Spuren aus Eis - Claudia Praxmayer - E-Book
Beschreibung

Mörderische Geschäfte, besiegelt mit dem Blut der Unschuld – „Spuren aus Eis“ von Claudia Praxmayer jetzt als eBook bei dotbooks. Für ein Projekt ihrer Umweltschutzorganisation soll Lea im kirgisischen Hochgebirge die seltenen Schneeleoparden filmen. Doch was als interessanter Auftrag beginnt, entpuppt sich schnell als lebensbedrohlicher Höllentrip: Durch Zufall filmt sie Politiker, die mit dem Abschuss eines Schneeleoparden einen skrupellosen Deal besiegeln. Augenzeugen unerwünscht! Um sich selbst und die brisanten Aufnahmen zu retten, muss Lea das Land so schnell wie möglich verlassen. Doch in der Hauptstadt warten bereits der kirgisische Geheimdienst und ein zu allem entschlossener Auftragskiller auf sie. Eine atemlose Flucht quer durch Kirgistan beginnt … Rasant, packend, an einem aufsehenerregenden Schauplatz – der neue Thriller von Claudia Praxmayer! Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Spuren aus Eis“ von Claudia Praxmayer. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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MOBI

Seitenzahl:409

Sammlungen



Über dieses Buch:

Für ein Projekt ihrer Umweltschutzorganisation soll Lea im kirgisischen Hochgebirge die seltenen Schneeleoparden filmen. Doch was als interessanter Auftrag beginnt, entpuppt sich schnell als lebensbedrohlicher Höllentrip: Durch Zufall filmt sie Politiker, die mit dem Abschuss eines Schneeleoparden einen skrupellosen Deal besiegeln. Augenzeugen unerwünscht! Um sich selbst und die brisanten Aufnahmen zu retten, muss Lea das Land so schnell wie möglich verlassen. Doch in der Hauptstadt warten bereits der kirgisische Geheimdienst und ein zu allem entschlossener Auftragskiller auf sie. Eine atemlose Flucht quer durch Kirgistan beginnt …

Rasant, packend, an einem aufsehenerregenden Schauplatz – der neue Thriller von Claudia Praxmayer!

Über die Autorin:

Claudia Praxmayer ist gebürtige Salzburgerin und hat Biologie studiert. Sie arbeitet in München als selbstständige PR-Beraterin und Autorin mit dem Schwerpunkt Medizin und Naturwissenschaft. Als aktives Mitglied des NABU Deutschland engagiert sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich im Bereich Artenschutz und setzt sich für bedrohte Tierarten ein.

Die Autorin im Internet:

www.praxmayer.de

https://www.facebook.com/Claudia-Praxmayer

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Originalausgabe März 2016

Copyright © 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Petra Förster

Titelbildgestaltung: Johannes Frick, Neusäß, unter Verwendung von Bildmotiven von Shutterstock/jokerpro, Bartosz ZakrzewskiE-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-497-9

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Claudia Praxmayer

Spuren aus Eis

Thriller

dotbooks.

Kapitel 1

»Kirgistan?«

Lea Winter sah ihre Chefin entgeistert an. Dagmar Elbmeier, die Geschäftsführerin der Wildlife Protection Society, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und zuckte mit den Schultern.

»Bodo kann nicht. Also bleibst nur du.«

»Ich betreue das Gorilla-Projekt, schon vergessen? Kirgistan und die Schneeleoparden sind nicht meine Baustelle.«

Dagmar Elbmeiers Mund umspielte ein Lächeln.

»Jetzt schon. Ein Fernsehteam aus München landet in vier Tagen in Bischkek. Ich brauche jemanden vor Ort.«

»Und wie stellst du dir das vor?«

»Ganz einfach. Du fliegst da hin, nimmst die Fernsehleute in Empfang und fährst mit ihnen rauf in die Berge. Dort filmt ihr, wie Oleg einem Schneeleoparden einen Sender anlegt, du redest über die bedrohten Katzen, und fertig. Alles schon organisiert und dauert nicht länger als eine Woche.«

Typisch Dagmar. Wenn sie ein Ziel vor Augen hatte, steuerte sie darauf zu wie ein Cruise-Missile.

»Und außerdem«, fügte die Geschäftsführerin hinzu, »ist das nach deiner Kongo-Geschichte der reinste Urlaub. Keine Rebellen, keine Unruhen, alles unkompliziert.«

Ein sarkastisches Lachen war alles, was Lea für diese Bemerkung übrig hatte. Sie war vor einigen Monaten in den Kongo gereist, weil Rebellen drei Gorillas abgeschlachtet und einen ihrer Ranger ermordet hatten. Ihr Gorilla-Projekt lag gefährlich nahe an einer der illegalen Coltan-Minen. Dass es die Coltan-Mafia aber auch auf sie abgesehen haben könnte – darauf wäre sie im Traum nicht gekommen. Bis sie entführt worden und in einem Rebellen-Camp gelandet war. Wäre Ian McAllister von Interpol, den sie kurz vor ihrer Kongo-Reise bei einem Vortrag kennengelernt hatte, nicht gewesen, wäre sie aus dieser Aktion vermutlich nicht heil herausgekommen. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland – mehr tot als lebendig – war sie noch wochenlang von quälenden Albträumen heimgesucht worden.

Damit war ihr Abenteuerdurst für die nächsten Jahre definitiv gestillt. Sie würde bestimmt nicht nach Kirgistan reisen. Gleichgültig, welche Argumente Dagmar aus dem Ärmel zog.

»Wir sind eine kleine Organisation, da muss eben jeder mit anpacken, wenn Not am Mann ist«, fügte ihre Chefin in versöhnlichem Ton hinzu und knipste ein mütterliches Lächeln an.

»Denk an die Schneeleoparden. Wir sind angetreten, um sie vor dem Aussterben ...«

»Schon gut, schon gut. Hör auf damit!«

Es machte sie wütend, wenn Dagmar die Verantwortungs-Keule auspackte. Lea wusste selbst, in welcher Geschwindigkeit Tierarten von der Erdoberfläche verschwanden. Würde sie sonst für einen Hungerlohn in einer Naturschutz-Organisation arbeiten? Da musste sich Dagmar schon etwas Besseres einfallen lassen.

»Es interessiert dich vielleicht, zu hören, dass Manni Fuchs dabei ist.«

Raffiniertes Biest, schoss es Lea durch den Kopf. Ausgerechnet Manni Fuchs. Die Ikone der deutschen Tierfilmer-Szene, Preisträger beim Wildscreen-Film-Festival. »Der Manni Fuchs?«

»Ihr kennt euch, oder?«

»Leider nur vom Telefon.«

Sie dachte an den Beitrag, den Manni Fuchs über ihr Gorilla-Projekt im Kongo hatte machen wollen. Der Sender hatte den Dreh in letzter Minute gekippt.

»Also, was ist? Machst du’s?«, drängte ihre Chefin.

»Gib mir ein paar Stunden zum Nachdenken.«

»Klar. Hier hast du schon mal einige Unterlagen, den Rest findest du auf dem Server. Bodo kommt später ins Büro und wird dich briefen, Irene kümmert sich um deine Flüge.«

Dagmar schob eine Mappe über den Tisch. Lea war zu perplex, um etwas zu erwidern.

***

Wenig später warf Lea die Wohnungstür hinter sich ins Schloss und pfefferte ihre Tasche in die Ecke. Sie ging ins Wohnzimmer, fuhr das Laptop hoch und holte sich ein Glas Rotwein aus der Küche. Sie überlegte kurz, sich die Lippen nachzuziehen, entschloss sich aber dagegen und machte es sich vor dem Bildschirm bequem. Ein Blick auf ihre Skype-Liste sagte ihr, dass Ian McAllister online war. Bei Interpol in London wurde also noch gearbeitet. Sie zögerte einen Moment, dann klickte sie auf seinen Namen. Das Video-Fenster ging auf, und Ian lächelte ihr entgegen.

»Hallo, meine Schöne! Heute schon so früh auf Sendung?«

McAllisters Stimme klang leicht verzerrt. Lea musste grinsen.

»Du klingst wie Frankenstein.«

»Du rufst also an, um mir Komplimente zu machen?«

Er zwinkerte ihr in Zeitlupe über den Äther zu. Leas Gesicht verfinsterte sich.

»Ich habe leider schlechte Nachrichten. Unser Wochenende fällt ins Wasser.«

McAllister brachte sein Gesicht näher an die Kamera. Lea konnte die steile Falte sehen, die sich über seiner Nasenwurzel gebildet hatte.

»Was ist los?«, fragte seine elektronisch verzerrte Stimme.

»Ich muss nach Kirgistan.«

»Nach Kirgistan?«

Lea musste ihre ganze Beherrschung aufbieten, um nicht loszuheulen. Sie hatte sich sehr auf das Wochenende mit ihm in London gefreut. Ihr zweites. Sie wollte ihn endlich wieder spüren, riechen, schmecken. Skypen war gut, live war deutlich besser. Als die Geschichte mit Ian vor zwei Monaten ins Rollen gekommen war, hatte sie sich keine Vorstellung davon gemacht, wie unerträglich weit sich 1.000 Kilometer an manchen Tagen anfühlen konnten.

»Ich muss für Bodo einspringen und ein Kamerateam begleiten.«

»Bist du sicher, dass du schon so weit bist?«

Leas Herzschlag beschleunigte sich. Nein, sie war sich nicht sicher. Aber das würde sie vor ihm nicht zugeben.

»Klar. Jetzt, da ich einen Selbstverteidigungskurs hinter mir habe. Was soll da groß passieren?«

Er fixierte sie mit seinen Wolfsaugen. Sie wusste, dass er ihre Schauspielerei bemerkte.

»Also gut, wenn du meinst. Dann müssen wir wohl ein anderes Wochenende finden, an dem ich über dich herfallen kann.«

Lea öffnete langsam die oberen zwei Knöpfe ihrer Bluse und beugte sich leicht nach vorne.

»Unbedingt«, hauchte sie ins Mikro und lächelte.

***

Zwei Stunden später lag Lea im Bett und konnte sich nicht auf den Text konzentrieren. Die Buchstaben trieben über die Seite wie Möwen auf unruhiger See. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und stopfte sich ein Kissen in den Rücken. Es war schon spät, aber sie wollte den Hintergrundbericht unbedingt zu Ende lesen. Natürlich wusste sie einiges über das Schneeleoparden-Projekt, aber sie musste vor der Kamera absolut sattelfest sein. Dazu gehörte auch, dass sie die Zahlen und Fakten aus dem Effeff kannte. Nur noch geschätzte 270 Schneeleoparden in Kirgistan, 4500 bis 7000 weltweit leben im Hochgebirge Zentralasiens, in 12 Ländern ... Der Schnellhefter glitt ihr aus der Hand, ihr Kopf kippte langsam zur Seite. Erst ein ziehender Schmerz im Nacken ließ sie hochfahren. Zwei Uhr morgens. Unten auf der Straße grölte eine Gruppe Betrunkener. Bestimmt wieder ein Junggesellenabschied. Berlin Mitte zog das Partyvolk an wie ein Kadaver die Geier. Hoffentlich, schoss es ihr durch den Kopf, kotzen sie nicht wieder in den Hauseingang. Angewidert schloss sie die Augen und zwang sich, an Kirgistan zu denken. Aber anstelle schneebedeckter Gebirgszüge und grüner Hochebenen spulte ihr Gehirn Bilder von Manni Fuchs ab. Die Preisverleihung beim Wildscreen-Film-Festival. Der alte Haudegen hatte die Gelegenheit genutzt, eine Breitseite auf seine Kollegen abzufeuern. Nicht einmal der Moderator war imstande gewesen, ihn zu bremsen. Sie sah Manni noch genau vor sich, wie er seine blonden Haarfäden angriffslustig nach hinten schleuderte, das wettergegerbte Gesicht ein einziger Vorwurf. Lea freute sich darauf, mit ihm zu arbeiten, aber sie hatte auch einen Heidenrespekt davor. Unten fiel eine Mülltonne scheppernd um. Wie im Fieber wälzte sie sich auf dem Bett, strampelte sich von der Bettdecke frei. Der ungewöhnlich warme Mai war nur ein Teil des Problems. Die Hitze kam aus ihrem Inneren. Lea war nach ihrer Entführung im Kongo lange genug in Therapie gewesen, um zu wissen, was sich hier anbahnte: Angst. Sie spürte den beschleunigten Puls durch ihre Arterien donnern. Untermalt von Wortfetzen, die durch das gekippte Fenster drangen. Lea stand auf, ging in die Küche und machte sich eine Tasse Tee. Ians Hemd schlackerte um ihre schmale Gestalt, längst war sein Geruch aus dem Gewebe verflogen. Ein Blick auf den Bildschirm ihres Laptops sagte ihr, dass McIan007 immer noch online war. Sie setzte sich auf den Stuhl und aktivierte das Symbol. McAllisters müdes Gesicht erschien.

»Hey, was ist los?«

Lea lächelte die gepixelte Fläche an. Seine Stimme wirkte beruhigend, auch wenn sie aus fast 1000 Kilometern Entfernung an ihr Ohr drang.

»Kann nicht schlafen.«

Sein Gesicht kam näher und füllte jetzt fast das ganze Videofenster aus.

»Ist das mein Hemd?«

Lea tat, als würde sie das Kleidungsstück das erste Mal an sich wahrnehmen.

»Das habe ich überall gesucht.«

»Willst du es wiederhaben?«

McAllister schüttelte den Kopf.

»Nein. Sieht sexy an dir aus. Sag mir lieber, was dir durch den Kopf geht.«

»Die Sicherheitslage in Kirgistan. Wie schätzt du die ein?«

»Im Norden, da, wo du dich aufhalten wirst, unproblematisch. Kritisch ist der Süden. Um Osch und Dschalalabad kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Kirgisen und Usbeken.«

»Bischkek und die Berge sind deiner Meinung nach also ungefährlich?«

McAllister rieb sich das Kinn. Im Schein der Bürolampe schimmerten seine Bartstoppeln silbrig.

»In Berlin kann dich auch jederzeit ein Auto umnieten.«

Sie zog ihre fein geschwungenen Augenbrauen hoch, bevor sie antwortete.

»Nach deinen Jobs in Kolumbien und El Salvador kann ich dich mit meinem Kirgistan-Trip natürlich nicht beeindrucken.«

Seine Mundwinkel gingen nach oben und gruben Furchen in seine Wangen.

»Du willst mich beeindrucken? Schmeichelhaft. Trotzdem muss ich dich jetzt aus der Leitung werfen. Berg mit Arbeit!« Sein Zeigefinger, der auf einen unförmigen Stapel deutete, war das Letzte, was Lea sah, bevor das Bild einfror.

***

Auch Manni Fuchs konnte nicht schlafen. Das warme Wetter in München kratzte ihn nicht, er war von seinen unzähligen Afrika-, Asien- und Südamerika-Drehs Schlimmeres gewohnt. Ihn drückten seine Schulden und die drei Grappa, die er bei seinem Stammitaliener getrunken hatte. Nach einer Flasche Lugana nicht die beste seiner Entscheidungen. Er spürte, wie der Alkohol in seinen Eingeweiden brannte und sich mit den Peperoncinos der Penne all’arrabbiata zu einer teuflischen Mischung verband. Wenn die leichte Übelkeit und das Blubbern in seinem Bauch das Einzige wären. Aber seit er seinen 54. Geburtstag drei Monate zuvor erfolgreich ignoriert hatte, wurde er das Gefühl nicht los, langsam hinfällig zu werden. Statt junger, knackiger Weiber gingen nur noch seine Zipperlein mit ihm ins Bett. Eine schlechte Verdauung gehörte genauso dazu wie eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber Alkohol. Vor allem Weißwein. Der ließ ihn wie eine alte Witwe nachts mit Herzrasen im Bett sitzen. Er warf sich unruhig auf seinem Bett hin und her. Dieser Beitrag in Kirgistan musste sitzen. Der Ressortleiter des öffentlich-rechtlichen Senders hatte unmissverständlich klargemacht, was er von ihm erwartete und was Manni zu erwarten hatte, wenn er nicht mit spektakulärem Filmmaterial zurückkam. Manni brummte und spürte, wie seine Wut das explosive Gemisch im Magen zum Kochen brachte. Er knipste die Lampe an und öffnete die oberste Schublade des Nachttischkästchens. Seine Finger ertasteten die glatte Oberfläche der in Folie eingeschweißten Kondome, schoben sie zur Seite und umschlossen eine Tablettenschachtel. Ein Blick durch die Brille, die er sich vor die Augen hielt, genügte. Er grinste bei dem Gedanken, dass er sich beinahe einen Dauerständer verpasst hätte, und warf das Viagra zurück in die Schublade. Ächzend richtete er sich auf, schob die Bügel der Brille hinter die Ohren und fand schließlich die Tabletten gegen Sodbrennen. Er warf eine ein und schob sicherheitshalber noch eine zweite hinterher. Mit einem großen Schluck Wasser spülte er die Chemiebomben durch seinen Schlund, in der Hoffnung, dass sie ihren Job schnell erledigten. Er ließ sich zurück auf das Bett fallen und schloss die Augen. Hyänen! Sie waren wie Hyänen, diese Youngster. Kamen mit ihren Videofilmchen in die Redaktionen und glaubten, ihn ausbooten zu können. Ihn, Manni Fuchs! Mit ihren lächerlichen Schlangenbändiger- und Krokodil-Würger-Sequenzen. Steve Irwin für Arme, Adrenalin-Junkies, die keine Ahnung vom Geschäft hatten. Eine Welle aus Zorn überflutete ihn und ließ seinen Magen pumpen wie einen Blasebalg. Er sprang aus dem Bett, hechtete ins Badezimmer und übergab sich schwallartig. Ein zäher Speichelfaden lief ihm übers Kinn, und als Manni die Tiefen seiner Kloschüssel auslotete, musste er an seine Exfrau und an seine Ost-Immobilie denken. Beide hatten sich fast zeitgleich zu einem finanziellen Albtraum entwickelt. Auf allen vieren kroch er zurück in die schützende Umarmung seines Bettes. Er stürzte den letzten Rest Wasser hinunter. Seine Lider flatterten, und erste Kopfschmerzen streckten ihre Fühler nach ihm aus. Er versuchte, sich zu entspannen und flach zu atmen, um seinen zürnenden Magen nicht noch mehr zu reizen. Den Gedanken an seine Wohnungen in Chemnitz, die jetzt leer standen und bald zwangsversteigert würden, verdrängte er, so gut es ging. Das Gesicht seiner Exfrau ließ sich nicht so leicht aus den Synapsen kicken. Ihr Reißverschluss-Mund, die eng zusammenstehenden Augen, aus denen fortwährend Enttäuschung über ihr Leben, ihren Mann und ihre erschlaffende Haut sprach. Er hatte ihr die schönsten Jahre ihres Lebens gestohlen, und dafür ließ sie ihn jetzt bluten. Sein Magen fing wieder krampfartig an zu zucken, und nur unter Aufbietung seiner gesamten Konzentration gelang es ihm, ihren vorwurfsvollen Blick aus seiner Vorstellung zu verbannen.

Er würde sich gleich am folgenden Tag von seinem Wunder-Doc ein paar Vitamine spritzen lassen und sich wie neugeboren fühlen. Vielleicht mit seiner Harley eine Runde drehen und in einem der vielen Cafés den jungen Dingern in ihren kurzen Röcken nachschauen. Vielleicht konnte er was klarmachen? Die Vorstellung schmeichelte seiner Seele und seinem Gedärm gleichermaßen. Eingelullt in Gedanken an feste Schenkel und zarte Haut, fiel er in einen traumlosen Schlaf.

***

Oleg Radschenkow hatte sich auf seinem Laptop durch die letzten Bilder geklickt. Nichts! Eine Bergziege, ein Murmeltier, und ein verschwommener Schatten, der eine Zieselmaus sein könnte. Das war alles. Kein einziger Schneeleopard war auf den Bildern der Kamerafallen zu sehen. Verdammt! Nie hatte er eine Sichtung dringender gebraucht. Er rieb sich das Gesicht, spürte, dass eine Rasur längst überfällig war. Ihnen blieben noch zwei Tage, bevor das Kamerateam aus Deutschland ankam, und sie hatten nicht die leiseste Idee, wo sich Aksana herumtrieb. Sie konnte mittlerweile über alle Berge sein. Wochenlang war die Schneeleopardin in der Nähe des Lagers umhergestreift, und jetzt keine Spur mehr von ihr. Radschenkow erhob sich von seinem Campingstuhl und streckte den Rücken durch. Er streifte seine Turnschuhe vor der Jurte ab und duckte sich durch den niedrigen Eingang. Auf dem Kocher stand lauwarmer Tee. Er goss sich eine Tasse ein und ließ sich mit überkreuzten Beinen zwischen den zerwühlten Schlafsäcken nieder. Es roch nach Männerschweiß und alten Socken. Sie hatten nur verdammte fünf Tage Zeit, um einen Schneeleoparden zu fangen und ihm ein Sender-Halsband zu verpassen. Was für ein Schwachsinn! Das letzte Mal hatten sie sechs Wochen dazu gebraucht. Geist oder Phantom der Berge nannten die Kirgisen die scheuen Tiere. Das menschliche Auge konnte sie selbst auf kurze Distanz oft nur schwer ausmachen. Er faltete die topographische Karte auseinander und legte sie auf den Boden. Gelbe Punkte markierten die Standorte der Kameras. Er musste jetzt entscheiden, wo sein Team die Fallen auslegen sollte, damit die Vorbereitungen abgeschlossen waren, wenn er mit dem Kamerateam zurückkam. Sein Tee war mittlerweile kalt geworden. Er tastete in seiner Jackentasche nach einem Stift und malte fünf Kringel auf die Karte – für jede Falle einen. Stellen, an denen sie in den vergangenen Wochen wiederholt Spuren von Aksana gefunden hatten. Alte Spuren. Er wartete, bis die Farbe auf der Karte getrocknet war, und faltete sie zusammen. Es war ein Schnellschuss. Aber es half nichts, er würde dieses eine Mal über seinen Schatten springen müssen. Bodo hatte ihm bei ihrem letzten Telefonat eingeschärft, wie wichtig dieser Fernsehbeitrag für das Projekt war. Die Eingänge auf das Schneeleoparden-Spendenkonto waren in den vergangenen Monaten rückläufig gewesen. Griechenland-Krise hin oder her – für die Schneeleoparden ging es ums Überleben. Das mussten die Menschen kapieren. Und sie mussten auch verstehen, dass seine wissenschaftliche Arbeit die Basis dafür war. Ohne seine Forschung würde es keine besseren Schutzmaßnahmen geben. Er musste schwarz auf weiß belegen, wie sich die Tiere durch die Bergwelt bewegten, welche Routen sie wählten, welche Beutetiere sie schlugen, wie sich die Klimaänderung auf die Katzen auswirkte. Erst dann konnte er in diesem Land etwas bewegen. Er musste mit seinen Leuten raus in die Dörfer, Menschen aufklären und um ihre Mithilfe werben. Die Alten überzeugen, die Kinder begeistern, die Hirten besänftigen. Für gerissene Schafe entschädigen, mit falschen Vorstellungen aufräumen. Ohne Spenden aus dem Ausland stand das Projekt über kurz oder lang vor dem Aus. Die mageren Projektförderungen, die er erbettelte, trugen nur das Notwendigste. Teures Equipment, wie GPS-Sender, Halsbänder und Empfangsgeräte nicht eingerechnet. Für ihn war moderne Technologie der einzige Weg, zuverlässige Daten über diese Katzen zu erhalten. Seine Katzen.

»Oleg würde seine Frau, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen einen Schneeleoparden eintauschen«, war ein geflügelter Satz in seinem Freundeskreis.

Er hob den Kopf. Draußen war das Brummen eines Motors zu hören. Das musste sein Team sein, das mit der Jurte für die Gäste aus dem Tal hochkam. Endlich. Er schlüpfte in seine Turnschuhe und ging ihnen entgegen. Der alte LKW schwankte bedenklich, als er über den ausgewaschenen Weg auf ihn zuholperte. Im Licht der untergehenden Sonne schimmerten die schneebedeckten Gipfel des Tian-Shan-Gebirges rot. Oleg hatte keine Augen für das Naturschauspiel, denn er wusste, dass die grimmigen Wolken dahinter nichts Gutes verhießen. Es würde Schnee geben.

Kapitel 2

Seine Fingerkuppen waren süchtig nach der spröden Oberfläche. Millimeter für Millimeter befühlten sie die Rundung, bis ein Impuls in seinem Finger den Globus in Bewegung setzte. Igor Felipowitsch Potkov durchströmte jedes Mal ein elektrisierendes Gefühl, wenn er den Coronelli-Globus berührte. Die Eroberung der Erde durch den Menschen. Mutige Männer, die unermüdlich nach neuen Ländern, schnelleren Handelswegen, wertvolleren Waren gesucht hatten. Pioniere und Entdecker. Schon damals waren sie die Triebfeder der Wirtschaft. Er stoppte die träge Bewegung der Kugel. Sein Finger blieb an einer hellen Stelle hängen: Nova Hollandia. Das heutige Australien. Sein Globus war nur eines der vielen Modelle, die Coronelli im 17. Jahrhundert angefertigt hatte. Eine Vorlage für den Erdglobus, die Kardinal d’Estrées für Ludwig den XIV. in Auftrag gegeben hatte. Trotzdem war er erstaunlich detailliert ausgearbeitet und reich verziert. Potkov lächelte. Nova Hollandia ließ ihn sofort an die Coltan-Mine denken, an der sich seine Holding im vergangenen Jahr beteiligt hatte. Sein Finger umrundete die Konturen des Kontinents. Zwar hatten nach dem Coronelli noch andere Globen ihren Weg zu ihm gefunden, darunter ein seltenes Exemplar von Jodocus Hondius, das jedem Museum zur Ehre gereichen würde, aber keines der anderen Exemplare erfüllte ihn mit dieser Zärtlichkeit. Er hatte den Globus erworben, als er seinen ersten Zehn-Millionen-Dollar-Deal abgeschlossen hatte. Da war er 26 gewesen. Genauso alt wie sein Sohn heute.

Sein Finger setzte über das Meer, vorbei an einem kunstvoll ausgeführten Schiff, stoppte auf dem Schriftzug Asia und tastete sich weiter vor bis zu der Stelle, an der sich das heutige Kirgistan befand. Er würde über Moskau nach Bischkek fliegen. London inspirierte ihn, aber Moskau war immer noch seine Heimat. Selbst nach all den Jahren, die er im pulsierenden Finanzzentrum Europas zugebracht hatte, befiel ihn immer wieder die Sehnsucht nach den mäandernden Ufern der Moskwa, an denen er sich als Student herumgetrieben hatte. Kein noch so exquisites Sushi oder Kobe-Beef konnte in solchen Momenten seinen Appetit auf einen ordentlichen Borschtsch stillen.

Er war in Troizk, einem Kaff 40 Kilometer vom Moskauer Stadtzentrum entfernt, aufgewachsen. Seine Babuschka hatte nach dem frühen Tod seiner Mutter ein strenges Regiment geführt. Sie lebten in bescheidenen Verhältnissen, aber da die Alte feilschen konnte wie ein Teppichhändler auf dem Bazar, hatte es ihm selten an etwas gefehlt. Sie vererbte ihm nicht nur ihr Häuschen, sondern auch ihren unstillbaren Hunger nach einem besseren Leben und die Nase für lukrative Geschäfte. Das unfehlbare Gespür für Timing hingegen hatte er von seinem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hatte, noch bevor Kindeserziehung mit seiner Liebe zu Hochprozentigem kollidieren konnte. Mit derartigen Talenten und einem überaus scharfen Verstand ausgestattet, gelang ihm früh der finanzielle Durchbruch – mit der Privatisierung russischer Staatsunternehmen, vornehmlich Öl und Gas. Danach folgten Goldminen in Südafrika, Raffinerien in Sibirien, Immobilien auf der ganzen Welt. Seine Holding investierte in zahlreiche Branchen, die mit Rohstoffen oder ihrer Verarbeitung zu tun hatten. Und jetzt stand er vor dem nächsten großen Coup. Sein Blick fiel auf den Glaskasten neben der Ledercouch. Das Damastmesser mit den Elfenbeinintarsien, wertvollstes Stück seiner Waffensammlung. Ein Geschenk von Scheich Egbaria. Die Zeit war gekommen, es einzuweihen.

Er versetzte den Globus noch einmal in Rotation und ließ die Welt des 17. Jahrhunderts an sich vorüberziehen.

***

Lea starrte aus dem Beifahrerfenster. Als Oleg sie am Vortag vom Flughafen abgeholt hatte, waren sie sicherlich genau dieselbe Strecke gefahren. Trotzdem kam ihr die Umgebung völlig fremd vor. Seltsam! Vielleicht lag es einfach daran, dass Bischkek in diesen frühen Morgenstunden aller Farbe beraubt war. Oleg hatte auf der ganzen Fahrt noch kein Wort gesprochen. Ihr war es gleichgültig, sie war sowieso viel zu müde, um mit ihrem eingerosteten Russisch Konversation zu betreiben. Die Monotonie der Umgebung und das Schaukeln des Ladas lullten sie ein. Lea schrak auf, als ihre Stirn das kalte Glas der Scheibe berührte.

»Wie lange noch?«

Oleg Ratschenkow sah sie an, als hätte er ihre Anwesenheit völlig vergessen.

»Fünf Minuten. Der helle Schein da vorne – das ist schon der Flughafen.«

Jetzt konnte auch Lea die hoch aufragenden Scheinwerfer erkennen, die ihr gleißendes Licht auf die Rollbahnen warfen. Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor fünf, die Aeroflot-Maschine aus München würde in zehn Minuten landen. Auf dem Flughafenparkplatz lenkte Oleg den Lada ungerührt über eine Bordsteinkante, das Lenkrad zuckte wild in seinen Händen.

»Achtung!«

Lea wurde bewusst, dass sie Olegs Fahrkünsten auch in den folgenden Tagen ausgesetzt sein würde.

»Macht nichts, um die Uhrzeit schläft die Polizei noch.«

Sein Grinsen sprach Bände, und Lea ahnte, dass sich Olegs Interpretation von »der Situation angepasstem Fahren« deutlich von der ihren unterschied. Er parkte den großen Geländewagen in der Nähe des Flughafeneingangs, achtlos, wie andere ein benutztes Taschentuch fallen ließen. Lea schüttelte den Kopf, aber sagte nichts, als sie hinter der rundlichen Gestalt mit dem widerspenstigen Haarkranz herging. Wenn er wirklich so akribisch war, wie Bodo behauptete, dann konnte er es gut verbergen. Oleg hielt ihr die Eingangstür auf und schob sie in die Wärme der Wartehalle. Unzählige Menschen drängten sich im Wartebereich, vor dem Check-in bildeten sich lange Schlangen. Koffer, Plastiktüten und Rucksäcke sprenkelten den Boden. Die Souvenirläden waren geöffnet, das winzige Café voll. Oleg legte den Kopf in den Nacken, um die Anzeigetafel zu studieren. Zwei Speckrollen wulsteten in seinem Nacken über den Hemdkragen.

»Zehn Minuten Verspätung. Wir haben noch Zeit. Kaffee oder Tee?«, wandte er sich mit einem Lächeln an sie.

»Kaffee, gern. Sehr gern sogar.«

Wie ein Quarterback schob sich der Wissenschaftler durch die müden Gestalten im Café und machte sich am Tresen breit. Lea sah sich nach einem Platz um, von dem aus sie die Anzeigentafel im Auge behalten konnte, und kam gerade rechtzeitig, als zwei ältere Herren von einem der Tischchen aufstanden. Sie setzte sich und ließ das Szenario auf sich wirken. Eine Gruppe junger Kirgisinnen zog lachend an ihr vorbei. Schwarz glänzende Haare, hohe Wangenknochen, mandelförmige Augen. Das völlige Gegenteil von Oleg, der weiß und teigig und eindeutig russischstämmig war und genau in diesem Moment einen Pappbecher vor sie hinstellte. Ihr schlechtes Gewissen ließ sie strahlend lächeln.

»Danke.«

Oleg kramte in der Tasche seiner Jacke und beförderte Zuckertütchen, Milch und einen Plastiklöffel zutage, die er auf den Tisch warf.

Er ließ sich auf den Stuhl fallen und schlürfte schweigend seinen Kaffee. Lea nippte am Becher und zwang ihr Gehirn, ein Small-Talk-Thema auszuspucken.

»Manas-Flughafen. Woher kommt der Name?«

Eine wirklich lahme Gesprächseröffnung. Aber zu ihrer Überraschung brachte die Frage Leben in den stillen Mann.

»Du weißt nicht, wer Manas ist?«

Lea schüttelte den Kopf.

»Unser großer kirgisischer Volksheld aus dem 9. Jahrhundert. Hat mit seinen Gefährten gegen die Uiguren gekämpft. Kannst du alles im Manas-Epos nachlesen.«

»Werde ich sofort machen, wenn ich wieder zu Hause bin.«

Oleg riss den Mund beim Lachen so weit auf, dass sie einen Goldzahn in seiner Mundhöhle schimmern sah.

»Sehr schön, sehr schön. Dann nimm dir viel Zeit. Das Manas-Epos besteht aus 500000 Versen und ist 20 Mal so lang wie die Odyssee und die Ilias zusammen.«

»Dann lese ich eben die Kurzfassung«, konterte Lea und warf einen Blick auf die Anzeigentafel. Ein grünes Licht blinkte neben der Aeroflot-Flugnummer.

»Sie sind gelandet.«

»Dauert eine Weile, bis die mit ihrem Kram durch den Zoll sind«, winkte Oleg ab. Er streckte sich auf seinem Stuhl und musterte Lea neugierig.

»Hast du Kinder?«

Lea schüttelte den Kopf.

»Verheiratet?«

»Bist du die spanische Inquisition?«

»In deinem Alter haben die meisten Frauen hier in Kirgistan ...«

»Nicht verheiratet, keine Kinder. Mit Mitte dreißig in Deutschland nichts Ungewöhnliches.«

Auf der anderen Seite der Flughafenhalle kam Bewegung in die Menge. Dankbar, dem Gespräch entfliehen zu können, sprang Lea auf.

»Ich glaube, es geht los.«

Oleg erhob sich ohne Eile vom Stuhl und zog seine Hose hoch, bis sich der Gürtel wie der Äquator um die Mitte seines Bauchs spannte.

Manni Fuchs’ große Gestalt tauchte in der Menge auf. Sein müdes Gesicht glich einer zerknüllten Zeitung, der blonde Pferdeschwanz, sein Markenzeichen, baumelte zwischen den Schulterblättern. Er redete auf einen blassen jungen Mann ein, der einen voll beladenen Gepäckwagen vor sich herschob. Der Turm aus silbernen Kisten, Rucksäcken, Segeltaschen und Schlafsackrollen schwankte bedenklich.

Lea kämpfte sich in seine Richtung durch.

»Hallo, Manni, willkommen in Kirgistan. Wie war der Flug?«

Sein Gesicht hellte sich auf.

»Wer denkt an Strapazen, wenn er von einer so schönen Frau empfangen wird?«

Er gab ihr die Hand und deutete eine leichte Verbeugung an.

»Der Bursche hier heißt übrigens Tom und ist mein Assistent.«

Er klopfte seinem Adlatus freundschaftlich auf die Schulter.

Sie bugsierten den Gepäckwagen durch die Menschenmenge Richtung Ausgang, wo Oleg schon wartete.

»Meine Herren, das ist Dr. Oleg Ratschenkow. Er leitet das Schneeleoparden-Projekt.«

»Ah, der Schneeleoparden-Bändiger. Bin schon mächtig gespannt, was du draufhast«, antwortete Manni Fuchs in glasklarem Russisch und streckte dem Wissenschaftler die Hand entgegen.

Damit wäre auch geklärt, dass ein Dolmetscher überflüssig ist, dachte Lea bei sich.

»Wir müssen los. Vorgestern hat es oben im Lager etwas Schnee gegeben. Das könnte die Fahrt schwierig machen. Und ich hoffe, eure Schlafsäcke sind warm.« Oleg warf einen Blick in die Runde, dann schulterte er zwei große Taschen und ging voraus zum Auto. Lea sah Manni besorgt an, doch der zuckte nur mit den Schultern.

»Kein Problem. Wir kuscheln in der Jurte.«

Auf seinem Gesicht erschien ein schiefes Grinsen. Na, das kann ja heiter werden, dachte Lea und trottete hinter Oleg her, die Augen stur auf ihre Wanderschuhe gerichtet.

Oleg öffnete die Heckklappe des Ladas und verschwand im Inneren des Fahrzeugs. Als er wieder auftauchte, hatte er eine Flasche Wodka und vier Gläser in der Hand. Leas Augen wurden groß. Das konnte nicht sein Ernst sein. Es war gerade einmal halb sieben Uhr morgens! Allein der Anblick der klaren Flüssigkeit, die in der Flasche schwappte, verursachte ihr Würgereiz.

»So begrüßt man Gäste in meinem Land!«

Oleg drückte jedem ein Glas in die Hand und schenkte randvoll ein.

»Sa sdorowje!«

Er hob sein Glas, stürzte seinen Inhalt in einem Zug hinunter. Genüsslich schnalzte er mit der Zunge und blickte erwartungsvoll in die Runde.

»Ach, was soll’s!«, sagte Manni und tat es ihm nach, Tom folgte eine Sekunde später. Drei Augenpaare richteten sich auf Lea, die wie eine Wachsfigur neben dem Auto stand.

Sie brachte das Glas an die Lippen, schloss die Augen und kippte sich den Wodka in die Kehle. Die Schärfe des Alkohols trieb ihr sofort Tränen in die Augen, sie schüttelte sich wie ein nasser Hund. Manni applaudierte, als hätte er soeben die beste Theatervorstellung seines Lebens gesehen.

»Bravo! Gut gemacht!«

»Jetzt bin ich wenigstens wach!«, prustete sie und strahlte mit immer noch wässrigen Augen in die Runde. Sie wusste nicht, ob der Wodka bereits seine Wirkung tat oder sich tatsächlich ein Gefühl der Vorfreude breitmachte.

»Sehr schön, sehr schön! Möchtest du noch einen?«, fragte Oleg und nahm ihr das Glas ab. Sie schüttelte entschieden den Kopf. Als das Handy in ihrer Jacke schrillte, zog sie den Reißverschluss auf und entfernte sich ein paar Schritte vom Auto. Wer rief sie schon in aller Herrgottsfrühe an?

***

Igor Felipowitsch Potkov stand vor dem Käfig und musterte die beiden Schneeleoparden. Das beige-graue Fell der Tiere war mit Dreck verklebt, sie drückten sich auf den nackten Betonboden. Die Raubkatzen waren zierlicher, als er gedacht hatte, und sie rochen scharf. Langsam ging er in die Knie. Elfenbeinfarbene Reißzähne blitzten auf, ein warnendes Fauchen. Sie fühlten sich von ihm gestört. Ihr Blick aus den hellblauen Augen folgte jeder noch so kleinen Bewegung. Waren ihre Augen wirklich hellblau? Bei den Lichtverhältnissen schwer zu sagen. Das Fell über der Nase des Weibchens legte sich in Falten, noch mehr Zähne und die rosarote Zunge kamen zum Vorschein. Auch Potkovs Gesicht war jetzt voller Zähne und Falten. Er lachte lautlos. Diese Nase. Rosafarben, wie Zuckerguss auf einer Geburtstagstorte. Die Ohren flach am Kopf. Überhaupt der Kopf. Verhältnismäßig klein für eine Raubkatze. Und obwohl ihre felligen Tatzen mächtig und der Schwanz lang und buschig waren, stand alles in perfekter Harmonie zueinander. Zu gerne hätte er diese Tatzen berührt, seine Fingerspitzen das weiche Fell spüren lassen. Aber der Blick der Schneeleopardin war eine klare Botschaft.

»Sie sind faszinierend, nicht?«

Potkov hatte Janysh Borukev, den kirgisischen Wirtschaftsminister, nicht kommen hören. Er richtete sich auf, ein stechender Schmerz fuhr ihm ins rechte Knie. Sein Alter machte ihm trotz seines ausdauernden Trainings zunehmend zu schaffen.

»Wunderschön. Aus einer anderen Welt.«

»Und selten. In unserem Land ranken sich viele Sagen um den Schneeleoparden, der hier übrigens ›Bars‹ genannt wird. Es heißt, wer ein Stück Fell oder Knochen eines Bars besitzt, wird nie arm sein.«

Der untersetzte Mann lächelte und klopfte ihm auf die Schulter.

»Haben Sie schon den Bären gesehen?«

Janysh zeigte in den hinteren Bereich des Gartens.

»Es ist ein Isabell-Braunbär. Sehr selten. Sie haben weiße Krallen.«

Potkov folgte dem Wirtschaftsminister zu dem Käfig, dessen Rückseite die hohe Gartenmauer bildete. Die Leibwächter blieben in gebührendem Abstand zu ihren Dienstherren stehen. Ein kleiner, struppiger Bär strich unruhig die Stäbe entlang, sein Kopf pendelte wie ein kaputtes Scheunentor hin und her. »Eine sehr beeindruckende Tiersammlung«, versuchte Potkov, das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Nicht wahr? Mir persönlich stinkt es hier zu viel. Aber mein Bruder hat ein Faible für seinen kleinen Privatzoo. Wenn er hier in seiner Datscha ist, verbringt er viel Zeit bei den Viechern.«

»Ihr Bruder liebt Tiere?«

Potkov sprach die Worte aus, als glaubte er selbst nicht daran. Tierliebe passte nicht zu dem Bild, das er sich von dem Mann gemacht hatte, dem er bald zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen würde.

Das bellende Lachen Janyshs war so laut, dass der Steppenadler, der gerade noch komatös auf seiner Stange gesessen hatte, erschrocken aufflog. Mit einem dumpfen Knall landete der Greif im Maschendrahtzaun, die Fänge verhakt, Flügel, die wie Mähdrescher schlugen.

»Tierlieb? Nein. Mein Bruder ergötzt sich an ihrer Seltenheit. Daran, sie zu besitzen. Es braucht nicht nur Geld, sondern auch Macht und Einfluss, um sich so eine Menagerie seltener Tiere anschaffen zu können. Mir persönlich sind rassige Weiber oder schnelle Autos lieber.«

Wieder ließ der Wirtschaftsminister sein bellendes Lachen hören, und seine ohnedies schmalen Augen verengten sich zu zwei schrägen Schlitzen.

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Potkov. Ich mag Viecher – tot, als Pelz an meinem Kragen.«

Potkov lachte laut mit, während sein Kopf notierte, dem Wirtschaftsminister bei seinem nächsten Besuch in Moskau eines der High-End-Girls bei Stardust-Escort zu buchen. Er stellte sich vor, wie ein langbeiniges, russisches Mädchen mit Löwenmähne und roten Krallen den stämmigen Kirgisen zum Schwitzen brachte. Danach würde Janysh das Wort »rassig« neu für sich definieren müssen.

»Ein wirklich imposantes Anwesen.«

Potkov war beeindruckt, wie prunkvoll das Haus von Janyshs Bruder hinter seiner unscheinbaren Fassade war. Von außen sah es aus wie das Haus eines wohlhabenden Kirgisen, mehr nicht. Sein Innenleben allerdings erzählte von Macht und Reichtum. Goldschillernde Heiligenikonen kämpften mit handgeknüpften Seidenteppichen in den Zimmerfluchten um Platz an der Wand und um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Ornamentale Schnitzarbeiten aus dunklem Holz thronten auf Glastischen, dazwischen chinesische Jadefiguren, die in ihrer gläsernen Zartheit wie Fremdkörper wirkten. Janyshs Bruder war also ein Sammler, wie er. Gut, zu wissen!

Potkov war in Sachen Diplomatie ein alter Hase. Er hatte ein untrügliches Gespür dafür, wann Small Talk angesagt und wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, einen Deal abzuschließen. Oft genug hatte er mit Staatsoberhäuptern geluncht, diniert und sich mit ihnen und ein paar schönen Mädchen in eleganten Hotelsuiten amüsiert. Autokraten wie die Borukev-Brüder, die mit Hilfe eines Netzwerkes aus Korruption und Vetternwirtschaft regierten, waren angenehme Geschäftspartner. Alles ließ sich irgendwie regeln.

Der Wirtschaftsminister war im Haus verschwunden und hatte ihn mit seinen Gedanken und den Leibwächtern auf der Terrasse zurückgelassen. Von dort, wo er stand, konnte Potkov die beiden Schneeleoparden in ihrem Käfig beobachten. Sie lagen jetzt ausgestreckt auf dem Boden, eng aneinandergeschmiegt. Er hatte in letzter Zeit viel über die seltenen und streng geschützten Katzen gelesen. Einzelgänger. In der Enge ihres Gefängnisses hatten sie diesen Anspruch wohl aufgegeben. Die Alternative dazu wäre nur der Tod. Im Inneren des Hauses wurde es laut, Potkov hörte das Geräusch energischer Schritte auf Steinboden, Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr. Er drehte sich um. Asim Borukev, der Präsident von Kirgistan, kam direkt auf ihn zu. Sein Blick war durchdringend.

Kapitel 3

Lea sah auf das Display. +44, England. Ihr Herz machte einen Satz.

»Ian!«, rief sie so laut in das Telefon, dass sich die drei Männer nach ihr umdrehten.

»Hey, wie geht’s dir, Abenteurerin?«

Seine Stimme klang dünn und war leicht verzerrt.

»Wie spät ist es bei dir in London?«

»Halb zwei Uhr morgens. Ich bin noch im Büro.«

Lea wusste, dass Ian nicht der Einzige bei der Environmental Crime Unit von Interpol war, der sich die Nächte um die Ohren schlug. Die Abteilung war noch klein, und die Fälle von Umweltkriminalität nahmen zu. Oder die Aufmerksamkeit dafür, was für Ian und seine Leute auf dasselbe hinauslief.

Lea hatte allerdings den Verdacht, dass Ian die Arbeitsbelastung nicht ungelegen kam. Er hatte sich erst wenige Monate zuvor von seiner Frau getrennt, und seine neue Wohnung glich mehr einem Lager als einem Zuhause.

»Was hält dich so auf Trab?«, fragte Lea.

»Buschfleisch in London.«

»Was?«

»Am Ridley Road Market wird in zwei afrikanischen Läden Fleisch von Rohrratten verkauft. Vermutlich aus Ghana importiert. Ich muss dir nicht sagen, was das bedeutet, oder?«

Lea spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte. Wodka und Kaffee suchten gemeinsam einen Weg zurück ans Tageslicht. Sie schluckte hart.

»Lass uns das Thema wechseln. Ist dein Filmteam schon angekommen?«

»Gerade eben. Ich stehe hier am Flughafenparkplatz und warte, bis das Gepäck eingeladen ist. Es hat geschneit.«

»In Bischkek?«

»Nein, in den Bergen. Das macht mir Sorgen.«

»Ihr werdet das schon schaffen. Sonst komme ich und hol dich raus. Hat ja schon einmal geklappt.«

Lea hörte sein Lachen und stellte sich vor, wie seine Wolfsaugen zu schmalen Schlitzen wurden.

»Dann komm besser nicht, sonst lande ich bloß wieder in einem Krankenwagen.«

»Alles klar, verstanden. Ich werde dich also nicht retten, du undankbares Biest. Trotzdem, ich vermisse dich.«

Lea sah zu Oleg hinüber. Der Projektleiter winkte ihr zu, sie waren mit dem Einladen fertig.

»Wir brechen auf, ich muss jetzt Schluss machen. Keine Ahnung, ob ich in den nächsten Tagen eine Handy-Verbindung habe. Ich denke an dich!«

Ohne seine Antwort abzuwarten, legte sie auf. Sie stapfte auf den Lada zu, kickte mit ihren Wanderschuhen ein Steinchen über den Asphalt. Das hatte sie wieder einmal gut hinbekommen. Ein lauwarmes »Ich denke an dich«. Ziemlich dürftig. Lea hatte sich in den vergangenen Jahren zu sehr an unverbindliche Affären gewöhnt. Sie war aus der Übung, was große Gefühlsbezeugungen anging. Sie machten ihr Angst. Wortlos quetschte sie sich neben Tom und die Kamera auf die Rückbank.

»Ich hätte dir gerne den Vordersitz angeboten, aber mit meinen langen Beinen ...«

Manni hatte sich umgedreht und sah sie entschuldigend an. Lea fiel eine helle Narbe oberhalb seiner linken Augenbraue auf. Der Tierfilmer fing ihren Blick auf und befühlte die wulstige Stelle mit seinen Fingern.

»Habe ich mir bei einem meiner Drehs geholt. Wisente. Erzähle ich dir irgendwann mal.«

Seine Augen leuchteten vor Stolz. Lea bedachte ihn mit einem höflichen Lächeln, dann versank sie in den Anblick der Landschaft, die an ihrem Fenster vorbeiflog. Oleg umfuhr Bischkek großräumig. Alles, was sie von der Hauptstadt zu sehen bekamen, war eine graue Silhouette in der Ferne und die ärmlichen Siedlungen der Peripherie. Die Autobahn – Lea nahm zumindest an, dass es eine Autobahn war – führte schnurgerade auf die Berge zu. Wie ein Schnitt verlief sie durch eine Grassteppe, die von roten, zerklüfteten Bergen begrenzt wurde. In der Ferne konnte Lea Reiter ausmachen. Mit einem Mal veränderte sich die Landschaft, als hätte jemand ein neues Dia in den Projektor geschoben. Die rauhen Felsen wichen sanften Grasbergen, die wie ein Rüschensaum in mehreren Reihen hintereinander aufragten. Zugedeckt von einer Wolkendecke, die der Wind in die Hochtäler getrieben hatte. Mit zunehmender Entfernung von Bischkek wurde auch der Straßenbelag schlechter, und Tom, der blasse Assistent, hatte alle Hände voll damit zu tun, die Kamera vor Schäden zu bewahren. Auf Manni hatte das Gerüttel einschläfernde Wirkung. Den Kopf im Nacken und mit geöffnetem Mund, döste er leise schnarchend vor sich hin. Oleg setzte den Blinker und nahm den Fuß vom Gas.

»Zeit für Frühstück«, sagte er so laut, dass Manni in seinem Sitz hochschreckte. Lea starrte aus dem Fenster. Alles, was sie am Straßenrand ausmachen konnte, waren eine Jurte, in Plastik verpackt wie von Christo persönlich, und ein Marktstand. Eine rundliche Frau kam aus der Tür, wischte sich die Hände an der Schürze ab und rief zu Oleg hinüber: »Tschai?«

»Ja. Und Frühstück für vier, bitte.«

Lea betrat die Jurte, eine Welt aus Pastell. Über ihrem Kopf spannte sich ein zartes Firmament aus Synthetikspitze, schimmernder Stoff in Lindgrün verdeckte die Filzwände. Verschlissene Teppiche in Rosa- und Grautönen, darauf zwei Tische, deren Plastiktischdecken in Gelb und Hellblau Lea in den Augen schmerzten.

»Steh nicht rum. Setz dich!«

Oleg schob Lea zu einem der Stühle. Hellblau. Ein Korb mit duftendem Fladenbrot landete auf dem Tisch. Ein Glas mit Marmelade, ein Schälchen mit Quark, ein Teller mit kleingeschnittenem Salat. Lea setzte sich. Die Wirtin stellte eine Schale vor Lea und füllte Tee aus einer Metallkanne hinein. Lea hob den Kopf und sah in das breite Gesicht der Kirgisin. Die Frau lächelte und zeigte auf den dampfenden Tee.

»Ist ganz frisch.«

Für den Bruchteil einer Sekunde fuhr Leas Neurose wieder die Krallen aus: Würde sie dieses Frühstück mit Herpes, Diarrhö oder Schlimmerem bezahlen? Ihr halbes Leben hatte sie gegen ihre Angst vor Bakterien, Viren und anderen mikroskopisch kleinen Krankmachern gekämpft. Biologie zu studieren, war eine Herausforderung gewesen, ihr Problem vor Professoren und Kommilitonen zu verstecken, eine noch viel größere. Die Geschichte im Kongo war der ultimative Albtraum gewesen. In ein Rebellencamp im Dschungel entführt, in einem stinkenden Drecksloch gefangen gehalten, verprügelt und fast vergewaltigt. Aber wenigstens ein Gutes hatte die Sache gehabt: Bei ihrem Kampf ums Überleben war ihre Neurose auf der Strecke geblieben. Bis gerade eben. Du kannst mich mal, dachte sie, griff nach dem Fladenbrot und biss hinein. Es war noch warm und hatte einen leicht süßlichen Geschmack.

»Meine Leute haben alles vorbereitet. Jetzt muss uns nur noch der Schneeleopardengott gewogen sein«, hörte Lea Oleg in diesem Moment sagen. Manni Fuchs’ Gesicht wurde ernst.

»Jetzt mal ehrlich, Oleg: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den fünf Tagen was in den Kasten bekommen?«

Oleg wischte Brotkrümel von der Tischdecke und starrte auf die Schale mit Tee, als könnte er darin die Antwort finden. Seine Hand pflügte durch den widerspenstigen Haarkranz.

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Noch vor zwei Wochen ist uns eine Schneeleopardin regelmäßig in die Kamerafallen gegangen. Unweit vom Lager. Allerdings nicht mehr in der letzten Woche. Das könnte ein Problem sein.«

Lea war sofort hellwach.

»Ein Problem?«, hakte sie nach.

»Nun ja, Ranzzeit war Februar, März. Sie könnte trächtig sein und sich eine Höhle gesucht haben.«

Stille breitete sich aus. Manni fand als Erster die Sprache wieder.

»Es wird funktionieren. Ich weiß es. Und bis dahin haben wir genug damit zu tun, Footage zu drehen. Ich brauche Berge, Wälder und idealerweise ein paar Beutetiere vor der Linse. Wir müssen die Fallen abfilmen, das Interview mit dir und Lea aufnehmen, und was weiß ich noch. Stimmt’s, Tom?«

Sein Assistent nickte, aber Lea war nicht sicher, wen Manni eigentlich überzeugen wollte. Als sie wieder im Auto saßen und Richtung Tamga fuhren, war die Stimmung gedrückt. Nicht einmal der Anblick des Issyk-Kul-Sees, der vor ihnen lag wie ein Meer, das von schneebedeckten Bergen umrahmt wurde, konnte daran etwas ändern.

***

Dr. Cyrus Wahdat betrachtete sein müdes Gesicht im Badezimmerspiegel. Noch zwei Monate, dann würde er in die USA gehen. Sein offizieller Lehrauftrag am Institut für theoretische Physik der Universität in Isfahan lief mit dem Sommersemester aus. Und ebenso seine inoffizielle Nebentätigkeit. Er war im Iran geboren, und Isfahan war durchaus eine schöne Stadt, aber er wollte weg. London, wo er lange gelebt hatte, reizte ihn nicht mehr. Er sehnte sich nach Kalifornien. Freiheit. Kein Versteckspiel mehr. Vielleicht würde er nach San Francisco ziehen. Dort gab es viele wie ihn. Sein Wissen und die USB-Sticks, die er in der folgenden Woche nach dem Symposium in Zürich in einem Banksafe deponieren wollte, würden ihm in Zukunft ein entspanntes Leben ermöglichen. Rente mit 45. Nicht schlecht! Aber so weit durfte er noch nicht denken. Eins nach dem anderen, ermahnte er sich selbst. Zuerst musste er das Material unauffällig aus dem Iran schaffen. Aber das, davon war er überzeugt, wäre ein Kinderspiel. Er reiste regelmäßig zu internationalen Fachveranstaltungen. Wahdat spuckte die Zahnpasta aus, wischte sich den Mund ab und spülte das Waschbecken sorgfältig aus. In seinem kargen Schlafzimmer herrschte dank der Klimaanlage angenehme Temperatur. Er zog das Laken von seinem Bett und ließ sich auf die Matratze fallen. Etwas irritierte ihn. Er lauschte in die Dunkelheit des Hauses hinein. Er hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, was er gehört hatte, aber irgendein fremdartiges Geräusch war zu ihm vorgedrungen. Er wohnte zusammen mit seinen Kollegen in einem der am besten bewachten Wohnkomplexe in Isfahan. Ein Einbrecher hätte es schwergehabt, überhaupt auf das Gelände zu kommen, ohne dabei von einem der Sicherheitsleute erwischt zu werden. Sie scherzten gerne darüber und nannten die kleine Wohnsiedlung aus beigefarbenen Würfeln und eifrig bewässerten Sträuchern ihr Wissenschaftler-Ghetto. Aber diese beengte Art, zu leben, hatte im Iran auch Vorteile. Sicherheit, zum Beispiel. Er war über seinen Gedanken fast eingedämmert, als er das Geräusch erneut hörte. Vielleicht spielte der Kühlschrank wieder verrückt, wie schon vergangene Woche. Obwohl er schläfrig war, quälte er sich aus dem Bett und ging nach unten. Das Licht am Ende der Treppe beleuchtete den Flur nur notdürftig. Seine nackten Füße tapsten über den Steinfußboden. Cyrus Wahdat betrat die Küche. Die grüne Kontrolllampe des Kühlschranks war das Letzte, was er sah, bevor ihn ein Schlag am Hinterkopf traf.

***

Das nasse Küchenhandtuch landete mitten in seinem Gesicht. Reflexartig riss Cyrus den Kopf nach oben und schnappte nach Luft. Aber die erwartete Sauerstoffzufuhr blieb aus, er hörte nur ein saugendes Geräusch. Sein Kopf dröhnte, und seine erwachenden Sinne meldeten ihm, dass er einen Knebel im Mund hatte. Intuitiv atmete er tief durch die Nase ein. Langsam klärte sich sein Gesichtsfeld. Seine Küche. Vier Männer, zwei davon mit Pistolen bewaffnet. Wahdat wollte sich aufrichten, musste aber feststellen, dass er an einen seiner Küchenstühle gefesselt war. Er drehte den Kopf, um einen besseren Überblick zu bekommen. Ein heißer Schmerz überzog sein Gesicht. Jemand hatte ihn geohrfeigt.

»Bist du endlich wach!«

Er versuchte, sich auf den Sprecher zu fokussieren, aber vor seinen Augen flimmerte es. Ihm wurde übel, und weil er Angst hatte, sich zu übergeben, schloss er sie wieder. Die nächste Ohrfeige klatschte in sein Gesicht.

»Nix da! Wir werden uns jetzt ein wenig unterhalten.«

Die Stimme des Mannes war kehlig. Sie gehörte dem Sicherheitschef des Gebäudekomplexes, in dem sich auch das geheime Forschungslabor befand, das folgende Woche seine Pforten schließen sollte. Still und leise. Ganz so, als hätte es nie existiert.

»Unsere Überwachungssysteme haben uns in den letzten Tagen ungewöhnlich hohe Aktivität an deinem Computer-Terminal gemeldet. Große Datenpakete sind kopiert worden. Darunter auch Files, zu denen du eigentlich keinen Zugang haben kannst.«

Die Augenbrauen des Sicherheitschefs schossen nach oben.

»Wie erklärst du dir das?«

Wahdat starrte den bärtigen Iraner mit großen Augen an und schüttelte vehement den Kopf. Er versuchte, etwas zu sagen, aber durch den Knebel drang nur ein Wimmern.

»Okay. Ich nehme dir das Ding jetzt ab. Spürst du das?«

Er machte eine knappe Kopfbewegung, und etwas Kaltes, Hartes berührte plötzlich Wahdats Hinterkopf.

»Das ist ein Schalldämpfer. Wenn du schreist, verteilt sich dein Gehirn eine Zehntelsekunde später auf den Fliesen. Verstanden?«

Wahdat nickte und sog wie besessen Luft ein, nachdem ihm der Knebel aus dem Mund gerissen worden war.

»Ich habe keine Ahnung. Jeder kann an meinem Terminal gearbeitet haben.«

Der Sicherheitschef legte den Kopf schief.

»So, so. Und wie würde so jemand durch alle Sicherheitsabfragen und an das Passwort kommen?«

Schweiß lief Wahdat über die Stirn und wurde notdürftig von seinen Augenbrauen abgefangen.

»Jemand, der sich Zugang zu den gesicherten Daten auf dem Server beschaffen kann, kann auch mein Terminal hacken.«

Der Sicherheitschef fuhr sich über den Bart und sah nachdenklich auf ihn herab.

»Du lügst. Kaambiz, zeig ihm, was wir mit Lügnern machen.«

Ein Mann löste sich von der Küchentheke und machte sich hinter Wahdats Stuhl zu schaffen. Er befreite Wahdats rechten Arm aus den Fesseln und hielt ihn wie ein Schraubstock am Gelenk fest.

»Also noch mal: Hast du die Daten kopiert?«

Verzweifelt schüttelte Wahdat den Kopf. Noch bevor er verstand, was passierte, griff sich Kaambiz seinen Zeigefinger und drückte ihn mit einem Ruck nach hinten, bis die Fingerspitze den Handrücken berührte. Wahdat wusste nicht, was zuerst da war: der rasende Schmerz, der ihm durch den ganzen Körper fuhr, oder das Geräusch von brechenden Knochen und reißenden Sehnen. Er schrie, doch sein Folterknecht hatte ihm bereits wieder den Knebel in den Mund geschoben. Der Arm hing schlaff herab, in seiner Hand wütete ein Feuer. Es roch streng. Wahdat sah an sich hinunter. Er hatte sich eingenässt.

»So. Jetzt weißt du, was wir mit Lügnern machen. Also noch mal: Hast du Kopien angefertigt?«

Wahdat war einer Bewusstlosigkeit nah. Er schüttelte den Kopf. Nicht vehement, aber doch sichtbar.

»Kaambiz ...«

Wieder riss der Mann Wahdats Arm so grob nach oben, dass schon alleine die Bewegung den Wissenschaftler laut aufschreien ließ. Kaambiz griff nach dem Mittelfinger, und noch bevor die Gelenkkapsel in tausend Stücke zersprang, wurde Wahdat ohnmächtig. Als er wieder aus seiner Besinnungslosigkeit auftauchte, lag seine Hand wie ein Fremdkörper in seinem Schoß. Zwei Finger standen grotesk ab, die Gelenke waren dick angeschwollen und rot verfärbt. Er weinte. Er war Physiker und kein Geheimdienstagent. Er war auf so etwas nicht vorbereitet gewesen. Er wollte nur weg. Nach Kalifornien. Alles vergessen, was er hier in den vergangenen zwei Jahren erlebt hatte. Doch seine Träumerei wurde von der kehligen Stimme brutal unterbrochen.

»Du kannst dem hier ganz schnell ein Ende bereiten, wenn du mir sagst, ob du die Files kopiert hast. Und wo sie jetzt sind. Wir sind doch Brüder, Cyrus, Iraner. Wir müssen zusammenhalten.«

Die Stimme des Sicherheitschefs troff vor geheucheltem Mitgefühl. Wahdats dürrer Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Er nickte hastig, und der Sicherheitschef nahm ihm den Knebel wieder ab.

»Also. Ich höre.«

Speichel lief aus Wahdats Mund, er hatte Mühe, seine Nerven unter Kontrolle zu bringen.

»Ja, ja, ich hab’s getan«, stammelte er, seinen Blick starr auf die entstellte Hand gerichtet.

»Geht doch. Wo sind sie?«

Als er nicht sofort antwortete, riss der Sicherheitschef Wahdats Kopf an den Haaren hoch.

»Wo?«

»Oben. Oben, im Rohrgestell von meinem Bett. Rechtes Bein. Vorne.«

Der Sicherheitschef gab Wahdats Kopf frei. Sofort sprinteten zwei Männer die Treppe zu dessen Schlafzimmer hoch. Wahdat konnte hören, wie sie sein Bett zerlegten. Der Sicherheitschef betrachtete ihn mitleidig.