Spürst du den Todeshauch - Mary Higgins Clark - E-Book

Spürst du den Todeshauch E-Book

Mary Higgins Clark

4,6
8,99 €

Beschreibung

Dein Feind ist dir ganz nah ...

Mitten in der Nacht explodiert die Möbelfabrik der Familie Connelly. Kate Connelly wird dabei schwer verletzt, ein früherer Angestellter getötet. Aber was hatten die beiden überhaupt nachts auf dem Gelände verloren? Nur Kate könnte Licht ins Dunkel bringen, denn sie kennt ein schreckliches Geheimnis. Aber sie liegt im Koma – und ein skrupelloser Mörder würde alles dafür tun, dass sie nie mehr erwacht.

Eine nächtliche Explosion in der Möbelfabrik der Familie Connelly hat einen Millionenschaden angerichtet. Handelt es sich um infamen Versicherungsbetrug? Die Tochter des Eigentümers, Kate Connelly, wird schwer verletzt aus den Trümmern gerettet, ist aber unfähig, eine Aussage zu machen. Da die Firma nachweislich Verluste schrieb, muss Kates Schwester Hannah alles daran setzen, den Ruf der Familie zu retten. Dann wird in den Trümmern der Fabrik die Leiche einer jungen Frau geborgen, die vor über zwanzig Jahren spurlos verschwand. Und als eine weitere Tote auftaucht, ist endgültig klar, dass die Möbelfabrik im Zentrum eines monströsen Verbrechens steht. Doch es gibt nur eine einzige Person, die das schreckliche Geheimnis aufklären könnte, das hinter all den Untaten steckt: die schwer verletzte Kate. Sie ringt mit dem Tod. Und es gibt jemanden, der alles daran setzt, dass sie diesen Kampf verliert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 457

Bewertungen
4,6 (38 Bewertungen)
28
3
7
0
0



MARY HIGGINS CLARK

SPÜRST DU

DEN TODESHAUCH

THRILLER

Aus dem Amerikanischen von Karl-Heinz Ebnet

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Daddy’s Gone A Hunting bei Simon & Schuster, New York

Copyright © 2013 by Mary Higgins Clark

All rights reserved. Published by arrangement

with the original publisher, Simon & Schuster Inc.

Copyright © 2013 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik·Design, München,

unter Verwendung eines Fotos von Bertrand Demee/GettyImages

Redaktion: Claudia Alt

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-10605-8V002

www.heyne-verlag.de

Für John

und alle Kinder und Enkelkinder

der Clarks sowie Conheeneys

in aller Liebe

Prolog

Manchmal träumte Kate von jener Nacht, aber es war gar kein Traum. Es war wirklich passiert. Damals war sie drei Jahre alt gewesen, sie hatte sich auf dem Bett zusammengerollt und Mommy beim Anziehen zugeschaut. Mommy hatte wie eine Prinzessin ausgesehen. Sie trug ein wunderschönes rotes Abendkleid und die roten Satinschuhe mit den hohen Absätzen, in die Kate so gern schlüpfte. Und dann kam Daddy ins Schlafzimmer und hob Kate hoch und tanzte mit ihr und Mommy hinaus auf den Balkon, obwohl es zu schneien begann.

Ich habe ihn gebeten, mir mein Lied zu singen, erinnerte sich Kate, und das hat er getan.

Schlaf, Kindlein, schlaf!

Der Vater hüt’ die Schaf,

die Mutter schüttelt’s Bäumelein,

da fällt herab ein Träumelein.

Schlaf, Kindlein, schlaf!

Am nächsten Tag ist Mommy bei einem Unfall ums Leben gekommen, und Daddy hat nie mehr dieses Lied gesungen.

1

Donnerstag, 14. November

Um vier Uhr morgens schlüpfte Gus Schmidt im Schlafzimmer seines bescheidenen Hauses auf Long Island leise in seine Kleidung und hoffte, seine Frau nicht zu wecken, mit der er seit fünfundfünfzig Jahren verheiratet war.

Aber Lottie Schmidt tastete schon nach der Nachttischlampe. Schlaftrunken bemerkte sie, dass Gus eine schwere Jacke anhatte, und sie fragte ihn, wohin er wolle.

»Lottie, ich fahr kurz rüber zum Betrieb. Ich hab da zu tun.«

»Hat Kate deswegen gestern angerufen?«

Kate war die Tochter von Douglas Connelly, dem Besitzer von Connellys Stilmöbel-Manufaktur, dem exklusiven Möbelhersteller im nahe gelegenen Long Island City, wo Gus bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren gearbeitet hatte.

Lottie, fünfundsiebzig Jahre alt, dünn, mit schütter werdenden weißen Haaren, setzte ihre Brille auf und sah auf den Wecker. »Gus, spinnst du? Weißt du, wie spät es ist?«

»Vier Uhr. Kate hat mich gebeten, mich mit ihr um halb fünf zu treffen. Sie wird schon ihre Gründe haben, deswegen gehe ich auch hin.«

Es war nicht zu übersehen, wie aufgewühlt er war.

Lottie verkniff sich die Frage, die ihnen beiden durch den Kopf ging. »Gus, ich habe kein gutes Gefühl, die ganze Zeit schon nicht. Ich weiß, du hörst es nicht gern, wenn ich dir das sage, aber ich spüre, dass was Schlimmes passieren wird. Ich will nicht, dass du gehst.«

Sie starrten sich im matten Licht der Nachttischlampe an. Gus war unbehaglich zumute. Lotties angebliche hellseherische Fähigkeiten verwirrten ihn und jagten ihm eine Heidenangst ein. »Lottie, leg dich wieder hin«, sagte er. »Ganz gleich, worum es geht, zum Frühstück bin ich wieder zurück.«

Gus war nicht gerade ein Gefühlsmensch, aus irgendeinem Grund aber trat er ans Bett, beugte sich über seine Frau, küsste sie auf die Stirn und strich ihr über die Haare. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er mit fester Stimme.

Das waren die letzten Worte, die sie aus seinem Mund hören sollte.

2

Kate Connelly hoffte, dass man ihr die Unruhe wegen ihrer frühmorgendlichen Verabredung mit Gus im betriebseigenen Museum nicht ansah. Sie war mit ihrem Vater und dessen neuester Freundin beim Abendessen im Zone, dem neuen In-Café in der Lower East Side von Manhattan. Während sie ihre Cocktails tranken, machte sie mit der neuen Flamme den üblichen Small Talk, der ihr so leicht über die Lippen kam.

Die Auserwählte hieß Sandra Starling und war eine platinblonde Schönheit Mitte zwanzig mit haselnussbraunen Augen. Sie prahlte allen Ernstes damit, dass sie einmal an einem Miss-Universum-Wettbewerb teilgenommen hatte. Auf die Frage, welchen Platz sie dabei errungen habe, blieb sie allerdings sehr im Vagen.

Jetzt, so erzählte sie, wolle sie beim Film Karriere machen und sich danach dem Weltfrieden widmen. Die hat doch noch weniger in der Birne als die meisten anderen von Dads Freundinnen, dachte Kate. Doug, wie ihr Vater von seinen Töchtern angeredet werden wollte, gab sich jedoch so charmant und freundlich wie eh und je, nur schien er noch mehr als sonst zu trinken.

Kate ertappte sich dabei, dass sie ihren Vater während des gesamten Essens beäugte, als wäre sie Punktrichterin bei Das Supertalent oder Let’s Dance. Er ist ein attraktiver Mann Ende fünfzig, dachte sie, und sieht genauso aus wie der legendäre Kinostar Gregory Peck. Dann fiel ihr ein, dass die meisten in ihrem Alter mit diesem Vergleich wahrscheinlich gar nichts mehr anfangen konnten. Außer sie hatten wie sie ein Faible für alte Filme.

Ist es ein Fehler, Gus in die Sache mit hineinzuziehen?, überlegte sie.

»Kate, ich habe Sandra erzählt, dass du eindeutig die Schlaueste in unserer Familie bist«, sagte ihr Vater.

»Bloß sehe ich mich nicht so«, antwortete Kate mit gezwungenem Lächeln.

»Sei nicht so bescheiden«, entgegnete Doug Connelly. »Kate ist Wirtschaftsprüferin, Sandra. Sie arbeitet für Wayne & Cruthers, eine der größten Wirtschaftsprüferkanzleien des Landes.« Er lachte. »Das einzige Problem ist nur: Dauernd will sie mir vorschreiben, wie ich unseren Betrieb führen soll.« Er hielt inne. »Meinen Betrieb. Das vergisst sie immer.«

»Dad … ich meine Doug«, antwortete Kate in aller Ruhe, obwohl sie zunehmend ungehalten wurde. »Ich glaube nicht, dass Sandra das alles hören will.«

»Sandra, schau dir nur meine Tochter an. Dreißig Jahre, groß, blond, einfach prächtig. Ganz ihre Mutter. Während ihre Schwester Hannah eher nach mir geraten ist und meine dunkelbraunen Haare und blauen Augen bekommen hat. Nur ist sie etwas kleiner ausgefallen. Keine eins sechzig. Ist es nicht so, Kate?«

Dad hat wohl schon getrunken, bevor er hier aufgekreuzt ist, dachte Kate. Dann kann er ziemlich widerlich werden.

Sie versuchte, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. »Meine Schwester ist in der Modebranche tätig, Sandra«, erklärte sie. »Sie ist drei Jahre jünger als ich. Als wir klein waren, hat sie für ihre Puppen immer Kleider gemacht, und ich hab immer so getan, als würde ich viel Geld gewinnen, indem ich Fragen bei Jeopardy! oder Glücksrad beantwortet habe.«

Mein Gott, was mach ich bloß, wenn Gus bestätigt, was ich mir denke?, fragte sie sich, als der Kellner ihre Vorspeisen brachte.

Zum Glück kehrte die Band, die eine Pause eingelegt hatte, in den voll besetzten Speisesaal zurück, und bei der ohrenbetäubenden Musik war ein vernünftiges Gespräch kaum mehr möglich.

Sie und Sandra ließen das Dessert ausfallen, aber zu Kates Entsetzen orderte ihr Vater daraufhin die teuerste Flasche Champagner, die sich auf der Karte finden ließ.

»Dad, wir brauchen das doch nicht …«, protestierte sie.

»Kate, verschon mich mit deiner Knausrigkeit.« Doug Connelly war so laut geworden, dass die Gäste am Nachbartisch aufblickten.

Sandra ließ den Blick durch den Raum schweifen und hielt anscheinend nach Berühmtheiten Ausschau. Plötzlich ging ein Strahlen über ihr Gesicht, und sie lächelte einem Mann zu, der ihr zuprostete. »Das ist Majestic. Sein Album ist in den Charts auf dem Weg nach ganz oben«, sagte sie aufgeregt und fügte schnell hinzu: »Wie schön, dich näher kennenzulernen, Kate. Vielleicht kannst du dich ja um meine Finanzen kümmern, wenn ich mal groß rauskomme.«

Doug Connelly lachte. »Tolle Idee. Dann lässt sie mich vielleicht in Ruhe.« Sehr hastig sagte er gleich darauf: »War nur Spaß. Ich bin doch stolz auf mein kleines, kluges Mädchen.«

Wenn du wüsstest, was dein kleines, kluges Mädchen vorhat, dachte Kate. Hin- und hergerissen zwischen ihren Sorgen und ihrem Zorn, ließ sie sich bald darauf an der Garderobe ihren Mantel aushändigen, trat hinaus in die kalte, windige Novembernacht und winkte ein Taxi heran.

Ihre Wohnung in der Upper West Side hatte sie im Jahr zuvor gekauft. Es war ein geräumiges Apartment mit zwei Schlafzimmern und einem sagenhaften Blick über den Hudson. Sie liebte die Wohnung und bedauerte zugleich, dass der Vorbesitzer, Justin Kramer, ein arbeitslos gewordener Investmentberater Anfang dreißig, gezwungen gewesen war, sie zu einem Schnäppchenpreis zu verkaufen.

Bei der Übergabe hatte Justin ihr mit einem herzlichen Lächeln eine Bromelie geschenkt, eine Pflanze wie die, die sie bei ihrer ersten Wohnungsbesichtigung ausdrücklich bewundert hatte.

»Robby hat mir erzählt, Ihnen hätte meine Pflanze so gut gefallen«, sagte er und deutete zum Immobilienmakler neben sich. »Die alte habe ich mitgenommen, die hier ist ein Einweihungsgeschenk für Sie. Stellen Sie sie ans Küchenfenster, so wie ich es gemacht habe, und sie wird wie Unkraut vor sich hin wuchern.«

Daran musste Kate jetzt denken, als sie in ihre freundliche Wohnung trat und das Licht einschaltete. Im Wohnzimmer hatte sie nur moderne Möbel. Das Sofa, golden-beige mit weichen Kissen, lud zu einem Nickerchen ein. Die dazu passenden und ebenso gepolsterten Sessel hatten breite, bequeme Arm- und Kopflehnen. Kissen in der Farbe der geometrischen Muster auf dem Teppich verliehen dem Raum etwas Buntes.

Kate erinnerte sich an Hannahs Lachen, als sie nach der Anlieferung der Möbel zur Wohnungsbesichtigung gekommen war. »Mein Gott, Kate«, hatte sie gesagt. »Bei uns zu Hause hat Dad immer Wert darauf gelegt, dass nur echte Stilmöbel von Connelly herumstehen – und jetzt hast du dich ganz offensichtlich für das genaue Gegenteil entschieden!«

Da hatte sie recht, dachte Kate. Ich habe genug von Dads ständigem Gerede über seine erstklassigen Stilmöbel. Vielleicht sehe ich das irgendwann mal anders, im Moment bin ich sehr glücklich damit.

Erstklassige Stilmöbel. Allein bei dem Gedanken wurde ihr übel.

3

Mark Sloane wusste, dass das Abschiedsessen mit seiner Mutter schwierig und tränenreich werden könnte. Der achtundzwanzigste Jahrestag des Verschwindens seiner Schwester war nicht mehr fern, außerdem stand sein berufsbedingter Umzug nach New York an. Vor dreizehn Jahren hatte er sein Jurastudium beendet und seitdem in Chicago als Anwalt für Bau- und Immobilienrecht gearbeitet. Kewanee, die Kleinstadt in Illinois, in der er aufgewachsen war, lag knapp hundertfünfzig Kilometer davon entfernt.

In den zurückliegenden Jahren hatte er alle paar Wochen die zweistündige Fahrt auf sich genommen, um mit seiner Mutter zu Abend zu essen. Er war acht Jahre alt gewesen, als seine zwanzigjährige Schwester Tracey das örtliche College abgebrochen hatte und nach New York gegangen war, um als Musical-Star am Broadway groß herauszukommen. Er sah sie immer noch vor sich, als wäre es erst gestern gewesen. Sie hatte lange kastanienbraune Haare, und der Schalk saß ihr in den blauen Augen, die sich aber auch ziemlich verfinstern konnten, wenn sie wütend wurde. Seine Mutter und Tracey waren ständig wegen ihrer Schulnoten und ihrer Kleidung aneinandergeraten. Eines Tages kam er zum Frühstück nach unten, und seine Mutter saß weinend am Küchentisch. »Sie ist fort, Mark, sie ist fort. Sie hat einen Zettel dagelassen. Sie will nach New York und eine berühmte Sängerin werden. Mark, sie ist doch noch so jung. Und so starrköpfig. Sie wird in Schwierigkeiten geraten, ich weiß es.«

Mark hatte seine Mutter in den Arm genommen und versucht, die eigenen Tränen zurückzuhalten. Er hatte Tracey angebetet. Sie hatte ihm Bälle zugeworfen, als er mit dem Baseballspielen angefangen hatte. Sie hatte ihn ins Kino mitgenommen. Sie hatte ihm bei den Hausaufgaben geholfen und von berühmten Schauspielern und Schauspielerinnen erzählt. »Weißt du, wie viele von denen aus Kleinstädten wie der unseren kommen?«, hatte sie gefragt.

An jenem Morgen hatte er seine Mutter gewarnt. »Tracey schreibt, dass sie dir ihre neue Adresse geben will. Mom, versuch nicht, sie zu überreden, dass sie zu uns zurückkommt, das wird sie nicht tun. Schreib ihr, dass es in Ordnung ist und dass du dich freust, wenn sie ein großer Star wird.«

Es war die richtige Entscheidung gewesen. Tracey hatte regelmäßig geschrieben und alle paar Wochen angerufen. Sie hatte Arbeit in einem Restaurant gefunden. »Ich bin eine gute Bedienung, durch das Trinkgeld kommt einiges zusammen. Ich nehme Gesangsunterricht und habe in einem Off-Broadway-Musical mitgespielt. Es hat nur zu vier Vorstellungen gereicht, aber es war toll, auf der Bühne zu stehen.« Dreimal war sie für ein langes Wochenende nach Hause geflogen.

Dann, nach insgesamt zwei Jahren in New York, erhielt ihre Mutter eines Tages einen Anruf von der Polizei. Tracey war verschwunden.

Zwei Tage war sie nicht mehr zur Arbeit erschienen. Da sie sich auch nicht mehr am Telefon meldete, suchte ihr Arbeitgeber, der Restaurantbesitzer Tom King, ihre Wohnung auf. Dort war alles in Ordnung. Laut ihrem Kalender hatte sie am Tag nach ihrem Verschwinden und am Ende der Woche jeweils einen Termin zum Vorsprechen. »Zum ersten Termin ist sie nicht erschienen«, teilte King der Polizei mit. »Wenn sie beim zweiten auch nicht auftaucht, stimmt etwas nicht.«

Seitdem wurde sie von der New Yorker Polizei als vermisst geführt. Ein Vermisstenfall unter vielen, dachte Mark auf der Fahrt zu dem einfachen neuenglischen Holzhaus, in dem er aufgewachsen war und das mit seinen pechschwarzen Dachschindeln, der weiß gestrichenen Fassade und den leuchtend roten Tür- und Fensterrahmen etwas Fröhliches ausstrahlte. Er bog in die Einfahrt und hielt an. Die Lampe über der Tür warf ihr Licht auf die Eingangsstufen. Seit fast achtundzwanzig Jahren ließ seine Mutter die Lampe die ganze Nacht brennen, nur für den Fall, dass Tracey nach Hause kam.

Roastbeef, Kartoffelbrei und Spargel – das hatte er sich als Abschiedsessen gewünscht. Sobald er die Tür öffnete, zog ihm köstlicher Bratenduft entgegen und sagte ihm, dass seine Mutter ihm seinen Wunsch nach allen Regeln der Kunst erfüllt hatte.

Martha Sloane wischte sich die Hände an der Schürze ab und kam aus der Küche geeilt. Sie war vierundsiebzig Jahre alt, war früher sehr schlank gewesen und hatte sich mittlerweile auf Größe42 eingependelt. Ihre weißen, gewellten Haare umrahmten ebenmäßige Gesichtszüge. Sie schloss ihren Sohn fest in die Arme.

»Du bist wieder einen Zentimeter gewachsen«, begrüßte sie ihn.

»Gott bewahre«, protestierte Mark. »Ich passe ja so schon nur mit Mühe in ein Taxi.« Er war eins achtundneunzig groß. Sein Blick fiel auf den Esstisch, wo das Silberbesteck und das gute Porzellan aufgedeckt waren. »Na, das nenne ich aber ein feierliches Abschiedsessen.«

»Die Sachen werden doch sowieso kaum benutzt«, antwortete seine Mutter. »Mach dir einen Drink. Ach, mach mir auch einen.«

Seine Mutter trank nur selten Cocktails. Es versetzte ihm einen Stich, als ihm klar wurde, dass seine Mutter Traceys Verschwinden mit keinem Wort erwähnen wollte, um sich dieses letzte gemeinsame Essen mit ihm nicht zu verderben. Zumindest in den nächsten Monaten würden sie sich wohl kaum sehen. Als ehemalige Gerichtsstenografin wusste Martha Sloane um die langen Arbeitszeiten, denen er in seiner neuen Kanzlei kaum würde entrinnen können.

Erst beim Kaffee kam sie doch noch auf Tracey zu sprechen. »Wir wissen beide, welches Datum ansteht«, sagte sie leise. »Mark, ich sehe mir im Fernsehen immer diese Sendung über Altfälle an. Wenn du in New York bist, meinst du, du könntest die Polizei dazu bewegen, die Ermittlungen in Traceys Fall wiederaufzunehmen? Mittlerweile gibt es so viele neue Möglichkeiten, um vermisste Menschen aufzuspüren, selbst wenn ihr Verschwinden jahrelang zurückliegt. Aber das wird die Polizei natürlich nur tun, wenn sich jemand dafür einsetzt.«

Sie zögerte, bevor sie fortfuhr. »Mark, ich weiß, ich kann mir nicht mehr einreden, dass Tracey nur das Gedächtnis verloren hat oder in Schwierigkeiten geraten ist und deswegen untertauchen musste. Ich bin davon überzeugt, dass sie tot ist. Aber es würde mich beruhigen, wenn ihr Leichnam gefunden würde und wir sie neben Dad beerdigen könnten. Machen wir uns nichts vor. Ich habe, wenn alles gut geht, vielleicht noch zehn Jahre zu leben. Und wenn meine Zeit kommt, wäre mir wohler, wenn ich weiß, dass Tracey neben Dad ruht.« Sie musste ihre Tränen wegblinzeln. »Du weißt, wie es ist. Ich möchte an Traceys Grab ein Gebet sprechen können.«

Als sie sich vom Tisch erhoben, sagte sie unvermittelt: »Ich würde gern noch Scrabble spielen. Ich habe im Lexikon nämlich ein paar tolle neue komplizierte Wörter entdeckt. Aber deine Maschine geht morgen Nachmittag, und wie ich dich kenne, hast du noch gar nicht gepackt.«

»Du kennst mich zu gut, Mom«, sagte Mark lächelnd. »Und red nicht davon, dass du nur noch zehn Jahre zu leben hast. Der Bürgermeister wird dir noch eine Glückwunschkarte zum hundertsten Geburtstag schicken.« An der Tür umarmte er sie innig und ergriff die Gelegenheit, um sie zu fragen: »Wirst du das Verandalicht ausmachen, wenn du die Tür absperrst?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wahrscheinlich nicht. Du weißt doch, Mark, nur für den Fall …«

Sie beendete den Satz nicht. Aber Mark wusste auch so, was sie hätte sagen wollen: Nur für den Fall, dass Tracey heute Nacht heimkommt.

4

Bei ihrem letzten Besuch im familieneigenen Betrieb hatte Kate mit Entsetzen erfahren müssen, dass die Überwachungskameras immer noch nicht funktionierten. »Kate, Ihr Vater will das neue System nicht«, sagte Jack Worth, der Betriebsleiter. »Das Problem ist eigentlich, dass alles erneuert gehört. Aber wir haben nicht mehr die Handwerker wie noch vor zwanzig Jahren. Die wirklich guten Möbelbauer sind im Grunde unerschwinglich teuer, weil uns zunehmend der Markt wegbricht. Und die, die wir uns noch leisten können, sind nicht mehr so gut wie früher. Mittlerweile bekommen wir regelmäßig Reklamationen. Ich kapier einfach nicht, warum Ihr Vater das Gelände nicht verkaufen will. Der Grund allein ist mindestens zwanzig Millionen Dollar wert.«

Betrübt fügte er noch hinzu: »Klar, in dem Fall wäre ich arbeitslos. Und die Nachfrage nach Betriebsleitern hält sich im Moment in Grenzen, weil so viele Unternehmen dichtmachen.«

Jack war sechsundfünfzig und hatte immer noch den stämmigen Körper eines Ringers, der er Anfang zwanzig gewesen war. Graue Strähnen mischten sich in seine strohblonden Haare. Unter seiner strengen Leitung standen die Möbelfertigung, die Ausstellungsräume und das auf drei Etagen untergebrachte Privatmuseum, in dem jeder Raum mit unschätzbar wertvollen Antiquitäten ausgestattet war. Er hatte vor mehr als dreißig Jahren als Assistent der Buchhaltung im Betrieb angefangen und fünf Jahre zuvor die Leitung übernommen.

Kate hatte einen Jogginganzug angezogen, den Wecker auf 3.30 Uhr gestellt und sich auf die Couch gelegt. Sie glaubte zwar nicht, dass sie einschlafen würde, aber genau das passierte. Allerdings war ihr Schlaf unruhig und voller Träume, an die sie sich später kaum erinnern konnte, die sie aber mit großem Unbehagen erfüllten. Nur ein Bruchstück war ihr im Gedächtnis geblieben, etwas, was sie von Zeit zu Zeit träumte: Ein verängstigtes Kind im geblümten Nachthemd lief durch einen langen Flur, fort von Händen, die es fangen wollten.

Der Albtraum hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie, als sie den Wecker ausstellte und aufstand. Zehn Minuten später hatte sie sich in ihre schwarze Daunenjacke und einen Schal gehüllt, betrat die Parkgarage ihres Apartmentgebäudes und stieg in ihren Mini.

Selbst zu dieser frühen Morgenstunde herrschte in Manhattan einiger Verkehr, aber sie kam gut voran. Auf der Sixty-fifth Street durchquerte sie den Central Park und näherte sich wenige Minuten später der Zufahrt zur Queensboro Bridge. Zehn Minuten danach hatte sie ihr Ziel erreicht. Es war Viertel nach vier. Sie wusste, dass Gus jeden Moment kommen musste. Sie parkte den Wagen hinter dem Müllcontainer an der Rückseite des Museums und wartete.

Immer noch wehte ein heftiger Wind, im Wagen wurde es schnell kalt. Sie wollte schon den Motor anstellen, als Scheinwerferlichter um die Ecke bogen und Gus’ Pick-up neben ihr anhielt.

Beide stiegen aus und gingen zügig zum Hintereingang des Museums. Kate hatte eine Taschenlampe und die Schlüssel in der Hand. Sie sperrte auf und öffnete die Tür. Mit einem Seufzer der Erleichterung sagte sie: »Gus, vielen Dank, dass Sie zu dieser Stunde kommen konnten.« Sie richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Bedientafel der Alarmanlage. »Ist es zu glauben, sogar hier ist die Alarmanlage kaputt.«

Gus trug eine über die Ohren gezogene Wollmütze, aus der nur an der Stirn einige Haarsträhnen herausspitzten. »Mir war schon klar, dass es was Wichtiges sein muss, wenn wir uns zu dieser nachtschlafenden Zeit treffen«, sagte er. »Worum geht es, Kate?«

»Ich kann nur beten, dass ich mich täusche, Gus, aber ich muss Ihnen etwas in der Fontainebleau-Suite zeigen. Ich brauche Ihre Fachkenntnisse.« Sie griff in ihre Tasche, zog eine weitere Taschenlampe heraus und reichte sie ihm. »Richten Sie sie auf den Boden.«

Schweigend gingen sie zur hinteren Treppe. Als Kate mit der Hand über das glatte Holz des Geländers strich, musste sie an ihren Großvater denken, der als mittelloser Immigrant in die USA gekommen war und an der Börse ein Vermögen verdient hatte.

Im Alter von fünfzig Jahren hatte er seine Investmentgesellschaft verkauft und sich seinen Lebenstraum erfüllt: Er hatte eine Firma aufgebaut, die Stilmöbel herstellte. Er hatte dieses Grundstück in Long Island City erworben und darauf einen Gebäudekomplex errichtet, der aus Fabrik, Ausstellungsräumen und Privatmuseum bestand und in dem er die Antiquitäten präsentierte, die er im Lauf seines Lebens gesammelt hatte und die nun als Vorbild für die eigenen Produkte dienten.

Mit fünfundfünfzig war er zu dem Entschluss gekommen, dass er einen Erben brauchte, und so hat er meine Großmutter geheiratet, die zwanzig Jahre jünger war als er. Und dann sind mein Vater und sein Bruder geboren worden, dachte Kate. Dad hat die Firma ein Jahr vor dem Unfall übernommen. Danach hat Russ Link den Betrieb geleitet, bevor er vor fünf Jahren in Rente ging.

Connellys Stilmöbel-Manufaktur war sechzig Jahre lang ein florierendes Unternehmen gewesen, mittlerweile aber standen die teuren, exklusiven Produkte nicht mehr so hoch im Kurs, wie Kate ihrem Vater wiederholt auseinandergesetzt hatte.

Sie hatte jedoch nicht den Mut aufgebracht, ihm darüber hinaus klarzumachen, dass sein zunehmender Alkoholkonsum, die Vernachlässigung der Firma und sein unregelmäßiges Erscheinen im Büro weitere Gründe waren, die für einen Verkauf sprachen. Sehen wir den Tatsachen doch ins Auge, dachte sie sich, nach dem Tod meines Großvaters hat sich Russ immer um alles gekümmert.

Unten an der Treppe sagte Kate: »Gus, ich möchte Ihnen den Schreibtisch zeigen …« Plötzlich blieb sie stehen und griff nach seinem Arm. »Mein Gott, Gus, hier riecht ja alles nach Gas.« Sie fasste nach seiner Hand, drehte sich um und wollte zur Ausgangstür zurück. Sie waren nur wenige Schritte weit gekommen, als in einer gewaltigen Explosion die gesamte Treppe auf sie niederkrachte.

Was darauf folgte, daran konnte sich Kate danach nur noch vage erinnern. Sie wollte sich das Blut wegwischen, das ihr über die Stirn lief, während sie Gus’ reglosen Körper gepackt hielt und zur Tür kroch. Die Flammen schlugen die Wände hoch, im erstickenden Rauch konnte sie kaum noch etwas erkennen. Dann wurde die Tür aufgeworfen, Windböen fegten herein. Ihr schierer Überlebenswille ließ sie nach Gus’ Handgelenken greifen, und sie schleifte ihn weiter nach draußen auf den Parkplatz, wo sie zusammenbrach.

Die Feuerwehrleute fanden sie bewusstlos vor. Sie blutete stark aus einer Wunde am Kopf, ihre Kleidung war versengt.

Gus lag nur wenige Meter neben ihr. Durch das Gewicht der eingestürzten Treppe hatte er schwere innere Verletzungen erlitten, denen er erlegen war.

5

Höhepunkt des Führungstreffens bei Hathaway Haute Couturier war die Ankündigung, dass Hannah Connelly für einen Teil ihrer bei den Sommer-Modenschauen zu zeigenden Kreationen ein eigenes Designer-Label bekommen würde.

Das waren wunderbare Neuigkeiten, die Hannah unbedingt gleich ihrer Schwester Kate mitteilen wollte. Aber dann erinnerte sie sich, dass es schon fast neunzehn Uhr war und Kate eine Verabredung mit ihrem Vater und dessen neuester Freundin hatte. Daher rief sie ihre beste Freundin Jessica Carlson an. Sie kannten sich vom Boston College, das sie zwei Jahre lang gemeinsam besucht hatten, bevor Hannah zum Fashion Institute of Technology und Jessie auf die Fordham Law School gewechselt war.

Jessie jubelte vor Freude. »Hannah, das ist ja großartig! Du wirst der nächste Yves Saint Laurent. Treffen wir uns in einer halben Stunde im Mindoro. Ich lade dich ein.«

Um halb acht saßen sich die beiden in einer Nische gegenüber. Der Speisesaal des beliebten Restaurants war auch an diesem Mittwoch voll besetzt, was von ausgezeichnetem Essen und freundlicher Atmosphäre zeugte.

Ihr Lieblingskellner Roberto, kahlköpfig, rund und mit einem breiten Grinsen im Gesicht, schenkte ihnen Wein ein. »Sie haben was zu feiern?«, fragte er.

»Und wie!« Jessie hob ihr Glas. »Auf die beste Modedesignerin der Welt, Hannah Connelly.« Und dann fügte sie hinzu: »Roberto, irgendwann werden wir sagen: ›Damals, da haben wir sie beide schon gekannt.‹«

Hannah stieß mit Jessie an, nahm einen Schluck und wünschte sich, sie könnte endlich aufhören, sich immer um ihren Vater und Kate Sorgen zu machen. Die Beziehung zwischen den beiden verschlechterte sich zusehends, je mehr es mit dem Familienbetrieb bergab ging.

»Was macht dein attraktiver Vater?«, fragte Jessie, als könnte sie Hannahs Gedanken lesen, während sie angewärmtes italienisches Weißbrot in das Olivenöl tauchte, das sie sich auf ihren Teller gegossen hatte. »Hast du es ihm schon erzählt? Er ist doch sicherlich ganz aus dem Häuschen.«

Nur Jessie konnte so etwas in diesem leichten ironischen Ton rüberbringen. Hannah betrachtete ihre ehemalige Studienkollegin. Jessie hatte rote Locken, die ihr offen über die Schulter fielen, ihre lebhaften blauen Augen funkelten, ihre milchweiße Haut kam ohne jedes Make-up aus. Mit ihren eins achtzig überragte sie Hannah sogar dann, wenn sie ihr wie jetzt am Tisch gegenübersaß. Sie war die geborene Sportlerin, schlank, durchtrainiert, und interessierte sich nicht im Geringsten für Mode. Wenn sie für besondere Anlässe etwas zum Anziehen brauchte, war sie ganz auf Hannah angewiesen.

Hannah zuckte mit den Schultern. »Ach, du weißt doch, wie sehr er aus dem Häuschen sein wird.« Sie ahmte die Stimme ihres Vaters nach. »›Hannah, das ist ja wunderbar, ganz wunderbar.‹ Und dann hat er auch schon wieder vergessen, was ich ihm erzählt habe. Und ein paar Tage später wird er mich fragen, wie es mit der Mode so läuft. Unser passionierter Frauenheld hat noch nie viel Zeit für Kate oder mich übrig gehabt, und je älter er wird, desto weniger interessiert er sich für uns.«

Jessie nickte. »Ich hab’s gemerkt, als ich das letzte Mal mit euch beim Essen war. Kate hat eurem Vater gegenüber ein paar ziemlich spitze Bemerkungen fallen lassen.«

Roberto kam mit den Speisekarten an den Tisch. »Wollen Sie gleich bestellen oder noch etwas warten?«, fragte er.

»Linguine mit Muscheln und den Haussalat.« Das war Hannahs Lieblingspasta.

»Lachs mit dreifarbigem Salat«, wählte Jessie.

»Ich hätte mir die Frage sparen können«, erwiderte Roberto. Er war seit fünfzehn Jahren im Lokal und kannte die Lieblingsgerichte aller Stammgäste.

Als er außer Hörweite war, nahm Hannah einen weiteren Schluck Wein und zuckte die Achseln. »Jessie, du kennst unsere Familie seit dem College. Du hast genügend mitbekommen, um dir selbst ein Bild machen zu können. Der Markt hat sich verändert, die Nachfrage nach Stilmöbeln geht zurück, außerdem sind unsere Möbel lange nicht mehr so gut wie früher. Bis vor etwa fünf Jahren hatten wir noch hervorragende Möbelbauer, die sind mittlerweile alle in Rente. Nach dem Tod meines Großvaters vor dreißig Jahren hat mein Vater den Betrieb übernommen, unterstützt hat ihn dabei Russ Link, die rechte Hand meines Großvaters. Nach dem Unfall hat es lange gedauert, bis mein Vater wieder gesund wurde, aber nach seiner Genesung hatte er kein Interesse mehr am Betrieb. Nach allem, was ich weiß, haben sich weder er noch sein Bruder jemals wirklich ums Tagesgeschäft gekümmert. Ich glaube wirklich, dass es so ist, wie man sagt: Die erste Einwanderergeneration schuftet, um den Kindern alle Vorteile zu verschaffen, die ihr selbst noch versagt waren.«

Hannah spürte, wie gut es tat, so offen mit ihrer Freundin reden zu können, der sie uneingeschränkt vertraute. »Jess, es spitzt sich mehr und mehr zu. Und ich verstehe es nicht. Dad geht immer leichtsinniger mit dem Geld um. Stell dir vor, letzten Sommer hat er für einen Monat eine Jacht geleast! Für fünfzigtausend Dollar die Woche! Er least Jachten, während das Familienschiff im Sinken begriffen ist. Ich wünschte mir, er hätte, als wir noch jünger waren, eine Frau kennengelernt und geheiratet. Eine vernünftige Frau, die ihn vielleicht in die Schranken gewiesen hätte.«

»Ich habe mir darüber, ehrlich gesagt, auch schon Gedanken gemacht. Er war erst dreißig, als deine Mutter ums Leben kam. Meinst du, er hat sie wirklich so sehr geliebt, dass er keine andere mehr finden konnte?«

»Ich glaube schon, dass sie die Liebe seines Lebens war. Leider kann ich mich nicht mehr an sie erinnern. Wie alt war ich? Acht Monate? Kate war damals drei. Natürlich, es war eine fürchterliche Tragödie. Er hat meine Mutter, seinen Bruder Connor und vier enge Freunde verloren. Und er hat am Ruder des Bootes gestanden. Man muss aber auch sagen, seine Schuldgefühle haben ihn nie davon abgehalten, sich eine Freundin nach der anderen zuzulegen. Jetzt aber genug von der Familie. Genießen wir das Essen, zu dem du mich einlädst, und hoffen wir, dass sich Kate und Dad und seine Freundin, wie immer sie heißen mag, nicht gegenseitig an die Gurgel gehen.«

Zwei Stunden später, auf der Fahrt zu ihrer Wohnung in der Downing Street in Greenwich Village, war Hannah erneut mit ihren Gedanken in der Vergangenheit. Ich war noch ein Baby, als wir unsere Mutter verloren haben, dachte sie, als sie aus dem Taxi stieg. Sie musste auch an Rosemary »Rosie« Masse denken, ihr Kindermädchen, das zehn Jahre zuvor, nach ihrer Pensionierung, wieder in ihre Heimat Irland gezogen war.

Möge Gott sie beschützen! Rosie hat uns großgezogen, und sie hat immer gesagt, wie sehr sie sich wünschen würde, dass Dad wieder heiratet. »Heiraten Sie eine nette Frau, die Ihre wunderbaren kleinen Mädchen liebt und ihnen eine gute Mutter ist«, so ihr Ratschlag an Dad. Daran musste Hannah nun wieder denken, als sie sich in der Wohnung in ihren Lieblingssessel kuschelte, den Fernseher und Digitalrekorder anschaltete und sich eine aufgezeichnete Sendung ansah.

Der tödliche Unfall, bei dem ihre Mutter, ihr Onkel und vier weitere Personen ums Leben gekommen waren, hatte sich ereignet, weil sich das Boot ihres Vaters in der nächtlichen Dunkelheit regelrecht in die Kette zwischen einem Schlepper und einem Lastkahn gefräst hatte. Sie wollten etwa siebzig Seemeilen weit in den Atlantik hinaus zu den Futterplätzen der Thunfische. Ihr Vater Douglas Connelly war der einzige Überlebende gewesen. Ein Hubschrauber der Küstenwache hatte ihn bei Sonnenaufgang schwer verletzt und bewusstlos in einem Rettungsboot gefunden. Trümmerteile des sinkenden Boots hatten ihn am Kopf getroffen.

Dad, dachte Hannah, als sie im schnellen Vorlauf die Werbung übersprang, war nicht unbedingt ein Rabenvater. Er war nur nicht oft da – entweder war er auf Geschäftsreisen, oder er war stark in seine gesellschaftlichen Verpflichtungen eingebunden. Russ Link hat sich um den Betrieb gekümmert, und Russ war ein Perfektionist. Leute wie Gus Schmidt, die damals noch bei uns gearbeitet haben, waren nicht nur einfach Handwerker. Sie waren Künstler. Rosie hat mit uns in der East Eighty-second Street gewohnt und war immer da, im Sommer und in den Ferien, wenn wir wieder nach Hause gekommen sind. Denn sobald wir alt genug waren, hat Dad uns aufs Internat geschickt.

Erst gegen Mitternacht schaltete Hannah den Fernseher aus. Um 0.20 Uhr zog sie sich aus und schlüpfte in ihr Bett.

Um fünf Uhr morgens klingelte das Telefon. Es war Jack Worth. »Hannah, es hat einen Unfall gegeben – eine Explosion im Betrieb. Gus Schmidt und Kate waren dort. Weiß der Himmel, warum! Gus ist tot, und Kate wird gerade ins Manhattan Midtown Hospital eingeliefert.«

Ihre nächste Frage nahm er gleich vorweg. »Hannah, ich habe nicht die geringste Ahnung, was Gus und sie zu dieser Zeit im Museum wollten. Ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus. Soll ich Ihrem Vater Bescheid geben, oder übernehmen Sie das?«

»Rufen Sie Dad an«, antwortete Hannah, während sie bereits aus dem Bett stürzte. »Wir sehen uns im Krankenhaus.«

»Mein Gott«, flehte sie. »Hoffentlich war nicht Kate schuld daran. Hoffentlich war nicht Kate schuld daran …«

6

Schon bevor Sandra ganz offen mit Majestic zu flirten begann, ging sie Douglas Connelly fürchterlich auf die Nerven. Ihre Geschichte, beim Miss-Universum-Wettbewerb teilgenommen zu haben, war erstunken und erlogen. Er hatte im Internet nachrecherchiert und dabei erfahren, dass sie bei einem örtlichen Schönheitswettbewerb in ihrer Heimatstadt Wilbur, North Dakota, einmal Zweite geworden war.

Er hatte sich über ihre Fantasiegeschichten leidlich amüsieren können, bis er beim Essen Kates Zorn bemerkte und wusste, wie sehr sie ihn und das Leben, das er führte, verachtete.

Er wusste auch, dass er ihre Verachtung verdient hatte.

Er musste wieder an den Spruch seines Vaters denken, den dieser immer dann gebraucht hatte, wenn er vor einer schwierigen Entscheidung stand. Ich komme mir vor, als würde ich zwischen zwei Feuern stehen, und egal wie ich es drehe und wende, ich komme nicht raus. So fühle ich mich die ganze Zeit, gleichgültig, wie viel ich trinke, dachte Doug, während er den letzten Rest des Champagners kippte.

Zwischen zwei Feuern stehen. Der Ausdruck geisterte ihm unaufhörlich durch den Kopf.

»Ich bin gern in solchen Lokalen«, sagte Sandra. »Hier trifft man immer Leute, die für einen Film casten oder so.«

Wie viel Bleichmittel braucht man, um diese Farbe ins Haar zu kriegen?, dachte Doug.

Der Kellner kam mit einer neuen Champagnerflasche. »Mit den besten Wünschen für die wunderschöne Dame, von Majestic«, sagte er.

Sandra blieb kurz die Luft weg. »O mein Gott!«

Und schon sprang sie auf und eilte durch den Raum. Douglas Connelly erhob sich. Er hatte hier nichts mehr zu suchen. »Das übliche Trinkgeld«, sagte er zum Kellner und hoffte, dass er die Worte nicht verschliff. »Aber achten Sie darauf, dass diese Flasche auf Majestic geht oder wie der Typ da heißt.«

»Gewiss, Mr. Connelly. Ihr Wagen ist draußen?«

»Ja.«

Auch etwas, was Kate in den Wahnsinn treibt – dass ich mir einen eigenen Chauffeur leiste, dachte Doug kurz darauf, als er sich in den Wagen fallen ließ und die Augen schloss. Als Nächstes wusste er nur noch, dass Bernard, sein Chauffeur, ihm vor dem Gebäude an der East Eighty-second Street die Tür öffnete und sagte: »Wir sind da, Mr. Connelly.«

Obwohl Doug am Arm des Pförtners durch die Lobby geführt wurde, fiel es ihm sichtlich schwer, auf den Beinen zu bleiben. Danny, der den Fahrstuhl bediente, nahm von ihm den Wohnungsschlüssel entgegen, nachdem er ihn endlich aus der Tasche gefummelt hatte. Im fünfzehnten Stock begleitete Danny ihn zu seiner Wohnung, schloss die Tür auf, öffnete sie und führte ihn zur Couch. »Legen Sie sich doch einfach hier hin, Mr. Connelly!«, schlug er vor.

Doug spürte, wie ihm ein Kopfkissen untergeschoben, wie der oberste Hemdknopf gelöst wurde und ihm die Schuhe ausgezogen wurden.

»Nur ein bisschen angesäuselt«, murmelte er.

»Schon gut, Mr. Connelly. Ihre Schlüssel lege ich auf den Tisch. Gute Nacht, Sir.«

»Nacht, Danny. Danke.« Und damit war Doug auch schon eingeschlafen.

Fünf Stunden später hörte er weder das unablässige Schrillen des Telefons, das kaum einen Meter von ihm entfernt auf dem Tisch stand, noch das ebenso unablässige Summen des Handys in seiner Brusttasche.

In dem für Familienangehörige reservierten Wartezimmer des OP-Bereichs steckte die kreidebleiche Hannah schließlich ihr Handy weg und verschränkte die Hände im Schoß, damit sie nicht mehr zitterten. »Ich lass es jetzt bleiben«, sagte sie zu Jack Worth. »Soll er seinen Rausch ausschlafen.«

7

Douglas Connelly wachte am Donnerstagmorgen um neun Uhr auf. Stöhnend schlug er die Augen auf und wusste im ersten Moment nicht, wo er sich befand. Er erinnerte sich vage daran, in den Wagen gestiegen zu sein. Ab da sah er nur noch verschwommene Bilder vor sich. Der Pförtner, der ihn am Arm führte … Danny, der von ihm die Schlüssel entgegennahm … der ihm ein Kissen unter den Kopf schob.

Der Kopf, der sich jetzt anfühlte, als wäre er mit einer Axt gespalten worden.

Mühsam richtete er sich auf, schwang die Füße auf den Boden, stützte sich mit beiden Händen auf den Couchtisch, um das Gleichgewicht zu halten, und schaffte es tatsächlich, sich zu erheben. Er wartete kurz, bis sich das Zimmer nicht mehr drehte, dann ging er in die Küche, wo er eine halb leere Wodkaflasche und eine Dose Tomatensaft aus dem Kühlschrank nahm. Er schenkte sich ein Wasserglas mit halb Wodka, halb Tomatensaft voll und kippte es in einem Zug.

Kate hatte recht. Ich hätte den Champagner nicht mehr bestellen sollen, dachte er. Noch etwas tauchte im Nebel seines Gehirns auf. Ich muss mich vergewissern, dass die Flasche, die dieser Schwachkopf Majestic der verhinderten Schönheitskönigin geschickt hat, nicht auf meiner Rechnung landet.

Langsam ging er ins Schlafzimmer und ließ bei jedem Schritt hinter sich ein Kleidungsstück fallen. Erst nachdem er geduscht, sich rasiert und angezogen hatte, machte er sich die Mühe, die eingegangenen Nachrichten zu prüfen.

Um zwei Uhr morgens hatte Sandra versucht, ihn zu erreichen. »Ach, Doug, es tut mir leid, ich bin doch nur kurz rüber zu Majestic, ich wollte ihm nur für den Champagner danken und weil er so viel Nettes über mich gesagt hat, und dann meinte er, ich soll kurz mal bei ihm und seinen Freunden Platz nehmen, und ehe ich michs versehe, kommt der So-meh-leh oder wie der heißt, der immer den Wein aufmacht, und bringt den Champagner von Majestic und sagt, dass du schon gefahren bist. Es war sehr schön mit dir und …«

Connelly drückte auf die Löschtaste, bevor er Sandras Nachricht ganz abgehört hatte. Er sah, dass der nächste Anruf von Jack stammte und der darauffolgende von seiner Tochter Hannah. Na, wenigstens sie liegt mir nicht ständig in den Ohren, dass ich den Betrieb verkaufen soll, dachte er.

Als er bemerkte, dass Jack um 5.10 Uhr und Hannah zwanzig Minuten später angerufen hatte, wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Er blinzelte, versuchte sich zu konzentrieren und nüchtern zu klingen und drückte mit zitterndem Finger auf die Rückruftaste.

Hannah meldete sich beim ersten Klingeln. Mit monotoner Stimme erzählte sie ihm von der Explosion, von Gus und von Kates schweren Verletzungen. »Kate ist gerade operiert worden, die Ärzte versuchen, den Hirndruck abzubauen. Ich kann noch nicht zu ihr und warte darauf, dass ich mit dem Chirurgen sprechen kann.«

»Der Betrieb ist zerstört?«, rief Doug aus. »Alles? Du meinstalles, die Fertigung, die Ausstellungsräume, das Museum, alle Antiquitäten?«

Hannahs lang aufgestauter Zorn und ihre Besorgnis brachen sich Bahn. »Hast du unsere Anrufe nicht bekommen? Deine Tochter überlebt womöglich nicht«, schrie sie. »Und wenn, dann vielleicht nur mit schwerwiegenden Hirnschäden. Kate stirbt vielleicht … Und du, ihr Vater, interessierst dich nur für diesen gottverdammten Betrieb!«

Mit frostiger Stimme fuhr sie fort: »Nur für den Fall, dass du vorbeikommen möchtest, deine Tochter liegt im Manhattan Midtown Hospital. Wenn du nüchtern genug bist, kannst du ja nach dem OP-Wartezimmer fragen. Dort wirst du mich finden, hier bete ich, dass meine Schwester am Leben bleibt.«

8

Um sechs Uhr, als Lottie Schmidt an ihrem Küchentisch Kaffee trank und sich fragte, warum sich Gus um alles in der Welt zu dieser unchristlichen Zeit mit Kate Connelly treffen musste, klingelte es an der Tür. Als sie aufmachte und sah, dass der Pfarrer und ein Polizist auf der Veranda standen, wäre sie beinahe ohnmächtig geworden. Noch bevor einer der beiden auch nur ein einziges Wort sagte, wusste sie, dass Gus tot war.

Der Tag verlief in einem Nebel aus Fassungslosigkeit. Sie nahm kaum wahr, dass Nachbarn kamen und gingen und sie mit ihrer Tochter Gretchen telefonierte.

Hatte Gretchen gesagt, dass sie heute oder morgen einen Flug von Minneapolis nehmen würde? Lottie wusste es nicht mehr. Hatte sie Gretchen auch eingeschärft, nicht mit Bildern ihres wunderbaren Hauses in Minnetonka zu protzen? Lottie war sich nicht mehr sicher.

Lottie ließ den ganzen Tag den Fernseher laufen. Sie musste die Bilder des verwüsteten Betriebsgeländes sehen, wollte sich durch das Wissen trösten lassen, dass Gus wenigstens nicht verbrannt war.

Charley Walters, der Leiter des gleichnamigen Bestattungsinstituts, der für die meisten Gemeindemitglieder schon im Voraus Vorkehrungen getroffen hatte, erinnerte sie daran, dass sich Gus immer ausdrücklich eine Feuerbestattung gewünscht hatte. Erst später fiel Lottie wieder ein, dass sie Charley daraufhin so etwas Ähnliches erwidert hatte wie: »Na, fast wäre er ja schon verbrannt, da können wir von Glück reden, dass es nicht passiert ist.«

Ihre Nachbarin und gute Freundin Gertrude Peterson kam vorbei und drängte sie zu einer Tasse Tee und einem Muffin. Den Tee brachte sie hinunter, beim Muffin winkte sie nur ab.

Zusammengekauert in eine Decke gehüllt, saß Lottie in dem breiten Sessel am Kamin im Wohnzimmer. Der Polizist hatte ihr von Kate Connellys schweren Verletzungen berichtet. Lottie kannte Kate seit ihrer Geburt, und die kleinen mutterlosen Mädchen hatten ihr so schrecklich leidgetan, nachdem der grauenhafte Unfall passiert war.

O Gott, betete sie. Egal was sie getan hat, lass sie am Leben. Und vergib Gus. Ich hab ihm gesagt, dass es ein Fehler ist. Ich hab ihn gewarnt. O Gott, sei gnädig mit ihm. Er war ein guter Mensch.

9

Jack Worth blieb bei Hannah, bis Douglas Connelly im Krankenhaus eintraf. Jack musste an sich halten, als er Connellys gerötete Säuferaugen sah, begrüßte ihn aber respektvoll und höflich: »Mr. Connelly, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir alles tut.«

Doug nickte nur und ging an ihm vorbei zu Hannah. »Gibt es Neues über Kates Zustand?«, fragte er leise.

»Nur, was ich dir schon gesagt habe. Sie liegt im Koma. Man weiß nicht, ob sie überleben wird, und falls ja, ob Hirnschäden zurückbleiben.« Hannah wand sich aus der Umarmung ihres Vaters. »Es waren Leute von der Feuerwehr da. Sie haben sich meine Nummer notiert. Sie wollten mit Kate reden, aber das war natürlich nicht möglich. Sie und Gus wurden nach der Explosion am Hintereingang des Museums gefunden. Jack fürchtet, die Polizei könnte glauben, dass sie den Brand absichtlich gelegt haben.«

Leise, aber wütend fuhr sie fort: »Dad, der Betrieb macht Verluste. Kate weiß es, Jack weiß es, du weißt es. Warum hast du das Angebot für das Grundstück nicht angenommen? Dann wären wir jetzt wahrscheinlich nicht hier.«

Im Taxi auf dem Weg zum Krankenhaus hatte sich Douglas Connelly auf genau diese Frage vorbereitet. Trotz der hämmernden Kopfschmerzen, die auch der frühmorgendliche Drink und die drei Aspirin nicht hatten verscheuchen können, versuchte er überzeugend und selbstsicher zu klingen.

»Hannah, deine Schwester übertreibt mit den wirtschaftlichen Problemen, außerdem ist das Grundstück wesentlich mehr wert, als uns bislang geboten wurde. Kate war vernünftigen Argumenten überhaupt nicht mehr zugänglich.« Er unternahm nicht noch einmal den Versuch, sie zu berühren, sondern durchquerte das kleine Wartezimmer, sank auf einen Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen. Kurz darauf bebte sein ganzer Körper unter gedämpftem Schluchzen.

Jack Worth erhob sich. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich Sie beide allein lasse«, sagte er. »Hannah, geben Sie mir Bescheid, wenn sich Kates Zustand ändert?«

»Natürlich. Danke, Jack.«

Lange saß Hannah daraufhin nur reglos in dem grauen Armsessel und betrachtete gedankenverloren ihren Vater, der ihr gegenüber in einem gleichen Sessel saß. Sein Schluchzen endete so abrupt, wie es eingesetzt hatte. Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen.

Sind alle Sessel in Wartezimmern immer gleich?, fragte sich Hannah. Und wird Kate überleben? Und wenn, wird sie dann noch derselbe Mensch sein? Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie irgendwie anders ist … Letzten Abend war sie mit Dad beim Essen. Hat sie vielleicht angedeutet, dass sie mit Gus am Museum verabredet war?

Das war eine Frage, die sie ihm stellen musste. »Dad, hat Kate gestern erwähnt, dass sie heute Morgen zum Museum wollte?«

Doug richtete sich auf, faltete nervös die Hände, löste sie wieder und strich sich über die Stirn. »Natürlich hat sie mir nichts davon erzählt, Hannah. Aber, Gott helfe uns, letzte Woche hat sie mich angerufen und mal wieder gedrängt, alles zu verkaufen, und da hat sie gesagt, am liebsten würde sie alles in die Luft jagen, dann wären wir die Sache endlich los.«

Im selben Moment trat ein Arzt mit ernster Miene durch die Tür des Wartezimmers.

10

Dr. Ravi Patel ließ sich nicht anmerken, ob er Doug Connellys schockierenden Kommentar gehört hatte. Er wandte sich auch nicht an Doug, sondern sprach Hannah an. »Ms. Connelly, wie ich Ihnen schon vor der OP gesagt habe: Ihre Schwester hat schwere Kopfverletzungen mit gravierenden Hirnödemen erlitten. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht sagen, ob sie permanente Schäden davontragen wird. Das werden wir erst erfahren, wenn sie aus dem Koma aufwacht … Das kann in wenigen Tagen oder in einem Monat sein.«

Hannahs Mund war wie ausgedörrt, ihre Lippen bewegten sich kaum, als sie fragte: »Dann glauben Sie, dass sie überleben wird?«

»Die ersten vierundzwanzig Stunden sind entscheidend. Ich würde Ihnen dringend raten, nicht hier zu warten. Es ist wahrscheinlich besser, wenn Sie sich ausruhen. Ich verspreche, sollte sich ihr Zustand ändern, werde ich …«

»Doktor, ich will die beste Pflege für meine Tochter«, unterbrach Doug. »Ich will einen Spezialisten, ich will private Pflegekräfte.«

»Mr. Connelly, Kate liegt auf der Intensivstation. Später können Sie private Pflegekräfte engagieren, jetzt ist nicht der Zeitpunkt dafür. Und natürlich werde ich mich gern mit jedem Arzt absprechen, den Sie zurate ziehen möchten.« Dr. Patel wandte sich wieder an Hannah, vergewisserte sich, dass er ihre Handynummer hatte, und sagte schließlich voller Anteilnahme: »Kate muss die nächsten Tage überstehen, und dann wird es wahrscheinlich noch lange dauern, bis sie wieder ganz gesund ist. Aber am meisten helfen Sie ihr jetzt, wenn Sie Ihre Kräfte schonen.«

Hannah nickte. »Kann ich sie sehen?«

»Sie können einen kurzen Blick auf sie werfen.«

Doug nahm Hannah am Arm und folgte dem Arzt hinaus. »Sie wird schon durchkommen«, sagte er leise. »Kate ist zäh. Sie wird es überstehen, und nachher wird es ihr besser gehen als jemals zuvor.«

Falls sie nicht wegen Brandstiftung oder sogar Mord verhaftet wird, dachte Hannah. Ihre Wut auf ihren Vater war einer Art Resignation gewichen. Aber er hat ja nicht damit rechnen können, dass Dr. Patel gerade in dem Moment ins Wartezimmer kommt, als er von Kates Kommentar erzählte.

Am Ende des langen Gangs drückte Dr. Patel auf einen Knopf und öffnete damit die schweren Türen der Intensivstation. »Machen Sie sich auf einiges gefasst«, sagte er. »Kates Kopf ist bandagiert, sie wird künstlich beatmet, und ihr Körper ist mit Infusionsschläuchen übersät.«

Trotz der Warnung war Hannah entsetzt, als sie ihre Schwester sah. Ich muss Dr. Patel wohl glauben, dass das Kate ist, dachte sie, während sie die reglose Gestalt auf dem Bett nach vertrauten Merkmalen absuchte. Kates Hände waren vollständig verbunden, erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass ihre Schwester an den Armen Verbrennungen zweiten Grades erlitten hatte, wie man ihr bei der Ankunft im Krankenhaus mitgeteilt hatte. Das Beatmungsgerät verdeckte fast das ganze Gesicht, und wegen der Kopfbandagen war von Kates blonden Haaren nicht das Geringste zu sehen.

Hannah gab ihrer Schwester einen Kuss auf die Stirn. Bildete sie es sich nur ein, oder konnte sie tatsächlich ganz schwach das Parfüm riechen, das Kate immer trug? »Ich liebe dich«, flüsterte Hannah. »Verlass mich nicht, Kate!« Und fast hätte sie noch hinzugefügt: »Du bist doch die Einzige, die ich habe«, konnte es sich aber gerade noch verkneifen.

Obwohl es so ist, dachte sie traurig. Von unserem Vater haben wir doch all die Jahre über nicht viel gehabt.

Sie trat zurück und machte Platz für ihren Vater, der sich über Kates Bett beugte. »Meine Kleine«, sagte er mit zitternder Stimme. »Du musst wieder gesund werden. Du kannst uns nicht im Stich lassen.«

Nach einem letzten Blick auf Kate wandten sie sich zum Gehen. An der Tür versprach Dr. Patel erneut, sie umgehend zu informieren, falls sich Kates Zustand ändern sollte.

Um halb zwei verließen sie das Krankenhaus. Um einem eventuellen Vorschlag zuvorzukommen, gemeinsam mit ihrem Vater zu Mittag zu essen, sagte Hannah: »Dad, ich fahre ins Büro. Ich muss noch ein paar Sachen erledigen, außerdem tut es gut, wenn ich mich beschäftige und nicht untätig zu Hause herumsitze.«

Als sie jedoch auf die Straße traten, sahen sie schon die Reporter, die nur auf sie gewartet hatten.

»Was können Sie uns über Kate Connellys Zustand sagen?«, wollten die Journalisten wissen. »Warum war sie zu dieser frühen Morgenstunde mit Gus Schmidt im Museum? Hat sie Ihnen gesagt, dass sie dorthin wollte?«

»Der Gesundheitszustand meiner Tochter ist äußerst ernst. Bitte respektieren Sie unsere Privatsphäre.« Ein Taxi hielt in diesem Augenblick am Randstein und setzte jemanden ab. Doug legte den Arm um Hannah, drängte sich mit ihr durch die Menschenmenge und schob sie auf den Rücksitz. Er stieg zu ihr und zog die Tür zu. »Fahren Sie los!«, blaffte er den Fahrer an.

»Mein Gott!«, entfuhr es Hannah. »Sie sind wie die Geier!«

»Das ist erst der Anfang«, sagte Douglas Connelly grimmig. »Das ist alles erst der Anfang.«

11

Trotz der drängenden Bitte ihres Vaters, nach Hause zu fahren und sich auszuruhen, bestand Hannah darauf, in ihrem Büro in der West Thirty-second Street abgesetzt zu werden. »Die Firma will eine Presseerklärung herausgeben, es soll eine neue Kollektion vorgestellt werden«, sagte sie, ohne dabei zu erwähnen, dass die neue Linie unter ihrem Namen laufen würde.

An der Ecke zu ihrem Bürogebäude öffnete sie die Taxitür und gab Doug einen Kuss auf die Wange. »Ich rufe dich sofort an, falls ich irgendwas hören sollte, versprochen.«

»Willst du am Abend wieder ins Krankenhaus?«

»Ja. Falls der Arzt aus irgendeinem Grund nicht früher anruft, werde ich gegen sieben dort sein.«

Der hupende Wagen hinter ihnen machte Hannah darauf aufmerksam, dass sie den Verkehr aufhielt. »Wir sprechen uns später«, sagte sie eilig und trat auf den Bürgersteig. Normalerweise fühlte sie sich sehr wohl in der geschäftigen Straße, in der es auf den Bürgersteigen von Fußgängern nur so wimmelte und ständig Kleiderständer von einem Gebäude zum anderen geschafft wurden, heute aber fand sie wenig Trost darin. Es regnete zwar nicht, aber der kalte, feuchte Wind trieb sie schnell ins Gebäude.

Luther, der Wachmann, hielt sich an der Theke in der Lobby auf. »Wie geht es Ihrer Schwester, Ms. Connelly?«, fragte er. Nach dem Medienaufgebot vor dem Krankenhaus war Hannah klar geworden, dass die Explosion und der Brand für gewaltige Schlagzeilen sorgten und sie sich auf die Fragen vorbereiten musste, die ihr zu dem Vorfall und zu ihrer Schwester gestellt werden würden.

»Sie ist schwer verletzt«, sagte sie leise. »Wir können nur beten, dass sie überlebt.« Ihr war, als könnte sie Luthers Gedanken lesen: Was hatte Kate um diese Tageszeit dort überhaupt verloren? Um zu vermeiden, dass er weitere Fragen stellte, eilte Hannah zum Aufzug. Erst als sie das Büro betrat und die erstaunten Reaktionen ihrer Kollegen und Kolleginnen registrierte, wurde ihr bewusst, dass niemand sie heute hier erwartet hatte.

Farah Zulaikha, die Chefdesignerin des Unternehmens, wollte sie am liebsten gleich wieder nach Hause schicken. »Wir verlegen die Presseerklärung auf einen besseren Termin, Hannah«, sagte sie. »Der Brand wird zumindest noch in den nächsten Tagen für ziemlichen Wirbel sorgen. Leute, die in der Nähe des East River wohnen, haben mir erzählt, dass sie vom Fenster aus die Flammen gesehen haben.«

Hannah beharrte jedoch darauf, zu bleiben. Es würde ihr guttun, hier zu sein, statt im Krankenhaus oder zu Hause her