Spur 1 Reisen -  - E-Book

Spur 1 Reisen E-Book

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Beschreibung

Spur 1 Reisen Lokomotion. Reisebericht Japan 1997 von David Kristiaan Deportation. Dokumentencollage Breslau 1941 1997 reist im Sinne einer Flucht vor seinem nervenden Alltag der Protagonist von David Kristiaans Reisebericht nach Japan, schmeisst sich in Tagträume, wacht auf und erlebt in der Fremde das Fremdsein am eigenen Leibe. Dabei wird er überraschend und unerwartet von der Geschichte seiner Grossmutter anhand von Briefen, Tagebucheinträgen, Gesetzen, Gedichten, Medienberichten, Zitaten, Anmerkungen) eingeholt, stürzt in Trauer über das bisher Verdrängte und schwört sich, nach der Rückkehr sich den Spuren und Dokumenten, die er bruchstückhaft und ungeordnet erinnert, zu widmen, um endlich zu erfahren, woraus das bisher tatsächlich Verdrängte/Verschwiegene/Vorenthaltene besteht. Privatzeug 1856 bis 2012 Versuch einer Spurensuche Rainer Bressler, Herausgeber besteht aus verschiedenen Spuren. Jede Spur macht einen Aspekt der Integration einmal zugefallener und wahrgenommener (Vor-)Geschichte(n) in einen alltäglichen Alltag les- und erkennbar. Historische private (Tagebücher, Briefe, Gedichte, Oral History, Erinnerungen) und allgemeine Dokumente (Gesetze, Medienberichte, Zitate, Anmerkungen) werden mit (Reise-)Berichten, Erzählungen, Hörspielen, Theaterstücken, Romanen aufgemischt. Dialogisch, diskursiv, assoziativ schliessen sich Dokumente (Geschichte und Geschichten) mit Fiktivem, Vergangenes mit Gegenwärtigem kurz. Schälen sich dabei nicht heiter und gelassen als Leitthemen der Bemühungen um Spurensicherung das Fremdsein, der spielerische Umgang mit der Wirklichkeit, das Intime, der Aufruhr und das Empfangen von Geschichte(n) heraus?

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Seitenzahl: 566

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Privatzeug 1856 bis 2012

Versuch einer Spurensuche

Spur 1

Reisen

Lokomotion. Reisebericht Japan 1997 von David Kristiaan

Deportation. Dokumentencollage Breslau 1941

Rainer Bressler, Herausgeber

Books on Demand

Inhalt

Initialzündung

Trennung / Trennung (19.4.1937 – 25.11.1937)

Wirkungskreis

Befremden (28.11.1937 – 4.11.1938)

Erholung

Angst (10.11.1038 – 24.8.1939)

Wahrheit

Hoffnung (1.9.1939 – 10.10.1941)

Adresse

Fussfassen (15.10.1941 – Juni 1948)

zurückgekehrt

Nachwort

Literaturverzeichnis

Personenverzeichnis

müheloser beim Schreiben von Briefen, leichter als in einer anderen Situation, ich weiss nicht, in einem Bett oder in einem Buch. Schon Platon tat es, mit dieser ungezwungenen Vertraulichkeit, die so vielen Briefen ihren Ton gibt.

Jacques Derrida, Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits. 1. Lieferung, Brinkmann & Bose 1983, S. 75

 

Initialzündung

Il y avait in der idyllischen Schweiz, im Hause seines freien Vaters, un jeune garçon à qui la nature avait donné les moeurs les plus douces. Sa physionomie annonçait son âme. Il avait le jugement assez droit, avec l’esprit le plus simple; c'est, je crois, pour cette raison, qu'on le nommait (mein Gott, ist dieser Anfang etwa von Voltaire abgekupfert, schlag nach bei dessen Candide!) Kess Frank. Dem Haus seines Vaters, Vatis Haus, ist er längst entwachsen, haust zusammen mit Marina Frank im eigenen Haus. Was auch gut so ist, denn er hasst Vati. Vati ist zwar längst tot, seit zwölf Jahren schon. Von einem Baum erschlagen. Seither spukt Vati als Gespenst in Kess Franks Kopf herum. Die Nachstellungen des Gespenstes Vati hängen Kess Frank zum Hals raus. Er kann mit niemandem darüber sprechen, weil alle gleich loskreischen, ach, du mit deinem Ödipus! Marina Frank und er haben es gut zusammen. Auf der besten aller Welten in die beste aller Zeiten hineingeboren, seufzt Kess Frank wonnevoll, rülpst und streicht sich über seinen Bauch, dessen Ausmass sich in Grenzen hält. Ja, falls Kess Frank sich im Profil vor dem Spiegel etwas streckt, die Luft aus seinem Körper rauspresst und seine Muskulatur anspannt, geht dieser Ansatz von einem knospenden Bäuchlein noch für einen Waschbrettbauch durch, bis, ja, bis Kess Frank in sich zusammensackt, nach Luft japst, die, in sein Inneres strömend, die waschbrettimaginierte Bauchdecke zu einer Rundung, dem Ansatz einer sachten, an den Rändern etwas durchhängenden Halbkugel anschwellen lässt. Im Grunde hat er die Nase voll von diesen Spielchen, lechzt nach Abenteuer, muss gleich etwas unternehmen, irgendetwas, weiss der Kuckuck was. Ausbrechen aus seinem Wirkungskreis, den er über hat. Kess Frank kennt ihn in- und auswendig, erlebt nicht mehr die geringsten Überraschungen. Sein Blick fällt, rein zufällig, er kann ruhig schwören, dass er hier, was bei ihm selten bis kaum je der Fall ist, weder flunkert noch übertreibt, sein Blick fällt tatsächlich rein zufällig auf ein Bild in einer Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung, der NZZ, die aufgeschlagen auf dem Tisch liegt. Das Bild zeigt das Skelett einer archaischen Form, in Schwarzweiss, irritierend, rund in sich ruhend, emporragend, mit Löchern wie Augen, die den Betrachter anstarren. Er wird in dieses Bild eingesogen, ist fasziniert, trunken von dessen schräger Ästhetik, und er zerfliesst in Zeit und Raum. Er murmelt – ja, er murmelt, er sagt es leise vor sich hin –, dieses Ding muss ich in natura sehen! Er liest die Bildlegende (Der Atombomben-Dom in Hiroshima) und den Bericht. Es ist der 6. Dezember 1996. Gegen den Willen der USA wurde der Atombomben-Dom in Hiroshima in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen. Kess Frank ist augenblicklich von der Idee besessen, dorthin zu reisen. Er wird dorthin reisen. Und zwar alleine, ohne Marina Frank. Wieder einmal etwas ganz für sich haben. Weil Reisen eine Erholung bedeutet, einen erfrischt. Da flitzt ihm durch den Kopf, Vati würde, falls er ihm von diesem Vorhaben berichten könnte, ruhig, in diesem zynischen Tonfall wie nebenher fallen lassen, typisch Herr Sohn, seine Freunde denken an ihre Karrieren, er an sein Vergnügen. Wart’s nur ab, Bürschchen, selbst du wirst den Ernst des Lebens kennenlernen! Man wird dir deine Hammelbeine geradeziehen! Höchste Zeit, dass du dich endlich auf deinen Allerwertesten setzt und etwas erreichst! Die Erinnerung an Nänne, Kess Franks vor fünfunddreissig Jahren verstorbene Grossmutter, ploppt auf. Sie würde mit dieser zittrigen Altfrauenstimme und einem Leuchten in den Augen gleichsam flüstern, Laotse, Konfutse – China zwar, doch liegt Japan ganz in der Nähe, Zen. Herrlich, wie du anders bist als die Andern und dich für besondere Dinge interessierst, fügt sie an und streicht ihm, Kess Frank, Klein-Kess Frank, dabei sanft mit ihrer Hand und den von Gicht angeschwollenen Fingergelenken über den Kopf. Mutti, die mit ihren fünfundachtzig Jahren im Pflegeheim lebt, berichtet er als erstem Menschen vom Projekt dieser zusammenphantasierten Reise. Ein Testlauf, wie liebe Mitmenschen auf diese Ankündigung reagieren. Mutti schaut ihn mit ihren grossen dunkeln Augen gross an. Er zweifelt, ob sie mitgekriegt hat, was er ihr soeben gesagt hat. Dann äussert sie strahlend, mit dieser brüchigen Greisinnenstimme, die ihn an Nänne erinnert, du hast vollkommen recht! Du musst reisen, solange du kannst. Ich könnte es nicht mehr. Dabei nickt sie mit ihrem Kopf. Ihr Blick ist aufmunternd, verschmitzt. Kess Frank fragt sich, wie lange sie sich an das erinnert, was er ihr mitteilt. Er schiebt diesem Gedanken das Gedankenschwänzchen nach, dass sie ihn selbst bei klarem Kopf nie wirklich ernst genommen hatte. Das Projekt ist noch zu wenig gereift, als dass er darüber mit Marina Frank sprechen möchte. Noch plagt ihn das Geraufe zwischen Wünschen und Skrupeln in seinem Kopf, so dass er ernsthaft daran zweifeln muss, ob

alles so harmlos, ziellos, spielerisch seinen Gang genommen. Eines Tages – um der Wahrheit Genüge zu tun, bleibt anzufügen, dass es sich dabei um eine angezechte Nacht handelt – verplaudert er sich mit seiner Reiseimagination bei seinem Freund Franz Keller. Kaum ist ihm rausgerutscht, dass er nach Hiroshima reisen wird, weil er dieses Bild vom Atombombendom in der NZZ gesehen hatte, bedauert er es. Franz Keller lacht ihn aus. Ein obszöner Anblick – und schon ist’s um dich geschehn! Dass ein vernünftiger Mensch freiwillig eine Reise unternimmt! Franz Keller bricht mitten im Satz ab und schüttelt den Kopf. Was für eine Furzidee! Eine Reise zur Erholung ist ein Widerspruch in sich. Du wirst alleine sein und dich beschissen fühlen. Das ist die Wahrheit. Du wirst dort keine Adresse habe. Zurückgekehrt wirst du. Er bricht seinen Satz ab, um einen neuen Gedanken anzuhängen. Und erst die Hitze dort! Du wirst schwitzen wie eine Sau. Und die niedlichen Japanerinnen, die kein Wort von dem verstehen, was du ihnen sagst, grinsen dich verlegen an, weil es ihnen schrecklich peinlich ist, wie diese Langnase stinkt. Wovor fliehst du? In einer Reise ein Wohlfühlmedium zu sehen, ist, seien wir ehrlich, verdammter Verklärungskitsch! Reisen ist nichts als Stress! Kess Franks Gedanken schwrubeln. Trotzig wirft er hin, ich bin auf der Suche nach meinen Wurzeln. Ich wurde am Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, am 6. August 1945, gezeugt. Zum Beweis: mein Geburtstag ist der 30. April 1946 – rechne! Franz Keller ist platt. So platt, dass ihm weder der wahre Geburtstag seines Freundes einfällt, noch er den Bluff mit dem Zeugungsdatum hinterfragt. Er staunt bloss darüber, dass einer den Tag seiner Zeugung kennt und überlegt sich, dass

kann’s nicht lassen und muss auch Peter Semper gegenüber fallen lassen, dass er mit dem Gedanken gespielt habe, alleine nach Japan zu reisen, diese Furzidee aber aufgegeben, zur Vernunft zurückgefunden habe. Peter Semper wedelt ihm prompt mit der Wochenendausgabe des Tagi vom 5. / 6. April 1997 vor dem Gesicht herum und schwärmt davon, dass Japan ihn schon immer interessiert habe. Es sei höchst spannend, was dort ablaufe. Aus dem Tagi-Artikel, der ein Interview beinhaltet, springt Kess Frank das Foto eines etwa gleichaltrigen Japaners an. Der Japaner ist Schriftsteller, Ryu Murakami. Dieser gibt im Interview von sich: Traditionelle japanische Kultur ist eine Kultur der Alten – auch diese Speisen: Alles ist weich gekocht für die Zähne alter Leute. Sumo, Kabuki, Bonsai, Ikebana – das ist Kultur für die Alten. Vielleicht ist Kabuki eine Ausnahme: Es ist zurzeit bei Jungen wieder in Mode. Kess Frank stürzt sich gierig, jedoch gedankenlos auf Murakami Ryus Roman Les bébés de la consigne automatique. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, vielmehr einer Erscheinung im modernen Tokyo. Mütter, die nicht für ihre Neugeborenen sorgen können oder wollen, setzen diese in Schliessfächern in Bahnhöfen aus. Der Autor schildert in seinem Roman die Lebensläufe von zwei auf diese Weise ausgesetzten Säuglingen. Der eine schreit sich die Lungen aus dem Leibe, der andere erbricht sich und stinkt fürchterlich. Beide werden wegen des Geschreis und des Gestanks entdeckt und aus den Schliessfächern befreit. Beide kommen in das gleiche Waisenhaus, werden wie Geschwister behandelt und leben mit der Besonderheit, keine Mütter zu haben, weil sie ja aus den Schliessfächern kommen. Ihr Schicksal schweisst sie zusammen. Schicksalshaft werden die Beiden zusammen von einem Ehepaar adoptiert und verleben eine glückliche Kindheit in Kyushu. Beide machen Karriere, Kiku als Sportler, Hashi als Popsänger. Trotz ihres Erfolges kommen sie nicht zur Ruhe. Sie suchen nach etwas. Sie fügen der Umwelt Schmerzen zu. Wo sie wandeln, lassen sie hinter sich einen Pfad der Zerstörung. Nach Murakamis Worten ist diese Geschichte eine Metapher für die Befindlichkeit der jungen Generation. Der letzte Teil des Romans spielt unter der strahlenden Oberfläche des Shinjuku-Quartiers mit seinen High-Tech-super-Design-Wolkenkratzern, die beinahe den Himmel kitzeln. Neuer Schauplatz ist unter dem Asphalt, im Untergrundslabyrinth der endlosen Kanalisationsbauten und Keller. Eine verkommene, ekelhafte, vergiftete Alltagswelt, eine Unterwelt, in der die beiden Jungs zusammen mit Freaks, ohne den geringsten Gedanken an einen gewaltsamen Tod zu verschwenden, in den Tag hinein leben, weil die Oberwelt sie abgestossen hat und sie sich notgedrungen von einem durchschnittlichen Alltag verabschieden. Sie vegetieren, kopulieren, handeln, betrügen, kaufen, verkaufen, zerstören und lieben ohne Rücksicht auf Verluste. Die Beschreibung des Faustrechts und einer unsäglichen Verlassenheit. Kess Frank denkt viel über diese Geschichte nach. Er erinnert sich auch, wie er vor Jahrzehnten vom Film Hiroshima, mon amour hingewesen war. Von der schönen Emmanuelle Riva, von Marguerite Duras, vom eleganten Bau des Peace Memorial Museums. John Phillips gerät buchstäblich aus dem Häuschen, als Kess Frank nebenher fallen lässt, im Moment interessiere er sich für Japan, einfach so, ohne irgendwelche Hintergedanken. John Phillips durchwühlt wie wild seine Büchergestelle und zieht ein schmales Bändchen hervor, den Roman Banzai! aus dem Jahre 1925 von John Paris (1889 bis 1976; Pseudonym als Schriftsteller für Frank Ashton-Gwatkin, von 1913 bis 1921 im Britischen konsularischen Dienst in Japan tätig). Der Autor sei ein Freund von Violet Trefusis gewesen, seiner – John Phillips’ – Lebenspartnerin. Ein Kenner Japans zur Zeit, als Japan sich während und nach der Meiji-Zeit gegen Westen hin öffnete. Auf der Titelseite, unter dem Titel und dem Namen des Autors steht das Zitat: Frères humains, qui après nous vivez / N’ayez les coeurs contre nous endurcis. Villon. Kess Frank verehrt Villon. Er verwechselt den Titel des Buches (Banzei bedeutet in etwa Hurra) mit Bonsei und findet es hübsch, etwas über japanische Zwerglinge zu lesen. Der Roman spielt in der Zeit zwischen der Öffnung Japans zum Westen hin – 1854 ist mit der Öffnung zweier Häfen die über 200 Jahre dauernde Isolation Japans beendet – und dem Zweiten Weltkrieg. Ein Engländer erzählt in den Zwanzigerjahren (eines der letzten Kapitel handelt vom grossen Erdbeben am 1. September 1923, das Tokyo verwüstete), wie er in London einem Japaner begegnet, der ihm sein Leben und seine Lebensumstände von seiner Geburt an erzählt und wie es dazu kam, dass er in London als Aussenseiter strandet. Der Japaner stammt aus ländlichem Gebiet um Kyoto, aus einer guten, aber verarmten Familie, besucht höhere Schulen. Er erliegt jeder Versuchung, den traditionellen Lebensstil zu Gunsten westlicher Einflüsse aufzugeben. Das macht ihn in den Augen seiner Familie zu einer Schande. Als er endlich das gelobte Ausland erreicht, scheitert er kläglich und muss sich aus immer neuen Scherbenhaufen retten. Die wohlmeinenden Engländer geben ihm ständig neue Chancen. Er ist und bleibt ein Unangepasster, der Fremde, der Aussenseiter. Ein Zufall spielt Kess Frank Günther Anders Die Antiquiertheit der Menschen, dieses Manifest gegen die Entfesselung der Technik, im Nachklang auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, in die Hände und auch Keiji Nakazawas Barfuss durch Hiroshima, den Comic-Roman über den Atombombenabwurf und die unmittelbaren Folgen für Betroffene. Selbstverständlich fällt ihm auch der NZZ-Artikel über eine reizvolle Busverbindung von Koya-san nach Ryujin Onsen über reizvolle Höhenzüge auf, doch das Thema Japan ist für ihn

von der Aussage, man müsse sich Sisyphus glücklich vorstellen. Bei mir, denkt Kess Frank, ist es ganz und gar nicht so. Der Leerlauf an sich, überlegt er, wäre ihm grundsätzlich egal, doch die Vorstellung, etwas zu verpassen, quält ihn und nagt an ihm. Sein Leben ist grundsätzlich und an sich okay, durchschnittlich, doch okay. Eins ergibt sich aus dem andern – und wutsch, ist schon wieder ein Jahr vorüber. When I am 64 der Beatles als echt giftige Frage. So weit ist man ja auch nicht mehr davon entfernt, die paar Jährchen! Er geht nicht ganz so weit wie Dani Wächter, der allen Ernstes behauptet, im Leben müsse man durch drei Phasen der Beschissenheit hindurch, um zurückgekehrt heitere Gelassenheit und die richtige Adresse zu erlangen und in Hoffnung Fussfassen zu können. Die Beschissenheit der Trennung / Trennung vom eigenen, alltäglichen Wirkungskreis, sodann das Befremden bei der scheinbaren Erholung in versifften Träumen und dem desillusionierenden Erwachen und zu guter Letzt die Angst beim Erkennen der widerlichen Wirklichkeit in ihrer tatsächlichen Wahrheit. Kess Frank bewundert Dani Wächter, doch irritieren ihn dessen unanständige Wortwahl und dessen Zynismus. Wenn Dani Wächter in Fahrt kommt und Kess Frank in aller Öffentlichkeit, wenn möglich beim Nachtessen in einem Restaurant, provoziert, indem er hinausposaunt, na ja, in Scheisse fühlt man sich nicht a priori unwohl. Man produziert sie auch selber, und nicht mal wenig. Man ekelt sich zwar pro forma und arrangiert sich dann. Einerlei, Kess Frank spürt, dass er etwas unternehmen muss, um wieder einigermassen gut drauf zu sein. Zudem, falls Franz Keller, Peter Semper, John Phillips, oder – in einem lichten Moment – Mutti Marina Frank gegenüber etwas von der längst überholten Japanreise fallen lassen sollten! Eigentlich blöd von mir, denkt er, dass ich Marina Frank nicht mit der Behauptung provoziere, ich reise nach Japan! Sie wird sagen, was fällt dir ein, kommt nicht in Frage – und damit ist die Angelegenheit gestorben. Er schlägt mit Schwung die Bettdecke zurück und juckt aus seinem Bett. Nach dieser herrlichen Vollmondnacht mit klarem Dunkel und silbern glänzenden Konturen, wo die blendend leuchtende Scheibe des Mondes ihre dunkle Seite, ihre Hinterseite impliziert. Er hatte wachgelegen und über sein Leben nachgedacht. In Gedanken eingelullt fiel er wieder in Schlaf. Inzwischen ist es Morgen. Draussen dämmert es. Kess Frank ist hellwach und echt gut drauf. Er ist noch immer dabei, seinen Schwung beim Sprung aus dem Bett mit beiden Füssen abzufedern. Er wirft einen Blick zurück in Richtung Marina Frank, die eingekuschelt in ihre Decke zu schlafen scheint. Zu seinem Erstaunen nimmt er plötzlich wahr, wie das Lid ihres rechten Auges hochkriecht, reflexartig, im Halbschlaf oder was auch immer, so dass eine Pupille zu ihm hinstarrt. Er vermutet zwar, dass Marina Frank trotz des aufgerissenen Auges eher noch nicht so ganz bei wachem Sinn ist, hält den Moment dennoch für äusserst günstig, endlich mit übertrieben frischer Stimme das loszuwerden, was er zur Klärung der Dinge los sein muss. Er sagt, – und die Erleichterung, dass es endlich rausgedrückt wird, schwingt im Tonfall seiner Stimme mit – ich reise nach Tokyo! Er wartet gespannt darauf, dass sie schrill aufschreit und protestiert. Das Lid ihres geöffneten Auges klappt wieder zu. Sie gibt ein nicht interpretierbares Knurren von sich. Dennoch schnauft er auf. Draussen ist’s! Ob sie tatsächlich mitbekommen hat, was er mit frischer Stimme hinausposaunte, kümmert ihn wenig. Als er bereits vor seinem Müsli am Küchentisch sitzt und die NZZ überfliegt, erscheint Marina Frank traumwandlerisch, beinahe wie ein Gespenst in ihrem weissen Morgenrock, und fragt mit verschlafener Stimme durch ihren vom Gähnen schräg aufgerissenen Mund, wann? Er begreift vorerst nicht, was diese Frage soll, sieht Marina Frank kopfschüttelnd an, worauf sie ihm einen Blick zuwirft, der seine Erinnerung an Gesprächsmodule der jüngsten Vergangenheit aufwirbelt. Mit Erstaunen und Schrecken stellt er fest, sie muss seine Ankündigung der Tokyo-Reise mitbekommen haben. Hat nichts dagegen. Er schnauft auf, dass sie nicht darauf besteht, mitzureisen. Dies hätte ihn echt erstaunt. Früher einmal hatte sie lauthals verkündet, Japan sei das letzte Land, das sie bereisen möchte. Er wirft mit gespielter Lässigkeit hin, ohne über das, was er ihr antwortet, nachgedacht zu haben, am 12. Juni, wenn du nichts dagegen hast! Sie schneidet kurz eine Grimasse, zuckt mit ihren Schultern und konzentriert sich wieder voll und ganz auf die Zubereitung ihres Morgenkaffees. Ihm ist klar, was es geschlagen hat: will er nicht sein Gesicht verlieren, muss er tatsächlich

Verkaufsbüro der Swissair im Hauptbahnhof sitzt er einer Schalterbeamtin gegenüber und sagt, ich will am 12. Juni nach Osaka fliegen! Das gehe nicht, erwidert die Schalterbeamtin, auf deren Namensschild Lee Zschokke steht. So, und weshalb nicht, Frau Zschokke, fragt er mit süffisantem Lächeln, worauf sie nüchtern erklärt, an diesem Donnerstag gebe es keinen Flug nach Osaka. Falls er unbedingt am 13. Juni in Osaka sein müsse, könne er entweder zusätzlich einen Inlandflug von Tokyo nach Osaka buchen oder den Shinkansen von Tokyo nach Osaka nehmen. Die Zugsverbindungen in Japan seien ausgezeichnet. Das wisse er, wirft er genervt hin. Er hasst diese kleinen Schönheitsfehler. Sie verderben ihm den Spass an seinem Unterfangen. Er wolle unbedingt von hier auf direktestem Weg nach Koya-san gelangen, ohne Umwege, wirft er in gehässigem Tonfall hin, weil ihm kein anderer Ort und Grund einfällt, um sein gedankenlos hingeworfenes Osaka am 12. Juni zu rechtfertigen. Zudem denkt er, es beeindruckt, wenn einer an einen Ort geht, der für seine Klöster bekannt ist, gleichsam auf den Spuren eines Franz von Assisi, Niklaus von Flüe oder Buddha wandelt – falls eine gewöhnliche Schalterbeamtin überhaupt mit dem Namen Koya-san etwas anzufangen weiss. Lee Zschokke schaut auf, lächelt. Sie und ihr Mann hätten letztes Jahr ebenfalls Koya-san besuchen wollen. Kess Frank würde sich am Liebsten die Zunge abbeissen. Um ein Kloster von innen zu sehen, fährt Lee Zschokke fort. Doch dann hätten sie es irgendwie nicht geschafft, leider. Falls er an Klöstern interessiert sei, müsse er unbedingt dieses Buch lesen von, von einem, wie heisse er gleich wieder? Will von Janns… In etwa so laute der Name: Der Titel des Buches? Irgendein Einrichtungsgegenstand. Richtig! Vielleicht Schrank oder so. Der volle Schrank! Das sei der Titel des Buches, womöglich. Jetzt denke er bestimmt, fügt sie hinzu, was wolle eine kleine Schalterbeamtin ihm Ratschläge erteilen! Er solle ihren Buchtipp vergessen, sagt sie, während sie sich dem Computer zuwendet. Er braucht keine Ratschläge, auch nicht von Lee Zschokke. Wenn’s nicht Osaka sein soll, will er sein Ticket nach Tokyo. Erster Klasse, fügt er mit fester Stimme hinzu und versucht, nicht zu unsicher zu klingen, bei diesem Begehren, das ihm etwas schwer über die Lippen kommt. Lee Zschokke kann ihm egal sein, doch kränkt es ihn, als Hochstapler, Aufschneider oder was auch immer dazustehen. Sie schaut nicht auf. Sie hackt ruhig auf die Tastatur ein und sagt nach einem Weilchen, die Flüge seien okay, der Rückflug am 26. Juni, erster Klasse. Das Ticket nach Tokyo und zurück koste soundso viele Franken. Ob er bar bezahle oder mit der Karte. Wenig später, das Erstklass-Ticket nach Tokyo in seiner Brusttasche, durchquert er beschwingt und mit vor Freude beinahe platzendem Herzen die Bahnhofshalle, steuert auf die Rolltreppe in Richtung Shopville zu, hüpft die Stufen der Rolltreppe mit zum Herzschlag leicht versetztem Rhythmus runter. Dass ihm gleichzeitig etwas bang ist, weil er so überhaupt nicht weiss, was er ausgerechnet in Japan verloren hat, verdrängt er in seinem Überschwang. Sein schweifender Blick bleibt am Schaufenster der Buchhandlung Barth hängen. Trotzig grinsend schwört er sich, die Buchtipps einer Lee Zschokke bestimmt zu vergessen. Schon packt ihn eine unwiderstehliche Neugier, zu wissen, was diese an sich ja nette Frau ihm empfiehlt. Er steht in der Buchhandlung, zwischen stöbernden Leuten, einen Buchhändler vor sich, einen jungen pummeligen Typ mit liebem Gesicht. Kess Frank flüstert mit Überwindung, verschämt, wegen der in seinen eigenen Ohren seltsam klingenden Namen und Titel, hätten sie vielleicht, ich weiss nicht, ob der Name stimmt, von Will van Janns Der volle Schrank? Der junge Buchhändler wirft ihm spontan einen vernichtenden Blick zu, fängt sich gleich wieder auf, schüttelt seinen Kopf, holt tief Atem, um zu einer Höflichkeitsfloskel anzusetzen, als eine metallige Stimme aus dem Nichts rüberschrillt, der Autor ist Jan Willem van de Wetering und der Titel lautet Der leere Spiegel! Die Stimme gehört Valentin Grossland, der Bohnenstange mit dem kleinen Kopf und blitzenden Äuglein, seines Zeichens Geschäftsführer der Buchhandlung und eine Legende bei Buchliebhabern. Valentin Grossmann bedient einen anderen Kunden, kehrt dem Buchhändlerkollegen und Kess Frank seinen Rücken zu, bekommt dennoch alles mit, was in seinem Reich geschieht, und wirft seine Worte über seine rechte Schulter präzis gezielt an den richtigen Ort. Sich bei seinem Kunden mit einer knappen Kopfbewegung und einer Grimasse entschuldigend, fliegt Valentin Grossland auf ein Gestell zu und zieht mit treffsicherem Griff ein dünnes Bändchen raus, das er Kess Frank mit den Worten, ein sehr wertvolles Buch, überreicht, um sich mit einem Lächeln als Entschuldigung wieder seinem Kunden zu widmen. Beim Stöbern in den Regalen entdeckt Kess Frank einen Krimi des gleichen Autors, Ticket nach Tokyo. Ticket nach Tokyo, in der Brusttasche, zwischen Buchdeckeln, überall, Kess Frank fühlt sich im siebenten Himmel, weil er es gewagt hat, weil er reisen wird und weil – überhaupt! Van de Wetering, als gebürtiger Holländer, konzentriert sich in Ticket nach Tokyo neben der Thriller-Geschichte auf die Rolle Hollands im alten Japan. Er schildert, wie Japan während der Shogun-Zeit beinahe hermetisch gegen die Aussenwelt abgeschlossen war. Bloss die Holländer durften, mit Bewilligung des Regimes, auf der Nagasaki vorgelagerten Insel Dejima eine Handelsgesellschaft zum Warenaustausch zwischen Japan und der übrigen Welt betreiben. Kess Frank staunt, wie er Tatsächliches über Geschichte und Sitten nebenher aus einem Krimi erfährt. Er liest über die Yakusa, das organisierte Verbrechen, das in diesem Thriller eine Rolle spielt. Über den unaufgeregten Umgang der Japaner mit dieser kriegerischen Organisation. Die Yakusa, erkennbar am Fehlen eines Gliedes am kleinen Finger und / oder an Tätowierungen, finden durchaus ihren Platz neben den friedlicheren Lebensentwürfen. Er bezweifelt nicht, dass die Beobachtungen des Autors der Wirklichkeit entsprechen. Besonders berührt ihn das Bild des holländischen Kommissars, der ausnahmsweise in Japan ermittelt und der sich von den Mühen des Denkens und Herumgehens am Liebsten im Ryokan ins heisse (Gemeinschafts-) Bad, das ofuru, setzt und Bier trinkt. In Der leere Spiegel berichtet der Autor über Erfahrungen in einem japanischen Zen-Kloster. Als Sechsundzwanzigjähriger hatte er Geld geerbt, das er 1958 in eine Reise nach Japan investiert. Er verbringt einige Monate in einem japanischen Kloster. Diesen Aufenthalt beschreibt er im Buch. Nach der Lektüre weiss Kess Frank, dass das Klosterleben nicht sein Ding ist und er mit Bestimmtheit darauf

als Überraschung zum Abschied in einer romantischen Anwandlung heimlich ein Champagnerfrühstück vorbereitet, es zeitlich so einrichtet, dass er Marina Frank nicht zu früh weckt, was ihren Unwillen erregen würde. Gleichzeitig weiss er um sein Reisefieber und wie ihm die Musse fehlt, ruhig sitzen zu bleiben, wenn er in Gedanken bereits mit seiner Reisetasche zur Busendstation rennt, im Zug zum Flughafen sitzt, eincheckt, die Passkontrolle passiert. Marina Frank und er hatten sich gestern früh schrecklich gestritten und er war, weil er tatsächlich ins Büro musste, mitten aus dem Streit davongelaufen, weil sein Wirkungskreis tatsächlich da ist und ihn fordert. Während des Tages hatte er dann und wann kurz Zeit gefunden, Marina Frank anzurufen, doch sie war nie erreichbar gewesen. Abends hatten sie sich mit Freunden getroffen und beide so getan, als ob nichts wäre. Selbst als sie zu Bett gingen, ergab sich keine Gelegenheit, um den immer noch schwelenden Streit beizulegen. Indem er sie mit diesem Champagnerfrühstück zu überraschen versucht, schafft er die besten Voraussetzungen, dass sie sich vor seiner Abreise aussöhnen und er mit zurückgewonnenem Seelenfrieden abreisen kann, ohne virulente Altlasten, die ihm den Spass vergällen. Er richtet, auf Zehenspitzen schleichend, ein Zwischenlager auf dem Spieltisch beim Fenster ein, um Marina Frank, die noch ruhig schläft, erst zu wecken, wenn es bereit ist. Er vergewissert sich, dass alles da ist, klemmt die zwei Champagnergläser an ihren Stielen umgekehrt zwischen die Finger seiner Linken und bewegt die Hand so, dass die hängenden Kelche leicht aneinanderschlagen und das Kristall hell erklingt, während er in seiner Rechten die Flasche Pink Champagne hält und Lady wachküsst. Sie ist, obwohl verschlafen, platt, quietscht vor Vergnügen, sprudelt über und kann sich von der Überraschung kaum erholen, umarmt Kess Frank und küsst ihn immer wieder, so dass er sich kaum losreissen kann, um die übrigen Köstlichkeiten auf dem Nachttisch und dem Bett hübsch zu drapieren, denn es muss vorwärts gehen, sonst verpasst er seinen Flieger nach Tokyo. Beiläufig lässt Marina Frank plötzlich fallen, bitte vergiss nicht, mir die Adresse aufzuschreiben, unter der du in Japan zu erreichen sein wirst. Er zuckt mit den Schultern und grinst. Wozu soll er erreichbar sein? Sie wiederum kommentiert seine Antwort in diesem Tonfall, der klar einen Vorwurf beinhaltet, mit der Frage, dann wisse er nicht, wohin er gehe? Was sie seinem Chef, seinen Freunden sage, falls sie während seiner Abwesenheit Dringendes für ihn hätten? Sie stehe als Idiotin da, wenn sie nicht einmal wisse, wo ihr sauberer Herr Gemahl sich herumzutreiben beliebe. Verreise er alleine, sollten sie als Paar – ganz im Ernst – sich wieder einmal überlegen, ob alle Vollmachten noch gültig seien. Für sie sei die Vorstellung einer Reise, die im totalen Chaos ende, der blanke Horror. Horror vacui, höhnt er, sie hasse jede Überraschung! Sie giftelt lächelnd, ach, das sei ihr nun doch neu, dass sie mit Überraschungen nicht umzugehen wisse. Wer, falls die Frage erlaubt sei, habe diesen Wutanfall in Paris gekriegt? Sie sage bloss, Musée Rodin, schiebt sie genüsslich nach. Ich bringe dich um, schreit sie mit einem Mal. Er sucht das Weite, um nicht zu explodieren und etwas zu tun, das

an diesem 23. Juni 1997 im Shinkansen nach Hiroshima, bewaffnet mit zwei grossen Büchsen Kirin Bier und einer Bento-Box. Er bemüht sich, seine Freiheit, die Reise, das Leben zu geniessen und alles Lästige zu verdrängen. Das Lesen hat er über. Er weiss, dass auf seiner Lokomotion. Japan 1997 alles nett gewesen ist, dass es ihm eine diebische Freude bereitet hat, sich seinem gewohnten Wirkungskreis zu entziehen, dass auch die letzte Station seiner Reise nett sein wird, doch – verdammt nochmal! – die Gewissensbisse wegen seines Streits mit Marina Frank bei der Abreise holen ihn immer wieder ein, in diesen flauen Momenten, wo er seine Gedanken freilässt. Dann beissen sie zu, diese ekligen Gewissensbisse, und Kess Frank zuckt zusammen, zückt schuldbewusst seinen silbernen Parker Füller, kramt umständlich die verbleibenden in seiner Umhängetasche verstauten Ansichtskarten hervor und sucht die Karte mit einem Bild von Hiroshima hervor. Bereits in Tokyo, gleich nach seiner Ankunft, hatte er, um den verpatzten Abschied von Marina Frank gut zu machen, um Normalität zu heucheln, einer plötzlichen Eingebung folgend gleich vierundzwanzig Ansichtskarten mit Motiven von allen Stationen seiner Reise gekauft, um Marina Frank jeden Tag eine Postkarte zu schreiben. Später fällt ihm ein, dass er Franz Keller, Peter Semper, Mutti, John Phillips, Dani Wächter und vielen Verwandten, Freunden und Bekannten je eine Karte werde schreiben müssen. Er hatte daher, zum Zeitvertreib auch, und um etwas zu tun zu haben, nach und nach weitere zwanzig Ansichtskarten gekauft und in Fotogeschäften Ansichtskarten mit selbst geknipsten Bildern drucken lassen. Geschrieben und abgesandt hatte er bisher nur die täglichen Karten an Marina Frank und die eine Karte an Mutti. Er hält die Ansichtskarte mit einem Bild des Atombombendoms in Händen und überlegt sich, was er schreiben soll. Sätze wie, Hiroshima ist super-toll, ich geniesse Japan aus vollen Zügen, nächstes Mal musst du mich unbedingt begleiten, fallen ihm ein. Er lächelt über seine Lügen. Er ist sich bewusst, dass die Ansichtskarten und vor allem die Texte, die er schreibt, einer Strategie folgen. Hiroshima darf nicht super-toll sein. Es darf interessant oder eindrücklich, ja, eindrücklich sein. Er fragt sich bang, ob Marina Frank noch so verärgert über ihn ist, dass sie seine Karten ungelesen wegschmeisst. Ihm graut vor dem, was ihn zu Hause erwarten könnte. Veränderungen in seinem gewohnten Wirkungskreis würde er, trotz allem, schlecht ertragen. Vati, fällt ihm ein, hatte die Postkarten, die ihm seine Eltern, vor allem seine Mutter von 1937 bis 1944 aus Deutschland in die Schweiz geschrieben hatte, in einer hübschen Konfektdose aufbewahrt, unzählige, Hunderte von Post- und Ansichtskarten mit Texten, die einen, überlegt sich Kess Frank, heute noch berühren. Vor allem auch, denkt er, weil man das Ende kennt. Doch Vati hatte die Karten von allem Anfang an aufbewahrt und sorgsam behandelt. Was Marina Frank mit seinen Karten macht, interessiert Kess Frank nun doch. Das Foto mit ihm, Kess Frank, vor einem roten Tori-Bogen. Er hatte einen anderen Touristen gebeten, das Foto zu knipsen. Der Kult mit den eigenen Bildern ist lächerlich, denkt Kess Frank und erinnert sich an das leere Schlucken, wenn er im Fotogeschäft seine Bilder abholt und zum ersten Mal durchschnippt. Seine Bilder kommen nie an die Bilder der Profis und berühmten Fotografen ran. Er knipst, um sich zu beweisen, dass er die Dinge mit eigenen Augen gesehen hat, da gewesen ist – als ob es eine Rolle spielte! Durch den Wagon klingt eine Ansage zuerst auf Japanisch, dann auf Englisch. Die Karte hat er nicht

Landschaft vorüberzieht und die Ankunft in Hiroshima näherrückt, ekelt ihn vor der Ankunft an schon wieder einem neuen, fremden Ort. Ankunft als Routine, als Enttäuschung, als Akt der Gewöhnung. Als etwas, das man nolens volens hinter sich bringen muss, solange man sich auf der Welt bewegt. Etwas Beliebiges, das seinen reizvollen Glanz erst in der verkitschten Erinnerung entwickelt. Bringen wir auch diese letzte Station der Lokomotion. Japan 1997 in Würde hinter uns! Auf der brackigen Wasseroberfläche des Teiches der Erinnerung gleiten Bilder und Filme von Ankünften lautlos vorüber. Wie er, vor Jahrzehnten, einem Impuls folgend, an einem total misslungenen Samstagmorgen in Scheisslaune gleich nach dem Aufstehen sich telefonisch nach dem nächsten Flug nach Amsterdam erkundigt hatte, um seine Scheisslaune wegzukriegen. Er bucht einen Hinflug für in zwei Stunden und den Rückflug für den nächsten Tag. Wenig später Ankunft in Amsterdam. Stürzt sich sogleich in die Sauna Thermos, wo er einst Wonnemomente erlebt hatte. Zu seinem Ärger widert ihn diesmal dieser gleiche Ort an. Er ist schmuddelig und riecht versifft. Die Leute widern ihn an. Das Hochgefühl, in die ihn der Entscheid zur Reise, der Flug und die Vorstellung, der Trägheit des Augenblicks ein Schnippchen geschlagen zu haben, versetzt, ist verdampft. Seine Scheisslaune ist noch immer da und klebt fest an ihm. Das Wochenende ist im Eimer, die Reise hat nichts gerettet. Der junge Mann Kess Frank widert sich an. Er flegelt sich schmollend in eine Ecke, hängt der verklärten Erinnerung an früher besser Gewesenes nach, versinkt in ein schwarzes Loch. Er kann diese verdammte Scheisslaune nicht wegkriegen. Noch weiter weg zu fliehen, macht keinen Sinn. Er schleppt sich und seine Scheisslaune notgedrungen mit sich mit. Langeweile macht sich breit und eine Wut darüber, dass die Stunden nicht enden wollen. Er kann nichts, überhaupt nichts mit sich, seinen Mitmenschen, diesem Ort und überhaupt keinem Ort auf dieser Welt mehr anfangen. Da ruft einer plötzlich – Kess Frank schreckt aus seinem Trübsinn auf – hey, du, komm mit. Er folgt dem Typen ohne sich dabei etwas zu denken. Animiert und plötzlich in bester Laune. In der Gewissheit, dass er etwas erleben wird. Dabei fällt sein Blick, rein zufällig, auf eine Uhr. Es ist zehn Minuten nach Mitternacht. Der Scheisssamstag ist vorüber. Der wonnige Sonntag hat angefangen. Kess Frank glaubt, sich düster zu erinnern, dass Heinrich Zschokke seine Ankunft in der Schweiz anno 1795 oder 1796 so geschildert hatte, wie er nach dem Grenzübertritt beim Rheinfall so begeistert gewesen war, dass er die Postkutsche da verlässt und sich zu Fuss aufmacht, um sich seinem Ziel, Zürich, angemessen zu nähern. Kess Franks eigene Ankunft 1979 in Marrakesch. Als Erstes entfernt er sich von seinen Freunden. Er verlässt das Hotel im Zentrum der Stadt, innerhalb der Stadtmauern. Er pilgert zum nächstgelegenen Stadttor. Er geht weit in die umliegende Wüste hinaus, überquert Ringstrassen, durchmisst lockere Hüttchen-Quartiere, Olivenhaine, bis er den Rand der Wüste, Wüstensand und eine unendliche Weite mit Bergen am Horizont, erreicht. Da erst wendet er sich um. Die Stadt ist eine scherenschnittartige Silhouette am Horizont. Überglücklich schlendert er der Stadt und dem Stadttor entgegen, die grösser und grösser werden. Unter der gleissenden Sonne. Seine Füsse in ausgelatschten Desert Boots. Im Schweisse seines Angesichts. Auf dem Moment schaukelnd. Trunken im Gefühl, sich der fremden Stadt angemessen in Anstand zu nähern. Aus dem Olivenhain winkt ihm eine wie aus biblischen Zeiten entsprungene Gestalt zu. Er winkt fröhlich zurück, bis er merkt, die Gestalt in Dschellaba winkt ihm nicht zu, sondern winkt ihn herbei. Er geht die rund hundert Meter hin, wo der stattliche Mann mit Bart und Turban unter einem Olivenbaum steht und Kess Franks auf Französisch hingeworfene Worte nicht zu hören scheint. Der Fremde gebietet Kess Frank mit Handzeichen, näher und näher zu treten, bis Kess Frank, das Kommende ahnend und sich dagegen aus Neugier nicht wehrend, den mit Knoblauch und Tabak geschwängerten Atem des Fremden riecht. Der Fremde packt Kess Frank mit einer Hand fest am den Nacken, mit der andern hebt er seine Dschellaba und zwingt

auf Haiti anno 1974. Im Film The Comedians mit dem Glamour-Paar Elizabeth Taylor und Richard Burton, mit Peter Ustinov als Konsul, hatte er Ende der Sechzigerjahre etwas über das im Laubsägestil und in weisser, kolonialer Pracht erbaute Hotel Oloffson in Port-au-Prince aufgeschnappt. Dieser Anblick initiiert sofort einen Inseltraum: da muss Kess Frank hin! Kess Franks Verstand grinst süffisant. Die Zeiten, als exzentrische Weltenbummler dort ihre Inselträume verwirklichten, sind vorüber. Papa Doc, dann Baby Doc mit ihren Tontons Macoute herrschen mit Gewalt, Voodoo, Korrution. Haiti ist klar kein Trauminselziel. Niemand reist hin. Da stirbt kurz vor Kess Franks achtundzwanzigstem Geburtstag Kess Franks geliebter Patenonkel auf einer belebten Einkaufsstrasse in Zürich, an einem Herzschlag. Die Frau des Patenonkels, Kess Franks Tante, bittet ihn, auf dem Polizeiposten in der Stadt die persönlichen Gegenstände des verstorbenen Onkels abzuholen und ihr nach Hause zu bringen. Neben Brieftasche und sonstigem Privatzeug gehört auch eine Plastiktragetasche einer Buchhandlung dazu. In der Tragetasche befindet sich ein Buch, als Geschenk verpackt. Die Tante reicht das Geschenk Kess Frank und sagt, du hast ja bald Geburtstag. Bestimmt hat er, der Beste, er hat ja immer an alles gedacht, dieses Geschenk für dich zum Geburtstag gekauft, da, nimm es! Das Buch ist Graham Greenes in Haiti spielender Roman Die Stunde der Komödianten, auf dem der Film The Comedians basiert. Kess Frank nimmt diesen Zufall als Wink des Schicksals: er muss nach Haiti reisen! Er klügelt eine Flugroute aus, um nach dem selten angeflogenen Port-au-Price zu gelangen. Je näher die Abreise rückt, desto mehr zweifelt Kess Frank an der Richtigkeit seines Entscheides, dorthin zu reisen. Das Flugzeug, von Pointe-à-Pitre nach Miami, mit Zwischenlandungen in St. Marteen und Port-au-Prince, ist gut besetzt. Er glaubt mitbekommen zu haben, dass kaum jemand in Port-au-Prince aussteigen wird. Das Flugzeug landet in Port-au-Prince. Es rollt auf der Landebahn aus, wendet in Richtung Flughafengebäude, dreht ab, um seinen Standplatz auf dem Tarmac zu erreichen. Er sitzt mit Blick auf das Flughafengebäude im Flieger, sieht viele Menschen auf der Aussichtsterrasse. Da zerreisst eine jauchzende Kinderstimme die Stille. Schau, Mama, auf Haiti leben auch Menschen! Und dort ist Papa! Kess Frank sitzt im Taxi zum Hotel. Er entdeckt ein durch den belebten Verkehr rollendes einsames Autorad. Fahrrad-, Motorradfahrer und Fussgänger weichen geschickt aus. Bevor Kess Frank in der Lage ist, das erhaschte Bild zu bedenken, kippt das Taxi mit Holterdipolter und metalligem Schrillschlieren in Fahrtrichtung nach vorne links und schliddert, wegen des fehlenden linken Vorderrades, führungslos nach rechts in Richtung Strassengraben, während links und rechts Menschen zur Seite springen. Nachdem das Vehikel stillsteht, steigen der Fahrer und er aus, besehen sich die Bescherung. Der Taxifahrer wendet sich sogleich um, hält ein anderes Taxi an, palavert mit dessen Fahrer, bittet Kess Frank, in diesem anderen Taxi Platz zu nehmen und lädt Kess Franks Koffer um. Sich jagende, verdämmernde Erinnerungsfilme. Kess Frank ordnet seine Sachen, um in Hiroshima zügig auszusteigen. Noch immer verfolgt ihn der Streit mit Marina Frank unmittelbar vor oder gar während seiner Abreise nach Tokyo. Eine Abreise zum Heulen und Ankünfte im ganz und gar Beliebigen, befremdlich. Seine geliebte Patentante hatte einmal, das Schweigen über schwierige Zeiten brechend, von ihrer Abreise zur überstürzten Flucht 1946 aus Schlesien in den Westen berichtet. In Hirschberg hätten sie gewusst, dass sie wegen des Vorrückens der Russen nach Westen fliehen mussten. Es sei unter Androhung von Strafen verboten gewesen, die Flucht individuell zu ergreifen. Im Obergeschoss ihres Hauses hätten sie gepackte Koffern bereitgestellt für den Fall, dass die Abreise eile. Als die Russen kamen, seien sie daran gehindert worden, die im ersten Stock bereitstehenden Koffern zu holen, seien so, wie sie waren, vertrieben worden. Dein Vati, fügte die Patentante hinzu, ist glücklicherweise bereits 1937 in die Schweiz gefahren und hatte ordentlich sein Gepäck mitnehmen können. Wir hatten inständig gehofft, obwohl es uns die Herzen beinahe gebrochen hat, dass er nicht die Dummheit begeht, nochmals nach Deutschland zurückzukehren, und wir hatten ihm sogar Bücher, Tagebuch der Tante Minna, Ahnenbuch und alte Briefe nachschicken können, bevor es zu spät

ärgert er sich einmal mehr, selbst am Ende seiner Reise, über seine nicht nur für japanische Verhältnisse überdimensionierte Tasche. Mit dieser immensen Tasche, trotz Rollen und einem ausziehbaren Griff, mit Hilfe dessen er die Scheisstasche bewegt, sie wie einen Rattenschwanz hinter sich herzieht, behindert er die Leute und wird selber zum Hinderniss. Er schämt sich, schwitzend und keuchend vorwärts zu trollen. So soll er ein Hotel suchen?! Die Tasche ist zu gross für ein Schliessfach. Selbst wenn er eine Gepäckaufbewahrung findet, wird die Verständigung so schwierig sein, dass er lieber darauf verzichtet, seine Tasche zur Aufbewahrung zu geben, als einem Beamten, der ihn nicht beachten will, endlos mit Händen und Füssen klar zu machen, dass er bloss seine Tasche für eine Stunde oder so deponieren möchte. Ein diskreter Hinweis springt ihm in die Augen: Hiroshima Station Hotel. Im Bahnhofgebäude drinnen! Er bittet sein Schicksal inbrünstig um die Gnade, in diesem Hotel ein Zimmer für ihn frei zu halten, zu einem nicht übermässigen Preis. Zuerst muss er zum Hotelempfang gelangen. Mit seinem Ungetüm von Tasche quält er sich durch zwei Stockwerke eines für Liliputaner konzipierten, mit Gestellen überstellten Warenhauses, quetscht sich durch Miniaturrolltreppen hinauf, in Miniaturlifts hinein, bis er endlich, im fünften Stockwerk des Bahnhofgebäudes vor dem Empfang des Hiroshima Station Hotels steht, wo er die adretten Mädels und Jungs in grösste Verlegenheit bringt. Dass ausgerechnet sie mit einem Gaijin, einem Nichtjapaner

duscht er. Anhand eines am Hotelempfang erhaltenen Stadtplans setzt er sich über die Örtlichkeit ins Bild. Er weiss, als erstes will er den Atombomben-Dom abklappern. Zu Fuss ein langer, aber durchaus bewältigbarer Fussmarsch, insbesondere nach der langen Zugfahrt, wo er sich kaum bewegte. Er hat Zeit. Er wird die Zeit totschlagen. Was er nach dem Atombomben-Dom anstellen wird, kümmert ihn noch nicht. Er schaut in die Ferne, er schaut auf den Stadtplan, er berechnet die Richtung, die er einzuschlagen hat und zieht los. Vom Bahnhofplatz aus führen die Strassen mehr oder weniger sternförmig in alle Richtungen. Als er über eine Stunde gegangen ist, seine von der Zugfahrt steifen Knochen längst gelockert sind und dieser verflixte Atombomben-Dom noch immer nirgends zu sehen ist, verflucht er einmal mehr das Fremdsein. Er geht durch Stadtlandschaften ohne Blickfänge oder ästhetisch ansprechende Bauten. Die Stadt ist unhübsch und banal. Sie mag funktional sein, doch todlangweilig. Er ärgert sich über seinen Hang, sich aufgrund irgendwelcher irgendwo zufällig aufgeschnappter Bilder in phantastische Vorstellungswelten hineinzusteigern, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Ein Furz und schon muss er sich ausgerechnet in Hiroshima rumtreiben. Es irritiert ihn, dass er sich selbst am Ende seiner Reise nicht heiter und gelassen dem hier Seienden stellen kann. Während er mit sich und seinem Schicksal hadert, fällt ihm ein, dass die gesamte Innenstadt von Hiroshima, der Grund auf dem er sich bewegt, nach dem Abwurf der Atombombe Little Boy aus dem amerikanischen Bomberflugzeug Enola Gay aus 9'450 Metern Höhe ein Trümmerfeld gewesen war. Die Atombombe war 580 Meter über dem Boden explodiert. Achzig Prozent der bis dahin unbeschädigten Stadt wurde zerstört. Zwischen 90'000 und 200'000 Menschen wurden sofort getötet. Die Stadt besitzt städtebaulich keinen historisch gewachsenen Kern mehr. Was er sieht, kann nicht älter als fünfzig Jahre sein. Im Weitergehen schlägt er da eine Strasse ein, die eher nach dort geht, und dort eine, die in noch eine andere Richtung führt, bis er plötzlich, der Erschöpfung nahe, vor einem Gebäude steht, das – mich laust der Affe, denkt er grinsend – dem Peace Memorial Museum verdammt ähnlich sieht. Er kommt seitlich an dieses Gebäude heran. Von der Seite her betrachtet hat es nichts von der Grandiosität der Bilder, die Kess Frank aus Hiroshima, mon amour verinnerlicht hält. Enttäuschung frisst sich in seinen Geist. Er schwört sich, zum letzten Mal auf irgendwelche Bilder hereingefallen zu sein. Er geht am Peace Memorial Museum vorbei, lässt es links liegen und betritt den Peace Park, klappert auf Kieswegen die Strecke in Richtung Atombomben-Dom ab. Die Überreste des einzigen Gebäudes im Epizentrum der Bombe, die aus Schutt und Asche geragt hatten und heute noch als stumme Zeugen der Verwüstung stehen. Der Atombomben-Dom ist der Atombomben-Dom ist der Atombomben-Dom. Kess Frank knipst wie wild drauflos und denkt, ein so packendes Bild wie das, das ich in der NZZ gesehen hatte, schaffe ich nicht. Dieser Gedanke dämpft seine Stimmung vollends. Überdies erinnert er sich plötzlich daran, dass er gleich nach seiner Rückkehr zu Hause Charles Kerner anrufen muss, um den Termin von nächster Woche zu bestätigen. Als ihm überdies noch einfällt, dass er die alten Familienpapiere, die Folianten mit den Briefen, dieses sperrige Privatzeugs, das er von Vati vor inzwischen zwölf Jahren geerbt, das er zufällig kurz vor der Abreise hervorgerissen und in dem er herumgeblättert hatte, in der Hektik der Abreise vergessen hatte, wegzuräumen, wird ihm heiss. Er hätte das Zeugs unbedingt wegräumen sollen. Marina Frank hatte ihn etliche Male daran erinnert gehabt, dass es ihr im Weg sei. Marina Frank wird schäumen vor Wut. Er ärgert sich über sich selber, dass ihm beim Anblick dieses Mahnmal nichts anderes einfällt und dass er unberührt

stundenlang im Hotelzimmer auf- und abgetigert ist, abwechselnd Bier und Sake in sich reinschüttend, raucht er die x-te Zigarette und zerbricht sich den Kopf darüber, wie er endlich auf gescheitere Gedanken kommen könnte. Den Gedanken auf ein unkompliziertes Sexabenteuer gibt er rasch auf. Gleich zu Beginn seiner Reise war er in etlichen Bars angebrannt. Japaner scheinen Ausländer nicht zu mögen. Er prostet sich selber zu und grinst sein Spiegelbild an. Er hängt der Frage nach, weshalb beim Spiel mit Gedanken bestimmte Gedanken in den Reusen seines Gedächtnisses hängen bleiben. Dort zappeln. So dass er sich ihnen genüsslich widmen darf. Was schert mich die Fremde, die mich abstösst, die ich abstosse, wo ich, das ist die volle Wahrheit, so allein bin und keine Adresse habe – die Fremde kann mir gestohlen bleiben! Zum Glück werde ich bald zurückgekehrt sein. Doch kaum werde ich zu Hause sein, zieht es mich wieder weg. Ich bin von Natur aus verdammt dazu, Flaneur oder Wanderer zu sein, durchzuckt es ihn. Mich lockt das Dunkle, das Fremde, das Weisse. Dieser Aufschrei der Lust, wenn ein echt dicker Gedanken-Fisch, ein Prachtsstück gefangen ist! Muss voll genossen, in die Pfanne gehauen, kross gebraten und genüsslich gemantscht werden! Und noch ein Schluck Sake und dann etwas Bier gegen den Durst nachgeschüttet – neue Zigarette. Schwelgen in der Freiheit. Herr seiner Gedanken sein. Die Gedanken herumdirigieren. Ein Peitschenknall. Die Gedanken gehorchen. Kess Frank stiert seine grinsende Fratze im Spiegel an. Freiheit bedeutet eben nicht, sich irgendwo in der Fremde zu besaufen. Sich die fixen Ideen aus dem Kopf schlagen. Im wirren Denken auf Inhalte zusteuernd, die an der Sache vorbeizielen, ablenken, ihn in einen Sumpf des Nichts, ihn in einen ekligen, stinkenden Morast tauchen, der die Konsistenz von wässrigem Durchfall hat, in dem er sich suhlt – und dümpelt. Einen bedenkend, der an seiner Gedankenmaschine verzweifelt, bloss noch sich auf den Boden schmeisst, auf den Rücken rollt, alle Viere von sich streckt, lustvoll aufheult und die Sterne am Firmament zählt. Noch ein Schluck Sake. Verdammt gut, dieser Sake. Hätte ich nie gedacht, dass Sake so verdammt gut ist! Nicht Sterne zählen, nein, ganz einfach daliegen und zum Himmelszelt hinaufstarren, sich am Funkeln der Sterne erfreuen. Um die Ansichtskarte an Marina Frank hinzukriegen, benötigt er drei Anläufe. Beim ersten Versuch rutscht er mit seinem silbernen Parker-Füller ab, so dass das o von toll schief in die Länge abschrammt. Ein Lachanfall überfällt ihn. Er zerreisst diese Ansichtskarte, wartet, bis er ausgelacht hat und den zweiten Versuch wagen kann. Diesen verpatzt er ebenfalls. Noch ein Lachanfall. Beim dritten Versuch endlich, fein säuberlich, schwungvoll, zumindest schwungvoller als üblich: Herzallerliebste, Hiroshima haut dich aus den Socken, absolut toll, stelle bitte eine Flasche Pink Champagne kühl, wir müssen meine Rückkehr tüchtig feiern. Er betet sich vor, dass die echte Freiheit darin bestehe, sein Denken und sein Handeln, das ureigene und das in Reaktion auf seinen Wirkungskreis, auszuforschen. Anzunehmen, dass er so tickt, wie er eben tickt. Plötzlich fliegt das Fremde, ja, das verflixte Fremde mit seinen nur mit grösster Anstrengung zu entschlüsselnden und ihn aus der Fassung bringenden Botschaften ihm wie von unsichtbarer Hand angeschmissen an den Geist, prallt an seinem blitzblanksauberen Köpfchen ab, rinnt in Schlieren über des Körpers glänzende Rundungen und richtet eine Schweinerei an, so dass es ihm den Magen kehrt und es, während er von Geschossen bombardiert wird, in seinem Bauch rumort und Winde und stinkende Gase in seine Gehirnwindungen aufsteigen und dieses totale Chaos anrichten. Er verzweifelt ob seiner mangelnden Gelassenheit, was ihm wiederum einen Lacher beschert. Weshalb kann er nicht normal sein? Weshalb muss er überspannt sein? Und bei aller Überspanntheit dennoch, sobald er einen Fuss nach draussen setzt, die kleine graue Maus, der Durchschnittsmensch im Quadrat? Hatten sie ihn nicht immer zu Anpassung angehalten und ihm eingebläut, dass nur ein angepasster Klein-Kess Frank ein rechter Mann werden wird? Diese Anpassung hatte er wegen all seiner Fürze klar verpasst. Er droht zu stolpern, taumelt kurz hin und her, fängt sich auf und grinst in sein Spiegelbild, das ihm frech entgegengrinst und sich vor seinem klaren Blick häutet oder vermehrt, so dass unzählige Selbste in Schichten übereinander zu tanzen

seinen Rausch ausgeschlafen und wild geträumt hatte, so wild, dass er froh ist, aufzuwachen, und dies sogar ohne Brummschädel, den er durchaus hätte einfangen können, besucht er das Peace Memorial Museum. Er ist schnitzeldrauf, voller frischen Mutes, unternehmungslustig, wissbegierig. Nun ist strahlender Sonnenschein und, wie bereits festgehalten, er ist total schnitzeldrauf und hat seine Albträume abgeschüttelt. Er ist echt erleichtert. Was er in den Ausstellungsräumen sieht, liest, in Gedanken, Vorstellung, Phantasie aufquellen lässt, packt ihn echt und er kann nun auch verstehen, was einen Günther Anders dazu getrieben hatte, Die Antiquiertheit der Menschen zu schreiben. Er schlängelt sich in der Ausstellung zwischen Unmengen von Schulkindern und Gruppen von Japanern hindurch, nimmt die Leute überhaupt nicht wahr. Er hätte nicht einmal sagen können, dass in der Ausstellung grosser Betrieb herrscht. So wenig berührt er ihn. Bei einem Verkaufsstand in der Mitte zwischen zwei Museumsteilen hätte er am liebsten alle Bücher und Pamphlete gekauft, lässt es bleiben. Strohfeuerbegeisterung verlodert rasch, weiss er aus Erfahrung. Dann ist das Zeugs, das man kauft und mitschleppt, bloss noch Last. Er vertieft sich in die Betrachtung einer rekonstruierten Mauer nach der Atombombenexplosion mit Überresten eines verkohlten Körpers, in einem Schaukasten. Er spürt eine sanfte Berühung an seinem linken Oberarm. Eine Einbildung, denkt er. Taucht aus seiner Gedankenblase auf, erschrickt. Eine zierliche Japanerin in adretter Uniform, sexy, ein keckes Hütchen auf dem Kopf, sagt auf Englisch, excuse me, please, und deutet auf die Bücher und Pamphlete hin, die Kess Frank noch immer in Händen hält, obwohl er sich bereits weit vom Verkaufstisch entfernt hat. Peinlich, peinlich heizt es Kess Frank ein und er läuft feuerrot

vor dem Verlassen des Museums in einem langen Korridor auf einer Bank in schönstem Design vor einem Videogerät nieder, wo per Knopfdruck, auch in englischer Übersetzung, zwölf Augenzeugenberichte mit Filmen und Fotos anzusehen und anzuhören sind. Er starrt gebannt in den Bildschirm und schüttelt seinen Kopf über diese Schicksale, die anscheinend menschenmöglich sind. Er ist erschüttert von diesen Berichten von Überlebenden, die das Grauen des Todes als augenblickliche Verkohlung oder als elendigliches Verenden von Verwandten, Nachbarn, Freunden und Unbekannten miterlebt hatten und von diesen Bildern seither verfolgt werden. Er muss sich sammeln, seinen Gedanken nachhängen. Bloss jetzt keine weiteren Sehenswürdigkeiten! Auch nicht Flaneur sein, bloss etwas Stille haben, um seine Mitte wiederzufinden. Der Peace Park mit seinen Bänken kommt ihm gelegen. Er findet eine Bank, auf die er sich setzt. Er springt gleich wieder auf. Die Anblicke, die sich ihm bieten, sind zu verführerisch. Er knipst unzählige Bilder, aus verschiedenen Blickwinkeln, ein Versuch, diese weiträumige, geometrisch angelegte Gedenklandschaft mit dem elegant geschwungenen Marmorbogen in der Mitte, dem rechteckigen Teich, gesäumt von zu Trennwänden und Toren geschnittenen Sträuchern, den Brunnen, Bassins, Skulpturen, Steinaltären, mit dem Aus- und Durchblick auf den Atombomben-Dom. Unter dem Boden, unter Steinplatten sind, so liest er im Reiseführer, Schriftrollen mit den Namen der 200'000 bekannten Opfer der Atombombe vergraben. Eine ewige Flamme brennt. Ausgelaugt setzt er sich wieder, sinkt in sich

breiten Wege wälzen sich unzählige Menschen. In Gruppen, einzeln, Kinder, Erwachsene, Jugendliche, Alte, wenige Westler, zum Teil ebenfalls in Gruppen, die meisten bedächtig. Viele Menschen tragen Blumen bei sich. Menschen in Momenten der stillen Einkehr und des stummen Verharrens vor altarähnlichen Steinskulpturen, auf die sie mit einer solchen Bestimmtheit der Bewegung, die aus der Sammlung und Fokusierung der Körper wächst, Blumen legen. Eine alte Frau schlurft vom Eingang her auf ihren Holzsandalen graziös, beim Gehen leicht mit dem Kopf rhythmisch wippend, gefasst und konzentriert, in den Park hinein. Sie steckt in einem Kimono. In ihren Händen hält sie einen Strauss gelber und weisser Chrysanthemen. Sie trägt ihr graues Haare kurz geschnitten, eine Dauerwelle. Auf der Nase eine modische Brille. Die alte Frau trippelt auf ihren Holzsandalen auf einen Altar zu, in der Nähe der Bank, auf der Kess Frank sitzt. Er beobachtet sie aus allernächster Nähe. Sie verbeugt sich mehrmals vor dem Altar und steckt die Blumen in ein dafür bereit stehendes Behältnis, zu anderen Blumen hinzu. Kess Frank stutzt. Starrt das Gesicht der betenden Japanerin an. Aus irgendwelchen Urgründen seines Wissens schnellt das Bild einer anderen Frau hervor. Das Foto hing gerahmt am Kopfende von Vatis Bett, über dem Nachttisch. Bereits Klein Kess Frank hatte gewusst, das ist ein Foto von der Mutti von Vati. Kess Frank trifft die Ähnlichkeit der Frau auf dem Foto und der hier betenden Japanerin. Unwillkürlich denkt er, seltsam, diese Frau schaut aus wie meine Omi. Beim Wort Omi zuckt er zusammen. Er hatte diese Frau, die seine Grossmutter ist, nie gekannt. Sie ist ihm fremd. Er hat sie nie als seine Omi erfahren. Wie kann er sich anmassen, diese Fremde als Omi zu bezeichnen! Cousin Claus, der sie noch gekannt hatte, spricht von Omi. Die betende Japanerin mochte jetzt über Siebzig sein. Wenn diese Japanerin jetzt, überlegt sich Kess Frank, zum Beispiel Dreiundsiebzig ist, war sie beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima einundzwanzig gewesen. Nun betrauert sie jemanden, den sie gekannt hatte und der damals umgekommen war. Wie komme ich bloss auf dreiundsiebzig? Omi war dreiundsiebzig gewesen, als sie in Auschwitz zu Tode gekommen war. Ein Jahr vor ihrem Tod, 1943 hatte sie Vati diese Karte aus Theresienstadt geschrieben

Schicke mir auf keinen Fall Pakete dorthin, bis ich weiss, was erlaubt ist. Sorget Euch keinesfalls um mich. Der Herr hat bisher geholfen, Er wird auch weiter helfen – dess bin ich gewiss!

der Brief der Londoner Grosstante vom Herbst 1945 aus Utrecht (weshalb aus Utrecht, wo sie in den 60er Jahren in London wohnte?)

Unsere Füllfedern hat man uns in Theresienstadt abgenommen, wie andere Dinge auch, aber wenn man seine Liebsten missen muss, so spielt das alles keine Rolle. Im März 1944 habe ich Mottl im Kinderheim sitzend bei ihrer Beschäftigung nur durch einen Zufall zum ersten Male dort gesehen.

auch der Brief der Reichbanknebenstelle Jauer Bezirk Liegnitz vom 5. Januar 1934, in dem Sanitätsrat Dr. F., ohne Anrede:

auf Grund von § 2 Abs. 4 des Gesetzes gegen den Verrat der deutschen Volkswirtschaft veranlasst wurde, seine Bestände an Gold- und Silbermünzen aus seiner Münzensammlung abzuliefern.

und das vervielfältigte Schreiben des Reichswirtschaftsministers vom 29. März 1939, das Dr. Eugen Israel F. – der Name ist mit Bleistift hineingeschrieben – darüber informiert:

gemäss § 2 Abs. 2 der Dritten Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 21. Februar 1939 für folgende Gegenstände allgemein eine Ausnahme von der Zwangsablieferung zugelassen ist:

a) für die eigenen Trauringe und die eines verstorbenen Ehegatten,

b) für silberne Armband- und Taschenuhren,

c) für gebrauchtes Tafelsilber und zwar je 2 vierteilige Essbestecke, bestehend aus Messer, Gabel, Löffel und kleinem Löffel, je Person,

d) darüber hinaus für Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück und einem Gesamtgewicht bis zu 200g je Person,

e) für Zahnersatz aus Edelmetall, soweit er sich im persönlichen Gebrauch befindet.

sitzt heulend auf der Steinbank im Peace Park in Hiroshima, als ihm gestochen scharf die einmal kurz überflogenen Dokumente im Gedächtnis brennen. Er starrt die betende Japanerin an. Wird überrollt von bisher vergessenen, verlassenen, ziellos auf ihn einschiessenden Geschichten. Von einer toten Geschichte. Von seiner toten Geschichte. Seine gelebte Geschichte, die er abgespalten hatte, überflutet ihn. Er muss neben der vertrauten Nänne seiner fremden Omi einen Platz freischaufeln. Er hätte sich nie träumen lassen, dass ihr Schicksal, ihr Tod, ihr Sein ihn einholen würde. Irrlichternd war diese Fremde, die er nicht als Omi hatte einordnen können, manchmal gespenstisch aufgetaucht wie ein fernes Flackern. Der Rekrut Kess Frank war 1965 auf Wochenendurlaub zu Hause bei den Eltern angekommen, rechtzeitig zum Mittagessen. Vati fragt jovial und gewollt locker, und, mein Sprössling, wie ist der Frass in der Kaserne? Oft gibt es «gestampften Jud», wirft der Rekrut Kess Frank gedankenlos hin und will gerade eine Anekdote anhängen, als er die versteinerte Miene Vatis wahrnimmt. Der Rekrut Kess Frank explodiert sogleich. Verdammt, ich bin hierher gekommen mit besten Vorsätzen, gebe mir Mühe mit ihm zu plaudern. Kaum sage ich etwas, ist es total verkehrt und der Alte ist wieder sauer. Schau ihn dir bloss an! Er ist wieder stocksauer. Was habe ich falsch gemacht?! Falls der Rekrut Kess Frank geahnt hätte, wie seine Worte bei Vati angekommen waren, stünde er hilflos vor der Tatsache, dass alle in der Schweizer Armee das Büchsenhackfleisch «gestampften Jud» nennen. Die Erinnerung an die hübschen Geburtstagskarten von der Grosstante aus London. Niemand hatte ihm gesagt – weshalb hätten sie es auch tun sollen!? – dass sie 1945 diesen Brief aus Utrecht geschrieben hatte, den Kess Frank heute kennt. Der Jüngling Kess Frank begegnet der Londoner Grosstante einmal, in London, 1963. Eine gepflegte alte Dame, eine liebe alte Frau. Sie sitzt an der Familieneinladung im Garten in einer ruhigen Ecke unter einem Baum. Er wechselt artig ein paar Anstandsworte mit ihr. Heute bedauert er, über dreissig Jahre später, dass er es unterlassen hatte, sie nach seiner Omi, nach Theresienstadt zu fragen. Selbst heute würde er es nicht wagen, sie danach zu fragen. Sofern sie nicht selber zu erzählen anfinge. Das Kind Kess Frank nimmt als gegeben hin, dass die Verwandten in England, Kolumbien, Australien, Israel, Deutschland und überall leben. Diese Weltläufigkeit ist Anlass für den Erhalt exotischer Briefmarken, über die die Freunde staunen, die einzutauschen sie jedoch selten echt bereit sind, weil ein echter Schweizer Bub Pro Patria- und Pro Juventute-Marken sammelt und auf komplette Serien dieser einheimischen Briefmarken schrecklich stolz ist. Kommen Verwandte aus dem Ausland zu Besuch, rückt ein fremdes Land ins Bewusstsein und schürt Reiselust. Mit etwas Glück, wenn Vati gerade guter Laune ist, kann der Jüngling Kess Frank Ferien bei Verwandten im Ausland aushandeln, wie eben 1963 den Besuch bei Onkel und Tante in London. Die Londoner Tante ist die Tochter der Londoner Grosstante. Die jüngste Tochter der Londoner Tante und dem Onkel hatte gerade geheiratet, in Kanada. Der Jüngling Kess Frank hockt als noch nicht ganz Achzehnjähriger in der Küche bei der Londoner Tante und schaut ihr zu, wie sie das Essen zubereitet. Er fragt sie, wie die Hochzeit der Tochter gewesen sei. Die Londoner Tante antwortet, die Hochzeit werde wohl schön gewesen sein. Sie seien nicht da gewesen. Der Jüngling Kess Frank hat volles Verständnis dafür, bei dieser räumlichen Distanz. Die Londoner Tante schaut ihn gross an. Die Distanz sei kein Problem, mit dem Flugzeug sei man schnell auf der andern Seite des Nordatlantiks. Die Tochter hätte katholisch geheiratet. Nun versteht der Jüngling Kess Frank vollends. Grinsend sagt er, verstehe! Selbst wenn ich persönlich es schrecklich finde, wenn Protestanten und Katholiken heute noch so verfeindet sind. Die Londoner Tante sieht Kess Frank mit einem seltsamen Blick an. Wir sind Juden! Kess Frank platzt gleich heraus, du, das ist ja wahnsinnig spannend, erzähl, wir haben Juden in unserer Verwandtschaft, das ist ja cool! Die Londoner Tante fragt, ob er nicht wisse, dass seine deutschen Grosseltern als Juden geboren worden seien. Sie hätten sich erst später protestantisch taufen lassen. Sie fügt hinzu, dann hat dir also niemand gesagt, weshalb dein Vati in die Schweiz kam, wie deine Omi gestorben ist! Nun möchte der Jüngling Kess Frank alles wissen, doch die Londoner Tante verweist ihn mit seinen Fragen an seinen Vati. Mit Fragen an Vati ist es für den Jüngling Kess Frank so eine Sache. Vati ist ein so gescheites Haus, er hat es weit gebracht, er hat viel zu tun. Überdies neigt er zu Spott, Ironie. Selbst der Jüngling Kess Frank, der nicht mehr auf den Mund gefallen ist, wie früher das Kind Kess Frank, hütet sich, Vati ohne echte Dringlichkeit etwas zu fragen. Aus Angst, ausgelacht zu werden, blöd dazustehen. Er nimmt einmal – Vati und er sind gerade im Zug zusammen unterwegs und die Situation ist günstig – all