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Spur 2 Spielen Freitag erzählt davon, wie die (vor-)geschichtlichen Spuren ungerufen, überflüssigerweise in einen prall gefüllten Alltag und Wirkungskreis platzen und was sie da auslösen (können). Die Spuren weisen hin auf Menschen und ihre Schicksale, die im Rollenspiel (Ausländer, Hörspiel; Ankunft, Theaterstück) zu neuem, virtuellen Leben erwachen und zeigen, dass sie sich mit Freuden und Leiden herumzuschlagen hatten, die für die Nachgeborenen nicht einmal so schrecklich fremd sind. Das heitere und gelassene Spielen mit den zufällig aufgefangenen Spuren von Privatzeug wird zu einer Hommage an geglücktes Überleben. Privatzeug 1856 bis 2012 Versuch einer Spurensuche Rainer Bressler, Herausgeber besteht aus fünf Spuren. Jede Spur hat eine andere Hauptperson. Eine Mutter, deren Sohn im Exil lebt. Da ist das Thema Migration (1). Ein Mensch, der seine Spuren sucht. Der spielerische Umgang mit der eigenen Geschichte (2). Ein Teenager, der sich seinem Tagebuch anvertraut. Auch das Intime muss irgendwie raus (3). Ein Dichter, der nicht mehr veröffentlichen kann. Protest gegen bestehende Verhältnisse (4). Ein Ausgewanderter, der Briefe von seinen Freunden, Verwandten und Bekannten aus der alten Heimat und aus dem übrigen Ausland erhält. Die Ankunft am fremden Ort (5). Die Spuren, die aus Dokumenten bestehen, erzählen Geschichten, die das Leben schrieb und die sich dementsprechend wie ein Unterhaltungsroman über scheinbar gewöhnliche Alltage lesen.
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Freitag. Erzählung Zürich 1999
von Eugen Tanzner
Ausländer. Hörspiel Zürich 2002
von Rainer Bressler
Ankunft. Theaterstück Zürich 2006
von Rainer Bressler
mit Buchzitaten, Dokumentzitaten, Sentenzen
und Illustrationen, letztere von Dani Blizz
Freitag
Ausländer
Freitag (Fortsetzung)
Ankunft
Freitag (Fortsetzung)
Anhang
post (festum) scriptum. Interview Tanzner / Herausgeber
Nachwort
Lieraturverzeichnis
Verzeichnis der verwendeten Dokumente
Freitag. Erzählung Zürich 1999
von Eugen Tanzner
Woran ich zur Zeit schreibe, ist wieder sperriger. Hoffentlich wird irgendwann einmal etwas daraus. Noch sind es nur Ansätze.
Matthias Zschokke, Lieber Niels, S. 625
p.r.o.l.o.g Sturz: Neunzehn Uhr eins
Kainer stürzt im Bruchteil einer kleinsten Zeiteinheit hinaus aus seinem gewöhnlichen in einen bezüglich seiner Lage gewöhnungsbedürftigen Alltag herein. Der Sturz bewirkt als erstes eine Flugphase. Kainer wird sodann in eine Landungsphase hineinfallen und je nach Betrachtungsweise tief oder nicht tief stürzen. In die Überraschung über den unerwarteten Flug hinein blitzen unzählige Gedanken auf: es darf nicht wahr sein; strahlend wach; erstaunlich, was ein einziger Mensch erlebt; dieses neckische Kitzeln im Bauch.
Die Differenz zwischen der Absicht und dem tatsächlich Eingetretenen. Kainer war in der Küche beim Öffnen einer Flasche Perrier Jouet Belle Epoque Rosé von der ihn plötzlich heimsuchenden Idee gepackt worden, Camus’ La Chute zu lesen. Er kann dem Drang nicht widerstehen, stellt die für den Öffnungsvorgang erst vorbereitete Flasche zurück auf den Küchentisch, hastet hinter Vicky Schöntal, ohne ein Wort zu Vicky Schöntal, die Wendeltreppe zwei Stockwerke hoch, um sich in der Winde hinter dem Schlafzimmer aus seinen Büchergestellen das gewünschte Buch zu pflücken. Aus dem Nichts prallt sein linker Fuss im Schlafzimmer gegen einen Widerstand, der Kainer in der Hitze des Wettlaufs unvorbereitet trifft, den er sich in seiner Bewegtheit nicht erklären kann und der ihn wie im Traum anfällt. Der Gegenstand fällt Kainers Körper, physikalischen Gesetzen folgend. Der Schwung der raschen, im aufrechten Gang ausgeführten Vorwärtsbewegung wird umgeleitet. Kainers Körper verliert das Gleichgewicht. Kainer strauchelt, trudelt und schleudert, dem neu ausgerichteten Schwung der Materie folgend, von der Vertikalen in die Horizontale und mutiert zu einem Geschoss, das kopfvoran (rein physisch), durch die Lüfte saust. Kainer antizipiert erschreckt eine allenfalls schmerzhafte Bauchlandung, bei der er sich etliche Knochen brechen wird. Es ist neunzehn Uhr eins, an diesem Freitag, dem Dreizehnten. Kainers im Bruchteil einer Sekunde entfesselter und durchrasender Erinnerungsfilm rekapituliert gedanklich in Kürze die verschiedenen aufwühlenden Begegnungen dieses verflixten Tages, dessen Krönung der Sturz, beziehungsweise der Flug sind. Der Film streift Vati, Vicky Schöntal, den Fremden, das Hörspiel, Tomislav, Oberholzer, Teiker, nochmals den Fremden und das Theaterstück.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend Vati.
Obacht, du spinnst, wenn du dich noch immer von ihm verfolgen lässt! An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins ist die Urne mit der Asche Vatis (Eine Geschichte für sich!) seit rund zehn Jahren soundso viele Zentimeter unter der Erde vergraben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (noch) nicht zu Erde geworden, ist und bleibt eine geduldige Spur, die nichts weiter tut, als eine sich mit Zeitlupentempo zersetzende Spur zu sein, mit einem Grabstein drauf.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend Vicky.
Hilfe, ich verpatze durch mein kopfloses Handeln den gemütlich und kuschelig geplanten Abend, und Vicky Schöntal fragt sich bestimmt, wo ich stecke!
Keine Rede davon, dass Vicky Schöntal (Was für eine Geschichte!) Kainer bereits vermisst. An diesem Dreizehnten um neunzehn Uhr eins, während Kainer fliegt, steht Vicky in ihr Tun versunken und die Umwelt nicht mehr wahrnehmend in der Küche und drapiert die extra dick geschnittenen Stücke vom marinierten Lachs in einem hübschen Muster auf den beinahe schon antiken KPM-Teller aus Kainers Fundus. Ihre Gedanken kreisen um den Entscheid, die Senfsosse nicht auf den Teller, aber in ein separates Schälchen zu geben, weil die Sosse sonst, falls Kainer sich zu hastig oder zu ungeschickt bedient, durch den durchbrochenen Rand des Tellers auf das soweit noch saubere Tischtuch tropfen könnte. Das Tischtuch will sie, ohne es vorher zu waschen, bis zur grossen Familieneinladung am Sonntag behalten, eventuell sogar bis zur St. Galler-Einladung vom übernächsten Samstag.
Dani Blizz, Herr K., wie er leibt und lebt, Zeichnung 1983
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend den Fremden.
Wie kann ein Mensch seinen Mitmenschen und Nächsten lieben, wenn dieser ihn aus dem Hinterhalt anfällt und ihm beliebige Geschichten auftischt!
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins sitzt Ariel Unterwasser (eine höchst seltsame Geschichte!), der für Kainer Fremde, vergnügt in fröhlicher Runde im Certo bei Klatsch & Tratsch oder, wie andere den Anlass zu nennen pflegen, im Klub der toten Dichter, erschrickt und starrt verblüfft ins Leere, als sein privater Kobold, sein Medium, ihm auf die rechte Schulter hüpft und ihm ins linke Ohr flüstert, Operation gelungen – Proband mit dem Material in Verbindung gebracht. Ariel Unterwasser reibt zufrieden seine Hände, ist entzückt und wendet sich wieder seiner Runde zu, in Gedanken noch an seinem Mini-Parzival klebend, den er in den dunklen Wald geschickt hat.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend das Hörspiel.
Diese Geschichte geht mich nichts an!
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins haben die Spuren des Stoffs, aus dem ein Hörspiel werden wird, Kainer gefällt, ohne dass dieser sich dessen bewusst ist und ohne dass er ahnt, wie nah er diesem Stoff ist, der in alten, verstaubten Hüllen in einem Karton dahindämmert.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend Tomislav. Das arme Schwein – oje, jetzt nenne selbst ich ihn so!
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins sitzt Tomislav (irritierend als Geschichte!), zusammen mit seiner Schwägerin Marina und deren Tochter Olivia in deren Küche bei einem köstlich mundenden Bami Goreng. Tomislav ist echt gut drauf und setzt gerade an, um Marina zu erzählen, dass er von einem Freund ein Darlehen für seinen Verlag erhalten hat und das Buch veröffentlichen kann, das mit Bestimmtheit ein Bestseller werden wird. Marina kommt Tomislav zuvor und gratuliert ihm fröhlich, sichtbar belustigt, zu der tollen Lügengeschichte, die er Zoran aufgetischt und die dieser ohne mit der Wimper zu zucken geschluckt habe. Sie finde die Geschichte, dass das Konsulat nicht bereit gewesen sei, ein Notfallvisum auszustellen, genial erfunden und er, Tomislav, habe sie so gut erzählt, dass sie sie selber beinahe geglaubt habe. Tomislav kann es nicht fassen. Der Menschheit ganzer Jammer packt ihn augenblicklich an.
Ich hatte, wie gesagt, keine Ahnung, wie weit ich gekommen war, ob das trägt, aber das Problem, von dem ich spreche, also die Inkongruenz zwischen dem Funktionieren der Erinnerung und dem Funktionieren des Geschichtenerzählens, dieses Problem ist so alt wie die Menschheit.
Harald Martenstein, Gefühlte Nähe, S. 204
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend Oberholzer. Mit seinen Lügen ist Oberholzer selber am meisten gestraft – und Oberholzer kann mich mal!
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins sitzt Oberholzer (Oje, schon wieder so eine Geschichte!), mit seiner Frau Martha schweigend am Küchentisch beim Nachtessen. Martha hat ihn – und auch sich – auf Diät gesetzt. Martha und er sind alleine. Röbeli ist bei einem Freund. Oberholzer schweigt verbissen und nagt am trockenen Brot und am fettarmen Käse. Er ist noch immer verärgert über Martha. Kaum hatte er die Haustüre geöffnet, gellte auch schon Marthas Stimme ihm vom Treppenabsatz im dritten Stock durch das Treppenhaus entgegen. Stell dir vor, Karl, ich bin am Ende mit meinen Nerven, sie haben den Röbeli mit Haschisch erwischt. Oberholzer gerät erneut in Rage bei der Vorstellung, dass alle Nachbarn die peinliche Geschichte mitbekommen. Insbesondere die Sollenbergerin, das Waschweib, wird die Neuigkeit bestimmt im Brustton der verlogenen Betroffenheit in die gesamte Nachbarschaft hinausposaunen. Dass ausgerechnet der Röbeli von Polizistens – von ihm hätte man es am Allerwenigsten erwartet – , vom dritten Stock, kifft. Ist es nicht schrecklich, die ärmsten Eltern!, wo sie doch so anständige Leute sind.
Diese Art von polyphoner Philosophie ist ein Bewusstmachungsdenken und Zu-Gehör-Bringen von Standpunkten, eine Inszenierung verschiedener Stimmen.
Michael Hampe, Das vollkommene Leben. Hanser 2009, S. 254
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend Teiker.
Teiker verkennt mich. Er wird mit mir noch seine blauen Wunder erleben! An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins liegt Teiker (wenn eine Geschichte empört, dann diese!) neben einem wildfremden Menschen, der ihn unmittelbar zuvor in den Arsch gefickt hatte, in einer Liegekoje der (Männer-) Sauna Antinous und erzählt ihm, dass ein kleiner Untergebener es gewagt hatte, ihn, seinen Chef, ein Arschloch zu nennen. Er habe ihn auf der Stelle fristlos gefeuert.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend den schon wieder, nochmals aufgetauchten Fremden.
Nein, Hilfe, nicht schon wieder dieser Dödel mit seinen endlosen, niemanden interessierenden Geschichten!
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins sitzt Ariel Unterwasser, siehe oben, im Certo.
Kainers Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflacker betreffend das Theaterstück.
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins schlummert das Theaterstück (diese Geschichte geht mich nun wirklich nichts an!) diffus als Idee in Kainers Kopf, ohne dass Kainer auch nur etwas davon ahnt, weil er die Verbindung zur Geschichte noch nicht geschnappt hat.
Filmriss, Ende des Bruchteil-einer-Sekunde-Gedankengeflackers.
Kainer ist Superman. Er fliegt. Sein Denken und Trachten löst sich im Flug orgiastisch auf, zerfliesst in diesen relativen Höhen, so dass Kainer trunken-taumelnd-beduselt deliriert: ich fliege ichfliegeichfliegeichfliegeich. Euphorie. Ich fliege, ich fliege ichfliegeichfliegeichfliegeich. Phantasmagorie. Beherrscher des Alls. Kainer im Nukleus eines unentwirrlichen Knäuels, gefangen, gefesselt und schlafend bei hellwachen Sinnen. Fliegen durch die Lüfte des Schlafzimmers, die zum All werden. Das All ist nicht nichts. Es erscheint als gewöhnliches Umfeld im gewöhnlichen Alltag, wie jede neue und noch so absonderliche Position in seiner gewohnten Umgebung automatisch zu seinem gewöhnlichem Alltag wird, sobald sie da ist, weil er, Kainer, nicht aus seiner Haut hinausfahren kann und seinem Körper überall hin folgt. Kainer ist Körper und Geist. Und Seele. Sein gesamtes Wissen in der Erinnerung, in der Phantasie, in den Träumen strebt auf einen Punkt zusammen und ist eine geballte, unendliche, nicht zu beschreibende Ladung, die sich aus tausend Teilchen zusammensetzt, deren Beschreibung ein Millionenfaches des Bruchteils einer kleinsten Zeiteinheit erfordert und daher bei einer exakten Beschreibung jeden Details die kompakte Form schrecklich aufbläht, verzerrt und sie in allen Dimensionen (inklusive der Zeit) zu sprengen droht. Da sind der Flug, die Flugzeit, der Flugkörper und im Geist dieses Flugkörpers – Kainers – das entfesselte Erinnern von tausenden und abertausenden Geschichten und Wahrnehmungen gleichzeitig, im Bruchteil einer Sekunde. Das Papier ist geduldig, drängt nicht. Kainer fliegt und hier soll der Versuch unternommen werden, das Wechselbad von Kainers Befindlichkeiten und Stimmungen während dieses Sekunden-Flugs einzufangen. Der Sturz Kainers ist nicht bloss eine Folge von durch physikalische Gesetze bestimmten Bewegungen eines Körpers in einem Raum. Die Erschütterungen von Kainers Geist und Seele, die als Spiegelungen und Schatten allen Privatzeugs, das die Person Kainers ausmacht, drängen, im Sprachraum Niederschlag zu finden und als Spur einen Text zu hinterlassen.
Wetten, dass Gott die Welt so hört: Millionen von Klängen, die aufs Mal aufsteigen und sich in seinem Ohr vermischen, um eine unendliche Musik zu werden, unvorstellbar für uns.
Peter Shaffer, Amadeus, 2. Akt, Szene 4
Verdammt dazu, eine Rolle zu spielen, die du im Kopf nicht aushältst, doch in der Wirklichkeit stehst du grinsend da wie ein Clown, wie ein Don Juan, wie ein Faust, wie ein Odysseus, wie ein Buddha, wie ein Jesus oder wie Otto Normalverbraucher, träumend wie Lieschen Müller, und trägst ein Schicksal – widerlich!
Well, Sir Anthony, since you desire it, we will not anticipate the past! – So mind, young people – our retrospection be all to the future.
Sheridan, zitiert nach: Niall Ferguson, Civilization. The West and the Rest, S. 295
Der plötzliche Schrecken vor dem Aufprall am Boden, nach dem Flug. Das hastig festgehaltene Protokoll eines zu knapp angekündigten Todes. Knochen bersten und ein zufällig am Boden, auf dem Spannteppich liegender spitzer Gegenstand wird sich beim Aufprall in Kainers Bauch bohren, in der aufgerissenen Körperöffnung durch die Verschiebung des Rumpfes und der Extremitäten (Kainer rollt sich intuitiv in Embryonalstellung) in die Weichteile von Kainers Bauch hineinboren, um dann – kaum lastet Kainers Bauch nicht mehr auf dem spitzen Gegenstand – aus der künstlich klaffenden Körperöffnung herauszuploppen. Aus der Wunde spritzt zuerst Blut in Fontänen. Danach quellen Innereien in gallertigen Säften und Fetzen von Geweben heraus. Flüssigkeiten blubbern, Blut rinnt. Das Bild einer an sich ruhigen, doch unerbittlichen Destruktion von Kainers Körper in immer dekonstruierteren Stufen bis hin zur totalen Zerfetzung dessen, was einmal sichere Basis eines gewöhnlichen Daseins gewesen war.
Dani Blizz, Ich als Brunnen, verlorengegangenes Aquarell 1985
Dani Blizz, Ich als Brunnen, nach Bruce Nauman, Fotokopie eines verlorengegangenen Aquarells 1985
Der Schrecken wird schon von einem nächsten Schrecken überholt. Alles Unerledigte, alles Halberledigte, alles Scheinerledigte, alles Verlogenerledigte, jedes Ding, das Kainer je getan hat, blitzt auf und klatscht ihm von allen Seiten um die Sinne. Der sichere Tod und ab durch die Mitte, in Himmel oder Hölle, egal, den Rattenschwanz alles Dräuenden hinter sich herziehend, hinter sich lassend, abhängend, um die Stille, diese hallende, diese dröhnende Stille zu erleben und den Blick nach unten, in diesen wuselnden Alltag hinein, aus der Vogelperspektive, wo Kainers Ende als ein gemeiner Haushaltsunfall mit einem Wimpernschlag vorüber und erledigt ist, obwohl Kainer vielleicht danach, wenn’s gut endet, als Rollstuhlfahrer wieder in seinen gewöhnlichen Alltag zurückgetaucht wird. Die Stille, diese hallende, diese dröhnende Stille wirbelt in rätselhaftem Sog eine Erinnerungssäule auf.
O Gott, ich verpasse den Freitagskrimi am ZDF! Und die Flasche Perrier Jouet Belle Epoque Rosé habe ich noch nicht geöffnet! Gefolgt von der objektiven Einschätzung: ein Sturz ist ein Sturz ist ein Sturz ist ein. Chaos. Das reinste Chaos. Ein Feuerwerk eruptiver Gedankensplitter, wuchernd aus kleinsten, glitzernden, durchsichtigen, irisierenden, opaken, substanzlosen, fliessenden Impulspartikelchen, die wie Wassertropfen-Brillanten aufblitzen, mäandernd im Lavastrom der Suche oder Sucht nach einer wie auch immer gearteten Artikulation, eine Textur aus gefühlten Phantasien / Träumen / Ideen / Impulsen / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüchen / Zitaten / Hörspielen / Theaterstücken / Quellennachweisen / Fiktionen / Romanen / Gesetzen / Berichten / Briefen / Gedichten / Abhandlungen / Tagebüchern. In diesem Augenblick, in dem die Zeit stillsteht und sich auf einem Rundum, wie auf einem Karussell alles dreht, was war, was ist und was wird, leuchtet die Essenz der Existenz heraus in unzähligen Phantasien / Träumen / Ideen / Impulsen / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüchen / Zitaten / Hörspielen / Theaterstücken / Quellennachweisen / Fiktionen / Romanen / Gesetzen / Berichten / Briefen / Gedichten / Abhandlungen / Tagebüchern, so dass Kainers Mund offen bleibt. Er staunt und lässt sich berieseln von diesen Phantasien / Träumen / Ideen / Impulsen / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüchen / Zitaten / Hörspielen / Theaterstücken / Quellennachweisen / Fiktionen / Romanen / Gesetzen / Berichten / Briefen / Gedichten / Abhandlungen / Tagebüchern, als ob es Goldflitter ist, den es von oben auf ihn niederregnet. Voller Wonne jauchzend ob der Phantasien / Träume / Ideen / Impulse / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüche / Zitate / Hörspiele / Theaterstücke / Quellennachweise / Fiktionen / Romane / Gesetze / Berichte / Briefe / Gedichte / Abhandlungen / Tagebücher. In Lichtgeschwindigkeit durchrasende Phantasien / Träume / Ideen / Impulse / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüche / Zitate / Hörspiele / Theaterstücke / Quellennachweise / Fiktionen / Romane / Gesetze / Berichte / Briefe / Gedichte / Abhandlungen / Tagebücher. Endlose, bis ins kleinste Detail ausgedachte Phantasien / Träume / Ideen / Impulse / Gedanken / Sentenzen / Maximen / Aussprüchen / Zitate / Hörspiele / Theaterstücke / Quellennachweise / Fiktionen / Romane / Gesetze / Berichte / Briefe / Gedichte / Abhandlungen / Tagebücher. Bis die Bewegtheit plötzlich erstarrt, in Licht erstrahlt, gestochen scharf geschrieben steht, jede einzelne Phantasie, jeder einzelne Traum, jede einzelne Idee, jeder einzelne Impuls, jeder einzelne Gedanke, jede einzelne Sentenz, jede einzelne Maxime, jeder einzelne Ausspruch, jedes einzelne Zitate, das einzige Hörspiel, das einzige Theaterstück, jeder einzelne Quellennachweis, jede einzelne Fiktion, jeder einzelne Roman, jedes einzelne Gesetz, jeder einzelne Bericht, jeder einzelne Brief, jedes einzelne Gedicht, jede einzelne Abhandlung, jede einzelne Tagebuchseite festgeschrieben war, ist, wird.
Eine gestochen scharfe Erinnerung.
Kainer auf seinen Fersen sitzend, in Andachtshaltung vor der Sitzfläche des Stuhles, den Namiki-Füller in der rechten Hand. Das Blatt unbeschrieben. Kainer setzt die Feder seines Namiki-Füllers am rechten oberen Rand an. Von da an die gezogenen, gestossenen Fäden mit Montblanc Tinte Südsee Blau. Kaleidoskop der Möglichkeiten / Gedankenreisen, trunken von der Schönheit der Farbe, in der die Worte aufs Papier fliessen, in dieses Morgengebet hinein. Sätze, Sentenzen, die er aus den Briefen seiner Grossmutter aufgeschnappt hat, die ihm selber eingefallen sind, die ihn amüsieren, fesseln, irritieren, die immer wieder präsent sind, überall und da und dort auftauchen, aus Texten hervorlugen, in Schnürchenschrift beschwingt geschrieben mit südseeblauer Sehnsuchts-Inseltraum-Tinte.
Er sah mich an, mit diesem kühlen Blick, mit dieser ernsten Miene, hinter der ich den Zynismus grinsen sehe, die Unmenschlichkeit in Person, und er lässt wie beiläufig fallen, dann sind sie hier wohl am falschen Platz! Verdammt dazu, eine Rolle zu spielen, die du im Kopf nicht aushältst, doch in der Wirklichkeit stehst du grinsend da wie ein Clown, wie ein Don Juan, wie ein Faust, wie ein Odysseus, wie ein Buddha, wie ein Jesus oder wie Otto Normalverbraucher, träumend wie Lieschen Müller, und trägst ein Schicksal – widerlich!
Und ich trotte hinterher, nicht mal widerwillig, lasse mich belehren und gebe brav die richtigen Stichworte.
Zurzeit nicht opportun! Hat man da noch Worte?! Privatzeug, sieh nicht hin, geht niemanden was an. … unaussprechlichen Teil des Körpers …
Was bist du mir für ein tapferer Krieger! Ha ha ha.
Anbiederung an die hiesige Lebensart – und erst noch an der Basis, gratuliere! Anstatt ernsthafter Gedanken um die Situation im Allgemeinen und so, Gestolper in verdammt trügerischem Schein-Alltag!
Deine Schoko schmeckt, wie immer, sehr gut.
Ich verstehe doch nur zu gut, dass ein junger, strammer Deutscher Schwierigkeiten mit dem Regime in seiner Heimat hat. Und ich verstehe auch, dass er seine Haut retten möchte und Arbeit im nahen Ausland sucht. Ich bin sogar bereit, ihm zu helfen. Doch dann soll er sich gefälligst anpassen und sich wohl verhalten.
Wenn einem hier was nicht passt, soll er verreisen!
Wie Behörden, Politik, der öffentliche Diskurs mit den Ausländern umspringen, irritiert mich, ist eines aufgeklärten Staates nicht würdig.
Wenn er bei der intimsten Verrichtung nicht mehr alleine sein kann, das ist entwürdigend, das hält ein Gesunder kaum aus. Wie muss das erst auf einen schwachen, angeschlagenen, kranken Menschen wirken?
Dieses Geständnis. Ist es echt? Ist es falsch? Wird das Geständnis seine schrecklichen Charaktereigenschaften beseitigen? Er wird nicht zum pflegeleichten Flüchtling, der wie ein Hündchen seinen treuherzigen Blick auf einen pflanzt und mit dem Schwänzlein wedelt!
Peinlich, irritierend, aber auch erhellend, anregend, mit begierig-widerwilligem Blick Dinge mitzubekommen, die einen nichts angehen. Privatzeug! Heut möchte ich Dir einmal ordentlich den Kopf waschen. Warum lässt du ihn hängen? Danke Gott, dass Du eine gute Stellung hast und dass Dich Deine Tätigkeit befriedigt.
Also Kopf hoch, alter Junge.
Du sollst Dich aber wirklich öfters zerstreuen, damit die Einsamkeitsgefühle sich verflüchtigen.
Das Damoklesschwert Illegalität. Kein Mensch ist illegal! Ein Mensch ist ein Mensch und ihm gebührt der notwendige Respekt.
Nach langem, endlos langem Gespräch erst kam er auf den Punkt.
Und gerade in der Jugend drängt es ja jeden, Genossen zu gemeinsamen Pläsieren zu haben – denn Genossen zu gemeinsamer Betätigung hast du ja, wenn sie auch, wenigstens zum Teil, anders beschaffen sein könnten.
Denken – Gedanken! Ich setze dir eine Idee in deinen Kopf. Von da soll sie runterrutschen in dein Herz und dort heranwachsen, erblühen.
Man hat doch so niemand mit dem man sich so richtig aussprechen kann. Ich selbst bin mit den Nerven ziemlich runter bin.
Bei der Lektüre und im Leben beschäftige ich mich mit Teilaspekten, den schönen Formen, lasse mich davon betören und verliere somit den Blick für das Ganze. Zum Schluss weiss ich nicht, was ich gelesen habe, was läuft und so weiter. Eine schwelgerische Haltung, entgegengesetzt dem gezielten Schlag eines Henkerbeils, dem Abzug zu einem Schuss ins Schwarze, doch, Obacht, zielgerichtet heisst noch lange nicht, das Ganze im Auge zu haben, ich schwebe, ich floate.
Es stürmte zu viel auf mich ein und ich bin doch schliesslich.
Das Auge erhascht was. Im Gehirn blubbern Teilchen von Unfassbarem, Mythologischem, Legendärem, Verrücktem auf. Aus welcher Vergangenheit, aus welcher Ahnung blubbert es auf? Wo stehe ich zwischen meiner Wahrnehmung und meinen Gedanken? Drängt Vorgeschichte ins Bewusstsein, mit der angesammelten Weisheit aller Ahnen? Nicht nur Weisheit, auch Erfahrung, Dummheit … Der Schock, dass Geister da sind, aus fremden, früheren Welten, verstaubt, die ich entstaube, so dass es stiebt und ich nach Atem ringe, um unversehens dann eine Ahnung davon zu kriegen, wie das Leben, ein Leben, mein Leben aus tausend Dingen zusammengefügt ist, wie das kunstvollste Bild auf Leinwand, Farben, gekonntem Strich entsteht, als Einzelteil ein Nichts und erst im Ganzen dann das Kunstwerk, aus dem heraus der Geist von Menschen spricht, von Menschen, die sich mir mit einem Mal zuneigen und mit denen ichim Nu in einen anregendsten Diskurs verstrickt mich vorfinde, so dass Einige aus meiner Gegenwart ihre Köpfe schütteln und sich fragen, mit wem redet er? Keine Sorge, ich behalte nichts für mich, ich schreibe alles nieder, meine stummen Monologe, Dialoge, Phantasien, Träume als Geschichten, Hörspiele, Theaterstücke, Privatzeug eben, weil, was vergangen ist, Zukunft in sich barg und noch immer birgt.
Du fühlst dich so hilflos, total hilflos, im wahrsten Sinne des Wortes. Du funktionierst. Niemand da, der dir helfen kann, will, darf.
Hilfe von denen, die tatsächlich helfen können und wollen. Sonst möglichst alleine, mir selber überlassen, bitte! Andrerseits die Vorstellung, dass Ereignisse schrill, reisserisch, blutrünstig, leiddräuend dargestellt und banal-beliebig mit Aufmerksamkeit erhaschendem Tremolo in der Stimme aufgebauscht werden, um zu verblüffen, Nervenkitzel hervorzurufen und den Boten im Abglanz der «Sensation» erstrahlen zu lassen – ich will eine ganz gewöhnliche Annäherung an die Katastrophe, die Nachgestaltung aus der Erinnerung im Alltag, im ganz gewöhnlichen Alltag ankommen lassen.
Der Katastrophe knapp entronnen. Weshalb nun meinen tüchtig durchgeschüttelten Lebensplan vollends über den Haufen werfen?! Ich muss an meinen Plänen festhalten, so gut ich kann. Die Katastrophe ist dort. Ich bin da. Ich muss für mich schauen, mein Leben leben, so schockierend, herzlos es scheinen mag und so sehr sich die Andern auch ihre Mäuler zerreissen und über mich tratschen. Eine gescheitere Lösung vermögen auch sie nicht anzubieten. Ihre scheinbare Betroffenheit ist so etwas wie ein diffuser Nebel, weiter nichts. Ich will mein Leben leben!
Das Leiden – Privatzeug. Politik, Ruhe und Ordnung, Gesetze – na ja. Der Humor, ja, der Humor, er ist wiederum Privatzeug.
Solange Distanz da ist, die künstliche Anonymität, kann man ihm kühl alles Perverse runterzujubeln. Doch dann schaut er einen an, mit grossen Augen, diesem Blick – und man ist wie gelähmt.
Planetengeplänkel. Planeten strahlen sich gegenseitig an, Einfallwinkel der Strahlen je nach Eigenbewegung und Position. Was für einen Sinn macht es? Ob sie sich bewegen, die Planeten, sich gegenseitig anstrahlen oder ins Leere strahlen?
Verdrängung der irritierenden Wirklichkeit, dann, sobald man die Katastrophe im Griff hat, das Klageweibergetue, entfesselt. Eine obszöne Vereinnahmung der Oberfläche der Katastrophe als willkommene Plattform für eigene Kapriolen, ohne dass es zu schmerzen braucht. So eine Art Rollenspiel, Beschwörungsritual. Heiliger Sankt Florian, hast Andrer Haus angezündet, Gott sei Dank!
Weshalb nicht ruhig bleiben. Den Opfern Zeit lassen, sich wieder zu sammeln, Luft zu kriegen, Bedürfnisse zu artikulieren. Helfersyndrom / Überbehütung – krasse Vergewaltigung durch Gutmenschentum.
Der Umgang mit der Tragödie. Die Tragödie wird geboren beim mentalen Nachvollzug der irritierenden Geschehnisse. Die irritierenden Geschehnisse sind chaotisches Leben bei entfesselten Natur-, Menschen-, Kosmosoder Strukturgewalten. Wir kleben das Etikett Tragödie dran, ein Lehrstück. Sofern der erschreckte Mensch daraus überhaupt etwas mitkriegt. Der erschreckte Mensch nicht seine Empfindung abgeschaltet hat. Sich den schockierenden Geschehnissen zum Trotz genüsslich /selbstzufrieden zurücklehnt, nach üppigem Mahle seinen würzigen Rülpser in den Äther entfahren lässt, und nichts weiter will als gute Unterhaltung, obszön und lustig, Komödie oder Tragödie, egal, verdammt noch mal!
Das Ringen um eine angemessene Haltung. Teils ist man getrieben, von seligen oder unseligen Geistern, teils beflügelt, geritten von einflüsternden Teufeln oder Engeln.
Und da will einer noch behaupten, alles sei klar. Nichts ist klar. Ständig ringt man um Klarheit, Wahrheit, Authentizität – und hört man auf damit, plumpst man in den Morast des Irrtums, in diese Scheisse, warm und wohlig, doch leider, leider nicht das Element fürs Leben, selbst wenn sie generell zum Dünger taugt. – Hör auf mit Schnarchen! Schnarchen?! Ich?!
Diese verdammte Zerrissenheit, ach! Je mehr gleichzeitig der Fall ist, desto schmerzhafter wird es!
Kainer hebt den Namiki-Füller vom Blatt, setzt die Kappe auf den Vorderteil mit der Feder. Kainer steht auf, verspürt ein Kribbeln in den Beinen nach dem langen auf den Fersen Hocken, spürt, dass er lebt, in der Erinnerung, während er tatsächlich der (harten oder mit etwas Glück weichen) Landung entgegenfliegt.
Kainer antizipiert, aus der Gemeinschaft der Ungestürzten ausgeschlossen zu sein, sich im Beziehungsnetz der gemächlich ungestürzt in den Tag hinein Lebenden künftig fremd zu fühlen. Kainers Blick krallt sich am rasant den Augen entgegenflirrenden Teppichboden fest. Zittern und Zähneklappern.
Erst die Ähnlichkeits-, die Freundschafts- oder Verwandtschaftsbeziehungen machen die Dinge wahr. Die Wahrheit ist der Zufälligkeit des blossen Nebeneinanders entgegengesetzt. Wahrheit bedeutet Bindung, Beziehung und Nähe.
Byung-Chul Han, Der Duft der Zeit, S. 52
Im Blick die Oberflächenstruktur des Spannteppichs, rasend sich nähernd, dunkelbeige, flauschig und weich, der Teppich, und Kainer denkt im Moment des Sturzes die Frage, wie eine so beschaffene Landefläche Schrecken verbreiten kann? Die Spannteppichoberfläche lädt zum weichen flauschigen Dasein ein. Dennoch weit aufgerissene Augen, stockender Atem. Gedankenriss. Kainers Gedanke in der letzten Phase des Stürzens: ein Bild für Götter! Ich bin komisch anzusehen, zum Kranklachen, Slapstick, Komödie. Wäre ich Schriftsteller, tagträumt Kainer, müsste ich festhalten, was ich an Erstaunlichem erlebe, was für phantastische Begegnungen mir das Leben beschert. Bisher habe ich immer Glück gehabt, ich bin ein Glückskind, frohlockt Kainer, ich werde dem sicheren Tod von der Schippe springen und mit einem blauen Auge davonkommen, damit alles seine Richtigkeit hat. Ich werde den Sturz heil überstehen und einen Roman schreiben.
Wahrhafftig steckt die Kunst inn der Natur. Wer sie heraus kann reyssen, der hat sie.
Albrecht Dürer
Einen fünfbändigen Roman von insgesamt 1'437 Seiten. Dokumente, Texte kunterbunt zusammengefügt zu einer Collage.
Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar.
Paul Klee
An diesem Freitag, den Dreizehnten, um neunzehn Uhr eins schlägt Kainer fatal auf dem Boden auf. Das einzig Kohärente ist die Imagination eines fliegenden Torsos, gezeichnet, in unzähligen Stellungen, nackt und bloss, zerstreut als Vignetten in der (Vor-) Geschichte und den (Vor-) Geschichten des Sturzes. Die Kunst der Zeichnung als Spur (eines Dagewesenseins). Die Landung, der harte Aufprall – und damit Ende des Stürzens.
If, as Marx insists, the point of departure for our analysis must be the historical present, then it seems to me that a new way of understanding how temporalities conflict and converge will be necessary for any complex description of that present.
Judith Butler, Frames of War. When is Life grievable, Verso London New York 2010, S. 133
Sieben Uhr zweiundvierzig
Vati ist gefällt, zerstört, verbrannt, zu Asche mit kleinen Knochenresten, im übertragenen Sinn zu Erde geworden. Weltgewissen, das – solange sich jemand an sein vergangenes Erdendasein erinnert – unvermittelt an dieser oder jener Stelle, in diesem oder jenem Moment aufblubbert und das niedliche Menschlein, in diesem Falle Vatis Sprössling, Kainer, der plötzlich von diesem Gesicht, von diesem Gespenst übermannt wird, mitten aus seinem Erdengewusel aufschreckt. Der Sprössling, dieser kleine Wicht, erbleicht. Er hasst es von Gesichten heimgesucht zu werden. Insbesondere, wenn das Gesicht Vati ist. Diese hämische Fratze taucht aus dem Nichts auf, lauert in der Luft, in der Erde, im Feuer, im Wasser. Am Morgen dieses Freitag des Dreizehnten kommt Kainer in seinem Büro an. Er richtet sich ein und entfaltet dann die NZZ auf seinem Schreibtisch, blättert sie durch, bleibt genüsslich lesend an einem Bericht über eine Ausstellung von Werken von Francis Bacon und Bruce Nauman in Bilbao hängen. Die Vorstellung springt ihn an, dass Teiker, sein Chef, plötzlich in sein Büro platzen und ihn bei der Zeitungslektüre überraschen könnte. Diese unwillkürliche und irrlichternde Vorstellung belustigt Kainer. Teiker nimmt sich die Freiheit, ohne jegliche Erklärung im Amt physisch zu erscheinen, wann es ihm passt. Meist zur Zeit der Neun-Uhr-Kaffeepause oder noch später. Bis da wird Kainer schon bis über beide Ohren in seiner Arbeit stecken. Kainer schmunzelt beim Gedanken, mit welchen Nieten als Chefs sich ein kleiner Angestellter wie er herumzuschlagen hat! Bestimmt sei es an anderen Orten noch schlimmer, denkt er. In seiner Häme hebt er seinen Blick an diesem Freitag, dem Dreizehnten, um sieben Uhr zweiundvierzig, und starrt für einen Augenblick Löcher in die Wand. In diesem Augenblick blubbert ihm aus der angegrauten, weissen Wand, wie aus einem plötzlichen Riss durch schönste Oberfläche, Vatis grinsende Fratze entgegen. Für einen kurzen Augenblick. Doch dieses kurze Aufleuchten des Gespenstes genügt, um diese aus Hass genährte Erregung für einen kurzen Moment auflodern zu lassen, bis Kainer wieder weiss, dass er seinen Hass auf Vati längst überwunden hat. Was soll ihm, dem gestandenen Mannsbild, ein Häufchen vermodernde Asche anhaben! Kainer nimmt den Spuk spontan als schlechtes Omen für den Tag. Dann lacht er über seinen Aberglauben. Zum Glück ist er nicht krank. Wenn er bei der intimsten Verrichtung nicht mehr alleine sein kann, das ist entwürdigend, das hält ein Gesunder kaum aus. Wie muss das erst auf einen schwachen, angeschlagenen, kranken Menschen wirken?
… Sie können höchstens einen kleinen und nicht den wichtigsten Ausschnitt der Flüchtlingspolitik illustrieren, denn mit ganz wenigen Ausnahmen wurden alle diese Fotos, die fünfzig Jahre danach in den Medien als Quasi-Dokumente mit dem Nimbus des «Tatsachenbildes» benützt wurden, erst kurze Zeit vor Kriegsende gemacht. Und unter den abgebildeten Menschen sind gerade jene nicht dabei, welche von einer unmenschlichen, aber konsequent antisemitischen Flüchtlingspolitik … an der Grenze abgewiesen, sogar zurück«überstellt», von Schweizer Beamten den Beamten der Mörder ausgeliefert wurden.
Peter Pfrunder, Wunderkammer, Kraftwerk, Geschichtslabor – und auch ein Treibhaus, über den Fotografen Roland Gretler, in WOZ Nr. 13, 28. März 2013, S. 20
Lange bevor Vati zu einem Häufchen vermodernder Asche wird und als Gesicht herumgeistert, ist er ein Junge. Ein Mitschüler des staatlichen humanistischen Gymnasiums in Jauer fragt Vati vor seinen Mitschülern, ob der Mummelgreis, der ihn gestern von der Schule abgeholt habe, sein Grossvater sei? Einige Mitschüler, die wissen, dass der gediegene ältere, etwas altmodische Herr von knapp 50 Jahren Vatis Vatel, der weitherum bekannte Herr Sanitätsrat, ist, kichern, lachen verhalten oder auch offen. Vati kriegt einen Wutanfall. Er haut dem Grossmaul eine runter. Noch am gleichen Tag, während Vati’s Familie bei Tisch sitzt, lässt sich Malermeister Hellweg beim Herrn Sanitätsrat melden. Durch die Mitteilung von Anna, dass die Praxis geschlossen sei, der Herr Sanitätsrat bei Tisch sitze, lässt sich Malermeister Hellweg nicht abwimmeln. Es gehe um Privatzeug. Vatel erhebt sich schweigend vom Tisch und geht in die Eingangshalle, schiebt jedoch, wie es üblich ist, die Schiebetüre hinter sich zu. Vati ist bang. Er kann sich unschwer ausrechnen, worum es bei der Vorsprache von Malermeister Hellweg geht. Als Vatel zurück zu Tisch kommt und sich setzt, isst er weiter, als ob nichts gewesen ist, grinst spöttisch vor sich hin. Vati hätte Vatel gerne die Situation, die zur Schlägerei geführt hatte, erklärt, doch Mottl bekommt mit, dass Vati zu einer Rede anheben will. Sie gibt ihm mit einem zwar liebevollen, doch bestimmten Blick zu verstehen, Vatel nicht unnötig zu behelligen. Vati hat Mottls Sprüche im Ohr. Wie streng Vatel in der Praxis arbeite. Daher sei es nicht anständig, ihn mit eigenen Dingen zusätzlich noch zu belasten. Vati hält seine Klappe. Er nagt an seinem Sauerbraten und seinem Kartoffelbrei herum. Anna hat ihm so schrecklich viel davon geschöpft. Dabei hatte er ihr in der Küche, als Anna und die Köchin die Platten und Schüsseln für das Servieren vorbereiteten, verkündet, dass er Kartoffelbrei nicht möge. Vati weiss, dass Vatel Kartoffelbrei genau so wenig mag wie er. Anna hatte Vatel wenig geschöpft, ihm, Vati, jedoch einen riesigen Berg. Vati hatte sie entsetzt angesehen. Sie hielt ihren Blick gesenkt und lächelte untertänig. Vati darf sich vor Vatel nicht gehen lassen. Wenn Vatel zu viel Kartoffelbrei geschöpft bekommt, lässt er sich nichts anmerken und isst mit Todesverachtung, was ihm geschöpft wird. Ähnlich souverän würde sich Generalfeldmarschall von Hindenburg in solchen Situationen verhalten. Generalfeldmarschall von Hindenburg ist das Idol Vatis. Ihm eifert er nach. Gleich nach dem Generalfeldmarschall kommt Vatel, denkt Vati. Vatel schimpft Vati nie aus. Axel Schloth, ein Mitschüler, erzählte, wie er bei der geringsten Ungehörigkeit von seinem Papi den Befehl erhält, Rohrstock! Dann muss er den Rohrstock holen, ihn seinem Papi überreichen, sich umdrehen, die Hosen und Unterhosen runterlassen, sich über den Hocker in seines Papis Arbeitszimmer beugen und bekommt mit dem Rohrstock den blanken Hintern versohlt. Axel Schloth erzählte auch, wie er seinen Papi austrickst. Er schreit nie au au au! Er verzieht keine Miene. Wenn er nach der Abstrafung aufstehe und sich bei seinem Papi für die Schläge bedanken müsse, hüte er sich, über die brennenden Stellen zu streichen. Neulich habe er ungewollt bei den Schlägen einen Samenerguss gehabt, erst als er die Unterhose und Hose wieder rauf zog. Alle gaben vor, zu wissen, was ein Samenerguss ist. Axel Schloth ist allen voraus. Er ist zweimal sitzengeblieben. Er ist nicht dumm. Er geht lieber angeln, als dass er Hausaufgaben macht. Wenn er schlechte Zensuren nach Hause bringt, wird er geschlagen. Vati schaut in einem medizinischen Lexikon das Wort Samenerguss nach und denkt sich beim Versuch, sich einen Samenerguss plastisch vorzustellen, wie ekelhaft es sei, wenn aus seiner Männlichkeit, die zum Pinkeln da ist, noch eine andere, schleimige Flüssigkeit, der Samen rauskomme. Vati weiss, wie gut seine Eltern zu ihm sind. Wenn Axel Schloth jeweils seine Leiden preisgibt, und Einigen sogar nach dem Turnen, beim Kleiderwechseln, die Striemen auf seinen Hinterbacken gezeigt haben soll, sind die andern sich einig, dass sie zwar auch Ohrfeigen bekämen, von den Eltern angeschrien werden, zur Strafe auf einem Lineal in einer Zimmerecke knien müssten oder ohne Essen ins Bett geschickt würden, doch so schlimm wie bei Axel Schloth sei es nicht. Weil Vati genau weiss, wie gut Vatel zu ihm ist, explodierte er, als Wolfi Hellwig sich über ausgerechnet Vatel lustig machte. Malermeister Hellwig pflegt Wolfi Hellwig die Ohren langzuziehen, so dass Wolfi Hellwig im Ernst befürchtet, dass sein Ohr gleich reissen wird. Wolfi Hellwig hatte drastisch geschildert, wie bestialisch weh das Ohrenreissen tut. Je mehr er geschrien habe, desto fester habe sein Vater am Ohr gerissen. Bei diesen Gedanken putzt Vati seinen Teller leer. Er sagt zu Anna, er wünsche keinen Nachschlag. Dann hört er Vatel spöttisch zu Mottl bemerken, unser nobler Herr Sohn proletarischer Eltern hat noch zu lernen. Vatel richtet seinen Blick auf Vati und fährt fort mit seiner Bemerkung. Dass Sozialisten Schläge nicht einfach so hinnehmen. Mottl fragt entsetzt, mein Bubele verkehrt mit Sozialisten?! Vatel beschwichtigt sie. Auch Sozialisten seien Menschen, doch herrsche bei diesen ein anderer Comment. Zudem sei nicht jeder Sozialist auch Bolschewist. Und der Herr Sohn sollte sich überlegen, ob die Faust für einen intelligenten Jungen das richtige Argument sei. Er habe Malermeister Hellwig geraten, seinen Sohn aufzufordern, sich zu wehren, selbst wenn der Angreifer der Sohn des Herrn Sanitätsrat sei. Vati schaut weg, meidet Vatels Augen. Wolfi Hellwig hatte ihm, während er ihm die Ohrfeige haute, einen Schlag in die Magengrube versetzt, dass Vati umgefallen war und die Sterne im Elsass gesehen hatte. Niemand hatte gelacht. Alle befürchteten, dieser Schlag werde schlimme Folgen zeitigen. Vatel belehrtMottl, dass Söhne von Sozialisten im humanistischen Gymnasium kein Grund seien, den Sprössling aus der Schule zu nehmen und privat unterrichten zu lassen. Mottl denkt traditionell. Vatel ist aufgeschlossen und beherrscht kritische Situationen souverän. Vati weiss, dass er Mottl eine riesige Freude macht, wenn er sagt, wie gut Vatel zu ihm ist. Da strahlt Mottl. Vatel sei ein selten guter und selten tüchtiger, selten beliebter und selten erfolgreicher Mann. Das sei keineswegs selbstverständlich. Vatel spreche zwar nicht darüber, doch habe er eine schreckliche Kindheit gehabt. Vati hatte Vatels Vater nicht gekannt. Vatel erzählt nie etwas über seinen Vater. Mottl fügt noch hinzu, der gute Vatel will dir das Schreckliche ersparen, das er durchlitten hat. Das ist nicht selbstverständlich. Gewisse Menschen sind zu schwach, um Lehren aus Erlebtem zu ziehen und ihr Leben zu ändern.
Während ich geschrieben habe, hat die Geschichte sich, wie das hin und wieder passiert, selbstständig gemacht. Sie sollte gar nicht rund werden, wie man gern sagt, das Unrunde war nicht das Problem, sondern dass die Person, deren Leben ich erzählen wollte, mehr und mehr in den Hintergrund geraten ist.
Harald Martenstein, Gefühlte Nähe, S. 204
Vatel stirbt, bevor Vatis eigener Sprössling, Kainer, zur Welt kommt. Vati bedauert schrecklich, dass weder Vatel noch Mottl seinen Sprössling bewundern können. Vati träumt und sieht das Leben in seinen grossen Zusammenhängen und dichtet, wenn ihm Zeit bleibt, um seinen Alltag in den Griff zu bekommen.
Die Kette
Und die Geschlechter sprossen
Als Kette Glied um Glied.
Es wird der Ring geschlossen,
Indem das Leben flieht.
Der Ring hängt an dem Ringe,
Ist zweifach im Verband:
Den Vater ich umschlinge -
Den Sohn hält meine Hand.
Mich bannt an diese Stelle,
Dass tausend Väter sind;
Zugleich bin ich die Schwelle
Für Kind und Kindeskind.
Mich ihnen hinzugeben,
Ist meines Daseins Sinn,
Und tausend tote Leben
Bin ich von Anbeginn.
Durch Irrtum und Verblendung
Geht jedes Glied zu Grab;
Doch naht sich die Vollendung,
So reisst die Kette ab …
Hans-Günther Bressler, Klingende Rast, Berlin 1934
Dani Blizz, Torso eines Gekreuzigten, Zeichnung auf der Kopie eines Testamentes aus dem Jahr 1909, 1969
Wenn Vatis Gesicht aus dem Nichts hervorblubbert, Kainer anspringt und ihm im Bruchteil einer Sekunde einen unsagbaren Schrecken einjagt, wie an diesem Freitag den Dreizehnten um sieben Uhr zweiundvierzig, steigen um die Erscheinung herum kleine Bläschen auf, Geistesblasen der nagend(an-)klagenden Erinnerung:
Kainer erinnert sich an Muttis Erzählung, wie Vati den Sprössling als Baby, kaum konnte er sitzen, in die Ecke des Sofas gesetzt und für sich den Fauteuil in die Nähe gezogen hatte und ihm Lieder vorsang, während er sich auf der Gitarre begleitete. Der Kleine hatte ihn aus kugelrunden Augen angestrahlt, gebannt, reglos, die längste Zeit, über mehrere Lieder hinweg, bis er begann, ungestüm und tapsig nach der Gitarre zu greifen, dabei beinahe vom Sofa runtergefallen wäre. Und dann war es mit der Ruhe aus gewesen. Doch die längste Zeit hatte er zuvor gebannt zugehört. Da war er ein Engel der Glückseligkeit gewesen, mit seinen Kulleraugen. Bis er zu jauchzen und zu glucksen, herumzuranken begannt. Mit Kleinkindern kann Vati nichts anfangen. Am Schlimmsten ist es, wenn ein strenger Duft aufsteigt und der Sprössling seine Hose voll hat. Vati ekelt sich und muss das Kind an Mutti oder sonst eine hilfreiche Seele weiterreichen. Der Neffe Vatis, damals fünfzehn, war einmal dabei gewesen, hatte sich selbst geekelt und erzählt bis heute diese Geschichte weiter, so dass diese Geschichte zum Familiengut geworden ist, während die Erinnerung an den glückselig auf die lustigen Lieder hörende Pimpf verloren ging.
Noch eine Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
– Wir mussten ein Buch kaufen, für den Deutschunterricht. Zwei Franken fünfundzwanzig.
Vati fragt, um welches Buch es sich handle?
– Zögl hat eine Sammelbestellung aufgegeben, deshalb ist es billiger als im Laden.
Vati fragt nochmals nach dem Titel des Buches.
– Zwei Franken fünfundzwanzig ist nicht viel.
Vati sagt spitz, der noble Herr Sohn kenne selbstverständlich den Wert des Geldes, da er dafür ja keinen Finger zu rühren brauche. Der Tonfall des Gesprächs wird von beiden Seiten bissiger, zynisch von Vati, frech vom Sprössling. Beim Buch handelt es sich um Rilkes Cornet.
– Du wirfst das Geld zum Fenster raus! Den Cornet habe ich in zwei verschiedenen Ausgaben in meiner Bibliothek stehen. Was bist du mir für in tapferer Krieger! Ha ha ha.
Der Sprössling gibt zornig zurück, Vatis Bücher dürfe er kaum berühren und schon gehe ein Donnerwetter los. Wenn er Bücher lese, dann sähen sie danach zerlesen aus – und es sei auch gut so!
– Wenn du in MEINEN Shakespeare, wohlverstanden mit Kugelschreiber, kritzelst, ist es unverschämt und rücksichtslos!
– Du bist ein Geizkragen!
Die Geschichte endet damit, dass der Sprössling Vatis Arbeitszimmer wutentbrannt und türknallend verlässt und dass Vati dem Sprössling wortlos zwei Franken fünfundzwanzig zu seinem Platz am Esstisch legt. Vati hat seine liebe Mühe mit seinem Sprössling. Der Sprössling ist nicht so rausgekommen, wie er sich seinen Sohn erträumt hatte. Ein ängstlicher, schmächtiger, feingliedriger Junge, der im Sport versagt, ein Einzelgänger ist und an den Rockschössen von Mutti, Nänne und den Tanten hängt. Dazu ist er stur und trotzig, geht ihm, Vati, wenn immer möglich aus dem Weg, meidet das Gespräch mit ihm, Vati, und vertraut ihm, Vati, nie das Geringste an. Er ist peinlich berührt vom weibischen Gehaben des Jungen, der sein Sprössling ist.
Mutti hat die Angewohnheit, von Zeit zu Zeit dem Sprössling zu sagen, wenn Vati eine gemeinsame Unternehmung vorschlage, solle er nicht gleich seine Augen verdrehen und das Ansinnen entrüstet von sich weisen. Wenn er zum Beispiel am Samstagnachmittag Vati ohne Widerrede und ohne schlechte Laune auf den Ausflug in die Buchhandlung nach Aarau begleite, werde sie ihm den Villon in der livre de poche-Ausgabe schenken, versprochen! Vati weiss selbstverständlich, dass sein Sprössling ihn nicht freiwillig in die Buchhandlung nach Aarau begleitet, ist aber doch beeindruckt, wie zivilisiert der Junge sich geben kann, wenn er sich nur etwas zusammenreisst. Vati staunt, wie der Sprössling selbst nach einer Stunde in der Buchhandlung und endlosen Gesprächen Vatis mit dem Buchhändler nicht zu meckern beginnt. Er beobachtet, wie der Sprössling die längste Zeit einen Glasschrank betrachtet, in dem besonders wertvolle Bücher sind. Der Buchhändler nickt dem Sprössling aufmunternd zu, er dürfe den Glasschrank ohne weiteres öffnen und das Buch herausnehmen, das ihn interessiere. Vati ist echt gerührt, mit welcher Hingabe und mit welchem Entzücken der Sprössling das Buch vorsichtig behandelt. Er ist neugierig darauf, zu wissen, um welches Buch es sich handelt. Es ist die in Leder gebundene und in Dünndruck gehaltene Gesamtausgabe von Camus Werken in der Pléjade-Ausgabe.
– Das Buch gehört dir!
Quatsch, flüstert der Sprössling, es sei viel zu teuer. Mit einem Blick gibt Vati dem Sprössling zu verstehen, dass das Buch tatsächlich ihm gehöre. Vati kann es kaum fassen, wie überwältigt der Sprössling vor Freude ist und weil er befürchtet, dass der Sprössling ihm im Überschwang wie ein kleines Kind in aller Öffentlichkeit um den Hals fallen könnte, tritt er einen Schritt zurück und wendet sich dann ab, dem Buchhändler zu.
Dass man derart in Träume segeln kann, dass Tagträume, oft ganz ungedeckter Art, möglich sind, dies macht den grossen Platz des noch offenen, noch ungewissen Lebens im Menschen kenntlich.
Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Kapitel 17, «Der Mensch ist nicht dicht».
Eine weitere Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Vati sucht das Gespräch. Schliesslich geht es um die Zukunft des Sprösslings. Die Wurstigkeit des Sprösslings bezüglich der Wahl der Studienrichtung schockiert Vati. Er muss ihm ins Gewissen reden und möchte ihm in seiner Unentschlossenheit helfen. Er klopft an die Zimmertüre des Sprösslings. Dieser ruft, herein! Vati fragt beim Eintreten, ob er eintreten dürfe. Der Sprössling liegt auf seinem Bett, in eine Lektüre vertieft, schaut kaum auf, zuckt mit den Schultern.
– Können wir uns mal vernünftig, von Mann zu Mann, unterhalten?
– Aufgeklärt bin ich, wenn du das meinst!
– Was wirst du studieren? Nicht einmal du kannst in den Tag hineinleben und dich für nichts entscheiden.
– Was weisst du schon, ob ich mich entschieden habe oder nicht!
– Falls du dich für etwas entschieden hättest, wüsste ich es bestimmt von Mutti! Ich wollte ein ernstes Wort mit dir reden. Ich hätte liebend gerne Geschichte studiert. Wir lebten in unruhigen Zeiten. Vatel meinte, mit Geschichte ist es so ein Ding. Weshalb nicht Medizin studieren. Mediziner braucht es immer und überall. Und erzählte mir, dass ihm, in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, ebenfalls das Herz für ein Geschichtsstudium geschlagen habe. Damals habe sich sein Vater, «dein Urgrossvater», gerade in einer geschäftlich schwierigen Situation befunden. Mit einem Geschichtsstudium sei damals eine akademische Laufbahn verbunden gewesen und als Professor habe man damals kaum etwas verdient, habe also aus vermögenden Verhältnissen stammen müssen, um nicht auf einen Verdienst angewiesen zu sein. Vatel erkannte, dass er so rasch als möglich einen sicheren Verdienst haben musste. Damals war das Medizinstudium eines der kürzesten gewesen. Und gleich nach dem Studium hast du sehr gut verdient. Vatel hatte seine Praxis mit 24 Jahren bereits eröffnet. Ich habe mich nolens volens ebenfalls für das Medizinstudium entschieden. Bin aufgehoben hier und in der Familienchronik.
– Und versauerst als Oberärztchen an dieser Scheiss-Klinik!
– Diese Geschichte wollte ich dir erzählen, flüstert Vati trocken, während er das Zimmer des Spösslings mit festem Schritt verlässt.
Manetti führt keine Debatten weiter. Er versucht herauszufinden, warum debattiert wurde und was die grossen Debatten mit unseren kleinen Leben zu tun haben.
P. M., Manetti lesen oder vom guten Leben, Nautilus Hamburg, S. 96
Und noch eine Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Vati platzt beinahe vor Stolz, dass sein Sprössling in der Rekrutenschule ist. Einzig die Einstellung des Sprösslings lässt zu wünschen übrig. Er weigert sich Offizier zu werden, bleibt für alle Argumente taub, ist schrecklich stur. Vati setzt seine Freunde, von denen er weiss, dass sein Sprössling auf sie hört, ein und bittet sie, den Sprössling bei Gelegenheit bezüglich dieser Frage ins Gebet zu nehmen, ihm die Notwendigkeit, Offizier zu werden, auseinanderzusetzen. Ihm, Vati, werfe der Sprössling jeweils vor, was willst du schon davon wissen, du bist nicht von hier! Vati holt seinen Sprössling am Samstagnachmittag am Kasernentor für den Wochenendurlaub ab. Der Sprössling bittet Vati, einen Kameraden mitzunehmen, der in der Nähe wohnt. Vati kennt den Kameraden. Der Kamerad setzt sich in den Beifahrersitz, der Sprössling in den Fonds des Austin Cambridge. Vati hofft, dass der Militärdienst dem Sprössling endlich die pubertäre Trotzhaltung austreibt und einen richtigen Mann aus ihm macht. Vati freut sich, wie die beiden jungen Männer von Erlebnissen der letzten Woche berichten. Sobald Kameraden dabei sind, ist der Sprössling umgänglicher. Die beiden jungen Männer reden sich in Übermut hinein und plötzlich intoniert einer aus voller Kehle das Lied, das sie beim 20-Kilometer-Nachtmarsch bis zur Vergasung gesungen hätten. Der andere stimmt grölend ein. Das Leben ist ein Würfelspiel. Vati erschrickt. Müssen die Jungs ausgerechnet dieses Nazi-Lied singen. Erinnerungen holen ihn ein. Sein Gesichtsausdruck erstarrt unwillkürlich. Beim zufälligen Blick in den Rückspiegel bemerkt er, dass der Sprössling Vatis mit einem Mal veränderten Gesichtsausdruck bemerkt hatte. Der Sprössling singt nun mit trotzigem Blick, der im Rückspiegel auf Vatis Blick fällt noch lauter weiter. Vati glaubt zu erkennen, wie der Sprössling denkt, typisch der Alte, hält Gesang für proletenhaft. Vati möchte das Missverständnis aufklären, sagen, wie sehr ihn Gesang im Prinzip freut, doch dieses konkrete Lied in ihm Erinnerungen aufschreckt. Seine Kehle ist zugeschnürt. Er kann nicht reden.
Die Philosophen sind heute weitgehend entweder Historiker, die sich mit der Philosophiegeschichte beschäftigen, oder aber Analytiker, die sich mit Logik beschäftigen. Beide stehen der Empirie feindlich gegenüber, weil sie sie einer anderen Welt zuordnen.
Richard David Precht, «Wir Menschen sind lieber die Bösen als die Dummen», Interview von Guido Kalberer und Res Strehle mit Richard David Precht im Tagesanzeiger, 29. Dezember 2011
Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Vati zeigt dem Sprössling ein Blatt voller Namen von Vorfahren, bis zurück ins achtzehnte Jahrhundert. Der Sprössling macht sich sogleich ans Werk und bastelt einen Stammbaum mit einem Baum und vielen, vielen Blättern, die alle Namen und Lebensdaten tragen. Der Sprössling zeigt Vati stolz diesen Stammbaum. Vati grinst. Der Sprössling ahnt, dass Vati ihn gleich fertig machen wird. Er ist verzweifelt. Sein Blut ist am Kochen.
– So geht es nicht! Das ist kein Stammbaum.
– Weshalb soll es so nicht gehen? Alle Namen sind korrekt.
– Bewährte formale Vorgaben in der Genealogie beim Erstellen von Stammbäumen.
– Du immer mit deinen «Vorgaben»!
– Mit dir kann man nicht diskutieren.
– Das soll eine Diskussion sein. Du willst mir das aufzwingen, was du für richtig hältst, lässt nur deine Meinung gelten.
– Nicht in diesem Tonfall, bitte! Du hast noch viel zu lernen!
Ende der Unterhaltung.
Die zwei grossen traumatischen Ereignisse? «Holocaust» und «Gulag» sind natürlich die exemplarischen Fälle für die Wiederkehr der Toten im 20. Jahrhundert. Die Schatten ihrer Opfer werden so lange fortfahren, uns als «lebende Tote» zu verfolgen, bis wir ihnen ein anständiges Begräbnis bereiten, indem wir diese Traumata in unsere Geschichte integrieren.
Slavoj Zizek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Merve Verlag Berlin 1991
Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Mutti und Vati sind in den Winterferien in einem schicken Hotel in Davos. Fragen schüchtern an, ob der Sprössling allenfalls Lust hätte, sie in Davos zu besuchen, für eine Woche, für ein paar Tage, für ein Wochenende? Der Sprössling geruht, ein paar Tage nach Davos zu reisen und sich auf Kosten der Eltern ein paar gemütliche Tage zu leisten. Auf das Dinner hin takelt Mutti sich zeitraubend auf. Einem Impuls folgend lädt der Sprössling – sehr zur Freude von Mutti, die strahlt, wenn ihre beiden Männer zusammen etwas unternehmen – Vati zu einem Drink vor dem Essen in die Hotelbar ein. Mutti werde sie beide dann dort abholen, allenfalls auch noch einen Sherry oder so etwas trinken, und dann könnten sie gemeinsam in den Speisesaal gehen. Der Sprössling amüsiert sich, dass Vati von Whiskys nichts versteht, schlägt eine sündhaft teure Marke vor, was Vati jedoch erst bemerkt, als der Sprössling die Rechnung begleicht. Zuerst plätschert das übliche Blablabla und die beiden geben eine Kitschidylle von Vater und Sohn-Bild ab. In der Bar ist niemand, der sie um ihr scheinbar inniges Verhältnis hätte beneiden können. Selbst der Barmann beschäftigt sich in einem angrenzenden Raum und steckt bloss von Zeit zu Zeit seinen Kopf hinter die Theke, um nachzufragen, ob er weitere Drinks bringen könne. Der Sprössling nutzt die Gelegenheit und fragt Vati unvermittelt, ob er ihm die Todesursachen seiner Grosseltern erklären könne. Vati ist leicht angespannt. Du kennst sie doch, wirft er gespielt locker hin. Grossvater hatte einen Oberschenkelhalsbruch und Nänne einen Herzschlag.
– Das weiss ich. Nicht die Schweizer Grosseltern. Die Deutschen!
Vati beginnt schwer zu atmen. Er flüstert entsetzt, Privatzeug, sieh nicht hin, geht niemanden was an. Bist du wahnsinnig, eine solche Frage hier, in aller Öffentlichkeit!
– Ist ja kein Schwanz hier, der etwas von unserer Unterhaltung mitbekommen könnte, zischt der Sprössling.
Beide verstummen. Jeder trinkt still vor sich hin. Der Sprössling bestellt für sich noch einen doppelten Chivas Regal. Vati wirft dem Sprössling spontan einen missbilligenden Blick zu, erinnert sich dann aber, dass der Sprössling die Zeche übernimmt. Der Sprössling grinst.
– Morgen beim Skilaufen schwitze ich den Alkohol wieder raus.
Mutti taucht auf. Sie flötet, ein Bild für Götter, Vater und Sohn so friedlich beisammen!
Mon âme se précipita du ciel comme une étoile tombante; elle trouva l’autre dans une extase ravissante, et parvint à l’augmenter en la partageant. Cette situation singulière et imprévue fit disparaître le temps et l’espace pour moi.
Xavier de Maistre, Voyage autour de ma chambre, GF Flammarion 2003, S. 61
Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Ein Hörspiel des Sprösslings wird ausgestrahlt. Der Sprössling ist etwas nervös. Er hat in einer Szene eine Spitze gegen Vati eingebaut, die ausschliesslich Mutti und Vati erkennen können. Sie hatten nie gefragt, ob sie das Manuskript lesen dürften. So kommt diese versteckte Wahrheit erst bei der Erstausstrahlung ans Tageslicht, falls die Eltern am Radio sitzen und zuhören. Der Sprössling feiert die Ausstrahlung des Hörspiels mit Freunden in seiner eigenen Wohnung. Kaum ist das Hörspiel vorüber und haben heftige Diskussionen erst zögerlich, dann recht animiert eingesetzt, klingelt das Telefon. Vati gratuliert dem Sprössling zu dem Erfolg. Er sei so stolz auf ihn und freue sich riesig. Der Sprössling fragt, und, wie hat dir das Stück gefallen. Es wird schon gut sein, sonst hätten die Leute vom Radio es nicht angenommen, produziert und ausgestrahlt, wirft Vati hin.
– Mich interessiert, was DU von meinem Hörspiel hältst!
Der Sprössling ist schrecklich angespannt, weil er sich im direkten Gespräch mit Vati für die Spitze schämt, die er gegen diesen in sein Werk eingebaut hatte. Er kann es kaum erwarten, bis er die Bestätigung von Vati erhält, dass er diesen Teil des Hörspiels nicht in den falschen Hals bekommen hat. Vati bleibt in seiner Rede allgemein.
– Entschuldige, dass ich so direkt frage. Hast du dir mein Hörspiel überhaupt angehört?
– Du, ich bin an einer Sitzung. Habe mir das Ende der Sendung emerkt, um auch ja als erster dir zu gratulieren und dir zu sagen, wie stolz ich auf dich bin.
– Dann hast du mein Hörspiel nicht gehört und tust so als ob!
– Es wird ja wiederholt und da höre ich es mir an, versprochen!
– Typisch, für dich zählt bloss, dass ich aus dem Äther gehört werde, von möglichst vielen Leuten – und das ist Erfolg! Was ich zu sagen habe, ist dir wurst!
Es ist allzu offensichtlich, ich übernehme wie immer Deine Worte, dass S. nicht P. sieht, der S. sieht, aber (dies das Wahre der Philosophie) nur de dos. Es gibt nur dos, vu de dos, in dem, was sich schreibt, das ist das letzte Wort. Alles spielt sich ab in retro, und a tergo.
Jacques Derrida, Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits. 1. Lieferung, Brinkmann & Bose 1983, S. 63
Geistesblase der nagend-(an-)klagenden Erinnerung:
Vati ist auf dem Heimweg von der Arbeit in der Klinik. Er schaut in Gedanken versunken die Auslage der Bijouterie Boutellier an. Plötzlich spricht ihn jemand von hinten an. Vati schreckt aus seinen Betrachtungen auf, sieht sich um, sieht einen fremden, jungen Mann, der breit grinst. – Kenne ich sie?
Der Sprössling lacht, bitter. Dann lacht auch Vati, verlegen.
– Entschuldige, ich war in Gedanken versunken.
Die Bilder überlagern sich –
Hast du das auch schon einmal erlebt –
Im Traum sah ich das Porträt einer Hexe
ja es muss eine Hexe gewesen sein
sie sah grässlich aus
und plötzlich merke ich dass
dieses Bild eine Urgrossmutter darstellt
die auf einem andern Bild
das es tatsächlich gibt und
an das ich mich nun erinnere
lieblich und fein und nett gemalt ist
zum Anbeissen
und als ich über diese Diskrepanz nachdenke
schiebt sich ein Bild dazwischen
aus dem heraus die gleiche Frau mich
mit einer unanständigen Grimasse angrinst –
Ich frage mich was ist die Wahrheit –
Kneif mich nicht ständig
Geliebter / Geliebte, Hörspiel 1989, Rainer Bressler
Wenn Vatis Gesicht im Büro aus dem Nichts hervorblubbert, Kainer anspringt und ihm im Bruchteil einer Sekunde einen unsagbaren Schrecken einjagt, wie an diesem Freitag den Dreizehnten um sieben Uhr zweiundvierzig, muss Kainer die Geistesblasen der nagend-(an-)klagenden Erinnerung rasch verscheuchen, um seinen Kopf bei seiner Arbeit zu haben. Bloss nicht unnötig Unwesentlichem nachhängen, denkt er sich. Also Kopf hoch, alter Junge. Der Alte liegt tief unter der Erde!
Man denkt eben nicht an alles, wenn man so unversehens in die Hölle kommt.
Friedrich Glauser, Zitat aus Zugskomposition SBB
Acht Uhr siebzehn
Vicky Wellner und Dave Wellner haben objektiv das Zeugs, Lieblinge der Götter, der Reichen und Schönen und der Regenbogenpresse zu sein. Sie sind schön, (erfolg-)reich und fotogen. Doch schade, dass sie zu diskret und zu bescheiden sind. Sie meiden grosse Auftritte. Ihre Bedeutung ist ausschliesslich in eingeweihten Kreisen bekannt. Sie leben trotz ihres Erfolgs und des pekuniären Segens ein arbeitsreiches und normales Leben.
Dave Weller bereitet es keine Schwierigkeiten, sich Vicky Wellner gegenüber angemessen zu verhalten. Er setzt seinen Dackel-Blick auf, schaut verlegen in die Weltgeschichte hinaus und schon schmelzen die Frauen. Nicht etwa, dass er es darauf abgesehen hätte, die Herzen der Frauen zum Schmelzen zu bringen. Bei Vicky Wellner, befürchtet er, zieht diese Masche nicht mehr oder zumindest nicht mehr lange. Wenn er sich die Zeit nähme, sich Gedanken zu machen, würde er sich womöglich wundern, mit welcher Gelassenheit Vicky Wellner die Tatsache zur Kenntnis nimmt, dass er knallhart seine gesellschaftlichen Belange nach den Interessen seines Geschäftes und damit nach dem Wert für sein geschäftliches Fortkommen ausrichten will und muss. Er hütet sich davor, sich Vicky Wellner gegenüber abschätzig über die gesellschaftlichen Aktivitäten zu äussern, die es ihm nicht wert sind, seine kostbare Zeit dafür zu opfern. Vielmehr betont er jedes Mal, wenn er sich für eine gesellschaftliche Aktivität entschuldigt, wie sehr er es bedaure, gerade dieses Ereignis, diese Einladung, dieses Zusammensein mit netten Leuten zu verpassen. Er fügt auch kleinlaut und daher, wie er mit Bestimmtheit annimmt, für die Anderen überzeugend hinzu, er reisse sich nicht um diese geschäftlichen Dinge, er tue es nicht für sich, schliesslich, aber für das Wohl der Familie. Er würde es nicht überleben, wenn er seiner Familie nicht etwas bieten könnte. Vicky Wellner unterbricht Dave Wellner. Dann kommst du also nicht in «Sturzflüge in den Zuschauerraum»? Einerseits schnauft Dave Wellner auf, dass die Angelegenheit so locker erledigt ist, andrerseits fragt er sich doch, weshalb Vicky Wellner ihm keine Szene macht. Von seinen Kollegen hört er, dass deren Frauen ihnen Szenen machen, von Vernachlässigung sprechen und mit Scheidung drohen, in der sie sich nicht billig abspeisen lassen.
Vicky Wellner überlegt sich, ob sie ihrem Liebling nicht aus taktischen Gründen einmal eine Szene machen sollte, weil, wie sie annimmt, normale Frauen ihren Männern Szenen machen, sobald sie vernachlässigt werden oder sich vernachlässigt fühlen. Vicky Wellner ist nicht vernachlässigt. Sie kann damit leben, dass Dave Wellner ein Workaholic ist und sie alleine schauen muss, wie sie mit den Kindern, dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben klar kommt. Im Überschwang der ersten Liebe hatte sie von einer Kitschidylle, die sie sich, nota bene, nie wirklich ausmalte, geträumt, dann aber bald erkannt, dass Partnerschaft das Nebeneinander von zwei Träumen bedeutet, die einerseits so tief je im Innern jedes Partners stecken, dass sie sich kaum je klar zeigen, andrerseits sich nur zeitweilig überschneiden und als Basis für den gemeinsamen Alltag nicht taugen. Das Geplärre von manchen Freundinnen nervt sie. Meist sind diese Freundinnen Frauen, die sich im Glanz ihrer erfolgreichen Männer sonnen möchten. Vicky Wellner verzichtet liebend gerne auf Anlässe mit Klienten von Dave Wellner, selbst wenn diese zur Prominenz gehören. Sie macht sich keine Illusionen darüber, dass die Welt der Klienten von Dave Wellner nicht ihre Welt und sie dort immer bloss ein Anhängsel ist. Sie drückt sich daher um diese geschäftlich bedingten Anlässe und versteht es im Gegenzug, wenn Dave Wellner sie bei kulturellen und gesellschaftlichen Anlässen hängen lässt. Echt süss findet sie, und ist jedes Mal von neuem gerührt, wie er verlegen scheint, zu stottern beginnt und echt traurig darüber ist, dass er sie nicht begleiten kann, wie zum Beispiel jetzt in «Sturzflüge in den Zuschauerraum».
Dani Blizz, Porträt Vicky S., Aquarell 1981
Ärgerlich für Vicky Wellner ist die Angelegenheit, weil kaum jemand aufzutreiben ist, der sie an Dave Wellners Stelle ins Theater begleitet. Ihre Freundinnen, ihre Verwandten zieren sich. In der Kaffeepause im Büro fragt sie in die Runde, ob eine der Kolleginnen oder der Kollegen Lust hätte, sie ins Theater zu begleiten. Alle schütteln ihre Köpfe, ausser der Neue. Der neue Kollege sitzt ebenfalls beim Kaffee. Vicky Wellner hat ihn noch kaum gesehen. Er arbeitet erst seit einer Woche da. Er erklärt, falls das Angebot auch für ihn gelte, würde er es gerne annehmen. Später kommt Krassner auf einen kurzen Schwatz zu ihr ins Büro, zieht die Türe sorgfältig hinter sich zu, so dass Vicky Wellner checkt, er kommt nicht wegen fachlicher Fragen. Er will tratschen. Krassner fragt Vicky Wellner, ob sie den Gesichtsausdruck von der Schaffner mitbekommen habe, als der Neue sich bereit erklärt habe, mit ihr ins Theater zu gehen. Die Schaffner habe ein Auge auf den Neuen geworfen.
– Nun ist sie stocksauer, dass du das Rennen machst. Nein, nein, du musst verstehen, wie diese Mädels ticken. Taucht ein Neuer auf, erst noch ein Akademiker und unverheiratet, stürzen sich alle auf ihn. Und jetzt heisst es, typisch, unsere Wellner mit ihrem berühmten Mann schnappt uns die hübschen Männer weg! Ich weiss doch, dass es bloss um die Theaterkarte von deinem Dave geht, der leider verhindert ist, doch unsere Mädels bauschen die Geschichte gerne auf. Und nicht nur die Schaffner. Auch die Lehner und die Geiser.
– Helena auch? Das erstaunt mich aber.
– Hast du nicht gehört, wie sie neulich hat fallen lassen, der Neue ist ein hübsches Kerlchen, zum Vernaschen!
Vicky Wellner kann nicht verstehen, dass die Kolleginnen, die sich ihr gegenüber unkompliziert und locker geben, offensichtlich nicht verwinden können, dass sie mit einem bekannten Mann der Wirtschaft verheiratet ist, und ihr immer gleich Absichten unterschieben.
