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Spur 3 Schreiben besteht aus drei ineinander verschachtelten Texten. Das Motto lautet: ich habe es lange runtergeschluckt, nun muss es raus! Das Kernstück dieses Bandes ist das dokumentarische Tagebuch 1868 bis 1871 von Minna H. aus Ratibor, Schlesien. Den Rahmen bildet eine Erzählung von 1991, in die noch eine Satire von 1985 locker eingefügt ist. Mit dieser Veröffentlichung eines Tagebuches drängt sich die Frage nach dem Umgang mit dem Persönlichen, dem Intimen auf. Um diese Frage in der Gegenwart zu behandeln, wird das antike Tagebuch in die vergleichsweise modernen Texte eingebettet. Privatzeug 1856 bis 2012 Versuch einer Spurensuche Rainer Bressler, Herausgeber besteht aus fünf Spuren. Jede Spur hat eine andere Hauptperson. Eine Mutter, deren Sohn im Exil lebt. Da ist das Thema Migration (1). Ein Mensch, der seine Spuren sucht. Der spielerische Umgang mit der eigenen Geschichte (2). Ein Teenager, der sich seinem Tagebuch anvertraut. Auch das Intime muss irgendwie raus (3). Ein Dichter, der nicht mehr veröffentlichen kann. Protest gegen bestehende Verhältnisse (4). Ein Ausgewanderter, der Briefe von seinen Freunden, Verwandten und Bekannten aus der alten Heimat und aus dem übrigen Ausland erhält. Die Ankunft am fremden Ort (5). Die Spuren, die aus Dokumenten bestehen, erzählen Geschichten, die das Leben schrieb und die sich dementsprechend wie ein Unterhaltungsroman über scheinbar gewöhnliche Alltage lesen.
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Krapotkes Aha-Erlebnis. Erzählung Zürich 1991
von Natascha Wummer
Pink Champagne. Satire Zürich 1985
von Kess Frank
Tagebuch. Ratibor 1868
von Minna Hausmann
Vorspiel im Spital
Krapotkes Aha-Erlebnis
Pink Champagne
Krapotkes Aha-Erlebnis (Fortsetzung)
Tagebuch der Minna H.
Krapotkes Aha-Erlebnis (Fortsetzung)
Nachspiel im Spital
Nachwort
Tiefenbacher klopft an die Türe des Krankenzimmers H716 der allgemeinen Abteilung des Stadtspitals, setzt ein freundliches Lächeln auf, öffnet die Türe und tritt unter den Türrahmen. Sie ist die einzige Mutige und wagt sich in die Höhle des Löwen. Wenn die Pfund, die Illica, die Leupold, die Tröler, die Kisper, der Stump, der Urklang, der Wittenberg und vor allem der Frauenfelder, alle vom Amt sie jetzt sehen könnten. Gescheiter, sie alle wissen nichts von ihrer Expedition zu Kainer. Niemand soll Zeuge sein, wie sie ihm die Leviten liest. Ihr Blick brescht kundschaftend voraus. Bleibt an einem Gegenstand – und was für einem! – hängen. Sie stösst einen Schrei aus. Kainer zuckt zusammen. Er kniet vor seinem Spitalbett, seinen Oberkörper vorgereckt, seinen Kopf unter das Bett geschoben. Physiologisch-physikalisch konsequent streckt er der Eingangstüre des Zimmers seinen Hintern entgegen. Die beiden Tuchenden von Kainers Spitalnachthemd kringeln zu beiden Seiten von Kainers Körper am Boden und sind mit einem neckischen Mäschchen auf seinem Nacken zusammengehalten. Kainers Hintern ist entblösst. Tiefenbacher ragen Kainers nackte Hinterbacken entgegen. Tiefenbachers Schrei verklingt. Ihr Blick klebt an Kainers entblösster Hinterseite. Kainer streckt alle Viere von sich. Er lässt sich bäuchlings auf den Boden platschen, Kopf- und Schulterpartie unter das Bett geschoben, die Beine und der Hintern, entblösst, unter dem Bett hervorragend. Keine weitere Bewegung. Das Bild ist fixiert. In Tiefenbachers und Kainers Köpfen tut sich was.
Tiefenbachers Gedankenexplosion beginnt mit dem Schrecken, vor Scham in den Erdboden zu versinken, zwirbelt sich in die Angst hinein, was Kainer von ihr denken mag, sackt ab in das schwarze Loch der Vorstellung, was für eine unmögliche und lächerliche Person sie ist, greift intuitiv nach dem Rettungsaufhänger Tagebuch. Ohne ihr Tagebuch – es ist ihr sonnenklar – würde sie solche Momente nie im Leben unbeschadet überstehen. Im Schreiben – dies ihre Erfahrung – relativieren die schlimmsten Schlappen sich und verlieren ihre vernichtende Kraft.
Aber das Tagebuch ist ja auch kein Käseblatt, welches die neusten Neuigkeiten enthalten muss, im Gegenteil es ist dazu da, um Betrachtungen, tiefe Gedanken zu verewigen. Ich habe schon sehr viel geistreiche Sentenzen hier reingeschrieben, in Dezenien aber, lieber noch in Jahrhunderten, wenn dieses schöne Dasein (ich meine mich) längst schon zu Staub und Asche geworden sein wird, werden die geistsprühenden Zitate meines Tagebuchs, noch von meiner Klugheit Zeugnis ablegen.
Plötzlich kommt ihr eine erheiternde Idee. Sie wird ihre Gedanken beim Anblick von Kainers nacktem Hintern schriftlich festhalten. Die Novelle, an der sie in Gedanken bereits zu schreiben beginnt, wird den Titel tragen, Krapotkes Aha-Erlebnis. Am liebsten würde sie einen Freudenschrei ausstossen.
Aus Kainers Gedankentümpel blubbert zuerst die Blase auf, nein, Hilfe, nicht schon wieder die Tiefenbacher. Dieses Biest verfolgt mich. Als ob ich sonst nicht schon genügend um die Ohren hätte. Es folgt der Schreckensblitz, o Gott, wenn jetzt Lady plötzlich erscheint, bin ich erledigt. Sie wird bestimmt annehmen, er habe etwas mit der Tiefenbacher. Er hatte Lady zwar gebeten, sich wegen seines kurzen Spitalaufenthalts nicht herzubemühen. Aus Erfahrung jedoch weiss er, dass sie es nicht lassen kann und ihn mit einem Besuch überraschen wird. Als Gedankenblase steigt die Erleichterung darüber auf, dass der junge Schnösel, der mit ihm das Spitalzimmer teilt, einmal mehr auf der Pirsch zu sein scheint und nicht Zeuge dieser peinlichen Situation ist. In einer Klammer ist anzumerken, dass Kainer das Ausmass der Peinlichkeit nicht ahnt. In sein Bewusstsein hat sich die Tatsache seines entblössten Hinterns noch nicht festgesetzt. Klammer geschlossen. Es folgt ein Gedankenschäumchen, gefüllt mit der klaren Feststellung, dass er Tiefenbacher weder küssen noch ficken wird, selbst wenn sie die Unverschämtheit haben sollte, sich über ihn zu stülpen und ihn gleichsam zu vergewaltigen. Dann erfasst ihn ein Strudel der Verzweiflung, dass er, ob des Reizes wider Willen, eine Erektion bekommt, seinen Kopf und Verstand verliert und gedankenlos drauflosfickt. Danach schiebt sich ein rosarotes, erheiterndes Gedankenwölkchen in den Vordergrund, mit diesem lieblichen Duft der in längst vergangenen Zeiten glorios überstandenen Schwierigkeiten, mit dem Prickeln von Pink Champagne und dem aus Notwendigkeit entstandenen Kunstwerk, dem im Fieber seines Leidens herausgekotzten Roman Pink Champagne, für den kein Schwein sich interessiert, den er selber verdrängt, vergessen hat und der in einer Schublade selig schlummert. Am liebsten würde er einen Freudenschrei ausstossen.
Kainer rappelt sich auf und will offensichtlich zu einer Rede anheben. In dem Moment wird ihm klar, dass er mit entblösstem Hintern war – und das vor der Tiefenbacher! Er denkt, das halte ich im Kopf nicht aus. Die Tiefenbacher, ausgerechnet die Tiefenbacher hat meinen nackten Arsch gesehen. Falls mein Gefühl mich nicht trügt, wuchert mitten auf der linken Arschbacke ein Pickel. Zumindest juckt es dort. Tiefenbacher denkt, jetzt habe ich Kainers Hintern nackt gesehen, und sie fragt sich, wie sie darauf reagieren soll. Soll sie ihm sagen, was dieser Anblick in ihr bewirkt? Soll sie über diesen gehabten Anblick stillschweigend hinweggehen, so tun, als ob nichts gewesen wäre und gleich zur Sache kommen? Wobei die Sache, zu der sie kommen will, überlegt sie sich, eine verzwickte Angelegenheit ist, weil todernst. Ihr ist in dieser komischen Situation eher zum Lachen zumute. Sie muss sich zusammenreissen, um nicht loszuprusten. Verdattert, wie dieser Kainer nun hier vor ihr steht. Dieser Blick der Tiefenbacher, schiesst es Kainer durch den Kopf, dieser Blick! Was hat er zu besagen? Wird sie sich gleich auf ihn stürzen, fragt er sich. Am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen, denkt sie sich. Diese Ambivalenzen, die in einem einzigen Moment stecken und stillvergnügt vor sich hergären. Tiefenbacher muss die gelungenen, in Gedanken gut ausformulierten Sätze für Krapotkes Aha-Erlebnis erinnern, damit das Werk gut angeschoben wird.
NATASCHA WUMMER
Erzählung Zürich 1991
Krapotke entfährt ein Schrei. Kaum ist er draussen, geniert sie sich zu Tode. Sie möchte am liebsten im Erdboden versinken. Sie hasst es, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. Die Vorstellung, dass alle, die Pflock, die Laschner, die Temner, die Repsik, die Tedorovic, der Meyner, der Assgeller, der Bocksmann und sogar der Breitner und selbst der Oxmann ihren Schrei mitbekommen haben und ihn beim Kaffee des Langen und des Breiten beklatschen und betratschen werden, reisst sie runter. Sie ist am Boden zerstört. Immer benimmt sie sich daneben. Immer macht sie sich lächerlich. Ihr schrei wird – sie malt es sich plastisch aus – selbst die Ungeheuerlichkeit, die Meyner sich geleistet hat, in den Schatten stellen. Der schrei wird im Amt beim Kaffee und auch sonst beim schwatzen einziges Gesprächsthema sein. Meyners Fehlverhalten geht unter. Sie würgt, unschlüssig, ob sie losheulen soll. Sie kann es nicht fassen, dass niemand Meyner so sieht, wie er ist. Er ist und bleibt für alle im Amt der sonnyboy. Alle Kolleginnen und alle schwulen oder unbewusst homoerotisch tickenden Kollegen sind in ihn verknallt oder geben es zumindest vor zu sein, weil es gruppendynamisch und strategisch unklug wäre, den (insbesondere harmlosen) Platzhirsch nicht als Platzhirsch anzuerkennen. Krapotke verfolgt diese Dynamik seit einiger Zeit, beobachtet sie, konkret seit sie sich von Karl getrennt hat und ihr bezüglich der «charmanten» Männer die Schuppen von den Augen gefallen sind. Ausser ihr scheinen alle im Amt auf Meyner zu fliegen. Das soll, so schwört Krapotke, sich ändern. Sie wird handeln.
Krapotke hat alles mitbekommen, von Anfang an. Bis zum bitteren Ende, dessen notwendige Wirkung ihr Schrei leider, leider, verpatzt hat. Sie sitzt auf ihrem Bürostuhl, an ihrem Schreibtisch, bei geöffneter Bürotüre. Sie kennt den Übernahmen, den ihre lieben Kolleginnen und lieben Kollegen ihr heimlich verpasst haben, Sperber! Weil sie es darauf anlege, alles mitzubekommen. Krapotke weiss, dass diese Annahme Quatsch ist. Irgendwie ist sie stolz darauf, als so stark zu gelten, dass die Gemeinschaft sie runtermacht, ohne dass es sie kränkt. Krapotke muss ihre Bürotüre zum Korridor hin offen halten, weil ihr Büro so winzig ist und sie bei geschlossener Türe schlicht erstickt. Zwangsläufig bekommt sie mehr mit, als ihr lieb ist, Ein Geräusch hatte sie plötzlich irritiert. Das Geräusch ist ungewohnt. Es zeugt von einer ungewohnten Dynamik auf dem Amt. Das Geräusch ist leicht zu bezeichnen – eine Bürotüre wird aufgerissen. Gleich darauf rennt jemand dem Korridor entlang, ausgerechnet in die Richtung von Krapotkes Büro, was Krapotke der Tatsache entnimmt, dass die dumpf auf dem textilen Bodenbelag auftrappenden schritte beinahe unmerklich voller werden. Unwillkürlich horcht Krapotke auf. Ihr Blick schnellt unwillkürlich durch die offenstehende Bürotüre in den Korridor. Nach dorthin, wo der Spektakel – was Krapotke nicht ahnen kann – spielt. Krapotke denkt unwillkürlich, dieser Gang, dieser Klang, unverkennbar Meyner. Gegenüber von Krapotkes Büro befindet sich Breitners Büro, dessen Türe, wie gewohnt, geschlossen ist. Breitner hält es als mit seiner Vorgesetztenposition für unvereinbar, dass Krethi und Plethi ihn bei der Arbeit sehen kann.
Schon schiesst Meyner in Krapotkes Blickfeld. Reisst einen Stopp. Unmittelbar vor Breitners Bürotüre. Poltert gegen den Türrahmen. Die Glaspanele scheppert. Meyner stösst mit aller Wucht, ohne auch nur den Bruchteil einer sekunde zu warten oder zu zögern, die Türe auf. Breitner, hinter seinem schreibtisch sitzend, starrt entsetzt in Richtung Türe. Meyner, im Korridor stehend, seine Vorderseite Breitner zugewandt, so dass Krapotke ihn bloss von hinten sieht, schmeisst Breitner zornentbrannt schreiend an den Kopf, du bist das grösste Arschloch, das mir je untergekommen ist! Krapotke sieht bloss die Hinterseite von Meyner, bleibt irgendwie daran kleben, so dass sie die Reaktion Breitners nicht mitbekommt. Breitner ist aus der Perspektive Krapotkes verdeckt durch Meyner, was Krapotke schrecklich bedauert, weil sie Breitners Gesichtsausdruck sehen möchte. Bevor sie sich bewegen kann, hört sie auch schon Oxmanns – woher ist so plötzlich Oxmann da? – röhrenden Bass, was unterstehst du dich, meinen stellvertreter so zu betiteln! Oxmann hatte sich offensichtlich in Breitners Büro aufgehalten und war am Besprechungstisch in Breitners Büro gestanden, der, wenn die Bürotüre geöffnet wird, vorerst, vom Türrahmen her, durch den aufklaffenden Türflügel für den Eintretenden verdeckt ist. Krapotke steht vor Anspannung beinahe das Herz still. Sie hält ihren Atem an, ihr Blick klebt an Meyners Hintern fest und sie hört, wie Meyner, Oxmann beinahe ins Wort fallend, schreit, wer solch ein Arschloch deckt, ist selber ein Arschloch! In dem Moment entfährt Krapotke der silbern hell gellende Schrei. Krapotkes Anspannung ist augenblicklich weg. Scham macht sich breit. Im Bruchteil einer Sekunde setzt in ihrem Kopf das oben geschilderte Gedankengewitter ein. Im Wechselbad der Gefühle bleibt der Arsch von Meyner unbewusst und unwillkürlich der Fokus, was Krapotke, als sie sich dessen bewusst wird und ihren Blick sofort von da abzieht, schrecklich ärgert. Meyner ist für sie ein rotes Tuch.
Meyner
Meyner stiess als junger spund, gleichzeitig wie Krapotke, vor dreizehn Jahren zum jungen Team auf dem Amt, das sich erst kurz zuvor so gebildet hatte. Assgeller hatte ihn geholt. Assgeller und Meyner sind befreundet. Assgeller hatte Meyner erklärt, dass auf dem Amt ein Jurist fristlos freigestellt worden sei. Direkte Vorgesetzte sei die Kollegin Repsik, die wegen der Arbeitslast total aufgeschmissen sei, wenn die vakante stelle nicht sofort neu besetzt werde. Für Meyner sei es die perfekte Chance, endlich erwachsen zu werden, sein Lotterleben aufzugeben und etwas Rechtes anzufangen. Hier sei die Telefonnummer der Repsik. Er solle sie augenblicklich anrufen. Am folgendenTag kann Meyner sich bei der Repsik vorstellen und wird sogleich mit sofortigem Arbeitsbeginn angestellt. Die Arbeit ist toll, das Team ist jung, die Einzelnen sind ungebunden. Neben der Arbeit wird tüchtig zusammen gefeiert. Bloss Oxmann und Breitner machen nicht mit. Niemand hat was dagegen. Ohne Chef feiert sich besser. Und der Breitner spielt sich ebenfalls als Chef auf, obwohl er bloss stellvertreter ist. Erst im Nachhinein erfährt Meyner, dass Breitner damals, als er, Meyner, In einem Hauruckverfahren angestellt worden war, ebenfalls einen Juristen in petto gehabt hatte. Assgeller will diesen Juristen Breitners unbedingt verhindern. Nützt die Abwesenheit von Breitner aus. Schildert der Repsik Meyner als ultimativen Glücksfall für das Amt, insbesondere auch, weil er sofort verfügbar sei. Ködert Meyner mit dem verlockenden Angebot, sogleich mit der gut bezahlten Arbeit beginnen zu können und damit aus seiner finanziellen Schieflage raus zu sein. Er vergewissert sich auch, dass Oxmann, der als Chef sein Plazet geben muss, anwesend ist, wenn Meyner sich bei der Repsik vorstellt. Weder Repsik, noch Meyner, noch Oxmann wittern die Intrige. Zudem ist Meyner ein lässiger Typ und alle sind froh, dass die vakante Stelle so fix neu besetzt werden kann. Bloss Breitner vermutet, dass Assgeller ihn und seinen Juristen bewusst ausgetrickst hat. Er ist daher gegen den Klüngel Assgeller, Repsik, Meyner eingenommen. Monate oder gar Jahre später geht es auf dem Amt um eine organisatorische sache, die in demokratischer Abstimmung der leitenden Angestellten gelöst wird. Breitner schlägt eine Lösung vor, die Meyner und auch Repsik einleuchtet. Assgeller ist anderer Meinung. Er macht Meyner darauf aufmerksam, dass er diese gute stelle ihm, Assgeller, zu verdanken habe und er daher von ihm erwarte, dass er sich hinter und nicht gegen ihn stelle. Meyner und auch Respik bleiben bei ihrer Überzeugung und stimmen für Breitners Vorschlag. Es kommt zum Bruch zwischen Assgeller und Meyner. Die beiden wechseln kein Wort mehr miteinander und gehen sich höflich aus dem Weg. Hinten rum macht Assgeller Meyner bei der Repsik schlecht und will erfolglos bewirken, dass die Repsik dem Meyner kündigt. Von diesen internen Tribulationen dringt nichts aus dem innersten Kern hinaus, so dass das Team jung, aufgeschlossen und dynamisch bleibt, wenn auch weniger gefeiert wird. Der Alltagstrott lässt die jungen Leute älter werden, andere Prioritäten setzen. Jedes geht stillvergnügt seine eigenen Wege. Dennoch sind alle auf dem Amt stolz darauf, in einem so tollen, jungen und dynamischen Team zu arbeiten, selbst wenn aus familiären und so weiter Gründen nicht mehr gemeinsam gefeiert, jedoch die gemeinsame Vergangenheit nostalgisch verklärt wird.
Für Krapotke stimmt ihr Arbeitsumfeld, das heisst, es stimmte rundum, bis ihre Aufmerksamkeit für das Verhalten von Männern als Folge des Bruchs mit Karl zunimmt und sie sich nach und nach dem Phänomen Meyner widmet. Meyner ist lässig, nicht so ernst und zurückhaltend wie die anderen, darüber sind alle sich einig. Zudem sieht er nicht schlecht aus. Krapotke überlegt sich auch öfters, dass Meyner alle Frauen im Amt anbaggert, es jedoch nie bei ihr versucht hatte. Sie ist mit Karl zusammen. Es ist okay. Sie ist, sie gesteht es sich ehrlich ein, nicht neidisch auf die Kolleginnen, die rasch mit Meyner ins Bett hüpfen, allenfalls mit Erwartungen, die Meyner nie erfüllt. Denn er lässt sich nicht fangen. Er ist, so beobachtet Krapotke, nicht fassbar, hüpft immer gleich weiter. Zudem kann sie nicht sagen, ob Meyner mit Kolleginnen und allenfalls mit welchen Kolleginnen er im Bett war. Etliche Kolleginnen machen Andeutungen, als ob sie mit ihm im Bett gewesen wären, doch Krapotke vermutet, dass sie es bloss tun, um nicht als Verliererinnen dazustehen. Als die lieben Kolleginnen mit ihrem Geschwätz über Meyner ihr wieder einmal besonders auf den Kecks gehen, lässt sie mit gespielter Lässigkeit fallen, auf jeden Fall hat er von allen Männern auf dem Amt den schönsten Hintern. Alle starren sie indigniert an. Sie spürt, wie wenig sie mit den lieben Kolleginnen gemeinsam hat. Bereits vor dem Bruch mit Karl war ihr allmählich aufgefallen, wie der Charme Meyners, sein Flirten, sein munteres Geplapper, das ihn zum Liebling aller macht, eine Masche ist. Dass Meyner in Wahrheit seine Kolleginnen und Kollegen im Amt, und auch Krapotke, nicht ernst nimmt. Mit seinem Geschwätz, das alle als Markenzeichen eines Gewinners und lässigen Typs zu nehmen scheinen, hält er sich die Leute letztlich vom Leibe. Ihr geht auf, insbesondere als die schwierigkeiten mit Karl zunehmen, dass dieser und selbst Beat, Krapotkes Bruder, gleich ticken wie Meyner. Sie schliesst daraus, dass von Frauen ernst zu nehmende Männer dazu neigen, ihrerseits Frauen nicht ernst zu nehmen.
Ein paar Monate vor der Arschlochgeschichte und Krapotkes schrei hatte Meyner Krapotkes Büro betreten. Seitdem in Krapotkes Vorstellung der Putz von Meyners Fassade abgebröckelt ist, kann sie locker einen kumpelhaften Umgang mit ihm pflegen und freut sich diesmal echt, dass der Liebling des Amtes sich dazu herablässt, ausgerechnet mit ihr einen schwatz zu halten. Doch Meyner wirkt schrecklich geschäftig und möchte bloss das Fax-Gerät, das in ihrem Büro steht, benutzen. Krapotke wird hellhörig.
Das Fax-Gerät in Krapotkes Büro hat eine Vorgeschichte. Als ein FaxGerät angeschafft werden sollte, stellte Oxmann fest, dass gemäss Reglement sein Amt Anspruch auf drei Fax-Geräte hat. Er stellt sich auf den standpunkt, dass es unverantwortlich sei, den Anspruch nicht voll auszunutzen, weil sonst bei anderer Gelegenheit der Anspruch des Amtes bestimmt gekürzt werde. Also müssen drei Fax-Geräte her. Eines ins Vorzimmer von Oxmann, ins Büro der Pflock. Ein Zweites ins Sekretariat zur Laschner, der Tedorovic und dem Bocksmann. Und das Dritte? Oxmann fragt Krapotke, ob das dritte Gerät in ihr Büro gestellt werden kann. Er werde die Weisung herausgeben, in erster Linie das Gerät im sekretariat zu benutzen, im Notfall jenes des Vorzimmers. Das Gerät in Krapotkes Büro werde er nicht erwähnen. Krapotke werde nicht durch vermehrten Verkehr in ihrem Büro gestört werden. Meyner, wenn er nun das Fax-Gerät in Krapotkes Büro benutzt, missachtet klar Oxmanns Weisung.
Meyner stellt sich derart ungeschickt an, dass Krapotke ihm helfen muss. Sie schiebt seine Papiere in der richtigen Lage und Richtung in den Einzug, tippt die Nummer des Empfängers ein, nachdem Meyner nicht einmal das schafft. Sie ist es auch, die den Startknopf drückt. Als sie Meyner triumphierend anschaut und ihm belustigt entgegenwirft, so einfach ist das Ding zu bedienen, bemerkt sie in Meyners Blick ein gewisses Flackern von Verunsicherung, wie bei einem kleinen Jungen, der zwar den Helden markiert, aber genau weiss, dass er bei etwas Verbotenem ertappt wird. Krapotke ist klar, dass Meyner bloss deshalb zu ihr gekommen ist, weil das Fax, das er sendet, privat ist und erst noch ins Ausland geht. Der Schlingel hatte sich wohl eingebildet, denkt Krapotke, dass Krapotke ihn schon nicht verraten wird. Der Moment, in dem sie realisiert, wie sie benutzt wird, versetzt ihr einen Dämpfer und ihre Gesichtszüge verhärten sich. Meyner bemerkt, dass sich etwas tut und geht zum Angriff über, indem er forciert lachend sagt, Alexia, jetzt hast du mich in der Hand: ich benutze heimlich dein Gerät für private Zwecke. Doch – und schon beginnt er wie ein Wasserfall zu reden – diese Geschichte musst du dir anhören, sie ist zu köstlich. Krapotke will die Geschichte nicht hören. Dennoch verpasst sie den richtigen Moment, um Meyner aus ihrem Büro zu schmeissen. Gleichzeitig ist sie neugierig auf den Bären, den er ihr jetzt wieder aufbinden wird. Männer sind, denkt sie, heillose Phantasten.
Wenn alles gut gehe, werde er demnächst eine riesige Erbschaft machen. Ach, dieser Aufschneider, denkt Krapotke. Eine Tante, die 1938 aus Deutschland nach England emigrierte, sei in London ohne Nachkommen verstorben. Ein Cousin habe sich vorsorglich erkundigt. Der Nachlass sei beträchtlich. Um endlich reich zu werden, müsse er, um mit dem Nachlassverwalter in London möglichst rasch zu kommunizieren, halt etwas Verbotenes tun. Er bitte sie, Krapotke, untertänigst um Nachsicht.
Krapotke hat nur ein mildes Lächeln für diese Geschichte übrig. Sie fragt sich, weshalb Männer immer lügen. Männer sind skrupellos und halten Frauen für schrecklich dumm, dass sie ihnen ohne zu erröten, die wildesten Geschichten erzählen. Obwohl, Krapotke ist nicht sicher, ob Meyner bei seiner Lügengeschichte nicht leicht errötet ist. Beim Lichteinfall im Büro, weil Meyner vor der Lichtquelle steht, ist es nicht auszumachen. Doch selbst wenn er errötet ist, wütet Krapotke blindlings in sich hinein, ist es bei ihm nicht aus Scham, aber als Trick, um sie für ihn einzunehmen! Krapotke ist angewidert von diesem Typen. In der Folge geht sie ihm aus dem Weg, wo sie nur kann. Als er wieder einmal wie ein Unschuldslamm vor ihr steht und sie angrinst, fragt sie schnippisch, obwohl etliche Kolleginnen und Kollegen um sie rumstehen, und, bist du nun der Mann mit Millionen am Arsch?! Es würde sie nicht wundern, wenn Meyner auf diese rüde Bemerkung in diesem Kreis ausrastet, doch nichts geschieht. Krapotke kann es nicht fassen. Selbst wenn sie diesen Verbrecher öffentlich blossstellt, kann er die situation so wenden und drehen, dass er rasch auf die Bühne kraxelt, auf die Bretter, die die Welt bedeuten, kurz wartet, bis alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind, und dann tischt er vor Allen seine Lügengeschichten auf.
Im letzten Moment sei ein Testament gefunden worden, gemäss dem eine karitative Institution Alleinerbin sei. Er, Meyner, sei leer ausgegangen, dazu verdammt, ein armer Mann zu bleiben. Doch hätte die Geschichte eine ungeahnte Wende genommen. Seine Tante nämlich sei 1938 im Bewusstsein aus Deutschland nach England ausgereist, nie mehr zurückzukommen, daher habe sie Familienpapiere und alten Kram mit sich genommen. Er, Meyner, habe den Willensvollstrecker angefragt, ob allenfalls diese Familienpapiere, im Wesentlichen wohl Briefe, noch vorhanden seien und ob er sie erhalten könne, weil er an der Familiengeschichte interessiert sei und diese Papiere für Dritte sonst wertlos seien. Der Willensvollstrecker habe postwendend geantwortet, dass die letzte Wohnung der verstorbenen Tante bereits geräumt sei. In der Wohnung sei nichts Wertvolles gesichtet worden, weshalb darüber ohne Begrüssung der allfälligen Erben verfügt worden sei. Krapotke wirft dazwischen, ach, was für eine tolle Geschichte! Da können wir wohl wieder zurück zu Arbeit gehen. Meyner lässt sich nicht beirren. Halt, halt, seine Geschichte sei noch nicht zu Ende. Krapotke könnte Meyner erwürgen und sie verachtet alle lieben Kolleginnen und Kollegen, die diesem Schwätzer mit offenen Mündern zuhören. Weshalb müssen ausgerechnet die ärgsten Gauner die schönsten Geschichten zu erzählen haben!
Kürzlich habe ein Historiker aus Deutschland sich bei ihm, Meyner, gemeldet und geschrieben, er sei an einer Arbeit über Emigranten aus Deutschland während der Nazi-Zeit und erforsche in diesem Zusammenhang auch die Geschichte von Meyners Tante. Ob er, Meyner, bereit wäre, mit ihm ein Gespräch über die Tante zu führen. Selbstverständlich sei er bereit gewesen. Beim ersten Treffen bereits hätte sich folgende Geschichte ergeben: der Historiker reise oft nach England, stöbere in Antiquitätengeschäften, Bücherantiquariaten herum und sei am Tag seiner Rückreise nach Deutschland in einem heruntergekommenen Bücherantiquariat an der Charing Cross Road gewesen, habe verstaubt unter einem Tisch einen Packen alter Papiere gefunden, eng verschnürt, mit Zeitungspapier drum und dem Zettel drauf mit der Aufschrift, «German letters from between the wars». Er habe den Antiquar gefragt, ob er den Packen öffnen dürfe. Der Mann verneint. Er sei bloss ein Freund des Antiquars und hüte dessen Laden. Der Herr solle in zwei Stunden zurückkommen, dann sei der Antiquar hier und dann sei es auch möglich, das Pack zu öffnen. Der Historiker aus Deutschland erklärt, er sei bereits unterwegs nach Heathrow. Ob der stellvertreter bereit sei, ein Auge zuzudrücken. Der Herr stellvertreter bleibt stur. Der Historiker fragt, wie viel das Pack koste. Der Stellvertreter antwortet, er könne es nicht sagen. In zwei stunden sei der Antiquar wieder da. Der Historiker winkt mit einem Geldschein, der anscheinend genügend gross ist, dass das Geschäft gemacht wird. Das Pack enthält die Familienpapiere der verstorbenen Tante, alte Papiere, die auch seine, Meyners, Familie betreffen. Das neuste Schreiben sei ein Brief von ihm, Meyner, an seine Tante. Ihm entnimmt der Historiker aus Deutschland seine, Meyners Anschrift. Der Historiker behalte selbstverständlich, was er in London erstanden habe, lasse aber ihn, Meyner, alles durchblättern, anschauen, lesen und kopieren. Wie durch ein Wunder sei er an Dinge der Erbschaft rangekommen. Diese Dinge seien ihm viel wichtiger, als das ganze Geld! Dummer schwätzer, denkt Krapotke und geht verärgert zurück in ihr Büro. Inzwischen hat sie sich von Karl getrennt und ist auf Männer nicht mehr gut zu sprechen. Männer sind Verbrecher, dumme schwätzer, selbst wenn sie hübsch mit ihrem hübschen Hintern wedeln. Was belästigen sie einen mit ihrem Scheiss, brütet Krapotke weiter. Immer sie, diese windigen Typen, erleben irgendwelche Geschichten, die sie dann zu weiss der Kuckuck was aufbauschen, mit denen sie sich schmücken und inszenieren, wie ein Revue-Girl auf der Bühne des Moulin Rouge, widerlich! Krapotke hackt auf die Tastatur ihres Computers ein und würgt den Frust darüber runter, dass vermeintlich tolle Geschichten immer nur den anderen zustossen, doch nie ihr. Ihr Leben verdämmert, gerät so nebenher total aus den Fugen. Auf Männer ist kein Verlass. Siehe Karl.
Karl
Krapotke hat Karl, zum Glück, wie sie meint, endgültig überwunden. Genauso, wie sie einen schlussstrich unter Beat gezogen hatte und damit war Beat erledigt gewesen. Sie reisst alle Bilder mit Karl aus dem Fotoalbum. Zerreisst die Bilder und schmeisst sie weg. Ein letztes Bild starrt ihr entgegen. Er im smoking, sie im Abendkleid, das hübsche Paar, das alle bewundern und irgendwie beneiden, weil sie so unbeschwert und lässig scheinen. Wie in Trance ergreift Krapotke eine schere und kratzt mit der Scherenspitze über Karls Gesicht auf dem Foto, kratzt ein Andreaskreuz über sein Gesicht, so dass es verschwindet im Kreuz, das in die Oberfläche hinein geritzt erscheint. Dieses Bild lässt sie im Album. Sie grinst. In dem Moment ist auch Karl für sie erledigt, abgelegt in einem Ordner in der Schublade. Vorbei. Sie öffnet eine Flasche Moët et Chandon und trinkt auf ihr eigenes Wohl, prostet ihrem Spiegelbild zu. Das Kapitel Karl ist beerdigt. Heiter und gelassen lässt sie eine Grabrede Revue passieren.
Das Leben mit Karl war okay gewesen. Keine heisse Liebe mit brennenden Küssen, dazu sind sie beide zu nüchtern. Sie geniessen das Zusammenleben, haben kaum je streit und unternehmen viel Interessantes und Anregendes zusammen. Banal, Plattitüden, denkt sie, spannend an einer Beziehung sind die Differenzen und wie das Paar mit diesen Differenzen umgeht. Karl spottet über Krapotkes Freude an Kleidern, guten Weinen und Freundschaften mit Frauen, die puppenhaft sind. Krapotke kann bloss ihren Kopf schütteln über all die Bücher, die Karl anschleppt, die Anzahl von Wirrköpfen, die er als Freunde bezeichnet und die ach so gescheit sind, und die Gleichgültigkeit, mit der er einem anständigen Auftritt in anständigen Kleidern gegenübersteht. Die Differenzen aktualisieren sich, sobald sie sich gegenseitig in ihre Bereiche einmischen, Krapotke zum Beispiel den Bücherstapel im Wohnzimmer beanstandet, worauf Karl ihr mangelnden Intellekt vorwirft. Andrerseits rastet Krapotke aus, wenn Karl wutschnaubend behauptet, mit ihrer Kaufwut und den neuen Kleidchen, für die in den schränken Platz geschaffen wird, verdränge sie seine wenigen Kleider, die er dringend benötige, weil es hier zu kühl sei, um auf Kleider verzichten zu können. Karl kann so wunderbar ausrasten, ein wahres schauspiel. Krapotke staunt über die Form und die Energie, die darin stecken und kümmert sich kaum um den Inhalt von Karls Reden. Karl wiederum bewundert heimlich die Zickigkeit Krapotkes, die er vordergründig zum Anlass für Auseinandersetzungen nimmt, wenn sich gerade eine günstige Gelegenheit bietet. Im Grunde aber beneidet er Menschen, die intuitiv so viel auf Äusserlichkeiten geben, diese geniessen und eine Ehrensache daraus machen können. Irgendwie sind ihnen beiden die Gemeinsamkeiten so viel wert, dass sie die Differenzen nicht wirklich ernst nehmen wollen und die Tobsuchtsanfälle, Trotzreaktionen, Wortgefechte und so weiter als letztlich amüsante Übungen für die Lungen und den Adrenalinspiegel nehmen.
Karl überrascht Krapotke jede Woche mit einem hübschen Blumenstrauss und bei Gelegenheit mit einem neu erschienenen Kriminal- oder Frauenroman. Krapotke möchte Karl auch einmal mit etwas überraschen, das ihn genau so freut, wie sie sich über die Blumen und die Trash-Literatur freut. Mit schlipsen oder Einladungen in hübsche Restaurants kann ihr die Überraschung bei Karl nicht gelingen. Da entdeckt sie bei Meyner auf dessen schreibtisch sloterdijks Die Kritik der zynischen Vernunft, fragt, ob das Buch neu herausgekommen sei. Meyner ist etwas pikiert durch die Frage. Er vermutet, dass die Frage ein panaschierter Vorwurf ist, weil er ein Buch, das nicht mit seiner Arbeit zusammenhängt, auf seinem Schreibtisch liegen hat. Er sagt, dieser Buchtitel vor Augen ermahne ihn bei seiner Arbeit immer daran, das, was vernünftig scheine, doch noch zu hinterfragen. Krapotke denkt, diese Antwort könnte ihr auch Karl geben. Sie fragt noch einmal, ob das Buch eine Neuerscheinung sei. Später fragt sie Franz Oberholz, den besten Freund Karls, seines Zeichens Nuklearmediziner und ebenfalls ein sehr gescheites Haus, was er von sloterdijks Buch als Geschenk für Karl halte. Dieser rümpft seine Nase. Ihn würde das Buch überfordern und er vermute, auch Karl könnte davon überfordert sein. Krapotke jedoch hat es sich in den Kopf gesetzt, Karl mit einem gescheiten Buch zu überraschen.
Eine Buchhandlung zu betreten, kostet Krapotke grosse Überwindung. Sie muss über ihren eigenen Schatten springen. Den früher erlittenen schock vergessen und nicht ständig befürchten, sie werde in der Buchhandlung eine Panikattacke kriegen. Schafft sie es, ohne Schweissausbruch und Beklemmung in der Buchhandlung ein Buch zu kaufen, hat sie ihre Vergangenheit endlich überwunden und kann das Kapitel Beat endgültig ablegen. Bei Orell Füssli fragt sie sich durch, bis sie Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft hat. Während sie ansteht, um das dreibändige Werk als Geschenk einpacken zu lassen, fällt ihr Blick auf einen schrillen, pinkfarbenen Bucheinband, der auf einem Ausstellungstisch liegt. Das Bild zeigt auf violettem Hintergrund zwei Champagner-Gläser, in denen Rosé Champagner perlt. Der Roman heisst Pink Champagne und ist von Kess Frank. Nie gehört, denkt Krapotke und kauft das Buch als Jux. Einen kurzen Augenblick denkt sie, wieder so eine spontanreaktion, die fatale Folgen zeitigen könnte. Sie atmet gut durch und beschwört sich, jetzt nicht zu hyperventilieren. Das dumpfe Gefühl verfliegt. Sie hat es geschafft. Sie kann wieder Buchhandlungen betreten, ohne in einen Ausnahmezustand zu geraten. Als Pink Champagne zu Hause rumliegt, fragt Karl, was ist das für ein Buch? Er zeigt sich irritiert, dass Krapotke die Bücher, die er ihr regelmässig schenkt, nicht ausreichen. Er bemerkt, falls Pink Champagne auf einer Bestsellerliste aufgetaucht wäre, hätte er es ihr bestimmt geschenkt. Krapotke sagt, sie habe Lust auf dieses Buch gehabt. Dieser Kauf sei keineswegs eine Kritik an ihm, Karl. Typisch, wirft Karl hin, du fällst auf den letzten Mist rein, dich kann man nicht alleine lassen. Krapotke hat das Buch noch nicht gelesen, kann daher nicht sagen, ob sie nicht tatsächlich Mist gekauft hat. Irgendwie ist sie gerührt, wie verletzlich Karl ist und wie er es unbedingt selber sein möchte, der ihr die Bücher schenkt. Um Karl bei Laune zu halten, verspricht sie ihm mit Schmusestimme, dass es nie wieder vorkommen werde. Als Karl sein Geburtstagsgeschenk auspackt, strengt er sich echt an, Freude zu zeigen, ist aber klar irritiert. Er grunzt, der gute alte Franz überschätzt meine geistigen Fähigkeiten! Dann schaut Karl Krapotke an und fragt, oder war es etwa nicht Franz, der dir dieses Buch empfohlen hat? Krapotke sagt lachend, denkst du! Auf dieses Buch sei sie ausnahmsweise von alleine gestossen. Karl vertraut der Aussage Krapotkes nicht und neckt seinen Freund Franz mit der Bemerkung, was für eine Furzidee er gehabt habe, Nora ausgerechnet den sloterdijk als Geburtstagsgeschenk für ihn zu empfehlen! Franz wehrt ab. Er habe Nora davon abgeraten, doch ein Arbeitskollege von ihr, Meyner oder so, hätte mehr Macht über sie gehabt. Wenn immer Pink Champagne herumliegt, nörgelt Karl daran herum. Er sagt, das Umschlagbild zeuge von extrem schlechtem Geschmack. Da könne man sich bloss an den Kopf greifen. Und der Titel erst. Und erst der Name des Autors. Es würde ihn nicht wundern, wenn es sich bei diesem Namen um ein Pseudonym handle, weil kein halbwegs vernünftiger Mensch seinen Namen für einen solchen Roman mit so einem Titel hergeben könne. Er brauche den Roman nicht zu lesen. Er könne sich vorstellen, um was für einen Mist es sich dabei handle. Bestimmt habe dieser Meyner ihr auch diesen Roman empfohlen. Dieser Meyner habe einen sehr fragwürdigen Geschmack. Krapotke wehrt ab. Karl nimmt Krapotkes Trash-Roman zur Hand, fächert mit dem Daumen seiner linken Hand die seiten durch, steckt den Zeigefinger seiner Rechten wahllos rein und liest laut den seinem Blick zugefallenen satz vor.
Die Individuen sind da glücklich, wo sie stehen, sitzen, liegen, weil alle Daten perfekt abgeglichen sind. Der öffentliche Verkehr konnte längst abgeschafft werden, weil jedem lieben Mitbürger der richtige Ort gegeben ist. Genau so überflüssig ist der Individualverkehr.
Ich bitte dich, dieser satz! Du reisst ihn aus seinem Zusammenhang, protestiert Krapotke. Karl aber doziert mit dieser Selbstsicherheit, die Krapotke jedes Mal von neuem beeindruckt und die sie bisher bewundert hatte, weil selbstsicherheit ihr ganz und gar abgeht, dass jeder beliebig aus einem Text herausgerissene satz Teil eines Ganzen sei und daher das Ganze reflektiere. Sei ein einziger satz daneben, weise das auf ein schräges Denken des Autors hin und disqualifiziere das gesamte Werk. Für Krapotke ist das, was Karl konkret sagt, eher egal, weil sie ohnmächtig seiner Fähigkeit gegenüber steht, aus dem stehgreif eine These zu entwickeln, die im ersten Moment so schrecklich gescheit und logisch klingt, dass sie platt ist und nichts mehr erwidern kann. Sie fühlt sich schrecklich dumm, wenn er so gescheit daherredet. Kaum denkt sie diesen Gedanken nach, stutzt sie. Irgendwie mag sie es nicht, wenn Karl sich so aufplustert.
Karl kann’s nicht lassen. An einer Abendessenseinladung bei Jackie und Ray Perler kommt er erneut auf Pink Champagne zu sprechen, den Trash-Roman, den Krapotke längst zu Ende gelesen und bereits wieder vergessen hat, obwohl er sie, im Moment, wo sie ihn las, total fasziniert hatte. Keiner der Anwesenden kennt Pink Champagne. Krapotke ist erleichtert, dass Karl nicht sie auffordert, kurz den Inhalt des Romans zusammenzufassen. Im Moment, wo sie sich zu etwas äussern soll, fehlen ihr jeweils die Worte und der Gegenstand wird diffus. Karl fasst den Inhalt von Pink Champagne ruhig zusammen und ereifert sich dann schrecklich, als er beginnt, den Roman runterzumachen. Nichts als wuchernder Blödsinn in schludriger sprache, ein Ärgernis, das möglichst rasch zu vergessen sei. Krapotke bemerkt verlegen, okay, Karl möge recht haben. Sie verstehe zu wenig von Literatur. Ihr aber habe die Lektüre spass gemacht. Oft habe sie laut herausgelacht. Oft sei sie auch echt berührt gewesen. Norman Wermelinger, einer der Anwesenden, lacht. Karl, wenn du dich so ärgerst, ist es dein Problem. Schon bei Pulp Fiction hast du dich so schrecklich geärgert. Lass es links liegen und zucke mit deinen schultern! Viel später erst fällt Krapotke ein, weshalb Karl die Geschichte dieses Romans, den zu lesen er als unter seiner Würde betrachtet, präzise wiedergeben kann. Irgendwie kann sie den Verdacht nicht verscheuchen, dass Karl mit dem Roman, dessen Lektüre ihr echt Spass bereitet hat, in Wahrheit sie runtermacht. Erst im Nachhinein fällt ihr ein, dass sie gelassen hätte sagen sollen, okay, es ist eine freche schreibe ohne literarische Ambitionen, eine entfesselte Rhapsodie der Eitelkeiten und Verlogenheiten, vermischt mit dem Aufbegehren gegen den schmerz, der einem fühlenden Menschen in einem gewöhnlichen oder auch besonderen Alltag zugefügt wird. Klar geht es um die Entdeckung einer Liebe, wie in Romeo und Julia, einer Liebe, die in der Gesellschaft, wie sie nun mal ist, keinen Platz hat, wie die Liebe überhaupt, als Nächstenliebe oder auch bloss als Respekt vor dem Mitmenschen zu wenig Platz im Alltag hat. Und wenn einer dieses Thema nicht anklagend, mit tierischem Ernst, aber mit überquellender Phantasie und Übermut angeht, ist alleweil besser, als bloss zu lamentieren! sidonie und Norman tauschen giftige Blicke aus. Krapotke weiss, dass sie sich auf dem Heimweg wird anhören müssen, dass sid Wermelinger zwar ein guter Freund sei, gleichzeitig aber ein solches Arschloch! Um sich jetzt, wo sie endlich weiss, was sie zu sagen hätte, Gehör zu verschaffen, müsste sie kämpfen. Sie hält ihre Klappe. Zudem fordert die Gastgeberin den Gastgeber auf, in die Runde zu fragen, ob jemand einen Grappa wünsche. Krapotke versteht Lady so gut. Einen Rotscher könnte auch sie gebrauchen. Und dass die Geschichten, die da erzählt werden, phantastisch und verrückt sind, lenkte sie von ihrem drögen Alltag ab.
Krapotke chauffiert den betrunkenen Karl von der Einladung nach Hause. Ihre Grübeleien haben sich gelegt. Sie überlegt, dass sie tatsächlich ein Problem hat und dass es ihr Problem ist und dass sie es ganz alleine zu lösen hat. Diese Überlegungen entlasten und erheitern sie. Auch Karl ist munter. Er entschuldigt sich, dass er das Gespräch an sich gerissen habe. Ohne die Nummer, die er abgezogen habe, wäre der Abend total langweilig geworden. Ihre Freunde seien letztlich harmoniesüchtige Schlafmützen, die nichts auszusprechen wagten. Was gesagt werden müsse, müsse einfach gesagt werden. Zudem sei er so total besoffen, dass er sich nicht mehr erinnere, was er von sich gegeben habe. Krapotke kann bloss ihren Kopf schütteln über den besoffenen Karl, findet aber, dass er selbst in diesem Zustand höchst charmant ist. Der Haussegen hängt wieder fadengerade. Im Bett dann schmiegt er sich an sie. Auch sie empfindet Lust. Im Lustschwall verloren knetet sie eine Hinterbacke von Karl, und realisiert mit einem Mal, dass sie, ohne Vorsatz mit dem Zeigefinger ihrer Rechten seinen schliessmuskel umspielt und streichelt. Bevor sie dazu kommt, ihre Hand diskret zurückzuziehen, wischt er ihre Hand mit einer abrupten Handbewegung weg, murmelt, wer hat dir solche schweinereien beigebracht, dreht sich auf die andere seite und rückt von ihr weg.
Im Estrich ihrer Eltern stösst Krapotke zufällig auf ein altes Buch, ein Tagebuch, das Tagebuch einer Urgrosstante, das Tagebuch von Minna H.. Sie erspäht zwischen Gerümpel etwas, das wie ein altes Heft oder Buch aussieht, denkt, witzig, ein schulheft oder –buch von vor über hundert Jahren, zieht es hervor, hält es in Händen, öffnet es voller spannung, erkennt sogleich, dass es sich um ein Tagebuch handeln muss, schmeisst es in einem Anfall von Aggression in eine Ecke des Estrichs und beginnt fassungslos zu heulen. Sie heult geraume Zeit, bis sie sich beruhigt. Dann nimmt sie das Buch wieder auf, diesmal sehr gefasst und bewusst, entziffert die Sütterlinschrift und weiss nun, dass es sich dabei um das Tagebuch der Urgrosstante Minna H. handelt. Heimlich, ohne den Eltern etwas zu sagen, nimmt sie das Buch mit nach Hause. Das Lesen der Sütterlin-Schrift bereitet ihr einiges Kopfzerbrechen, sie entziffert nur mühselig, doch bekommt dabei Übung, bis sie beinahe fliessend lesen kann und nur noch an einzelnen Worten herumnagen muss. Kurzentschlossen transkribiert sie das ganze Tagebuch. Sie ist hingerissen. Minna H. beginnt das Tagebuch am 1. Januar 1868 mit:
In Ermangelung einer guten Freundin werde ich das Tagebuch zu einer solchen ernennen. Aber dir nun, treues Tagebuch, will ich mein Herz ausschütten, Deine Blätter sollen die Geheimnisse meines Herzens tragen. Gleichsam als mein zunächst eben besseres Ich will ich Dich betrachten.
Die Lektüre dieses Tagebuches hat auf Krapotke eine beruhigende Wirkung. Sie ist fasziniert von den Gedanken der Minna H., die sie nachvollzieht, die ihr so vertraut sind und irgendwie gewinnt sie diese Urgrosstante, die ihr so fern ist, lieb. Aus der fernen Urgrosstante vom Familienstammbaum wird die imaginierte Minna H. aus Fleisch und Blut. Krapotke denkt noch, Minna H. würde mir, wenn sie wüsste, dass ich jetzt ihr Tagebuch lese, es mir nicht übel nehmen, weil ich sie gleich in meine Arme schliessen und ihr sagen würde, wie gut ich ihr bin und dass mir ihre Worte so guttun, weil ich mich dann nicht gar so alleine fühle. Entzückt ist Krapotke von unzähligen kleinen Geschichten und Gedanken, auch von dieser Begebenheit, die Minna H. unter dem 26. Januar 1869 schildert:
Agnes Tarlau war neulich zu einem Kaffee zu Frau Doktor Weidlich geladen. Tarlaus waren über diese hohe Ehre ganz glücklich. Selma prahlte sehr damit und sagte auch, dass Ella von Pritzewitz, ein Mädchen der hiesigen, höchsten Hautevolee angehörig, auch gewesen ist. Zufällig nun hat dieses Mädchen vor mir englische Stunde, ich sprach zuweilen mit ihr, und frug sie auch, ob sie bei Weidlich war. Sie antwortet mir nur in sehr hochmüthigem Tone, dass sie gar nicht wüsste, wie sie dazu käme, eingeladen zu sein, sie ginge gar nicht mit den Juden um. Sie schien ganz erschreckt zu sein, wie ich denken kann, dass sie zu Weidlichs kommt.
Minna (1852–1933)
Überhaupt ist hier ein so entsetzlicher Kastengeist, wie es wohl kaum noch in einer zweiten Stadt zu finden sein wird. Besonders besteht er zwischen Juden und Christen. Wenn einer von der Hautevolee mit einem Juden spricht, so denkt er schon, er hat ihn tief beglückt. Und ich möchte doch wissen, warum das hier so ist, die Juden stehen gewiss den Christen an Bildung nicht nach, allerdings gibt es auch sehr ungebildete Juden, mit denen man kaum umgehen kann, aber Ungebildete findet man ja auch und noch viel häufiger bei den Christen. Überdies, was soll ich darüber sprechen, ich werde doch die Sachlage nicht ändern. Aber es kränkt mich, wenn ich sehe, mit welchem Hohn man auf unseren Glauben herabsieht, wie man ihn verspottet und verlacht. Aber hoffentlich wird noch eine Zeit kommen, wo das Vorurtheil der Christen gegen die Juden ganz schwinden wird, in einigen Ländern wie Frankreich ist ja das schon geschehen, wo der Jude jedem Christen gleichberechtigt sein wird, und nur noch nach den Fähigkeiten eines Juden, und nicht nach Glauben und Geburt gefragt wird. O ich wünsche mir diese Zeit noch zu erleben.
Krapotke ist entzückt. Am liebsten würde sie Karl anhand dieses Tagebuches erklären, wie toll es sein kann, Nöte und Ängste mit anderen Menschen zu teilen. Wenn einen etwas ärgere, müsse man nicht primär das Ding kaputt schlagen, das einen ärgere, aber in sich gehen. Irgendwie resigniert lässt sie es bleiben. Schwätzer wie Karl und auch Meyner, der sie mit seiner Erbschaftsgeschichte total ärgert, sind für kritische Gedanken unempfänglich. Sie erschrickt, dass Karl und Meyner im gleichen Atemzug auftauchen. Diese Tatsache gibt ihr zu denken. Doch dann erheitert sie die Vorstellung, dass ihr Tagebuch von Minna H. es mit der Erbschaftsgeschichte von Meyner durchaus aufnehmen kann, dass nicht nur dieser schwätzer das Besondere erlebt, aber auch sie. Das Telefon klingelt. Sidonie druckst etwas herum, bis sie endlich fragt, ob Krapotke ihr Pink Champagne ausleihe. Krakpotke lacht. Ob sie sich von Karls Geschimpfe über das Buch nicht habe davon abbringen lassen. Sidonie knurrt vergnüglich. Im Gegenteil. Bringt ein Buch einen Mann so sehr in Rage, muss was dran sein. Norman hat mich gedrängt, dich anzurufen. Er möchte das Buch unbedingt lesen, kann aber nicht offen dazu stehen. Männer! Krapotke sagt, bedaure, doch Pink Champagne habe sie bereits Jackie Perler ausgeliehen. Krapotke hat sich auch überlegt, dass im Grunde Karl mit seiner Meinung nicht ganz Unrecht hat.
(Fortsetzung seite 187)
KESS FRANK
Eine romanesk prickelnde kurze Geschichte, die das Leben schreibt und der das Leben siebzehn Folgen beschert
Satire Zürich 1985
Die romanesk prickelnde kurze Geschichte, die das Leben schreibt
Erste Folge Kurzer geschichtlicher Exkurs
Zweite Folge Unaussprechlich kurze Geschichte
Dritte Folge Im Grunde kurze Geschichte
Vierte Folge Kurze Geschichte
Fünfte Folge Eine Geschichte, kurz und bündig
Sexte Folge Kurz und bündig, geschichtlich und doch allgemein
Siebente Folge Eine kurze Geschichte, die das Leben schreibt
Achte Folge Allgemeines in geschichtlicher Kürze
Neunte Folge Die Folgen als kurze Geschichte
Zehnte Folge Die Essenz einer institutionalisiert kurzen Geschichte
Elfte Folge Eine kurze Geschichte
Zwölfte Folge Kurzgeschichte
Dreizehnte Folge Die Abkürzung einer schönen Geschichte
Vierzehnte Folge Die Kürze als geschichtliche Würze
Fünfzehnte Folge Kurz, kurz, kurz, Geschichten, Geschichten, Geschichten
Letzte Folge Der kurzen Geschichte kurzer Sinn
Allerletzte Folge Zur Nachspeise ein kleiner Geschichten-Variationen-Salat
Tom Garner bittet Rotscher, diese Frau abzuholen, eine gute Bekannte, die Frau eines total erfolgreichen Kollegen, der seinerseits verhindert sei, zur Party zu kommen, während dessen Frau, eben die besagte Frau, eine ganz lässige Frau, unbedingt zur Party kommen wolle. Rotscher soll diese Frau abholen und sie zur Party mitbringen. Du kommst ja ohne Begleitung, da wird es dir nichts ausmachen, diese Frau abzuholen, den Umweg zu machen und sie zur Party zu fahren. Übrigens, sie heisst Lady. Murrend begräbt Rotscher seinen ursprünglichen Plan, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Tom Garners Party zu fahren. Er sucht seinen Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz in der Umgebung seiner Wohnung. Er hat total verschwitzt, wo der Wagen stehen könnte. Er klappert alle umliegenden Strassen ab, bis er glücklich seinen MG erkennt. Keinen Alkohol und auch sonst Verpflichtungen – Mist, Mist, Mist! Rotscher hasst Verpflichtungen. Lady ist tatsächlich ein Phänomen. Kaum zu glauben, dass sie die Frau dieses total erfolgreichen und berühmten Kollegen ist. Überhaupt nicht eingebildet. Überhaupt nicht blasiert, überhaupt nicht, wie man sich die Frau eines derart erfolgreichen, berühmten und Geld wie Heu scheffelnden Kollegen vorstellt. Rotscher wagt verstohlene Blicke nach rechts, auf die quirlige, blondgelockte Frau auf dem Beifahrersitz, um dann gleich wieder geradeaus auf die Strasse zu stieren. Es ist keine Strasse. Es ist ein holpriger Weg, der bergan durch einen Wald führt. Tom Garners Party war gewesen, wie Partys sind, und Rotscher war heilsfroh gewesen, als Lady ihm sagte, sie werde nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren. Die Kinder würden bereits zeitig Radau machen. Er brauche sich nicht um sie zu kümmern. Rotscher, ganz Gentleman, hob zu einem Protest an und liess keine Diskussion darüber zu, dass er sie nach Hause fahre. Nun im Auto, während er fährt und sie munter über dies und das plätschert, denkt Rotscher über dies und das nach. Plötzlich schreckt er aus seinen Gedanken auf. Er war total abgedriftet. Wie hatte er es bloss geschafft, die letzten Kilometer ohne Unfall zu fahren, in offensichtlich schlafwandlerischer Sicherheit. Rotscher ist es ein Rätsel, wie man scheinbar immer das richtige tut, ohne wirklich bei der Sache zu sein. Da blitzt ihm durch seinen Schädel, wenn ein Reifen plötzlich einen Plattfuss hätte, würde er verzweifeln ob der Frage, feuriger Herzensbrecher oder nicht, das ist hier die Frage. Ob’s edler im Gemüt – erstens hat Rotscher Schiss vor starken Frauen, zweitens ist er überhaupt nicht forsch und drittens hat er immer gleich Skrupel. Er schielt zu Lady rüber und nimmt noch wahr, dass die Intonation ihrer letzten Worte so ganz nach Frage klang. Und als sie ihn anschaut, und als sie verstummt ist, sagt Rotscher aufs Geratewohl hin, ja, ja, doch, doch, um sich gleich wieder abrupt der Strasse zuzuwenden.
Lady lacht hell auf und plätschert animiert weiter, während Rotscher antizipiert, wie Lady – falls ein Reifen einen Plattfuss hätte – sich im Beifahrersitz rekeln, mit ihrer Zunge über ihre Oberlippe hin- und hergleiten würde, schweigend. Und er, er, Rotscher, würde in Angstschweiss ausbrechen und aus dem Geisterhimmel würden all seine Freunde höhnisch herunterlachen. Lady würde sagen, nein, hauchen, mit einer verrucht klingenden Stimme, wo es nun mal so ist, Mister Trimpel. Rotschers linkes Auge zuckt vor Nervosität. In seinen wildesten Träumen, Pubertierendenträumen, über die er längst hinausgewachsen ist, hatte er eine Phantasiegeschichte entwickelt, gehegt und gepflegt gehabt, dass ihn, den Schüchternen, den Zitternden und Zögernden, die Frau seiner Träume (wohlproportioniert, wallendes Haar, in einen hellen Nerzmantel gehüllt) an der Corniche am See um Feuer für ihre Zigarette bittet. Wie er ihr Feuer reicht, mit zittrigen Händen, öffnet sich wegen ihrer katzenhaften Bewegung kurz ihr Mantel. Ein Blick genügt. Sie trägt nichts unter dem Pelz, ist nackt, die helle Haut. Gespielt hastig hüllt sie sich wieder fest ein, zwinkert ihm, Rotscher, zu, signalisiert, dass sie im Eden-au-lac, dort drüben, residiert. Ihr Mann ist an einer Konferenz. Rotscher baut selbst ihren Mann in seine Phantasiegeschichte ein. Pubertäre Phantasien. Jetzt sitzt eine hübsche Frau neben ihm und er, Rotscher, muss ihr beweisen, falls ein Reifen plötzlich einen Plattfuss haben sollte, dass er ein ausgewachsenes Mannsbild ist. Wie, ja, wie würde John Elnambur sich in einer analogen Situation verhalten? Rotscher mopst es, dass ihm bei Ratlosigkeit immer dieser Idiot von John Elnambur einfällt, der überall ist und sich in seiner scheinbaren Unauffälligkeit immer schrecklich aufdrängt, anbiedert und anklebt, als ob er Gottvater ist. John Elnambur würde sagen, ich küsse ihre Hand, Madame, und denk’ es wär’ ihr Mund, Madame. Er würde fortfahren, ich könnte vorgeben, das Veilchen-Bouquet an ihrer Korsage zurechtrücken zu wollen, mich über sie beugen. Zum Teufel mit John Elnambur! Rotschers linkes Auge zuckt vor Nervosität. Was bist du mir für in tapferer Krieger! Ha ha ha, denkt Rotscher. Ihm trieft mit Bestimmtheit literweise Schweiss aus den Fingern, sobald er sich anschickt, Lady zu umarmen. Schiebt er seine Hand gleich von Anfang an unter das Seidenkleid oder ist solche Handgreiflichkeit zu dreist? Rotscher versinkt in Grübeleien. Und erröten würde ich dabei, hochrote Birne. Und mit Bestimmtheit stinkt meine Ausdünstung so schrecklich, dass sie Lady in die Nase sticht. John Elnambur parfümiert sich mit Jules und duftet wildmännlich ohne Beigeschmack. Eine Gauloise aus dem Mundwinkel hängend würde / könnte / sollte / müsste John Elnambur murmeln, sie gestatten – und schon ist er Herr der Lage. Rotscher schielt zu Lady rüber und seufzt in Gedanken verloren, worauf Stille einkehrt, Lady verstummt und Rotscher ob dem Signal, das er von sich gegeben hat, erschrickt, weil Lady nun annehmen könnte / dürfte / müsste, dass er nicht ohne Grund geseufzt hat und sein Seufzer sich auf sie bezieht. Seine Gedanken sind schweisstreibend. John Elnambur parfümiert sich mit Jules und schon sagen die Damen entzückt, ach, sie verwenden Jules! Rotschers linkes Auge zuckt vor Nervosität. Wenn Lady bloss diesen seinen Tick nicht bemerkt! Er starrt stur nach vorne, ohne den Weg wahrzunehmen. Rotscher hat nichts gegen Schweiss. Doch einmal war er der Werbung auf den Leim gekrochen. Verführerische Blondinen sind ganz wild, an ihrem Typen YSL-Deodorant-Spray zu wittern, der ihre Nüstern zärtlich streichelt. Kaum hatte er sich üppig vollgepft-pft-pft, verklebten sich seine Poren und daneben schoss Schweiss bachartig aus seinem Körper, so dass er aus der Disco verfrüht nach Hause ging, weil er patschnass war. Schweissgebadet stand er in der Strassenbahn. Ein Hutzelweibchen, schrumpelig und grau, bot ihm ihren Platz an. Junger Mann, so wie sie stinken, haben sie Fieber. Rotscher schenkte den YSL-Deodorant-Spray seinem kleinen Bruder, der ihn, hübsch mit einer roten Masche verziert an Papa weiterschenkte. Doch grundsätzlich hat Rotscher nichts gegen Schweiss, wenn er nicht im Übermass rinnt. Wenn, zum Beispiel, Ladys Körper von winzigen Schweissperlchen übersäht wäre, würde es ihn antörnen, bestimmt. Irgendwie schämt er sich sofort für diesen Gedanken, stellt sich vor, dass Gedanken in den Augen abgelesen werden können, was selbstverständlich Quatsch ist, doch schielt er etwas beklommen zu Lady hin, die wieder lustig weiter plappert und nichts von seinen Gedanken gemerkt zu haben scheint. Rotschers linkes Auge zuckt vor Nervosität. Er wirft einen Blick in seinen Schoss, wo alles dunkel ist und er nicht einmal sehen kann, ob seine Gedanken eine Ausbuchtung der ach allzu satt sitzenden Smoking Hose bewirkt haben. Dennoch beruhigt ihn die Feststellung, dass in dieser Düsternis auch Lady nichts Unanständiges mit ihren Augen würde wahrnehmen können. Er starrt hin und vage zeichnet sich ab, dass seine Lendengegend sich trotz zerknitterter Hose flach wie eh und je präsentiert. Er erstarrt. John Elnambur würde seine Gedanken bestimmt mit einer üppigen Ausbuchtung unterstreichen, was die Frauen, die Ursache des Vorganges sind, in der Regel entzückt, obwohl sie sich schrecklich entsetzt geben. Ihn beunruhigt echt, dass der Seitenblick auf Lady, der seine Gedanken wie wild herumwirbeln lässt, seinen Schoss genauso unberührt zu lassen scheint, wie wenn er zum Rapport beim Generaldirektor vortraben muss, am Kiosk Kleingeld für das soeben ausgewählte Mickey-Mouse-Heftchen herauszählt oder im Kochbuch nachliest, wie Wirsing zu blanchieren ist. Er erschrickt ob der Vorstellung, kein normaler Mann zu sein. John Elnambur versteht es immer, normal zu sein. Doch er, Rotscher überquillt von gutem Willen und versagt dennoch, wenn es darauf ankommt, seinen Mann zu stehen. Trotzig denkt er, ein rascher Abgang wäre wohl das Beste, plötzlich fällt er tot um, tapfer und gefasst an heimtückischem Krebs verendet oder anlässlich eines Autounfalls von Karosserieteilen geköpft, Blut spritzt in Fontänen, Schicksal eben. Dann stünden Freunde und Verwandte, bestimmt auch Lady, die nun ja auch zu seinen Freunden zählt, fassungslos vor dem offenen Grab, in dem, in einer Holzkiste, seine irdischen Überreste ruhen. In Panik stiert er plötzlich wieder nach vorne, denkend, o Gott, ich habe die Strasse aus dem Blick verloren, schielt aber sogleich wieder nach Lady, während er an seiner Unterlippe knabbert. Sie sieht ihn mit grossen blauen Augen an, unterbricht ihren Redefluss und in ihren Augen flackert ein gewisses Etwas.
Rotscher verzweifelt ob seiner Unfähigkeit dieses gewisse Etwas in Ladys Augenflackern deuten zu können. Macht sie sich lustig über ihn, himmelt sie ihn an, ist sie total hingerissen von/zu ihm? Bei offenem Mund rümpft er seine Nase, wird sich seiner Mimik bewusst und es durchzuckt ihn, ich muss krass idiotisch ausschauen. Und Lady hat jeden Grund, ihn zu hassen. Während Lady ihn mit diesem unerklärlichen Blick anschaut, seine Augen sich immer mehr in ihren festsaugen, läuft er dunkelrot an. Auweia, denkt er, Lady stellt sich bestimmt vor, ich hätte unanständige Gedanken. Und plötzlich gibt es einen Knall.
Es ist kein wirklicher Knall. Ein hohles, dumpfes Pffft, das sich wie ein seltsamer Furz anhört, jedoch nicht stinkt. Dafür holpert nun der Wagen schrecklich. Plattfuss. Rotscher ist angespannt wie nie zuvor. Strassenbord sicher anpeilen. Wo ist der Wagenheber? Gibt es in diesem Wagen einen Wagenheber? Wo setzt man den Wagenheber am Chassis an? Küsse ich Lady oder nicht, und so weiter blablabla et cetera? Dann steht er plötzlich neben seinen Schuhen, schlüpft gleichsam aus seinem Körper und beobachtet sich aus der Vogelperspektive und findet die Situation zum Totlachen komisch. Ihn weckt der aufgeregt-entzückte Aufschrei Ladys, ein Plattfuss! Hat Rotscher Lady nun total entgeistert angestarrt oder schmachtend angeschaut – keine Ahnung. Rotscher weiss nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.
Der Wagen kommt am Strassenbord zum Stehen. Rotscher zieht die Handbremse an. Unversehens rutscht ihm raus, ihre Bemerkung, Frau Seltner, klingt, als ob sie sich schrecklich über den Plattfuss freuten!
– Nicht doch, Mr. Trimpel. Der Plattfuss ist lästig. Doch bin ich mir sicher, dass sie das Problem spielend beseitigen. Die Situation ist zum Schreien komisch. In einer Soap Opera müssten wir uns jetzt in die Arme sinken, brennende Küsse, und ein wildes Verhältnis! Obacht, vergessen sie nicht, den ersten Gang einzulegen, sonst rollt der Wagen rückwärts! Übrigens, wetten, sie denken, ich als Frau weiss nicht, wo der Wagenheber ist. Lassen sie mich raten. Hier! Gefunden! Nein, nein, lassen sie mich machen. Lassen sie mich ihnen beweisen, dass ich kein Zuckerpüppchen bin, aber eine Frau, die ihren Mann zu stehen weiss. Nein, nein, Mr. Trimpel, seien sie kein Spielverderber!
Rotscher steht neben seinem Wagen, schaut verlegen zur Seite, hasst sich, hasst seinen Wagen, verflucht den geplatzten Reifen, hadert mit dem ungerechten Schicksal, das ihm eine starke Frau zugespielt hat und er nun als totaler Versager, als lächerliches Exemplar einer echt schwachen Spezies dasteht. Er schielt zu Lady hin, die im Silberlicht des Vollmonds deutlich sichtbar ist, wie sie ihre Robe hochgerafft hat, auf dem Weg kniet und am aufgebockten Wagen das Rad mit dem platten Reifen mit dem Schraubenschlüssel traktiert. Rotschers linkes Auge zuckt vor Nervosität. Lady ist in ihrem Element, rosige Wangen, lachend blaue Augen, rasche Blicke zu Rotscher hin und wieder zurück zu ihrem Werk. John Elnambur mit seinem sündhaft-teuren, phallistischen Flitzer, hat bestimmt nie einen Plattfuss, blamiert sich nie vor einer Dame wie Lady und überhaupt, weshalb ist er, Rotscher, verdammt dazu, ein mausgrauer Durchschnittstyp zu sein, dem jedes Pech aller nur denkbaren Klamauk Komödien zustossen muss. Wie viel lieber hätte er mit Lady ein Verhältnis angefangen. Endlich mal mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis anfangen, höchste Zeit, schliesslich ist er nicht mehr der Jüngste, schon über Dreissig. Lady sieht triumphierend zu ihm auf. Wir haben es geschafft! Sie sprudelt los und im Überschwang aufspringend, den gusseisernen Kreuzschlüssel in der Luft schwingend, so dass er Rotscher beinahe an den Kopf geknallt wäre, hätte er sich nicht weggebeugt, fällt Lady Rotscher um den Hals. Sie küsst ihn überschwänglich, unzählige Male auf beide Wangen, noch und wieder. Rotscher träumt und vergisst dabei, seine Arme um ihren zierlichen Körper herum zu schliessen und Lady ganz fest an sich zudrücken. Er steht da wie ein Stück Holz und lässt alles geschehen. Lady stösst einen schrillen Schrei aus.
– Mr. Trimpel, ich habe ihren Smoking verschmutzt. Wie dumm von mir. Wie kriegen wir ihren Smoking wieder sauber.
Rotscher steht verdattert da. Ladys Kleid ist total verdorben, Ölflecken, Schmierfett. Auf seinem Smoking sieht man die Flecken kaum und sein Hemd, herrjeh, das kann gewaschen werden. Wenn ihm bloss ein Text einfallen würde. Doch alles, was er sieht, ist die feine Silhouette von Lady, gegen das Mondlicht ihre Locken wie ein ausgeglühter Fadenknäuel. In seiner Hose tut sich was. Peinlich, peinlich! Er will sagen, dass die Situation nicht so ist, wie sie scheint, dass sie gute Freunde seien, nichts weiter, und so weiter blablabla et cetera, doch er bringt kein Wort über seine Lippen. Es wäre Rotscher im Moment egal zu stottern, Hauptsache, ein Wort bricht die Gespanntheit der Situation. Als sie wieder im Wagen sitzen, brav nebeneinander, Rotscher noch immer mit den nicht zu artikulierenden Worten ringt, lacht Lady munter auf.
– Mr. Trimpel … Unsinn, ich sage Rotscher zu dir und du nennst mich Lady. Ist das Leben nicht wundervoll? Ausser, meine schmutzigen Hände, zerrissene Strümpfe. Halte, bitte, bei der nächsten Tankstelle an, damit ich mir meine Hände waschen kann.
Lady erkundigt sich beim Tankwart, wo sich die Toilette befinde. Der Wagen benötigt genau sieben Liter Benzin. Der Tankwart sieht Rotscher misstrauisch an. Rotscher gibt ein fürstliches Trinkgeld und sagt, sie verstehen, Frauen, sie müssen öfters, als dass der Tank leer ist. Er stellt den Wagen an den Rand der Tankstelle. Es dauert ewig. Lady bleibt weg. Rotscher vertritt sich die Beine. Das Nachbargebäude scheint eine Fabrik zu sein. Innen hell beleuchtet. Arbeiten wohl rund um die Uhr. Rotscher drückt sich seine Nase platt an einer Fensterscheibe. Scheint ein Lagerraum zu sein, vielleicht Verkaufsraum. Kartons und Flaschen. Ein Wein-Grosshandel. Ein dicker, alter Mann thront schlafend auf einem Stuhl mit Armlehnen. Während Rotscher ihn anstarrt, erwacht er. Der Alte schaut Rotscher direkt in die Augen. Rotscher ist es schrecklich peinlich. Er schnellt vom Fenster zurück. Eine Türe wird aufgerissen. Der Alte baut sich vor Rotscher auf. Rotscher ist baff, zittert wie Espenlaub, innerlich, steht derweil aber wie zur Salzsäule erstarrt da.
– Nichts zu machen, junger Mann! Blasen sie mir in die Schuhe, rutschen sie mir den Buckel runter! Der alte Kimbel hat seinen Laden geschlossen und damit basta. Sonst gibt’s eine Busse, von den Beamtenfritzen, die nichts Gescheiteres zu tun haben, als einem die Geschäfte zu vermiesen mit ihren gesetzlichen Geschäftsöffnungszeiten! Zum Teufel damit. Ich verkaufe ihnen nichts, keinen Tropfen. Und nun nehmen sie diese Flasche, damit sie nicht am Samstagabend auf dem Trockenen hocken mit ihrer Lady!
Der alte Kimbel verschwindet. Der Spuk ist vorüber und Rotscher hält eine Flasche in der Hand, wankt wie in Trance auf seinen Wagen zu, starrt die Flasche an, als Lady mit einem Schrei des totalen Entzückens ihm die Flasche aus der Hand reisst, jauchzt, Lanson brut rosé, Rotscher die Flasche wieder in die Hände drückt und befiehlt, öffne sie! Rotscher gehorcht wie ein kleines Kind, denkt erst danach, nachdem die Drähte weggedreht, der Korken gelockert und gleich knallen wird, dass ihnen Gläser fehlen und überhaupt, weshalb hier und jetzt ausgerechnet Champagner trinken. Der Korken knallt, eine gischtige Fontäne spritzt aus dem Flaschenhals. Lady schnappt sich die Flasche, setzt sie an, nimmt einen kräftigen Schluck, reicht die Flasche weiter an Rotscher mit einer ihn zum Trinken auffordernden Geste. Sie säuselt, herrlich, Pink Champagne! Ende der Geschichte.
John Elnambur, der scheinbare Buhmann der Nation, öfters in der Geschichte erwähnt, ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. So zumindest hört er sich gerne bezeichnet und ist geschmeichelt, wenn ihm diese Ehre angetan wird. John Elnambur ist fünftausendvierhundertunddreiundzwanzig Jahre alt. Hier spielt der Autor John Elnambur, denn er hat in Wahrheit keinen blassen Schimmer davon, ob und wann John Elnambur geboren wurde. John Elnambur hatte den Weg eines Mammuts gekreuzt und hatte das arme Ding so sehr durcheinander gebracht, dass es kurz darauf einging. Wo Böses geschieht, hat John Elnambur seine Hand im Spiel, bei Kreuzzügen, Entdeckungsreisen, Inquisition, Russlandfeldzügen, Pogromen und so weiter blablabla et cetera. Doch nicht nur im Grossen arrangiert er die grossen Katastrophen, aber auch im Kleinen, Intimen und Privaten die kleinen Kataströphchen. John Elnambur hatte zum Beispiel der Wahrsagerin, die der neunjährigen Jeanne-Antoinette Poisson in Paris im ersten Drittel des 18ten Jahrhunderts prophezeite, Mätresse des Königs zu werden, diese Sache eingeflüstert und hatte den Blick vom fünfzehnten Ludwig auf Jeanne-Antoinette gelenkt, so dass aus ihr die Markgräfin von Pompadour wurde.
