gut, das Bier ebenso. Wenn Leute vorbeikamen, die Stelios von einer früheren Zusammenarbeit kannten und ihn grüßten, drehte er sich kurz um, grüßte zurück, sprach aber nur wenig. Das hatte nicht unbedingt etwas mit seinem Spiel zu tun. Es war auch die Angst, seine Freundin könnte einen anderen Mann kennenlernen.
Musste Stelios mal auf die Toilette, sollte Tamara auf das Spiel aufpassen oder er ließ es zu, dass sie die Starttaste bediente. Wenn er zurückkam, erkundigte er sich sofort, ob was gekommen sei, was meistens der Fall war. Sie hatte schon Glück im Spiel, aber nur, wenn es anderen zugute kam. Was aber noch viel merkwürdiger war, dass meistens ein Bild kam, bei dem Gewinne ausgeschüttet werden, wenn Tamara auf der Toilette war. Sie wurde manchmal das unbestimmte Gefühl nicht los, sie könnte Spielautomaten mit einer Art übernatürlicher Fähigkeit beeinflussen. Was Tamara nicht wusste war, dass Stelios überzeugt davon war, dass sie eine derartige Magie besaß, er ihr das aber nie eingestanden hätte.
Am Anfang der Beziehung zwischen Tamara und Stelios, hatten sie im Geld geschwommen. In der Eckkneipe, in der sie sich zum ersten Mal gesehen, nur gesehen, aber noch kein Wort miteinander gesprochen hatten, stand ein Automat namens Croco, auf dem ein hellgrünes Krokodil abgebildet war. Nachdem sie sich drei Wochen später kennengelernt hatten, holte Stelios in der Folgezeit so viel Geld aus Croco heraus, dass er es auf den Tisch legen musste. Tamara sollte aus den Münzen Türme bauen, weil er wissen wollte, wieviel Geld es war. Er benahm sich regelrecht euphorisch, schickte Tamara Zigaretten holen, natürlich für beide, und bezahlte immer gleich die Biere, die er bestellt hatte. Bis sich der Wirt und der Automatenaufsteller genötigt sahen, Croco abzubauen und gegen einen anderen Spielautomat auszutauschen. Dann war´s vorbei. Aus mit den lustigen Sprüchen von Niko, einem Freund von Stelios aus Bosnien: „Na, ist Croco hungrig oder gibt er was?“ Und Stelios antwortete: „Croco good! Freunde, hi, hi.“
Pame Isar
Stelios und Tamara waren nun bereits ein eingespieltes Team. Kaum jemand ging noch mit ihnen aus, außer einer, sein bester griechischer Freund Giorgos. Der hasste jedoch Spielautomaten. Stelios konnte dann nicht spielen. Giorgos war wesentlich älter, sozusagen ein väterlicher Freund, was Sinn machte, weil Stelios schon im Alter von 12 Jahren seinen Vater verloren hatte. Sie suchten entweder Lokale auf, in denen keine Automaten standen oder besuchten Giorgos in seinem Personalzimmer, das er in dem Haus neben einer großen Gastwirtschaft im Naturschutzgebiet bewohnte. Stelios konnte bei ihm völlig abschalten. Zumindest sah es nach außen hin so aus. Weit und breit keine Automaten, nicht ein Supermarkt, oder ähnliches. Sie saßen oft auf dem langen Balkon, zu dem alle Personalzimmer führten, sahen sich mit dem Fernglas seltene Vögel in den Baumwipfeln an und tranken Bier aus der Flasche. Giorgos war ein guter Gastgeber. Er freute sich immer, wenn Stelios und Tamara ihm an seinem freien Tag einen Besuch abstatteten. Außer er war bei seiner Freundin, die weiter weg wohnte. Marco, ein italienischer Mitbewohner kochte gern Spaghetti. Der ehemalige Hausmeister wohnte auch da. Er war schon in Rente und hatte immer einen Vorrat an Bier, falls es den Jüngeren ausging. In der Nähe war ein kleiner See mit romantischem Biergarten und Bootsverleih. Die Besuche endeten meistens damit, dass alle drei gemeinsam in dem Doppelbett von Giorgos schlafen mussten. Um acht Uhr abends fuhr nämlich der letzte Bus zurück in die Stadt. Ab und zu bestellte Tamara ein Taxi nach Hause, aber eigentlich war es wie Urlaub und da gehörte eine Übernachtung dazu.
„Warum du immer sprechen mit Leute?“ fragte Stelios gereizt. Tamara hatte einen Gast darauf aufmerksam gemacht, dass er im Vorbeigehen Richtung Toilette mit seiner Jacke am Gitter des Heizkörpers hängengeblieben war und es deswegen auf den Boden knallte. Sie erklärte es Stelios mit Händen und Füßen. Aber darum ging es ihm eigentlich gar nicht. Er war schon seit geraumer Zeit am Verlieren und sehr wütend. Er bestellte noch mehr Bier, was Tamara eigenartig fand, denn sie hatten noch genug im Glas. Stelios konnte es nicht ausstehen, wenn das Bier abgestanden war. Tamara war es eigentlich nicht gewohnt, so viel zu trinken. Sie hatte es mit der Zeit dankbar als Beruhigungsmittel angenommen, weil sie unter großer Anspannung litt, wenn Stelios beim Spielen eine Pechsträhne hatte. Der Wirt kam, in weiser Voraussicht, mit hochprozentigem Metaxa zu den beiden. Er wollte sich mit den Schnäpsen indirekt bedanken, weil er an Stelios´ Verlust schließlich mitverdiente. Seine eigenen Nerven wollte er natürlich auch beruhigen, denn er wusste, wie das wieder enden würde.
Stelios konnte einfach nicht aufhören. Auch wenn er kein Glück mehr hatte, holte er immer wieder Geld aus seiner Hosentasche und steckte es in den Automat. Er fing an zu fluchen: „Yamoto Panagia! - Butana! - Scata!“ Tamara, die der griechischen Sprache nicht mächtig war, merkte zwar, dass es Schimpfwörter waren, das war ja nicht zu überhören; sie wusste aber nicht, was sie bedeuten. Pavlos, ein gebildeter Grieche, der immer an der kleinen Bar bei den Spielautomaten sein Weißbier getrunken hat und fließend Englisch sprach, versuchte Stelios in seiner Landessprache zu mäßigen, weil er so etwas nicht hören wollte. Stelios war kurz ruhig, fing dann aber wieder damit an. Tamara fragte Pavlos, was die Wörter bedeuten. Pavlos war nicht bereit, es ihr zur erklären; nur so viel, dass kein Grieche so sprechen dürfte. Stelios wurde noch ärgerlicher, weil seine Freundin mit Pavlos quatschte. Er legte nach: „Butana! - Aigamissou! - Yamoto Panagia!“ Der Wirt kam angebraust und warnte ihn auf deutsch: „Wenn du nicht damit aufhörst, musst du gehen!“ Tamara wäre gern gegangen und bat ihn: „Gehen wir nach Hause.“ Er wies ihr Anliegen jedoch von sich wie ein störrisches Kleinkind, das nicht ins Bett gehen will: „Nein, du zu Hause. Kein Problem. Stelios keine gehen.“
Der Sturm legte sich wieder. Stelios gewann diverse Runden. Es war kurz vor fünf Uhr morgens. Der Wirt nahm die allerletzten Bestellungen entgegen. Seine Bedienung servierte die Getränke und kassierte dann ab. Man durfte in Ruhe austrinken. Stelios durfte auch noch weiterspielen. Tamara sah, dass er in den letzten Zügen lag. Er verlor das gewonnene Geld wieder und konnte nichts mehr dagegen unternehmen, weil er keins mehr hatte. Der Wirt hat dann alle Gäste gebeten, zu gehen. Das brauchte er Stelios nicht zweimal sagen. Das Spiel war aus! Kein Cent mehr drin, kein Cent mehr zu holen! Stelios lief ohne Worte raus. Tamara ging ihm nach. Sie bezahlte seit langem das Taxi nach Hause, egal, ob er noch Geld hatte oder nicht. Sie wollte etwas zu dem Abend beitragen, weil sie auch arbeitete und eigenes Geld hatte. Sie winkten sich normalerweise ein Taxi, weil hier ständig welche vorbei gefahren sind. Heute lief Stelios aber einfach weg, in eine ganz andere Richtung. Er wirkte total niedergeschlagen. Tamara ging eine Weile neben ihm her. Am Ende der Anhöhe verlief eine andere große Straße hinunter Richtung Stadtmitte. Die sind sie entlang gegangen, als Stelios wieder sprechen konnte: „Stelios keine good Mann. Stelios Malaka. Kuckst-du, keine Geld.“ Dabei zog er seine Hosentaschen heraus und bezeugte deren Leere. „Keine Geld. Keine Zigarette.“ Dabei nahm er seine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche, steckte sich die letzte in den Mund, warf die leere Schachtel weg, indem er sie zerknüllte und einfach fallenließ. Er zündete sie sich an und resümierte: „Tamara, diese nix good Mann.“ Dabei deutete er auf sich. „Kuckst-du andre Mann“, empfahl er. „Nein, ich will nicht. The thello andre Mann. Thello diese“, konterte sie, dass sie keinen anderen Mann will, sondern diesen und deutete auf ihn. „Warum?“ wollte Stelios wissen. „Keine Ahnung“, antwortete sie. In Wirklichkeit wusste Tamara, dass sie ihn nie verlassen könnte.
Sie erreichten zu Fuß allmählich wieder den Stadtteil, wo beide wohnten. Nach einigen Minuten des Schweigens fragte Stelios anheimelnd: „Pame Isar?“ Tamara dachte, was für ein gutes Zeichen, dass er an den Fluss gehen und mit ihr die sternenklare Nacht genießen wollte. Tagsüber sind sie oft an der Isar spazierengegangen, wenn er seinen freien Tag hatte. „Okay, gehen wir an die Isar“, antwortete sie, glücklich darüber, dass die Krise überwunden war. Sie irrte sich gewaltig. Sie kamen recht flott voran, Arm in Arm immer weiter an ihren Wohnungen vorbei Richtung Isar, als er leise sagte: „Stelios blubb-blubb Isar, kommst-du?“ Worauf sie fragte: „Was? Stelios swimming?“ Er das jedoch verneinte: „Orchi, Stelios keine swimming. Stelios fertig. Stelios blubb-blubb. Kommst-du?“ Jetzt verstand sie. Er wollte sich umbringen! Nach kurzem Zögern stimmte sie zu: „Okay, zusammen blubb-blubb.“ Tamara war in dem Moment wirklich traurig, einfach weil er am Ende und so traurig war. Sie fand es sogar romantisch, dass er mit ihr zusammen ins Wasser gehen wollte. Sie war von seinen Gefühlen so angetan, als er vor kurzem meinte, seine Liebe würde täglich wachsen und sie fragte, ob es ihr genauso ginge. Natürlich ging das nicht so leicht von der Hand. Sie hatten sich eine eigenartige Sprache angeeignet, die aus Deutsch, Griechisch und Englisch zusammengeschustert war.
Ein Kind
Eine Zeit der Ruhe kehrte ein. Es gab eine gute Nachricht zu verkünden: Tamara war schwanger. Stelios, der noch keine Kinder hatte, freute sich unheimlich und streichelte jeden Abend ihren kleinen, aber stetig wachsenden Bauch, zärtlich und stolz zugleich. Beide fühlten sich wie im siebten Himmel. Tamara hörte natürlich sofort auf, jeglichen Alkohol zu trinken. Stelios war oft zu Hause und dachte nicht im Entferntesten daran zu spielen. Tamara kam auf die Idee, einen Schwangerschaftstest zu besorgen. Zum Frauenarzt wollte sie nicht gehen, weil der Ultraschall machen würde und sie danach früher einmal ein Kind verloren hatte. Sie wartete bis Stelios wieder, wie jeden Montag, frei hatte. Als er aus seinem Zimmer zu ihr in die Wohnung rauf kam, ging sie ins Bad und machte den Test. Mit dem Stäbchen in der Hand setzte sich Tamara zu ihm ins Wohnzimmer. Ohne viel Verständigung war Stelios klar, dass man abwarten muss, wie der Test ausfällt. Sie warteten geduldig auf das Ergebnis.
Doch, oh Schreck! Was war das? Das Ergebnis zeigte eindeutig „negativ“. Tamara ahnte Schreckliches und fing an zu weinen. „Was, was?“ fragte Stelios. „Keine schwanger, keine Kind“, versuchte sie ihm in Anpassung an seine miserablen Deutschkenntnisse zu erklären. Während sie sich völlig ihrer Trauer hingab, blieb er ruhig sitzen, wie erstarrt, was ihre Melancholie noch verstärkte. „Stelios weg“, kam es krächzend aus seinem Mund heraus. Er stand auf, entfernte sich resolut und ließ die Wohnungstür zuknallen. Die war immer laut, wenn man sie nicht mit dem Schlüssel von außen leise zumachte. Das hatte eigentlich nichts zu bedeuten. Tamara dachte: Aus und vorbei! Sie haderte mit ihrem Schicksal. Ganz allein gelassen ist sie noch mal zur Apotheke gegangen und hat sich einen neuen Test gekauft, in der Hoffnung, sie hätte bestimmt nur etwas falsch gemacht. Diesmal hatte sie das Gefühl, die Apothekenhelferin würde sie komisch ansehen, nach dem Motto: `Die alte Schachtel will es wohl nicht wahrhaben´. Tamara fühlte sich so mies. Okay, sie hatte die Vierzig schon überschritten, sah dennoch super aus. Aber, so ist es eben: Öffnet man dem Teufel einmal Tür und Tor, kriegt man das Unheil schwer wieder los. Das sollte sich leider bewahrheiten, wie die folgenden Stunden zeigten.
Nachdem der zweite Test auch negativ ausgefallen war, zog Tamara los, um ihren Freund zu suchen. Stelios musste sie doch auffangen, die Leere wieder auffüllen, die sie empfand. Sie könnten sich doch gegenseitig trösten, nach ein paar Bieren alles vergessen und wieder von vorne anfangen. Sie freute sich schon auf ein Weißbier, das würde ihre Nerven beruhigen. Nach so langer Zeit, immerhin acht Wochen, hatte sie richtigen Durst darauf. Sie fand Stelios in der großen Eckkneipe, wo sie sich das erste Mal gesehen hatten und - wie sollte es anders sein - er stand am Spielautomat. Er hatte eine eigenartige Körperhaltung eingenommen, er stützte sich an ihm ab. Tamara erkannte schnell, dass er am Verlieren war und bestellte schnell etwas. Sie hatte das Gefühl, sie müsste ganz schnell trinken, weil eine Katastrophe herannahte und sie vielleicht nicht mehr dazu käme. Stelios schlug entgegen seiner Gewohnheit plötzlich auf den Automat ein und rief: „Scata!“ Er hatte Tamara kaum beachtet, als sie rein gekommen war. Sie saß an dem runden Tisch bei den Automaten. Was heißt Tisch? Das war ein rundes, dickes Brett, befestigt auf einem alten Metallfass. Drumherum standen Barhocker. Dieser Bereich befand sich gleich beim Eingang und war sozusagen die Spielecke. Der Rest war eingerichtet wie eine ganz normale Gastwirtschaft.
Bumm! Wieder schlug Stelios mit seiner Faust auf das Display des Automaten und fluchte. Neben ihm spielte Roland, ein Deutscher, der schon entnervt zu ihm rüber schaute. Tamara trank und trank, weil sie betäubt sein wollte. Der Wirt kam, ein großer, kräftiger, jedoch sehr liebevoller Mensch und sagte Stelios in aller Ruhe, dass er das nicht machen dürfte. Stelios beschwerte sich bei ihm: „Diese Avtomat falsch. Alles falsch. 200 Evro!“ Seine Augenlider flatterten dabei, als würde er gleich durchdrehen. Trotz seines Verlustes blieb der Wirt dabei, wenn er nicht aufhörte, auf den Automat einzuschlagen, müsste er gehen. Tamara bekam einen Schock: 200 Euro verspielt innerhalb von höchstens zwei Stunden. Betrunken schien er auch zu sein. Er musste ja noch schneller getrunken haben. Geld war anscheinend auch da. Stelios hatte sich ja viel gespart in den letzten Wochen. Wahrscheinlich ist er zu seinem Chef in die Wohnung gegangen und hat sich Vorschuss geholt. Der wohnte auch in der Nähe.
