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In diesem Praxisleitfaden werden die häufigsten psychischen Erkrankungen, die bei Eltern auftreten können, erläutert. Etablierte Behandlungsprogramme mit unterschiedlichen Therapieansätzen werden aus multiprofessioneller Sicht dargestellt. Weitere Themenschwerpunkte bilden Interaktionsstörungen bei psychisch kranken Müttern sowie Besonderheiten der Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit. Neben den Auswirkungen der mütterlichen Erkrankung auf die Erziehungsfähigkeit werden auch verschiedene Netzwerke "Früher Hilfen" und die Arbeit von Selbsthilfegruppen ausführlich behandelt. Der präventive Ansatz für das Kind wird aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht verdeutlicht. ContentPLUS beinhaltet Arbeitsmaterialien zur "Mütterlichen Kompetenzrunde der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen", den Untersuchungskalender (U1-U11, J1) und Impfkalender.
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2012
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In diesem Praxisleitfaden werden die häufigsten psychischen Erkrankungen, die bei Eltern auftreten können, erläutert. Etablierte Behandlungsprogramme mit unterschiedlichen Therapieansätzen werden aus multiprofessioneller Sicht dargestellt. Weitere Themenschwerpunkte bilden Interaktionsstörungen bei psychisch kranken Müttern sowie Besonderheiten der Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit. Neben den Auswirkungen der mütterlichen Erkrankung auf die Erziehungsfähigkeit werden auch verschiedene Netzwerke 'Früher Hilfen' und die Arbeit von Selbsthilfegruppen ausführlich behandelt. Der präventive Ansatz für das Kind wird aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht verdeutlicht. ContentPLUS beinhaltet Arbeitsmaterialien zur 'Mütterlichen Kompetenzrunde der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen', den Untersuchungskalender (U1-U11, J1) und Impfkalender.
Herausgegeben von Anil Batra
Susanne Wortmann-Fleischer, Regina von Einsiedel, George Downing (Hrsg.)
Stationäre Eltern-Kind- Behandlung
Ein interdisziplinärer Leitfaden
Pharmakologische Daten verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autor haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Gewährleistung können Verlag und Autor hierfür jedoch nicht übernehmen. Daher ist jeder Benutzer angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifi sche Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufi g angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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1. Auflage 2012 Alle Rechte vorbehalten © 2012 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
Print: 978-3-17-021607-5
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026601-8
epub:
978-3-17-027446-4
mobi:
978-3-17-027447-1
GeleitwortManfred Laucht
1 Historische Entwicklung und BedarfssituationLuc Turmes
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Bedarfsanalyse und Ist-Soll-Abgleich
1.3 Ausblick
Literatur
2 Fachliche, wirtschaftliche und räumliche Kriterien einer stationären Mutter-Kind-Behandlung in Kliniken für ErwachsenenpsychiatrieRegina von Einsiedel, Susanne Wortmann-Fleischer, George Downing und Wolfgang Jordan
2.1 »Von der Pike auf«: Diagnosestellung psychischer Störungen
2.2 Wer soll das bezahlen? Wie wird die Mutter-Kind-Behandlung finanziert?
2.3 Aufbau von stationären Mutter-Kind-Einheiten
Literatur
3 Behandlungsprogramme
3.1 Zum Einfluss der postpartalen Depressionen und Angststörungen auf die Affektregulation in der Mutter-Kind-Interaktion und Ansätze zu deren Behandlung (Heidelberger Therapiemodell)Corinna Reck
3.2 Elternteile mit Borderline-Persönlichkeitsstörung – Ein systemisch-familientherapeutisches Eltern-Kind-BehandlungsangebotBernd Abendschein
3.3 Mutter-Kind-Behandlung unter bindungstheoretischer und psychoanalytischer PerspektiveHans-Peter Hartmann
3.4 Ambulante und stationäre Mutter-Kind-Behandlung am Universitätsklinikum des SaarlandesMonika Equit und Alexander von Gontard
3.5 Interaktionales Therapieprogramm für psychisch kranke MütterSusanne Wortmann-Fleischer
3.6 Kinder als Angehörige psychisch kranker Eltern – Ein Interventionsprogramm zur RessourcenförderungAlbert Lenz und Eva Brockmann
3.7 Mutter-und-Kind-Therapie im Rahmen der stationären SuchtentwöhnungsbehandlungSven Seilkopf und Sabine Sturm
4 Aufgaben des multiprofessionellen Teams
4.1 Aufgaben des Pflegeteams beim Aufbau einer Mutter-Kind-Station in einer Psychiatrischen KlinikSven Maximilian Seib
4.2 Soziale Arbeit in der klinischen Mutter-Kind-BehandlungElvira Rave
4.3 Psychiatrische Ergotherapie in der stationären Mutter-Kind-BehandlungChristine Niebel und Corinna Reck
4.4 Mobiles Bezugspersonensystem und Mama-Care – Integratives Nachsorge- und Präventionsmodell für Frauen mit psychischen Problemen während der PeripartalzeitEva Buschmann
4.5 Körperorientierte Psychotherapie und Tanztherapie auf der Mutter-Kind-Einheit in Heidelberg
4.6 Supervision im Rahmen der stationären Mutter-Kind-BehandlungÉva Hédervári-Heller
5 Zur Rolle der männlichen Partner in der Behandlung peripartaler StörungenMichael Grube
5.1 Partner psychisch erkrankter Mütter
5.2 Eigene Untersuchungen
Diskussion
Literatur
6 Einschätzung der Erziehungsfähigkeit in der frühen Kindheit bei psychischen Erkrankungen der Mütter in der PostpartalzeitErika Hohm und Elvira Rave
6.1 Mutterschaft – Elternschaft
6.2 Psychische Erkrankung, Kindeswohlgefährdung und Sorgerechtsentzug – Daten
6.3 Stellenwert der Diagnose und kindliche Entwicklungsrisiken
6.4 Einschätzung der Erziehungsfähigkeit bei psychisch kranken Müttern
6.5 Bedingungen, Verfahren und Anhaltspunkte für eine Einschätzung der Erziehungsfähigkeit
6.6 Einzelne Erkrankungen und Erziehungsfähigkeit
Ausblick
Literatur
7 Netzwerke
7.1 Vernetztes und koproduktives Vorgehen in den »Frühen Hilfen« am Beispiel der Anlaufstelle Frühe Hilfen der Stadt Mannheim: Chancen für psychisch kranke Eltern und deren BabysErika Hohm
7.2 Frühe Hilfen beginnen im Kreißsaal: Vernetzung von Gesundheits- und Jugendhilfe im Modellprojekt »Guter Start ins Kinderleben« am Standort LudwigshafenBarbara Filsinger
8 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Behandlung aus kinder- und jugendpsychiatrischer SichtEva Möhler und Franz Resch
8.1 Klinisches Bild
8.2 Risikofaktoren
8.3 Postpartum Depression und kindliche Entwicklung
Literatur
9 Eltern-Kind-Behandlung in der Gruppe – Erfahrungen mit zwei ambulanten ModellenSusanne Wortmann-Fleischer, Sotiria Argiriou-Martin, Andreas Meyer-Lindenberg und Jens Bullenkamp
9.1 Gruppe 1
9.2 Gruppe 2
9.3 Zusammenfassung und Fazit für die Praxis
Literatur
10 K(l)eine Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit – Ein Leitfaden zum rationalen Einsatz von Psychopharmaka und alternativen BehandlungsmethodenWolfgang Jordan und Regina von Einsiedel
10.1 Allgemeine Überlegungen
10.2 Substanzgruppen
10.3 Alternative Behandlungsformen
Zusammenfassung
Literatur
11 Die Arbeit von Selbsthilfegruppen als Ergänzung zur interdisziplinären Therapie peripartaler psychischer ErkrankungenSabine Surholt
11.1 Die peripartale Selbsthilfe in Deutschland
11.2 Die Ergänzung der Mutter-Kind-Behandlung durch die Selbsthilfe
11.3 Öffentlichkeitsarbeit
11.4 Website
11.5 Beratungsgespräche
11.6 Angehörigen-Beratung
11.7 Gruppentreffen
11.8 Unterstützung der Forschung
Fazit
12 Mutter-Kind-Begleitung im stationären JugendhilferahmenSigrid Bode
Einleitung
12.1 Setting
12.2 Historische Entwicklung der Einrichtung
12.3 Pädagogisches Handeln
12.4 Zusammenarbeit
12.5 Vier Säulen
12.6 Prävention und Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie
Ausblick
Stichwortverzeichnis
Verzeichnis der Autoren und Autorinnen
Folgende Arbeitsmaterialien erhalten Sie im Shop des Kohlhammer-Verlags unter ContentPLUS. Weitere Informationen hierzu fi nden Sie auf der vorderen Umschlaginnenseite.
Arbeitsmaterialien zur „Mütterlichen Kompetenzrunde der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen“
Kalender für Untersuchungen U1–U11 und J1
Impfkalender
Abbildung: Mutter mit postpartaler Schizophrenie in Füttersituation
Als wir Mitte der 1980er Jahre die langfristige Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern mit frühkindlichen Belastungen (wie z. B. Kinder psychisch kranker Eltern) zum Forschungsthema gemacht haben, um die Möglichkeiten der präventiven Intervention zu erkunden, betraten wir mit der Mannheimer Risikokinderstudie wissenschaftliches Neuland. Weder konnten wir auf differenzierte Vorstellungen zur Psychopathologie des Säuglings- und Kleinkindalters zurückgreifen, noch standen zur damaligen Zeit angemessene Methoden zur Frühdiagnostik und -intervention zur Verfügung. Insbesondere fehlten spezifische therapeutische Angebote für diese Altersgruppe wie eine gemeinsame stationäre Behandlung von Mutter und Kind. 25 Jahre später stelle ich mit großer Freude fest, dass die Notwendigkeit der Früherkennung und Frühförderung entwicklungsgefährdeter Kinder in der gesellschaftlichen Diskussion unumstritten ist und der Aufbau entsprechender Versorgungsstrukturen einen hohen gesundheitspolitischen Stellenwert besitzt. Über die großen Fortschritte, die auf diesem Weg (hier: zu einer qualifizierten Mutter-Kind-Behandlung) erzielt wurden, gibt dieses Buch fundiert Auskunft.
Etwa 8 % der 14 Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit einem psychisch kranken Elternteil auf. Wir wissen heute, dass diese Kinder besonderen psychosozialen Belastungen ausgesetzt sind und ihr Risiko für die Entwicklung einer psychischen Störung deutlich erhöht ist. Im besonderen Maße gilt dies, wenn die elterliche Erkrankung in einer sensiblen Phase der frühkindlichen Entwicklung auftritt. Bis zu 100.000 Mütter erkranken jährlich in Deutschland im Zusammenhang mit der Schwangerschaft und Geburt ihres Kindes an einer Depression, Angststörung oder Psychose. Forschungsergebnisse zeigen, dass peri- und postpartale Störungen den Aufbau einer adäquaten Mutter-Kind-Beziehung erschweren und zu langfristigen Defiziten der sozial-emotionalen und kognitiven Entwicklung der betroffenen Kinder führen können.
In den letzten Jahren hat das Thema »psychische Erkrankungen der Eltern und ihre Folgen für die kindliche Entwicklung« erfreulicherweise zunehmend an Beachtung in der Fachöffentlichkeit und Gesundheitspolitik gewonnen. Deutschlandweit hat sich eine Vielzahl spezifischer, auf die Bedürfnisse dieser Patientinnengruppe ausgerichteter therapeutischer Angebote etabliert. Die Internet Plattform »Schatten & Licht« listet aktuell 69 Einrichtungen auf, die eine stationäre Mutter-Kind-Behandlung bei postpartaler psychischer Erkrankung anbieten. Die hohe Behandlungsnachfrage, die oftmals nicht befriedigt werden kann, verweist auf den großen Bedarf an derartigen Therapieangeboten und die Notwendigkeit, solche Angebote in Zukunft erheblich zu erweitern.
Mit dem vorliegenden Buch stellen die Autorinnen einen interdisziplinären Leitfaden vor, der allen Berufsgruppen, die im Bereich der Eltern-Kind-Behandlung tätig sind, eine praxisnahe Anleitung und Hilfestellung beim Aufbau und Betrieb einer Mutter-Kind-Station liefert. Die Voraussetzungen für diese Aufgabe bringen die Autorinnen in hervorragender Weise mit, zählen sie doch zu den Pionieren auf dem Gebiet der Mutter-Kind-Behandlung, die dazu beigetragen haben, dass sich diese Behandlungsform etabliert hat. Neben verschiedenen grundlegenden Informationen bietet der Leitfaden eine ausführliche Darstellung der wichtigsten etablierten Behandlungsprogramme mit unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen, wie z. B. das interaktionale Therapieprogramm, die systemisch-familientherapeutische Behandlung und die psychodynamisch-psychoanalytische Mutter-Kind-Behandlung. Hierfür konnten jeweils anerkannte Fachleute gewonnen werden. Als »therapieübergreifendes« Therapiemodul nimmt die Video-Interventions-Therapie nach G. Downing eine Sonderstellung ein. Weitere Themenschwerpunkte bilden Interaktionsstörungen bei psychisch kranken Müttern sowie Besonderheiten der Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit. Neben den Auswirkungen der mütterlichen Erkrankung auf die Erziehungsfähigkeit wird auch die Netzwerkarbeit »Frühe Hilfen« und die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Jugendämtern behandelt. Der präventive Ansatz für das Kind wird aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht verdeutlicht.
Der vorliegende Praxisleitfaden ist für alle Berufsgruppen empfehlenswert, die in der Eltern-Kind-Therapie arbeiten und über das notwendige psychotherapeutische Hintergrundwissen verfügen, dürfte aber aufgrund der Behandlungsempfehlungen auch für die betroffenen Eltern von großem Interesse sein. Ich wünsche dem Buch eine hohe Akzeptanz und Verbreitung, damit die einmalige Chance, den nachteiligen Folgen der psychischen Erkrankung eines Elternteils durch frühzeitige Intervention vorzubeugen, zukünftig uneingeschränkt zum Wohl von Eltern und Kindern genutzt werden kann.
Manfred Laucht
Luc Turmes
Die natürlichste Beziehung der Welt, die frühe Bindung zwischen Mutter und Neugeborenem wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts wegen – zumindest aus heutiger Sicht – fragwürdiger Erkenntnisse der westlichen Medizin nachdrücklich gestört: Seit Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts kam es in den Industrienationen zunehmend zur Einrichtung von Entbindungskliniken, und die Wöchnerinnen wurden anstatt der früher üblichen Hausgeburt regelhaft, nicht nur bei Risikogeburten, hospitalisiert. Der Übergang zum 20. Jahrhundert brachte eine Wende in der Infektionsprävention mit sich: Argumente der Hygiene führten dazu, dass Mutter und Säugling nach der Entbindung strikt voneinander getrennt wurden. Dem gingen die Erkenntnisse von Ignaz Semmelweis voraus, der das unterschiedlich starke Auftreten von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene bei den Krankenhausärzten zurückführte und sich bemühte, Hygienevorschriften einzuführen. Durch die ordnungsgemäße Desinfektion der Hände und Instrumente mit Chlorkalk vor jeder vaginalen Untersuchung konnte er 1848 die Sterblichkeitsrate auf seiner geburtshilflichen Station im Allgemeinen Krankenhaus in Wien von 15 % auf 1,3 % senken; der erste praktische Fall von evidenzbasierter Medizin in Österreich. Allerdings wurden seine Erkenntnisse von den Meinungsführern seiner Zeit als spekulativer Unfug abgelehnt, Hygiene galt als Zeitverschwendung und unvereinbar mit den damaligen Theorien über Krankheitsursachen. 1862 drohte Semmelweis in einem offenen Brief an die Ärzteschaft, die geburtshelfenden Ärzte öffentlich als Mörder anzuprangern, da sie seine Hygienevorschriften immer noch nicht anwendeten, 1865 wurde er ohne Diagnose von drei Ärztekollegen in die Irrenanstalt Döblin bei Wien eingeliefert und starb dort zwei Wochen nach seiner Einweisung. Der schottische Chirurg Joseph Baron Lister (1827–1912) demonstrierte unter Berufung auf Semmelweis 1867, dass das Besprühen des Operationsfelds mit desinfiziertem Karbol zu einem drastischen Rückgang der Operationsmortalität führte, und eine Ärztegeneration später setzte sich die Umsetzung von Hygienemaßnahmen bei Frauen im Kindbett durch. Medizinhistorisch sei die These erlaubt, dass die Dramatik des Falls Semmelweis mit dazu beitrug, dass die nächste Generation von Geburtshelfern mit ihren überzogenen Hygienemaßnahmen und der damit verbundenen frühen Trennung von Mutter und Säugling im Rahmen einer Reaktionsbildung deutlich übers Ziel hinausschoss.
Der Begründer der englischen Sozialpädiatrie Sir James C. Spence (1947) eröffnete bereits 1925 ein Krankenhaus für Säuglinge in Newcastle Upon Tyne mit dem expliziten Ziel, dass die Mütter ihre Säuglinge selbst versorgen. Jackson (1946, 1948) und Barnett (1947) führten in den 1940er Jahren in den USA in der Geburtshilfe das Rooming-in ein im Sinne einer gemeinsamen Unterbringung von Mutter und Neugeborenem in einem Raum der Wochenstation. Erneut spielte die Hygiene, diesmal allerdings die Psychohygiene, eine Rolle beim Plädoyer für dieses Betreuungssetting: Die Autoren führten explizit psychohygienische Gründe für die Einrichtung von Rooming-in-Einheiten an. Sie plädierten für eine integrierte Pflege von Mutter und Kind, um die Mutter sicherer im Umgang mit ihrem Neugeborenen aus der Klinik zu entlassen und die Entwicklung der frühen Mutter-Kind-Beziehung zu fördern, anstatt sie zu belasten. Dieser Ansatz wurde in der BRD erst in den 1970er Jahren aufgegriffen, nachdem – über die Frauenbewegung der 1960er Jahre – in der Bevölkerung zunehmend Kritik an der weitreichenden Technisierung der Geburtshilfe artikuliert wurde, die Hausgeburt wieder in die Diskussion kam und Frauen dazu übergingen, Entbindungskliniken nach Kriterien des dort angebotenen Betreuungskonzepts im Sinne einer familienorientierten Geburtshilfe zu wählen. Weiter rezitiert und differenziert wurde das ursprüngliche Konzept in der Pädiatrie. Bei Erkrankungen des Säuglings, aber auch älterer Kinder, wurden die Eltern zur Vorbeugung von Hospitalismussyndromen auf die Kinderstation mit aufgenommen.
Die Arbeiten der Psychoanalytiker René Spitz (z. B. Spitz 1945) in New York, Anna Freud und John Bowlby in London (z. B. Bowlby 1956 und 1958) fokussierten nachdrücklich nicht nur die frühkindliche Entwicklung, sondern speziell auch die störanfällige Bindung zwischen Mutter, Säugling und Kleinkind. Insbesondere Spitz et al. beschrieben 1946 die schweren Schäden bis hin zur anaklitischen Depression bei Babys, die von ihren Müttern getrennt wurden. Diese Forschungsergebnisse förderten die Entwicklung von Rooming-in in Geburtshilfe und Pädiatrie, doch welche Wirkung entfalteten sie in der klinischen Psychiatrie und Psychotherapie? Im Unterschied zu den somatischen Fächern, die primär das Kind im Auge haben und präventive Ziele verfolgen, fokussiert die Psychiatrie ja darüber hinaus die postpartale psychische Erkrankung der Mutter und die daraus resultierenden Überforderungen angesichts der neuen Anforderungen, die mit Geburt, Versorgung und Pflege eines Säuglings verbunden sind.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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