Städtische versus ländliche Schweiz? -  - E-Book

Städtische versus ländliche Schweiz? E-Book

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Beschreibung

Das Stadt-Land-Verhältnis rangiert seit einiger Zeit in den obersten Positionen der gesellschaftspolitischen Debatten. Zum einen will man wissen, wie es mit der Zersiedelung der Schweiz weitergehen soll, zum andern inwieweit sich der Wohnort auf das politische Verhalten auswirkt. Zwischen Stadt und Land hat sich als entscheidender Faktor die Bevölkerung der Agglomeration geschoben. Auf welche Seite tendiert dieses Segment? Wie zeichnet sich suburbanes Verhalten bei Schweizer Abstimmungen aus und welche Bedeutung hat es bei gesamtschweizerischen Fragen wie gemeinsame Aussenbeziehungen und Integration? In zehn Beiträgen gehen die zwölf Autorinnen und Autoren der Frage nach, wie die aktuelle Entwicklung unserer Siedlungsstrukturen zu bewerten ist und wie sich die Siedlungsstrukturen auf die politische Mentalität und das Abstimmungsverhalten auswirken. Mit Beiträgen von: Katja Gentinetta'/'Heike Scholten, Gudrun Heute-Bluhm, Jacques Herzog, Anna Jessen'/'Ingemar Vollenweider, Georg Kreis, Wolf Linder, Benedikt Loderer, Claude Longchamp, Heike Mayer, Paul Schneeberger.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2015

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[DIE NEUE POLIS]

Herausgegeben von Astrid Epiney, Dieter Freiburghaus, Kurt Imhof und Georg Kreis

DIE NEUE POLIS ist Plattform für wichtige staatsrechtliche, politische, ökonomische und zeitgeschichtliche Fragen der Schweiz. Eine profilierte Herausgeberschaft versammelt namhafte Autoren aus verschiedenen Disziplinen, die das Für und Wider von Standpunkten zu aktuellen Fragen analysieren, kontrovers diskutieren und in einen grösseren Zusammenhang stellen. Damit leisten sie einen spannenden Beitrag zum gesellschaftspolitischen Diskurs. Vorgesehen sind jährlich zwei bis drei Bände in handlichem Format und wiedererkennbarem Auftritt für ein breites, am aktuellen Zeitgeschehen interessiertes Publikum.

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Städtische versus ländliche Schweiz?Siedlungsstrukturen und ihre politischen Determinanten

Herausgegeben von Georg Kreis

Mit Beiträgen von Katja Gentinetta und Heike Scholten, Jacques Herzog, Gudrun Heute-Bluhm, Anna Jessen und Ingemar Vollenweider, Georg Kreis, Wolf Linder, Benedikt Loderer, Claude Longchamp, Heike Mayer, Paul Schneeberger

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, ZürichDer Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015(ISBN 978-3-03810-017-1)

Titelgestaltung: unfolded, ZürichDatenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03810-082-9

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Vorwort

Die Ausdehnung der Kernstädte und der damit verbundene Verlust «ländlichen» Landes ist bisher vor allem unter verkehrstechnischen, landschaftschützerischen und raumplanerischen Gesichtspunkten diskutiert worden. Diese Aspekte sind nach wie vor so wichtig, dass sie als eigene Herausforderungen ernst genommen werden sollen. In jüngster Zeit ist jedoch eine weitere Frage hinzugekommen: die Frage nämlich, welche Konsequenzen die Veränderungen im Siedlungsraum auf das Wahl- und Abstimmungsverhalten haben. In den rituellen Kommentaren zu den Abstimmungswochenenden wird jeweils Ausschau nach dem gehalten, was man traditionellerweise als Stadt-Land-Gegensatz bezeichnet. Und mit Sorge wird dann festgestellt, dass dieser Gegensatz zunehme und die Stadt-Land-Balance wegen der Ausdehnung der Agglomerationen sich der «Land»-Seite zuneige – zum Nachteil der Kernstädte. Die vorliegende Schrift fragt darum auch nach dem komplexen Zusammenhang zwischen Siedlungsstruktur und politischem Verhalten.

Die jüngere Forschung betont, dass das Gegensatzpaar «Stadt–Land» zu simpel sei. Aber sie kommt teilweise selbst nicht ohne diese Begrifflichkeit aus und bedient indirekt und beinahe unvermeidlicherweise auch mit ihren Infragestellungen und Relativierungen wiederum die überholte Unterscheidung. Die lange Zeit nicht als eigene Kategorie wahrgenommene Agglomeration steht hier im Zentrum der Überlegungen zum Stadt-Land-Verhältnis. Unter dem Kürzel «Agglo» haftet dieser Siedlungskategorie, von der zu Recht gesagt wird, dass in ihr der grösste Teil der schweizerischen Bevölkerung lebt, eine eher negative Bewertung an. Negativ, weil ein Weder-noch, weil unter baulichen Gesichtspunkten angeblich eher unschön und weil politisch aus der Sicht der meinungsbildenden Zentren ein widersprüchliches Abstimmungsverhalten aufweisend. Es ist nicht einfach, die gegenwärtige Entwicklung zu erfassen. Noch schwieriger ist es zu sagen, wie diese Entwicklung gestaltet werden soll. Der vorliegende Band versucht beides.

Der Band versammelt Beiträge aus verschiedenen Disziplinen mit Betrachtungen aus entsprechend unterschiedlichen Perspektiven und unterschiedlichen, bewusst nicht vereinheitlichten Präsentationsformen.

Georg Kreis befasst sich in seinem Beitrag mit dem Begriff des «Urbanen», den er als Ausgangspunkt für seine Betrachtung nimmt. Im Weiteren ruft er die Debatte in Erinnerung, mit der in den 1960er-Jahren die neuen Städte problematisiert worden sind, und er zeigt, wie in den 1990er-Jahren eine stärkere Beachtung der Agglomeration aufkommt. Schliesslich fragt er nach den soziopolitischen Konsequenzen von Siedlungsgegebenheiten und postuliert, persönliche Haltungen nicht unüberlegt von diesen bestimmen zu lassen.

Wolf Linder zeigt, wie sich die einst klare räumliche Trennung von Stadt und Land nach 1947 aufzulösen beginnt, auf der politischen Ebene die Polarisierung der Stimmenden beider Zonen stark zunimmt, in den letzten Jahren aber auch von einer Zunahme der Polarisierung von Kapital und Arbeit begleitet wird. Diese Virulenz müsse ernst genommen und dürfe nicht als simpler Gegensatz zwischen rückständiger Ländlichkeit und aufgeklärter Urbanität aufgefasst werden.

Claude Longchamp zeigt auf der Basis der Abstimmungsergebnisse der letzten 20 Jahre, dass die aus einer Kombination von Stadt und Dorf als «Storf» bezeichnete Agglomeration nicht per se eine eindeutige Qualität hat, sondern dem Wandel unterworfen ist. Messpunkte bei dieser Betrachtung bleiben Stadt und Land. Festgestellt wird aber, dass nicht nur der eine, binnenorientierte und eher materialistisch ausgerichtete, Pol stärker geworden ist, sondern dass sich auch der aussen-orientierte und eher postmaterialistische Pol akzentuiert hat.

Paul Schneeberger arbeitet heraus, dass die Agglomeration städtischer ist, als gemeinhin angenommen wird, dass sie vielfältiger ist, jedoch auch Gemeinsamkeiten aufweist, die in den folgenden sechs Punkten bestehen: Pragmatismus, Individualismus, Naturnähe («Grün»), ethnische Diversität, kulturelles Leben und dynamischer Wandel. Fazit: «Die Agglomerationen sind also weit besser als ihr Ruf.»

Benedikt Loderer macht in seiner pointierten Art auf den Widerspruch aufmerksam, der darin besteht, dass seit einem halben Jahrhundert ein tief greifender, aber von (fast) niemandem bemerkter Wandel eingetreten ist. Und dass «wir» – mit allen Konsequenzen – die alte Sesshaftigkeit zugunsten einer automobilen Mobilität aufgegeben haben.

Katja Gentinetta und Heike Scholten rufen in Erinnerung, dass das schweizerische Selbstbild stark von der ländlichen Tradition geprägt ist und sich auch die verstädterte Agglomerationsbevölkerung in Zweifelsfällen daran orientiert – und nicht an der urban-globalisierten Realität der Schweiz. Diese Verkennung der Wirklichkeit und die darauf beruhende, konstruierte Identität, die auch den Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative mitbestimmt hat, könne nicht mit kurzfristig angelegten Kampagnen bekämpft, es müsse ihr vielmehr mit einem dauerhaften Gespräch über die Stärken und Schwächen unseres Landes begegnet werden.

Heike Mayer füllt mit ihrem Beitrag eine Lücke: Sie rückt die kleinen und mittleren Städte und periurbanen ländlichen Räume ins Zentrum der Betrachtung und beanstandet, dass die Forschung bisher nicht über den «metropolitanen Tellerrand» hinausgeblickt hat. Hier erscheint nicht die Agglomeration als Zwischengrösse zwischen Stadt und Land, hier bilden die kleinen und mittelgrossen Zentren die «Scharniere» zwischen Metropolitanräumen und ländlichen Räumen. Sie sind dies als bereits gegebene Realität, zum Teil aber auch nur als Potenzial. Das heisst, man muss dafür sorgen, dass sie vermehrt auch Arbeits- und Dienstleistungsorte und nicht nur Wohnorte sind. Dies zur Stärkung der kleinen Zentren, aber auch zur Stärkung der gesamten polyzentrischen Raumentwicklung der Schweiz.

Jacques Herzog präsentiert einen fiktiven Dialog zwischen «Stadt» und «Agglo» im Stil der Aufklärungsdidaktik; unverkennbar ist, dass seine Position näher bei der Stadt liegt und er für eine «urbane Mentalität» eintritt, von der erwartet wird, dass sie die Agglomeration vor Verslumung und Verwahrlosung rette.

Anne Jessen und Ingemar Vollenweider schauen mit dem Blick von guten Architekten auf die konkreten Möglichkeiten des «guten» Bauens, die sich dabei als vielfältiger erweisen, als gemeinhin angenommen. Die daraus hervorgegangene «Anleitung zu einem Baukasten für das Weiterbauen» versteht sich nicht als direkt umsetzbares Rezept, sondern will die Mentalität einer anspruchsvollen Wahrnehmung fördern und ein darauf abstellendes strategisches Feld aufzeigen.

Gudrun Heute-Bluhm macht bewusst, dass Raumentwicklung heutzutage oft über vorhandene politische Grenzen hinausgreift, ein transnationales Phänomen ist und dass dem auch die sie begleitende Politik Rechnung zu tragen hat. Die Steuerung der Raumentwicklung ist eine komplexe Aufgabe, die auf verschiedenen Ebenen betrieben werden muss – auf der kommunalen Ebene, der Länderebene, der nationalen und der internationalen Ebene – und hohe Sachkenntnisse, viel Zeit und entsprechend auch viel Geduld abverlangt. Sie gelingt eher in zentralen Bereichen wie der Mobilität (mit Schienennetzen, aber auch mit Regionaltickets), muss aber die Konsequenzen für andere Bereiche mitbedenken. Die Umsetzung sollte bereits in der Ausgangslage auf das zurückgreifen können, was sie nachher als verstärktes Ergebnis haben wird: ein das Zusammenwachsen beschleunigendes Regionalbewusstsein.

Diese Auslegeordnung kann uns helfen, dem Prozess der weiteren Verstädterung und Urbanisierung die nötige Aufmerksamkeit entgegenzubringen und als engagierte und aktive Zeitgenossen dazu eine eigene Haltung einzunehmen.

Basel, im Oktober 2014

Georg Kreis

Georg Kreis

[1]

Von der alten zur neuen Urbanität

Urban – das Wort hat umgangssprachliche Hochkonjunktur.1 Entsprechend breit und diffus wird es verwendet. Fachleute des Urbanen räumen ein, dass der Begriff in den Debatten um Stadt und Stadtentwicklung ebenso prominent wie unscharf sei.2 Ebenfalls unscharf folgt dann aber die Feststellung, dass Urbanität «seit Langem» als Zauberwort wirke3 oder eine «lange semantische Tradition» habe.4 Seit wann und vor allem: warum und in welchem Sinn? Dieses Fragen interessiert sich nicht so sehr für die wirkliche und «wahre» und, wie auch schon gesagt wurde, «echte» Bedeutung des Begriffs, sondern für die Geschichte seiner Verwendung und natürlich vor allem für seine derzeitige Bedeutung. Wann und warum und in welcher Richtung wurde Urbanität zu einem wichtigen Orientierungsbegriff?

Schon jetzt sei auf einen grundsätzlichen Unterschied in der Verwendung hingewiesen: Der eine Gebrauch meint die mentalen Eigenschaften städtischer Bevölkerung; der andere Gebrauch will mit dem Begriff die baulichen Eigenschaften von Städten benennen.5 Im einen Fall sind es vor allem die Soziologen, im anderen Fall vor allem die Architekten, die davon reden und darüber schreiben.6 Beiden Verwendungen liegen positive Bewertungen zugrunde: Die eine gilt der besonderen sozialen Kompetenz, die im städtischen Wohnen angelegt sei und sich darum auch in der Siedlungsstruktur niederschlagen müsse; die andere bezieht sich auf die baulichen Strukturen und erklärt, wie diese sein müssen, damit die Städte «leben» und den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Daran schliesst die schwer zu beantwortende und darum auch wenig erörterte Frage an, welche Zusammenhänge zwischen den beiden Realitäten bestehen: Wie bestimmen städtebauliche Verhältnisse das städtische Leben, und wie erwachsen aus städtischem Leben bestimmte bauliche Verhältnisse?7

In Anbetracht der Ausuferung der Städte zu Siedlungsstrukturen, die man heute als Agglomerationen bezeichnet, und in Anbetracht der enormen Bedeutung, die diese eigenartige Zwischenform zwischen Stadt und Land gewonnen hat, besteht schliesslich eine weitere wichtige Frage darin: Wie weit generiert das Urbane eine bestimmte, eher liberale und weltoffene Haltung mit entsprechenden politischen Konsequenzen, und wie weit ist diese Haltung auf die Kernstädte begrenzt oder dehnt sich auch auf die Bevölkerung der weiter wachsenden Agglomeration aus, sodass Urbanität gleichsam auch dort «zu Hause» sein kann?

[1.1]

Wortgeschichte und Wortgebrauch

Man kann die Semantik des «Urbanen» sozusagen zeitlos (und dogmatisch) definieren und sich dann fragen, wo und wie das Gemeinte in der Realität vorhanden sei. Oder man kann sich fragen, welche Bedeutung das Wort durch die Zuschreibung von bestimmten Verhältnissen in bestimmten Zeiten bekommt. Diese Zuschreibung mag zeitgenössischem Bedarf entsprechen. Der Wortgebrauch sollte jedoch von einer kritischen Reflexion begleitet sein, die darauf aufmerksam machen kann, wenn eine allfällige und vielleicht auch irreführende Diskrepanz zwischen Gebrauch und ursprünglichem Sinn aufkommt. Der Oldenburger Stadtsoziologe Walter Siebel legt einleuchtend dar, dass die Differenz zwischen Stadt und Land von den gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten und diesen Epochen abhängig sei.8 Stadt und Land bedeuteten tatsächlich im 15. Jahrhundert nicht das Gleiche wie im 19. und schon gar nicht wie im 21. Jahrhundert.9

Die Frage nach dem Ursprung ist die eine, die Frage nach der weiteren Entwicklung eine andere. Man kann feststellen, dass es das Wort zuweilen auch ohne die dazugehörige Sache und die Sache ohne das dazugehörige Wort gibt. Mit Blick auf die Wortgeschichte zu «Urbanität» bemerkte der Sozialwissenschaftler Edgar Salin, dass Worte nicht verschwänden, wenn die Wirklichkeit, der sie einmal Namen und Ausdruck gegeben hätten, dahin sei: «Sie verblassen allmählich, werden in anderem Sinn gebraucht und dienen als abgegriffene Münze dem Markt und der Menge.»10 Als Sache, beziehungsweise geschichtliche Form, würde Urbanität nur unter ganz bestimmten, seltenen Voraussetzungen wachsen und zumeist schnell wieder vergehen.11 Salin bewertete die Widerstandsfähigkeit der Urbanität kritisch: Im Jahr 1933 sei sie schneller zusammengebrochen als alle anderen geistigen, künstlerischen, religiösen Werte und Formen, die sich länger behauptet und oft an Widerstandskraft sogar gewonnen hätten.12

Naheliegend ist der Hinweis auf die altrömischen Wortwurzeln: Abgeleitet von «urbs», Stadt, gibt es das Adjektiv «urbanus» für das Städtische, was aber selbstreferenziell ist und nicht weiterführt. Damit gemeint ist bei Cicero fein und gebildet, bei Horaz geistreich und witzig, in besonderer Variante auch keck und dreist.13 Schon hier stellt sich die Frage nach dem Gegenteil, mit dem das Positive zusätzlich definiert wird. Der semantische Gegenpol ist das Bäurische: «agrestis» für wild, derb, roh, ungeschlacht oder «rusticus» für einfach, schlicht, ungeschliffen, tölpelhaft.

Für den humanistisch gebildeten Salin war klar, dass das Verständnis dafür, was mit «urban» gemeint sei, auf die Antike zurückgreifen müsse, und dass man dann klären müsse, wann in welchem Mass jene ideale Verwirklichung im Laufe der Geschichte gegeben oder nicht gegeben war. Er ging aber in seinen Erläuterungen hinter das Römische zurück auf Perikles und Thukydides mit dem Wort des «asteitotes» und verwies auf die frühere, grosso modo gleiche Bedeutung des Begriffs im Griechischen.

Hier kann nicht das ganze historische Panorama betrachtet werden; ein Blick auf die jüngeren Zeiten soll genügen. Einigen deutschen Städten billigte Salin in seiner historischen Tour d’Horizon wenigstens eine «Atmosphäre der Urbanität» zu. Er konzedierte den Städten Frankfurt und Hamburg, aber nicht Berlin und München urbane Qualität. Salin grenzte das Urbane gegen oben (gegen das Monarchistische und Militaristische) und gegen unten (gegen das Plebejische und Massenhafte) ab und hielt es, wie gesagt, für eine stets nur zeitweise vorhandene Gegebenheit. Er vermisste in der Zeit, da er sich zur Sache äusserte, die humanistische Qualität, in der er eine unerlässliche Dimension des Urbanen sah.

1970 verkündete er dann: «Die Urbanität ist tot, und es müssen ganz andere Zeiten und Menschen kommen, ehe sie wieder erstehen kann».14 War diese gegeben, wie im Falle des von ihm verehrten Schriftstellers Stefan George, hielt er es für möglich und wichtig, dass auch nur einzelne Menschen (also nicht ganze Gruppen und soziale Klassen) Träger von «wahrhafter» Urbanität sein konnten.15 Die aus der Antike bezogene Umschreibung könnte ohne Weiteres vor allem individuelle Eigenschaften meinen; die kollektive Dimension des Urbanen ist inzwischen jedoch die wichtigere.

Das Wort wurde nie eingedeutscht. Das gibt ihm im Deutschen einen besonderen Inhalt und Klang, anders als im romanischen und angelsächsischen Gebrauch, der durchgehend einfach das Städtische so bezeichnet. Der deutsche Sprachgebrauch könnte sich im 19. Jahrhundert an der klassischen Antike und später im 20. Jahrhundert dann an der angelsächsischen Moderne orientiert haben. Für das 19. Jahrhundert kann die Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände von 1836 stehen. Darin wird, über die bisherigen Umschreibungen hinausgehend, in Abgrenzung gleichsam zur höfischen Höflichkeit eine eigene republikanische und doch elitäre Mischung von Engagiertheit und Zurückhaltung als charakteristisch festgehalten: «Der Urbane trägt zwar kein Bedenken, in der Unterhaltung mit Anderen nicht ganz angenehme Gegenstände zu berühren oder sein Urtheil unbefangen zu äussern, allein er wird dabei immer eine gewisse Achtung gegen Die, welchen es gilt, sowie gegen die Anwesenden überhaupt beobachten und durch die Form seiner Äusserung das Kränkende derselben zu entfernen oder doch zu mildern suchen.»16 Daraus kann ersehen werden, dass dem Urbanen auch eine politische Dimension innewohnt, auf die wir zurückkommen müssen.

Im Grossen Brockhaus von 1957 war «Urbanität», wie Salin befriedigt feststellte, nicht vertreten.17 In den 1960er-Jahren wurde beides, die Sache wie das Wort, jedoch wieder wichtiger. Und dies dürfte vor allem wegen der Rezeption der amerikanischen Diskussion so gewesen sein.18 Im Duden von 1960 ist «urban» jedenfalls erfasst und auf die gängige Weise umschrieben als gebildet, geistreich, fein, gewandt, weltmännisch. 1970 tat auch der Soziologe Hans Linde – wie Salin zuvor – den Begriff als Modewort ab, ja als Worthülse und «Sammelbecken für heterogene Wunschvorstellungen, mächtige Interessen und normative Zuschreibungen».19 Und noch in der Mitte der 1990er-Jahre bemerkte der bekannte Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häussermann, dass Urbanität «zur zwanghaft wiederholten Formel für Rechtfertigung jeglicher Art von städtischem Eingriff» zu werden im Begriff sei.20 Ohne Vorbehalt widmete das 2000 erschienene soziologische Handbuch zur Grossstadt einen seiner gegen 30 Beiträge dem Stichwort «Urbanität».21

Im normativen Kern mag die Bedeutung des Worts konstant geblieben sein, die Hülse aber ist inzwischen noch wichtiger und beliebiger geworden. Besonders beliebt ist das Wort in der Werbesprache – denn «urbanity sells». Darum werden heutzutage die sonderbarsten Angebote statt als «cool» eben als «urban» angepriesen, insbesondere Kleider und Taschen als «urban fashion», aber auch Luxushotels in der wilden Alpenwelt.22 Dies an die Adresse von Leuten, die sich durch den Konsum von «Urbanem» besonders aufgeschlossen, modern und trendig vorkommen wollen. Bei diesem lockeren Wortgebrauch kann es auch passieren, dass eine autofreundliche rechtsnationale Stadtratskandidatin von einem Zürcher Traditionsblatt mit der Schlagzeile «Jung, urban, SVP» vorgestellt wird.23 Inzwischen hat das Urbane als Chiffre der «cityness» eine weitere Steigerung erfahren. Saskia Sassen sieht darin eine urbane Art, mit der Welt zu sprechen und Zivilgesellschaft zu alimentieren, gegenläufig zu «deurbanisierenden Trends» der Privatisierung des öffentlichen Raums und stärker gewordener Ausschlussmechanismen.24

«Urban» hat als Wort allerdings auch darum eine gute Konjunktur, weil städtisches Leben – nach längeren Perioden der Stadtflucht? – seinerseits wieder attraktiver geworden ist beziehungsweise als neu im Trend liegend angepriesen wird. «Das gute Leben bleibt urban», titelte das deutsche Wochenblatt Die Zeit im September 2012; es räumte ein, dass das Land zwar noch immer ein Sehnsuchtsort sei, es statuierte aber auch, nichts weniger als «die Zukunft» liege in der Stadt.25 Gegenüber solchen Einschätzungen ist allerdings Vorsicht am Platz, weil heutzutage beliebig vieles und auch Gegensätzliches als trendig bezeichnet wird.

Im zweiten Teil dieses Kapitels sollen nun zwei etwas ausführlichere Äusserungen zum Urbanen nebeneinandergehalten und mit Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede miteinander verglichen werden. Die beiden Beispiele von Umschreibungen des Urbanen liegen rund 80 Jahre auseinander, ihre Kombination erscheint etwas zufällig und könnte gerade deswegen aussagekräftig sein. Sie unterscheiden sich erheblich in ihrer Oberfläche, weisen aber doch einen gemeinsamen Kern auf.

Die erste Erläuterung stammt vom Basler Historiker Emil Dürr (Jg. 1883), einem liberal-konservativen Universitätsprofessor. Dürr interessierte sich weniger für das Städtische als für das Ländliche, ihm ging es darum, angesichts der damaligen Herausforderung durch die totalitäre und rassistische Ideologie der 1930er-Jahre im Zuge der Geistigen Landesverteidigung die schweizerische Gesellschaft als von bäurisch-demokratischer Tradition bestimmt herauszustreichen (was die so bekämpfte NS-Ideologie bis zu einem gewissen Grad ebenfalls tat).26 Das Städtische war damals, als von der «Asphaltkultur» geprägt, allgemein negativen Bewertungen ausgesetzt. Die dominante Prägung durch das Bauerntum sah Dürr im Umstand begründet, dass die Städte im Zuge der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden «Landflucht» durch das zuwandernde Landvolk rein physisch bezwungen worden seien, was sich auch am Fall der alten Stadtmauern gezeigt habe. Die Zuwanderer seien aber mehr bäurisch geblieben als städtisch geworden, es sei ein «Bauerntum in der Diaspora» entstanden.27 Was Dürr an einer Stelle als «Verbauerung der Städte» bezeichnete, nannte er an anderer Stelle «höchst unvollkommene Urbanisierung».28

Emil Dürrs Umschreibung des «Wesens der Urbanität» deckt sich mit den gängigen Vorstellungen: «Es ist überlegte Pflege der Lebensgewohnheiten und des Lebensinhaltes; ordnendes Prinzip ist Ratio, Bewusstheit, Geist, ist Rationalisierung, Geistigkeit, Stilisierung.» Besonders wichtig für die heutige Debatte ist die weitere Feststellung: «Als Mitglied einer ‹geschlossenen› Gesellschaft ist der Urbane in unendlich höherem Masse als der Bauer auf Zusammenleben, auf gegenseitiges Entgegenkommen, auf freiwilligen oder durch Konvention erzwungenen Ausgleich eingestellt, also bei allem möglichen Individualismus ein gewisses Hintanstellen der angeborenen Eigenart.» Und schliesslich: «Nur so, durch das Rangieren auf eine anerkannte Norm, kommt die wahre Gesellschaft zustande.»

Das betraf die städtischen Binnenverhältnisse; zu den Aussenbeziehungen bemerkte Dürr, die Städter seien (im Gegensatz zu den Bauern mit ihrer Bodenhaftung) «die Beherrscher der beweglichen Güter der Welt» und das Geld sei als das beweglichste Gut im Wesentlichen stadtgebunden. «Als ursprünglicher Händler war und ist der Städter auch das bewegliche Element, weltoffen, auf grössere geographische Räume, ja international eingestellt, alles im Gegensatz zum Bauern.» Zudem würden in dieser «geisterfüllten und -getragenen urbanen Kultur» erneut höchste Beweglichkeit und Vielgestaltigkeit, Internationalität und Weltoffenheit, Wandelbarkeit, aber auch Neuerungssucht und zersetzende Skepsis wirken.29 In Dürrs Bild beschränkte sich die so umschriebene Urbanität jedoch auf eine schmale Oberschicht, die städtische Masse sah er als Symbiose zwischen Bauerntum und Kleinbürgertum. Von der ehemaligen Landbevölkerung sagte er, dass in ihr «bäuerliche Art und Verbundenheit» von zwei, drei und mehr Generationen irgendwie nachwirke, darum der Befund der «unvollkommenen Urbanisierung».30

In diesem Zeitdokument finden sich auch, obwohl in Anführungszeichen, klar antistädtische Urteile, wenn Dürr etwa bemerkt, dass die Masse des Bauerntums irgendwie städtisch «infiziert» und ins Urbane «denaturiert» worden sei.31 Doch mit der Aussage, dass die Stadtbevölkerung ländlicher eingestellt sein kann (was immer das bedeutet), als man aufgrund des Wohnorts vielleicht annimmt, machte er einen wichtigen Punkt. Ländlicher? Zum Bauerntum beziehungsweise Bauern führt Dürr aus: «Für seine geistige Haltung wirkt bestimmend, dass er unendlich instinktsicherer geblieben ist als der Städter, dass er im Gegensatz zu diesem weniger rational als organisch denkt. Naturverbunden, widerstrebt ihm alles Naturwidrige und Unnatürliche; er steht eben in einem inneren Verhältnis zur Natur, das gemischt ist aus Vertrauen in deren Güte und Fülle und aus wissender Furcht vor deren elementarer Macht. Aus all diesen Eigenschaften leitet sich auch ein Konservativismus und sein Sinn für das Herkommen ab.» Dürr nannte aber auch Kehrseiten dieser löblichen Eigenschaften: «Eigensinnigkeit, Querköpfigkeit, Engstirnigkeit, Grobheit, Ungeistigkeit (…), dann Misstrauen gegen die anderen und vor allem gegen das Fremde [Xenophobie!] und das Neue.»32

Das zweite Beispiel entstand als Reaktion auf die deutschen Bundestagswahlen vom Herbst 2012: Ijoma Mangold (Jg. 1971), Literaturchef der Zeit, von Vaterseite mit einer nigerianischen, von Mutterseite mit einer deutschen Komponente ausgestattet, Studium in München und Bologna, befasste sich in diesem Artikel mit der Frage, warum die konservative Traditionspartei CDU Mühe hat, die städtische Wählerschaft zu erreichen. Das ging nicht, ohne auch auf die Frage einzugehen, was die Eigenschaften von städtischer Bevölkerung überhaupt sind. Die Umschreibung des Urbanen war denn auch das Hauptthema des Beitrags.33 Trotz zunehmender Individualisierung sei ein als urban bezeichnetes neues Megamilieu, ein neuer Mainstream, eine neue Mehrheitsgesellschaft aufgetaucht. «… mit dem Begriff Urbanität werden heute Phänomene angesprochen, die alle Teil jener grossen Emanzipationserzählung sind, die seit den 1970er-Jahren Domäne des linken Diskurses war: Gleichberechtigung, Pluralität, Individualismus, Hedonismus, flexible Familienbilder, Migration, multikulturelle Identitäten und gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit starkem Hang zur Kindesadoption.» Zu solchen Wertepräferenzen käme aber noch Kaufkraft hinzu, die es gestatte, diese Präferenz in bürgerliche Lebensformen zu überführen. Warum die CDU gemäss Mangold Mühe hat, diese Entwicklung aufzunehmen, muss hier nicht weiter interessieren.34 Interessant ist die Titelgebung des Beitrags: «Wir Stadtkinder». Schwingt da das 68er-Wort von den «Blumenkindern» mit? Oder sind das einfach Abkömmlinge der Stadt? Jedenfalls wird diesen «Kindern» nicht abgesprochen, dass sie auch Verantwortung wahrnehmen können. Der hier wichtige Punkt ist, dass gemäss Mangolds Einschätzung, in der das «Wir» eine sympathisierende Einschätzung zum Ausdruck bringt, die zuweilen auch als «Bohemiens» bezeichnete Stadtmenschen weder als traditionsfeindlich noch bindungsunwillig und die Frage als zentral ansieht, welche Balance zwischen Freiheit und Bindung gepflegt wird – dies, wie der Artikel schliesst, in der Stadt wie in der Provinz.35

In der Umschreibung von 2012 dominiert nicht zufällig das Individuelle und fehlt, gemessen an der Umschreibung von 1934, das Gemeinschaftliche. Die soziale Dimension ist bloss angedeutet im Bild des Mainstreams (des Schwarms?) und im Postulat der flexiblen Bindung, was ja nicht nur Bindung gleichsam an sich selbst meinen kann. Es fehlt eine Angabe zu den Aussenbeziehungen – Mangold würde da wahrscheinlich eine kosmopolitische Haltung angeben. Es fehlt auch die schichtspezifische Einordnung, wenn man vom Hinweis absieht, dass es sich um eine kaufkräftige Schicht handelt. Gemeinsam ist die Betonung des Freiheitlichen – Freiheit in Bindungen. Mit Freiheit ist hier natürlich nicht jene ursprüngliche gemeint, welche die ehemaligen Leibeigenen im Mittelalter erlangten, wenn sie vom Land (von der Scholle) in die Stadt zogen.36 Gemeint ist die individuelle Freiheit in der Lebensgestaltung, die sich aus der geringer bis gar nicht vorhandenen Sozialkontrolle ergibt und auch mit dem Wort der städtischen Anonymität benannt wird. Uns muss die Bindung mehr interessieren, weil sie für das politische Leben in den Städten von Bedeutung ist. Was damit gemeint ist, soll erst im nächsten Kapitel über den Stadtbürger als politisches Wesen besprochen werden. Zunächst sollten wir uns für die im Europa der 1960er-Jahre einsetzende Aufwertung der Kategorie des Urbanen interessieren, mit deren Hilfe man die Lebensqualität der grossen Städte heben wollte.

Europa: Hier muss, weil dies irgendwo geschehen sollte, auf möglicherweise bestehende nationale Unterschiede in der Ausprägung der Städte und im Verständnis des Urbanen hingewiesen werden, ohne ihnen auch nachgehen zu können. Sind die Siedlungsstrukturen der Schweiz und nur gerade ihrer Nachbargesellschaften die gleichen? Dürr und Mangold (oder gar der erst später zitierte Lefebvre) referieren nicht nur aus unterschiedlichen Zeiten, sondern vielleicht auch aus ungleichen Gesellschaftsverhältnissen. Aber wir dürfen vermuten, dass das Gemeinsame grösser ist als das Unterschiedliche. Es gibt die mehr oder weniger generalisierende Optik auf die Stadt in der europäischen Geschichte,37 wie es auch – mit dem impliziten Netzwerkansatz – die aufsummierende Vorstellung der «Stadt Europa» gibt.38

[1.2]

Zum Leben in Kernstädten

Dass Menschen und Gesellschaften als soziale Wesen urban oder nicht urban sein können, leuchtet ein. Wie aber ist es mit der Stadt als Siedlungsform? Es gibt die Meinung, dass auch städtische Siedlungsstrukturen mehr oder weniger urban seien, wobei die Grösse der Stadt meist unbeachtet bleibt.39 Gemeint ist mit urban menschlich oder lebensfreundlich und gemeint ist damit eine Stadtstruktur, die Kontakte und Begegnungen ermöglicht, ja dazu ermuntert, und damit das beseitigt, was Alexander Mitscherlich 1965 in einem viel beachteten Buch als «Unwirtlichkeit der Städte» bezeichnet hat.40

Das in den 1960er-Jahren aufkommende Stadtverständnis sprach sich für Strukturen aus, die gemeinschaftsfördernd seien, soziale Entfaltung, dichte Vielfalt oder vielfältige Dichte ermöglichen würden, mit kulturellen Einrichtungen, die über den konventionellen Betrieb mit etabliertem Programm und Publikum (über «abgesonderte Kulturgettos») hinausgreifen, mit auf Empfang ausgerichteten Bauten, mit offenen Orten wie zum Beispiel Stadtbüros, Volkshochschulen, Mediatheken, aber auch Orten, welche die Durchführung von Strassenfesten erleichtern, mit eingeplantem Spielraum für Nichtgeplantes (Zufallstreffen) sowie mit dem Ziel, Begegnungen zu ermöglichen, in denen das Individuum lernen könne, «sich auf ungerichtete, nicht genau vorstellbare und berechenbare Impulse emotional einzustellen und ohne Feindseligkeit auf Unbekanntes zu reagieren»,41 wie die Mitscherlich-Schülerin Heide Berndt 1967 formuliert hat.

Angelus Eisinger, ein Stadtsoziologe unserer Zeit, definiert den urbanen Ort «im eigentlichen Sinn» ebenfalls als frei zugänglichen Ort der Begegnung und der Interaktion.42 Ein wichtiges Kriterium zur Bewertung der städtebaulichen Urbanität ist, in welchem Mass die Siedlungsstruktur ein «selbstbestimmtes Leben» ermöglicht – oder verunmöglicht. Von den Städten der 1950er-Jahre wurde gesagt, dass eine bloss technisch verstandene Modernisierung auf Kosten der Menschen betrieben worden sei und darum der städtische Raum «zurückerobert» werden müsse. Daher auch der Begriff der «Reurbanisierung»: Stadtkerne sollten wieder städtischer werden, und dies der Suburbanisierung entgegenwirken. Die beiden Stadtsoziologen Hartmut Häussermann und Walter Siebel konstatierten in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre einen Trend in dieser Richtung mit der Bemerkung: «Man trägt wieder ‹Stadt›.»43 Gestützt wurde dieser Trend 1985 durch die Institutionalisierung der jeweils für ein Jahr ernannten «Kulturstadt Europas», seit 1999 geführt unter dem Namen «Kulturhauptstadt Europas».44

Wer oder was wird wodurch bestimmt – der Stadtmensch durch die Stadt oder die Stadt durch den Stadtmenschen? Mit dem französischen Soziologen Henri Lefebvre kann man in beiden Richtungen vor überdeterminierenden Vorstellungen warnen: «Die Vorstellung einer Determinierung sozialer Prozesse durch räumliche Strukturen und Arrangements (ist) ebenso abzulehnen wie das Gegenstück, nämlich die Auffassung, das physisch-materielle Substrat stelle eine quasi unschuldige Folie dar, auf der sich ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse beliebig abbilden lassen.»45 Diese Warnung ist auch für die uns später noch interessierende Frage wichtig, wie weit politische Präferenzen der Agglomerationsbevölkerung durch Siedlungsstrukturen der Agglomeration konditioniert sind.

Der städtische Raum bietet nichts mehr und nichts weniger als kontingente Rahmenbedingungen, welche die normativ umschriebene Urbanität ermöglichen, aber, weil blosses Potenzial, nicht zwangsläufig herstellen. Auch Eisinger unterstreicht: «Lebensweisen und Mentalitäten können nicht einfach als Resultanten bestimmter baulicher Konfigurationen verstanden werden, sondern verhalten sich dazu kontingent.»46 Es sind kaum die Siedlungsstrukturen, die eine bestimmte «städtische» Haltung erzeugen (unter Umständen können sie diese allerdings auch schwächen). Was das Städtische ausmacht, ist die Mischung von Menschen und die Vielfalt der Lebensbedürfnisse.

Seit Jahrzehnten wird über das Wesen des Stadtmenschen nachgedacht. Dieses Nachdenken muss hier nicht im Einzelnen rekapituliert werden.47 Hier geht es um die Auswirkungen des Urbanen auf die Politik. Und dazu muss zunächst festgehalten werden, dass nach einem gängigen und auch einleuchtenden Verständnis eine integrale Eigenheit des Urbanen das Politische an sich ist, wobei offen bleibt, welche Art von Politik damit gemeint ist.

Bereits 1960 bemerkte Edgar Salin beinahe beiläufig, dass die städtischen Lebensverhältnisse auch eine politische Seite hätten: «Urbanität (ist) nicht losgelöst zu denken von der Mitwirkung einer Stadtbürgerschaft am Stadtregiment in Zeiten, da der Geist nicht freischwebt, sondern sich sein ihm gemässes politisches Gehäuse zimmert. Auch fruchtbare Mitwirkung des Menschen als Poliswesen, als politisches Wesen in seinem, ihm und nur ihm eigenen politischen Raum».48 Für Salin war das Urbane identisch mit dem Bürgerlichen und das Bürgerliche identisch mit dem aktiven Wahrnehmen und Nutzen der politischen Freiheit. Dass sich das Urbane bei seinem Bezug auf die Antike auf die kleine Schar von Stadtbürgern beschränkte, die damals über demokratische Mitwirkungsrechte verfügten, war ihm allerdings keine Bemerkung wert. Dies wurde von Karl-Dieter Keim nachträglich zu Recht kritisiert.49

Auch später vorgenommene Umschreibungen des Urbanen betonten dessen politische Eigenschaft. So sprach der deutsche Städtetag 1973 von einer Urbanität, welche die «Mitarbeit der Bürger» und den «sozialen Ausgleich» fördere.50 Und in Angelus Eisingers Umschreibung aus noch jüngerer Zeit wird Übernahme von Verantwortung als integraler Teil von Urbanität verstanden, das heisst Lebensweisen, die, vom Bestehenden ausgehend, wandlungsfähig «am gesellschaftlichen Geschehen Anteil nehmen».51

Politisch kann man grundsätzlich auf unterschiedliche Weise sein; die bisherigen Umschreibungen deuten indessen an, welche Art von Politik bezüglich Stil und Inhalt dem urbanen Milieu zugeschrieben wird. Wir hören aus ihnen heraus, dass als durchgehende Tendenz eine gewisse Selbstverständlichkeit der sozialen Interaktion darin angelegt ist. Hier können wir uns an Emil Dürrs Umschreibungen erinnern, die beim Städter eine spezielle Bereitschaft zu «gegenseitigem Entgegenkommen» und zu «freiwilligem oder durch Konvention erzwungenem Ausgleich» zu erkennen meinten.52

In dieser Richtung entwickelte um 1960 der Göttinger Soziologe Hans Paul Bahrdt seine Überlegungen, indem er die Stadt als Marktort und das stadttypische Agieren als Marktverhalten verstand. Der Markt gestattet als offenes Sozialgefüge beliebige Kontakte zwischen grundsätzlich Unbekannten, und er produziert «unvollständige» beziehungsweise begrenzte Integration. Bereits Georg Simmel hat festgestellt, dass sich die sozialen Kontakte in der Stadt funktional auf Partielles beschränken und entsprechend unpersönlich bleiben. Dies im Gegensatz zu den kleinstädtischen und dörflichen Verhältnissen, in denen sich die sozialen Kontakte in einem Ganzen bewegen und beim punktuellen Kontakt immer auch Ausserfunktionales eine Rolle spielt, weil zum Beispiel Postkunden und Pöstler immer auch Nachbarn, Lebensmittelkunden, Kirchgänger, Vereinsmitglieder, Hundehalter, Rasenmäher, Stammtischmitglieder und was immer sind. Im städtischen Leben dagegen machen die begrenzten Kontakte es möglich, dass bestehende Status- und Einstellungsdifferenzen eine geringe oder überhaupt keine Rolle spielen und sich Fremde darum leichter bewegen können als in den geschlossenen Kreisen des Dorfes.53

Die Bedeutung des Fremden nimmt in der Umschreibung des Städtischen eine wichtige Stellung ein. Es wird gesagt, dass man in der Stadt, ob als Einheimischer oder als Zugewanderter, fremd sein darf und der Fremde sogar der idealtypische Stadt-Bürger/-Bewohner sei, weil er nicht mit grösster Selbstverständlichkeit dazugehöre, gegen aussen (und andere) nicht zu markanten «Herr-im-Haus»-Haltungen neige und dennoch, vielleicht gerade deswegen, mit vielen diversen Stadtbewohnern Kontakt habe.54 Schon Louis Wirth hat darauf hingewiesen, dass die Stadt migrationsbedingter Vielfalt gegenüber nicht nur tolerant sei, sondern auf sie setze und sie sogar belohne.55