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Neunzehn junge Autorinnen und Autoren erzählen von großen Ereignissen und kleinen Momenten, von Glück und Gelingen, aber auch von Not und Scheitern. Geschichten auf der Höhe unserer Zeit. - Mit Texten von Barbara Becker, Elias Bernardy, Annika Deist, Frederick Erharter, Dominik Fink, Nils Fink, Linda-Marie Hannes, Lucie Hannes, Norman Heiter, Lisa Hoellger, Yanik Latz, Alina Linscheidt, Lara Mauel, Annemarie Neumann, Debora Schild, Philipp Schneider, Hannah Staemmler, Maike van der Hoek und Jonas Weber.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2017
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EINSAMKEIT
Linda-Marie Hannes: Vergissmeinnicht
Maike van der Hoek: Verloren
Linda-Marie Hannes: Schmerz
Jonas Weber: Sofa
Maike van der Hoek: Vergiss mein nicht
Alina Linscheidt: Vergänglichkeit
Annemarie Neumann: Begegnung
Alina Linscheidt: Verloren oder gefunden
Lisa Hoellger: Without saying a word…
Annika Deist: Nebel
Barbara Becker: Fernab
Norman Heiter: Die neue Vergangenheit
Barbara Becker: Ungewiss
Norman Heiter: Endlos
Annika Deist: Warme Juli-Tage
Debora Schild: Vergangene Tage
Hannah Staemmler: Jahr für Jahr
Philipp Schneider: Kehrseite der Routine
NOCH EINMAL SO ETWAS WIE GLÜCK
Annemarie Neumann: Glück
Maike van der Hoek: Stars on Thames
Lisa Hoellger: Überraschungsgeschenk
Maike van der Hoek: Vergiss es
Debora Schild: Wiedersehen mit Komplikationen
Maike van der Hoek: Little Bits
Barbara Becker: Morgenglück
Frederick Erharter: Lucid Dreaming
Nils Fink: Frühling
Norman Heiter: Spaziergang
Lucie Hannes: Lost and found
Dominik Fink: In diesem Café
Nils Fink: Lost and found
Elias Bernardy: Vögel sind dumm
Alina Linscheidt: Erwartungen und Enttäuschungen
Lara Mauel: Ausgeschaltet
Annemarie Neumann: Endlich
Philipp Schneider: Fragen
Hannah Staemmler: Der liebende Alltag
Lisa Hoellger: Strom in der Dunkelheit
Frederick Erharter: Lost & Found
Lisa Hoellger: Zu Staub zerfallen
ÜBERALL WASSER
Jonas Weber: Plastiktüte
Barbara Becker: Hoffnung und Zweifel
Hannah Staemmler: Gescheitert
Alina Linscheidt: Überall Wasser
Frederick Erharter, Dominik Fink: Flüchtlingsgeschichte
Lara Mauel: Leere
Yanik Latz: Bilder
Linda-Marie Hannes: Hoffnung
Nils Fink: Neue Welt
Philipp Schneider: Im Zimmer
DER DUFT DER FREMDE
Debora Schild: Wer bin ich
Annika Deist: Duft der Fremde
Linda-Marie Hannes: Der Gerichtssaal
Annika Deist: Busfahrt
Yanik Latz: Der Schuss
Lara Mauel: Tränen
Annemarie Neumann: Vergessen
Debora Schild: Verloren
Maike van der Hoek: Amsterdam oder überall
Jonas Weber: Lost and found
Hannah Staemmler: Busfahrt
Maike van der Hoek: Finn Johnson
Lara Mauel: Passenger
Lucy Hannes: Die Begegnung
Lisa Hoellger: Am Rande des Abgrunds
Elias Bernardy: Ein ganz normaler Tag
NACHWORT
Er saß in seinem Zimmer. Trist sah es aus. Das womöglich Atemberaubendste, was die vier Wände zu bieten hatten, waren die Vergissmeinnicht auf der Fensterbank. Die nette Dame von vorhin hatte sie dort hingestellt, was er als äußerst nette Geste empfand, da die beiden sich nicht einmal kannten. Es war bereits dunkel draußen und die Kirchenglocken läuteten aus der Ferne halb sieben – Zeit für den letzten Kaffee.
Er nahm die Kanne und wollte gerade die kleine Porzellantasse füllen, als ihm auffiel, dass er dies wohl schon getan hatte. Der Kaffee war kalt und somit der vierte, den er an diesem Tag wegschüttete, weil er vergessen hatte, ihn zu trinken. Also stellte er die Tasse zurück auf den kleinen Tisch, direkt neben das kleine Radio. Es war nicht besonders schön, nicht besonders modern, aber allemal gut genug, um die Totenstille zu übertönen. Die Lieder waren nicht besonders bekannt, nicht besonders reizend, doch sie dienten ihrem Zweck. Die Tage hingegen waren ganz erträglich: Er bekam lauter Besuch, wenn auch von Menschen, die er überhaupt nicht kannte, aber das machte ihm nichts aus, denn er freute sich über jedes neue Gesicht, das den Versuch unternahm, seine Einsamkeit zu vertreiben. Er saß in seinem Zimmer, die Gedanken bei den vielen Menschen, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenkten. Er hätte gerne mal ein vertrautes Gesicht gesehen, aber er beklagte sich nicht.
Gelegentlich fragte er sich, was er hier zu suchen hatte und ertappte sich dabei, wie er seinen Parka anzog und mit seinen Hausschuhen die Straße überquerte. Die Straßenbahnen hielten an und fuhren weiter, er aber stieg nicht ein. Immerzu ging er mit der Frage, was er dort gewollt habe, zurück. Er überquerte die Straße mit seinen Hausschuhen und zog seinen Parka aus. Die Kirchenglocken läuteten halb acht aus der Ferne. Als er das Radio leiser drehen wollte, hielt er inne. Das war doch... ihr Lied... Seines und das der fremden Frau…
Mehr und mehr erinnerte er sich an Maria, und wie sie nächtelang auf dieses Lied getanzt hatten, bis ihnen die Füße wehtaten. Er erinnerte sich an seine Maria… wie sie im Brautkleid vor ihm gestanden und „Ja“ gesagt hatte… An die Sommernächte auf der winzigen Veranda, die ihm in ihrer Gegenwart immer riesengroß vorgekommen war… An den Sternenhimmel, der sie beide begeistert hatte.
Mit einer winzigen Träne im Auge sah er zu den Vergissmeinnicht.
Eine sanfte Melodie floss durch den Raum, prallte an den runden Wänden ab und füllte den Raum schließlich so dicht, dass man glaubte, an den Tönen zu ersticken. Dicht und dunkel. Er saß ganz in der Mitte an dem schwarzen Flügel, drückte mechanisch die Tasten herunter und hörte sich selbst gar nicht wirklich zu. Warum auch? E-Moll kannte er seit Ewigkeiten. Chopin. Präludium. Wunderschön. E-Moll eben. Ein weicher Klangteppich bedeckte bereits den Boden, weich und doch auf seltsame Weise brutal hart. Schön, aber schön vor Trauer. Eigentlich nicht dafür gemacht, dass man darauf verweilte.
Erneut rann ihm eine Träne über seine erhitzten Wangen, versickerte im mittlerweile geöffneten Kragen seines weißen Hemdes, vermischte sich mit der Musik. Das Lied, das er spielte, klang harmonisch und war doch verwoben mit seiner Trauer und Verbitterung. Eine erneute Träne, sein Mund verzog sich zu einer hässlichen Grimasse, er blinzelte weitere Tränen seine Wangen hinunter.
Warum konnte er immer noch nicht an irgendetwas anderes denken. Nur Bilder von ihr, von ihrem wunderschönen Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den vollen Lippen. Bilder von ihr in diesem roten Mantel, vor ihm stehend. Sie hatte noch nicht einmal gesagt, dass es ihr leid tat. Nichts. Hatte sie das die ganze Zeit vorgehabt? Waren die ganzen in die Nacht geflüsterten Liebesbeweise nur unsichtbare Worte gewesen? Die ganzen Küsse – Nichts?
Sein Anschlag wurde härter, hohe Läufe mischten sich mit schweren Basstönen.
Durch das Fenster konnte er den Schnee sehen, nur ein weißes Gestöber ohne jegliche Tiefe. E-Moll. So tieftraurig. So tiefrot.
Wie sie seine Hand losgelassen hatte und ihm ohne mit der Wimper zu zucken das Lächeln vom Gesicht gerissen hatte.
Erbarmungslos. Herzlos. Hoffnungslos.
Ihre Augen, urplötzlich mit Kälte gefüllt.
Die Melodie verdichtete sich. Seine Finger verweilten nun immer kurz auf den Tasten, liebevoll, aber schwer. Wundervolle Harmonien, hier und da. Zärtlich aufgebaut, kraftvoll schwingend. Jede Note vollgesogen mit stummen Schreien.
Es war aus. Einfach so. Sie hätte bei ihm bleiben müssen. Ihnen noch eine zweite Chance geben. Vielleicht. Vielleicht war aber auch schon alles verloren gewesen. Vielleicht hätte er sich mehr anstrengen müssen. Zu spät. Du hast verloren. Gib es endlich zu.
Aber verdammt noch mal, er hatte sie geliebt!
Leise schluchzte er auf, kam kurz aus dem Takt, fing sich dann wieder. Schaute erneut von seinen Fingern hoch und brauchte ein paar Sekunden, damit er wieder sehen konnte. Seine Augen brannten. Rot war ihr Kleid gewesen, rot wie sein dargebotenes und so verletzliches Herz. Schutzlos. Er hatte nie gewusst, wie mächtig Lügen sein konnten.
E-Moll presste sich gegen die Fenster, ließ ihm keinen Platz zum Atmen. Draußen tanzte der Schnee und tauchte alles in weiches Licht, das keinen Raum für Farben ließ. Eine Träne glänzte auf dem schwarzen Lack der Cis-Taste. Auf einmal zuckte er zurück, hob seine Hände, als hätte er sich an der Farblosigkeit der Tasten und Töne verbrannt. Der letzte Ton verhallte mit grausamer Langsamkeit, nicht zu den restlichen Noten passend. Sein Blick auf einen Punkt in der Ferne fixiert.
Lautlos stand er auf, ging vorsichtig bis zum Fenster und legte seine Hand an das kühle Glas der Scheibe, die immer noch von der Disharmonie zu vibrieren schien. Sein Blick verschwamm, als er die Hand vorsichtig sinken ließ und er das erhoffte Rot dahinter nicht fand.
Ich gehe nochmal alles durch. Wohnzimmer aufgeräumt, Badezimmer geputzt, Küche aufgeräumt, Betten gemacht, alles ist sauber. Heute darf ich nichts vergessen haben. Heute darf er keinen Grund haben, wieder auszurasten. Während ich der Soße für sein Lieblingsessen den letzten Schliff verleihe, höre ich, wie sich die Haustüre leise öffnet. Von jetzt auf gleich schlägt mir meine Angst wieder einmal auf den Magen. Schon fünf Mal habe ich den Hausarzt gewechselt, habe immer wieder behauptet, ich sei gestürzt oder gegen eine Türe gelaufen. Ich höre, wie er den Schlüssel durch das Wohnzimmer wirft und laut wird. Ich weiß, dass ich doch wieder etwas vergessen habe.
Er kommt in die Küche und fasst mich am Arm, dass es mir mein Blut staut. Noch ein weiterer blauer Fleck. Bevor ich auf seine Frage, warum ich den Mercedes nicht in der Garage geparkt habe, antworten kann, habe ich auch schon seine Faust im Magen. Der Schmerz durchströmt meinen Körper, was mir zur Gewohnheit geworden ist. Sofort bekomme ich seine Faust auch noch im Gesicht zu spüren, weil ich mich entschuldigt habe. Während ich erneut mit Tränen auf dem Boden liege, verlässt er wütend das Haus.
Wahrscheinlich fährt er wieder in die Kneipe. Ich höre, wie er das Haus abschließt, damit ich nicht gehen kann, sogar das Haustelefon hat er mitgenommen, damit ich niemanden erreichen kann. Ein eigenes Handy besitze ich schon seit längerer Zeit nicht mehr, genau wie einen eigenen Haustürschlüssel. So hat er immer die Kontrolle über mich.
Ich gehe ins Badezimmer, traue mich eigentlich wieder nicht, in den Spiegel zu sehen, tue es aber trotzdem. Mein linkes Auge wird nun auch blau werden und meine Nase blutet. Diesmal war ich so sicher, dass ich alles richtig gemacht und nichts vergessen habe. Ich schäme mich. Dafür, dass ich absolut nichts auf die Reihe bekomme. Weder ihn kann ich zufriedenstellen, noch komme ich von ihm los. Weil ich ihn liebe. Die Hoffnung, dass es wieder wird wie früher, lässt mich einfach nicht los.
Er brachte die letzten Flaschen zügig ins Wohnzimmer. Schnell stellte er sie ab, wobei eine fast aus seiner Hand geglitten wäre und mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Teppichboden den Todesstoß gegeben hätte.
Glück gehabt, dachte er sich und ging mit schnellem Schritt ins Badezimmer, wo er sich schließlich herrichtete. Überrascht vom Schellen der Klingel, ließ er alles stehen und liegen. Er erwischte sich jedoch beim Versuch, zur Haustür zu laufen und versuchte sich wieder zu beruhigen. Es würde schon alles gut gehen, lange würden sie nicht bleiben.
Nach einem Blick durch den Türspion öffnete er mit einem großen Schwung die Haustür und blickte in die erwartungsvollen Augen seiner Freunde. Sie standen dort, vollbeladen mit Sixpacks und einzelnen Flaschen.
Ohne dass er ein Wort sagte, traten sie ein und machten es sich im Wohnzimmer gemütlich. Sie stellten ihre Mitbringsel zu den Sachen, die er bereits mühsam ins Wohnzimmer geschleppt hatte. Er ging der Kolonne nach und nahm einen Platz in der Mitte des Sofas ein, das bereits einiges miterlebt hatte. Von kleineren bis zu größeren Flecken waren alle möglichen Makel darauf vorzufinden. Seine Mutter sollte sich nicht so anstellen, wenn heute ein, zwei neue Flecken dazukamen, versuchte er sich erneut einzureden, obwohl er genau wusste, dass sie sich aufregen würde. Und wie.
Nach einiger Zeit begannen sie mit den ersten Trinkspielen. Noch schienen alle nüchtern zu sein. Und das war auch gut so. Noch versuchte man halbwegs Ordnung zu bewahren. Versuchte, denn einige kleinere Pfützen hatten sich bereits auf dem Tisch gebildet. Die würde er, bevor sie aufbrachen, schnell beseitigen, so dass seine Eltern nichts davon in Erfahrung bringen würden, wenn sie später in der Nacht heimkehrten. Hoffentlich blieb nur der Teppich unversehrt. Sonst wäre dies wohl der letzte Abend dieser Art gewesen, der bei ihm stattgefunden hätte.
Unruhig blickte er immer wieder auf die anderen. Bald wollten sie aufbrechen und noch schien alles im grünen Bereich. Nur Tom machte ihm Sorgen. Er hatte ein Talent dafür, Trinkspiele zu verlieren, und das, obwohl er nicht viel vertrug.
Wird schon klappen, dachte er und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Spiele. Zumindest versuchte er es, bis er vom obligatorischen Kontrollanruf seiner Mutter gestört wurde, die sich, wie auch nicht anders zu erwarten, nach dem Zustand des Wohnzimmers erkundigen wollte. Mit einem leicht mulmigen Gefühl versicherte er ihr, dass alles in bester Ordnung sei, wobei er gerade in diesem Moment aus dem Augenwinkel sah, wie sich eine Flasche dem Boden näherte. Nachdem das Gespräch mit seiner Mutter beendet war, eilte er ins Wohnzimmer, um den Zustand des Teppichs zu erkunden.
Als er mit einem Lappen im Wohnzimmer stand, wurde er ungläubig von seinen Gästen beäugt. Ihre Blicke wandelten sich in Unverständnis, als er sie bat, gerade Platz zu schaffen, damit er versuchen konnte, das Unglück abzuwenden. Mit einem unguten Gefühl im Bauch verlieh er seiner Bitte Nachdruck. Daraufhin beschlossen seine Gäste, ihn zu verlassen und schließlich zur Party aufzubrechen, wo er nur allzu gern ebenfalls gewesen wäre, während er nun aber wohl oder übel den Abend damit verbrachte, den Teppich zu reinigen und die sonstigen Spuren zu beseitigen, mit denen er alleine gelassen worden war.
Es war kalt. Es war viel zu kalt. Eigentlich. Eigentlich hätte es sie unberührt lassen sollen. Eigentlich war es unsinnig, weiter darüber nachzudenken. Eigentlich war es schon lange Tatsache. Eigentlich…
Trotzdem rann ihr eine weitere stumme Träne über die Wange. Sie wischte schnell darüber, um die Spur der Traurigkeit verschwinden zu lassen. Doch diese blieb und ließ sie den Wind nur noch beißender spüren. Unter ihr rauschte und wogte das Wasser, schlug gegen die Klippen. Die Gischt traf wie tausend Scherben auf ihre Wangen, verdeckte die Tränen mit weiteren winzigen Tropfen.
Deswegen kam sie hierher. Damit keiner sah, wie sehr es sie berührt hatte und wie kalt die Gischt wirklich war…
Wie kalt der Ozean in seinen Augen gewesen war…
Zittrig atmete sie ein. Wurde sich ihrer offenen Jacke bewusst. Beobachtete die Wellen. Vergrub ihre Hände im Nichts, bis der scharfe Schmerz der abgekauten Fingernägel in ihren Handflächen sie zusammenzucken ließ.
Sie war nie so gewesen. Nie. All die Jahre nicht. Sie hatte ihm irgendwo nachgetrauert, das schon. Aber den Verlust wirklich realisiert, das hatte sie nie. Bis es irgendwann zu spät gewesen war.
Kälte. Gnadenlose Kälte.
Überall. Hier draußen auf der Klippe, in ihren Tränen, in dem Ozean, der in seinen Augen gegen den Sturm gekämpft hatte. Kälte in ihrem Herzen. Und natürlich in dem simplen Verlust.
Sie hatte ihr Herz für ihn geöffnet und gar nicht gemerkt, wie er damit davongezogen war. Und sie hatte niemals gedacht, dass so wenige Worte ein Herz wie dünnes Porzellan zerschmettern konnten. Im Bruchteil einer Sekunde.
Dünne, grazile Finger. Kalter Wind auf seltsamerweise immer noch warmen Wangen. Fallender Regen, Regen ins Bodenlose.
Sie war auch ins Bodenlose gefallen, als er die Worte gezückt und ihr entgegengeworfen hatte. Sie war knallhart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. Und jetzt krümmte sie sich immer noch zusammen und versuchte irgendwie das Gefühl von Leere zu vertreiben.
Anscheinend hatte sie sich immer noch Hoffnungen gemacht, obwohl er schon längst verloren gewesen war. Sie war wie ein gefälliges Schmuckstück gewesen, das er schon längst abgelegt hatte, nachdem sie jahrelang verbunden gewesen waren. Er hatte sie nur noch eine Zeit lang in der hohlen Hand gehalten, bevor er sie mit einem beinah hinterhältigen Grinsen über der Klippe fallen gelassen hatte.
Und das nur mit so wenigen Worten. Worten, die aufgrund ihres Gewichts schnell ins Bodenlose verschwanden, aber trotzdem im Gedächtnis geblieben waren.
Sie hatte ihn verloren. Entglitten war er ihr über die Jahre hinweg. Aber wann war er nur so grausam geworden? Sie wusste es nicht. Sie wusste nichts mehr. Spürte nur noch die Tränen in ihren Mundwinkeln. Sie stand auf und versenkte ihre Hände in den Hosentaschen. Untätig. Unter ihr rief die Gischt.
Vergänglichkeit. Das war alles, was ihm dazu einfiel. Eine Kolonie von jungen Löwenzahnpflanzen würde einheitlich das Schicksal einer Pusteblume ereilen, damit schlussendlich ein zarter machtvoller Windstoß alle Spuren der ehemals sonnengelben Blüte hinfort zerren würde. Der Bach würde irgendwann wieder einfrieren und das fröhliche Plätschern verstummen. Bald würde sich eine schwere Wolke vor die Sonne legen und die ungewohnte helle Wärme an seinem rechten Ohr nur Erinnerung sein lassen.
„Benny!“, rief er. War das wirklich seine Stimme? Dieser rostige Klang, der gänzlich von seinem Labrador ignoriert wurde? Er verspürte ein altbekanntes Kribbeln in der Nasenspitze. Eilig fuhr er sich mit zwei Fingern über den Nasenrücken, um die neu erwachten Pollen nicht gewinnen zu lassen. Er würde die inzwischen spröde gewordene Bank neben der alten Eiche heute nicht mehr erreichen. Endlich kam Benny aus den von Schneeüberbleibseln durchnässten Hölzern an der linken Seite des Spazierpfades hervor. Er befestigte die Leine am Halsband. Der Hund, der früher deutlich gehorsamer gewesen war, sollte den Rückweg nicht noch weiter hinauszögern.
Er stellte sich vor, wie seine Frau in einen Handwerkerkatalog sah, um eine Tapete für das neue Kinderzimmer zu wählen. Er sah seine kleine Tochter vor sich, die am Küchentisch ihre Hausaufgaben machte und über das kleine Einmaleins klagte.
Gerade wollte er an die Tür des Hauses klopfen, besann sich jedoch, da ihm der Schlüssel in der Jackentasche einfiel. „Ich bin zu Hause!“, rief er durch die geöffnete Tür. Keiner antwortete. Stille. Nur Stille, die schmerzhaft in seinen Ohren dröhnte. Natürlich interessierte es niemanden, nicht einmal die Wände, dass er wieder zu Hause war.
Wie lange war es jetzt her, dass seine Frau auf diesen Ausruf geantwortet hatte? Das Haus war inzwischen renoviert worden. Der neue Anstrich, ein beißendes Zitronengelb, fing mittlerweile auch schon an abzublättern. Eines dieser Ereignisse, die sich durch das Leben zogen, wie Kondensstreifen von Flugzeugen den blauen Himmel zerrissen. Und geblieben waren nur Benny und er.
