STAHLZEIT Band 11 - Tom Zola - E-Book

STAHLZEIT Band 11 E-Book

Tom Zola

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Beschreibung

Erleben Sie Tom Zolas nervenzerfetzende Alternativwelt-Serie über einen anderen Zweiten Weltkrieg jetzt in ihrer besten Version! Während die Schlacht um Großbritannien in voller Härte tobt, regt sich im Deutschen Reich Widerstand. Mehr und mehr Menschen sind nicht länger bereit, Kanzler Halder zu folgen, der jedes Gesprächsangebot der Kriegsgegner ausschlägt und stattdessen auf einen vollständigen militärischen Sieg setzt. Vor dem Schloss Bellevue kommt es zum Showdown zwischen den Truppen des Kanzlers und den Aufständischen … Für diese Neuauflage hat der Autor den Text vollständig überarbeitet und inhaltliche sowie sprachliche Fehler korrigiert. Freuen Sie sich auf die beste Version von Stahlzeit, die es gibt!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Berlin, Bundesrepublik Deutschland, 12.05.1953

Epilog

Personenverzeichnis

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Impressum

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Ihr Team von EK-2 Publishing

Außerhalb von Rickenbach, Deutsches Reich, 29.03.1946

»Lkw fährt rechts auf Landstraße nach Laufenburg ab«, sagte Hauptmann Udo Anders ins Funkgerät.

»Konnte … letzten … nicht aufnehmen«, knisterte die Stimme des Kommandeurs der zuständigen Gendarmerie-Dienststelle aus dem Lautsprecher. Störgeräusche begleiteten die wenigen Wortfetzen, die durchkamen.

»Verdammt noch eins«, knurrte Anders und drückte erneut die Sprechtaste. Feldwebel Jäger gab Gas. Er, Taylor und Anders folgten dem flüchtigen Lkw, ein zweiachsiger Citroën 23, den Schneiders Entführer skrupellos durch die Landschaft prügelten. Dieser bretterte mit halsbrecherischem Tempo durch die Walachei Badens.

Der Fahrer des Citroëns wusste jedenfalls genau, was er tat. Seitdem er Freiburg hinter sich gelassen hatte, hielt er sich auf Landstraßen, befuhr teilweise sogar für den Verkehr ungeeignete Stichwege, wo er mit seinem schweren Wagen Jägers offenen Kübel ein ums andere Mal beinahe abgehängt hätte. Gezielt umfuhr er jede Ortschaft, in der sich eine Polizeidienststelle befand, und nutzte Wege, die nicht ausgeschildert waren. Taylor war sich daher sicher: Es waren mitnichten unorganisierten WsdV-Leute am Werk, sondern Profis, die den Rückweg in die Schweiz über Monate hinweg akribisch geplant und ausgespäht hatten.

Der Gendarmerie und Polizei jedenfalls blieb nichts anderes übrig, als, Anders‘ Kommandos folgend, den Geschehnissen hinterher zu hecheln. Und die Nadel, die den Treibstoffstand von Jägers Kübel anzeigte, näherte sich dem roten Bereich. Weit mehr als 100 Kilometer hatten sie bereits zurückgelegt, und wenn Taylors Vermutung zutraf, war der Citroën der Entführer mit einem Zusatztank modifiziert.

Der Lastwagen, und kurz darauf Jägers Kübel, fuhren auf eine holprige, aus Betonplatten bestehende Landstraße. Rechts und links erstreckten sich bestellte Äcker. Kohlköpfe sprossen aus dem Grund.

Taylor rutschte auf der Rückbank hin und her. Die steigende Furcht um seinen Kameraden schnürte ihm die Kehle zu. Seine Brust sendete einen pochenden Schmerz aus. Seine Lunge fühlte sich wie eingequetscht an, jeder Atemzug war qualvoll. Und doch konnte er nur an Schneider denken. Dank seines fotografischen Gedächtnisses war er in der Lage, die Verfolgungsjagd im Geiste exakt nachzuzeichnen. In zehn Kilometern würden sie die deutsch-schweizerische Zwillingsstadt Laufenburg erreichen, die direkt am Rhein lag.

»Lkw abgebogen!«, wiederholte Anders. »Rechts auf Landstraße nach Laufenburg!«

Taylor knetete die Hände. Der Schweiß platzte ihm aus allen Poren; sein Gesicht verlor jede Farbe. Er wusste, dass es aus war für seinen Kumpel, würden dessen Entführer die Grenze erreichen.

»Verstanden«, knackte die Antwort vom Kommandeur der Gendarmerie schwer verständlich aus dem Lautsprecher. Technisches Rauschen unterbrach immer wieder den Funkverkehr. Der fauchende Fahrtwind erschwerte jede Verständigung zusätzlich. »Wir sind hinter Ihnen, werden nicht rechtzeitig in Laufenburg sein. Wir umfahren den Ort, sperren alle Straßen, die deutscherseits herausführen. Dann bleibt denen nur noch der Weg über die Grenze. Und damit haben sie verloren!«, erklärte der Gendarm in einem kurzen Moment, in dem die Verbindung gut war.

Kanzler Franz Halder hatte zuletzt umfangreiche bilaterale Abkommen mit der Schweiz aushandeln können, die unter anderem eine bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden vorsahen. Dies schloss auch eine Auslieferung von Straftätern ein, worauf sich der Gendarm in diesem Augenblick wohl berief.

»Wir stehen mit den Schweizern in Verbindung. Die sind instruiert«, ergänzte der Mann. »Die halten sich mit einem Greiftrupp direkt hinter der Grenze bereit.«

»Ja, haben Sie denn keine Leute vor Ort?«, fragte Anders nach. Die Antwort des Kommandeurs ließ auf sich warten, kam schließlich kleinlaut: »Einen Grenzposten mit Schlagbaum vom Zollgrenzschutz.«

»Also nein«, kommentierte Anders, ohne die Sprechtaste zu drücken. Taylors Hände waren zu Eisblöcken geworden; der eiskalter Schweiß ließ ihn frieren.

»Na gut!«, versetzte Anders lautstark, um den Lärm der Fahrt und das Röhren des Motors zu übertönen. »Wir halten Sie auf dem Laufenden. Die Schweizer Behörden lassen mich jedenfalls hoffen.«

Der Hauptmann lehnte sich in seinem Sitz zurück, entspannte sich sichtlich. Jäger trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch; der Kübel rumpelte bei jeder Betonnaht, über die er bretterte. Die drei Soldaten rasten dem Lkw mit einem Abstand von 25 Meter hinterher, waren mit annähernd 70 Stundenkilometer unterwegs. Mehr hatten beide Fahrzeuge nicht auf dem Kasten. Der Citroën wirbelte eine feine Staubwolke auf, die den Kübel einhüllte.

»Gehen Sie etwas vom Gas, Herr Feldwebel«, forderte Anders. »Nicht, dass wir uns noch totfahren.«

»Aber die Entführer …«

»… sitzen in der Falle. Entweder die Schweizer oder eine Straßensperre kassiert sie. In Laufenburg ist für die gemeinen Kerle jedenfalls Endstation.«

Jäger gehorchte. Der Abstand zum Lastwagen vergrößerte sich.

Taylor kämpfte mit sich. Mit seiner Pflicht, Geheimes geheim zu halten. Mit blumigen Bildern, die sein Verstand von einer möglichen Zukunft Schneiders in der Schweiz malte. »Wir dürfen sie nicht in die Schweiz entkommen lassen … Das wäre das Todesurteil für meinen Kameraden!«, hörte er sich sagen.

Anders drehte sich zu Taylor um; der Kübel überfuhr in diesem Augenblick eine Bodenwelle und hüpfte leicht.

»Erklären Sie mir das mal.«

»Sie wissen, was der Sonderverband 804 ist?«

Anders nickte. Nachdenklich.

»Dann ist Ihnen auch geläufig, dass wir … unkonventionell vorgehen?«

»Ich kenne die wilden Geschichten. Worauf wollen Sie hinaus?«

»Vor Jahren waren mein Kamerad und ich an einer Operation in der Schweiz beteiligt.«

»Weiter.«

»Die Entführer meines Kameraden haben mit einem Schweizer Akzent gesprochen.«

»Sie glauben …?«

»Wir haben es mit einem Kommando des Schweizer Geheimdienstes zu tun.«

Sie passierten in diesem Augenblick ein Straßenschild: »Laufenburg (Schweiz): 8 Kilometer.«

Anders gönnte sich den Luxus eines bewussten Atemzugs, ehe er an Jägers Koppel griff und dessen Walther P38 aus dem Holster zog. Mit der Routine eines langjährigen Soldaten prüfte er das Magazin und den Ladezustand, dann lud er durch und reichte sie Taylor. Anders selbst zückte seine Walther PP.

»Ich könnte jetzt nachfragen … aber ich vermute, es ist für alle Beteiligen besser, wenn ich gar nichts Genaues weiß. – Herr Jäger, bringen Sie uns näher an die Mühle heran.«

Der Feldwebel grinste, gab abermals Vollgas. »Na endlich wird es mal spannend.«

»Sie können aber mit einer Pistole umgehen, oder geht es bei Ihrem Sonderverband nur um Einkaufstouren im neutralen Ausland?«

Taylor zog den Verschluss halb zurück und warf einen Blick ins Patronenlager, in dem das Messing blitzte.

»Ich denke, ich komme zurecht.«

»Gut, zielen Sie auf die Reifen.«

»Wir könnten meinen Kameraden treffen.«

»Ich weiß. Nennen Sie mir eine gute Alternative und ich bin dabei. Bis dahin müssen wir versuchen, den Laster zu verlangsamen, wenn wir ihn vor Laufenburg stoppen wollen. Denn mitten in der Innenstadt dulde ich keine Knallerei.«

Jäger schaltete einen Gang zurück, der Motor des Kübels drehte auf. Der Feldwebel stand auf dem Gaspedal, kitzelte noch einige Stundenkilometer aus seinem Fahrzeug heraus. Er schaltete weiter, und tatsächlich, auf der betonierten Straße übertrug der VW einen Tick mehr Leistung auf den Asphalt als der Citroën. Quälend langsam verringerte sich der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen. Der Feldwebel umklammerte das Lenkrad, fasste verbissen sein Ziel ins Auge. Meter um Meter kroch der Kübel an den Lkw heran. Jede Nahtstelle zwischen den Betonplatten der Straße erzeugte ein Schlaggeräusch.

Das angespannte Gesicht des Lkw-Fahrers war im Seitenspiegel zu erkennen. Das Entsetzen eroberte dessen Züge, als er sah, wie sich Anders und Taylor samt Pistole aus dem Wagen lehnten. Der Citroen brach nach rechts aus, geriet mit zwei Rädern auf den Seitenstreifen, warf Dreck und Grasnarben auf. Anders und Taylor zielten, soweit das bei 70 Stundenkilometer möglich war. Der Ausflug ins Grüne verlangsamte den Citroën. Jäger holte weiter auf; sein Wagen fuhr bis auf Höhe des hinteren linken Radkastens vor.

Die beiden Soldaten feuerten. Funken sprühten über das Blech des Lkw, Querschläger surrten lautstark weg. Der Reifen zerfetzte mit einem Knall. Ausgefranzte Gummilappen wirbelten umher, klatschten auf die Windschutzscheibe des Kübels. Der Lastwagen schleuderte nach rechts, raste ganz von der Straße und bretterte ungebremst gegen eine dicke Schäferbuche. Ein fürchterlicher Schlag erklang; die Ladefläche des Lasters drängte gegen das Fahrerhäuschen, drückte dieses zusammen wie eine Quetschkommode. Das Blech verbog sich bis zur Unkenntlichkeit. Alle Scheiben klirrten, Glas- und Metallsplitter flitzten als Geschosse umher. Die Buche schüttelte ihr Haupt unter dem Aufprall; ein Regen aus Blättern rieselte auf den verbogenen und sich im Stamm verkeilenden Citroën hernieder.

Jäger stieg in die Eisen, der Kübel vollführte quietschend eine Vollbremsung. Anders und Taylor sprangen sogleich aus dem Fahrzeug. Der Feldwebel krallte sich das Funkgerät und setzte eine Meldung an die Gendarmerie ab.

Mit gezückter Pistole näherten sich Taylor und Anders dem verunfallten Lastwagen. Sie nickten einander zu, dann war alles klar. Der Hauptmann nahm sich die Fahrerkabine vor – der Fahrer hing blutüberströmt über dem Lenkrad. Taylor tippelte um den Wagen herum, bis er das Heck einsehen konnte. Über Kimme und Korn der Pistole nahm er die Ladefläche in Augenschein, dann sah er Schneider, der gefesselt und reglos auf den Holzplanken lag, und neben ihm ein Mann, der sich halb weggetreten die Stirn rieb. Von dem vermeintlichen Fremdenführer fehlte jede Spur.

»Sicherheit!«, brüllte Anders von vorne, nachdem er den Tod des Fahrers festgestellt hatte.

Taylors Puls kletterte gegen Unendlich. Er biss die Zähne aufeinander; ein ekelhafter Schmerz zuckte durch seinen Kiefer. Er fürchtete, Schneider wäre bei dem Unfall ums Leben gekommen, denn der Kamerad rührte sich nicht, lag auf der Ladefläche, als würde er schlafen. Taylor sprintete auf den Lastwagen, kraxelte hinauf. Der Schweizer neben seinem Kameraden stöhnte unterdrückt. Taylor visierte, schoss dem halb Bewusstlosen zwei Kugeln in die Brust. Der regte sich danach nicht mehr.

»Sicherheit«, rief nun auch er. »Aber einer fehlt!«

Hektisch sah er sich um, blickte durch die aufgerissene Plane nach draußen. Dann fiel sein Blick auf Schneider. Er kniete sich neben ihn, suchte dessen Puls. Fand ihn! Schneider öffnete die Augen.

Aus dem Augenwinkel wurde Taylor gewahr, dass eine Waffe auf ihn gerichtet war. Er sah auf, erkannte den Fremdenführer, der draußen neben dem Citroën stand. Taylor sah durch die aufgerissene Plane hindurch direkt in die Mündung einer Pistole.

Instinktiv warf er sich über Schneider, kugelte sich über ihm zusammen. Er hörte den Knall der Waffe, spürte, wie sich ein höllenheißer Fremdkörper wie eine Nadel einen Weg durch seinen Oberkörper bahnte. Ein Schmerz, ein grässlicher Schmerz, ergriff Besitz von ihm, versagte ihm jede Bewegung. Taylors Glieder erschlafften, er begrub Schneider unter sich, der wild aufschrie. Weitere Schüsse krachten. Der Fremdenführer brach zusammen.

»Mistkerl«, brüllte Anders. »SICHERHEIT!«

Südlich von Canterbury, Großbritannien, 01.04.1946

»Arie, hier spricht Warbird.«

»Arie hört.«

»Hier Warbird. Befinde mich südwestlich von Louisiana, über der Verbindungsstraße, die nach … nach … Mississippi führt.« Aus Gründen der Verschleierung nutzte der Pilot Codenamen für Ortsbezeichnungen. Louisiana stand für Canterbury, Mississippi für Ashford. Der Mann steuerte sein Grashopper-Aufklärungsflugzeug, ein an die Flugzeuge des Großen Krieges erinnernder Schulterdecker, parallel zur angesprochenen Straße in niedriger Höhe. Sein Kopilot, der hinter ihm in der Kanzel saß, fertigte fleißig Fotografien von ihrer Entdeckung an. Nieselregen tröpfelte gegen das Glas; das Wasser fuhr Bahnen darauf. In der Ferne zogen einige Lockheed P-80-Düsenjäger ihre Bahnen.

»Arie verstanden.«

»Haben eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Drei Fahrzeuge, deutsche Fabrikate. Bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Mississippi.«

»Deutsche Autos im Krautland? Nicht ungewöhnlich, wenn Sie mich fragen, Warbird.«

»Diese schon, kommen.«

»Spucken Sie es aus, Mann!«

»Vorneweg ein Volkswagen, dahinter zwei Laster. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die Laster jagen den VW. Es fallen Schüsse. Sieht aus, als würde der Beifahrer des vorderen Trucks aus dem Seitenfenster heraus auf den Volkswagen feuern.«

»Ähem … warten Sie kurz …«

Eine Pause von exakt 40 Sekunden. Der Pilot hielt seine Maschine weiter parallel zur ausgefahrenen Piste, auf der sich die drei deutschen Fahrzeuge eine Verfolgungsjagd lieferten. Der Fahrer des Kübels fuhr Schlangenlinien, um dem Feuer seiner Verfolger zu entgehen.

»Warbird, hier Arie. Bleiben Sie an den Germans dran. Es scheint da derzeit einige … Verwicklungen auf der gegnerischen Seite zu geben.«

»Warbird verstanden.« Der Pilot hielt seinen Grasshopper wenige zehn Meter über dem Boden. Er flog so haarscharf über die Baumwipfel hinweg, dass sie vom Fahrtwind erfasst und in Bewegung versetzt wurden. Der luftgekühlte Vier-Zylinder-Motor röhrte. Dazwischen ertönte immer wieder das Klicken der Kamera.

»Krauts, die auf Krauts schießen!«, brüllte der Kopilot gegen den Lärm an. »Jetzt habe ich alles gesehen.«

*

»Sammeln, Marines!« Mit fester Stimme trommelte der Gunny seine Männer zusammen und steckte sich dabei eine Fingerspitze Kautabak zwischen die Zähne. Er musste das Getöse übertönen, das die Rotoren der Albatross-Hubschrauber verursachten. Eine Traube schwerbewaffneter Männer, gekleidet in grüngescheckte Tarnanzüge, umringte ihn alsbald.

»Warum sind wir außerplanmäßig gelandet?«, fragte einer und erhielt prompt die Antwort: »Unser kleiner Ausflug nach Smeeth ist abgeblasen, Ladies. Wir haben neue Befehle erhalten.«

»Mitten auf dem Weg?«

»Zwei Flugminuten von hier hat ein Vogel der Army zwei feindliche Trucks aufgeklärt, die sich mit einem dritten deutschen Fahrzeug eine Verfolgungsjagd liefern. Irgendetwas ist bei den Krauts im Busch. Der Barras braucht ein Lagebild. Wir gehen rein und schnappen uns den Kübel. Die Sache läuft airborne ab, wie wir es geübt haben. Also baut keinen Scheiß da oben. Oorah?«

»Oorah!«

»Einhaken, Männer!«

Die GI stoben auseinander, eilten den vier Albatross-Hubschraubern entgegen. Die Rotoren drehten sich, schneller und schneller; sie wirbelten nasse Grashalme auf. Die Marines nahmen die Hände schützend vors Gesicht, kämpften gegen die Kraft an, die die Abwinde produzierten. Geduckt traten sie an die Maschinen heran, setzten sich, halfen einander beim Einhaken. Die vorderen Soldaten gaben den Piloten schließlich ein Handzeichen, und die ließen die Hubschrauber sogleich aufsteigen. Sie flogen zur Keilformation auf und brausten in Richtung Nordost davon.

Im Konturflug sausten die Albatrosse über ein weitläufiges Waldgebiet hinweg. Die Baumkronen schüttelten sich im Abwind, ihre jungen Blätter glänzten hellgrün. Am Horizont tauchte eine kleine Propellermaschine auf. Die Marines machten einander auf das Flugzeug aufmerksam, nickten, prüften letztmalig die Ladezustände ihrer Waffen. Da sie einen luftgestützten Angriff flogen, waren sie allesamt mit vollautomatischen Thompson-Maschinenpistolen samt Trommelmagazinen ausgerüstet. Ein Mann jeweils klemmte hinter dem an der rechten Hubschrauberseite montierten BAR-Maschinengewehr, versehen mit einem 200-Schuss-Spezialmagazin.

Die Hubschrauber näherten sich der Straße, die abseits des Waldes über eine wellige Ebene führte. Der Pilot der Aufklärungsmaschine flog Kreise. Unter ihm wurden drei Fahrzeuge sichtbar, die in einem Höllentempo unterwegs waren. Vorweg ein Kübel, dahinter zwei Lastwagen, ganz so, wie es gemeldet worden war. Balkenkreuze prangten auf den Flanken. Ein Deutscher streckte seinen Oberkörper aus dem Fahrerhäuschen des vorderen Lastwagens; in Händen hielt er eine Maschinenpistole, die wiederholt Salven spuckte. Sie galten dem Kübel, der mit Vollgas seinen Verfolgern zu entfliehen versuchte. Die zugezogene Plane des Volkswagens war durchlöchert; Einschusslöcher klafften ebenso im Blech der hinteren Kotflügel.

Das Städtchen Ashford befand sich noch in britischer Hand, doch war bereits zu drei Seiten von deutschen Truppen eingekesselt. Die Straße führte direkt in die Stadt. In wenigen Kilometern würden die Fahrzeuge die Hauptkampflinie erreichen. Das wussten die Marines zu verhindern. Kurze Absprachen via Handzeichen zwischen den Piloten und den Truppführern reichten aus, dann war die Nummer gebongt. Die Hubschrauber gingen jenseits des Waldes noch tiefer hinunter, schwebten nur noch Meter über der Erde. Die Abwinde drückten das Gras unter ihnen platt. Die Piloten gaben Schub, näherten sich den Fahrzeugen, zogen mit ihnen gleich.

Die Truppführer gaben den Feuerbefehl. Das Belfern der BAR und das Tackern der Tommys ging unter im ohrenbetäubenden Dröhnen der Rotoren. Die Wirkung des Feuers blieb nicht aus. Die Fahrerkabine des vorderen Lkw zerbarst förmlich unter den Einschlägen; alle Scheiben zerplatzten, Funken und Glassplitter sprangen umher. Der Soldat mit der Maschinenpistole sackte zurück auf seinen Sitz. Der Fahrer zuckte unter mehreren Treffern vor und zurück; im Todeskampf zerrte er am Lenkrad. Der Lastwagen brach aus, fuhr von der Straße runter, verkeilte sich im Straßengraben. Die durch den abrupten Stopp auf die Karosserie einwirkenden Kräfte stauchten ihn zusammen. Unter der Plane, die über die Ladefläche gespannt war, kamen weitere deutsche Soldaten zum Vorschein. Sie torkelten und krochen aus dem Fahrzeug. Einer der Hubschrauber blieb zurück, sein MG-Schütze bereitete den Deutschen ein jähes Ende. Blutüberströmte Körper stürzten vom Laster, fielen ins Gras.

Der Fahrer des zweiten Lastwagens hatte die Gefahr erkannt. Er ließ von der Verfolgung des Kübels ab, bremste, wollte wohl wenden. Drei Hubschrauber waren an ihm dran – die Marines eröffneten das Feuer aus Maschinengewehren und Maschinenpistolen. Reifen zerfetzten im Kugelhagel; die Plane flatterte unter den Einschlägen. Garben der BAR zersägten die Fahrerkabine, zersägten gleichfalls ihre Insassen. Im Hintergrund setzte der vierte Albatross bereits auf der Straße auf. Die Marines waren binnen eines Wimpernschlages abgeschnallt; mit erhobenen Waffen liefen sie dem im Straßengraben steckenden Laster entgegen, dessen Oberfläche im Nieselregen und Tageslicht glänzte. Die Tommy Guns spuckten sichtbare Mündungsflammen aus, als sich beim Lastwagen etwas regte. Ein getroffener Deutscher kugelte von der Ladefläche, blieb im nassen Gras liegen. Die Marines sicherten eilfertig den Wagen. Noch einmal knatterte eine Tommy Gun und beendete das Leiden eines Sterbenden.

Ein Albatross setzte unweit des zweiten Lastwagens auf, und die Prozedur zur Sicherung des Wracks wiederholte sich. Blutende Deutsche, die sich von der Ladefläche kämpften, wurden gnadenlos niedergemacht.

Der Kübel verlangsamte seine Fahrt, hielt schließlich an. Die zwei verbliebenden Hubschrauber schlossen zu ihm auf – der Gunny persönlich war Teil der Besatzung. Sie landeten hinter dem Volkswagen. Die Marines machten sich los, näherten sich dem Pkw mit gezückten Waffen. Unruhige Zeigefinger umspielten die Abzüge.

Die beiden Vordertüren des Kübels öffneten sich. Auf der Fahrerseite erschien ein völlig verstörter junger Mann. Er kniff die Augen zusammen, als er in den Nieselregen trat, und hob zitternd die Hände in die Höhe.

»Bewegt euch, sichert alle kriegswichtigen Informationen! Wir sind hier im Reich der Deutschen, und ich will keine Sekunde länger bleiben als nötig«, machte der Gunny seinen Männern Beine. Er musste aus voller Lunge brüllen, um die Triebwerke der Albatrosse zu übertönen. Indes verstärkte er den Griff um seine Tommy Gun, verengte die Augen zu Schlitzen. Er wurde der roten Kragenspiegel des Beifahrers gewahr, die durch das zerschossene Heckfenster in der Kübelplane zu erkennen waren. Der Mann stieg mühsam aus, er hielt sich den rechten Arm, seine Uniform wies dunkle Flecken an der Schulter auf. Der Gunny schätzte ihn auf Mitte 50. Harte Gesichtszüge, die von Verdruss und Schmerz gleichermaßen gezeichnet waren. Die Achselstücke des Mannes leuchteten goldrot; zwei gekreuzte Marschallstäbe prangten auf ihnen. Ohne Zweifel, ihnen war ein Generalfeldmarschall der Deutschen Wehrmacht ins Netz gegangen. Der Gunny vermochte sich ein triumphierendes Grinsen nicht zu verkneifen. Er und der deutsche General – etwa 20 Meter trennten sie – schätzten einander ab. Die anderen GI hielten sich unsicher im Hintergrund, ihre Waffen waren vor allem auf den Fahrer gerichtet. Der sah aus, als würde er sich vor Angst jeden Augenblick in die Hose machen. Der Gunny trat dem General entgegen. Er behielt den Finger am Abzug, Kimme und Korn seiner Tommy Gun verloren den Deutschen nicht aus dem Fokus. Der wartete geduldig ab. Er unterdrückte jeden Ausdruck von Schmerz erfolgreich, den er unweigerlich empfinden musste. Mit steigender Nervosität blickte der Gunny durch das durchsiebte Sichtfenster in der Kübelplane, sah nun einen weiteren Kerl, der sich halb liegend, halb sitzend auf der Rückbank befand. Er schlotterte, als würde er einen epileptischen Anfall erleiden. Blut sprudelte ihm aus dem Mund.

»Was ist mit dem?«, fragte der Gunny den Generalfeldmarschall und bemühte dafür seine passablen Deutschkenntnisse. Der Angesprochene zuckte mit den Achseln.

»Der ist hin.« Die Schwingungen in der Stimme des Offiziers verliehen seiner Trauer Ausdruck.

»Und du bist?«

»Generalfeldmarschall Erich Hoepner.«

Für eine Sekunde blieb dem Gunny die Spucke weg. Konnte es sein … konnte es wahrhaftig möglich sein, dass ihm der Oberbefehlshaber der England-Invasion ins Netz gegangen war? Der Marine hob eine Augenbraue als Zeichen seines Erstaunens.

Hoepner lächelte milde. Er stand wie eine Statue im Nieselregeln, der zunehmend seine zerknitterte Generalsuniform benetzte.

»Und Sie haben Räuber und Gendarm mit ihren Freunden da drüben gespielt, oder wie darf ich mir das vorstellen?« Der Gunny schob den Kautabak in seinem Mund von der einen Seite auf die andere und wies dann mit dem Daumen auf die zerstörten Lastwagen in seinem Rücken.

»Das waren Soldaten des Kanzlerbataillons.«

»Kanzlerbataillon?«

»Von Stauffenbergs Gesindel. Sie haben uns wie aus dem Nichts überfallen und meinen halben Stab niedergemetzelt.«

»Stauffenberg … so, so.« Den Namen hatte der Gunny schon mal gehört, konnte ihn aber nicht zuordnen.

»Gunny!« Ein Ruf riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum, blickte in das Antlitz eines käsigen Marines, der den Anschein erweckte, als wäre die Maschinenpistole in seinen Händen zwei Nummern zu groß für ihn.

»Ja?«, knurrte der Angesprochene.

»Sir, das sollten Sie sich ansehen!«

»Was denn?«

»Wir sind uns nicht sicher, aber … bitte schauen Sie es sich an.«

Der Gunny und sein Soldat liefen zum ersten Lastwagen, wo die GI damit beschäftigt waren, die Leichen zu bergen und sie auf der Straße in einer Reihe abzulegen. Die klopfenden Hubschrauberrotoren produzierten Abwinde, die den fallenden Nieselregen mit sich rissen und die Marines damit besprühten. Gebrüllte Kommandos erklangen in der Kakofonie des Triebwerkgedröhns. Der Marine führte den Gunny direkt zu den Leichen; Generalfeldmarschall Hoepner folgte mit einigem Abstand. Die Rohrmündungen mehrerer Waffen folgten wiederrum ihm.

»Da, sehen Sie!«, rief der Marine gegen den Lärm und zeigte auf einen der Körper. Mehrere Einschüsse hatten Löcher in dessen Brust gestanzt. Das dunkle Haar war ordentlich gekämmt, das Gesicht mit Schmissen überzogen.

»Ist das …?«, fragte der Marine.

»Oh, ja«, antwortete der Gunny jubelnd. »Die Hackfresse erkenne ich!« Er drehte sich zu Hoepner um, wies auf den Toten.

»Oberst Skorzeny«, gab Hoepner ohne jede Regung preis.

»Halders Spezialist höchstpersönlich«, ergänzte der Gunny und freute sich ob des doppelten Erfolgs ein Loch in den Bauch. Er wandte sich seinem Soldaten zu, befahl, den Leichnam sorgfältig zu durchsuchen und Fotografien anzufertigen. Der milchige Knabe legte gleich los, trommelte dazu einige Kameraden zusammen.

Der Gunny schob abermals den Kautabak von der einen Mundseite auf die andere, ehe er Hoepner betrachtete und fragte: »Was geht da bei euch Krauts vor sich?«

Der deutsche General ignorierte die Frage, sagte stattdessen: »Ich ersuche Ihre Regierung hiermit offiziell um Asyl.«

»Asyl?« Der Gunny gluckste. »Alterchen, das hättest du gerne, was?« Er drehte sich zu seinen Männern um, bellte: »Festnehmen, eintüten und abführen!«

Außerhalb von Chilham, Großbritannien, 01.04.1946

Die Tiger-Panzer der 2. Kompanie lagen außerhalb des Fachwerkörtchens Chilham in gedeckten Stellungen. Versteckt im Gesträuch, getarnt mit Ästen und Blattwerk, sahen die mächtigen Stahlkolosse aus wie fahrbare Hecken. Stendals Zug bestand aus drei Wagen; diese parkten zwischen einem Gehöft und einer Scheune inmitten einer Kusselgruppe. Von der Straße aus waren sie kaum einzusehen. Der Rest der Kompanie befand sich in mehreren hundert Metern Entfernung, verborgen in einem lichten Waldstück. Einer der beiden Panzer IV der Einheit war vorgezogen worden bis an den Ortseingang; seine Besatzung hielt Wache und beobachtete in Richtung Chilham. Canterbury befand sich längst in deutscher Hand. Die Briten hatten die Stadt in letzter Sekunde kampflos geräumt, um größere Beschädigungen am historischen Stadtkern zu vermeiden. In Chilham aber hatten sie sich festgebissen. Seit dem Vortage rangen die Männer des I. Bataillons vom Jäger-Regiment 28 und die Engländer erbittert um die kleine Ortschaft. Der Panzerdivision Franz Halder lag in diesem Frontabschnitt die britische 7. Armoured Division gegenüber, außerdem Teile der 12. australischen Division. Den Briten steckten schwere Rückzugsgefechte von Folkstone über Ashford nach Canterbury in den Knochen. Auf den wenigen Kilometern hatte die feindliche 7. Panzerdivision große Teile ihrer mechanisierten Kräfte eingebüßt und galt nunmehr als Trümmerverband.

Die 3. Kompanie der deutschen Schweren I. Abteilung kämpfte derweil südlich Chilhams, die 1. hielt sich hinter den Linien als Einsatzreserve bereit. Von Folkstone über Ashford bis nach Canterbury bildeten Panzertruppen die Spitze der Offensive, die alle paar Tage rotierten. Den abgekämpften Briten standen somit immer wieder frische Kräfte gegenüber. Auch die Schwere I. Abteilung war nach der Erstürmung von Tyler Hill für zwei Tage aus der Front herausgezogen worden.

Engelmanns Auftrag lautete, sich bereitzuhalten, um im Falle von Durchbruchsversuchen des Gegners als Frontfeuerwehr einzugreifen. General Patton massierte sämtliche US-Kräfte, die sich nicht hinter die Linie Bristol-Oxford-Cambridge zurückzogen, bei Maidstone. Die USA galten als dem Krieg in Europa überdrüssig; Präsident Dewey würde wohl am liebsten sämtliche Kräfte auf Japan fokussieren – oder möglicherweise sogar mit dem Reich der aufgehenden Sonne über Frieden verhandeln. Es blieb jedenfalls abzuwarten, ob sich Patton in die Kämpfe einschaltete, oder ob auch seine Truppen noch ausweichen würden. Weiterhin verhielten sich die in England stationierten US-Verbände weitgehend passiv. Einzig die Army Air Forces und das Marine Corps griffen aktiv in die Kämpfe entlang der Front ein.

Der herrschende Lärmpegel betäubte das Gehör. Die Panzerwerfer und auf französische Halbketten montierten Katjuschas des Nebelwerfer-Regiments AU heulten in schrillen Tönen. Kreischenden Gorgonen gleich stiegen ihre Raketen als ein Konglomerat glühender Sternschnuppen in den Himmel auf, ehe sie auf der Seite des Feindes wie ein Meteoritenschauer herniederregneten. Das Werfer-Regiment bedachte den Gegner mit stetem Dauerbeschuss, kaum, dass eine Batterie schwieg, eröffnete die nächste das Feuer. Dazwischen klopften entfernte Gewehrschüsse, tackerten Maschinengewehre, knallten Abschüsse schwerer Waffen. Über Chilham stieg Rauch auf. Die Soldaten beider Seiten nahmen einander das Leben in grausigen Nahkämpfen, die sie um die Straßenzüge und Häuserblocks der Stadt führten.

Der Reserveleutnant, im Türrahmen eines Holzverschlages neben seinem Panzer stehend, blickte zum wolkenverhangenen Firmament auf. Kein einziges Flugzeug der Achse war zu sehen – das war ungewöhnlich. Ein Aufklärer der Amerikaner zog in einiger Entfernung unbehelligt seine Kreise. Stendal wunderte sich. Seufzte dann.

»Hast du verstanden?«, fragte Engelmann scharf nach.

»Mhm.« Stendal hatte jeden Respekt für seinen Kompanieführer verloren. Er sah ihn nicht einmal an, sondern verfolgte weiter den Flug des feindlichen Aufklärers.

»Einsatzbereitschaft hat oberste Priorität!«, insistierte Engelmann und zeigte sich zunehmend wütend darüber, dass sein Erster Offizier ihn behandelte wie einen Aussätzigen. Es arbeitete sichtlich hinter der Stirn des Hauptmanns, doch falls er mit dem Gedanken spielte, den Reserveleutnant zurechtzuweisen, entschied er sich letztlich dagegen.

»Mhm«, machte Stendal nur. Seine Finger spielten mit dem Griff des japanischen Gūnto-Schwertes.

»Ich will ohne Umschweife rollen, wenn der Befehl kommt. – Denke, es geht in den nächsten Stunden wieder los.« Engelmann knirschte mit den Zähnen. Stendal gab keine Antwort mehr, sah dem Aufklärer nach, der sich nach Norden absetzte.

»Ich kann mich auf dich verlassen, ja?« Das klang beinahe wie eine Entschuldigung.

Stendal nickte wortlos.

»Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann«, knurrte Engelmann schließlich und wirkte dabei reichlich hilflos. »Also dann, haltet die Ohren steif, ja?«

Stendal rang sich ein Lächeln ab. Motorengeräusche fraßen sich durch den dichten Geräuschteppich, den das Orgeln der Raketenwerfer produzierte. Ein Opel Blitz erreichte das Gehöft; der Fahrer stieg in die Eisen. Es war Planken, der Munition und Betriebsstoffe organisiert hatte. Die Lastwagentüren wurden geschlagen, Stiefeltritte erklangen auf der unbefestigten Straße. Rufe wurden laut.

»Ich muss zusehen, dass die Landser sich sputen und den Lkw verschwinden lassen«, erklärte Stendal, schob Engelmann sanft beiseite und ließ ihn stehen. Er sah in diesem Augenblick nicht die Fassungslosigkeit im Gesicht seines Kompanieführers. Die Nebelwerfer stellten den Beschuss ein; sie hatten die englischen Linien nordwestlich von Chilham nun über eine Stunde lang zertrommelt.

»Herr Leutnant! Herr Leutnant!«, rief Planken aufgeregt und stürzte Stendal entgegen.

»Ruhig Blut, mein Freund«, lächelte der Angesprochene. Er fühlte sich in der Gegenwart des Obergefreiten mittlerweile deutlich wohler als in der Engelmanns. Das war einmal anders gewesen. Stendal warf einen flüchtigen Blick zum Himmelsdom hinauf, der feindliche Aufklärer aber war verschwunden. Dafür belferten die Handwaffen und Maschinengewehre in Chilham immer intensiver. Die Kämpfe näherten sich vernehmlich den Stellungen der 2. Kompanie. Dies musste bedeuten, dass das Regiment 28 vor dem Gegner zurückwich. Wohl zurückweichen musste. Stendal stellte sich seelisch darauf ein, bald loszuschlagen. »Abladen und den Wagen in die gedeckte Stellung überführen, und zwar pronto«, befahl er und sah zu seiner Zufriedenheit, dass die Männer bereits Kanister und Munitionskästen von der Ladefläche hievten.

»Keine Bange«, versicherte Planken, »der Brummi ist in drei Minuten unsichtbar. Dafür verbürge ich mich.«

»Na, ich nehme Sie beim Wort«, sagte Stendal lachend.

»Aber Herr Leutnant! Herr Leutnant. Sie glauben es ja nicht!«

»Was sind Sie denn so aufgekratzt?« Stendal beugte sich vor, schaute Planken tief in die Augen. Im Hintergrund rauschte Engelmann in seinem Pkw ab; ein jungenhafter Fahrer bugsierte ihn mit hoher Geschwindigkeit zurück zum Rest der Kompanie im Wald.

»Haben Sie schon wieder zu viel Kaffee intus?«, fragte Stendal mit einem Grinsen auf den Lippen. Der Obergefreite aber antwortete nicht direkt darauf, sondern trat unruhig von einem Bein auf das andere.

»Herr Leutnant!«, hustete er und musste erst einmal Luft holen. »Sie glauben nicht, was mir der olle Onkel vom Tross gesteckt hat!«

»Nicht, dass Sie mir gleich einen Herzkasper kriegen.«

»Nein, Herr Leutnant! Er hat gesagt, Galland sei tot!«

Die Nachricht überrollte Stendal. Er stieß erst einen undefinierbaren Laut aus, ehe er zu einer Rückfrage imstande war: »Adolf Galland?«

»Ja, doch. Die Faulpelze aus der Etappe reden über nichts anderes mehr.«

»Wie denn das?«

»In Berlin ist ein Anschlag auf sein Leben verübt worden. Vor einigen Tagen wohl schon.«

Ein Blitz durchzuckte Stendal: »WsdV!«, presste er beinahe ehrfürchtig aus sich heraus.

»Ja, muss wohl. Es heißt, er ist seinen schweren Verletzungen erlegen.«

»Das sind in der Tat schlechte Nachrichten. Galland war vielleicht der klügste Kopf, den die Luftwaffe je hervorgebracht hat.«

»Ja, ja!« Planken war wütend. Ballte die Hände zu Fäusten. »Diese elenden Verräter. Auf offener Straße! Einen General! Ja, ist denen denn nichts mehr heilig?« In Plankens Frage schwang nicht nur Zorn, sondern auch Furcht mit. Wenn der Arm der Widerständler lang genug war, einen General der deutschen Wehrmacht zu erreichen, ja, dann war ihnen alles zuzutrauen.

»Aber, das ist noch nicht alles!«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter.« Das Feuer der Nebelwerfer hatte wieder eingesetzt, und Stendal musste schreien, um gehört zu werden.

»Es heißt, der Kanzler habe zahlreiche Verräter in den Reihen unserer Wehrmacht identifiziert. Es wird in diesen Stunden gegen sie vorgegangen, um den Tod von Galland zu rächen«, brüllte Planken zurück.

»Weiß man, wer unter den Verdächtigen ist?«

»Nein, nein. Es gibt Gerüchte, ja, aber nichts Konkretes.«

Stendal stieß einen Luftschwall aus. »Warten wir ab, was die Zeit bringen wird.«

»Natürlich. Ach, Herr Leutnant, das hätte ich beinahe vergessen!« Planken schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, machte auf dem Absatz kehrt, raste wie von der Tarantel gestochen zurück zum Opel und schnauzte einen der Frischlinge an. Der nickte eingeschüchtert, langte in eine der Kisten und reichte Planken eine Rolle. Mit dieser kehrte der Obergefreite zu Stendal zurück.

»Na, Sie haben die Jungs ja im Griff«, amüsierte sich der Südtiroler.

»Muss, muss. Und das hier habe ich extra für Sie besorgt.«

»Ich hoffe, es sind keine Anzüglichkeiten.« Stendal hob eine Braue, versuchte ernst zu bleiben.

»Iwo! Ich und Anzüglichkeiten. Da weiß ich nicht mal, wie man das schreibt. Ist die neuste Ausgabe, Herr Leutnant. Frohe Ostern.«

»Das ist erst in zwei Wochen«, unkte Stendal, nahm das Geschenk entgegen und entrollte es. Es handelte sich um eine Ausgabe der »Militärwissenschaftlichen Rundschau«, herausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht.

Stendal ging das Herz auf beim Anblick des roten Heftumschlags. Ehrlich gerührt blätterte er durch die Seiten. Ihm sprang in einem Text sogleich der Begriff »Panther II« ins Auge. Ja, Stendal hatte seine Lektüre für die nächsten ruhigen Stunden gefunden. Er erschrak plötzlich, musterte Planken. »Mensch, das Heft kostet doch gut und gerne zehn Reichsmark. Das kann ich nicht annehmen.«

»Ist doch nicht nur von mir, da hat der Zug für sie zusammengelegt. Ist von uns allen«, eröffnete ihm Planken breit grienend.

Das überwältigte Stendal derart, dass es ihm die Sprache verschlug. Er hatte schon eine ganz besondere Truppe unter sich … und ihm kam sogleich die Idee, den Zug beim nächsten Aufenthalt in der Etappe mit Alkohol und Tabak zu belohnen.

»Danke«, hauchte er und war um Fassung bemüht. »Danke.«

»Ah, Herr Leutnant, werden Sie mal nicht sentimental. Das ist doch nicht der Rede …«

Planken brach abrupt ab, drehte den Kopf. Auch Stendal hatte aus dem Augenwinkel Bewegung ausgemacht, und zwar linker Hand, jenseits seiner Panzer und der Scheune – mitten auf dem Acker. Dort rollten drei kantige Tanks querfeldein aus Frontrichtung, gefolgt von zwei höheren, schmaleren Kampfwagen. Sie passierten die Tiger Stendals. Das Kreischen der Nebelwerferbatterien verschluckte die Geräusche der Ketten und Motoren.

»Wer …?«, verlieh Stendal seiner Verwirrung Ausdruck.

»Keinen blassen, Herr Leutnant«, erklärte Planken.

»Die fahren mitten über die Pläne, als wäre kein Krieg!«, echauffierte sich Stendal. »Ja, sind die des Wahnsinns? Und wo kommen die überhaupt her?«

Er hastete auf seine Panzer zu; Sander streckte den Kopf aus der Luke.

»Lassen Sie Engelmann anfunken!«, rief Stendal seinem Richtschützen zu, wild entschlossen, dem Führer der fremden Panzer die Leviten zu lesen. Der gefährdete durch seinen Auftritt schließlich die Tarnung der gesamten Kompanie!

Aus dem Augenwinkel wurde Stendal des feindlichen Aufklärers gewahr, der zurückgekehrt war und sich anschickte, in den Luftraum über der 2. Kompanie einzudringen. Der Reserveleutnant hastete auf die querfahrenden Tanks zu, wedelte wild mit den Armen, brüllte ihnen zu, doch sein Rufen ging im Getöse der Nebelwerfer unter. Im Laufen versuchte er die Einheit auszumachen, denen die Tanks angehörten, fand aber nur weiße Nummern auf den Flanken, die er nicht zuordnen konnte. Bei den kantigen Panzern handelte es sich wohl um die veraltete Ausführung C des Tiger-Panzers. Stendal hatte gar nicht gewusst, dass sich diese noch im Einsatz befand. Und die beiden hohen Modelle dahinter … Stendal stürzte vor Schreck zu Boden, als ihm bewusstwurde, dass er eine britische Panzer-Einheit vor sich hatte. Da stoppte der vorderste Tank bereits – der vermeintliche Tiger, der in Wirklichkeit ein Cromwell war – drehte den Turm mit der 75-Millimeter-Schnellfeuerkanone und richtete sein Rohr auf die Scheune aus. Als er feuerte, rollte der Druck des Abschusses als physische Kraft über Stendal hinweg. In seinem Rücken platzte die Straße vor der Scheune auf. Die Detonation erfasste den Opel Blitz und wirbelte ihn auf die Seite. Die umstehenden Panzermänner warfen sich flach auf die Erde, rissen die Hände über den Kopf. Ein weiteres Mal feuerte der Cromwell; seine Sprenggranate zerstörte Munitionskisten, Betriebsstoffe und Menschenleben gleichermaßen. Eine ölfettige Feuerwalze fiel über die Scheune her. In ihrer Höllenhitze explodierten nacheinander die Panzergranaten. Es hörte sich an, als würde eine Acht-Acht mit der Frequenz eines Maschinengewehrs feuern. Die Flammenzungen sprangen auf Möllmanns Tiger über; sie entfachten das Tarnmaterial auf Wanne und Turm. Verwundete Landser schleppten sich aus dem rauchenden Purgatorium, andere wetzten auf die Panzer zu, tauchten unter Luke ab. Das Feuer setzte giftige Dämpfe frei, die die Luft verpesteten. Der Gestank von Benzin vermengte sich mit dem von Feuer und Kordit.

Stendals Tanks hatten den Briten allesamt den Rücken zugekehrt, waren auf die Straße ausgerichtet; zu ihrem Glück aber schien ihre Tarnung zu wirken. Der Feind hatte sie nicht entdeckt, obwohl nur wenige hundert Meter zwischen ihnen lagen. Er rollte unbekümmert weiter, nun, da die Scheune lichterloh in Flammen stand.

Stendal drehte den Kopf, beobachtete, was bei seinem Zug geschah. Sah, wie Planken alle einsatzfähigen Soldaten in die Panzer trieb, ehe er selbst über die Kommandantenluke in Stendals Wagen verschwand.

Die Tiger wendeten, die Kanonen richteten sich auf die feindlichen Tanks aus. Das Geäst auf Möllmanns Wagen stand lichterloh in Flammen, und dennoch wendete auch er. Planken erschien im geöffneten Turmluk von Stendals Tiger, er trug die Kopfhaube des Kommandanten, gab Anweisungen über Funk. Der Reserveleutnant selbst sprang auf, eilte seinen Panzern entgegen. Und die Briten hatten begriffen, welch törichten Fehler sie begangen hatten. Sie stoppten, drehten sich auf der Stelle, versuchten verzweifelt, ihre verwundbaren Flanken vom Feind abzuwenden. Sie legten den Rückwärtsgang ein, um die Distanz zwischen ihnen und den Deutschen zu erhöhen. Der Tiger-Panzer entfaltete nach wie vor eine ungeheure psychologische Wirkung auf den Gegner – Tiger-Abteilungen waren die einzigen deutschen Verbände unterhalb der Divisionsebene, die in die alliierten Lagekarten explizit eingezeichnet wurden.

Die 88-Millimeter-Kanonen des Zuges donnerten gleichzeitig, Planken hatte den perfekten Feuerüberfall ausführen lassen. Der urgewaltige Druck, der die Abschüsse begleitete, überfuhr Stendal abermals wie eine unsichtbare Lokomotive, sodass er auf dem Hintern landete. Zwei Cromwell und ein Sherman hatten den Panzergranaten nichts entgegenzusetzen, sie gingen unter lautem Getöse in die Binsen. Ein Turm hob ab, klatschte weit entfernt ins Gras. Rauchsäulen stiegen aus den Wracks auf. Aus einem brennenden Tank booteten verrußte Gestalten aus. Der Zug nahm sie per MG aufs Korn, tötete sie mit langen Feuerstößen.

Stendal raffte sich erneut auf. Er erkannte, wie weiter hinten, weit jenseits der Straße, der Rest der Kompanie aus dem Wald herausfuhr. Im nächsten Augenblick ereigneten sich zahlreiche Einschläge bei der Scheune – Der feindliche Aufklärer kreiste unbehelligt durch die Luftwaffe direkt darüber. Der Reserveleutnant rannte hakenschlagend auf seine Panzer zu. Möllmann und dessen Richtschütze streckten sich aus ihren Luken. Mit Stangen und Spaten versuchten sie verzweifelt, alles brennbare Material vom Panzer zu entfernen. Der dichte Rauch, den die in Flammen stehende Scheune aufwarf, stülpte sich wie eine Kuppel über die Tiger. Artilleriegranaten krepierten im Smog.

Die beiden übriggebliebenen britischen Panzer erwiderten das Feuer. Stendal warf sich abermals hin, sah, wie voraus zwischen seinen Wagen erdende Ballons aus dem Grund aufstiegen. Splitter sirrten über ihn hinweg. Der Schall, lautstark wie ein dröhnender Orkan, hämmerte auf seine Ohren ein, sodass er die Handflächen gegen die Ohrmuscheln presste und die Zähne aufeinanderbiss, um die schrecklichen Geräusche und den Schmerz zu ertragen, den sie in seinen Gehörgängen auslösten. Die gegnerische Artillerie ließ von der Scheune ab, ließ einen Granatenteppich auf die Tiger-Panzer zurollen und klopfte deren Stellungen ab. Sprenggeschosse regneten ohne Unterlass auf Stendals Zug hernieder. Ein heftiges Scheppern ertönte, als Möllmanns Kette einen Treffer erhielt und unter dem Druck zerfetzte und aufriffelte. Verbogene Laufräder wühlten sich in den aufgeweichten Untergrund. Planken brüllte ins Kehlkopfmikrofon, untermalte seine Befehle mit wilden Armbewegungen. Die Tiger feuerten erneut die Hauptkanone ab – drei Schuss auf zwei Feindpanzer, die dies nicht überstanden.

Stendal befand sich keine 50 Meter mehr von seinen Panzern entfernt; eine unüberwindbare Wegstrecke im dichten Beschuss der gegnerischen Artillerie. Er legte sich flach auf den Boden, war zum Beobachten verdammt. Zwei Tiger versuchten sich mühsam aus dem Trommelfeuer zu quälen. Die Einschüsse folgten ihnen auf dem Fuße, und ließen gleichzeitig die Erde um jenen Panzer herum zerspringen, der sich aufgrund des zerstörten Laufwerks nicht mehr zu bewegen vermochte. Stendal wurde gewahr, dass auch Engelmanns Tanks, die über die Freifläche in Richtung Scheune vorstießen, mittlerweile unter Feuer lagen. Ein Panzer IV blieb bald qualmend zurück.

Stendal schaute zum Himmel auf und fasste erneut den Aufklärer ins Auge, der seelenruhig seine Kreise zog. Und keine deutsche Maschine weit und breit! Im Gegenteil, zwei britische Propellermaschinen waren mittlerweile zum Schutz des Aufklärers aufgetaucht.

Planken ließ seinen Tiger aus dem Beschussfeld ausbrechen. Der mächtige Kampfkoloss brauste unter quietschenden Ketten an Stendal heran. Der Grund erzitterte. Die enorme Kraft, die die Scheibenbremsen aufwendeten, um das 60-Tonnen-Gefährt zum Stillstand zu bringen, übertrug sich auf die Erde, wurde für Stendal spürbar. Die Kettenglieder gruben sich in den Acker, zerwühlten ihn und fraßen dunkelbraune Spurrillen hinein.

Stendal kraxelte etwas unbeholfen über die abgeschrägte Seitenpanzerung auf die Wanne und ließ sich durch die Notausstiegsluke an der Turmwand ins Innere. Planken drückte ihm die Kommandantenhaube in die Hand und berichtete als gleich: »Ausfall Möllmann, zwei Verwundete. Im Panzer Bernau sitzen nur er selbst und sein Funker, alle anderen sind irgendwo bei der Scheune.« Planken machte ein langes Gesicht.

»Der Herr Hauptmann?«, keuchte Stendal, im selben Augenblick erreichte der Beschuss ihren Panzer. Tekath, der für Planken auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, ließ den Tiger anfahren. Ein jeder Einschlag abseits des Panzers stauchte die Männer im Inneren zusammen und ließ Dreck und Splitter gegen die Panzerwände hageln. Es hörte sich an, als würde jemand eimerweise Metallschrott über ihnen ausleeren.

»Wollte ich gerade anfunken!«

»Gut, ich übernehme!« Stendal war heiser. Planken zwängte sich an ihm vorbei, um seinen angestammten Platz einzunehmen, da hielt der Leutnant ihn auf und sah ihm tief in die Augen.

»Gut gemacht! Verdammt gute Arbeit, Leo.«

»Danke sehr.«

»Flieger!«, brüllte Sander plötzlich.

»Das wurde aber auch Zeit.« Stendal streckte sich aus der Kommandantenluke, zog sich dabei die Haube über den Kopf, richtete das Kehlkopfmikrofon aus, blickte dann zum Waldrand jenseits der Straße hinüber.

Stendals Herz setzte für einen Schlag aus. Britische Sturzkampfbomber schraubten sich über Engelmanns Panzern in die Tiefe, bewarfen die Tiger mit Bomben und beschossen sie mit Raketen. Aus der Ferne sah der ungleiche Kampf aus wie ein wahnwitziger Feuerzauber, den ein Künstler mit Leuchtfarben ins Firmament pinselte. Geschosse schillerten rot, violett und goldgelb. Einige wenige Pulverwölkchen bildeten sich zwischen den Flugzeugen – die Besatzung einer einzelnen Vierlingsflak, die die Kompanie mitführte, gab alles, um die pfeilschnellen Kampfflugzeuge zu erwischen. Vergeblich. Der dreiste Vorstoß der britischen Panzer, die weiß-Gott-wie die Front bei Chilham überwunden hatten, hatte Stendals Zug aufgeklärt und Engelmann aus seiner gedeckten Stellung gelockt … Und nun lagen die Wagen der Kompanie unter Artilleriefeuer, und Engelmanns Tiger waren zusätzlich auf weiter Flur den Angriffen feindlicher Flugzeuge ausgesetzt.

»Wo ist denn unser Luftschirm hin?«, brauste Stendal auf, der eine feindliche Luftüberlegenheit seit Invasionsbeginn noch nicht erlebt hatte. »Gib mir Engelmann«, befahl er kurzatmig und tauchte wieder in seiner Kuppel ab.

Das Feindfeuer wurde intensiver, folgte seinem Panzer Meter für Meter. Klar, über ihren Köpfen schwebte ja auch dieser verflixte Aufklärer, der schalten und walten konnte, wie es ihm passte!

»Ausfall Bernau«, rief Tekath, der wieder hinter seinem Funkgerät klemmte; er wechselte für Stendal die Frequenz und meldete Vollzug. Planken fuhr derweil weitläufige Kreise auf dem Acker, um dem Beschuss zu entgehen. Die Scheune produzierte noch immer tiefschwarze Rauchschwaden, die sich wie ein Fächer ausbreiteten und emporstiegen.

Möllmanns Panzer lag mit geworfener Kette im Zentrum des Artilleriebeschusses, Bernaus etwas weiter vorne. Qualm drang aus seinem Motorraum. Äste, die sich im an Möllmanns Panzer angebrachten Werkzeug verkeilt hatten, kokelten vor sich hin. Die Besatzung aber hatte die Masse des brennenden Gesträuchs abgeschüttelt.

»Anna 1 für Anna«, raunzte Stendal ins Kehlkopfmikrofon. »Melde fünf Feindpanzer vernichtet bei Ausfall von zwei Wagen. Stehen unter Beschuss!«

»Dito!« Der Lautsprecher übersteuerte Engelmanns Antwort. »Kommen Sie vor zu mir, Lagebesprechung!«, befahl der Hauptmann sogleich. Stendal bestätigte, ließ die Frequenz umschalten und erteilte flugs seine Befehle: Möllmann und Bernau sollten in ihren Wagen ausharren und in Feuerpausen zusehen, die Überlebenden bei der Scheune zu bergen. Stendal würde derweil alles daransetzen, Engelmann zu einem Entsatz zu bewegen. Vorrangig musste nach einer Möglichkeit gesucht werden, eigene Eisenvögel in die Luft zu bekommen, denn unter der Luftherrschaft des Feindes konnten sich die Tiger der Schweren I. Abteilung nicht frei bewegen.

»Gas geben!«, brüllte der Reserveleutnant in den Bauch seines Panzers hinein. Granaten detonierten außerhalb der Panzerung, vergingen pfeifend, kreischend, dröhnend. Splitter trommelten gegen den Stahl. Es stank nach Feuer, nach Sprengstoff, nach Schweiß und Benzin.

»Jepp«, machte Planken und tat, wie ihm geheißen. Der Motor des Tigers brummte auf. Der Fahrer schaltete flink durch die Gänge, bewies einmal mehr, dass er eine Koryphäe auf seinem Gebiet war – und darüber hinaus. Stendal überfiel der Gedanke, Planken für das Offiziersanwärterprogramm vorzuschlagen, während er sich am Blechfach seiner Kuppel festklammerte und über das Scherenfernrohr das Umfeld sondierte. Er würde mit dem Obergefreiten das Thema einmal besprechen wollen, war sich aber nicht sicher, ob Planken Interesse daran hatte. Stendal jedenfalls war überzeugt davon, der Berliner Mannschafter brachte das richtige Rüstzeug mit, sein forsches Betragen hin oder her.

Unter höllischem Klanggewitter klatschte eine Artilleriegranate direkt auf die hintere Wanne des Panzers, zündete und entfesselte zischelnde Flammenzungen, die den Kampfwagen zu fressen drohten. Die Temperaturen im Inneren stiegen schlagartig um einige Grad an. Stendal troff der Schweiß von Stirn und Schläfen. Die Luft wurde dünn, er musste husten. Der Einschlag klingelte in seinen Ohren nach.

»Los doch!«, knirschte er, drehte das Scherenfernrohr und observierte das Gebiet hinter sich. Noch immer hing der Feindaufklärer in der Luft über Bernau und Möllmann. Und noch immer bedachten die feindlichen Batterien die beiden Tanks mit Feuer, und die Scheune warf wallende, aufstäubende Flammen, die sich in vielen Metern Höhe in schmierigen Qualm verwandelten. Eine Rauchsäule, groß wie ein göttliches Ausrufezeichen, schraubte sich bis ins Gewölk hinauf. Der Lastwagen wurde von den Flammen vollständig verdeckt. Einige reglose Körper lagen auf der Straße und abseits im Gras. Ein Leichnam brannte. Weit im Nordwesten, auf der Horizontlinie, meinte der Reserveleutnant Mündungsblitze auszumachen. Dort waren möglicherweise Haubitzen des Feindes in Stellung gegangen. Stendal musste sich sputen; seine Männer würden auf sich gestellt nicht lange aushalten.

Die britischen Tiefflieger zogen ab. Sie hinterließen zahlreiche rauchende Stellen im Aufstellungsbereich der 2. Kompanie. Der getroffene Panzer IV lag verlassen da; von ihm ging dichter Qualm aus. Ansonsten schienen die Flieger keine Schäden an Engelmanns Tanks angerichtet zu haben. Diese schickten sich an, in den Schutz des Waldes zurückzukehren. Der Artilleriebeschuss gegen das Gros der Kompanie war ebenso versiegt, der Feind konzentrierte sich stattdessen auf Bernaus und Möllmanns Panzer, außerdem auf die Ostausläufer Chilhams. Stendal kam nicht um den Gedanken herum, die Briten bereiteten mit ihrem Feuer einen Angriff vor. Noch einmal verlangte er Tempo von seinem Fahrer, dabei prügelte der den Tiger bereits mit 30 Stundenkilometer über die Freifläche. Sie passierten den qualmenden Panzer IV. Sämtliche Luken standen offen, der Wagen war augenscheinlich evakuiert worden. Sie fuhren an Granattrichtern vorüber, die der Beschuss in die Wiese gegraben hatte. In der Distanz rauschten noch immer die Nebelwerfer. Diese beharkten aber einen anderen Frontabschnitt und schienen noch nicht begriffen zu haben, dass vor Chilham ein britischer Angriff lief.

»Ich mach ja!«, versicherte Planken, öffnete seine Luke, schnappte nach frischer Luft und wischte sich die schweißnasse Stirn. »Keine Bange, Herr Leutnant, ich hole alles aus der ollen Mühle heraus.«

Der Tiger rumpelte über die Wiese, erreichte nach wenigen Minuten den Wald und fuhr in ihn hinein. Knackend walzten die Raupen den Bodenbewuchs nieder. Stendal streckte sich aus der Kuppel, sah Engelmanns Tank voraus. »Elfriede« prangte in weißen Lettern auf dem Rohr.

Stendals Panzer war noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da drückte sich der Reserveleutnant entgegen den Sicherheitsvorschriften bereits aus dem Turmluk und sprang auf den Unterwagen. Er streckte die Arme von sich, um sein Gewicht auszubalancieren, und als Planken den Tiger endlich gestoppt hatte, sprang er sogleich auf die Erde und hastete Engelmann entgegen. Der hockte neben dem rechten Laufwerk seines Wagens und breitete eine Karte vor sich aus. Stendal kauerte sich daneben. Engelmann nahm ein dünnes Ästlein zu Hilfe, das er wie einen Zeigestock verwendete. Im Hintergrund wurden Verwundete versorgt.

»Irgendetwas läuft gerade ganz gewaltig schief!«, machte der Hauptmann seinem Ärger Luft und zeigte in der Karte auf Chilham. »Eigene Lage: Boss steht mit dem I. Bataillon der Jäger in Kontakt; die sind soeben im Ort eingeschlossen worden und werden von allen Seiten angegriffen. Feindliche Tiefflieger hängen über Chilham und verhindern jede Bewegung unserer Leute. Und das II. Bataillon ist unauffindbar, wie vom Erdboden verschluckt!« Engelmann warf die Hände in die Höhe, um sein Unverständnis darüber zu verdeutlichen. »Das kann doch nicht möglich sein, 400 Männer … einfach weg! Der Kommandeur der I. behauptet, es sei heute früh direkt aus Hoepners Stab die Order zum Verlegen des II. Bataillons ergangen, und jetzt will keiner mehr wissen, wo die stecken!«

Stendal runzelte die Stirn. Seit wann griff das Oberkommando einer Front derart in die Befehlskette ein?

»Und Hoepner selbst soll auch verschwunden sein. Der war hier noch irgendwo auf Frontbesuch und jetzt ist er nicht mehr zu erreichen!«

»Was ist mit der Luftwaffe?«

»Ich weiß es nicht!«, wütete Engelmann auf eine Art, als wäre Stendal persönlich für das Ausbleiben der Luftunterstützung verantwortlich. Der ließ sich von dem Gebaren seines Kompanieführers nicht beeindrucken.

»Boss meint, die Division habe keinerlei Verbindung mehr zum Stab unseres rechten Nachbarn. Als wären die allesamt tot umgekippt! Da geht keiner mehr an die Strippe; die FH hat jetzt schon Kradmelder losgeschickt. Und bei der Luftwaffe kriegt man auch niemanden ans Gerät, der sich verantwortlich fühlt. Der Verbindungsoffizier von Boss: weg! Ist gestern Abend ausgeritten, danach will ihn niemand mehr gesehen haben.« Engelmann schnaufte verächtlich. »Die Einzigen, die in der Luft sind, sind die Franzosen und die Spanier, aber die haben alle Hände voll zu tun, Luftangriffe gegen unsere Stellungen bei Ramsgate abzuschlagen!« Der Hauptmann massierte seine Schläfen, gönnte sich eine kurze Pause. Stendal tippelte nervös mit den Fingern gegen sein Schienbein. Dann fuhr Engelmann fort: »Feindlage: Sowohl die II. Abteilung als auch die 510 berichten von Angriffen gegen ihre Linien. Der Feind setzt möglicherweise zu einer Zangenbewegung nördlich und südlich Chilhams an, um nach den Jägern auch uns einzuschließen. Unsere Nachbarn berichten von starken Infanterie- und Artilleriekräften, dafür nur wenige Panzer. Unsere Einkesselung wäre ein Debakel und würde die ganze Operation um Tage zurückwerfen, ganz zu schweigen von dem Loch, dass der Engländer damit in unsere Front reißen würde. Noch immer stehen unsere Invasionstruppen auf ganz wackeligen Beinen. – Die Küste ist nicht weit entfernt. Wir haben nicht den Raum, uns haufenweise Fehler zu erlauben. Und der Feind scheint seinen Schwerpunkt genau bei uns gesetzt zu haben!«

Stendal schüttelte den Kopf. »Es hilft alles nichts; ich brauche jetzt Kräfte, um meine Männer herauszuhauen!«

»Nun mal nichts überstürzen, Junge.«

»Meine Soldaten kämpfen dort vorne um ihr Leben!« Stendal wurde laut, ohne dies beabsichtigt zu haben.

Engelmann musterte ihn von oben bis unten, ehe er erwiderte: »Ich kann meine Kompanie nicht für eine Handvoll Soldaten opfern. Nichts zu machen, Junge.«

»Wir …«

Engelmann fuhr ihm unvermittelt über den Mund: »Ohne Luftunterstützung halten wir uns bedeckt und warten den Einbruch der Dunkelheit ab. Wir haben alle nichts gewonnen, wenn die ganze Kompanie vor Chilham zu Klump geschossen wird!« Engelmanns Erfahrungen aus der Schlacht um die Normandie mochten ihn zu dieser Auffassung verleiten. Stendal hatte diesen Kampf aufgrund seines Offizierslehrgangs verpasst und wusste daher nur bedingt, wie es war, unter absoluter feindlicher Luftüberlegenheit agieren zu müssen.

Er erhob sich, schob die Brust vor, strich sich den Dreck von der Drillichhose und sagte: »Dann bitte ich Sie darum, die Besprechung an dieser Stelle abzubrechen. Ich fahre zurück zu meinem Zug, werde sehen, was ich tun kann.« Stendal konnte – und wollte – sich nicht daran gewöhnen, seinen Kompanieführer zu duzen.

»Den letzten einsatzbereiten Kasten deines Zuges opfern?« Engelmann rümpfte die Nase. »Junge, schlag dir das aus dem Kopf.«

»Notfalls gehe ich zu Fuß!«

»Ich sagte nein!«

Stendal und Engelmann lieferten sich ein Blickduell. Keiner von beiden zeigte die Bereitschaft, auch nur einen Fingerbreit von seinem Standpunkt abzurücken.

»Herr Hauptmann?«, platzte ein Gefreiter dazwischen … und stockte, als ihm gewahr wurde, in was er da hineingeraten war.

Engelmanns wütende Fratze fasste den jungen Mann ins Auge. »WAS?«, keifte er.

»Feindkräfte haben den 1. Zug überrollt und besetzen das Gehöft!«

Stendal stieß einen undefinierbaren Laut aus, stürzte an dem sichtlich beschämten Gefreiten vorbei und raste auf die Waldkante zu.

»Runter!«, hörte er Engelmann in seinem Rücken, im nächsten Augenblick legten sich dessen Hände auf Stendals Schultern und zwangen ihn in die Knie. Der Hauptmann erschien neben ihm, signalisierte ihm wortlos so etwas wie Billigung, und kroch dann auf allen Vieren vorweg gen Waldkante, ein Fernglas in Händen.

Stendal folgte ihm, ebenfalls in der »niedrigsten Gangart«. Auf diese Weise arbeiteten sie sich durchs Gestrüpp und an den Waldrand heran, bis sie eine geschützte Stelle gefunden hatte, aus der heraus sie beobachten konnten, was sich auf der Freifläche abspielte.

Ungefragt nahm Stendal seinem Chef das Fernglas ab und hielt es sich vor die Augen. Er erschrak. Der Panzer Bernau stand lichterloh in Flammen. Britische Lastwagen befuhren die Straße; eine Pak wurde vor dem Gehöft in Stellung gebracht. Zahlreiche Tommys wuselten dazwischen umher. Spitfire-Jagdflugzeuge und Doppelschwänze patrouillierten am Himmel. Der Aufklärer zog in langsamer Geschwindigkeit ab.

Stendal ließ mutlos das Fernglas sinken. Ein wilder Stich fuhr in sein Herz ein, ein Kloß klebte ihm den Hals zu. Trauer wühlte sich wie ein gefräßiger Mehlwurm durch seine Gedärme.

»Wir müssen davon ausgehen, dass sie auch uns aufgeklärt haben«, murmelte Engelmann und ließ dabei tatsächlich Nachsicht mit Stendal durchblitzen.

»Herr Hauptmann, Herr Leutnant!«, flüsterte Planken plötzlich von hinten. »Ich habe den Unterfeldwebel Bernau in der Leitung.«

Freiburg im Breisgau, Deutsches Reich, 02.04.1946

»Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.« Schneider lachte verhalten.

Taylor war kaum in der Lage, sich zu drehen. Den Kopf gebettet auf ein Kissen, in das er versank, den Körper verborgen unter einer weißen Decke, war er gefesselt an das Krankenhausbett im Universitätsklinikum Freiburg, und war an einen Tropf angeschlossen, der ihn mit einer Salzflüssigkeit versorgte. Die vergangenen Tage waren an Taylor vorbeigezogen, ohne dass er Notiz von ihnen genommen hatte. Er wusste noch nicht, dass die Chirurgen ihn zweimal hatten notoperieren müssen. Die Kugel hatte einen Lungenflügel getroffen und starke innere Blutungen ausgelöst. Taylors Zustand galt nun aber als stabil.

In dem sterilen Krankenzimmer herrschten helle Farben vor: Beige Vorhänge verdeckten den Blick nach draußen. Der sandfarbene Linoleumboden quietschte, wenn man sich auf ihm bewegte. Der scharfe Geruch von Ethanol lag in der Luft, er paarte sich mit jenen Ausdünstungen, die von Taylor ausgingen: Schweiß, Blut, Eiter, Urin.

Schneider saß an Taylors Bettstatt auf einem Holzstuhl. Er hatte den Unfall nahezu unverletzt überstanden, hatte lediglich ein paar oberflächliche Blessuren davongetragen. Er schnappte sich die Krücken, die gegen die Zimmerwand lehnten, kämpfte sich stöhnend auf seine wackeligen Beine und humpelte zum Fenster. Er zog die Vorhänge zurück; warmes Sonnenlicht drang in den Raum ein. Es streichelte Taylor, sodass er den Kopf drehte und nach draußen auf den Freiburger Norden blickte. Die dunklen Giebeldächer eines Wohnviertels glänzten im Sonnenlicht. Der Himmel war babyblau und wolkenlos. Man könnte meinen, es würde Frieden herrschen, derart idyllisch war das Bild, das sich ihm bot.

Schneider öffnete das Fenster. Er und Taylor waren allein im Raum. »Ich muss zurück nach Brandenburg«, erklärte Schneider betrübt. Er setzte sich wieder an Taylors Bett, was ihn sichtlich Kraft kostete. Er presste die Lippen zu einem blassen Strich zusammen und nickte zu seinen Gedanken, die er nicht aussprach. Taylor war zu schwach zum Plaudern, und so hörte er zu.

»Ich setze mich heute Nachmittag in den Zug. Übermorgen werde ich ja feierlich entlassen.« Schneider belastete offenkundig die Aussicht, in wenigen Tagen kein Soldat mehr zu sein. »Es ist schade, dass du nicht dabei sein wirst.« Das klang wie ein Vorwurf. Taylor versuchte sich aufzurichten, versuchte etwas zu erwidern, doch nichts als erstickte Laute drangen aus seinem Mund.

»Schon in Ordnung«, beschwichtigte Schneider und versuchte sich an einem Lächeln. Dann verdunkelte sich seine Miene. Er senkte den Blick, rang um Worte. Er ließ vernehmlich Luft entweichen, ehe er sagte: »Hör zu, Taylorchen …« Schneider brach ab. Schluckte. »Wegen Lüdeking.«

Taylor starrte gegen die Decke. Halb im Delirium der Beruhigungsmittel begriffen, nahm er nicht wirklich wahr, was Schneider ihm zu sagen versuchte.

»Mensch, du weißt doch, dass ich alles unternommen habe, um ihn zu retten. Oder?«

Stille erfüllte den Raum. Sekündlich tropfte die Infusion aus der Flasche in den Schlauch.

»Ich hätte … hätte ihn … hätte den Angreifer eher ausmachen müssen, dann hätte ich den Herrn Leutnant vielleicht retten können. Aber ich habe geträumt!«

Taylor vermochte seinen alten Freund nicht zu trösten, ihm fehlte die Kraft dazu. So musste er es dabei belassen, ihn aus halb geschlossenen Augen anzuschauen.

Schneider schürzte die Lippen, nickte. Erhob sich schließlich. »Ich muss«, flüsterte er mit bebender Stimme. »Und du kommst durch, Taylorchen, verstanden?« Schneider stützte sich auf seinen Krücken ab. »Ich bin in einer Woche wieder da, dann sehen wir zu, dass wir dich aufgepäppelt kriegen.« Stöhnend arbeitete er sich näher an Taylor heran, strich ihm über die Stirn. »Hast du gehört, Kumpel? Wir kriegen dich wieder hin.« Schneider verabschiedete sich und ging. Die Tür fiel lautstark ins Schloss.

Außerhalb von Chilham, Großbritannien, 02.04.1946

Die Dunkelheit würde bald dem Dämmerlicht des neuen Tages weichen. Es war 4:56 Uhr; Stendal hatte auf seinem Kommandantensitz Platz genommen. Planken und Sander prüften ein letztes Mal die Systeme des Tiger-Panzers. In vier Minuten würden sie losschlagen.

Die übergeordnete Führung hatte den ganzen Tag gebraucht, um sich zu sammeln, doch nun schienen alle Koordinationsschwierigkeiten überwunden.

Generalfeldmarschall Hoepner war durch Halder persönlich abgesetzt worden, als Konsequenz aus den Unzulänglichkeiten des zurückliegenden Tages, wie Stendal glaubte. Offiziell aber war noch nichts verlautbart worden. Hoepners Nachfolger, Feldmarschall Herbregen, ein ganz und gar unbeschriebenes Blatt, der seinen Dienstgrad erst vor eineinhalb Wochen erlangt hatte, hatte noch keinen Tagesbefehl herausgegeben. Ebenfalls war Divisionskommandeur Mauss abgesetzt worden, außerdem zahlreiche weitere hohe Offiziere.

Das aber war nun nebensächlich für die Männer der Schweren I. Abteilung. Es galt, die so kühn vorgestoßenen Engländer vor Chilham zu schlagen, die Ausgangsstellungen der Kompanie zurückzuerobern und eine Bresche hinein in die Ortschaft zu schlagen, um das I. Bataillon herauszuhauen und im Anschluss daran, den Angriffsschwung nutzend, die englischen Positionen jenseits Chilhams zu nehmen. Am Abend des Tages bereits sollte der Feind um zwölf Kilometer zurückgedrängt worden sein. Und die Zeit drängte.

Unterfeldwebel Bernau hatte schnell geschaltet und alle Verwundeten und die Überlebenden des Panzers Möllmann, der noch einen Artillerievolltreffer erhalten hatte, eingesammelt und in seinem Panzer sowie in einer hastig gegrabenen Kuhle unter dem Tank untergebracht. Im Anschluss daran hatte er das Tarnmaterial, mit dem sein Tiger ausstaffiert war, anstecken lassen und die Rohrmündung so weit wie möglich gen Erde geneigt, dass es von außen aussah, als wäre der Panzer zerschossen worden. Und der Plan war aufgegangen. Die Briten, die das Gehöft und die Trümmer der Scheune besetzt hielten, hatten keinerlei Anstalten gemacht, den brennenden Tiger zu überprüfen.

Dennoch, lange würden Bernau und die Kameraden nicht aushalten. Sie hockten dicht gedrängt wie die Legehennen im Kampfraum des Tigers. Es fehlte an Nahrung, an Wasser und an Verbandszeug, um die Verwundeten adäquat zu versorgen. Ein Mann sei bereits aus dem Leben geschieden, wie Bernau Stendal bei ihrem letzten Funkkontakt in der Nacht mitgeteilt hatte.

Zudem durften sie keinen Mucks von sich geben – sie konnten aus ihrem Tiger heraus die Engländer hören. Schlecht solle es um deren Moral stehen, hatte Bernau gemeldet, sie würden sich das Maul zerreißen über Churchill, der unlängst seine Flucht aus London vorbereite. Viele würden über einen längst verlorenen Krieg salbadern.

Zu den guten Nachrichten gehörte auch, dass Bernaus Fahrer den Motorschaden glaubte behoben zu haben, auch wenn er dies im Augenblick nicht testen konnte.

Um die Mannen des I. Jäger-Bataillons stand es dafür nicht gut. Die Einheit war auf Kompaniestärke zusammengeschrumpft; sie hielt noch eine Handvoll Gebäude im Stadtkern von Chilham besetzt und vermochte sich keinen Millimeter mehr zu bewegen, ohne die Treffsicherheit englischer Scharfschützen auf die Probe zu stellen. Unteroffizier Friedhelm Mahler, ein alter Bekannter aus der Schlacht vor Tyler Hill, fungierte als Verbindungsmann zu Engelmann. Er klemmte pausenlos hinter dem letzten funktionierenden Mittelstreckenfunkgerät des Bataillons. Alle Kabelverbindungen waren durch die Briten gekappt worden.

Stendal pulte sich den Schlaf aus den Augen. Mehr als zwei Stunden hatte er in der Nacht nicht ruhen können und selbst in dieser Zeit hatte er nur unruhig geschlafen, hatte sogar von seinen tapferen Soldaten geträumt, die sich mitten unter dem Feind und somit in Lebensgefahr befanden.

Er drückte sich aus der Kuppel hinaus, sondierte das nähere Umfeld. Sie hatten noch am Vortag den ursprünglichen Verfügungsraum der Kompanie verlassen, waren gut einen Kilometer ausgewichen, und hatten tatsächlich gut daran getan, denn die britische Artillerie zerbombte den Forst seit dem Nachmittag ohne Pause. Die Angst des Feindes vor den deutschen Tiger-Panzern war immens, entsprechend behutsam sein Vorgehen.