Star Wars™: Der Pilot - Ann C. Crispin - E-Book

Star Wars™: Der Pilot E-Book

Ann C. Crispin

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Beschreibung

Auf dem Planeten Ylesia gerät Han Solo in die Fänge heimtückischer Priester

Nur knapp entkommt Han Solo dem niederträchtigen Händler Garris Shrike. Er heuert auf dem Planeten Ylesia als Pilot an, doch schnell wird ihm klar, dass die obskuren Priester, die den Planeten kontrollieren, mit aller Macht versuchen, ihre Herrschaft auszudehnen. Keiner der religiösen Pilger, die zu Wallfahrten kommen, hat Ylesia je wieder in Freiheit verlassen. Zusammen mit der Pilgerin Bria versucht Han, den Priestern zu entrinnen. Doch das katzenähnliche Wesen Muuurgh belauscht ihre Fluchtpläne ...

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A. C. CRISPIN

DERPILOT

Die Han Solo-Trilogie

Band 1

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Ralf Schmitz

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

www.diezukunft.de

Dieses Buch ist meiner Freundin Thia Rose gewidmet. Als wir zwölf waren, schworen wir einander, für immer Freunde zu bleiben…

…und heute, nach mehr Jahren, als uns zu zählen lieb ist, sind wir es noch immer.

Danksagung

Sich schreibend innerhalb des Star Wars-Universums zu bewegen ist, als würde man in eine Gemeinschaft aufgenommen– oder sogar in eine Familie. Die Autoren werden ermutigt, die Romane ihrer Kollegen zu lesen; darüber hinaus gibt es Dutzende von Sachbüchern und technischen Texten, die sich mit den Figuren, der »Hardware«, den Planeten und so weiter beschäftigen; und die Verfasser tauschen Informationen und Tipps aus und helfen einander, wo sie können.

Und so haben auch mir viele, viele Menschen bei diesem Buch geholfen. Mit der Einschränkung, dass alle Fehler, auf welche die Leser vielleicht stoßen, allein ich zu verantworten habe, möchte ich den folgenden Helfern danken:

Kevin Anderson, der mir zuerst die Chance eröffnet hat, für das Star Wars-Universum zu schreiben. Kevin und Rebecca Moesta haben mich außerdem mit Informationen über den Star Wars-Background und die Charaktere versorgt, meine Hand gehalten, mich ermutigt und mir ihren weisen Ratschluss zuteil werden lassen.

Michael Capobianco, meinem Kollegen und meiner unentbehrlichen besseren Hälfte, für regen Gedankenaustausch, Hilfe bei der Recherche, klugen Rat und dafür, dass er mich bekocht hat, wenn ich wieder mal zu beschäftigt war, um überhaupt zu bemerken, dass ich hungrig war. Danke, mein Lieber.

Bill Smith und Peter Schweighofer von West End Games, die mir geholfen haben, Antworten auf so absonderliche und erotische Fragen wie »Welche Unterwäsche trägt Han?« zu finden. Sie haben mir häufiger »aus der Patsche geholfen«, als ich zu zählen vermag.

Tom Dupree und Evelyn Cainto von Bantam Books für Unterstützung, guten Rat und Zuspruch.

Sue Rostoni und Luca Autrey Wilson von Lucasfilm für die »wahren Fakten«.

Michael A. Stackpole, der meiner Vorstellung auf die Sprünge geholfen hat, wie man einen Traktorstrahl unterbricht, und für weiteren Rat hinsichtlich der Schiffe und wie man sie fliegt.

Steve Osmanski, der das Manuskript gelesen hat, für seine klugen Hinweise in »technischen« Fragen.

Wie immer Kathy O’Malley, Freundin und Schriftstellerkollegin, dafür, dass sie mir die Hand gehalten und gelegentlich verdientermaßen in den Hintern getreten hat.

Und, natürlich, George Lucas, mit dem alles begann. Star Wars hat mich, als ich den Film zum ersten Mal sah, schier umgehauen, und es war mir eine Ehre, einen kleinen Beitrag zu der Saga geleistet zu haben.

Noch einmal vielen Dank, und möge die Macht mit euch allen sein.

A. C. Crispin

1

Händlerglück

Der alte Truppentransporter, ein Relikt aus den Klon-Kriegen, hing ohne Anzeichen von Leben an Bord im Orbit über Corellia. Doch der Schein trog. Das betagte Schiff der Liberator-Klasse, einst auf den Namen Wächter der Republik getauft, war als Händlerglück wiedergeboren worden; man hatte sein Inneres ausgeweidet und durch ein Sammelsurium unterschiedlichster Lebenserhaltungssysteme ersetzt. Das Schiff bot jetzt fast einhundert Fühlenden Platz, darunter zahlreichen Humanoiden. Gegenwärtig, in der Mitte der Schlafperiode, waren nur wenige Lebewesen wach, aber auf der Brücke hielt ein Posten die Stellung.

Obwohl die Händlerglück noch hyperflugtauglich war, brachte das alte Schiff viel Zeit im Orbit zu; gemessen an modernen Standards erreichte es jedoch keine hohen Reisegeschwindigkeiten. Garris Shrike, der Kopf des locker verbundenen »Händlerclans« an Bord der Glück, war ein strenger Arbeitgeber, der die Schiffsprotokolle peinlich genau einhielt– daher gab es zu jeder Zeit eine Wache auf der Brücke.

Shrikes Befehlen wurde auf der Glück widerspruchslos Folge geleistet. Er galt als ein Mann, mit dem man sich ohne guten Grund und ohne einen geladenen Blaster lieber nicht anlegte, ein alles andere als gütiger Herrscher über den Händlerclan. Garris war ein schlanker, mittelgroßer, auf eine etwas kantige Weise gutaussehender Mann. Silberweiße Schläfen betonten das schwarze Haar und die eisblauen Augen. Die schmalen Lippen verzogen sich nur selten zu einem Lächeln– und niemals offenbarte er dabei das geringste Anzeichen von Humor. Garris Shrike war ein Meisterschütze, der sich in jüngeren Jahren als professioneller Kopfgeldjäger verdingt hatte. Trotzdem hatte er diesen Job irgendwann aufgegeben. Angeblich weil das Pech sich an seine Fersen heftete; in Wirklichkeit hatte Garris jedoch die viel höheren Prämien, die für lebendig gelieferte »Ware« gezahlt wurden, durch seine Ungeduld leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Leichen waren in den meisten Fällen einfach weniger wert.

Doch Shrike besaß wider Erwarten tatsächlich einen verschrobenen Sinn für Humor, besonders dann, wenn es darum ging, anderen Schmerz zuzufügen. Wenn er spielte und gewann, vor allem aber, wenn er getrunken hatte, überkamen ihn regelmäßig Anfälle abnormer Heiterkeit.

Und jetzt war er betrunken. Er saß an einem Tisch in der ehemaligen Krankenstation der Schiffsoffiziere, spielte Sabacc und schüttelte große Humpen starken alderaanischen Ales– sein Lieblingsgetränk– in sich hinein.

Shrike prüfte seine Sabacckarten und rechnete sich in Gedanken seine Chancen aus. Sollte er mitgehen und auf einen vollständigen Sabacc hoffen? Der Geber konnte jeden Augenblick einen Knopf drücken und damit die Punktzahlen aller Karten verändern. Wenn das passierte, wäre Garris am Ende, es sei denn, er nahm zuvor zwei neue Karten auf und überantwortete den größten Teil seines Blattes dem Feld in der Mitte des Spieltischs.

Einer seiner Mitspieler, ein Kleiderschrank von einem Elominer, wandte plötzlich den stoßzahnbewehrten Kopf und sah sich nach etwas im Hintergrund um. An einer mit dem Hauptcomputer gekoppelten Statuskonsole blinkte ein Licht auf. Der riesige, zottige Elominer grunzte und sagte dann in gutturalem Basic: »Da stimmt was nicht mit dem Sensor für die Absperrung der Waffenkammer.«

Shrike legte großen Wert auf die Beachtung des Protokolls und der Bordhierarchie, vor allem wenn es um ihn selbst ging. Wenn er nicht gerade auf irgendeinem Planeten in krumme Geschäfte verwickelt war, trug er eine militärische Uniform, die er nach dem Vorbild der Galauniform eines hochrangigen Moff eigenhändig entworfen hatte. Dieses Kleidungsstück war mit »Orden« und »Auszeichnungen« übersät, die Shrike in Pfandleihen überall in der Galaxis erstanden hatte.

Als er die Warnung des Elominers vernahm, hob er ein wenig müde den Blick, rieb sich die Augen, straffte sich und ließ seine Sabacckarten auf den Tisch fallen. »Was gibt’s, Brafid?«

Das riesige Wesen verzog die mit Stoßzähnen ausgestattete Schnauze. »Ich bin nicht sicher, Captain. Die Anzeige ist wieder normal, aber irgendwas hat sie zum Flackern gebracht, als hätte die Sperre für eine Sekunde ausgesetzt. Wahrscheinlich bloß eine vorübergehende Energieschwankung.«

Der Captain erhob sich mit derart ungewohnter Eleganz und Körperbeherrschung, dass nicht einmal die geckenhafte Uniform seiner eindrucksvollen Erscheinung etwas anhaben konnte. Er kam um den Sabacctisch herum, um die Anzeigen selbst in Augenschein zu nehmen. Alle Anzeichen der Trunkenheit waren von ihm abgefallen.

»Keine Energieschwankung«, entschied Shrike im nächsten Moment. »Etwas anderes.«

Er wandte sich dem hochgewachsenen, massigen Humanoiden zu seiner Linken zu. »Larrad, sieh dir das mal an! Jemand hat die Sperre kurz unterbrochen und eine Simulation etabliert, um uns weiszumachen, es hätte nur eine Energieschwankung gegeben. Wir haben einen Dieb an Bord. Sind alle bewaffnet?«

Der Angesprochene, bei dem es sich um Shrikes Bruder handelte, nickte und klopfte gegen das Holster an seinem Oberschenkel. Brafid, der Elominer, griff nach seinem Tingler– eine Art Elektroschocker–, seiner bevorzugten Waffe, obwohl der pelzige Nichtmensch kräftig genug war, um die meisten Humanoiden über seinen Knien in zwei Hälften zu zerbrechen.

Die vierte Person im Bunde, die sullustanische Navigatorin der Glück, stand auf und legte eine Hand auf ihren Blaster, ein kleineres Modell. »Kann losgehen, Captain«, schrillte sie. Nooni Dalvo war ungeachtet ihrer geringen Körpergröße, der hängenden Backen sowie ihrer großen, anziehend leuchtenden Augen beinahe so gefährlich wie der riesige Elominer, der ihr engster Freund an Bord des Schiffes war.

»Gut«, brummte Garris Shrike. »Nooni, lauf los und postiere eine Wache vor der Waffenkammer, für den Fall, dass unser Freund zurückkommt. Larrad, aktiviere die Biosensoren. Versuch den Dieb zu identifizieren und stelle fest, wohin er will.«

Shrikes Bruder nickte und beugte sich über die Hilfskonsole. »Humanoid. Corellianisch«, berichtete er. »Männlich. Jung. Ein Meter achtzig groß. Dunkles Haar und dunkle Augen. Schlank. Der Bioscanner hat ihn erfasst. Er ist nach achtern unterwegs, Richtung Kombüse.«

Shrikes Miene erfror, bis seine Augen so kalt und blau wie die Gletscher von Hoth waren. »Der Solo-Junge«, sagte er. »Er ist der einzige, der genug Mumm hat, um so etwas zu versuchen.« Er krümmte die Finger und ballte die Faust. Der aus einem einzigen giftigen devaronianischen Blutstein gefertigte Ring an seiner Hand schimmerte mattsilbern im Licht der Kabine. »Er ist ein waghalsiger Flitzerpilot, deshalb war ich bisher zu nachsichtig mit ihm. Ich habe nie verloren, wenn ich auf ihn setzte, aber jetzt ist das Maß voll. Ich werde ihm noch heute Abend Respekt beibringen. Er wird sich wünschen, niemals geboren worden zu sein.« Shrikes Zähne blitzten heller als der Edelstein in seinem Ring. »Oder dass ich ihn vor siebzehn Jahren nicht aufgelesen und seinen bettnässerischen kleinen Hintern nach Hause auf die Glück geschafft hätte. Ich bin ein geduldiger, toleranter Mann…« Er seufzte theatralisch. »Das ist in der gesamten Galaxis bekannt. Aber sogar ich habe meine Grenzen.«

Er warf seinem Bruder, der sich ziemlich unbehaglich zu fühlen schien, einen Blick zu. Garris fragte sich, ob sich Larrad wohl gerade an die letzte Bestrafung des Solo-Jungen vor einem Jahr erinnerte. Der Kleine hatte danach zwei Tage nicht laufen können.

Shrikes Lippen wurden schmal. Er würde keinerlei Verweichlichung unter seinen Untergebenen zulassen. »Richtig, Larrad?«, fragte er gefährlich sanft.

»Richtig, Captain.«

Han Solo umklammerte den gestohlenen Blaster und schlich auf Zehenspitzen den engen Metallkorridor entlang. Nachdem er die Simulation aufgebaut und die Sperre der Waffenkammer geknackt hatte, war ihm nur wenig Zeit geblieben, um in die Kammer zu gelangen und sich die erste Waffe zu greifen, die er erreichen konnte. Nicht genug Zeit jedenfalls, um eine wohlüberlegte Wahl zu treffen.

Er schüttelte nervös ein paar lästige braune Strähnen aus der Stirn und stellte fest, dass sie nass von Schweiß waren. Der Blaster fühlte sich schwer und unpraktisch an, als er ihn prüfend in der Hand wog. Han hatte noch nicht oft eine solche Waffe angefasst, doch er hatte die Anzeigen studiert und wusste daher, wie man feststellte, ob sie geladen war. Aber er hatte noch nie einen Blaster abgefeuert. Garris Shrike gestattete lediglich seinen Führungsoffizieren, bewaffnet herumzulaufen. Der junge Flitzerpilot blinzelte in dem trüben Licht, schnippte eine schmale Klappe am dicksten Teil des Laufs auf und betrachtete neugierig die Anzeigen darunter. Gut. Voll aufgeladen. Shrike mag ja ein grober Klotz und ein Idiot sein, aber er führt ein strenges Regiment.

Der junge Mann wollte nicht einmal sich selbst eingestehen, wie sehr er den Captain der Händlerglück fürchtete und hasste. Er hatte bereits vor langer Zeit gelernt, dass offensichtliche Furcht einer sicheren Garantie für eine Tracht Prügel gleichkam– oder für Schlimmeres. Tyrannen und Narren respektierten allein Mut– oder wenigstens Draufgängertum. Also hatte Solo sich früh daran gewöhnt, niemals die Angst Oberhand über seine Gedanken oder Gefühle gewinnen zu lassen. Doch es gab Augenblicke, da er sich ihrer Gegenwart vage bewusst war; sie lag begraben unter dicken Schichten von Großspurigkeit, aber jedes Mal, wenn Han seine Angst nicht länger leugnen konnte, vergrub er sie sofort noch tiefer in seinem Herzen.

Er hob den Blaster versuchsweise in Augenhöhe und kniff unbeholfen ein braunes Auge zu, um über den Lauf der Waffe zu spähen. Die Mündung schwankte leicht, und Han fluchte verhalten, als ihm klar wurde, dass seine Hand zitterte. Komm schon, ermahnte er sich, zeig ein bisschen mehr Rückgrat, Solo! Von diesem Kahn runterzukommen, weg von Shrike, ist ja wohl ein kleines Risiko wert.

Er blickte unwillkürlich über die Schulter zurück und drehte den Kopf gerade noch rechtzeitig wieder in Laufrichtung, um einer tief hängenden Energiekupplung auszuweichen. Er hatte diesen Weg gewählt, weil er so die Mannschaftsquartiere und Freizeiteinrichtungen des Schiffs umgehen konnte. Doch dieser Gang war so schmal, die Decke so niedrig, dass er Anflüge von Platzangst verspürte, während er weiterhuschte und das Verlangen unterdrückte, abermals zurückzublicken.

Der Korridor wurde jetzt breiter, und Han erkannte, dass er sein Ziel fast erreicht hatte. Nur noch ein paar Minuten, sagte er sich und lief mit einer Anmut weiter, die seine Schritte so lautlos werden ließ, als bewegte er sich auf den weichen Tatzen eines Wonat. Er ließ die Module des Hyperantriebs hinter sich, und bald darauf kreuzte ein größerer Korridor seinen Weg. Erleichtert, nicht länger gebeugt laufen zu müssen, wandte sich Han nach rechts.

Er schlich sich an die Tür der großen Kombüse und verharrte dort mit geblähten Nasenflügeln und gespitzten Ohren. Er hörte Geräusche, ja, aber nur solche, die er zu hören erwartet hatte: das gedämpfte Klappern von Pfannen, das Klatschen von Teig auf einer harten Unterlage und das schwache Geräusch, als dieser geknetet wurde.

Dann konnte er den Teig sogar riechen. Wastrilbrot. Seine Lieblingssorte. Han lief das Wasser im Mund zusammen. Aber mit ein bisschen Glück würde er längst nicht mehr hier sein, wenn dieses Brot aufgetischt wurde.

Er schob den Blaster hinter den Gürtel, öffnete die Tür und betrat die Kombüse. »He… Dewlanna…«, flüsterte er. »Ich bin hier, um mich zu verabschieden.«

Die hochgewachsene, zottige Gestalt, die eben noch kraftvoll Teig geknetet hatte, fuhr herum und sah Han mit einem leisen fragenden Grollen an.

Dewlannas voller Name lautete Dewlannamapia; sie war Hans beste Freundin, seit sie vor nunmehr fast zehn Jahren an Bord der Händlerglück gekommen war. Han war damals ungefähr neun gewesen. (Der junge Pilot kannte sein exaktes Geburtsdatum nicht. Ebenso wenig seine Eltern. Ohne Dewlanna hätte er nicht einmal gewusst, dass sein Nachname Solo war.)

Er sprach kein Wookiee– wenn er versuchte, das Grollen, Bellen, Brüllen sowie die rasselnden Grunzlaute nachzubilden, tat ihm jedes Mal die Kehle weh, und er wusste, wie albern er sich dabei anhörte–, aber er verstand jedes Wort. Dewlanna ihrerseits sprach kein Basic, aber sie verstand die allgemeine Verkehrssprache so gut wie ihre eigene. Die Kommunikation zwischen dem menschlichen Jungen und der älteren Wookiee-Witwe gestaltete sich flüssig, wenn auch ein wenig eigenwillig. Han war seit Jahren damit vertraut und verschwendete keinen Gedanken mehr daran. Er und Dewlanna sprachen miteinander– das war alles. Und sie verstanden einander perfekt.

Er präsentierte den gestohlenen Blaster, wobei er dar auf achtete, die Mündung nicht auf seine Freundin zu richten. »Ja«, entgegnete er auf ihre Bemerkung, »heute Abend ist es soweit. Ich verlasse die Händlerglück für immer.«

Dewlanna jaulte besorgt, während sie unwillkürlich fortfuhr, ihren Brotteig zu kneten. Han schüttelte den Kopf und schenkte ihr ein verrutschtes Grinsen. »Du machst dir zu viele Sorgen, Dewlanna. Natürlich habe ich einen Plan. Ich habe einen Raumanzug in einem Spind in der Nähe der Robotfrachter-Docks versteckt. Dort wartet ein Schiff, das ablegt, sobald es entladen und aufgetankt ist; ein Robotfrachter, der dahin fliegt, wo ich hin will.«

Dewlanna versetzte dem Teig einen Hieb und knurrte eine leise Frage.

»Ich will nach Ylesia«, teilte Han ihr mit. »Weißt du noch? Ich habe dir alles darüber erzählt. Eine religiöse Niederlassung in der Nähe des Hutt-Raums, wo man Pilgern Zuflucht vor dem Rest des Universums gewährt. Dort werde ich vor Shrike sicher sein. Und…« Er hielt der Wookiee-Köchin eine kleine Holodisc unter die Nase. »…sieh dir das an! Die suchen dort einen Piloten. Ich habe meine letzten Kredits aus der Bezahlung für den Job, den wir an Land gezogen hatten, zusammengekratzt, um eine Nachricht abzuschicken, dass ich mich für den Posten vorstellen will.«

Dewlanna jaulte sanft.

»He, kommt nicht in Frage«, protestierte Han und sah zu, wie die Köchin die fertig geformten Brotlaibe auf Backbleche legte, die sie anschließend auf die Heizgitter des Backofens schob. »Ich komme schon zurecht. Ich stecke mir auf dem Weg zu dem Robotschiff noch ein paar Kredits ein. Mach dir keine Sorgen, Dewlanna.«

Die Wookiee ignorierte ihn und schlurfte rasch quer durch die Kombüse; ihre struppige, leicht gebeugte Gestalt bewegte sich ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters sehr flink. Han wusste, dass Dewlanna fast sechshundert Jahre alt war. Ein hohes Alter– sogar für Wookiees.

Sie verschwand in ihrem Quartier, um gleich darauf mit einem Beutel aus irgendeinem geschmeidigen Material wieder aufzutauchen, das auf den ersten Blick aus Wookiee-Fell gemacht zu sein schien.

Sie streckte Han den Beutel mit einem sanften, nachdrücklichen Winseln hin.

Han schüttelte noch einmal den Kopf und verbarg ein wenig kindisch die Hände hinter dem Rücken. »Nein«, sagte er mit Bestimmtheit. »Ich werde deine Ersparnisse nicht nehmen, Dewlanna. Du brauchst diese Kredits, um die Überfahrt zu bezahlen, wenn du nachkommst.«

Die Wookiee legte den Kopf schief und gab einen knappen fragenden Laut von sich.

»Aber natürlich kommst du nach«, rief Han. »Glaubst du denn ernsthaft, ich lasse dich auf diesem Wrack verrotten? Shrike wird mit jedem Jahr verrückter. Niemand an Bord der Glück ist mehr sicher. Sobald ich die Anstellung auf Ylesia habe, schicke ich dir eine Nachricht, und du kommst nach. Yelsia ist ein spiritueller Zufluchtsort, wo man Pilgern Obdach bietet. Shrike kann uns dort nichts mehr anhaben.«

Dewlanna griff in den Beutel. Ihre Finger erwiesen sich als erstaunlich geschickt, als sie die Kreditchips darin durchwühlte. Dann hielt sie ihrem jungen Freund eine Handvoll Kredits hin. Han lenkte seufzend ein und nahm sie an. »Also gut. Aber die sind nur geliehen, klar? Ich gebe dir alles zurück. Die ylesianischen Priester zahlen gut.« Sie grollte ihr Einverständnis, dann rubbelte sie ohne Vorwarnung mit einer gewaltigen Pranke sein Haar, das danach unordentlich in alle Himmelsrichtungen abstand.

»He!«, schrie Han auf. Solche Wookiee-Liebkosungen waren nur schwer klaglos zu ertragen. »Ich habe mich gerade erst gekämmt.«

Dewlanna grummelte amüsiert, und Han warf sich empört in die Brust. »Ich sehe zerzaust nicht besser aus. Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass ›zerzaust‹ unter Menschen nicht als Kompliment gilt.«

Er sah sie streng an. Aber seine Entrüstung legte sich, als ihm klar wurde, dass er ihr geliebtes pelziges Gesicht, ihre gütigen blauen Augen nun lange Zeit nicht wiedersehen würde. Dewlanna war so lange seine engste, die meiste Zeit sogar seine einzige Freundin gewesen, dass es ihm jetzt unendlich schwerfiel, sie hier zurückzulassen.

Der corellianische Junge warf sich plötzlich gegen ihren mächtigen warmen Leib und schlang stürmisch die Arme um sie. Sein Kinn reichte ihr nur bis zur Brust. Han erinnerte sich noch gut daran, wie er kaum ihre Hüfte erreicht hatte. »Ich werde dich vermissen«, sagte er und drückte das Gesicht in ihr Fell. Seine Augen brannten. »Pass gut auf dich auf, Dewlanna.«

Sie grollte sanft und legte in Erwiderung seiner Umarmung die langen zottigen Arme um ihn.

»Ist das nicht ein rührender Anblick?«, ließ sich eine kalte, allzu vertraute Stimme vernehmen.

Han und Dewlanna versteinerten, dann drehten sie sich um und starrten den Mann an, der sich ihnen durch das Quartier der Wookiee genähert hatte. Garris Shrike stand lässig vor ihnen im Durchgang, sein ansehnliches Gesicht war zu einem Lächeln verzogen, das Han das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er spürte Dewlanna an seiner Seite vor Angst oder Abscheu erschauern.

Hinter Shrike waren zwei weitere Crewmitglieder zu sehen: Larrad Shrike und Brafid, der Elominer. Han ballte vor Enttäuschung die Fäuste. Wenn sie es allein mit Shrike zu tun gehabt hätten, wäre er auf den Captain der Glück losgegangen. Gemeinsam wären Dewlanna und er vielleicht in der Lage gewesen, Garris zu überwältigen. Aber jetzt, da ihnen auch noch Larrad und der Elominer gegenüberstanden, hatten sie keine Chance.

Han war sich des gestohlenen Blasters, den er hinter seinen Gürtel geschoben hatte, qualvoll bewusst. Eine Sekunde lang dachte er daran, ihn zu benutzen, aber er verwarf die Idee sofort wieder. Jeder wusste, wie schnell Shrike mit der Waffe war. Han sah keine Möglichkeit, ihn zu schlagen. Vielleicht wurden er und Dewlanna bei einem Versuch sogar getötet, denn Shrike war unverkennbar sauer.

Han fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Hören Sie, Captain«, setzte er an. »Ich kann alles erklären…«

Shrike richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Seine Augen wurden schmal. »Du kannst was erklären, du feiger kleiner Verräter? Dass du deine Familie bestohlen hast? Dass du jene verraten hast, die dir vertraut haben? Dass du deinem Wohltäter in den Rücken gefallen bist, du diebische Rotznase?«

»Aber…«

»Ich hatte einen Narren an dir gefressen, Solo. Ich habe bisher Milde walten lassen, weil du ein verdammt guter Flitzerpilot bist, und deine Preisgelder kamen mir sehr gelegen, aber meine Geduld hat jetzt ein Ende.« Shrike schob feierlich die Ärmel seiner Phantasieuniform zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Der Blutstein an seinem Ringfinger funkelte düster im künstlichen Licht der Kombüse. »Vielleicht gewöhnst du dir Manieren an, nachdem du ein paar Tage mit devaranischem Blutgift fertig werden musstest– und mit ein paar gebrochenen Knochen. Ich will nur dein Bestes, mein Junge. Eines Tages wirst du mir dankbar sein.«

Han schluckte vor Entsetzen, als Shrike auf ihn zukam. Er hatte vor zwei Jahren bereits einmal den Aufstand gegen den Händler-Captain geprobt. Damals packte ihn der Übermut, nachdem er die freien Gladiatoren-Wettkämpfe auf Jubilar gewonnen hatte– aber er hatte es bald darauf bitter bereut. Die Blitzartigkeit und Gewalt von Garris’ Gegenschlag hatte ihm fast den Kopf abgerissen und seine Lippen gespalten; Dewlanna hatte ihn eine Woche lang mit Brei füttern müssen, bis die Wunden verheilt waren.

Dewlanna machte knurrend einen Schritt nach vorne. Shrikes Schusshand zuckte nach seinem Blaster. »Du hältst dich da raus, Alte!«, fauchte er. Seine Stimme klang fast so rau wie die Dewlannas. »So gut sind deine Kochkünste auch wieder nicht.«

Aber Han hatte bereits nach dem Arm seiner Freundin gegriffen und hielt sie mit Gewalt zurück. »Dewlanna, nein!« Die Wookiee schüttelte seinen Griff wie ein lästiges Insekt ab und brüllte Shrike wütend an.

Der Captain zog seinen Blaster, und das Chaos brach los.

»Nein!«, schrie Han und sprang. Pfeilschnell trat er mit einem ausgestreckten Fuß zu, eine alte Kampftechnik, die er auf der Straße gelernt hatte. Sein Fuß traf mit Wucht auf Shrikes Brustbein. Der Captain gab mit einem langen Uff! alle Luft von sich und kippte nach hinten über. Han prallte auf den Boden und rollte sich ab. Die elektrische Entladung aus einem Tingler zischte dicht an seinem Ohr vorbei.

»Larrad!«, keuchte der Captain, als Dewlanna auf ihn losgehen wollte.

Shrikes Bruder riss seinen Blaster aus dem Holster und zielte damit auf die Wookiee. »Halt, Dewlanna!«

Aber seine Worte richteten nicht mehr aus als zuvor Hans Warnung. Dewlannas Blut kochte. Die Kampfeswut der Wookiees hatte sie fest im Griff. Sie brüllte so laut, dass den Kontrahenten die Ohren klingelten, packte Larrads Handgelenk und zog kraftvoll daran. Sie wirbelte ihn herum und verrenkte seinen Körper in einer schrecklichen Parodie eines Kinderspiels. Han hörte etwas brechen. Sehnen und Bänder rissen vernehmlich. Larrad Shrike kreischte. Der Schmerzenslaut war so hoch und schrill, dass der corellianische Junge sich in unwillkürlichem Mitgefühl den Arm rieb.

Dann zerrte Han seinen Blaster aus dem Gürtel und gab einen Feuerstoß auf den Elominer ab, der mit ausgestrecktem Tingler auf Dewlannas Körpermitte zielte. Brafid heulte auf und ließ die Waffe fallen. Han konnte kaum fassen, dass er ihn tatsächlich erwischt hatte, aber ihm blieb nicht viel Zeit, sich über seine Treffsicherheit zu wundern.

Shrike kam wieder auf die Beine; der Blaster in seiner Faust war auf Hans Kopf gerichtet. »Larrad!«, rief er dem sich windenden Häuflein Elend zu, das sein Bruder war, aber Larrad blieb ihm eine Antwort schuldig.

Shrike machte den Blaster scharf und kam noch näher auf Han zu. »Vergiss es, Dewlanna!«, knurrte der Captain in Richtung der Wookiee-Frau. »Oder dein Kumpel Solo stirbt.«

Han ließ die Waffe fallen und hob in einer Geste der Kapitulation die Hände.

Dewlanna hielt abrupt inne und winselte.

Shrike zielte, sein Finger krümmte sich um den Abzug. Schierer, bösartiger Hass war in seine Züge eingebrannt, doch dann lächelte er. Die wasserblauen Augen glitzerten vor niederträchtiger Freude, als er verkündete: »Du hast dich der Insubordination und des Angriffs auf deinen Captain schuldig gemacht, Solo, daher verurteile ich dich zum Tode. Mögest du in allen Höllenfeuern der Galaxis schmoren.«

Han erstarrte. Jeden Augenblick erwartete er den tödlichen Blitz. Da brüllte Dewlanna auf, stieß ihn beiseite und sprang Shrike an. Der Energiestrahl seines Blasters traf sie mitten in die Brust, und sie sackte zusammen, ein Bündel aus versengtem Fell und verbranntem Fleisch.

»Dewlanna!«, schrie Han gequält. Er stürzte sich mit einer Schnelligkeit, der er sich gar nicht zugetraut hätte, auf Shrike und umschlang wie mit Eisenklammern dessen Knie. Shrike strauchelte abermals, diesmal schlug sein Schädel hart auf das Deck. Er erschlaffte und verlor das Bewusstsein.

Han kroch auf Händen und Knien zu seiner Freundin und drehte sie vorsichtig um. In ihrer Brust sah er eine klaffende, schwelende Wunde, die ihr der Blasterschuss beigebracht hatte. Er erkannte sofort, dass die Verletzung tödlich war. Kein Medidroide der Welt konnte diese Wunde heilen. Dewlanna stöhnte, atmete keuchend, kämpfte mit ihrer ganzen Wookiee-Kraft um Luft. Han schob einen Arm unter ihre Schulter, um ihre Not zu lindern. Sie schlug die blauen Augen auf, und nach einem Moment fand sie Hans Blick. Sie kam zu sich und jaulte gedämpft.

»Nein, ich werde dich nicht verlassen«, entgegnete Han und verstärkte seinen Griff. Tränen nahmen ihm die Sicht, und Dewlannas Umrisse verschwammen zu einem Meer aus braunem Fell. »Es spielt keine Rolle mehr, ob ich von hier wegkomme. Oh, Dewlanna…«

Unter unbeschreiblichen Qualen hob sie eine breite pelzige Pranke und packte seinen Arm. Han tat sich schwer, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. »Ich weiß«, würgte er hervor. Er sprach laut, um sie wissen zu lassen, dass er sie hörte. »Ich weiß, dass ich dir so viel bedeute…« Dewlanna ließ ein weiteres Jaulen folgen. »…wie dein eigen Fleisch und Blut…« Han schluckte, die Kehle wurde ihm eng und schmerzte. »Ich… ich…… empfinde ebenso, Dewlanna. Du hast mir die Mutter ersetzt, die ich nie hatte.«

Sie erschauerte unter einem langen, schmerzerfüllten Stöhnen. Wieder knurrte sie etwas. »Nein«, beharrte Han. »Ich lasse dich nicht allein. Ich bleibe bei dir, bis… bis…« Er konnte den Satz unmöglich beenden.

Dewlanna umfing Hans Arm mit einem Anflug ihrer alten Kraft und heulte eindringlich. »Wenn ich…« Er hatte große Mühe, ihre undeutlich ausgesprochenen Worte zu verstehen. »…wenn ich sterbe… umsonst? Oh, du willst sagen: Wenn ich nicht lebe, bist du umsonst gestorben?«

Sie nickte. Ihre tief in einem Nest aus Fell liegenden Augen fingen seinen Blick mit aller Eindringlichkeit ein, zu der sie noch fähig war. Han schüttelte widerstrebend den Kopf. Er konnte sie doch nicht einfach einsam sterbend hier liegen lassen.

Dewlanna grollte kaum hörbar. »Ja, ich weiß. Die Lebensenergie wird dich behüten«, sagte Han und versuchte, aufrichtig dabei zu klingen. Er hatte davon gehört, dass einige Wookiees an eine Art einigende Kraft glaubten, die alles, was existierte, durchdrang und verband. Er selbst hielt diese Kraft– er war außerstande, den Begriff angemessen zu übersetzen, der Wookiee-Ausdruck mochte »Stärke« oder auch »Macht« bedeuten–, an die Dewlanna so unerschütterlich glaubte, für reinen Aberglauben. Aber wenn sie angesichts des Todes Trost daraus schöpfte, so würde Han nicht mit ihr streiten.

Er erinnerte sich der Worte, die er so oft aus ihrem Mund gehört hatte, und sagte: »Dewlanna, möge die Lebensenergie mit dir sein…« Und in diesem Moment wünschte er sich, ihre Überzeugung teilen zu können.

Dewlanna stöhnte vor Schmerz. Han sah, dass es nun rasch mit ihr zu Ende ging. Sie knurrte matt, und wieder sprach er ihre Worte unwillkürlich nach. »Dein letzter Wunsch…« Er schluckte, kaum fähig, auch nur eine Silbe herauszubringen. »Du willst… dass ich… lebe. Und dass ich… glücklich werde.«

Han kämpfte gegen eine Ohnmacht an. »Na gut«, nickte er schließlich. »Ich werde gehen. Ich habe noch immer Zeit genug, an Bord des Robotschiffs zu gehen, bevor es startet.«

Dewlanna winselte kläglich.

»Ich verspreche es«, versicherte Han mit rauer Stimme. »Ich gehe sofort. Und ich schwöre, dass ich dich niemals vergessen werde, Dewlanna.«

Sie konnte nicht mehr antworten, aber es war sicher, dass sie ihn noch gehört hatte. Er bettete sie sanft auf das Deck, nahm seinen Blaster und richtete sich auf. Nachdem er Dewlanna einen letzten Blick zugeworfen hatte, wandte er sich ab und eilte aus der Tür.

Das Geräusch seiner raschen Schritte hallte durch die Gänge der Händlerglück. Für weitere Versteckspiele war jetzt keine Zeit mehr. Han musste die Andockbucht erreichen, wo der ylesianische Robotfrachter wartete. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wann das Schiff von der Glück ablegen sollte, doch die Frachtpläne für die Raumdockarbeiter hatten ihm verraten, dass der Frachter starten würde, sobald die Droiden ihn fertig aufgetankt hatten. Und als Han den Raumanzug stibitzt und versteckt hatte, war dieser Vorgang bereits im Gang gewesen.

Die Ylesianischer Traum konnte jeden Augenblick abfliegen.

Han rannte jetzt keuchend auf die Schleuse zu, seine Sohlen trommelten auf die Decks, die, solange er zurückdenken konnte, sein Tummelplatz gewesen war. Er hörte schlaftrunkene, mit lauten Rufen und Befehlen gespickte ferne Stimmen. Sie dürfen mich auf keinen Fall kriegen. Shrike wird mich umbringen. Diese Gewissheit verlieh ihm Flügel.

Han schlitterte um die letzte Biegung und griff sich den Raumanzug, den er hinter Gerätschaften zum Auftanken von Schiffen gestopft hatte. Der Helm baumelte über seinen Arm herab und bohrte sich schmerzhaft in seinen Leib, als er hastig den gestohlenen Code eingab, der ihm die Luftschleuse öffnen sollte.

Sekunden vergingen. Dem Lärm nach zu urteilen, rückten seine Verfolger immer näher. Doch bestimmt dachten sie, er sei zu den Fährenhangars unterwegs oder vielleicht sogar zu den Rettungskapseln. Niemand an Bord würde ihn für verrückt genug halten, sich auf einem Robotfrachter davonstehlen zu wollen– zumindest verließ Han sich darauf…

Die Schleuse öffnete sich fauchend. Han sprang in die Kammer, zerrte den Raumanzug hinter sich her und schloss die Luke. Er prüfte seinen Sauerstoffvorrat. Voll! Gut. Er hatte ursprünglich vorgehabt, ein paar zusätzliche Lufttornister mitzunehmen, aber er wagte es nicht, jetzt noch einmal umzukehren. Der Tornister an dem Raumanzug würde ihn zwei Tage lang versorgen; das sollte genügen, es sei denn, die Traum erwies sich als besonders langsames Schiff. Da es sich um eine automatische Drohne handelte, konnte Han unmöglich feststellen, welchen Kurs der Frachter einschlagen oder wie schnell er fliegen sollte.

Han verzog das Gesicht. Nur ein Verzweifelter konnte einen solchen Fluchtweg wählen. Und er war verzweifelt. Er hoffte nur, nicht als toter Mann auf Ylesia zu landen, weil ihm auf der Reise die Luft ausging.

Mal sehen… Proviant… aufgefüllt.Wasserreservoir… voll. Sehr gut. Typisch Captain Shrike: Stets sorgte er dafür, dass sich alle Ausrüstungsgegenstände an Bord seines Schiffes in einem tadellosen Zustand befanden.

Han zog den Raumanzug über den grauen Schiffsoverall und schloss die Siegelnaht an der Vorderseite. Mit plumpen, in Handschuhen steckenden Fingern hob er den Helm auf und stülpte ihn sich über den Kopf. Er war beinahe vollständig transparent, so dass Han, außer nach hinten, nach allen Richtungen freie Sicht hatte. Der untere Rand des Helms war mit einer halbrunden Front von Holofeldern ausgestattet, die seine Vitalfunktionen, die Sauerstoffreserven sowie alle übrigen lebensnotwendigen Informationen anzeigten. Han konnte außerdem in gewisser Weise mit dem Anzug »kommunizieren«, indem er mit dem Kinn gegen die Sprechtaste tippte und der schützenden Kombination Instruktionen hinsichtlich der Temperatur, des Luftgemischs und so weiter erteilte.

Okay, das wär’s, dachte der junge Mann und stapfte zu der Verbindungsluke. Er tippte die finale Sequenz ein, um den Druckausgleich zwischen der Schleusenkammer und der Ylesianischer Traum herzustellen. Han vernahm ein schwaches Zischen, als die Luft aus der Kammer gepumpt wurde. Da die Traum ein Automat war, benötigte das Schiff keine Atemluft, um seinen Dienst zuverlässig zu verrichten. Im Innern herrschte das Vakuum.

Endlich öffnete sich die zweite Luke, und Han ging an Bord.

Das Schiff war bis unter die Decke mit Ausrüstung und Fracht angefüllt; die Laufgänge waren niedrig und eng. Die Traum war nicht dafür konstruiert, einer Crew Bequemlichkeit zu bieten; lebendige Wesen betraten den Frachter sonst nur zu Wartungszwecken, so dass Han sich seitlich durch die Luke schieben musste. Der Junge empfand eine flüchtige Dankbarkeit dafür, dass alle technischen Standardeinrichtungen für den Betrieb unter Schwerkraftbedingungen konzipiert waren, andernfalls hätte er sich mit Nullgravitation zufriedengeben müssen– und das wäre ein echtes Problem gewesen.

Seit er alt genug war, auch gefährliche Pflichten zu übernehmen, hatte er die Händlerglück gelegentlich gemeinsam mit den Schweißern verlassen, um, mit dem Schiff nur durch eine hauchdünne Nabelschnur verbunden, in Schutzkleidung im leeren Raum zu arbeiten. Am Anfang war das noch recht aufregend gewesen, aber Han machte sich nicht viel aus der Schwerelosigkeit, und er lernte bald, niemals nach »unten« zu blicken. Unter sich nichts als Lichtjahre leeren Raums zu wissen verursachte ihm jedes Mal ein heftiges Schwindelgefühl.

Han ging mit schweren Schritten in Richtung »Kommandobrücke«, da er annahm, dass dies der am großzügigsten angelegte Raum an Bord sein würde. Er gelangte im Nu an sein Ziel– die Traum war ein sehr kleines Schiff. Falls die Frachtbriefe stimmten, hatte es eine Ladung Glitzerstim feinster Qualität geliefert und würde nun mit hochwertigen elektronischen Bauteilen von Corellia, die zur Instandhaltung von Fabrikationsanlagen dienten, wieder abfliegen.

Han fragte sich, wen Garris Shrike geschmiert haben mochte, um unbehelligt eine Gewürzlieferung in Empfang nehmen zu können. Die meisten planetaren Regierungen unterzogen diesen Stoff einer rigiden Kontrolle, und das galt auch für die Imperiale Handelskommission.

Han drehte sich seitlich, um die Brücke betreten zu können– und erstarrte.

Was, im Namen sämtlicher Söhne von Barah, macht ein Astromechdroide auf der Brücke? Es war allgemein bekannt, dass Astromechs unfähig waren, ein Raumschiff allein zu steuern, also konnte dieser hier unmöglich der Pilot sein. Han zog hinter dem transparenten Helm eine Grimasse. Dieser Droide musste als eine Art Alarmanlage dienen, als eine ausgeklügelte Kommunikationseinheit zur Abschreckung von Dieben, die sich an Raumhäfen herumtrieben, oder von Piraten. Wie Han erfahren hatte, war einer der Gründe dafür, dass die ylesianischen Priester so dringend einen Piloten suchten– wobei sie der Stellenanzeige zufolge einen Corellianer bevorzugten–, der wiederholte Verlust von Robotschiffen an Freibeuter.

Han verharrte regungslos und hoffte inständig, der Droide würde ihn nicht bemerken, als er eine Erschütterung spürte. Wir legen ab. Ich muss mich irgendwo festhalten, wenn das Schiff Fahrt aufnimmt!

Han entfernte sich rasch von der Brücke und lief zurück in den Ladebereich des Schiffes. Schließlich fand er gerade noch rechtzeitig, wonach er suchte: eine schmale Nische, gerade groß genug, um sich hineinzukauern und sich mit um den Körper geschlungenen Armen und angezogenen Beinen zu schützen.

Die Traum durchlief eine weitere Vibration, dann noch eine. Han stellte sich vor, wie die Andockklammern eine nach der anderen gelöst wurden. Nur noch eine, dann…

Das Schiff erzitterte zum letzten Mal und bäumte sich dann heftig auf. Als unbemannter Frachter konnte die Traum weit stärkere Beschleunigungsparameter ausnutzen als ein Raumfahrzeug mit einer Crew an Bord.

Rums! Han wurde ordentlich durchgeschüttelt, dann wappnete er sich gegen die Wucht der gewaltigen Schubkraft. Die Traum hatte das Dock verlassen und startete ins All.

Han sah vor seinem geistigen Auge, wie der Abstand zur Händlerglück immer weiter zunahm und sich der Frachter aus Corellias Schwerkraftfeld löste. Er schloss die Augen und dachte an seine Heimatwelt, die sich träge vor dem Hintergrund der Sterne drehte. Corellia war ein schöner Planet, mit kleinen Meeren, grün-braunen Wäldern, ockerfarbenen Wüsten und großen Städten; auf der Nachtseite funkelte er wie das Feuerwerk einer fernen Schlacht.

Der härteste Stoß während der Startphase presste Han unsanft gegen den Frachtcontainer in seinem Rücken. Wir haben den Lichtsprung gemacht, erkannte er.

Kurz darauf, als das Schiff mit gleichmäßiger Geschwindigkeit flog, konnte er sich wieder ungehindert bewegen. Er streckte und beugte die Arme und Beine und zuckte zusammen, als sich überall Blutergüsse bemerkbar machten. Der Kampf in der Kombüse, dachte er, und der Gedanke brachte mit überwältigender, fast körperlicher Traurigkeit die Erinnerung an Dewlanna zurück. Tränen schossen ihm in die Augen, die er grimmig zurückdrängte. Es war nicht empfehlenswert, in einem Raumanzug steckend zu weinen, da es nicht möglich war, sich das Gesicht abzuwischen.

Han zog die Nase hoch und versuchte, die Tränen wegzublinzeln. Dewlanna… Seine Freundin war gestorben, um ihm die Flucht zu ermöglichen.

Reiß dich zusammen, Solo! rief er sich streng zur Ordnung. Sein Hals war wie zugeschnürt, aber Han würgte die Qual hinunter, schluckte hart und biss sich auf die Lippen, bis der Drang, Tränen zu vergießen, sich legte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt geweint hatte. Und welchen Sinn sollte das auch haben? Es würde ihm Dewlanna nicht zurückbringen…

Han wusste, dass sie an ein Leben nach dem Tod geglaubt hatte. Wenn sie damit recht hatte, konnte sie ihn jetzt vielleicht hören.

»He, Dewlanna«, flüsterte er. »Ich hab’s geschafft. Ich bin unterwegs. Ich fliege nach Ylesia, und ich werde der beste Pilot im gesamten Sektor. Ich werde genug lernen und genug verdienen, um mich an der Akademie einschreiben zu können, so wie wir es uns immer ausgemalt haben. Ich bin frei, Dewlanna!« Die Stimme versagte ihm den Dienst. Wir sind in Sicherheit, Dewlanna. Shrike kann jetzt keinem von uns mehr etwas tun…

Eingezwängt in die winzige Nische, lächelte der junge Pilot in wilder Entschlossenheit. Ich bin frei, und das verdanke ich allein dir. Das werde ich dir nie vergessen. Wenn ich jemals die Chance erhalte, mich bei einem Mitglied deines Volkes dafür zu revanchieren, schwöre ich bei allem, was hier draußen existiert– sei es Gott, irgendeine Lebensenergie oder Macht–, keine Sekunde zu zögern.

Han Solo nahm einen langen, tiefen Atemzug aus dem Sauerstofftornister. »Danke, Dewlanna«, sagte er leise.

Er hoffte, sie konnte ihn hören, wo auch immer sie jetzt sein mochte.

2

Ylesianische Träume

Als Han aus dem erschöpften Schlaf erwachte, war er zuerst ohne jede Orientierung. Wo bin ich? fragte er sich matt. Die Erinnerung überkam ihn in raschen, brutalen Bildern: Er selbst, wie er einen Blaster hielt… Shrikes von Hass und Zorn verzerrtes Gesicht… Dewlanna, die stöhnte und einsam starb…

Er schluckte rau; die Kehle tat ihm weh. Dewlanna war seit seiner Kindheit, seit er acht oder neun Jahre alt war, ein Teil seines Lebens gewesen. Er erinnerte sich noch an den Tag, als sie, gemeinsam mit ihrem Gefährten Isshaddik, an Bord gekommen war. Isshaddik war wegen eines Verbrechens, über das Dewlanna niemals ein Wort verloren hatte, von der Wookiee-Heimatwelt verbannt worden. Sie war ihrem Gefährten ins Exil gefolgt und hatte alles, was sie je gekannt hatte– ihr Zuhause und ihre erwachsenen Jungen–, hinter sich gelassen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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