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Sophie Dethleffs, als Honoratiorentochter geboren 1809 in dem damaligen Flecken Heide in Dithmarschen, erlebte eine sorgenfreie, behütete Kindheit. In ihrem 26.Lebensjahr wurde ihr Vater, königlicher Beamter, seines Amtes enthoben. Plötzlich mittellos, musste sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen und für den Unterhalt für sich und ihre nahezu erblindete Schwester sorgen. Trotz unzähliger Schicksalsschläge nahm sie lebhaft Anteil an der geschichtsträchtigen Entwicklung und den Veränderungen ihrer Zeit. Sie begann zu dichten. Ihr plattdeutsches Gedicht „De Fahrt na de Isenbahn“ machte Furore. Ihr dadurch erreichter Ruf eilte schnell über die Grenze Dithmarschens hinaus. Ein großer Erfolg wurde jedoch durch Neider und die geschichtlichen Begebenheiten verhindert. Sophie Dethleffs starb im Alter von 55 Jahren im Hamburger Schröder Stift. Der Verdrängung bzw. Nichtwürdigung dieser besonderen Dichterin möchte dieser Roman entgegenwirken, ihr die verdiente Achtung und Anerkennung zollen und ihr ein Denkmal in ihrem 150ten Todesjahr setzen.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Inge Harländer, 1954 in Heide geboren, beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte ihrer Geburtsstadt und mit dem Leben der ebenfalls in Heide geborenen Dichterin Sophie Dethleffs.
Grundlage dieses Buches sind neben den Gedichten von Sophie Dethleffs sowohl ihre, als auch aus ihrem Freundeskreis stammende Schriftstücke.
Diese Dokumente hat Inge Harländer gemeinsam mit einem Freund, dem Wissenschaftler Tim Voß, während jahrelanger Recherchen ausfindig machen können.
Die Kenntnisse um die historischen Begebenheiten in Verbindung mit den Dokumenten und den Gedichten von Sophie Dethleffs haben ihr als Anregung für diesen Roman gedient.
Copyright © Inge Harländer
Für Dich
Mit der achtungsvollsten Ergebenheit Sophie Dethleffs
Prolog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Epilog
Krank saß Sophie in ihrem Lehnstuhl und ließ ihre Gedanken schweifen.
Gerade hatte sie ihr fünfundfünfzigstes Lebensjahr erreicht.
Dass sie den nächsten Geburtstag noch erleben würde, glaubte sie nicht.
Ihr Magen, ihre Hüften und ihr Herz bereiteten ihr arge Probleme.
Was würde aus ihrer beinahe erblindeten Schwester Thea werden, wenn sie so früh und vor ihr sterben würde?
Wie könnte Thea für sich sorgen? Wer würde ihr helfen?
Sophies Hüften schmerzten so sehr, dass selbst das Stillsitzen schwer fiel.
Vorsichtig verlagerte sie ihr Gewicht ein wenig auf die linke Seite.
Sie dachte nach.
Schreiben mochte sie nicht mehr und obwohl ihr ständig Gedichtzeilen durch das Hirn strömten, brachte sie diese nicht mehr zu Papier.
Der Stift und auch ihre Schreibfeder lagen schon geraume Zeit unbenutzt neben dem Tintenfass auf ihrem kleinen Sekretär aus Kirschholz.
Sie dachte zurück. An lang vergangene Zeiten.
Wie seltsam ihr Leben doch verlaufen war. Wie anders hätte es verlaufen können, wenn die Umstände es zugelassen hätten.
Sollte ihr Ende tatsächlich schon bald hier im Hamburger Schröder-Stift nahen?
So vieles aus ihrem Leben, vor allem aus der Kinder- und Jugendzeit hatte sie tief in sich vergraben oder auch vergessen. Anderes wusste sie nur aus Erzählungen der Familie und aus ihrem großen Freundeskreis. Sie versuchte, sich zu erinnern, wollte ihr Leben noch einmal Revue passieren lassen.
Nachdem sie am Freitag, den 10. Februar 1809 in Heide von der Hebamme auf die Welt geholt worden war, schickte diese ihren Vater, nachdem er sein viertes Kind willkommen geheißen hatte, sogleich zum Priester, um die Geburt anzumelden. Er hatte dafür einen ganzen kurzen Weg, denn er brauchte nur von seiner Haustür unter dem geschwungenen Torbogen zur gegenüberliegenden Tür zu gehen um dort zu klopfen.
Das Haus, in dem sie geboren wurde, war das Diakonathaus, welches an der südlichen Seite des Marktplatzes lag und dessen eine Hälfte der Vater gemietet hatte, während in der anderen Hälfte der jeweilige Pastor wohnte.
Beide Haushälften waren geschickt miteinander verbunden, sahen von der Rückseite aber wie zwei getrennte Häuser aus. Ein großer Rundbogen schmücke den Eingangsbereich und führte bis in Hof hinein, so dass Pferd und Wagen einerseits hindurch fahren konnten, anderseits konnte man jederzeit trocken ein- und aussteigen.
Ihr Vater hatte erzählt, dass er den Pastor gebeten hatte, deutlich zu schreiben, denn der gute Mann war bekannt für seine schwer lesbare Handschrift. Er hatte ihm genau über die Schulter geschaut, um zu kontrollieren, ob der Name Sophie Auguste Dethleffs, eheliche Tochter des Justizrats und Branddirektors Johann Dethleffs und seiner Ehefrau Anna Christine, geborene Terkelsen aus Nystadt, Seeland und das Geburtsdatum auch lesbar und korrekt eingetragen wurde.
Der Pastor hatte seine guten Wünsche für das Neugeborene ausgesprochen und wegen der zur damaligen Zeit sehr hohen Kindessterblichkeit einen Tauftermin für Anfang März vorgeschlagen.
„Wisst ihr denn schon die Gevattern, Herr Branddirektor?“ soll er gefragt haben. Und der Vater hatte sie, nicht ohne Stolz, aufgezählt. Wie zu der Zeit üblich sollten es gerne drei sein. So nannte er die Ehefrau des damaligen Etharahts und Landvogtes Johannsen, dann die Tochter des ersten Advokaten Knölck und den derzeitigen Kirchspielvogt Arens.
Sophies Taufe fand dann tatsächlich am neunzehnten März statt.
Ihre Mutter hatte Sophie nie kennen gelernt, denn sie starb, als Sophie gerade einmal viereinhalb Monate alt war, mit gerade erst vierzig Jahren am 26. Juni 1809.
Für ihre Bestattung, die zwei Tage später erfolgte, hatte der Vater sogar ein Glockenläuten für drei Mark bezahlt.
Als Sophie ihn später einmal fragte, wo er ihre Mutter kennen gelernt hatte, berichtete er, dass dies während seiner Tätigkeit als Kanzlist in Kopenhagen gewesen sei. Er hätte sich gleich in die hübsche naturverbundene Frau verliebt, sie geheiratet und sich in Heide mit ihr niedergelassen.
Allerdings schätzte er Fragen nach Sophies Mutter in seiner immerwährenden Trauer um diese nicht. Den tiefen Kummer über den ach so frühen Tod seiner geliebten Frau hatte der Vater nie verwunden. Er heiratete trotz seiner erst vierundvierzig Jahre und der vorhandenen vier Kinder nicht wieder.
Aus seinen Erzählungen wusste Sophie, dass zur Zeit ihrer Geburt ein Dienstmädchen bei ihren Eltern tätig war. Margaretha Helena Ständer hat sie geheißen.
Bei Sophies Geburt war sie einunddreißig Jahre alt. Die junge Frau fühlte sich aber nach dem Tode der Mutter mit dem Witwer und dessen Kindern und auch mit dem Säugling Sophie überfordert.
In den ersten Monaten nach Sophies Geburt kam das Dienstmädchen noch mit allem zurecht. Sie besorgte auch eine Amme, die den Säugling nähren konnte. Es gab durch die hohe Säuglingssterblichkeit immer wieder Frauen, die ihre Dienste hierfür anboten.
Mehrmals täglich kam die Amme ins Haus, um Sophie an ihre Brust zu legen.
Nachdem die bezahlte Amme, die für Sophie gefunden worden war, ihre Tätigkeit des Stillens einstellen konnte, nahm die Arbeit der Säuglingsversorgung für Margareta Ständer Ausmaße an, die ihr zuviel wurden. Als einfaches Dienstmädchen hatte sie jetzt nahezu die Aufgaben einer Haushälterin zu übernehmen. Auch aus Sorge um ihren guten Ruf - als junge unverheiratete Frau bei einem Witwer zu leben, schickte sich nicht - verließ sie dann die Familie um endlich eine lang ersehnte Ehe einzugehen.
Ihr Vater, der nun die alleinige Sorge für seine vier unmündigen Kinder hatte, war von einem schon sehr betagten, ehemaligen Rechenmeister angesprochen worden, der von seiner Notlage erfahren hatte. Dieser bot ihm die Dienste seiner unverheirateten dreißigjährigen Tochter an, die noch bei ihm im Schulhaus, welches sich neben der Kirche auf dem Marktplatz befand, lebte.
So kam zum Glück der Familie Dethleffs die Catharina Elsaba Stolzenhof für den Haushalt und die Betreuung der Kinder ins Haus.
Diese Frau machte sich über ihren Ruf keine Gedanken mehr und wollte auch für die Zeit nach dem Ableben ihres alten Vaters versorgt sein. Außerdem war die Zeit für eine Vermählung nach ihren eigenen Worten für sie längst vorbei.
Sie verfügte über ein liebevolles Wesen, durch welches sie den Kindern die Mutter ersetzte. Sie sorgte und kümmerte sich, war immer für die unterschiedlichsten Belange, für die kleinen Schmerzen und Freuden der Kinder da. Sie sorgte durch ihr Naturell für eine moralisch gute Erziehung.
Wie gerne dachte Sophie an sie zurück. Wie hatte sie diese Frau, die sie ja nur als einzige „Mutter“ gekannt hatte, geliebt.
Sophie wurde erzählt, dass sie ein fröhliches, aufgewecktes Kind gewesen war. Sie wurde aufgrund dieser Eigenschaften nicht nur von ihrer Ersatzmutter verhätschelt und verwöhnt. Auch ihre Geschwister und der Vater waren ihrem Charme erlegen. Ihr acht Jahre älterer Bruder Christian war stets um ihr Wohlergehen besorgt. Auch ihre sechs Jahre ältere Schwester Amalia Dorothea und die nur drei Jahre ältere Louise Amalia kümmerten sich rührend um das kleine mutterlose Mädchen.
Nie war sie sich selbst überlassen, überall war sie wegen ihrer liebenswürdigen Art gern gesehen. So wurde sie auch von ihrem Vater gerne mitgenommen, wenn er befreundete Familien zu einem Plausch besuchte.
Am liebsten war Sophie bei der Familie Boysen, die an der südlichen Marktseite, einige Häuser neben dem Diakonatshaus, wohnte.
Herr Boysen war Landeschirurg, seine Frau eine gemütliche, mütterliche Seele, der Sohn Paul Johann Friedrich genau so alt wie ihre Schwester Amalia Dorothea. Aber vor allem gab es dort die Tochter Elise, bis zum heutigen Tag ihre beste Freundin. Der Altersunterschied von fast vier Jahren, die Elise älter war, verwischte sich, je älter sie wurden.
In dieser Familie waren die Dethleffs sehr gern gesehene Gäste. Die Kinder spielten fast wie Geschwister miteinander.
Wie hatte sie es genossen, wenn Paul mit ihr Fangen spielte, oder den Ball so oft warf, bis sie ihn auffangen konnte.
Sie hörte noch sein Lachen, wenn der Ball immer wieder neben ihr auf die Erde fiel. Auch sein: „Schau genau hin, Sophie, dann wirst du ihn gleich fangen“, hörte sie noch. Seine strahlenden Augen und sein „Hurra“, als sie dann endlich den Ball fangen konnte.
Und wie hatte sie es geliebt, wenn er mit ihr und den Geschwistern ausgediente Wagenreifen mit einem Stock durch die Sandwege rollen ließ.
Sie konnten sich, als sie etwas älter waren, jederzeit gegenseitig besuchen und hatten so manchen Blödsinn und Schabernack ausgeheckt.
Zu ihrer Kinderzeit spielte man nur mit Seinesgleichen. Mit Kindern aus der Unterschicht, und selbst den Handwerkerkindern, hatte man nichts gemein. Die waren unter ihrer Würde.
Die Standesunterschiede waren groß und wurden eingehalten.
Trotz des königlichen Beamtenstatus des Vaters wuchsen die Geschwister aber in einfachen Verhältnissen auf.
Sophie hatte an ihre ersten drei Lebensjahre in ihrem Geburtshaus, dem prächtigen Diakonatshaus, keinerlei Erinnerungen mehr. Ihr Bewusstsein war in der Süderstraße, wo ihr Vater 1812 ein kleines Haus kaufte, verankert.
Hier verbrachte sie ihre Kindheit, ihre Jugend und auch die wohl schwerste Zeit in ihrem Leben.
Das Haus verfügte über einen langen, nach hinten gelegenem Garten. Eine Holzplanke schützte es vor neugierigen Blicken und auch vor Einbrechern und Herumtreibern, von denen es etliche im Ort gab. Neugierige Blicke wurden aber wohl doch häufiger durch die Planken geworfen. Die Söhne der einfachen Leute wollten zu gerne wissen, wie der Herr Branddirektor lebte.
Obwohl ihr Vater durch seine Tätigkeit als königlicher Beamter sehr in Anspruch genommen war, fand er immer Zeit und Muße, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen.
Auch nutzte er seine karge Freizeit gerne um poetische Lektüre zu lesen, oder sich mit seiner Blumenzucht und Drechslerarbeiten zu beschäftigen.
Wie oft hatte Sophie als kleines Mädchen neben ihm gesessen und sich von ihm Gedichte vorlesen lassen. Sie liebte den Singsang seiner tiefen Stimme, liebte den Klang der Worte, genoss die Reimformen und wiegte sich in seinem Lächeln, wenn er fragte, ob sie genug gehört hätte, was sie stets verneinte.
Von ihm lernte sie auch die Wertschätzung, die er Büchern gegenüber hatte.
Sorgfältig, fast liebevoll nahm er stets ein Buch in die Hand. Behutsam legte er es nach dem Lesen zurück an seinen Platz. Er erklärte ihr, dass ein Buch etwas sehr Wertvolles und Teures sei und dass der Mensch, der die Worte erdacht und der, der die Worte gedruckt hatte, viel Zeit und Energie aufgewendet hatten und darum einen sorgsamen Umgang mit dem Werk verdient hätten.
Diese Worte hatten sie zutiefst beeindruckt und sie hatte sie nie vergessen.
Auch hörte sie immer wieder sein „Sophiechen, wenn du erst in die Schule kommst, kannst du alles selber lesen.“
Aber schon bevor sie die Schule, deren Besuch Pflicht war, besuchen durfte, war sie durch die Geduld ihres Vaters in der Lage gewesen, einzelne Worte zu lesen und diese auch schreiben zu können. Später wurde ihr erzählt, wie ernsthaft sie ausgesehen hätte, wenn sie am Küchentisch bei Catharina, wie die Kinder ihre Ersatzmutter inzwischen nennen durften, gesessen hatte und mit der Zunge über die Lippen gleitend angestrengt Buchstaben malte. Und mit welcher Freude sie Lob und Anerkennung genossen hatte.
Schon damals hatte sie allen, die es wissen wollten oder auch nicht, erklärt, dass sie einmal wertvolle Bücher mit Worten füllen würde. Ihr Vater hatte immer gemeint, dass sie das ruhig versuchen sollte, von anderen war sie dafür ausgelacht worden.
„Ein Mädchen kann so was nicht“ hörte sie oft genug von den Geschwistern und Klassenkameradinnen. Nur Paul Friedrich stand ihr bei, wenn sie sich über die Worte ärgerte.
„Du machst das schon, Sophiechen“, meinte er mehr als einmal.
Ach ja, der Paul, wie er von allen genannt wurde.
Wie hatte sie zu ihm aufgesehen. Wie sehr liebte sie ihn von Anbeginn. Wie sehr verehrte sie seine gütige, nachsichtige Art. Wie sehr bewunderte sie seine Ausdrucksweise und seine Intelligenz. Ständig saß er über den Büchern und studierte sie. Wie liebevoll er immer schon mit ihr umgegangen war. Wie geduldig und behutsam er auf alle ihre Fragen einging.
Aus ihm würde einmal etwas Großes werden, hatte sie als Kind immer geglaubt. Wie richtig sie das doch eingeschätzt hatte.
Was für ein Freund er ihr bis heute war.
Ein Schmunzeln legte sich in ihr Gesicht und Wärme durchströmte ihren Körper bei dieser Erinnerung.
An die Kosaken, es sollen über eintausend gewesen sein, die im heftigen Winter ihres vierten Lebensjahres im Ort kampierten, hatte sie selbst keine Erinnerung. Sie bemerkte zu der Zeit nur, wie furchtsam die Menschen sich verhielten. Sie hatten große Sorge um ihr Hab und Gut.
Aus Berichten schnappte sie später auf, dass die Landeskasse von den Kosaken gepfändet worden war, der Landschreiber aber mit dem Kirchspielvorsteher das darin befindliche Geld nach Hadersleben transportierte, so dass die Soldaten nur einige Talerzettel und einige kleine Münzen vorfanden. Auch hörte sie, dass sehr viel gestohlen und Nahrungsmittel gefordert wurden. Selbst Pferde wurden mitgenommen, als die wilde Horde den Ort wieder verließ.
Durch den danach erfolgten dänischen Staatsbankrott ergab sich dann auch noch eine allgemeine Geldknappheit. Die ganze Gegend war ausgeblutet, hieß es. Und so waren die Bewohner damals froh, als die letzten Schweden, Mecklenburger, Engländer und Hanseaten endlich die Landschaft verließen.
„Erinnerst du dich nicht an die wilde Musik und an ihre nationalen Gesänge, Sophie? Der Markt war doch völlig überfüllt von ihren Zelten und den Pferden“, hatte ihr Bruder gefragt. Doch sie konnte nur verneinen.
Diese Erinnerung fehlte ihr gänzlich.
Gerne dachte sie jedoch an die Zeit zurück, als sie sich mit ihrem Vater gemeinsam im Garten aufgehalten hatte. Er jätete entweder in den Beeten und Rabatten oder arbeitete in den Gemüsebeeten, sie folgte ihm auf Schritt und Tritt. Neugierig war sie.
„Vater, was ist dies? Vater, wann ernten wir das?“, Oh ihr armer Vater – ob er es wohl manchmal überdrüssig war, ihr alles zu erklären? Allerdings machte er damals nie den Eindruck, als sei es ihm zuviel.
Stundenlang konnte sie ihm bei seiner Gartenarbeit zusehen.
Manchmal nahm er eine der vielen Blumen, und machte sie auf die Feinheiten von Blüten, Kelchen und die unterschiedlichsten Düfte aufmerksam. Durch ihn lernte sie die Vielfalt und die Namen der Blumenpracht im eigenen Garten kennen.
„Sieh mal, Sophie, was für eine wundervolle Schönheit aus einem einzigen Samenkorn entsteht.“
Ja, den Satz hörte sie, als würde er ihn gerade noch einmal sprechen.
Ihre anfängliche Angst vor summenden und stechenden Insekten nahm er zum Anlass, ihr die Wichtigkeit von Bienen und Hummeln zu erklären, und beobachtete mit ihr gemeinsam die fleißigen Insekten, so dass ihre Angst ganz von alleine verschwand.
Auch die unterschiedlichsten Gemüsearten und Obstsorten lernte sie durch ihn kennen, - welche Sorten wann gesät oder gepflanzt werden konnten, welche Pflege sie brauchten, wann zu viel oder zu wenig gegossen worden war. Was bestimmte Wolken am Himmel für Wetterveränderungen mit sich bringen würden, das alles lernte sie von ihm und war ihm bis heute dankbar.
Vielleicht hatte er sie mit seiner Naturverbundenheit dazu angeregt, ihre ersten Gedichte über die Pflanzen zu erdenken?
Ihr fiel eines ihrer ersten längeren Gedichte ein und sie suchte in ihrem Kopf nach den Zeilen, um sie noch einmal leise vor sich herzusagen:
Die Frühlingssonne
Ei! ei! ihr faulen kleinen Blüten,Wollt ihr denn ewig eure Schätze hütenDort unten, in der Erde finstren Nacht?
Nur hübsch herauf! Die Äuglein aufgemacht!
Hier oben ist schon alles hell und heiter,Was schlaft ihr denn da unten träge weiter?
Hört ihr das Bienchen nicht, wie`s munter summt?
Und wundert sich, dass ihr nicht wieder kommt?
Ja, riefen da die Blüten alle leise,Wir saßen ja noch tief versteckt im Eise,Es friert uns unbehaglich in der Nacht;Wir kommen, wenn du Alles warm gemacht!
Nun fing die Sonne heißer an zu glühen,Und da begann ein unermesslich Blühen;Wohin sie drang mit ihrem goldnen Strahl,Da keimten Blatt und Blüten ohne Zahl.
Und wo die Schwermut schwarz und düster brütet,Und wo der Kummer seine Bürde hütet,Da drängt sie sich mit ihrem hellen ScheinAuch in das kleinste Winkelchen hinein.
Da fängt sie an zu fegen und zu kehren,Wer kann sich gegen Sonnenstrahlen wehren?
Die finstren Geister fliegen aus,Und Mut und Hoffnung halten wieder Haus.
Dann dachte sie an die Schulzeit. Wie furchtbar diese war.
Als sie ihren ersten Schultag in der Elementarschule erlebte, war sie zutiefst enttäuscht.
Sie hatte tatsächlich geglaubt, dass sie am ersten Tag lesen und schreiben lernen würde. Sie dachte, wenn sie nach Hause käme, könnte sie schon alles. Was für eine Enttäuschung, als dem nicht so war. Am ersten Tag und an jedem folgenden ihrer Schulzeit, wurde zunächst gebetet. Dann wurde ihnen aus der Bibel vorgelesen und etwas Religionsunterricht abgehalten. Es folgten Gedächtnisübungen. Mehr war nicht. Der Lehrer hatte es allerdings auch nicht leicht, da er unterschiedliche Jahrgänge zeitgleich unterrichtete. So blieben die gerade Eingeschulten nach kurzer Zeit sich selbst überlassen.
Wie beengend die Räumlichkeiten waren! Wie verschmutzt einige Mädchen in den Unterricht kamen. Wie entsetzlich hungrig einige erschienen und wie erbärmlich ihre Kleidung zum Teil aussah. Wie sie Durcheinander redeten. Wie oft sie mit lautem Rufen durch die Schulbänke liefen.
Sophie taten diese Mitschülerinnen unendlich leid. Gerne hätte sie ihnen geholfen. Aber wenn sie dieses Thema zu Hause anschnitt, hieß es nur: „Ja, das ist traurig, aber so ist es. Da kann man nichts machen. Es gibt ja Gott sei Dank die Armenküche, dort werden sie das Nötigste bekommen. Sei also dankbar, dass du es so gut getroffen hast.“
Mitunter stibitzte sie aber doch aus der Küche ein Wurstende oder eine Ecke Käse, um diese in der Schule zu verschenken. Allerdings waren diese Kleinigkeiten zu schnell verteilt, als dass jede Bedürftige etwas davon erhalten hatte.
Ach ja, die Armut damals.
Zwar herrschte Schulpflicht, aber die konnte immer wieder umgangen werden. Kinder wurden für viele Arbeiten in Haus und Hof benötigt, so dass immer wieder welche im Unterricht fehlten. Selten war die ursprünglich eingeschulte Anzahl der Mädchen anwesend. Das war in den Klassen der Jungen ganz genauso. Die Lehrer gingen großzügig über die fehlende Anwesenheit der Kinder hinweg.
Nur wenn zu wenige Kinder in den Klassenräumen anwesend waren, oder der Pastor zur Kontrolle erschien, wurden Eltern ermahnt. Wenn das nicht half, wurde auch schon mal Strafgeld verhängt. Für kurze Zeit zeigte das die größte Wirkung. Geld war knapp.
Sophie aber ging dennoch gerne zur Schule, weil sie unbedingt ihren Wissensdurst stillen wollte. Leider war das auch in der Hauptschule, die sie ab dem neunten Lebensjahr besuchte, kaum möglich, denn der Unterricht für die Mädchen beschränkte sich zu ihrer Zeit auf das Allernotwendigste. Ein bisschen Lesen und etwas mehr an Schreibübungen, dazu ein wenig Naturlehre wurde zwar gelehrt, aber überwiegend musste dafür die Bibel herhalten.
Immer und immer wieder wurden Passagen aus dem Katechismus auswendig gelernt und aufgeschrieben. Das war so entsetzlich langweilig für Sophie.
Rechenunterricht war für Mädchen nicht vorgesehen, aber ihr Lehrer versuchte dennoch, den Mädchen einige Grundrechenarten beizubringen. Dafür erhielt er dann auch Schelte von Seiten der Eltern und Verweise durch den Pfarrer. So stellte er dieses Unterfangen nach gewisser Zeit ein.
Die Herren Lehrer genossen kein großes Ansehen. Ausnahmen bildeten lediglich die Rechenmeister und die Leiter der Rektorenklassen, weil diese ein Seminar für ihre Ausbildung aufgesucht hatten. Außerdem konnte „jeder Dummkopf“, wie ihre Schwester einmal sagte, unterrichten.
Damit hatte sie nicht ganz Unrecht. Denn Seminaristen wurden selten eingestellt. Es gab auch zu wenige von ihnen. Die Auswahl der angehenden Lehrkräfte oblag immer noch der Kirche. Trotz anders lautenden Vorgaben des Königs, wurden die Vorschriften von Seiten der Kirche immer wieder unterwandert.
Dies änderte sich erst ab der Mitte der 1835er Jahre. Als es die Möglichkeit gab, das Lehrerseminar in Tondern zu besuchen, gab es dann endlich Lehrer, die eine Vorbildung besaßen. Aber nach wie vor wurde diesen eine Prüfung vor der anwesenden Gemeinde in der Kirche abverlangt, um abschließend abzustimmen, wer für gut befunden und eingestellt wurde.
Ansonsten lernte Sophie, wie alle Mädchen, Handarbeiten. Hierfür war die Frau eines Lehrers beschäftigt worden. Die mühte sich redlich, Sticken, Häkeln, Stopfen und das Ausführen kleiner Näharbeiten zu vermitteln.
Wie beneidete sie ihren Bruder, der sogar von einem Rechenmeister unterrichtet wurde.
Von ihm schaute sie sich sowieso vieles ab. Ihr Bruder hatte, genau wie ihr Vater, eine unvergleichlich schöne Handschrift und sie bemühte sich, es ihnen gleich zu tun. Auch durfte sie ihm bei den Lösungsversuchen seiner Rechenaufgaben zuschauen. Geduldig erklärte er ihr, wie die Aufgaben zu meistern seien, so dass sie allmählich gut in diesen Übungen war. Auch besuchte er die Rektorenklasse, in der die dänische und vor allem die lateinische Sprache vermittelt wurden, so gut es der jeweilige Lehrer verstand.
Ihre schulische Unterforderung blieb dem Vater natürlich nicht verborgen, und so bekam sie, als sie fast neun Jahre alt war, zusätzlichen Privatunterricht in Französisch und Englisch.
Ihr Vater war in diesem Jahr zum Mitglied der Schuldeputation gewählt worden, allerdings ohne einen Obolus dafür zu erhalten. Er hatte jetzt eher noch mehr Arbeit und war damit noch weniger zu Hause, denn als solcher hatte er neben den beiden Predigern, dem Kirchspielvogt und drei anderen Herren die Aufgabe, auf schulische Pflichterfüllung der Lehrer, Eltern und Kinder zu achten, Schulgesetze zu ändern oder zu ergänzen, tüchtige Männer für die Lehrerstellen vorzuschlagen und die Kassierer und Schulvorsteher zu beaufsichtigen.
Durch ihn hörte sie dann, dass in der Westerstraße ein neues Schulhaus gebaut würde. Mit Schulgarten und einem langen Plankenzaun, der das Grundstück vom Nachbarhaus des Herrn Weißgerber Stammer abgrenzen würde.
Die Kosten für ihren zusätzlichen Unterricht waren ziemlich hoch, wie der Vater ihr später einmal verriet, aber er versuchte, das Geld aufzubringen, obwohl die Zeiten schlecht waren.
Durch die noch nachfolgenden Kriegslasten, die strengen Winter, die verregneten letzten Sommer und entsetzliche Mäuseplagen waren die Ernteerträge karg ausgefallen.
Die Preise stiegen unentwegt in die Höhe, so dass viele Grundnahrungsmittel Mangelware oder nicht mehr bezahlbar geworden waren.
Das normale Schulgeld für Sophie und ihre Schwestern musste ja auch beglichen werden. Und ihr Bruder studierte inzwischen Theologie. Er wollte die alte Familientradition fortführen und Priester werden. Da fielen dann noch zusätzlich die Studiengebühren an. Und auch die „Ersatzmutter“ hatte neben freier Kost und Logis ein kleines Entgelt zu bekommen.
Und die Kinder wuchsen schnell und brauchten ständig standesgemäße neue Kleidungsstücke.
Außerdem waren die regelmäßigen Steuern und das Armengeld zu entrichten.
Das alles zu finanzieren, war bei den Einnahmen, die Sophies Vater hatte, nicht leicht und erklärte vielleicht das Drama, dass später über ihre Familie hereinbrechen sollte.
Den Privatunterricht genoss sie sehr. Die Tochter des Landschreibers hatte eine sehr angenehme Art, ihr die fremden Sprachen zu vermitteln. Auch gab es dort immer süßen Tee mit Gebäck zu ihren Übungsstunden.
Jedes Mal, wenn sie sich auf den Weg zu ihr machte, wurde ihr zu Hause hinterher gerufen:
„Und denke dran, Sophie, rennen schickt sich nicht.“
Dann machte sie die Tür leise hinter sich zu – und sobald sie sicher sein konnte, nicht mehr gesehen zu werden, rannte sie bei trockenem Wetter den kurzen Weg mit freudigem Herzen.
Immer warf sie auch einen Blick auf das Postkontor, an dem sie vorbeikam. Es war zu spannend, dort zu lesen, welche Einwohner einen Brief erhalten und abholen konnten.
Die Post wurde ja nicht zugestellt. Mitunter hoffte sie tatsächlich, dass auch mal ein Brief für ihre Familie dabei wäre. Aber ihren Nachnamen las sie erst Jahre später – dann allerdings sehr häufig.
Bei Regen oder Schneefall war ein Rennen durch die Straßen allerdings kaum möglich. Denn diese waren damals, bis auf die, die rund um den Markt führten, noch nicht befestigt.
In der durch Pferde und Fuhrwerke aufgewühlten und matschigen Erde kam man nur langsam voran.
Am Friedhof, der neben der Kirche am südlichen Ende des Marktes lag, verlangsamte sie stets ihr Tempo. Jedes Mal, wenn sie hier vorbeikam, und das war sehr, sehr oft, sprach sie ein leises „Guten Tag, Mutter.“
Mitunter öffnete sie auch eine der Pforten, die auf diesen heiligen Platz führten und ging zum Grab ihrer Mutter, um ihrer kurz zu gedenken.
Ihr Vater durfte davon nichts wissen, er litt es nicht, dass sie sich hier alleine aufhielt. Er fand es zu gefährlich. Es gab nämlich zu viele Absenkungen auf diesem heiligen Fleck.
Särge schauten teilweise aus der Erde heraus, Löcher klafften hier und da, und in den ausgetretenen Kuhlen bildeten sich häufig übel riechende Wasserlöcher.
Warum sie nicht rennen sollte, verstand sie nicht. Ihr Bruder und Paul rannten doch auch ständig herum.
Immer galten für Mädchen andere Regeln als für die Jungen. Wenn sie sich bei ihrem Vater oder Catharina darüber beschwerte, bekam sie mit Unverständnis erklärt, dass das eben so sei und sie sich zu fügen hätte.
Sie erinnerte sich an Spaziergänge. Oh, wie hatte sie diese geliebt!
Wie oft war sie mit Thea und Louise aus der hinteren Gartenpforte spaziert. Wie oft hatte sie die Worte ihres Vaters: “Viel Vergnügen, Kinder, und gebt Acht auf euch“, gehört, wenn er hinter ihnen die Gartenpforte wieder verschloss.
Wie war Thea so glücklich, wenn sie ihr von den an den Wegesrändern gepflückten Blumen Kränze flocht und auf ihr Haar setzte. Die kleinen Gänseblümchen, die sie so sehr mochte, sahen aber auch allerliebst aus.
Mit den Kränzen auf den Köpfen ging es dann weiter und zurück in den Ort.
Alleine die acht Mühlen des Ortes waren sehenswert. Es waren so unterschiedliche. Eine Achteckmühle war darunter, genauso wie eine Vierkantmühle, einige waren mit Reet eingedeckt, dann gab es die Erdwall-Holländer mit Steert und sogar untermauertem Keller und selbst eine so genannte Galerieholländer war dabei. Wenn sich die Mühlenblätter gemächlich im Wind drehten, freute sie sich und nahm das Geräusch der rauschenden Mühlenflügel in sich auf.
Auch einmal um den Markt zu gehen, war jedes Mal wieder wunderschön.
Diese Spaziergänge fanden in ihrer Kindheit immer sonntags mit allen Familienangehörigen statt.
Nach dem Kirchgang ging es, egal wie das Wetter war, los.
Dass der Marktplatz dieses Ortes etwas ganz Besonderes war, hatte sie schon sehr früh erfahren. Sie wusste, dass hier die damaligen 48 Regenten der Landschaft Dithmarschens schon im sechzehnten Jahrhundert Recht gesprochen hatten.
Hier wurde der Sieg gegen die Dänen 1500 gefeiert, hier wurde der verlorene Kampf gegen die Dänen 1559 besiegelt. Hier endete die Freiheit der Dithmarscher.
Seither befanden sich sowohl Schleswig als auch Holstein unter Dänischer Herrschaft.
Von hier zweigten die fünf Straßen ab, durch die man in den Ort hineinkam oder ihn verließ.
Benannt waren sie nach den vier Himmelsrichtungen. Mit Ausnahme des Schuhmacherortes, der seinen Namen durch die Niederlassung von unzähligen Schuhmachern und Flickschustern erhalten hatte. Es gab in ihrer Kinderzeit über einhundert von ihnen im Flecken.
Was ihr aber besonders gefiel, war, dass hier jeden Samstag Markt abgehalten wurde.
Dort gab es so viel zu sehen, zu hören und zu erleben. Immer wieder war es ein besonderes Erlebnis.
Hier wurde überwiegend Plattdeutsch gesprochen. In der Kirche und auch in der Schule hingegen war diese Sprache verpönt. Nur die primitiven Bauern und der einfache Mensch bedienten sich ihrer, hieß es.
Aber dem war nicht so. Denn auch Sophies Vater benutzte diese Sprache. Er war der Meinung, es sei wichtig, sich auch mit dem einfachen Volk verständlich ausdrücken zu können. Und so verstand Sophie jedes dieser mitunter merkwürdig klingenden Worte.
Die Händler kamen nicht nur aus den nahe liegenden Orten, sondern auch aus der Wilsteraner Gegend und aus Eiderstedt. Selbst aus Kiel kamen Fischer um ihre Bücklinge anzupreisen. Und wenn die Erntezeit soweit war, kamen von jenseits der Elbe Obstbauern mit ihren Kirschen, Äpfeln und Nüssen hierher. Ständig waren daher die unterschiedlichsten Dialekte zu hören.
Eine lange Reihe war dem Federvieh und Kleingetier vorbehalten, die häufig in Körben oder kleinen Drahtgestellen feilgeboten wurden. Was für ein Geschnatter und Gekrähe hier immer zu hören war.
Wie sie es genoss, durch die eng stehenden Buden und Fuhrwerke zu schlendern. Damit sie in dem Gewühl nicht verloren ging, musste sie zu ihrem Bedauern fast immer an der Hand von Catharina oder eines ihrer Geschwister gehen. Dabei wäre sie so gerne mal hier und mal dort stehen geblieben, um sich das eine oder andere einmal genauer anzusehen.
Aber Catharina hatte immer einen genauen Einkaufsweg im Kopf.
Erst die Eier, die Butter und den Käse, dann Obst und auch mal Gemüsesorten, welche sie nicht im eigenen Garten hatten, Senf, Honig und auch mal Kerzen aus Bienenwachs wurden eingekauft.
Es folgte der Weg zu den Schlachtern und Fischhändlern, um Fleisch oder Fisch – je nach Angebot und Qualität – zu kaufen. Weiter ging es zu den Kleinhändlern, wo Zwirn, Töpfe, neue Körbe oder was auch immer gerade gebraucht wurde, angesehen und erworben wurde.
Falls Messer und Scheren stumpf geworden waren, wurden sie mit zum Markt genommen, weil hier auch immer Scherenschleifer mit ihren entsprechend ausgestatteten Handwagen anzutreffen waren.
An den Monarchen, den Arbeitern, die ihre Arbeitskraft vor allem den Landwirten anboten, wurde sie immer ziemlich schnell vorbei gezerrt.
„Wer weiß, was man sich von denen alles einfangen kann“, meinte Catharina. Sie sahen nach Sophies Empfinden wirklich ziemlich heruntergekommen aus.
Überwiegend suchten die Bediensteten und die einfachen Leute diesen Markt auf um Einkäufe zu erledigen. Die besseren Herrschaften spazierten eigentlich nur darüber, um sich über die Preise und das Angebot zu informieren, damit sie nicht vom Dienstpersonal um Geld betrogen wurden.
Häufig sah Sophie sie in ernsten Gesprächen mit ihresgleichen vertieft. Wenn sie erkannt wurde, sprach man sie oft an.
„Ist das nicht die kleine Dethleffs? Bist du aber schon groß geworden, Kind. Einen schönen Gruß an den Vater richte bitte aus.“
Dass Catharina als Hausangestellte lediglich mit einem kurzen Kopfnicken gegrüßt wurde, störte Sophie sehr. Das war doch fast ihre Mutter, weshalb ihr nach Meinung des Kindes ein gewisser Respekt gebührte. Wenn sie Catharina darauf ansprach, winkte diese lächelnd ab.
„Sophiechen, das ist nun mal so.“
Die unterschiedlichsten Gerüche an diesen Markttagen, das rege Treiben, das Feilschen und die Käufe, die auch per Handschlag Gültigkeit hatten, begeisterten sie jedes Mal aufs Neue.
Einige Waren wurden auch auf die Erde gelegt und so zum Kauf angeboten. Oft waren es „kleine“ Leute, die nur eben mal etwas Geld zusätzlich einnehmen wollten. Die Gebühr für diese Art der Anpreisung war entsprechend niedriger.
