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Sie ist hinter seinem Gemälde her. Er ist hinter ihr her … Clementine stiehlt von den Reichen und gibt den Armen. Ihr neuester Plan: Sie will dem verwöhnten Erben Jack einen unbezahlbaren van Gogh entwenden. Und so schleicht Clementine sich in Jacks Leben ein, um an ihre Beute zu kommen. Jack weiß nicht einmal, dass seine Familie einen echten Van Gogh besitzt, geschweige denn, dass die schöne Clementine, die plötzlich in sein Leben gestolpert ist, genau diesen im Visier hat. Und Clementine weiß nicht, warum sie sich ausgerechnet in den charmanten Jack verlieben muss, wenn doch genau das über kurz oder lang zu jeder Menge Problemen führen wird. Aber als sie die Notbremse ziehen will, ist es bereits viel zu spät – denn Jack hat Clementines Herz längst gestohlen … Eine weibliche Robin Hood-Heldin wird in dieser romantischen Komödie zum Dahinschmelzen von der Liebe abgelenkt.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Aus dem kanadischen Englisch von Anita Nirschl
© Kelly Siskind 2020
Titel der englischen Originalausgabe:
»Don’t Go Stealing My Heart«, CD Books 2020
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2021
Redaktion: Martina
Covergestaltung: zero-media.net, München
Covermotiv: FinePic®, München
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Cover & Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Dank
Der Unterschiedzwischen einem perfekt ausgeführten Raubzug und geschnappt zu werden liegt in der Planung.
Clementine schloss die Augen und wiederholte stumm ihr Mantra. Luciens Mantra, um genau zu sein. Normalerweise beruhigten die Worte ihres Mentors ihren rasenden Puls, außerdem hatten sie jedes Detail dieses Jobs von vorne bis hinten durchgespielt. Es würde keine Patzer geben. Trotzdem fühlte sich ihre Brust an wie der Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Sie zählte ihre Atemzüge, bis ihr Herzschlag wieder von Ferrari auf Nuckelpinne heruntergeschaltet hatte.
In Ned Comptons Stadthaus war alles ruhig. Er war wie erwartet zu seiner Villa in Italien aufgebrochen. Die Nachbarn schlummerten friedlich. Clementine hatte die Alarmanlage außer Gefecht gesetzt. Kinderspiel.
Augen auf. Konzentriert bleiben. Die Sache durchziehen.
Sie schaltete ihre Kopflampe ein und schlich den Flur entlang, die Treppe hoch ins obere Stockwerk und lautlos wie ein Gespenst in Neds Arbeitszimmer. Das Gemälde von Brendan Monroe über der Wandvertäfelung war bemerkenswert, sogar in diesem trüben Licht. Allerdings war es nicht dieses erlesene Kunstwerk, worauf sie es abgesehen hatte. Sie würde den Diamantring mit dem 8,47-Karäter dahinter stehlen.
Luciens Informationen zufolge hatte Ned das außergewöhnliche Schmuckstück auf einer Auktion erstanden – der Verlobungsring einer saudi-arabischen Prinzessin, wahrscheinlich für seine italienische Freundin, die er ständig betrog, oder für eine seiner Geliebten. Neds Internetaktivitäten deuteten darauf hin, dass er einen neuen Safe bestellt hatte. Etwas schwerer zu Knackendes für seine kostbare Errungenschaft. Er sollte nächste Woche geliefert werden.
Clementine hob das Gemälde an und war erleichtert, dahinter den alten Safe vorzufinden, den sie erwartet hatte. Während sie das Bild an den Mahagonischreibtisch lehnte, glitt ihr Blick über ein paar der gerahmten Fotos darauf: Ned beim Angeln mit einer Gruppe Männer, Ned mit seiner Freundin (die einen beschissenen Männergeschmack hatte), Ned in einem Landhaus, umringt von lächelnden Menschen, wahrscheinlich Familie. Clementines Herzschlag wechselte die Taktik und wurde zu einem schwerfälligen Pochen. Das einzige Foto in ihrer Wohnung war von der kleinen Nisha, und Clementine hatte das Mädchen nur ein einziges Mal getroffen.
Aber Nisha und Waisenkinder wie sie waren der Grund, warum Clementine schwarze Kleidung, Handschuhe an den Händen und das Haar in einem straffen Knoten trug und drauf und dran war, Ned Compton zu bestehlen.
Zügig streifte sie ihren kleinen Rucksack ab und nahm ihr Stethoskop heraus. Diesen Teil des Jobs genoss sie jedes Mal, die simple Mechanik von Maschinen. Schwarz und Weiß. Richtig oder falsch. Mit dem Stethoskop über dem Schloss lauschte sie auf das schwache Klicken, wenn die Kerbe der Mitnehmerscheibe unter den Einfallhebel glitt. Langsam drehte sie den Zahlenknopf und hielt den Atem an. Da … genau da. Zwei deutlich hörbare Klicks.
Ein knurrendes Bellen riss sie aus ihrer Konzentration, und ihr Blick flog zum Fenster des Arbeitszimmers. Lucien hatte keinen Nachbarshund erwähnt, was bedeutete, dass sie ihre Betäubungspfeile nicht dabeihatte. Was sie jedoch dabeihatte, waren ihre Hundeleckerlis. Das Geräusch war aus Richtung ihres geplanten Fluchtwegs, der Hintertür des Hauses, gekommen. Ihre einzige andere Möglichkeit war die Vordertür, eine schlechte Wahl in dieser bewohnten Gegend, selbst zu dieser späten Stunde. Der Köter war hoffentlich nur kurz draußen, um sein Bein zu heben.
Die Aufmerksamkeit wieder auf ihre Aufgabe richtend, merkte sie sich den Kontaktpunkt, den sie durch die beiden Klicks herausgefunden hatte, parkte die Scheiben mit einer Drehung des Zahlenknopfs um hundertachtzig Grad in der Ausgangsstellung und begann dann den Knopf methodisch zu drehen und angestrengt horchend jedes verräterische Klicken zu zählen, mit dem eine Scheibe nach der anderen aufgenommen wurde. Drei Scheiben insgesamt. Alles, was sie jetzt noch brauchte, waren die dazugehörigen drei Zahlen.
Sie holte Block und Stift heraus und nahm dann ihre Position wieder ein, lauschend, drehend: Klick … klick. Die herausgefundenen Zahlen trug sie in ein Kurvendiagramm ein.
Die meisten Kinder lernten die Grundregeln der Mathematik, um Aufgaben in Schulbüchern zu lösen. Luciens Privatunterricht hatte einen praktischeren Nutzen gehabt. »Wenn du die falschen x- oder y-Werte hast«, hatte er gesagt, »dann bekommst du die falschen Zahlen, brauchst länger und könntest im Knast landen.«
Damals wäre sie lieber in den Knast gegangen, als wieder in die Hölle einer Pflegefamilie zurückzukehren.
Ein weiteres Knurren erklang. Clementine legte einen Zahn zu.
Zügig stellte sie die Diagramme fertig, notierte, wo sich die Linien überschnitten – dreiundzwanzig, zwölf, sechsundsechzig –, und versuchte es mit diesen drei Zahlen. Ohne Erfolg. Sie setzte das Schloss zurück und probierte es in anderer Reihenfolge. Nichts. Eine der Zahlen musste falsch sein, was bedeutete, dass sie von vorn anfangen musste.
Zwölf Versuche später erklang das dumpfe Klack und Tock des Erfolgs hinter dem Zahlenknopf, und Clementine zog die Tür auf. Eigentlich sollte sie vor Adrenalinrausch eine stumme Siegerfaust machen, doch ihre Sinne fühlten sich irgendwie betäubt an. Der Safe war zur Hälfte mit Dokumentenstapeln gefüllt, und mit einer kleinen cremefarbenen Schatulle, die einen Ring enthielt – direkt vor ihrer Nase, zum Greifen nah. Nicht anders als die anderen Gemälde oder Juwelen, die sie gestohlen hatte. Dennoch geriet ihre Entschlossenheit ins Wanken.
Ned war ein widerlicher Typ, der seine Freundin betrog. Den Ring zu verhökern, um dafür zu sorgen, dass Kinder Essen und Kleidung bekamen, wog mehr als seine überflüssigen »Bedürfnisse«. Warum also lag ihr ein Kloß aus Schuldgefühl im Magen?
Sie lockerte ihre Finger, indem sie sie krümmte und streckte, und schüttelte den Kopf. Sie war schon den ganzen Tag aus dem Gleichgewicht. Das ganze Jahr, eigentlich. Länger, wenn sie das Monet-Desaster mitrechnete, aber nur daran zu denken würde auf direktem Weg dazu führen, diesen Job hier zu versauen.
Der Unterschied zwischen einem perfekt ausgeführten Raubzug und geschnappt zu werden liegt in der Planung.
Tief Luft holend nahm sie die cremefarbene Schatulle und überprüfte ihren Inhalt, bevor sie sie in ihre Tasche steckte. Nachdem der Safe wieder geschlossen und das Gemälde zurück an seinem Platz war, eilte sie die Treppe hinunter und hastete zum Ausgang. Die kühle Luft verlieh ihr einen Schub frischer Energie, während sie Handschuhe und Kopflampe in ihre Tasche stopfte. Dicht am hölzernen Zaun schlich sie durch den gepflegten Innenhof und trat dann hinaus in die Gasse. Wo sie von einem lauten Knurren begrüßt wurde.
Clementine warf einen Blick über ihre Schulter, und, jepp, ein Stück weiter stand ein großer Pitbull-artiger Hund und nahm sie finster ins Visier. Ihrer Überzeugung nach waren alle Tiere von Natur aus gut, und böse Hunde wurden von bösen Menschen dazu erzogen. Sie hatte keine Ahnung, wer dieses Vieh erzogen hatte, aber jetzt schien nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, um ihre Theorie auf die Probe zu stellen.
Sie schwang ihren Rucksack nach vorne, kramte ein paar Leckerlis heraus und warf sie so weit wie möglich. Schnuppernd zuckte die Nase des Hundes hoch. Kaum setzte er sich in Bewegung, um der Witterung zu folgen, rannte sie los. Kies spritzte unter ihren Füßen auf, und der Asphalt erschütterte ihre Schienbeine bei jedem harten Schritt. Ein Bellen hallte durch die Gasse. Sie rannte schneller. Zu schnell, um die weggeworfene Fast-Food-Tüte zu bemerken, bis ihr Fuß darauf ausrutschte. Ihr Knöchel knickte um. Hart und ungeschickt ging sie zu Boden und prallte mit der Hüfte auf den Asphalt.
Verdammte Scheiße.
Einen Herzschlag lang verkrampfte sie sich, felsenfest davon überzeugt, dass der Pitbull über ihr stand, die triefenden Lefzen glänzend im Licht der Straßenlaternen. Aber sie war allein. Mit einem verstauchten Knöchel, schmerzender Hüfte und einem zweihundert Riesen teuren Diamantring.
In Gedanken bereits bei ihrem weichen Kissen und der flauschigen Decke, betrat Clementine humpelnd ihr Apartmentgebäude. Sie hatte den Ring an der vereinbarten Stelle abgelegt, und von Lucien stand nichts weiter an. Vielleicht würde sie eine Woche lang schlafen, sich ausruhen und ihren Knöchel auskurieren, bevor er sie mit einem weiteren Job überraschte. Der Welt und Pitbulls eine Weile lang aus dem Weg gehen.
»Brauchst du Hilfe, um in deine Wohnung zu kommen?«
Clementine erstarrte. Sie kannte weder die Stimme noch das lila Haar, das ihr genauso leuchtend entgegenstrahlte wie das freundliche Lächeln. »Nein danke, es geht schon. Nur ein verstauchter Knöchel.«
»Ich verstauche mir andauernd den Knöchel«, erwiderte die junge Frau, ohne Clementines Abfuhr zu bemerken. »Den rechten. Wie da drin überhaupt noch irgendwelche Bänder heil sein können, ist mir schleierhaft. Ich hab eine Packung Tiefkühlerbsen bei mir in der Wohnung, falls du welche brauchst. Und Schmerztabletten … Aber ich sollte mich vielleicht erst mal vorstellen, bevor ich dir Pillen gebe.« Sie streckte ihr die Hand hin. »Ich bin Jenny. Die neue Nachbarin in 2 B.«
Zögernd schüttelte Clementine ihr die Hand. »Ich bin Amy.«
Ein leicht zu vergessender Deckname.
Abgesehen von gelegentlichen Treffen zum Mittag- oder Abendessen mit Lucien, blieb Clementine für sich. Für sich allein zu sein war sicher. Da war sie konsequent. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass einer ihrer Nachbarn ausgezogen war.
Jenny legte Clementine den Arm um die Taille. »Lass mich dir wenigstens zu deiner Tür helfen. 2 C, nehme ich an?«
Clementine zog es vor zu schweigen, deshalb nickte sie nur. Jenny dagegen redete gerne. Innerhalb von neun Schritten erfuhr Clementine, dass sie gerade erst aus L. A. kam und eine vegane Friseurin war, die ihren eigenen Salon eröffnen wollte. »Ein paar Freundinnen sind letztes Jahr hergezogen«, sagte sie. »Es gefällt ihnen hier so gut, dass ich mir gedacht habe, verdammt, was soll’s. Das Leben ist kurz, oder? Jedenfalls schauen sie morgen auf ein paar Drinks vorbei. Komm doch auch!«
»Ich denke nicht.«
»Wenn du schon was vorhast, kannst du auch jemanden mitbringen.«
»Ich gehe aus.«
»Du kannst ja hinterher vorbeikommen.«
Dieses Mädchen war hartnäckiger als dieser verdammte Pitbull, und Clementines Gedanken kehrten zurück zu Neds gerahmten Fotos. Freunde und Familie. Dinge, die Clementine nicht hatte.
»Mal sehen, das werde ich spontan entscheiden«, antwortete sie. Eine Lüge, von der sie wünschte, sie wäre die Wahrheit.
»Super.« Jenny kramte eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie ihr hin. »Schreib mir ’ne Nachricht, falls du es schaffst. Und wenn du dir mal diese Wahnsinnshaare schneiden lassen musst, dann bin ich die Richtige dafür.«
Clementine lächelte höflich und floh in ihre Wohnung, aber ihr Herz machte eine Art unkontrolliertes Work-out. Ein kaputter Knöchel und eine neue neugierige Nachbarin. Das hatte sich zu einem ziemlich miesen Abend entwickelt.
Sie ließ Jennys Karte auf den Küchentresen fallen und humpelte zu Lucys Terrarium. »Wie geht’s denn meiner Kleinen?«
Die zahme Bartagame starrte sie von ihrem Lieblingsholzstück aus an.
»So gut, hm?« Clementine langte hinein und nahm die Echse heraus. Vielleicht beruhigte es ihren hyperaktiven Puls, mit Lucy auf dem Sofa abzuhängen. Tat es nicht.
Sie musterte ihr kleines, aber irgendwie gemütliches Apartment mit der schlichten Grundausstattung von Ikea. Abgesehen von den Ausgaben für ihr Monster von einem Auto, brauchte Clementine nur genug Geld, um davon leben zu können. Den Rest an örtliche Wohltätigkeitsorganisationen und Waisenhäuser in Entwicklungsländern zu spenden bestärkte sie in ihrem Drang, etwas zu bewirken, jenen zu helfen, die das System im Stich gelassen hatte, und dafür zu sorgen, dass andere nicht so leiden mussten, wie sie gelitten hatte. Allerdings verhinderte es nicht, dass sie sich ihre Wohnung voll mit Freunden vorstellte, deren Lachen ebenso fröhlich war wie Jennys lila Haare.
Die wenigen Male, in denen Clementine sich bei Fremden bemüht hatte, war ihr der kalte Schweiß ausgebrochen. Anderen Fragen zu stellen bedeutete, dass diese ebenfalls Fragen stellten. Wie heißt du? Was machst du? Woher kommst du? Bei einem Job zu lügen war eine Sache. Potenzielle Freunde anzulügen bewirkte, dass Clementine sich wie ein Geist fühlte. Ein Nicht-Mensch.
Sie streichelte Lucys Rücken. Die Bartagame drückte den Bauch flach auf ihre Handfläche und schloss die Augen. Ihre Version eines Katzenschnurrens. »Was sollen wir morgen unternehmen, Kleine?«
Keine Antwort, natürlich. Das hielt Clementine nie davon ab, mit ihrem Haustier zu reden, einfach nur, um ihre Stimmbänder zu benutzen. Wenn sie so weitermachte, würde sie mit vierzig vor sich hinbrabbelnd durch die Straßen laufen oder eine dieser Frauen werden, deren Leiche erst Wochen oder Monate nach ihrem Tod gefunden wurde, eingeklemmt zwischen Zeitungsstapeln und halb aufgefressen von ihren zahmen Reptilien.
Sie warf einen Blick zur Küchentheke und beäugte Jennys Visitenkarte.
Vielleicht wäre ein geselliger Abend gar nicht so schlecht.
Sie könnte auf einen kurzen Abstecher rübergehen, nach ihrer angeblichen »Verabredung«. Nicht zu lange bleiben. Wein trinken und über Berühmtheiten klatschen, oder was auch immer Frauen so machten. Wahrscheinlich würden sie nichts über ihre Bartagame hören wollen oder über den Automotor, den sie gerade wieder zusammengebaut hatte, und sie konnte nicht über ihre illegale philanthropische Arbeit reden, aber es würde vielleicht Spaß machen, sich einen Moment lang normal zu fühlen.
Sie setzte Lucy zurück in ihr Terrarium und nahm Jennys Karte. Bevor sie noch zu lange darüber nachdenken konnte, schickte sie ihr eine kurze Nachricht.
Clementine: Hier ist deine Nachbarin Amy.Danke für die Einladung. Ich komme um zehn vorbei.
Jetzt konnte sie nicht mehr kneifen. Sie würde sich zwingen, ein Nicht-Geist zu sein.
Hoffentlich rächte sich diese Entscheidung nicht.
Natürlich hatte sich dieser dämliche Mädelsabend gerächt. Clementine hätte es besser wissen müssen, als zu versuchen, nicht-reptile Freunde zu finden. Geselligkeit lag nicht in ihrer DNA, besonders wenn die Unterhaltung auf Pflegefamilien zu sprechen kam. Wenn sie gewusst hätte, dass eine von Jennys Freundinnen eine Pflegemutter war, dann wäre sie nie hingegangen. Der Frau zuzuhören, wie sie diese staatliche Einrichtung in den höchsten Tönen lobte, war die reinste Qual gewesen. Alle anderen hatten bei ihren überschwänglichen Ausführungen gelächelt und genickt. Nicht so Clementine, die allzu umfassende Kenntnisse darüber hatte, wie falsch Pflegeunterbringung laufen konnte. Nein. Sie war bei der Ahnungslosigkeit der Frau aus der Haut gefahren, hatte Dinge über sich enthüllt, die sie niemals preisgab, und war wütend aus der Wohnung gestürmt.
Vier Wochen später könnte sie sich immer noch dafür ohrfeigen, dass sie hingegangen war.
Überdrüssig, diesen schrecklichen Abend im Geiste immer wieder durchzuspielen, konzentrierte sie sich auf ihren aktuellen Job und las noch einmal Luciens Nachricht.
Lucien: Finde Elvis Presley.
Die Anweisung klang einfach genug. Leider war nicht 1957, und sie war unterwegs zu einer Stadt, die von der verstorbenen Berühmtheit völlig überlaufen war.
Clementine:Du bist echt ein Komiker.
Sie steckte das Handy ein und tankte ihren Mietwagen auf, während sie ihre beigefarbene Umgebung musterte. Ein einsamer Baum unterstrich die flache Landschaft, vertrocknetes Gras bewegte sich leicht im schwachen Wind. In der Nähe saß ein alter Mann in einem Schaukelstuhl, eine Pfeife in der Hand, und hielt vor einem heruntergekommenen kleinen Lebensmittelladen Wache. Und war das tatsächlich ein rollender Busch, der da die staubige Straße entlanggeweht wurde?
Jepp. Ein waschechter rollender Busch.
Sie steckte den Zapfhahn zurück und schrieb eine weitere Nachricht an Lucien, in der Hoffnung, dass er ihren stählernen Blick spüren konnte.
Clementine:Du hast mich in die Wüste geschickt.
Lucien:Das ist keine Wüste, Mandarine. Das ist das ländliche Nebraska. Atme die frische Luft. Freunde dich mit den Einheimischen an. Und hol uns dieses Gemälde.
Clementine schmunzelte. Mandarine. Grapefruit. Kumquat. Orange. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal ihren richtigen Namen benutzt hatte.
Clementine:Die frische Luft, von der du sprichst, ist erstickend. Der Schweiß tropft praktisch vom Himmel.
Lucien:Du kannst die Winter in New York nicht ausstehen. Also lass das Gemecker, genieß es, und hör auf zu trödeln.
Bei seiner letzten Bemerkung musste sie schlucken.
Clementine:Ich werde das Gemälde im Handumdrehen besorgen.
Lucien:Aber ohne Hast. Hast führt zu Fehlern.
Clementine:Ich werde dich nicht enttäuschen.
Nur dass sie das bereits getan hatte.
Ohne diesen furchtbaren Mädelsabend wäre Clementine wie geplant von New York hierher geflogen. Ein kurzer Flug, um ihre Rolle vorzubereiten und letzte Details zu analysieren. Stattdessen hatte sie sich in den vergangenen Wochen abgelenkt und deprimiert in ihrer Wohnung verkrochen, um Jenny aus dem Weg zu gehen. Als ihr allmählich die Decke auf den Kopf gefallen war, hatte sie sich entschieden, mit dem Auto nach Nebraska zu fahren, um schneller von zu Hause flüchten zu können. Die Fahrtzeit betrug nur zwanzig Stunden. Aber jetzt war sie schon seit drei Tagen unterwegs. Drei verdammte Tage, was ihre Ankunft verzögerte und ihr Unbehagen wachsen ließ, je näher sie ihrem Ziel kam.
Verärgert über sich selbst, schob sie die Gedanken an jenen Abend und seine Nachwirkungen beiseite und wischte sich ein Rinnsal Schweiß vom Hals. Sie brauchte einen kühlen Drink, etwas Spritziges und Frisches, das sie wach machte. Der winzige Lebensmittelladen mit seiner verwitterten Fassade und der Werbung für Angelköder sah nicht sonderlich vertrauenerweckend aus, aber er würde genügen. Trotzdem bewegte sie sich nicht.
Ihre Aufmerksamkeit wurde von einem einsamen Baum angezogen. Hoch aufgerichtet und stoisch stand er da. Stark. Widerstandsfähig. Allein. Ein namenloser Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, und sie rieb sich das Brustbein.
»Auf der Durchreise?«
Sie wirbelte auf dem Absatz herum. Der Pfeife rauchende Mann musterte sie eindringlich, seine Haut war ebenso verwittert wie die versengte Erde. Das hölzerne Schild über ihm hing schief. Dank des krummen Winkels zeigte der darauf gemalte Pfeil zu Boden. Darauf stand: This way to Whichway. Sie kicherte.
»So hat die Stadt ihren Namen bekommen«, sagte er mit einer Stimme wie knirschender Schnee.
»Wie bitte?«
»Whichway.«
»Which-was?«
»Die Stadt da die Straße runter.« Sein Schaukelstuhl malmte über Kieselsteine. »Da gibt es nicht viel zu sehen. Farmen. Prärie. Diese große alte Fabrik. Keinen Grund, anzuhalten und sie zu besichtigen, aber sie liegt auf dem Weg zu größeren Countys. Die Leute, die hier durchkommen, fragen oft nach dem Weg: ›Wo geht’s nach hier?‹ ›Wo geht’s nach da?‹ ›Which way?‹ ›Which way?‹« Er zuckte mit den Schultern. »Und so kam die Stadt Whichway auf die Landkarte.«
Richtig. Whichway. Die Elvis-verseuchte Stadt, in der sie ein paar Wochen lang wohnen würde. Clementine war immer sehr penibel, was ihre Recherche betraf. Sie wusste genau, wo die Stadt lag und wie sie zu ihrem Namen gekommen war, aber sie fühlte sich benommen, hatte Mühe, der Unterhaltung zu folgen.
Jäh richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Job.
Für die nächsten Wochen würde sie nicht Clementine Abernathy sein, sondern Samantha Rowen. Eine Musikproduzentin und Jurymitglied des berühmten Elvis-Festivals der Stadt – ein Job, den Lucien irgendwie eingefädelt hatte. Sie würde Maxwell David finden und den Mann umgarnen, bis sie den unbezahlbaren Van Gogh seiner Familie ausfindig gemacht hatte, einen Schatz, den der überbezahlte Tycoon nicht verdiente. Lucien würde ihre Beute zu Geld machen, und das wiederum würde jenen helfen, die sich nicht selbst helfen konnten, und dann würde sie wieder in New York sein, ihr Job erledigt, ihr Oldtimer laut, ihre Wohnung leise, ihre verbleibende Zeit damit ausgefüllt, mit einer Bartagame zu reden, die nicht antworten konnte. Keine Mädelsabende mehr.
Dieser Job sollte nicht anders sein als jeder andere. Aber dieser einsame Baum zog erneut ihre Aufmerksamkeit auf sich und brachte ihre Gedanken durcheinander.
Musik drang durch ihre Benommenheit, ein lebhafter Rhythmus, der die Straße entlang lauter wurde. Ein Wagen durchbrach die flirrende Hitze, und Clementine blieb der Mund offen stehen. Chrysler waren immer coole Klassiker, der hier war wahrscheinlich von 1955, aber seine mintgrüne Lackierung war sagenhaft.
Mürrisch beäugte sie ihren Mietwagen, einen fast schon beleidigend zahmen Prius. Zu Hause würde sie sich nie im Leben in dieser Horrorkiste sehen lassen. Aber in vierzig Minuten, wenn sie nach Whichway hineinrollte, würde sie eine Rolle spielen. Eine Show. Eine sympathische Frau, die über ihre Freunde und Familie plauderte und darüber, wie erfüllt ihr Leben war.
Sie biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf den sexy Chrysler. Das Wahnsinnsgefährt hielt an der Tankstelle, und ein schillernder Mann stieg aus. Er hatte eine gegelte schwarze Haartolle, dichte Koteletten, eine strassbesetzte Sonnenbrille und ein gemustertes Polyesterhemd mit einem Kragen, der groß genug war, um damit abzuheben. Seine Rolex war definitiv fake, aber seine ausgefeilte Rolle war es nicht, und ihr Job-Radar schlug an.
Dieser Mann war ein Elvis. Aber war er ihr Elvis?
Luciens Akte mit Details über ihr Opfer war eher dünn gewesen. Sie wusste, dass Maxwell David morgens joggen ging, gefolgt von einem Frühstück mit Kaffee und Gebäck, für gewöhnlich eine Apfeltasche. Erdbeere, wenn er sich übermütig fühlte. Dann verbrachte er Stunden in seinem Büro, zweifellos mit dem Aushecken neuer Methoden, sich die Taschen vollzustopfen, während er seine Angestellten ausbeutete. Außerdem war er ein Elvis-Imitator, einer der gut einhundert Teilnehmer, die um die Krone des besten Tribute-Künstlers wetteiferten.
Sie kannte diese Details und noch andere über Maxwell David, Geschäftsführer von David Industries. Was sie nicht hatte, war ein klares Foto von ihm. Der Mann scheute die sozialen Medien. David Industries hatte nicht einmal eine Onlinepräsenz. Wer auch immer von Lucien angeheuert worden war, Überwachungsfotos zu schießen, hatte unruhige Hände und einen übergroßen Daumen, der stets Maxwells Gesicht verdeckte.
Mit schmalen Augen musterte sie diesen speziellen Elvis und kam zu dem Schluss, dass er zu alt war, um ihr Opfer zu sein. Als er ihr rülpsend zuzwinkerte, dankte sie ihrem Glücksstern.
Sie nahm das als Stichwort und kaufte sich eine Pepsi, obwohl sie Pepsi nicht mochte. Die Auswahl in dem kleinen Laden war mehr als dürftig. Dann machte sie sich wieder auf den Weg und presste sich die kühle Dose an die Stirn. Elvis und der einsame Baum verschwanden im Rückspiegel. Sie trank ihre Nicht-Coke und fuhr weiter, doch dabei ging ihr Fuß immer mehr vom Gas. Ihr Prius rollte langsam dahin. Zu langsam. Unter dem Tempolimit, um genau zu sein.
Was zum Teufel ist los mit mir?
Sie sollte das Gaspedal durchtreten, um die verlorene Zeit gutzumachen, sich beeilen, nach Whichway zu kommen, damit sie die Stadt auskundschaften konnte. Doch hier war sie, und ihre Tachonadel fiel mit rasender Geschwindigkeit.
Als sie ein Auto am Straßenrand entdeckte, mit geöffneter Motorhaube und über den Motor gebeugtem Fahrer, fuhr sie rechts ran.
Ich tue nur ein gutes Werk, sagte sie sich. Ich schiebe diesen Job oder meine Rolle als Samantha Rowen nicht vor mir her.
Sie sprang aus ihrem abscheulichen Prius und schirmte sich die Augen ab, um den alten Jaguar auf der anderen Straßenseite abschätzend zu mustern. Der Wagen war stahlgrau, mit sensationellen Chromdetails, aber an den Stoßstangen nagte schon der Rost. Nicht annähernd so hübsch, wie dieser Chrysler gewesen war. Nicht, dass sie das in Anbetracht ihres gegenwärtigen Fahrzeugs beurteilen sollte.
Als sich ihr Gentleman in Nöten hinter der Motorhaube aufrichtete, verlagerte sie ihre Aufmerksamkeit auf ihn, und ihr Herz begann schneller zu rasen als ein Aston Martin Vulcan.
Mit seinen gut eins achtzig, hochgekrempelten Ärmeln und offenen obersten Hemdknöpfen war er ein Wahnsinnstyp. Dank der Hitzewelle klebte das feuchte, weiße Hemd an der breiten Brust und wies seinen Träger als männliches Prachtexemplar aus.
Sie fächelte sich Luft zu, aber ihre Hand erzeugte nur wenig Wind. »Wagenpanne?«
Er wischte sich mit dem Handgelenk über die Stirn. »Wagenkatastrophe.«
»Was ist passiert?«
Er musterte das Innenleben seines Jaguars. »Ich war etwa eine Stunde ohne Probleme unterwegs, dann gab es einen lauten Knall, und ich fing an, Leistung zu verlieren. Abgesehen davon, hab ich genauso wenig Ahnung wie Sie.«
Clementine hatte nicht genauso wenig Ahnung wie er. Sie hatte meilenweit mehr. Das Einzige, was sie noch mehr liebte als Autos, war ihre Bartagame. »Was dagegen, wenn ich ihn mir mal ansehe?«
»Ich nehme jede Hilfe, die ich kriegen kann. Mein Meeting fängt in«, mit einer Grimasse sah er auf seine Uhr (eine echte Rolex), »dreißig Minuten an und ist vierzig Minuten Fahrt entfernt.«
Sogar seine Grimasse war sexy. Sie versuchte nicht auf seine vollen Lippen und die männliche Kontur seines Kiefers zu starren. Genau wie Freundschaften hatte sie auch Dates vor ein paar Jahren aufgegeben. Eine Beziehung aufzubauen, wenn man sich nicht über Jobdetails unterhalten oder wegen Arbeitsstress bemitleiden konnte, war eine echte Herausforderung. Mein letzter Coup wär beinahe schiefgegangen, weil ich von einem Pitbull gejagt wurde und mir den Knöchel verstaucht habe war nicht gerade typisches Freitagabendgeplauder. Tinder-Treffen hatten ihr eine Weile lang genügt, bis die One-Night-Stands ihre Einsamkeit nur noch mehr betonten.
Was dazu führte, dass sie die großen Hände dieses Mannes anstarrte, mit denen er sich durchs dunkle Haar fuhr und die Strähnen dadurch noch mehr zerzauste. Schweiß sammelte sich auf ihrem Schlüsselbein. Seine blauen Augen zuckten zu der Stelle, was ihre bereits heiße Körpertemperatur noch mehr in die Höhe trieb.
Er räusperte sich. »Danke fürs Anhalten.«
»Kein Problem. Autos sind irgendwie mein Ding.«
Groß, dunkel und gut aussehend war auch ihr Ding, und der Drang, mit einem echten, lebendigen Menschen zu interagieren, hob erneut sein gefährliches Haupt. Sie hätte letzten Monat ihre Lektion lernen sollen, aber er war hübsch anzusehen, und es war schön zuzugeben, dass sie ein Autonarr war. Etwas, das sie in Whichway nicht tun konnte – es war nie klug, Hinweise auf ihre wahre Identität fallen zu lassen. Aber wenn dieser Mann schon über eine Stunde unterwegs war, dann musste er aus Headlow oder Brandock oder einem der weiter entfernten Countys stammen.
Sie schob sich vor den Motor. Der Mann trat nicht zur Seite, und sie stieß mit seinem langen Körper zusammen. Fest. Feucht. Warm. »Tut mir leid«, murmelte sie. Schweiß tropfte in ihr Dekolleté.
Hastig trat er rückwärts. »Nein. Mir tut es leid. Sie sind so nett, anzuhalten und zu helfen, und ich stehe im Weg wie ein Idiot.«
»Das macht mir nichts aus.«
»Dass ich im Weg stehe?«
»Dass Sie ein Idiot sind.«
Er brach in lautes Lachen aus.
»War nur Spaß.« Sie zwinkerte ihm zu, dabei fühlte sie sich locker und aufgekratzt. Mehr wie sie selbst als seit einer Ewigkeit. »Ich meinte, es macht mir nichts aus zu helfen. Ich habe immer eine Notausrüstung dabei, nur für den Fall. Nichts ist schlimmer als eine Panne, wenn man unterwegs ist.« Oder von einem Tatort flüchtet.
»Wenn man bedenkt, dass dieses Baby hier meinem Großvater gehört hat und seit einer ganzen Weile nicht mehr auf der Straße war, sollte es mich eigentlich nicht überraschen, dass sie temperamentvoll reagiert hat.«
Das erklärte die verrosteten Stoßstangen, aber es kühlte nicht ihre steigende Temperatur. Sie riss ihren hungrigen Blick von seinem durchsichtigen Hemd los. Hier gibt es nichts zu sehen. Fahren Sie weiter. Sie konzentrierte sich auf den Wagen. Das Motorproblem war leicht zu finden. »Bei Ihrem Baby ist der Unterdruckschlauch zum Bremskraftverstärker undicht. Dadurch zieht der Motor zu viel Luft und hat Fehlzündungen. Das hat die Fahrleistung schwerfällig gemacht.«
»Unterdruckschlauch?«
Ahnungslose Männer waren süß. Sie bei »männlichen« Aufgaben in die Tasche zu stecken machte immer viel Spaß. »Der Ansaugtrakt des Motors. Sie brauchen einen neuen Schlauch.«
Er fluchte.
»So schlimm ist das nicht. Ich habe dieses Teil zwar nicht dabei, aber dafür habe ich das weltbeste Allheilmittel.«
»Reimt es sich auf Shmiskey und schmeckt warm und vollmundig auf der Zunge?«
Bei seinem unerwarteten Humor musste sie lachen, aber das erotische Bild verstärkte ihre Hitzewellen nur noch. Sie wollte ihn warm und vollmundig auf der Zunge schmecken, aber das würde seinem Jaguar nicht helfen. Ebenso wenig wie ein Glas Whiskey.
Sie zeigte auf ihren Wagen. »Ich reise auf alles vorbereitet.« Als er ihren Prius musterte, verkniff sie es sich nur mit Mühe, ihm zu erklären, dass ihr Charger zu Hause der Wahnsinn auf Rädern war und dass sie ihren Prius beinahe ebenso sehr hasste wie ihre kakifarbenen Shorts und das geblümte Top. »Ich habe Sie im Nu wieder flottgemacht«, sagte sie. »Aber das ist nur eine vorübergehende Lösung. Sie müssen so bald wie möglich in eine Werkstatt fahren.«
»Aber Sie können mich wieder mobil machen?«
»Für kurze Zeit.« Sie öffnete ihren Kofferraum, fand die großartigste Erfindung der Menschheit und hielt sie hoch. »Betrachten Sie sich als gerettet.«
»Klebeband?« Er grinste, und die Wirkung ließ sie über einen nicht-existenten Stein stolpern. Jemand sollte ihm mit einem Warnschild folgen: Vorsicht, Grübchen, Gefahr von Atemlosigkeit.
Sie versuchte erneut, sich Luft zuzufächeln, aber das Klebeband und die Schere boten noch weniger Linderung als ihre Hand. »Sie können mir bei der Arbeit zusehen, vielleicht lernen Sie noch was.«
Sein Blick fiel zu ihren Beinen und wanderte langsam wieder hoch. Sobald er ihren Augen begegnete, sah er fort. »Das könnte ich.«
Aber er sah nicht einfach nur zu. Er redete. »Sind Sie auf der Durchreise durch Nebraska?«
»Ja.«
»Beruflich oder zum Vergnügen?«
»Ein bisschen von beidem.«
Sie hielt ihre Antworten kurz. Der Zuhörer zu sein war einfacher. Sie konnte lächeln und nicken und ihrem Gegenüber das Gefühl geben, wichtig zu sein. Das war nicht Teil einer Rolle. Sie liebte es, etwas über andere zu erfahren, ersatzweise durch sie zu leben. Zu viel Interaktion könnte enden wie ihr Mädelsabendfiasko.
Mr Groß-dunkel-und-gut-aussehend machte das Stummbleiben nicht leicht.
Er lehnte sich mit der Hüfte an den Jaguar, und eine dieser zerzausten Strähnen fiel ihm in die Stirn. »Wo haben Sie so viel über Autos gelernt?«
»Von einem … Freund.« Lucien, wollte sie sagen. Der Mann, der sie dabei erwischt hatte, wie sie Schuhe für eine schuhlose Freundin gestohlen hatte, und der in ihr etwas gesehen hatte, das es wert war, gefördert zu werden. Sie kniff die Lippen zusammen und konzentrierte sich darauf, Klebebandstreifen abzuschneiden.
»Woher kommen Sie?«, fragte er.
Eine weitere einfache Frage, die nicht einfach war. »Ich ziehe oft um.«
Er gab einen leisen ungeduldigen Laut von sich. Frustriert über die einseitige Unterhaltung? Trotzdem machte er weiter. »Es war dumm von mir, diesen Wagen zu nehmen, aber er war der ganze Stolz meines Granddads. Ich halte ihn für einen Glücksbringer.« Als Clementine nicht antwortete, trat er neben sie und beugte sich vor, um ihr dabei zuzusehen, wie sie das Klebeband befestigte. »Sie sind jedenfalls gut mit Ihren Händen.«
»Gut, dass das wenigstens einer von uns ist, sonst müssten Sie auf einen Abschleppwagen warten.«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht gut mit meinen Händen bin.«
»Sie können Ihr Auto nicht selbst reparieren.«
»Ich bin gut in anderen Dingen.«
»Ach wirklich?« Sie grinste ihn über ihre Schulter hinweg an, und ihr Mund wurde trocken. Seine babyblauen Augen hatten sich verdunkelt, seine Pupillen geweitet. Wieder zuckte sein Blick fort, und diese Andeutung von Schüchternheit steigerte seine Anziehungskraft noch. Ein Schluck Nicht-Coke wäre jetzt himmlisch, oder sie könnte die Feuchtigkeit von seiner verschwitzten Brust lecken.
Ruhig, Mädchen.
Abrupt wandte sie sich wieder dem Motor zu und strich das Klebeband glatt, um sich zu vergewissern, dass es sicher saß. Er ließ sie schweigend weiterarbeiten, aber seine aufmerksamen blauen Augen zuckten immer wieder zu ihr. Nachdem der Schlauch verarztet war, startete er den Jaguar testweise. Das Auto schnurrte, wie es sollte, aber das würde nicht lange halten. Wenigstens saß er nicht mehr fest.
Obwohl er schon spät dran für sein Meeting war, brachte er sie zu ihrem Wagen und blieb stehen, während sie den Kofferraum zumachte. Sie ließ sich extra viel Zeit dabei, das Motoröl von ihren Fingern zu wischen.
Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, streckte er ihr die Hand entgegen. »Ich bin Jack.«
Sie bewegte sich nicht oder nahm seine Hand. Wenn sie es täte, würde er erwarten, dass sie ihm ihren Namen sagte. Normale gesellschaftliche Nettigkeiten. Das Problem war, ihren Decknamen Samantha zu benutzen fühlte sich nicht richtig an. Sie war weit fort von zu Hause, und sie war noch nicht in Whichway. Sie hatte Clementine noch nicht zugunsten ihrer gewählten Identität abgestreift, aber irgendetwas anderes als Samantha zu sagen wäre töricht. Sie biss die Zähne zusammen.
Jack hielt weiter seine Hand ausgestreckt und kaute auf seiner Unterlippe. Als sie stumm blieb, sagte er: »Ist es, weil ich ein Idiot bin, der nicht gut mit seinen Händen ist und es verbockt hat, als er versucht hat, mit Ihnen zu flirten?«
Sie sog einen rauen Atemzug ein. Gott, war er süß. Und lieb. Und sein Flirten war subtil, aber reizend gewesen. In einem anderen Leben hätte sie ihre Weiblichkeit ausgespielt. Sich mit ihm verabredet. Diese Verabredung mit einem umwerfenden Kuss beendet. Aber das hier war kein anderes Leben. Das hier war ihr Leben, und sie hatte einen Job zu erledigen.
Dennoch bildete sich ein stachliger Kloß in ihrer Kehle. Der kratzende Druck schwoll an, brannte heißer, bis …
»Clementine«, krächzte sie.
Seine Hand hatte sich nicht bewegt. Ebenso wenig wie ihre.
»Clementine«, wiederholte er, als koste er seinen ersten Schokoladenkuchen.
Er drehte die Hand leicht, dass seine Handfläche nach oben zeigte. Eine Einladung. Eine, der sie nicht widerstehen konnte. Sie legte ihre Hand in seine, und wow, das Gefühl seiner glühenden Haut. Wärmer als die schwüle Luft. Es fühlte sich so gut an, ihn zu berühren, einen Mann, der ihren Namen kannte, wenn auch nur für diesen flüchtigen Moment. Ein zitternder Atemzug durchströmte sie.
»Clementine«, flüsterte er erneut.
Beide hielten einander fest, länger, als es anständig war. Schweiß machte ihre Hände schlüpfrig, als die Hitze zwischen ihnen anstieg, zusammen mit ihrem flatternden Puls.
Diesmal hielt er ihren Blick fest, vorübergehend. Als er fortsah, blickte er rasch wieder zurück. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Ein paar davon liefen ihm über die Wange, was ihren Blick auf einen Tropfen lenkte, der an seinem Hals entlanglief, über sein Schlüsselbein, zu seiner Brust. Sie zwang ihre Aufmerksamkeit wieder hoch, aber das war keine Hilfe. Seine Lippen waren voll und sinnlich. Er hatte dichte Wimpern, etwas längere Koteletten. Nicht wie der rülpsende Elvis von der Tankstelle, aber auch nicht gerade modern … Etwas, das sie hätte bemerken sollen. Details entgingen ihr nie, besonders nicht, wenn sie unterwegs zu einem Job war.
Elvis-Imitatoren trugen Koteletten. Jack könnte ein Fan sein. Er könnte wegen des Festivals in Whichway auftauchen. Sie könnte ihm wieder über den Weg laufen, diesem Mann, der ihren richtigen Namen kannte.
Sie riss ihre Hand zurück und ignorierte den scharfen Stich, den ihr der Verlust seiner Berührung versetzte. »Viel Glück bei Ihrem Meeting.«
»Darf ich Ihre Nummer haben?«
»Ich bin nur auf der Durchreise.«
»Wir könnten Twitter- oder Instagram-Namen austauschen? Oder dieses Snapdings. Snap that chat? Ich hab’s nicht mit sozialen Medien, aber für die Frau, die mich gerettet hat, könnte ich eine Ausnahme machen.«
»Lieber nicht.«
Ohne in sein attraktives Gesicht zu blicken und dabei alles zu sehen, was sie nicht haben konnte, startete sie den Motor und fuhr los, so schnell ihr beschissener Prius es erlaubte.
Tag eins als Samantha Rowen lief perfekt. Clementines lange Autofahrt war Vergangenheit, der gestrige flirtlaunige Aussetzer ihres Urteilsvermögens vorüber. Das glatte Haar zu einem braven Zopf geflochten und die Handtasche über ihre gestraffte Schulter geschlungen, schlenderte sie Whichways Hauptstraße entlang, überraschend verzaubert von der historischen Atmosphäre. Leuchtend bunte Gebäude säumten die Straße, zusammen mit altmodischen Straßenlaternen und kopfsteingepflasterten Bürgersteigen. Eine gewaltige Verbesserung zu der trostlosen Landschaft des Highways.
Sie betrat das Rathaus und nickte der Empfangssekretärin zu. »Ich bin Samantha Rowen und möchte zu Jasmine Jones.«
Die junge Frau sah auf ihrem Computer nach und informierte Clementines Ansprechpartnerin über den Besuch.
Während Clementine wartete, trat sie einen Schritt beiseite, als zwei Männer hereinkamen. Zwei Elvi, um genau zu sein. Elvi war die richtige Mehrzahl für mehrere Kings, nicht Elvisse. Ein weiteres interessantes Detail, das sie bei ihrer Recherche über das Festival herausgefunden hatte. Besser, sie klang gebildet bei diesen Leuten. Diese beiden trugen keine Polyesteroveralls, aber ihr zurückgegeltes schwarzes Haar und die Rockstar-Attitüde sagten alles. Der eine sah aus wie ein Mexikaner, der andere wie ein Japaner. Einer war dick, der andere dicker. Einer alt, der andere jung. Beide zwinkerten ihr zu.
Offenbar gab es den King in allen Größen und Nationalitäten, und Zwinkern gehörte unbedingt dazu.
»Wir sind hier, um uns anzumelden«, sagte der korpulentere Kerl.
Sie hätte sie aufmerksamer gemustert, aber ihr Opfer war weiß und durchtrainiert. Keiner dieser Elvi war Maxwell David. Stattdessen betrachtete sie den Flur, in dem Whichways Geschichte hinter Glastafeln dargestellt wurde. Das Foto eines Pferdewagens, der die Main Street entlangzuckelte, war mehr als malerisch. Vielleicht würde es doch nicht so übel werden, hier Zeit zu verbringen. Durch den Festivalbeginn in zehn Tagen hatte sie über eine Woche Zeit, sich einzuleben und Maxwell zu finden, bevor die Stadt völlig durchdrehte. Eine Einladung auf das Anwesen seiner Familie zu bekommen könnte länger dauern.
»Samantha Rowen?«
»Genau die.« Für die nächsten paar Wochen zumindest.
Die Hand zur Begrüßung ausgestreckt kam Jasmine näher, und sofort schnellten Clementines Gedanken zurück zu der letzten Hand, die sie gehalten hatte. Groß. Männlich. Verschwitzt. Ihr Herz durchfuhr ein Stich.
Sie schüttelte Jasmine die Hand und zwang sich zu einem Lächeln. »Es überrascht mich, dass jetzt schon Teilnehmer ankommen.«
Jasmine musterte die Neuankömmlinge. »Manche möchten sich vorher schon etwas einleben. Und manche lieben Whichway einfach und dehnen ihren Aufenthalt hier gern aus. Die Stadt wächst während des Festivals auf ihre zwölffache Größe an.«
Was Clementines Job erschweren würde, aber sie war schon mit Schlimmerem fertiggeworden. Sie musste einfach nur ihren Elvis finden und sich sein Gemälde unter den Nagel reißen, während sie Samantha Rowen, Musikproduzentin, war, nicht Clementine Abernathy, Liebhaberin großer, verschwitzter Hände. »Das war auch mein Plan«, sagte sie. »Ein wenig zu entspannen, bevor das Festival losgeht. Ich dachte, ich gebe Ihnen Bescheid, dass ich in der Stadt bin, für den Fall, dass Sie irgendetwas brauchen.« Und um ihr Pseudonym zu festigen.
Jasmine reichte ihr einen Festivalführer, dann spielte sie an ihrem Diamantring herum. Das einkarätige Prachtstück funkelte auf ihrer dunklen Haut. »Das Festival findet schon zum vierundzwanzigsten Mal statt, und alles läuft perfekt eingespielt. Ich bin einfach nur froh, ein bisschen frisches Blut in der Jury zu haben. Solange Sie bei der ersten Show anwesend sind – nur zu, genießen Sie unsere Stadt. Sie werden sich wie zu Hause fühlen.«
Clementines rosafarbener Rock und das ärmellose Top schrien tatsächlich Mädchen vom Lande.
Nachdem sie noch ein wenig geplaudert hatten, trat Clementine wieder hinaus in die immer noch schwüle Luft und widmete sich ihrem nächsten Ziel: dem Whatnot Diner. Ein ziemlich lächerlicher Name für eine Stadt namens Whichway. Daneben lag das Who’s It Café, beinahe wie in einem lebendig gewordenen Kinderbuch von Dr. Seuss. Aber ihr Ziel war der Whatnot Diner. Wenn ihre Informationen korrekt waren, dann würde Maxwell David in Kürze hereingeschlendert kommen, um seine morgendliche Tasse Kaffee zu trinken. Der perfekte Zeitpunkt, um ihr Aufeinandertreffen zu erzwingen und Luciens üblichen Ratschlag zu befolgen.
Sei nett, aber nicht zu nett.
Zeig ein wenig Verletzlichkeit.
Deute an, dass du ein Problem hast.
Lass dein Opfer glauben, es wäre seine Idee, dich wiederzutreffen.
Dekolleté zu zeigen hilft immer.
Clementine hatte reichlich Dekolleté. Allerdings schlief sie nie mit ihren Opfern. Eine weitere von Luciens Regeln: Zu viel Vertrautheit trübt das Urteilsvermögen. Ein Kuss war okay, kokettes Flirten ein Muss, aber sie durfte es niemals weiter gehen lassen und ihr Ziel aus den Augen verlieren. Große, verschwitzte Hände zu schütteln war nicht so wichtig, wie einem Kind eine Zukunft zu geben. Sie würde ein einsamer Baum auf leerem Feld bleiben, wenn dadurch auch nur ein einziges Kind eine Chance bekam.
Der Diner lag einen Block die Straße runter auf der anderen Seite. Alles hier war zu Fuß erreichbar. Passanten lächelten sie im Vorbeigehen an, manche grüßten sogar. Ein starker Kontrast zu den mit gesenkten Köpfen auf ihre Handys fixierten Pendlern New Yorks. Die ungewohnte Fröhlichkeit brachte sie aus dem Konzept, aber sie ertappte sich dabei, dass sie zurücklächelte, und jede Begegnung hüllte sie ein wie ein lieb gewordener Mantel.
Eine Glocke bimmelte, als sie die Tür des Diners öffnete. Sitznischen säumten die Fensterseite, rote Lederbarhocker den Tresen gegenüber. Der Laden war halb voll, eine Mischung aus Männern und Frauen in Kakihosen und Jeans, die sich unterhielten oder Zeitung lasen. Niemand hatte schwarzes Haar oder trug einen Anzug. Maxwell David war noch nicht hier. Da er üblicherweise am Tresen saß, suchte sie sich einen der freien Barhocker aus.
Eine Kellnerin – Imelda, ihrem Namensschild nach – tauchte mit einer Kaffeekanne auf. »Wie wär’s mit einer Tasse, Schätzchen?«
»Ich würde ihn ja intravenös nehmen, wenn ich könnte, aber eine Tasse tut’s auch.«
Imelda hob die Kanne beim Einschenken in die Höhe, was die einfache Handlung zu einer beeindruckenden Show machte. »Unser Vorzeigegebäck sind unsere Blätterteigtaschen, die Würstchen sind hausgemacht, und wir verwenden nur Eier von frei laufenden Hühnern. Das Brot ist auch frisch gebacken.«
»Also ist praktisch alles gut?«
»So sicher, wie meine Tochter ihren nächsten Mathetest verhauen wird.« In Imeldas Scherz schwang Zuneigung mit. Mit ihrem runden Gesicht und den puppenhaften Grübchen in den Wangen sah sie zu jung aus, um schon ein Kind zu haben, das Mathetests schrieb. Ein Bild der Freundlichkeit. Wie wäre es wohl gewesen, mit einer Mutter wie ihr aufzuwachsen?
»Klingt, als müsste ich diese Teigtaschen probieren«, meinte Clementine und verdrängte alberne, sentimentale Gedanken. »Apfel, bitte.« Weil Maxwell Apfel bestellte, eine Gemeinsamkeit, über die sie sich unterhalten konnten.
»Sie werden nicht enttäuscht sein.«
Imelda ging den Tresen entlang, und Clementine warf einen Blick auf die Elvis-Uhr an der Wand. Die Rock-’n’-Roll-Legende beherrschte die Mitte des Ziffernblatts. Die Hände zeigten 9:00 Uhr, Maxwell Davids übliche Kaffee-und-Gebäck-Stunde. Bisher glänzte er durch Abwesenheit.
Ihr Handy vibrierte, und ihr wurde flau im Magen. Lucien. Seine Nachricht war keine Überraschung. Er hielt sie stets über neue Details auf dem Laufenden, und sie ließ nie mehr als ein paar Stunden verstreichen, ohne sich bei ihm zu melden. Aber er wusste, dass sie ihrem Zeitplan hinterherhinkte, dass sie ihre Fahrt hierher in die Länge gezogen hatte. Sie nahm ihr Handy aus der Handtasche.
Lucien:Schon Kontakt aufgenommen?
Sie konnte die Enttäuschung in seinen Worten praktisch hören. Abgesehen von dem Monet-Desaster, war sie zehn Jahre lang fehlerfrei gewesen. Sie hatte ihre Coups mit Präzision ausgeführt, nie eine Beute verloren, außer es war ihr ein Konkurrent zuvorgekommen. Fehler waren wie Rostbeulen, die am Metall eines Autos fraßen und seinen letztendlichen Untergang andeuteten. Bis vor vier Wochen war sie praktisch rostbeständig gewesen. (Verdammte Jenny und ihre witzigen lila Haare.) Sie musste sich zusammenreißen und wieder auf den Job konzentrieren.
Clementine:Heute ist es so weit. Sitze gerade im Diner.
Punkte blinkten als Antwort.
Würde er sie dafür ausschimpfen, dass sie ihre Pläne hinausgezögert hatte? Sie warnen, dass jemand anders ihnen bei dem Gemälde zuvorkommen könnte?
Die Tür des Diners bimmelte, aber sie konnte ihre Aufmerksamkeit nicht von ihrem Handy losreißen. Die Familie David hatte keine Ahnung, was ihr Gemälde wert war. Luciens ausgedehnte Recherche hatte die Spur des unsignierten Van Goghs über die Jahrzehnte hinweg verfolgt und schließlich ergeben, dass die Davids ihn mit dem Kauf eines Hauses erworben hatten, wobei keine der beiden Parteien den Namen des Künstlers gekannt hatte. Jetzt gehörte das Bild Maxwells Vater, der es irgendwo in ihrer protzigen Villa aufgehängt hatte, ohne zu ahnen, was es wert war. Aber andere könnten seinen Wert und seinen Verbleib ausgeschnüffelt haben. Ihr Rivale Yevgen Liski könnte ihn ausgeschnüffelt haben, eine Aussicht, über die sie lieber nicht nachdenken wollte.
Lucien:Lass dir Zeit. Bei einem lang angelegten Coup
ist langsam und behutsam die beste Methode, um
Vertrauen aufzubauen. Sobald du das hast, hast du
schon gewonnen. Und wenn du ein komisches Gefühl
hast, wenn du rausmusst oder reden musst, dann
bin ich nur einen Anruf entfernt.
Natürlich würde er sie nicht ausschimpfen. Nicht Lucien, der Mann, der mit ihr Karten gespielt hatte, wenn sie nachts aus Angst vor den Albträumen, die ihren vierzehnjährigen Geist quälten, nicht schlafen konnte. Er hatte ihr auch Skateboarden beigebracht und wie man einen Mann zu Fall bringt, der doppelt so groß war wie sie.
»Sie sitzen auf meinem Platz.«
Ihre Daumen erstarrten, eine Sekunde bevor sie eine beruhigende Antwort tippen konnte. Sie kannte diese Stimme. Sie hatte sie ihren Namen flüstern hören und diese Erinnerung die ganze Nacht lang immer wieder ablaufen lassen. Es war eine Stimme, die nicht hier sein sollte.
Angespannt bis in die Zehenspitzen in ihren Sandalen, wandte sie sich um, und ihr Mund wurde trocken. Heute sah Jack nicht verschwitzt aus. Der Mann war adrett und sauber rasiert. Er war nah genug, dass sie seinen frischen Duft riechen konnte, wie würzige Eiszapfen voller Sonnenschein. So frisch und so real, und er sollte nicht einmal in der Nähe dieser Stadt oder dieses Diners sein. Was zum Teufel machte er hier?
»Wenn ich auf diesem Platz sitze, dann ist es meiner.« Schnippisch zu sein beruhigte sie ein wenig.
Er neigte leicht den Kopf. »Hallo, Clementine.«
Das Ende ihres Namens dehnte sich melodisch aus wie ein Lied, und ihr Puls stimmte schmachtend mit ein. »Warum sind Sie hier?«
»Ich wohne hier.«
»Im Diner?«
Er lachte. »In Whichway. Aber Sie nicht. An Sie … würde ich mich erinnern.«
Er war ebenfalls unmöglich zu vergessen. Nicht bei dem Kontrast seiner zerzausten Haare mit seiner maßgeschneiderten Anzughose und dem schmal geschnittenen Hemd. Hallo, Muskeln. Hitze stieg an ihrem Hals empor. Die Klimaanlage hatte wohl den Geist aufgegeben. Sie musste diese unwillkommene Anziehungskraft ignorieren. Ganz egal, welche Ausreden sie gestern gefunden hatte – ihren Namen preiszugeben war ein Moment unbekümmerter Selbstvergessenheit gewesen. Jetzt zeigte ihr Karma den Mittelfinger. »Sie waren schon eine Stunde unterwegs, als ich angehalten habe. Ich nahm an, dass Sie woanders leben.«
Er schob die Hände in die Hosentaschen. Durch die Bewegung spannte sich der teuer aussehende Wollstoff, was muskulöse Oberschenkel erkennen ließ. »Ich hatte mehrere Meetings, keines davon in der Stadt. Und ich weiß immer noch nicht, warum Sie auf meinem Platz sitzen.« Ernst sah er sie an, als bereite ihm ihre Beschlagnahme seines angeblichen Platzes Kummer.
»Möchten Sie, dass ich mich woanders hinsetze?«
»Definitiv nicht.« Ein langes Schlucken später nahm er auf dem Barhocker neben ihr Platz.
Genau dort, wo sie hoffte, dass Maxwell David sitzen würde. Es sei denn …
Die beiden Männer mussten Freunde sein, trafen sich wahrscheinlich zum Kaffee oder auf einen Drink. Schauten gelegentlich ein Spiel zusammen. Wenn Jack auch nur annähernd wie der Maxwell David war, den sie recherchiert hatte, dann war er ein egoistischer, selbstsüchtiger Mann. In Anbetracht der Größe der Stadt arbeiteten sie wahrscheinlich zusammen, Big-Boss-Typen, die in ihrem Elfenbeinturm saßen, während sie langjährigen Angestellten kündigten und dadurch Familien und Leben ruinierten. Nur, um sich die Taschen vollzustopfen.
Diese Vorstellung machte es Clementine leichter, Jacks Anziehungskraft zu widerstehen, und sein Auftauchen kam nicht völlig ungelegen. Sich mit ihm anzufreunden könnte ihr helfen, sich bei Maxwell einzuschmeicheln. Leider hatte der Mann zu ihrer Rechten bewiesen, dass er mit einem bloßen Händeschütteln ihre Verkabelung kurzschließen konnte. Etwas, das sich nicht wiederholen durfte. Falls er mit Maxwell befreundet war, würde sie ihn benutzen, um den Kontakt mit ihrem Opfer herzustellen, und dann dafür sorgen, dass sie geflissentlich außer Händeschüttelreichweite blieb.
Kinderspiel.
Imelda kam mit der Apfeltasche in ihre Richtung und stellte das Gebäck vor sie. »Darf’s sonst noch was sein, Schätzchen?«
Clementine schüttelte den Kopf und blieb stumm, während sie diese neue Wendung ihrer Pläne analysierte.
Imelda lächelte Jack an. »Das Übliche?«
»Ich fühle mich ein bisschen übermütig heute. Nehmen wir Erdbeere.«
»Dann also Erdbeere.«
Als Imelda ging, tauchte ein weiteres bekanntes Gesicht auf: Jasmine Jones. Das unvertraute Gefühl von Panik krallte sich um Clementines Brust. Die Elvis-Koordinatorin der Stadt kam näher, bis die einzige Whichwayianerin, die ihren Decknamen kannte, dieselbe Luft atmete wie der einzige Whichwayianer, der ihren echten Namen kannte. Konnte dieser Morgen denn noch schneller aus dem Ruder laufen?
Nenn mich nicht Samantha. Nenn mich nicht Samantha.
Zumindest nicht, bis sie diesen Schlamassel ausgebügelt hatte.
Jasmine musterte Clementines Frühstück. »Wie ich sehe, haben Sie schon mit Whatnot’s berühmten Apfeltaschen Freundschaft geschlossen. Ein Bissen, und Sie werden süchtig.«
Eine weitere Minute in diesem Diner, und sie würde offiziell ihre Tarnung auffliegen lassen. »Das habe ich gehört.«
Clementine kniff den Mund zu und betete, Jasmine würde ihrer Wege gehen. Die anheimelnde Idylle dieser kleinen Stadt fing an, sich mehr nach Zwangsjacke als kuschligem Mantel anzufühlen.
Jasmine schlenderte zu einer Nische in der Nähe, Gott sei Dank, drehte sich aber noch einmal um. »Sagen Sie Ihrem Vater, dass er zum Festival nach Hause fliegen soll, Jack. Es wird nicht dasselbe sein ohne ihn. Und seien Sie nett zu Samantha. Wir möchten, dass sie wiederkommt.«
Wenn diese Szene ein GIF wäre, dann würde Clementines Apfeltasche explodieren und sie mit Apfelstückchen, Gebäck und einer ganzen Menge Schwierigkeiten überschütten.
»Samantha?« Jacks Stirn runzelte sich.
Der Ausdruck sah sexy an ihm aus, aber er durfte nicht sexy sein. Nicht in dieser Stadt oder auf diesem Platz. Nirgendwo in ihrer Nähe. Ganz besonders nicht, wenn er wahrscheinlich ein Arschloch und seine Schüchternheit gestern vermutlich total gespielt war. Sie musste verschwinden und sich wieder fangen, sich in Whichway orientieren. Falls Maxwell jetzt hereinkam, würde diese kurze stürmische Bö mit raketenhafter Geschwindigkeit zu einer Naturkatastrophe werden. »Ich denke, ich nehme meine Apfeltasche to go.«
Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann fummelte er an seinem Manschettenknopf herum. »Kann ich eine Erklärung für den Namen haben?«
Clementine winkte Imelda und bat um die Rechnung und eine Tüte zum Mitnehmen, während sie ihre Möglichkeiten erwog. Nur eine einzige Lüge machte Sinn. »Was erwarten Sie denn? Dass ich einem Wildfremden mitten im Nirgendwo meinen Namen verrate? So unvernünftig wäre keine Frau.«
Er ließ seinen Manschettenknopf los, sah ihr aber nicht direkt in die Augen. »Und woher kennen Sie Jasmine?«
»Ich bin eine Preisrichterin beim Elvis-Festival.«
Er starrte Clementines Profil an.
Sie starrte Imelda an und versuchte die Frau mit bloßer Gedankenkraft dazu zu bringen, sich zu beeilen. Es war schlimmer, als Faultieren beim Wettrennen zuzusehen.
»Sie sind eine Preisrichterin?«, fragte er langsam.
»Ich bin eine Preisrichterin«, wiederholte sie. Erneut. Hörte er schlecht?
»Und Ihr Name ist Samantha.«
Vielleicht war er als Kind auf den Kopf gefallen, außerdem hasste sie diesen Namen auf seinen Lippen. Gestern, als er Clementine geflüstert hatte, hatte sie sich Wälder und Wurzeln und blühende Blumen vorgestellt, keine einsamen Bäume und vertrocknetes Gras.
Als Imelda endlich die Rechnung brachte, zahlte Clementine und nahm ihre Sachen, wobei sie versuchte, Jack zu ignorieren, der seine inzwischen servierte Erdbeertasche und den Kaffee noch nicht angerührt hatte. Sein konzentrierter Blick war nicht von ihr gewichen, während sie direkten Augenkontakt vermied; und sie tat es schon wieder, sie ließ ihn im Rückspiegel zurück, so schnell sie konnte. Noch mehr Argwohn erzeugend.
Sie würde Maxwell auf andere Weise treffen. Bei seiner morgendlichen Joggingrunde vielleicht. Sie würde Jack mit den blauen Augen und großen Händen aus dem Weg gehen. Sicherstellen, dass ihre Wege sich niemals kreuzten. Aber nach zwei Schritten sagte er: »Clementine.«
Sie drehte sich um. Eine instinktive Reaktion. Der Teufel soll ihn holen.
Unbeholfen, als wüsste er nicht, was er mit seinen Händen anstellen sollte, verschränkte er die Arme. »Um fair zu sein, Jack ist auch nicht mein richtiger Vorname.«
Die Elvis-Uhr schien stehen zu bleiben. Ihre Lunge hatte eine schlimmere Fehlzündung als Jacks Jaguar. Sie wusste seinen Namen, noch bevor er ihn sagte, bevor diese zwei Silben über seine Lippen kamen. Sein Auftauchen im Whatnot Diner zur vorhergesagten Zeit hätte ihr ein Hinweis sein sollen, die »übliche« Apfeltasche, Erdbeere, wenn übermütig, ein unübersehbares Zeichen.
Furcht schraubte sich tief in sie hinein.
Sie wusste seinen Namen. Das milderte nicht ihren Schock, als er sagte: »Mein Name ist Maxwell David der Dritte, aber meine Freunde rufen mich bei meinem zweiten Vornamen. Jack.«
