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Die Ruhe vor dem Sturm … wird ihr Geheimnis ihre Liebe zerstören? Dramatische, rasante Young Adult-Romance für Fans von Leonie Lastella und Ayla Dade Amelia will in den Winterferien zusammen mit ihren Freunden verreisen, um sich von den dramatischen Ereignissen des letzten Schuljahres zu erholen. Leider läuft es nicht so, wie geplant, denn verletzte Gefühle und Missverständnisse stellen die Freundschaft auf die Probe. Als wäre das nicht schon genug, holt Aidens Vergangenheit ihn ein und bringt ihn in große Gefahr. Und auch Amelias Geheimnis lastet schwer auf ihr – in nicht einmal einem Monat soll sie in eine neue Stadt ziehen, und dafür muss sie alle Verbindungen kappen …
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Bei »Stay with me« handelt es sich um eine übersetzte Version des erstmals auf Wattpad.com von AvaViolet ab 2016 unter demselben Titel veröffentlichten Textes.
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Deutsche Erstausgabe
© 2020 by Jessica Cunsolo. The author is represented by Wattpad WEBTOON Studios.
Titel der Originalausgabe: »Stay with me« in Canada by Wattpad Books, 2020
© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2024
Übersetzung: Mina E. Fischer
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
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Cover & Impressum
Widmung
Triggerwarnung
Prolog
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Triggerwarnung
Danksagungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Diese Geschichte ist meiner Mutter Carmela Cunsolo gewidmet.
Danke, dass du mein größter Fan bist.
In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.
Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.
Manchmal erlaubt sich das Leben einen Spaß mit dir. Vielleicht wirken Leute wie ich langweilig, also denkt sich das Leben gelegentlich: Hey, warum nicht ein wenig Amelia ärgern? Das könnte lustig sein, oder?
Und dann sagen die Freunde des Lebens, das Drama, der Schmerz, die Ungewissheit und die unglücklichen Zufälle: Klar, Alter! Wir stehen hinter dir. Sieh dir den Shitstorm an, den wir verursachen können.
Und sie machen sich an die Arbeit, mischen sich dort ein, wo sie nichts zu suchen haben, und stiften Unruhe. Sitzen mit kalten Bieren in der Hand und einigen Pizzaschachteln, die sie sich teilen, herum und lachen sich kaputt.
Zumindest stelle ich mir das so vor, denn manchmal kommt es mir so vor, als wäre meine Zeit hier auf der Erde nur eine einzige lange Abfolge von »Mal sehen, wie wir Amelia heute verarschen können!«.
Da draußen ist ein Mann, der mich umbringen will: Tony. Er hat im Namen der Rache andere Menschen versehrt und getötet. Und ich sorge mich sehr um jemanden, den ich unweigerlich am Ende verletzen werde – jemanden, der entdeckt hat, dass er von Anfang an belogen wurde und dann prompt wegen Mordes an seinem Stiefvater verhaftet wurde. Seit Greg aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er befürchtet, dass er seinen Brüdern etwas antun würde. Aiden ist kein Mörder, er ist nicht fähig, so etwas zu tun. Oder etwa doch? Er passt leidenschaftlich auf die auf, die er liebt. Er würde alles tun, um seine Brüder zu schützen … aber Mord?
Aiden hasst Greg aus tiefstem Herzen – ich bin mir ziemlich sicher, dass er Aiden als Kind misshandelt hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Aiden ihn umbringen und dann zu mir nach Hause kommen würde, um Filme zu schauen, als wäre es ein ganz normaler Tag.
Warum glaubt die Polizei, dass Aiden es war? Er war die ganze Nacht bei mir, und davor hat er Zeit mit Mason verbracht … oder? Wann ist Greg eigentlich gestorben? Er ist gerade erst entlassen worden – würde er nicht Zeit mit seinem Sohn Ryan verbringen wollen, anstatt sich um Aiden zu kümmern?
Ryan.
Ich frage mich, ob Aidens Stiefbruder schon vom Tod seines Vaters gehört hat. Ich frage mich, ob er gehört hat, dass Aiden für Gregs Mord verhaftet wurde. Ryan hasst Aiden dafür, dass er Aiden ist. Ich möchte nicht wissen, was er tun wird, wenn er denkt, dass Aiden für den Tod seines Vaters verantwortlich ist. Zuvor war das nur eine kleine Rivalität, aber jetzt ist jemand tot, und Aiden sitzt im Gefängnis und wird des Mordes beschuldigt.
Ich darf Aiden nicht verlieren. Nicht jetzt, nicht wenn er mir so viel bedeutet. Alle hier in King City bedeuten mir viel. Alle meine Freunde sind Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie jemals in meinem Leben haben würde; Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich dazugehöre, dass ich eine Familie habe. Ich kann nicht zulassen, dass mir das irgendjemand wegnimmt, nicht Ryan, nicht Tony und auch nicht die Polizei.
Auf dem Polizeirevier herrscht reger Betrieb. Überall befinden sich Männer und Frauen in Uniform, die entweder herumlaufen, als wären sie gerade mit einer wichtigen Aufgabe beschäftigt, oder herumstehen und reden, als hätten sie alle Zeit der Welt. Die Luft riecht nach einer seltsamen Mischung aus Desinfektionsmittel und Schmutz, und das unablässige Klingeln eines Telefons dröhnt in meinem Kopf. Wir sitzen hier schon seit Stunden. Niemand hat uns irgendetwas mitgeteilt. Die einzige Interaktion zwischen uns und den Beamten bestand darin, dass sie uns gelegentlich anfunkelten, weil wir praktisch den gesamten Wartebereich einnehmen.
Ich hasse Polizeireviere. Ich war im letzten Jahr in vielen, und es wird nie besser – die Angst geht nie weg und auch nicht das tiefe Grauen, das mitten in meiner Brust sitzt. Polizeireviere erinnern mich an Tony, und jede Person, die ein Beamter in Handschellen an uns vorbeiführt, lässt mich erschaudern. Der einzige Grund, warum ich wie angewurzelt auf meinem Sitz klebe, anstatt so schnell wie möglich von hier zu fliehen, ist Aiden.
Nach der Festnahme holten Julian, Mason und Annalisa die Zwillinge aus dem Haus ihres Freundes, wie Aiden es verlangt hatte, und brachten sie zu Julian, damit seine Mutter auf sie aufpassen konnte. Alle anderen kamen zur Polizeiwache. Auch Julian tauchte etwas später mit Annalisa und seinem Vater Vince auf. Julian hat seine Größe und seine breiten Schultern eindeutig von seinem Vater geerbt. Vince hat ein strenges Gesicht und eine souveräne Ausstrahlung, die ihn vertrauenswürdig erscheinen lässt. Natürlich hat Julian seinen Vater um Hilfe gebeten, denn wir brauchen einen verantwortungsvollen Erwachsenen, und Aiden hat keinen anderen, an den er sich wenden kann. Außerdem ist Aiden mehr oder weniger mit Julian aufgewachsen.
Kurz nachdem Vince aufgetaucht war, kam auch Mason mit seinem Vater Brian. Die Erwachsenen gingen zur Polizei hinein, um sich über Aiden zu unterhalten, während der Rest von uns besorgt in dem kleinen Empfangsbereich saß.
Auch Mason hat sein gutes Aussehen von seinem Vater geerbt. Ihre dunklen Haare und ihre gebräunte, olivfarbene Haut sind fast identisch, doch Brian ist ein bisschen kleiner als sein Sohn. Außerdem fehlt Brians dunklen Augen dieser Funke eines Schalks, den Masons Augen oft versprühen – aber das hier ist ja auch keine glückliche Situation.
Während die beiden Väter mit den Polizisten reden, sitze ich aufrecht da. Aufmerksam beobachte ich sie. Es sieht nicht so aus, als würde es gut laufen. Brian fährt sich mit der Hand durchs Haar, wie auch Mason es tut, wenn er frustriert ist. Der goldene Ehering glänzt und steht im Kontrast zu seinem dunklen Haar. Mein Herzschlag hat sich nicht verlangsamt, seit wir uns hingesetzt haben.
Nach einer Weile wird Vince von einigen Beamten nach hinten geführt, während Brian sich zu uns setzt.
»Was ist los?«, fragt Mason seinen Vater.
»Sie haben Aiden im Moment in Gewahrsam. Ihm fehlen noch ein paar Wochen bis zur Volljährigkeit, also können sie ihn nicht ohne die Anwesenheit eines geeigneten Erwachsenen und eines Sozialarbeiters befragen. Wir versuchen herauszufinden, wer genau das sein könnte«, erklärt Brian, holt sein Handy heraus und geht einige Kontakte durch.
»Aber ohne Anwalt dürfen sie ihn nicht verhören! Sollten wir ihm nicht lieber einen Anwalt besorgen?«, ruft Annalisa.
»Er braucht keinen Anwalt. Er hat nichts getan!«, verteidigt Noah Aiden. »Er hat ungefähr sieben Alibis! Acht, wenn man den Typen mitzählt, der in der Pizzeria am Tresen arbeitet!«
Brian ignoriert Noah und steht auf. »Ich rufe jetzt einen Anwalt an. Hoffentlich ist er bald da.«
Und damit geht er weg, um einen ruhigen Ort für sein Telefonat zu finden, und überlässt uns unseren unproduktiven Sorgen.
Eine halbe Stunde später betritt ein professionell aussehender Mann in einem gebügelten Anzug das Polizeirevier, und Brian steht auf, um ihm die Hand zu schütteln. Sie sprechen mit einigen Beamten, die dann den Mann, von dem ich annehme, dass er Aidens Anwalt ist, in ein Hinterzimmer drängen.
Charlotte sitzt neben Chase. Leise unterhalten sie sich miteinander. Annalisa starrt jeden auf dem Polizeirevier an und sieht aus, als würde sie sich sehr bemühen, niemanden zu schlagen, der sie schief ansieht. Julian steht neben ihr und spricht mit Mason und Brian darüber, was mit Aiden passieren könnte und was wohl im Hintergrund vor sich geht. Noah sitzt neben mir, sein Fuß klopft schnell und unaufhörlich auf den Boden. Das Geräusch macht mich langsam verrückt.
Seit ich nach King City gezogen bin, hatte ich das Glück, all diese unglaublichen Menschen kennenzulernen – Freunde, die für mich wie eine Familie geworden sind. Ich hatte noch nie Freunde, die einem den Rücken frei halten, egal was passiert, und die auch in schwierigen Zeiten zu einem halten. An einem Freitagabend sitzen wir alle in einer Polizeistation, anstatt uns zu amüsieren, und das alles nur, weil wir uns umeinander und um Aiden sorgen.
Ich bin zwar dankbar, dass ich meine Freunde habe, aber ich hasse es, dass ich in einem unbequemen Stuhl in einem beigen Raum mit schrecklicher Beleuchtung festsitze, unfähig, irgendetwas anderes zu tun, als zu versuchen, die Angst und die Sorgen, die sich in meinem Magen bemerkbar machen, zu ignorieren.
Nach einer Weile halte ich es nicht mehr aus und schlage mit meiner Hand auf Noahs Oberschenkel. »Hör auf!«, schnauze ich ihn an.
»Ich weiß, dass ich unwiderstehlich bin, Amelia, aber jetzt ist weder die Zeit noch der Ort dafür, übermütig zu werden«, sagt Noah.
Ich ziehe meine Hand zurück. Im Augenblick habe ich keine Lust auf seine Noah-Art. Sein Fuß hat aufgehört, unaufhörlich zu klopfen, aber ich fühle mich nicht besser. Warum dauert das so lange? Aiden hat nichts getan. All das hätte schon längst geklärt sein müssen. Oder etwa nicht?
Die Minuten vergehen schmerzhaft langsam. Charlottes strenge Eltern rufen an, und dann kommt ihr älterer Bruder, um sie und Chase abzuholen, der selbst besorgte Eltern hat, zu denen er nach Hause kommen soll. Wir versprechen, dass wir beide auf dem Laufenden halten werden.
Wie lange sind wir jetzt schon hier? Seit Stunden? Es ist schon nach zehn. Warum ist auf dem Polizeirevier nicht weniger los? Das Telefon hat nicht aufgehört zu klingeln. Ich bin kurz davor, jedes einzelne Telefon von seiner Schnur zu reißen und sie alle aus dem Fenster zu schmeißen. Das letzte Mal, dass ich so lange auf einem Polizeirevier war, war, als Tony mich zum dritten Mal gefunden hatte und ich vom Krankenhaus zum Revier hatte gehen müssen, um meine Aussage zu machen, was natürlich nutzlos war. Er ist immer noch da draußen und sucht nach mir. Und genau wie in jener Nacht setzt meine Fluchtreaktion ein – ich möchte so weit wie möglich von hier weglaufen, aber ich würde Aiden niemals zurücklassen.
Es ist kurz nach elf Uhr, als der Anwalt und Vince wieder herauskommen, leider ohne Aiden. Brian geht rüber und beginnt mit den anderen Männern zu reden. Kerzengerade und gespannt sitzen wir da, um das Gespräch mitzuhören. Die Väter unterhalten sich eine Weile mit einigen der Polizisten, dann gehen der Anwalt und Brian mit zwei anderen Beamten weg. Verwirrt schauen wir hinterher.
Vince kommt zu uns herüber. Er sieht müde aus, aber weniger frustriert, was hoffentlich ein gutes Zeichen ist. Als er sich uns nähert, stehen wir auf.
»Sie werden Aiden über Nacht festhalten«, sagt Vince, noch ehe sich jemand von uns erkundigen kann, »während sie sein Alibi überprüfen.«
»Sind wir nicht sein Alibi?«, fragt Julian.
Julians Vater bittet uns, zum Rand des kleinen Wartebereichs hinüberzugehen, wo wir uns von den anderen Anwesenden ungestört unterhalten können.
»Wir wissen jetzt Folgendes: Gregs Leiche wurde tot vor Aidens Haus gefunden. Er war ziemlich übel zugerichtet. Sie haben Aidens Handy am Tatort gefunden. Im Moment geht die Polizei von einem Todeszeitpunkt gegen sechs Uhr abends aus. Aiden befand sich seit halb fünf bei Mason zu Hause. Sie waren dort, bis sie gegen zehn vor sieben die Pizza abgeholt haben. Dann sind sie direkt zu Amelias gefahren. Die Überwachungsvideos der Kameras vor Masons Haus können beweisen, dass die Zeit stimmt, zu der er das Haus verlassen hat. Brian ist gerade losgefahren, um der Polizei die Bänder zu besorgen, damit Aiden entlastet wird.«
Fassungslos sehen wir uns an. Gregs Leiche wurde vor Aidens Haus gefunden? Mit Aidens Mobiltelefon?
»Sein Handy? Ich weiß ganz sicher, dass er sein Handy bei Amelia dabeihatte«, mischt sich Mason ein.
»Sein altes Telefon. Erinnerst du dich, er hat es vor ein paar Wochen auf der Pi…, in der Schule verloren.« Mein peinliches Vertuschen ist überhaupt nicht cool, aber ich werde niemanden verpetzen, indem ich vor den Eltern »Piste« sage.
»Wie ist Aidens Handy am Tatort gelandet?«, fragt Annalisa, obwohl niemand von uns die Antwort kennt.
»Das ist nicht wichtig. Wie ist die Leiche von Aidens verhasstem Stiefvater vor seinem Haus gelandet? Wurde sie dorthin gebracht?«, überlegt Julian.
Vince reibt sich die Augen. Ich bezweifle ernsthaft, dass er jemals daran gedacht hat, dass Vater zu sein bedeutet, sich mit einer Mordanklage auseinandersetzen zu müssen. »Die Gerichtsmedizin hat festgestellt, dass es der Tatort war, was bedeutet, dass Greg vor Aidens Haus gestorben ist.«
»Das sieht nicht gut aus für unseren Jungen.« Noah verzieht das Gesicht.
»Er hat es nicht getan, Noah!«, blafft Annalisa.
»Ja, ich weiß. Ich meine ja nur …«, erwidert er und fügt dann leise murmelnd hinzu: »Warum vergesse ich immer, dass sie ohne Schlaf noch launischer ist als sonst?«
»Noah hat allerdings recht«, meint Vince. »Der Tatort, Aidens Telefon und die blauen Flecken an Greg, die auf einen kurz zuvor erfolgten Kampf hindeuten, lassen nichts Gutes erahnen. Außerdem ist die Vergangenheit von Aiden und Greg nicht gerade hilfreich – es ist aktenkundig, dass Aiden gegen Gregs Entlassung auf Bewährung plädiert hat. Es wäre denkbar, dass er ein Motiv hatte. Selbst wenn wir ein Alibi für ihn haben, müssen wir beweisen, dass es ausreicht, damit sie ihn gehen lassen.«
Diese ganze Situation ist skurril. »Aiden ist einer der klügsten Menschen, die ich kenne«, erkläre ich. »Er ist gebildet und clever im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Er hat einen der besten Notendurchschnitte – nicht nur in unserer Schule, sondern im ganzen Bezirk. Ich denke, wenn er jemanden umbringen wollte, würde er die Leiche nicht vor seinem Haus liegen lassen.«
Alle lächeln müde und nicken über die Wahrheit hinter dem, was ich sage. Ich meine, wirklich. Niemand kann so dumm sein, jemanden zu töten und die Leiche vor seinem Haus liegen zu lassen, als wäre es keine große Sache, während er bei seinem Freund Pizza isst und Filme schaut.
Aber wenn Aiden Greg nicht getötet hat, wer war es dann? Warum befand sich der Tatort vor Aidens Haus? Versucht jemand, ihm etwas anzuhängen? Aber warum? Es gibt so viel mehr Fragen als Antworten, und das bereitet mir Unbehagen. O Gott! Was ist, wenn sie mich befragen müssen? Er war bei mir zu Hause, als er verhaftet wurde. Was ist, wenn sie bei mir nachforschen müssen? Was werden sie finden?
»Hört mal alle zu«, befiehlt Vince. »Sie werden das aufklären, und Aiden wird hier raus sein, noch bevor ihr es mitbekommt. Ihr solltet jetzt alle nach Hause gehen, statt hier herumzusitzen und euch Sorgen um ihn zu machen. Er wollte, dass ich euch versichere, dass es ihm gut geht, dass ihr nach Hause gehen könnt und dass alles in Ordnung kommen wird.«
Aiden ist buchstäblich im Gefängnis (oder in Polizeigewahrsam, wie auch immer, es gibt jedenfalls Gitter), und trotzdem sind seine Freunde seine oberste Priorität? Dieser Mann kann mich nicht dazu bringen, ihn noch mehr zu mögen, als ich es ohnehin schon tue.
Vince klopft Julian sanft auf den Rücken. »Komm, mein Sohn, lass uns nach Hause gehen und uns ausruhen. Es wird sich bald alles aufklären. Annalisa, ich nehme an, du übernachtest heute bei uns?«
Annalisa nickt und zieht ihre Jacke an. Vince sieht uns anderen an. »Braucht ihr eine Mitfahrgelegenheit?«
»Ja«, sagt Noah und schaut von seinem Handy auf. »Vielleicht sollte ich auch bei euch übernachten. Ich habe neunzehn verpasste Anrufe von meiner Mom und keine Lust, heute Nacht zu sterben.«
Noahs Humor durchbricht die angespannte Atmosphäre. Wir sind alle erschöpft. »Pech gehabt, Junge. Judy wird zu einer toughen Frau, wenn sie wütend ist.« Vince sieht mich und Mason an. »Soll ich euch Kinder nach Hause fahren?«
»Ich bin mit dem Auto gekommen«, sage ich und unterschlage den Teil, dass ich absolut nicht die Absicht habe aufzubrechen.
Mason sieht mich an, als könnte er meine Gedanken lesen.
»Ich werde mit Amelia mitfahren.«
»Okay, dann kommt gut nach Hause«, sagt Vince. »Macht euch keine Sorgen, es wird schon alles gut gehen.«
Wir verabschieden uns. Als sie nicht mehr zu hören sind, wende ich mich Mason zu. »Du weißt doch, dass ich nicht so bald losfahren werde, oder?«
Er rollt mit den Augen und lässt sich mit dem Hintern auf den Stuhl im Wartebereich fallen. »Natürlich weiß ich das. Ich habe meinem Dad eine Nachricht geschickt und ihm gesagt, dass ich mit dir mitfahren werde, sobald sich alles geklärt hat.«
Ich setze mich auf den Platz neben ihm und lehne mich müde zurück. Trotz unseres holperigen Starts ist Aiden in den letzten Monaten immer für mich da gewesen. Er hat mir geholfen, wann immer ich ihn brauchte, auch wenn ich ihn nicht darum gebeten hatte, auch wenn ich ihn verärgert oder vor den Kopf gestoßen hatte. Zum Beispiel, als er Ethan Moore dazu brachte, das Video von mir, das er ins Internet gestellt hatte, zu löschen, ohne mich zu fragen, warum ich deshalb so in Panik geraten war. Oder als er mein schwieriges Verhalten ertrug und mir Mathenachhilfe gab, um mir zu helfen, meine schlechte Note zu verbessern. Oder als unsere Erzfeinde Kaitlyn und Ryan mein Auto demoliert hatten und er mich zum Schlafen zu Charlotte brachte, während er sich um den Abschleppwagen, den Mechaniker und die Reparaturen kümmerte, und sich weigerte, Geld dafür anzunehmen. Oder als er 4000 Dollar bei einem Rennen mit Ryan gewonnen und sie mir gegeben hat, damit ich sie ausgeben kann, wie ich will. Er zieht seine Zwillingsbrüder im Grunde allein groß. Aiden ist so ein guter Mensch mit einer aufrichtig guten Seele. Der Gedanke, dass er ins Gefängnis kommen könnte, ist unerträglich. Er hat uns vielleicht gesagt, wir sollen nach Hause gehen und uns keine Sorgen mehr machen, aber ich kann nicht von hier weg, wenn ich weiß, dass er hier ist. Ich würde ihn in gewisser Weise im Stich lassen, vor allem nachdem er gerade die Wahrheit über mich erfahren und sich davon nicht abschrecken lassen hat.
Er weiß, dass ich nicht Amelia heiße – er hat den Schuhkarton entdeckt, in dem sich Erinnerungen an mein früheres Leben befinden; er hat herausgefunden, dass ich ein verlogenes Stück Dreck bin. Er hat sich mir gegenüber geöffnet, etwas, das ihm extrem schwerfällt, und ich habe ihn verraten. Ich habe ihn belogen, während er vollkommen ehrlich und transparent zu mir war. Er war so unglaublich verletzt, als er herausfand, dass meine gesamte Identität eine Lüge ist. Der Ausdruck auf seinem Gesicht, die blitzartige Erkenntnis, dass ich gelogen habe, spult sich in meinem Kopf ab wie in einer Schleife, gleicht einem Auto auf einer Rennstrecke – sein völliger Unglaube und das Gefühl des Verrats.
Aber er hat es verstanden. Er war nicht böse, und er hat mich geküsst. Er hat gesagt, dass er voll dabei ist – also gehe ich nirgendwohin, bis er freigelassen wird. Denn ich bin auch voll dabei, egal, was passiert.
»Was meinst du, worüber er nachdenkt?«, frage ich und versuche, mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken.
»Wahrscheinlich über seine Brüder«, antwortet Mason.
»Er liebt Jason und Jackson mehr als alles andere.«
»Denkst du, Ryan hat das mit seinem Dad herausgefunden?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass der Hass, den Ryan auf Aiden hegt, dadurch nur noch stärker werden wird.«
»Du glaubst doch nicht …« Mason hält inne und zögert, als könnte er die Worte nicht einmal laut aussprechen. »Du glaubst doch nicht etwa, dass Ryan etwas damit zu tun hat?«
Mason und ich sehen uns kurz in die Augen, um den Gedanken zu verarbeiten, ehe wir den Kopf schütteln und ihn verwerfen.
»Auf keinen Fall«, sage ich. »Warum sollte Ryan seinen eigenen Vater vor Aidens Haus umbringen, um ihm etwas anzuhängen? Nicht einmal er ist so psychotisch.«
»Du hast recht. Ryan mag verrückt sein, aber er ist nicht so verrückt, dass er seinen eigenen Dad ermorden würde, nur um seinem Erzfeind etwas anzulasten.«
Ich lasse mich tiefer in meinen Sitz sinken und lehne meinen Kopf an Masons Schulter. Sein vertrautes Parfüm gibt mir einen Anschein von Ruhe. Ich bin froh, dass Mason beschlossen hat, hier mit mir zu warten. Es muss eine Erklärung geben für das, was passiert ist. Und keiner von uns wird aufhören, danach zu suchen, bis wir wissen, wer Greg wirklich getötet hat.
Als Brian schließlich mit den Beamten und dem Anwalt, mit denen er mitgegangen ist, in den Warteraum zurückkehrt, setzen Mason und ich uns voller Zuversicht auf. Aber unsere Hoffnungen werden enttäuscht, als er fast sofort nach hinten verschwindet, ohne uns auch nur einen Blick zuzuwerfen.
Eine Ewigkeit vergeht, bis Brian wieder herauskommt, allein, und sich zu mir und Mason setzt. Wir sind jetzt schon seit Stunden hier – es ist kurz nach Mitternacht. Ich bin erschöpft, werde jedes Mal paranoid, wenn mich ein Angestellter im Vorbeigehen anschaut. Mein Kopf hämmert vom schrillen Klingeln der Telefone, und mein Hintern ist taub von diesem blöden Stuhl. Wenn es nach mir ginge, würde ich diesen Stuhl aus allen Geschäften in Amerika verbannen – er ist buchstäblich eine Qual.
»Was ist hier los?«, fragt Mason. »Wo ist Aiden?«
Brian verzieht das Gesicht. »Es ist alles noch komplizierter als gedacht.«
Mason und ich tauschen einen Blick aus. Noch komplizierter?
»Als Aiden verhaftet wurde, haben sie sich mit seinem gesetzlichen Vormund in Verbindung gesetzt«, fährt Brian fort. »Das war Gregs Frau Paula, die ihnen mitgeteilt hat, dass sie Aiden seit wer weiß wie langer Zeit nicht mehr gesehen hat und nichts mit ihm zu tun haben will. Sie hat ein schreckliches Bild von Aiden gezeichnet und gesagt, er habe sie bestohlen, Drogen genommen, sei mit seinen Brüdern von zu Hause weggelaufen und so weiter.«
Lügnerin. Natürlich will sie nichts mit ihm zu tun haben, aber dafür will sie unbedingt etwas mit den Unterhaltsschecks der Regierung zu tun haben.
»Das führte natürlich zu der Frage, wo Jason und Jackson sind, die Aiden nicht beantworten wollte.«
Und riskieren, dass sie in eine Pflegefamilie kommen? Ich kann es ihm nicht verübeln. Jede Minute mehr, die vergeht, bedeutet, dass die Polizei bald das Jugendamt einschalten wird, wenn sie es nicht schon längst getan hat.
»Mein Freund Alan musste Aiden nicht nur vor einer Mordanklage, sondern auch vor einer Entführungsanklage bewahren.«
Mason und ich müssen wohl gleichermaßen panisch schauen, denn Brian fügt schnell hinzu: »Macht euch keine Sorgen! Es hat sich alles geklärt. Aiden ist vom Mord freigesprochen worden.«
Zum ersten Mal seit Brian zu reden begonnen hat, atme ich auf. Die Last, die seit Aidens Verhaftung auf mir lastet, fällt von mir ab. Mein Herz fühlt sich nicht länger schwer an. Er wird nicht für den Mord an Greg ins Gefängnis kommen!
Brian wartet nicht darauf, dass wir ihn mit Fragen bombardieren, sondern fängt einfach an zu erklären. »Sein Alibi ist einwandfrei. Er ist mit Alan da hinten und unterschreibt Entlassungspapiere und so.«
»Was ist mit der Entführungsanklage?«, frage ich.
»Alan hat Paula überredet, das Sorgerecht abzugeben – irgendwas von wegen er wolle sie wegen Kindesgefährdung anklagen, weil sie die Zwillinge nicht als vermisst gemeldet hat, nachdem sie behauptet hat, Aiden habe sie entführt. Ich habe zugestimmt, der gesetzliche Vormund für alle drei Parker-Jungs zu sein, bis Aiden in ein paar Wochen achtzehn wird und die Vormundschaft für seine Brüder beantragen kann. Die Sozialarbeiter werden uns allerdings überprüfen.«
Mason stürzt sich auf seinen Vater und schlingt seine Arme um ihn. »O mein Gott, Dad! Du bist der Coolste.«
Brian klopft Mason auf den Rücken, bevor sie sich voneinander lösen. »Ich wünschte, Aiden hätte nicht das Bedürfnis gehabt, das alles allein zu schultern. Wenn wir vorher von der Sorgerechtssituation gewusst hätten, wären Vince oder ich früher eingeschritten.«
Die Väter von Mason und Julian sind so gute Menschen. Ich frage mich, was mein Vater in dieser Situation getan hätte, wenn er nicht gestorben wäre. Es tröstet mich zu glauben, dass er, bevor der Streit mit meiner Mutter und das Trinken anfingen, dasselbe getan hätte.
»Wie lange wird der Papierkram dauern? Ist Aiden bald fertig?«
Brian braucht mir nicht zu antworten, denn Mason steht abrupt auf, den Blick breit grinsend auf den Gang vor uns gerichtet.
Ich springe förmlich von meinem Stuhl. Im Nu bin ich bei Mason. Aiden in seiner ganzen intensiven, hochgewachsenen, selbstbewussten, breitschultrigen Pracht wird von einem Beamten zu uns geführt. Alan, der Anwalt, folgt ihnen. Obwohl er einen großen Teil der Nacht im Gefängnis verbracht hat, sieht Aiden unwiderstehlich gut aus. Mir stockt der Atem, als seine durchdringenden grauen Augen meine haselnussbraunen treffen. Sein Gesichtsausdruck verrät nichts. Wenn ich ihn jetzt anschaue, kommt es mir so vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass ich ihn zuletzt gesehen habe, obwohl unser Kuss erst vor ein paar Stunden war. Sie bleiben kurz hinter der Rezeption stehen, wo der Beamte irgendetwas zu Aiden sagt, der den Blickkontakt zu mir noch immer nicht unterbrochen hat. Mit einer Geste gibt der Beamte ihm zu verstehen, dass er gehen kann.
Aiden macht ein paar Schritte auf uns zu und schafft es gerade noch, sich die Handgelenke zu reiben, wo die Handschellen gewesen sein müssen, bevor ich mich auf ihn stürze. Ein Gefühl tief in mir übernimmt und verlangt danach, dass ich ihn festhalte, um sicherzugehen, dass er wirklich hier ist und es ihm gut geht. Ohne zu zögern, schlingt er seine starken Arme um mich und zieht mich an sich. Meinen Kopf an seine muskulöse Brust gelehnt und dem beruhigenden Klang seines gleichmäßigen Herzschlags lauschend, versichere ich mich, dass er tatsächlich da ist.
»Geht es dir gut?«, frage ich.
Er lässt mich los und streicht mir sanft eine Haarsträhne hinters Ohr. »Natürlich. Warum seid ihr noch hier? Ich habe euch gesagt, ihr sollt nach Hause gehen und euch keine Sorgen machen.«
Er und Mason bringen ihre Bro-Umarmung hinter sich. »Wir konnten dich doch nicht einfach hierlassen, Mann«, sagt Mason. »Alle anderen haben auch gewartet, aber zu ihrer Verteidigung, sie waren irgendwie gezwungen, nach Hause zu gehen.«
»Ihr hättet nicht zu kommen brauchen. Niemand muss sich Sorgen um mich machen.«
Das muss seltsam für Aiden sein. Er ist derjenige, der stets für alle anderen da ist und dafür sorgt, dass es ihnen gut geht und sie versorgt sind. Er ist der Starke, derjenige, der alles zusammenhält; dass sich andere Leute um ihn sorgen, ist er sicher nicht gewohnt.
»Wir sorgen uns um dich, Aiden. Also sind wir geblieben.« Meine Wangen werden heiß, weil er mich so ansieht.
»Und wir wollen dich nie wieder in Handschellen sehen«, sagt Brian, und dann umarmt er ihn auch. Eine riesige, tröstende väterliche Umarmung.
»Danke für deine Hilfe, Brian. Dir auch, Alan.« Aiden schüttelt dem Anwalt die Hand, der ihm versichert, dass es ihm keine Umstände bereitet hat und er ihn anrufen soll, wenn noch etwas passiert.
»Komm schon, Mann.« Mason klopft Aiden leicht auf den Rücken, während sein Vater mit Alan spricht. »Lass uns von hier verschwinden.«
Aiden stimmt zu, und wir verlassen den Ort, der beinahe mehr als ein Leben auf den Kopf gestellt hätte. Als wir durch den Ausgang gehen, merke ich, dass sowohl Mason als auch ich Aiden fragen wollen, was passiert ist, aber wir haben zu viel Angst davor. Trotz seiner Erschöpfung bekommt Aiden es mit. Er weiß genau, was wir denken.
»Ich bin zu müde, um jetzt eure Fragen zu beantworten«, sagt er. »Ich werde morgen allen erzählen, was geschehen ist.«
Das ist nur nachvollziehbar. Er wurde bereits stundenlang verhört, wir müssen ihn nicht noch weiter vernehmen.
»Soll ich dich mitnehmen, Aiden?«, fragt Brian. »Dein Zuhause ist immer noch ein Tatort, richtig?«
Mason will gerade anbieten, dass Aiden bei ihm übernachten kann, aber bevor er etwas sagen kann, platze ich heraus: »Du kannst in meinem Gästezimmer schlafen.«
Ich brauche eine Gelegenheit, um alles mit Aiden zu klären – allein. Er hat gerade erst vor ein paar Stunden herausgefunden, dass ich Thea heiße und meine wahre Identität vor einem Mann verstecke, der mich jagen will. Wir sind nicht dazu gekommen, darüber zu reden, obwohl er gesagt hat, dass er voll dabei ist, dass er es versteht und dass er mich nicht hasst. Aber ich erinnere mich noch daran, wie verraten er aussah, wie verraten er sich gefühlt haben muss. Aiden hat gesagt, er akzeptiere mich, mein wahres Ich, aber es sei nur fair ihm gegenüber, dass ich ihm meine Geschichte erzähle – die ganze Geschichte. Das hat er verdient.
»Außerdem«, fahre ich fort, bevor jemand Einspruch erheben kann, »ist dein Auto bereits bei mir zu Hause. Das wird die Sache für dich einfacher machen.«
»Bist du sicher?«, fragt Brian. »Wenn es ein Problem ist, Amelia, kann Aiden bei uns übernachten.«
»Kein Problem. Wie viel Uhr ist es? Ein Uhr nachts? Meine Mom ist gerade erst nach Hause gekommen und wird schon schlafen, wenn wir ankommen. Sie hat einen Flug am frühen Morgen. Sie wird nicht dazu kommen, Einspruch zu erheben.«
Ich füge nicht hinzu, dass ich ihr eine SMS geschickt habe, in der ich ihr mitgeteilt habe, dass wir uns einen Film ansehen und ich mich bereit erklärt habe, zu fahren, und dass ihre einzige Antwort K war.
Entweder ist Aiden so müde, dass es ihm wirklich egal ist, oder er brennt auf Antworten, denn nach nur wenigen Augenblicken erklärt er sich bereit, mit zu mir nach Hause zu kommen.
Ein paar Minuten vor Aidens Verhaftung habe ich ihn noch gemieden wie ein Kind, das ein schlechtes Zeugnis bekommen hat, und seinen strengen Eltern, die hohe Maßstäbe anlegen, aus dem Weg geht. Und jetzt flehe ich ihn geradezu an, mit mir nach Hause zu kommen, damit wir eine Gelegenheit haben, allein zu reden. Komisch, wie sich die Dinge innerhalb weniger Stunden ändern können.
Nachdem wir uns von Mason, Brian und Alan verabschiedet haben, gehen wir auf dem ruhigen Parkplatz alle in verschiedene Richtungen. Der Parkplatz steht in krassem Gegensatz zu dem lauten Treiben auf dem Polizeirevier. Es ist eine ruhige, kühle Nacht, aber ich fühle mich ganz anders. Jetzt, wo ich mit Aiden allein bin und beim Gehen heimlich einen Blick auf seine breite Gestalt werfe, krampft sich mein Magen zusammen. Wird mein Magen immer Purzelbäume machen, wenn ich in seiner Nähe bin? Wird mein Herz jemals normal schlagen, wenn ich ihn ansehe?
Bevor ich die Fahrertür öffnen kann, ist Aiden bereits hinter mir. Plötzlich finde ich mich an seiner Brust wieder. Er blickt zu mir herab, ein Funkeln in den Augen. Spannung liegt in der Luft.
Seine Stimme ist tief und gleichmäßig. »Wir wurden unterbrochen.«
Seine Nähe macht es mir schwer zu denken. »Wurden wir?«
»Mmm-hmm.« Seine Hände ziehen meine Hüften an seine. »Ich habe kein Problem damit, dein Gedächtnis aufzufrischen, für den Fall, dass du es vergessen hast.«
Er beugt sich zu mir hinunter und küsst mich, drängend und leidenschaftlich, als hätten wir uns ewig nicht gesehen, und als wären seine Lippen auf meinen alles, was er braucht, um sich ganz zu fühlen. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und ziehe ihn näher zu mir heran. Ich muss ihn an mir spüren. All die Anspannung und Sorgen, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie in mir trug, verschwinden, als wir uns berühren. Er ist da. Er hasst mich nicht. Ich habe ihn nicht verloren. Der Kuss ist viel zu schnell vorüber, doch ich bin immer noch außer Atem, als er sich zurückzieht.
Ich bin voll dabei, Thea Kennedy. Seine Worte gehen mir durch den Kopf und lassen mich erschaudern. Sein Griff wird fester. »Komm, lass uns von hier verschwinden«, sagt er, und seine warmen Hände lösen sich von meiner Taille, ehe er um das Auto herum zur Beifahrerseite geht.
Als ich vom Parkplatz fahre, ruft Aiden Julian an, um ihn zu fragen, ob er die Zwillinge abholen kann, aber Julian meint, dass sie die ganze Nacht wach geblieben sind, um Fragen zu Aiden zu stellen und Videospiele zu spielen, und erst jetzt eingeschlafen sind.
Aiden reibt sich die Schläfen. »Okay, lass sie schlafen. Ich werde sie morgen früh abholen und ihnen erklären, was los ist. Nochmals danke, Julian.« Er hält inne und hört zu. »Ja, ich bin okay. Wir sehen uns morgen.«
Wir reden nicht, und das leise Brummen des Radios rauscht im Hintergrund. Die Straße hat die Atmosphäre der späten Nacht, die Lichter sind verschwommen, und Aiden lehnt sich gegen die Kopfstütze, die Augen geschlossen und der Körper entspannt.
Seine Präsenz füllt mein kleines Auto aus. Er sieht beinahe lächerlich aus mit seinen langen Beinen, die kaum unter dem Armaturenbrett Platz finden. Er sitzt hier, und er drängt mich nicht, ihm Antworten zu geben. Er bedrängt mich nicht wegen Tony. Er fragt mich nicht nach den drei Menschen, die Tony getötet hat. Es fällt mir schwer, ihn nicht zu fragen, wie es ihm geht. Ich trommle auf das Lenkrad und zwinge meinen Blick, auf der Straße zu bleiben, zwinge mich, nicht zu Aiden hinüberzuschauen. Ich bin zu nervös, um ihm irgendwelche Fragen zu stellen, obwohl er mich gerade geküsst hat.
»Thea«, sagt er und durchbricht das Schweigen, den Kopf immer noch entspannt an den Sitz gelehnt.
»Ja?«, antworte ich, und mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich meinen richtigen Namen in seiner tiefen Stimme höre.
»Das Klopfen macht mich verrückt«, sagt er, die Augen noch immer geschlossen.
Ich halte sofort inne. »Tut mir leid, ich bin nur …«
»Ängstlich?« Er hebt den Kopf. »Ich weiß. Wie kommst du damit zurecht? Wir hatten nicht genug Zeit, um über dein Geheimnis zu sprechen. Du weißt, dass ich es nie jemandem erzählen würde – du brauchst mich nicht einmal darum zu bitten. Aber ich habe mir Sorgen gemacht, weil du auf einer Polizeiwache warst.« Er rutscht in seinem Sitz hin und her und fährt sich mit der Hand durch sein kurzes, aber unordentliches dunkelblondes Haar. »Wenn diese Artikel eine Momentaufnahme dessen sind, was du durchgemacht hast, dann muss es nicht gerade einfach für dich gewesen sein, dort zu sein.«
Wie viel Zeit hatte er, um die Zeitungsartikel über meine früheren Leben durchzuschauen, die ich in einem Schuhkarton versteckt halte? Entweder ist er wirklich gut darin, Puzzle zusammenzusetzen, oder er hat sie sich tatsächlich genau angesehen, denn er hat meinen Hass, was Polizeireviere betrifft, genau erfasst.
»Normalerweise hätte das schlimme Erinnerungen geweckt, und ich hätte auf keinen Fall so lange dort sein wollen, wie ich es war. Der Geruch. Das klingelnde Telefon. Gott, sogar die blöden Stühle sind überall gleich. Ich bin schon so oft enttäuscht worden … aber ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht.«
Meine Stimme bricht unbeholfen aus, und Aiden fragt: »Warum lachst du?«
»Du hast regelrecht Stunden in Haft verbracht und wurdest wegen eines Mordes verhört. Du hast die traumatische Erfahrung gemacht, festgenommen und befragt zu werden, mit der Aussicht, möglicherweise ins Gefängnis zu kommen. Dein Stiefvater ist tot, und dein Haus ist ein Tatort, und das Erste, was du tust, ist, dir Sorgen um mich zu machen?«
»Ich wusste, dass ich es nicht war und dass mein Alibi stimmt. Ich hatte nichts zu verbergen, also habe ich mir keine Sorgen gemacht, angeklagt zu werden. Aber da ich nichts anderes zu tun hatte, als zu warten, wurde ich unruhig. Ich will ehrlich zu dir sein – als ich an all das gedacht habe, was wir durchgemacht haben, war ich einen Moment lang wütend. Nachdem ich mich dir geöffnet hatte, dir vertraut hatte, dir Dinge erzählt hatte, die ich noch nie jemandem erzählt hatte … Ich war sauer. Ich dachte, dass ich dich nicht kümmere, dass meine Gefühle nicht erwidert werden.«
Eine Träne entwischt mir, als ich überstürzt antworte. »Es tut mir leid. Ich habe die Geheimnisse für mich behalten, weil ich es musste. Ich wollte es dir so oft sagen, aber ich konnte nicht.«
»Ich bin nicht böse auf dich, und das meine ich auch so«, versichert er mir. »Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto wütender werde ich. Nicht auf dich, niemals auf dich, sondern auf die Umstände. Du solltest das alles nicht durchmachen müssen, nicht allein. Was kann ich tun, um zu helfen? Es muss doch irgendetwas geben, was wir tun können. Bitte.«
Mir ist nach Lachen und Weinen zugleich zumute. »Du kannst nicht helfen.«
»Ich kann helfen. Ich bin Aiden Parker.«
»Diesmal nicht, Aiden.« Ich starre geradeaus, denn wenn ich ihn ansehe, bricht es mir mein Herz. Er kann nicht ändern, was passiert ist, was ich durchgemacht habe. Die Häuser in den Vorstädten verschmelzen alle zu einem, sehen aus wie ein einziges, mittelmäßiges Haus. Jede Stadt, in der ich im letzten Jahr war, ist wie die anderen, und keine von ihnen hat sich wie ein Zuhause angefühlt, bis jetzt, und das auch nur, weil ich Aiden und meine Freunde habe. Wir sind fast bei mir zu Hause, und ich muss raus und frische Luft schnappen, bevor ich noch in Tränen ausbreche.
»Ich kann. Wenn du mir nur sagen würdest –«
»Du kannst nicht helfen!«, schnauze ich ihn an und bereue meinen Tonfall sofort. »Es tut mir leid, aber es gibt Dinge, die kannst nicht einmal du in Ordnung bringen.«
»Warum erzählst du mir nicht alles, und dann sehen wir weiter?«, sagt er sanft und legt seine große Hand auf meinen Unterarm.
Ich fahre in meine Einfahrt und stelle den Wagen ab, dann drehe ich mich um und sehe ihn in der Dunkelheit an. Sein Gesicht wird vom Scheinwerferlicht, das noch nicht erloschen ist, erhellt.
»Es ist spät. Du bist erschöpft. Warum ruhen wir uns nicht etwas aus, und ich erzähle dir morgen die ganze Geschichte, okay?«
»Das ist nur fair.« Er nickt.
Leise schließe ich die Haustür auf, und wir gehen die Treppe hinauf, ohne viel Lärm zu machen. Ich schmuggle ihn nicht heimlich herein, aber ich möchte meine Mutter nicht wecken. Ich bin mir sicher, dass sie misstrauisch geworden ist, sobald sie Aidens Auto in der Einfahrt sah, als sie nach Hause kam, aber was soll sie schon tun? Mich in einen anderen Staat versetzen? Oh, warte, das tut sie ja schon.
Nachdem Aiden sich im Gästezimmer eingerichtet hat, zu dem ein eigenes Bad gehört, lasse ich ihn allein, damit er ein paar Minuten für sich sein kann, und suche ihm etwas zum Umziehen. Als ich zurückkomme, klopfe ich höflich an die Tür. Er öffnet mir.
»Ich habe dir eine Zahnbürste und Zahnpas–« Ich höre auf zu reden und starre Aiden an, der in der Tür steht und nur seine Boxershorts trägt.
Achtung, Achtung. Aiden Parker befindet sich nachts in nichts als seiner Unterwäsche in meinem Haus!
O mein Gott, bitte sag mir, dass mir nicht das Wasser im Mund zusammenläuft.
Ich hebe meinen Kopf so schnell, dass ich mir dabei wahrscheinlich ein Schleudertrauma zuziehe, und strecke unbeholfen meine Hand aus, um ihm die Zahnbürste und die Zahnpasta zu reichen.
Meine Güte, Amelia, kannst du dich noch peinlicher benehmen?
»Danke«, sagt er mit einem amüsierten Gesichtsausdruck.
Verdammt, er weiß, wie heiß er ist, und genießt es, mich zu quälen.
»Ich … konnte nichts finden, was du anziehen kannst … es sei denn, du denkst, du kannst dich in meinen Schlafanzug quetschen.«
»Ich schlafe einfach in meinen Boxershorts, das ist in Ordnung.«
»Ich habe allerdings einen Pullover von dir. Ich habe ihn dir nach der Nacht, in der wir aus der Schule ausgesperrt wurden, nie zurückgegeben«, gebe ich verlegen zu.
Ich trage ihn im Haus (nicht auf eine unheimliche Art und Weise), vor allem weil er schön groß und bequem und warm ist. Aber auch, weil er mich an ihn erinnert (und auch das absolut nicht auf eine unheimliche Weise).
Er sieht sich den Pullover in meiner Hand an, macht aber keine Anstalten, ihn zu nehmen. »Behalte ihn. Mir ist sowieso heiß.«
Aber hallo, heiß ist er.
»Wenn du dir sicher bist.« Ich werde nicht alles daransetzen, um ihn ihm zurückzugeben. Es ist ein wirklich bequemer Pullover.
»Ich bin mir sicher. Gute Nacht, Am…, Thea!«
Mein Atem stockt mir in der Kehle. »Gute Nacht, Aiden!«
