9,99 €
Die Eifel in den 1980er Jahren: Das Dorf, in dem Adam mit seiner Familie lebt, hat seine besten Tage lange hinter sich. Des ländlichen Lebens überdrüssig sucht der Heranwachsende in diesem Sommer etwas Neues, ein Abenteuer, die erste Liebe, etwas, das ihn von der erdrückenden Spießigkeit seiner Heimat ablenkt. Auf seiner Suche stößt er auf ein verfallenes Fabrikgelände, das ihn auf morbide Art anzuziehen scheint – die »Sterbende Stadt«. Doch was er in dieser aufregenden Phase des Erwachsenwerdens zwischen neuen Bekannt- und Liebschaften nicht ahnt: Dieser Sommer wird seine Zukunft mehr prägen, als er es sich hätte vorstellen können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 437
Veröffentlichungsjahr: 2021
Uwe Appelbe
Sterbende Stadt
Ein Schauerroman
Sterbende Stadt
Uwe Appelbe
1. Auflage 2021
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.eifeler-literaturverlag.de
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Abbildungsnachweis (Umschlag):
https://pixabay.com/photos/forest-fog-the-way-of-nature-trees-3431003/
Duckbuch:
ISBN-10: 3-96123-015-3
ISBN-13: 978-3-96123-015-0
E-Book:
ISBN-10: 3-96123-026-9
ISBN-13: 978-3-96123-026-6
Der Fänger: Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?
Die Kinder: Niemand!
Der Fänger: Und wenn er kommt?
Die Kinder: Dann laufen wir eben!
Prolog
Adam sah den Schwarzen Mann zum ersten Mal an einem nassen, kalten Herbsttag. Die Erinnerung daran ist mit Regen, Schlamm und Schmutz verbunden. Es musste ein Tag in den Herbstferien gewesen sein. Die Kirmes war im Dorf und sein Bruder hatte Zeit, mit ihm zu spielen. Adam war noch ein kleiner Junge, der weder lesen noch schreiben konnte. Sein Bruder aber ging schon zur Schule und er sah den Schwarzen Mann auch.
Sie begegneten dem Schwarzen Mann in dem Waldstück, nahe den Bauernhöfen. Adams Bruder sollte nie wieder darüber reden. Er tat so, als wäre alles erfunden. Adam vermutete, dass sein Bruder nicht anders konnte. Der Bruder schob sich gerne die Dinge zurecht, er war leicht zu beeinflussen und schwach.
Adam aber wusste: Sie waren dem Schwarzen Mann begegnet.
Es war ein scheußlich nasser Tag gewesen. Das Wasser war förmlich vom Himmel gefallen und hatte Blätter, abgerissene Äste, Papier, Dreck und Zigarettenstummel die Straßen hinuntergespült und die Gullys überflutet. Auf den Straßen hatten tiefe Pfützen gestanden, kleine Seen, in denen einem das Wasser bis zu den Knöcheln reichte.
Die Dorfbewohner trauten sich nur eingepackt in wasserabweisenden Anoraks, Gummistiefeln und Mützen aus dem Haus. Selbst die Hunde liefen mit eingezogenem Schwanz durch die Straßen. Die Kinder pressten sich die Nase an den Fensterscheiben platt und hofften auf einen hellen Streifen am Himmel. Auch Adam und sein Bruder saßen den gesamten Vormittag am Fenster und starrten hinaus, fasziniert davon, wie viel Regen aus dem grauen Himmel stürzte. Doch dann wurde ihnen das Starren langweilig, und sie wollten endlich raus. Schließlich, nach langem Betteln und Quengeln, erlaubte es ihre Mutter, und sie zogen los, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Die großen Gummischuhe schlackerten lose um Adams Beine, und der Regen rann ungeniert an den Hosenbeinen hinunter, genau in die Lücke zwischen Stoff und Stiefelsaum. Schon nach wenigen Metern waren seine Füße pitschnass.
»Komm.« Sein Bruder stupste ihn an und zeigte auf die Wasserlache direkt vor der schicken Tür der Nachbarin. Von weitem nahmen sie Anlauf und sprangen in die Pfütze. Das Wasser spritzte an ihnen hoch und klatschte gegen die Haustür. Lachend rannte sein Bruder davon. Adam stolperte und hinter sich hörte er eine Frau schimpfen. Er traute sich nicht zurückzuschauen.
Der Obsthändler gegenüber der Kirche hatte seine Ware erst gar nicht hinausgestellt. Gelangweilt lehnte er in der Tür seines Ladens, kaute an einem Apfel und sah dem Regen zu. Zwei Frauen standen zusammengekauert unter dem Dach der gegenüberliegenden Bushaltestelle. Die Jüngere tippelte auf Zehenspitzen von einem Bein auf das andere und hoffte, dass ihre neuen hochhackigen Schuhe nicht voll Wasser liefen. Sie erkannte die beiden Kinder unter ihren großen Kapuzen und winkte ihnen fröhlich zu: »Ihr seid also auch nicht aus Zucker?«
Sein Bruder lachte und winkte zurück. Schon brauste der Linienbus an die Haltestelle und spritzte Regenwasser in alle Richtungen. Hinten, am Ende des roten Wagens, auf der vorletzten Bank, saß ihr Vater. Verblüfft rissen sie ihre Münder auf. Was machte er in dem Bus? Ihr Vater sah müde und traurig aus. Kam er von der Schicht in der nahen Fabrik und war auf dem Weg nach Hause? Er saß da, mit gesenktem Kopf, fast unbeweglich. Er blickte nicht hinaus, obwohl der Bruder nun mit den Armen ruderte und auf und nieder sprang.
»Papa!«, gellte es durch den Regen.
Eine junge Frau war eingestiegen und schlängelte sich von Fenster zu Fenster durch den Wagen. Sie setzte sich neben den Vater, der aufsah und sie anlächelte. Die Frau beugte sich vor und klopfte gegen die Scheibe. Die Kinder winkten zurück – doch es half nichts, der Wagen machte einen Ruck nach vorne und war wieder auf der Straße. Sie standen da und schauten dem Bus nach. Der Vater hatte sich nicht umgedreht.
»Wer war das?«, fragte Adam.
»Weiß nicht so genau, vielleicht eine Cousine«, sagte sein Bruder.
»Und Papa?«
»Was weiß ich?« Sein Bruder drehte sich um und trottete weiter durch den Regen.
Unten auf dem Marktplatz standen die verwaisten Karusselle und Schaubuden der Herbstkirmes. Zugeschnürt unter dickem Öltuch erinnerten sie an riesige, abgelegte Geschenke. Ein vergessenes Moped lag umgekippt neben der Raupenbahn, deren Fahnen und Wimpel vom tagelangen Sturm zerfranst waren. Eine einzelne Bude trotzte dem Unwetter und lockte mit Zuckerstangen und Lebkuchenherzen. Hinter der Auslage wartete geduldig eine ältere, mollige Frau. Sie hatte gelocktes blondes Haar und ein sanftes Lächeln für die Kinder. Auch sie lobte die beiden für ihren Mut, bei dem Wetter vor die Tür zu treten. Von ihrem Taschengeld kauften die Brüder zwei Lebkuchenherzen und bekamen jeder einen Lutscher geschenkt.
Sie bestaunten das fest vertäute Karussell, fanden, dass es wie ein geheimnisvoller Schatz aussah, und fragten sich, welch drehende Wunder, ob Pferde, ob Feuerwehrautos, sich hinter der dicken Plane verbargen. Fast glaubten sie die Orgel spielen zu hören.
Unerwartet tippte jemand seinem Bruder auf die Schulter. Eine Klassenkameradin hatte sich von hinten angeschlichen. Am Anfang schien sich der Bruder vor dem Mädchen zu schämen, vielleicht weil er mit ihm, dem Kleinen, unterwegs war. Doch das Mädchen war nett und schon bald lachten alle drei über ihre Witze. Sie erzählte die Geschichte von einem Frosch, der keinen Regen mochte und deshalb mit der Straßenbahn in den Süden fahren wollte. Sie trug einen hellblauen Regenmantel, daran konnte er sich später noch genau erinnern, doch ihren Namen sollte er schon bald vergessen haben. Auch würde er das Mädchen nie wiedersehen, obwohl er sich sicher war, dass der Schwarze Mann sie nicht mitgenommen hatte. Jedenfalls nicht an diesem regnerischen Herbsttag.
Nach dem Kirmesbesuch spielten sie Fangen, wobei es darauf ankam, so oft wie möglich durch die Pfützen zu rasen. Sie lachten und schrien und übertönten sogar den Wind und den Regen. Und dann, ganz plötzlich, brach die Sonne durch die Wolken, und für einen Augenblick wurde der Regen dünn wie Bindfäden, dann hörte er ganz auf. Auch der Wind verstummte.
Die drei streunten die Dorfstraßen entlang, sahen zu, wie die Dorfbewohner vor ihre Häuser traten und ungläubig in den blauen Himmel starrten. Schon rasten die ersten Kinder auf ihren Fahrrädern zur Kirmes. Schon erklang billiges Glockengeläut und schrilles Orgelspiel schallte durch die Gassen. Die Buden- und Karussellbesitzer hatten ihre Geschäfte eröffnet. Die Kinder blieben stehen, überlegten, ob sie wieder zurückgehen sollten, entschieden sich dagegen und trollten weiter die Straße entlang. Die Kirmes, nun kein Geheimnis mehr, konnte bis morgen warten.
Schließlich erreichten sie den Dorfrand und balancierten eine Zeit lang zwischen Häusern und offenen Wiesen. Ein Feldweg lockte die Brüder hinaus. Der Weg war schlammig und glitschig. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Sie sei nass genug, sagte sie und verabschiedete sich.
Der Bruder eilte voraus, und Adam hatte Probleme, mit ihm Schritt zu halten. Einmal blieb sein Stiefel im Schlamm stecken, und er rief seinem Bruder zu, er solle auf ihn warten. Adam setzte sich mitten in den Matsch und zog umständlich seinen Stiefel wieder an. Er war über und über mit Schlamm beschmiert. Selbst sein Gesicht war dreckig. Es dauerte eine Zeit, bis er es schaffte, seinen Bruder wieder einzuholen. Die Schlammspritzer in seinem Gesicht brachten ihn nicht zum Lachen – wie Adam gehofft hatte. Sein Bruder sah ihn nur an und zuckte mit den Schultern.
Stumm stapften sie weiter. Warum marschierten sie, trotz des Schlamms und der nassen Wege, in die Felder hinein? Warum redeten sie plötzlich nicht mehr miteinander? Bald schon zog sich der Himmel wieder zu und in der Ferne über den Hügeln und dem mächtigen Wald hingen dicke Regenwolken. Sie hätten umkehren sollen, dreckig und nass waren sie genug, und trotzdem taten sie es nicht. Stattdessen trotteten sie einfach weiter den Hügel hinauf.
Auf einmal war da Kindergeschrei und sie schauten auf, doch entdecken konnten sie niemanden. Sie hatten den Schusterberg erreicht, der nicht weit entfernt vom alten Hof direkt am Dorfrand lag. Im Winter war der Hügel mit seinem Hain und seinen abschüssigen Pisten ein Tummelplatz für rodelnde Kinder, doch jetzt, an diesem nasskalten Herbsttag ... Woher kamen die Kinderstimmen, und warum wunderten sie sich nicht darüber? Sie schlafwandelten fast über den Hügel, stumm und mit gesenkten Köpfen, als würden sie gezogen, und schließlich standen sie vor dichtem Dornengebüsch am Anfang des Wäldchens. Noch immer vernahmen sie die Rufe und das Gelächter der Kinder, doch diesmal schwächer und viel weiter weg. Ein einzelnes Lachen stach deutlich hervor, dann wurde es still. Sie schauten sich an, fragten sich, was sie hier machten. Krähen erhoben sich aus den Baumwipfeln und flogen schimpfend über sie hinweg.
»Ich fürchte mich«, sagte Adam und versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Sein Bruder knuffte ihn mit der Faust an die Schulter.
»Feigling.« Es half nichts, ihm liefen die Tränen die Wangen hinunter. Sein Bruder lachte. »Waren doch nur Vögel.«
Dann hörten sie das Knacken und Brechen von Zweigen und Ästen, als ob ein Tier, vielleicht ein Dachs, wütend durch das Unterholz stampfte. Vor Furcht riss er den Mund auf, brachte aber keinen Laut hervor. Er starrte das Dornengebüsch an, unfähig sich zu rühren. Irgendetwas Großes bewegte sich im Wald.
»Ist da jemand?« Sein Bruder machte einen Schritt vorwärts, äugte in das Dickicht hinein.
Adam wollte ihn zurückhalten, wollte dem Bruder sagen, er solle still sein, sie müssten weglaufen. Er ahnte, dass sie in großer Gefahr waren.
»Komm, lass uns gehen!«
Doch sein Bruder hörte nicht. Irgendein dummer, verborgener Stolz ließ ihn den Mutigen spielen. Warum drehte sich Jakob nicht einfach um, nahm die Beine unter die Arme und rannte mit ihm davon? Warum musste er beweisen, dass er, sein großer Bruder, keine Angst kannte? Es war doch egal, ob man ein Feigling war oder nicht. Es war besser wegzulaufen, als dass etwas Furchtbares passierte.
»Hallo?« Sein Bruder machte erneut einen Schritt, schob mit den Händen störende Äste zur Seite.
In diesem Moment schallte eine Stimme aus dem Wald, »Wer ruft mich?«, und hinter dem Gestrüpp erschien ein mächtiger Schatten, ein großer, dunkler Mann, schwarz, von Kopf bis Fuß, undeutlich, wie im schimmernden Sonnenlicht und das Gesicht vollkommen in Dunkelheit gehüllt. »Wer verlangt nach mir?«, wiederholte die Stimme, diesmal leiser, aber auch tiefer, als käme sie direkt aus der Erde.
Obwohl Adam am ganzen Körper zitterte, reagierte er zuerst und bekam ein leises, gebrochenes »Niemand« heraus.
»Wer nennt sich Niemand?«, krächzte die Stimme und Adam schüttelte entsetzt den Kopf. Sein Bruder jedoch ging neugierig, als würde er ein seltenes Tier beobachten, auf die Gestalt zu.
»Nicht, Jakob!«, rief Adam und im gleichen Augenblick, als käme der Ruf einer Einladung gleich, beugte sich der Schatten vor.
»Ach, du rufst mich, Jakob!«
Arme brachen durch die Zweige hindurch und schoben das Astwerk wie einen Vorhang auseinander. Der Schatten wuchs und drohte, sich als dunkle Wolke über seinem Bruder zu legen.
Adam schrie auf und rannte den Hügel hinunter, fiel hin, rappelte sich auf, fiel wieder hin, zog seine Stiefel aus, nahm sie in die Hände und lief auf Socken durch den Schlamm, weiter den Hügel hinunter, auf den Feldweg, hin zu den ersten Häusern des Dorfs.
Erst dort blieb er stehen; erst jetzt traute er sich zurückzuschauen. Sein Bruder kam den Hügel hinuntergelaufen. Über dem kleinen Wald zogen wieder die Krähen ihre Bahn. Sonst war nichts zu sehen.
Adam ließ sich auf den Boden plumpsen und schnappte nach Luft. Mit zitternden Händen begann er seine Gummistiefel anzuziehen. Wenig später stand Jakob schnaubend und keuchend vor ihm. Sein Bruder war bleich wie Schnee.
»Du hast ihm meinen Namen verraten!«
»Ich wollte es nicht«, sagte Adam und schaute verlegen zu Boden.
»Feigling!«, sagte sein Bruder und ging wütend die Straße hinunter.
Kurz bevor sie zu Hause ankamen, blieb sein Bruder stehen, beugte sich zu Adam hinunter und sprach mit erhobenem Zeigefinger: »Schwörst du, dass du nichts davon erzählst?«
Er hob die Hand.
»Ich schwöre.«
…
Die zweite Begegnung fand an einem klaren, kalten Wintertag statt. Adam war schon deutlich älter, ging seit einigen Jahren zur Schule. Diesmal war er alleine. Diesmal brachte er niemanden in Gefahr.
In der Nacht war Schnee gefallen, und am frühen Morgen fror es. Der Schnee wurde hart und knirschte unter den Schuhen. Es war der letzte Ferientag und Adam war früher als sonst wach geworden, so als hätte er gespürt, dass der Tag eine Überraschung für ihn bereithielt. Das Dorf, ruhend zwischen den zugeschneiten Hügeln, erinnerte mit seinen weißen Dachgiebeln an die Weihnachtskarten, die es im Schreibwarenladen unten am Markt zu kaufen gab. Von seinem Fenster aus konnte er den scheinbar endlosen Wald auf den umgrenzenden Hügeln sehen. Auf den Spitzen der Bäume lag der Schnee wie Gips. Darüber zogen dünne Wolken durch einen blauen Himmel. Aus den Schornsteinen stieg heller Rauch empor, senkrecht, wie gemalt. Es war noch früh am Morgen und über den Häusern lag eine Stille, wie er sie selten vernommen hatte.
Er konnte es kaum erwarten, seinen Schlitten aus dem Schuppen zu holen und das Abenteuer beginnen zu lassen. Der Morgen versprach unbekümmerten Winterspaß, Rodelfahrten und Schneeballschlachten und einen warmen Kakao am frühen Abend; doch tatsächlich wurde es der Tag, an dem er dem Schwarzen Mann erneut begegnen sollte.
Als er vor die Tür trat, stand sein Vater am Ende des Hofs und rauchte eine Zigarette. Die große Schaufel steckte neben ihm in einem Schneehaufen. Berge aus Pulverschnee türmten sich gegen die Hausmauer, deckten die Bank vor der Gartenmauer zu und reichten an der höchsten Stelle bis zum Küchenfenster. Ein freigeschaufelter Pfad führte zur Straße. Asche hatte sein Vater auf den Pfad gestreut und die weiße Pracht verwandelte sich dort in schmutziges Grau.
»Schon gefrühstückt?«
Seine Mutter hatte ihm noch schnell ein paar Brote eingepackt.
»Du wirst der Erste sein. Wo soll es denn hingehen?«
Raus aus dem Dorf, auf die andere Seite, wo der Wald direkt auf die Häuser stößt. Dort am Hügel zwischen den Bäumen lag die Piste – steil und vereist. Um dahin zu gelangen, musste er seinen Schlitten durch das ganze Dorf ziehen, aber der Weg lohnte sich. Es gab keine bessere Schlittenbahn.
»Pass auf dich auf.«
Er war doch kein Baby mehr.
Es dauerte lange, bis er den Hügel auf der anderen Seite des Dorfs erreicht hatte. Die Wege waren schneebedeckt, und bis zu den Knien versank er in der weißen Pracht. Oft blieb der Schlitten mit seiner Schnauze im Schnee stecken. Das Dorf schien eingefroren, wie in einem Märchen. Auf den Straßen standen Autos, unbeweglich, verschüttet unter einer hohen Schneeschicht und nur auf der großen Hauptstraße verrieten Reifenspuren, dass sich überhaupt jemand in den Wintertag hinausgetraut hatte. Hinter einzelnen Fenstern sah er Frauen oder Kinder, die in den Himmel blickten oder Dunstwolken auf die Scheiben hauchten. Die Bäckerei direkt hinter dem alten Herrenhaus hatte geöffnet, doch durch das große Schaufenster sah er keinen Kunden, und niemand stand hinter der Kasse. Kurz überlegte er, sein Taschengeld schon jetzt für eine Brezel zu opfern, doch er hielt sich zurück. Nach dem Rodeln würde sie noch besser schmecken.
Sicherlich war er nicht der Einzige. Der Tag war zu verlockend. Das Wetter war perfekt. Doch als er endlich das Ende der Straße erreicht hatte und hinter der letzten Gartenmauer in den Feldweg einbog, sah er keine Kinder. Auch war es verdächtig still. Sollte er wirklich der Erste sein? War es noch so früh? Hatten die anderen es nicht geschafft, sich gegen ihre Eltern durchzusetzen? Er war sich sicher, nicht mehr lange und der Hügel würde brummen von Kinderlärm wie ein Bienenstock in der Sommerwärme. Bis dahin konnte er die Piste alleine testen.
Der Feldweg verlief entlang der Wiesen hoch zum Wald und verschwand zwischen den Tannenbäumen. Schon hier unten war der Boden verheißungsvoll eben und glatt. Das dünne Rinnsal, das an dieser Stelle an die Oberfläche trat und dem Ort den Namen »Nasser Berg« gab, war über Nacht gefroren und bildete unter dem Schnee die ideale Grundlage für eine Rodelpiste. Oben im Wald, zwischen den Bäumen, war es bestimmt noch besser. Der Weg fiel steil ab und gab der Piste das nötige Gefälle. Zur Krönung erhob sich hier unten, wo der Wald den Weg freigab, eine kleine Kuppe und bildete die perfekte Sprungschanze. Man raste durch den Wald über eine vereiste Bahn, um am Ende förmlich ins Freie zu schießen. Das war keine Piste für Anfänger, kleine Kinder hatten hier nichts zu suchen, hier galt die hohe Kunst des Rodelns, und er spürte schon jetzt ein freudiges Kribbeln im Bauch.
Der Aufstieg war schwer und anstrengend und die erste Abfahrt enttäuschend. Noch war die oberste Schneeschicht zu locker und bremste den Schlitten aus. Statt über die Sprungschanze zu schießen, dümpelte er nur darüber. Doch nach zwei, drei Fahrten verbesserte sich die Bahn, der Schnee wurde fester, und schon bald würde die Piste bereit sein. Natürlich ginge es schneller, wenn er nicht alleine wäre, sondern zehn bis fünfzehn Kinder nacheinander herunterbrausten. Doch seltsamerweise ließ sich niemand blicken, dabei war es schon fast zehn Uhr. Wo blieben die anderen nur? Er lauschte, hoffte das Knirschen von Schritten zu hören. Nichts, nur das leichte Brausen des Windes, das Ächzen der Tannen unter der Last des Schnees – kein Kindergebrüll, noch nicht einmal das Brummen von Motoren. Als läge alles unter einem verschwiegenen Zauber.
Es war beruhigend, das Knirschen seiner eigenen Schritte zu hören, als er sich erneut auf den beschwerlichen Weg nach oben machte. Diesmal wurde er belohnt. Schon im Wald nahm der Schlitten Fahrt auf, und zum ersten Mal gelang ihm ein Absprung über die Schanze. Die nächsten Fahrten waren eine Freude, und begeistert schrie er auf, als der Schlitten über den Hügel brauste und die Kufen den Kontakt zum Boden verloren.
Nach weiteren sechs oder sieben Fahrten bekam er Hunger. Der klare Himmel zog sich langsam zu, und er spürte den kalten Schnee, der in seine Schuhe eingedrungen war. Er beschloss, noch eine weitere Fahrt, dann wollte er zurück nach Hause gehen. Vielleicht würde er am Nachmittag wiederkommen, bis dahin wären sicher auch die anderen da.
Diesmal ging er noch weiter in den Wald hinein, dorthin wo sich der Weg verjüngte und die schneebedeckten Äste ein fast undurchdringliches Dach bildeten. Die Schneedecke war hier sehr dünn und das Eis auf dem Boden glitzerte wie geschliffener Stein. Er hatte Schwierigkeiten, aufrecht zu stehen, und fast wäre ihm der Schlitten entglitten und alleine die Piste runtergerast.
Als er endlich auf dem Schlitten saß, hielt er sich mit ausgestreckten Armen an den Ästen der Bäume fest. Durch das dichte Gehölz drang kaum Sonnenlicht. Es war kalt, viel kälter als draußen auf dem Feld im hellen Tageslicht. Er musste die Schnauze des Schlittens genau ausrichten, damit er eine Chance hatte, die scharfe Kurve gleich am Anfang zu meistern.
Unvermittelt hörte er ein Bersten und Stampfen, nicht weit von ihm, einige Schritte tiefer im Wald, im engen Gehölz der Bäume. Als ob ein schweres Tier die Äste und Zweige mit Gewalt zerbrechen würde. Sein Vater hatte Wildschweine in diesem Teil des Waldes gesehen, aber die waren eigentlich viel zu scheu, um sich so nah an einen Menschen heranzutrauen. Es sei denn, sie hatten Hunger und überwanden ihre Furcht auf der Suche nach Futter. Das Krachen wurde schnell lauter und er bereute die Entscheidung, sich so tief in den Wald begeben zu haben. Die Tiere konnten gefährlich werden, wenn sie sich bedroht fühlten und er wollte ihnen lieber nicht begegnen.
Er stieß sich ab, doch ein scharfer Schmerz am Knöchel ließ ihn zusammenzucken. Der Schnürsenkel seines Schuhs hatten sich in einer Kufe verheddert und das Eisen war hart gegen seinen Fuß geschlagen. Fluchend beugte er sich vor, um sich zu befreien. Das Krachen und Stampfen hinter ihm wurde lauter. Was immer es war, es kam rasch näher. Mit den Zähnen zog er seinen Handschuh von den Fingern und es gelang ihm, den Schnürsenkel zu lösen. Hinter seinem Rücken brachen knirschend Äste auseinander und erschrocken drehte er sich um. Das war kein Tier! Es war groß und dunkel und es ging aufrecht; wie ein Mensch. Die dunkle Gestalt eilte zwischen den Bäumen auf ihn zu. Und dann rief sie nach ihm!
»Komm her!«, hallte eine hohle Stimme durch den Wald. Er schob seinen Schlitten an und schnell nahm er Fahrt auf. Er umschiffte eine Wurzel, stieß sich erneut mit den Füßen ab, raste den engen Pfad hinunter, legte sich flach auf das Holz, um dem Schatten zu entkommen. Brechend und krachend eilte die Gestalt neben ihm durch den Wald, keine drei Meter entfernt, mächtig und dunkel und doch elegant wie ein Luchs auf der Jagd. Adam erfasste Panik. Er schrie, strampelte und presste sich noch fester an seinen Schlitten. Dann kam das letzte Stück, die letzte Kurve kurz vor der Schanze, wo der Weg aus dem Wald heraustrat und längst hatte er die Kontrolle über seinen Schlitten verloren. Krachend brauste er ins Unterholz hinein. Äste und Zweige schnitten ihm ins Gesicht. Der Schlitten stürzte zur Seite und drückte ihn in den Schnee. Er sprang auf, kämpfte sich durch die engen Zweige, fiel förmlich aus den Büschen heraus und rutschte den Hügel hinunter. Er lief ein paar Schritte, stolperte und fiel auf den Rücken.
Er schnappte nach Luft. Da war der dunkle Schatten schon bei ihm und nahm ihm die Sicht. Eine mächtige Gestalt, die den Himmel verfinsterte. Dort, wo das Gesicht sein musste, war eine Schwärze, so tief und undurchdringlich wie das Meer. Er glaubte die Konturen eines uralten Männergesichts zu erahnen, mit bleichen Augen, tiefer Stirn und einem Mund wie ein Loch.
»Wie heißt du, mein Sohn?«
Er presste die Augen zusammen und schüttelte wild den Kopf, zappelte hin und her, um den Albdruck abzuschütteln, so wie man böse Träume abschüttelt und schrie laut: »Nein! Nein!«
So laut, dass er die Stimme der dunklen Gestalt nicht hören musste und dann, zwischen seinem eigenen Gebrüll, vernahm er – zuerst leise, dann klarer – Kindergelächter und das Knirschen von schweren Schuhen auf Schnee. Endlich, die anderen kamen! Endlich, er war nicht mehr alleine und schon wurde es heller und klarer um ihn.
Er öffnete die Augen. Über ihn spannte sich der graue Himmel des Wintertages. Vereinzelt purzelten Schneeflocken herunter und ließen sich sanft auf seinem Gesicht nieder. Sein Schlitten lag umgekippt einige Meter entfernt im Schnee. Die dunkle Gestalt war verschwunden. Er blieb flach auf dem Rücken liegen, die Augen weit geöffnet, starrte den fallenden Flocken entgegen und lauschte den Schritten und dem Gelächter der sich nähernden Kinder. Wie ein gefallener Engel lag er im Schnee und rührte sich nicht. Er ließ die Zeit verstreichen; sie würden ihn finden, würden sich über ihn lustig machen und ihm trotzdem die Hand reichen, um ihm hochzuhelfen. Unterdessen sollte der Schnee auf ihn fallen wie eine alte Decke. Er spürte, wie Kälte und Feuchtigkeit unter seine Kleidung krochen, atmete langsam und gleichmäßig und zwang sich, an die Menschen zu denken, die ihn liebten.
Er wusste, dass es eine dritte Begegnung geben würde. Er würde ihm wieder gegenüberstehen, an irgendeinem Tag bevor er alt genug war, seinen eigenen Weg zu gehen und diesem Dorf mit seinen Bewohnern und diesem Wald mit seinen Ungeheuern endgültig den Rücken zu kehren. Er konnte nur hoffen, dass er auch an diesem Tag die Kraft haben würde, seinen Namen nicht preiszugeben – sonst gab es kein Entkommen.
SOMMER
Erstes Kapitel
»Hast du gehört? Sie haben wieder eine Frau gefunden. Und wieder am Waldrand. Direkt hinter den Häusern. Die hat man auch so zugerichtet. An der Seite aufgeschnitten. Organe soll man ihr entnommen haben. Stell dir das mal vor! Die Tiere haben wohl schon an ihr genagt, so lange lag sie da schon. Stell dir das mal vor, so verloren im Wald und dann Futter für die wilden Viecher.«
»Sie brachten es heute Morgen im Radio.«
»Mein Gott, man traut sich gar nicht mehr allein nach draußen. Sie muss schon seit Tagen da gelegen haben. Sie war schon ganz schwarz.«
»Und wie alt war sie denn?«
»Noch ein ganz junges Ding. Vielleicht sogar unter zwanzig.«
»Haben sie einen Verdacht?«
»Ach, die! Die haben doch nie eine Ahnung.«
»Nein, die haben nie Ahnung, die wissen nicht, was man durchmacht, wenn so was geschieht. Die Ängste, die man aussteht. Da kann man vor Sorge gar nicht mehr schlafen. Man hat doch Angst um sein Leben und um die Kinder.«
»Schon das zweite Opfer und so zugerichtet. Das kann doch nur ein Chirurg oder so einer gewesen sein. Andere können das doch gar nicht. Das kann kein Mensch gewesen sein.«
»Nein, das war kein Mensch! Jedenfalls keiner wie du und ich.«
Die beiden Frauen schwiegen, versunken in der Vorstellung der bösen Tat. Über ihnen spannte der heiße Sommernachmittag einen blauen Himmel, perfekt wie eine Zirkuskuppel, in der dünne Wolken trieben. Ein Flugzeug, nicht mehr als ein kleines weißes Dreieck in der Ferne, hinterließ lautlos eine Spur. Ein schwarzer Vogel zog seine Kreise über den Dächern. Aufgeregtes Kindergeschrei hallte durch die Gassen der Siedlung. Irgendjemand hatte in seinem Garten ein Planschbecken aufgebaut.
Adam lehnte sich mit der Schulter gegen die Mauer und beobachtete, wie lange Schatten langsam über den warmen Asphalt wanderten. Ein schlanker roter Wagen zerschnitt den ersten Schatten, dann den zweiten.
Er dachte an das Meer und daran, wie sich die tiefhängende Sonne auf den Wellen spiegelte. Bald waren Schulferien. Ein gelber Kadett mit heruntergekurbelten Scheiben fuhr betont langsam die Straße herauf und ein Popsong schallte laut in die Nachmittagsstunden hinein. Adam erkannte das Lied sofort. Vor einigen Wochen hatte er im Fernsehen das Video gesehen. Ein neues Duo aus England. Eine Frau im Männeranzug mit kurzen roten Haaren hatte mit geballter Faust neben einem Globus gestanden und süße Träume beschworen. Davor hatte ein Typ mit Brille an einem Computer gesessen. Später tauchten von allen Seiten Kühe auf. Das Video war toll gewesen. Die ganze Schule hatte es gesehen. Er hatte natürlich behauptet, das Lied nicht zu mögen.
»Sachen, die in den Hitparaden gespielt werden, sind langweilig.«
Die Mädchen hatten genervt die Augen verdreht. Aber er war standhaft bei seiner Meinung geblieben. Er galt als verschroben, aber das war ihm egal.
Der Wagen war hinter der nächsten Kurve verschwunden und hatte den Song mitgenommen. Adam sang leise und falsch die Melodie vor sich hin.
»Sweet dreams are made of this.«
Die beiden Frauen setzten ihr Gespräch fort. Nach dem kurzen Schweigen war die Tote am Waldrand zu bloßem Tratsch verblasst und sie wandten sich dem Sonntagsbraten zu. Die Jüngere, die eine große Handtasche und, passend zur Jahreszeit, ein gelbes T-Shirt mit einer Palme trug, sagte, ihrem Mann sei es egal, was für ein Stück Fleisch ihm vorgesetzt würde.
»Hauptsache viel Soße.«
Die ältere Frau nickte und blickte auf ihre Armbanduhr. Der Bus hatte Verspätung.
»Sie haben die Fliegen vergessen«, sagte Adam.
»Was sagst du?«
Die ältere Frau schaute streng zu ihm herüber.
»Sie haben die Fliegen vergessen. Die Fliegen, die sich in großen, dicken Schwärmen über den Leichnam hergemacht haben. Es müssen Tausende gewesen sein. Davon haben Sie nichts erzählt.«
Die Frau schüttelte missbilligend den Kopf.
»Was geht bloß in euren Köpfen vor?«
Wieder schaute sie auf die Uhr. Die Jüngere fingerte ein besticktes Taschentuch aus der Handtasche und tupfte sich Schweiß von Stirn und Ausschnitt. Als sie seinen Blick bemerkte, hielt sie ertappt inne.
»Werd‘ erst mal erwachsen!« Schnappend schluckte die gelbe Handtasche das Taschentuch.
»Da hinten kommt der Bus.« Die ältere Frau trat einen Schritt vor und streckte überflüssigerweise den Arm aus. Adam schwitzte unter seinem Pullover. Er trat einige Schritte zurück und schob sich in den kühlen Schatten eines Hauseingangs. Seltsamerweise war die Tür nur angelehnt, als wäre jemand nur schnell zum Kiosk gegangen. Adam blickte in einen dunklen Flur mit brauner Blumentapete. Irgendwo im Inneren des Hauses lief gellend ein Fernseher. Es roch nach abgestandenem Kaffee und altem Fett. Vorsichtig öffnete er die Tür ein Stückchen weiter. An der Wand hing das Foto eines alten Mannes in schwarzer Bergmannstracht. Es war schon ganz vergilbt und die gedrungene Gestalt hielt eine Grubenlampe in der Hand. Im Hintergrund war der Förderturm der alten Zeche zu sehen, unangetastet, ohne Brandmale und herausgebrochene Mauerteile, so wie er vor dem großen Unglück, von dem die alten Dorfbewohner immer erzählten, ausgesehen haben musste.
Der Bus stoppte. Zischend öffneten sich die Türen. Er hörte das vielversprechende Klappern hochhackiger Schuhe. Jemand rief laut nach einem Kind, dann wurde es still und die Bustüren schlossen sich fauchend; der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Adam zog die Haustür bis auf einen dünnen Spalt wieder zu und drehte sich um. Die helle Sonne blendete ihn.
»Hallo, Adam!«
Sie stand direkt vor ihm. Sie trug hohe Sandalen, in denen sie ihn ein wenig überragte und ihr langes Haar hatte sie mit einem Gummiband zu einem Zopf gebunden. Sie war sehr schön, mit vollen Lippen, braunen Augen und einem Lächeln, das ihn sofort an weite offene Felder denken ließ. Er löste das Band und öffnete ihr dunkles Haar mit seinen gespreizten Fingern. Es fühlte sich weich an. Dann nahm er ihre Hand, so selbstverständlich, als würden sie sich schon lange kennen. Sie ließ es zu, und er verstand es als Versprechen.
»Willst du mich zur Begrüßung nicht küssen?«
Er zögerte, schaute sich verlegen um. Dann drückte er ihr hastig einen kurzen Kuss auf die Backe. Sie schaute enttäuscht.
»Nein, so geht das nicht«, protestierte sie, legte ihren Arm um seinen Nacken und zog ihn zu sich. Sie presste ihre Lippen lange und kräftig auf seine Wange und als sie sich wieder von ihm löste, griff er unwillkürlich nach der Stelle, wo sie ihn berührt hatte. Sie schmunzelte.
»Du bist ganz rot geworden.«
Danach gingen sie Hand in Hand die Straße hinunter und er spürte, wie sie seine Finger mit jedem Schritt inniger umschloss, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
»Was machen wir?«
Adam blickte sie an, zuckte mit den Schultern. Er brachte kein Wort heraus. Er konnte sie nur anschauen. Adam fürchtete, sie könnte sich in Luft auflösen, wenn er ein Wort sagte. Ihre Schönheit verbot jegliche Frage.
Er kannte noch nicht einmal ihren Nachnamen. Sie war erst seit vier Wochen auf der Schule. Alle Jungs fanden sie toll. Und ausgerechnet er, das Weichei, der Kerl, der sich noch nicht einmal traute, im Jugendheim richtig zu tanzen und noch nie mehr als ein Bier getrunken hatte, ging nun mit dem begehrtesten Mädchen der Schule Hand in Hand durch die Straßen des Dorfs. Adam war sich nicht sicher, ob er nur träumte. Vielleicht wachte er ja jeden Augenblick auf und fand sich in seinem Kinderzimmer im Bett wieder. Er biss sich kurz auf die Lippen. Nein, sie verschwand nicht, sie ging immer noch neben ihm her und hielt seine Hand.
In der Schule galt sie als die schöne Unbekannte. Eines Morgens hatte sie in der Tür zum Klassenraum gestanden, der Direktor neben ihr, wie immer verstockt und mit ernstem Blick. Sie wurde mit den Worten: »Ihr habt eine neue Mitschülerin, ich hoffe, ihr empfangt sie freundlich«, in den Raum geschoben. Es war der erste heiße Sommertag gewesen, sie trug ein kurzes, blau getupftes Kleid, und auf ihrer braun gebrannten Haut schimmerte hier und da ein Schweißtropfen. Adam hatte es genau sehen können, denn sie setzte sich auf den freien Platz in der Reihe vor ihm. Die anderen Mädchen hatten sofort über ihr Kleid getuschelt. Keines der Mädchen trug jemals ein Kleid oder einen Rock. Sie erschienen immer in Jeans, egal wie das Wetter war, und über den Bund baumelte immer ein Wollpullover – zumeist selbst gestrickt. Ganz selten, und auch nur wenn es wirklich heiß war, kam mal eines der Mädchen im T-Shirt. Es galt als spießig, sich schick zu machen.
Die einen erzählten, ihre Familie wäre aus Hamburg gekommen, die anderen berichteten von einer dramatischen Flucht aus der Zone. Sein Vater aber meinte, das mit der DDR wäre Quatsch.
»Das hätten die doch in den Nachrichten gebracht.«
Seine Mutter wusste, dass die Familie das leere Haus am Rand der Nachbargemeinde, nahe dem Fußballplatz, gekauft und dass der alte Besitzer sie dabei ordentlich über den Tisch gezogen hatte – »Eine richtige Bruchbude ist das!« Sein Bruder riet ihm, die Finger von ihr zu lassen.
»Die ist zu reif für dich. Kennst du überhaupt ihren Namen?«
»Sarah.«
»Lass die Finger von der – bei dem Namen! Die frisst dich mit Haut und Haaren.«
»Wir könnten in das Wäldchen gehen«, sagte er schließlich, »da gibt’s ein paar schöne Ecken. Vielleicht musst du deine Schuhe ausziehen, aber der Boden ist weich und angenehm.«
Auf keinen Fall wollte er Sarah mit nach Hause bringen. Die Gefahr, dass sein Bruder dumme Bemerkungen machte, war zu groß.
»Gerne«, sagte sie zu seiner Erleichterung und legte unvermittelt ihren Arm um seine Taille. Sie war nun unglaublich nahe. Adam musste auf seine Schritte achten.
Schweigend und eng umschlungen durchquerten sie die Siedlung mit den alten Arbeiterhäusern, den kleinen Gärten und angebauten Garagen. Ein Mann, ein Bekannter seines Vaters, mähte den Rasen, schaute auf und grüßte mit einem mürrischen Kopfnicken. Adam antwortete mit einem verstohlenen Hüsteln. Einige Häuser weiter entdeckten sie das Planschbecken mit den johlenden Kindern. Es stand vor einem imposanten Neubau mit langer Fensterfront und einem riesigen, quadratischen Vorgarten. Eine Frau im rot gestreiften Badeanzug auf einer Liege schaute den Kindern beim Spritzen und Planschen zu. Sie musste lächeln, als sie die beiden in sich versunken vorbeischlendern sah. Am Ende der Siedlung kam ein Hund aus einer Einfahrt geschossen und baute sich bellend vor ihnen auf. Ohne ihre Umarmung zu lockern, wechselten sie die Seite. Der Hund verstummte.
Die Straße endete an einem Schlagbaum. Dahinter führte ein Kiesweg weiter in den Wald hinein. Es war angenehm kühl. Die Sonne verschwand hinter den dicht gewachsenen Bäumen. Die Farben verloren ihre grellen Töne und alles war in mattes Grün getaucht. Das Kindergeschrei verklang. Mit jedem Schritt wurde es stiller um sie herum. In den Baumwipfeln verfing sich der Wind.
»Haben sie nicht hier die Leiche der Frau gefunden?«
»Nein, nicht hier«, sagte er, »etwas weiter runter, direkt am Weg zur alten Fabrik. Dort hat man sie gefunden. Sie lag unter einem Gebüsch. Aber keine Sorge, da kommen wir nicht vorbei.«
»Ach, bitte, du musst mir die Stelle zeigen!«
Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken. Er mochte die Gegend um die alte Fabrik nicht besonders, der Boden war schlammig und überall fand man verrostete Eisen- und Maschinenteile, die man dort hatte liegen lassen, seitdem an einem Freitagnachmittag der Betrieb eingestellt worden war. Außerdem gab es dort keine Lichtungen und kein kniehohes Gras wie auf der anderen Seite des Wäldchens. Man hatte eine schöne Aussicht über die hügelige Heide, und der Boden zwischen den verknöcherten Krüppelbuchen war angenehm weich. Der ideale Ort um sich ins Gras zu legen, die Wolken zu zählen und zuzuschauen, wie das Tageslicht langsam vom Blau des Abends verdrängt wurde.
»Später vielleicht«, sagte er und beschleunigte seinen Schritt.
»Ist dir der Pullover nicht zu warm?«
Natürlich, das Ding war viel zu heiß. Adam trug ihn nur, damit sie später eine Unterlage hatten. Mit einer Decke unter dem Arm hätte er albern ausgesehen.
»Komm, zieh ihn aus.« Sarah blieb vor ihm stehen und zerrte das grob gestrickte Ding über seinen Kopf. Hastig stopfte er sein loses T-Shirt in die Hose, während sie den Pullover musterte; ein unförmiges beigefarbenes Stück Stoff mit blauem Zickzack-Muster an Kragen und Saum.
»Verdammt hässlich, passt gar nicht zu so einem hübschen Kerl wie dir.«
Sie holte weit aus und warf den Pullover über seine Schulter, beugte sich vor und küsste ihn auf den Mund. Adam verlor den Boden unter den Füßen und über ihm fuhr der Wind den Bäumen ins Haar. Zwischen dem Kratzen und Ächzen der Äste und Zweige hörte er die zischelnde Stimme seines Bruders: »Die frisst dich mit Haut und Haaren.«
Trotzdem presste er sie an sich und erwiderte den Kuss. Es fühlte sich wunderbar an, gefressen zu werden.
Sie schlenderten vorbei an Spaziergängern mit ihren Hunden, vorbei an jungen Männern im Trainingsanzug, die schwitzend der neuen Joggingmode nachgingen, vorbei am Wasserturm und folgten schließlich einem schmalen Pfad, tiefer und tiefer in den Wald hinein. Sarah blieb stehen und zog ihre Sandalen aus. Mit einer Hand stützte sie sich auf seine Schulter und ihm fiel der dunkle runde Fleck in ihrem Nacken auf. Der Boden war mit weichem Moos bewachsen und ihre pink lackierten Zehennägel umschloss sattes Grün.
Sie redeten nicht, sondern lauschten dem Wind, der in leisen Böen durch die Bäume strich, um dann ganz zu verstummen. Sie wunderten sich, wie ruhig es war. Aus der Ferne drang das schnarrende Motorengeräusch einzelner Autos zu ihnen.
»Wie angenehm still du sein kannst«, sagte sie. Sie gab ihm einen langen Kuss, den dritten an diesem Tag, und diesmal lag in ihrer Berührung ein ernstes Begehren. Er war erschrocken, wie tief dieses Verlangen war. Über ihnen stoben Vögel aus den Baumwipfeln und als Sarah überrascht aufblickte und sich reckte, gab ihr T-Shirt ein Stück Bauch frei und er berührte sie dort, wie aus Versehen. Ihre Haut fühlte sich heiß an. Er versuchte ihr in die Augen zu schauen, doch sie wich seinem Blick aus und löste sich von ihm.
»Wir müssten bald an der anderen Seite des Waldes sein«, sagte er. Nun ging sie voraus und direkt vor ihr, nur noch einige Meter entfernt, sah er schon den Waldrand.
Dahinter lag die Heide. Zwischen Gestrüpp und kleinen Baumgruppen wuchs hohes Gras wie Schilf. Sie schauten in ein kleines Tal mit Äckern, Wiesen und Obstgärten. Am Ende eines lang geschlängelten Wegs lag ein Hof, recht groß, mit mehreren Stallungen. Ein Traktor näherte sich ratternd der Toreinfahrt. Einige Pferde galoppierten auf einer abgezäunten Weide um die Wette. Auf dem gegenüberliegenden Hügelkamm stand eine Reihe Birken, schlank und grazil.
Ausgelassen lief Sarah in das kniehohe Gras hinein. Überall gab es ausladende Mulden, als befänden sie sich auf einer Düne am Meer. Sarah nahm Anlauf und sprang mit hochgerissenen Armen in eine der Vertiefungen.
»Toll, wie am Strand!«, rief sie.
»Das ist aufgeschüttetes Land«, sagte Adam, »dort hinten ist eine Kiesgrube. Die Erde haben sie hierhergebracht und später dann den Wald gepflanzt. Doch der wollte nicht so recht wachsen und die Bäume blieben alle klein.«
»Es fühlt sich an, als würde man über Sand gehen, so sanft ist der Boden. Was für ein schönes, vergessenes Stück Erde.«
»Ich komme oft hierher, wenn ich allein sein möchte. Hier ist man ungestört.«
Adam setze sich neben sie in die Mulde und breitete seinen Pullover auf dem Boden aus.
»Bist du oft allein?«
Adam fuhr über die feinen Spitzen des Grases. Es kitzelte auf der Haut.
»Weiß nicht genau«, sagte er, »und du?«
»Ganz selten.« Sie lachte, und er fand, sie lachte wunderbar. »Wir sind halt eine große Familie, ich habe zwei ältere Stiefbrüder.«
»Stiefbrüder? Das klingt ja wie im Märchen.«
»Ja, toll, nicht wahr?«, sagte sie. »Helmut und Herbert sind die Söhne meines Vaters aus seiner ersten Ehe. Sie wohnen auch bei uns. Ihre Mutter ist abgehauen – irgendwo nach Marokko. Sie sind beide über zwanzig; mein Vater, also mein Stiefvater, ist viel älter als meine Mutter.«
»Und dein richtiger Vater?«
»Den kenne ich nicht. Ist auch abgehauen, kurz nach meiner Geburt – vielleicht auch nach Marokko. Wäre ja lustig. Aber egal, der fehlt in unserem Haus nicht. Irgendwie ist immer einer da, dauernd bringen H & H – also so nenne ich meine Stiefbrüder – jedenfalls bringen die dauernd neue Freunde und Mädchen ins Haus. Die beiden haben es faustdick hinter den Ohren. Ständig haben sie neue Freundinnen. Auch spielen beide Fußball im Verein. Die anderen Fußballer sind auch oft bei uns.«
»Fußball ist nur was für Idioten.« Adam war sich mit seinen Freunden einig. Es war absolut bescheuert, dass elf erwachsene Männer einem Ball nachliefen und die Bundesliga war überhaupt nur ein großes, korruptes Geschäft. Wer sich dafür begeisterte, war selber korrupt.
»Blödsinn«, sie stupste ihn in den Bauch, »ich hoffe, du bist nicht so ein Hirngesteuerter, der nur liest und sich nicht vor die Tür traut. Sport macht Spaß. Ich mache Aerobic, nach Jane Fonda. Die kennst du doch? Und die Typen vom Fußballverein sind nett. Sie kommen oft samstagnachmittags nach dem Spiel vorbei. Ich find’s schön, dass bei uns ständig was los ist. Alleinsein ist langweilig. Hast du denn keine Geschwister?«
»Einen älteren Bruder, aber der ist selten zu Hause.«
»Und Freunde?«
»Nicht viele; da gibt es Kai und noch ein paar Jungs. Wir sind ’ne kleine Clique. Treffen uns immer am Kriegerdenkmal, nach der Schule. Stimmt – vielleicht sind wir hirngesteuert. Besonders Kai, der liest viel und redet viel von Politik. Er will mal Philosophie studieren.«
»Und die Mädchen?« Sie dehnte das Wort in die Länge und rollte mit den Augen. Er lächelte. Sie sah lustig aus.
»Ich schätze, die meisten finden mich langweilig.«
Darüber wollte er nicht reden. Tatsächlich hatte es mit den Mädchen noch nie geklappt, obwohl einige aus seiner Klasse offenbar fanden, dass er gut aussah. Hatte er jedenfalls bei der letzten Klassenfahrt mitbekommen. Aber irgendwie war es schwierig mit den Mädchen. Da gab es noch Charlotte, aber die war älter als er und hatte einen festen Freund. Aber von Charlotte wollte er jetzt nicht reden.
Adam zupfte einen Grashalm aus der Erde und fuhr ihr damit durchs Gesicht. Sarah rümpfte die Nase.
»Sei nicht albern. Wir sind doch keine Kinder mehr …« Sie zog ihn zu sich und küsste ihn. Dann ließ sie sich mit einem Seufzen auf seinen Pullover fallen und schaute in den Himmel. Er legte sich neben sie. Dünne Wolkenfetzen trieben durch ein strahlendes Blau, das langsam dunkler wurde. Adam zeigte in das Blau hinein, doch sie unterbrach ihn: »Wir sind doch nicht hierhergekommen, um Wolken zu zählen, oder?« Er ließ den Arm fallen.
»Die wollen hier eine Straße bauen, dann wäre alles verloren und wir könnten uns nicht mehr hier treffen«, sagte er.
»Ist doch egal, das wird ja noch was dauern«, antwortete sie.
Adam richtete sich auf.
»Schau mal, sie bringen die Pferde in den Stall.«
Sie blieb liegen.
»Du kannst mich ruhig anfassen«, sagte sie, »ich melde mich schon, wenn es mir zu viel wird.«
Vorsichtig tastete sich seine Hand unter ihr T-Shirt. Ihr Bauch war heiß und schwitzig. Er fand ihren Bauchnabel, eine kleine, weiche Mulde, in der sich einzelne Flusen verfangen hatten.
»Was für Musik magst du?«
»Weiß nicht genau, alles, wozu man tanzen kann«, sagte sie. »Ist das denn wichtig?«
»Ich tanze nicht«, sagte er. Dann spürte er ihre Finger unter seinem Hemd.
Die Bäume hatten sich in graue Schatten verwandelt, als sie beschlossen zurückzugehen. Sarah deutete auf die ersten Sterne direkt über ihnen.
»Stimmt es, dass sie schon längst erloschen sind?«
»Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.« Adam versuchte, ihre Hand zu ergreifen, doch sie wich ihm mit einer tänzelnden Bewegung aus, lief einige Schritte voraus und wirbelte mit ausgestreckten Armen im Kreis herum. Im Abendlicht verwandelte sie sich in eine dünne Silhouette, die zwischen den verkrüppelten Buchen hin und her tanzte.
»Mein Gott, schau mal!«, rief sie plötzlich. Sie zeigte hinüber Richtung Hof. Dort, über den Birken, die brav in einer Reihe standen, hing ein gelber Vollmond, satt und schwer, wie ein riesiger alter Männerkopf. Das letzte Sonnenlicht umgab ihn mit einem rötlichen Kranz.
»The last that ever she saw him, carried away by a moonlight shadow«, summte sie und drehte sich weiter im Kreis.
Adam stocherte mit den Füßen in einem Grasbüschel.
»Was schaust du so betrübt?«, sagte sie, kam ihm entgegen und hakte sich unter. »Sind wir nicht ein Liebespaar?«
Der Weg zurück durch den Wald war schwierig und holprig. Sie stolperte über eine Wurzel und wäre beinahe gefallen. Sie suchte seine Hand, ließ sich durch das Dickicht führen.
Erst hier fand er seine Stimme wieder: »Ich hab mich blöd angestellt.«
»Kann es sein, dass ich deine erste Freundin bin?«
Er zuckte die Schultern, murmelte ein leises »Vielleicht« und suchte den Pfad zwischen den Bäumen.
»Komm, führ mich schnell hier raus, ich finde es unheimlich, so abends im Wald«, sagte sie und klang tatsächlich ein wenig ängstlich.
Der große Schatten des Wasserturms erschien zwischen den Bäumen und auf den breiten Kiesweg dahinter fiel das helle Licht des Mondes. Erleichtert preschte sie durch das dünne Astwerk und sprang mit einem Satz auf den Weg. Sie wartete nicht auf ihn, sondern eilte in großen Schritten voran. Als er sie nach einigen Metern einholte, legte er seinen Arm um ihre Schulter. Gemeinsam gingen sie weiter. Sie kreuzte ihre Arme über der Brust.
»Mir ist kalt, kann ich deinen Pullover haben?«
»Oh, nein«, erschrocken blieb er stehen, »wir haben das Ding vergessen, wir müssen zurück.«
»Niemals, du bringst mich nicht dazu, durch die Dunkelheit zurückzugehen. Außerdem muss ich nach Hause. Wie weit ist es noch bis zur Bushaltestelle?«
Plötzlich hatte er Angst, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte.
»Glaubst du daran, dass man füreinander geschaffen sein kann?«
Sie blickte ihn verwundert an.
»Nun mal halblang; ich mag dich, du bist ein hübscher Kerl, und wir werden uns wiedersehen.«
»Nur mögen?«
Jetzt lachte sie und er fand, im Abendlicht, hier alleine mitten im Wald, erinnerte ihr Lachen an das einer Kinoschönheit oder eines anderen unbekannten, wunderbaren Wesens.
»Hab ich dir nicht eben gesagt, dass wir ein Liebespaar sind?«
Er nickte, als hätte er erst jetzt verstanden.
»Stimmt«, sagte er und lachte ebenfalls, wenn auch nur kurz und gezwungen.
»Na also, was willst du mehr?«, sagte sie.
Wenige Minuten später ließ das Licht der Straßenlaternen seine Sorgen verblassen. Sie war wieder das hübscheste Mädchen der Welt und er der glücklichste Junge der Welt. Voller Stolz ging er neben ihr her. Sie summte immer noch dieses blöde Lied über den Mond vor sich hin, doch das war egal. Sie hatte gesagt, sie seien ein Liebespaar und während sie an der Bushaltestelle warteten, eng beieinander, spazierten ihre Finger seinen Unterarm auf und ab.
»Noch vier Tage, dann sind endlich Ferien. Fahrt ihr weg?«
»Nein«, sagte er, »ich wollte nicht.«
Niemals hätte er zugegeben, dass sie seit dem Bau ihres neuen Hauses nicht genug Geld hatten, um in den Urlaub zu fahren.
»Und deine Eltern halten sich daran? Das find ich wirklich toll. Wir fahren in den letzten beiden Ferienwochen zu meinem Onkel. Wir fahren immer zu meinem Onkel. Außerdem sagen meine Eltern, dass Urlaubsreisen reine Geldverschwendung sind. Also, die ersten vier Wochen bin ich hier.«
»Und das heißt?«
»Das heißt, dass wir uns ganz oft sehen können. Aber nur, wenn du willst.«
Natürlich wollte er, was für eine dumme Frage.
»Wie machen wir es in der Schule?«
Sie schaute nachdenklich.
»Wie meinst du das?«
»Ich glaube, es ist besser, wir tun in der Schule so, als wären wir nicht zusammen. Die anderen zerreißen sich doch nur das Maul.«
Er nickte.
»Vielleicht hast du Recht.«
Das entfernte Brummen des Busses kündigte an, dass sie sich jetzt trennen mussten. Sie überschüttete ihn mit flüchtigen Küssen.
»Beim nächsten Mal kommst du zu mir, einverstanden?«
Viel zu schnell war der Wagen da, viel zu schnell öffneten sich die Türen mit einem Zischen.
»Einverstanden?«
»Ja, ja«, sagte er und gab ihr einen letzten Kuss auf den Mund.
Sie hüpfte in den Bus, eilte nach hinten und setzte sich auf die letzte Bank, wo er sie sehen konnte. Sie warf ihm durch die Scheibe Luftküsse zu und er antwortete mit heftigem Winken. Dann verschwand der Bus hinter der Biegung und ihm fiel ein, dass er immer noch nicht ihren Nachnamen kannte.
Adam schaute auf die Uhr. Es war kurz nach neun und noch gab es einen Rest Tageslicht. Eigentlich war der Weg nicht weit. Er hatte noch Zeit, seinen Pullover zu holen. Zurück nach Hause wollte er sowieso nicht. Im Wohnzimmer würde der Fernseher laufen, obwohl niemand hinschaute. Heute war Mittwoch, da war sein Bruder zu Hause und lag bestimmt gelangweilt auf der Couch. Alle wussten, dass er mit Sarah verabredet gewesen war. Alle würden ihn mit Fragen quälen. Besser später heimgehen – in einer Stunde wäre zumindest seine Mutter schon im Bett.
Die Siedlung schien menschenleer. In ihrer Gedrungenheit erinnerten die Häuser an kompakte Gefängnisse. Bei den meisten waren die Rollläden heruntergelassen, und nur hinter einigen Fenstern schimmerte bläuliches Licht. Die Siedlungskinder waren schon vor Stunden hineingerufen worden. Vergessene Bälle, eine Kinderschaufel und eine Badekappe warteten auf den nächsten Tag. Im Planschbecken schaukelte eine gelbe Plastikente auf dem schwarzen Wasser. Davor lag ein Handtuch. Am Gartentor des letzten Hauses schlug ein Hund Alarm. Eine Lampe flammte auf und tauchte den Vorgarten samt Gartenzwergen in helles Licht. Die Haustür öffnete sich einen Spalt, ein Gesicht erschien – nur für einen Moment, unmöglich zu sagen, ob Mann oder Frau – und ein kurzer Pfiff ertönte. Das Tier reagierte sofort und war mit wenigen Sätzen im Haus. Die Tür schloss sich mit einem lauten Schlag und das Licht erlosch. Adam trat in die Dunkelheit zwischen den Bäumen.
Der Wald, still und unbewegt, hatte im weißen Licht der Nacht seinen eigenen Zauber, die Luft war angenehm warm und fühlte sich an wie Samt. Oder war es nur die Erinnerung an ihre Berührung? Seine Finger dufteten nach ihrem Haar und auf seinen Lippen fand er die Erinnerung an ihre Küsse. Adam fuhr mit der Zungenspitze über seine Lippen, so wie Kinder es tun, nachdem sie ein leckeres Marmeladenbrot gegessen haben. Ein Lachen, ein lautes, weltumspannendes Lachen brach aus ihm heraus und mit ausgebreiteten Armen lief er in den Wald hinein, als würde er sich in einen See stürzen.
Über der Heide hing der tief stehende Mond nun in seiner vollen Pracht. Das gesamte Tal war in warmes Licht gegossen. Adam kam es vor, als könnte er die Sommernacht trinken. Er sprang vergnügt über die Wurzeln, tanzte einen Walzer mit sich selbst und sang laut und falsch in gebrochenem Englisch: »The last that ever she saw him, carried away by a moonlight shadow.« Immer wieder, bis er ganz außer Atem war. Schließlich lehnte er sich gegen einen Baum. Hieß es nicht, dass man vor Liebe trunken sein konnte? Auf dem Hügelkamm sah er zwei Spaziergänger, hochgewachsene Gestalten mit einem Hund, und unten, direkt vor dem Bauernhof, stand jemand und rauchte eine Zigarette. Deutlich konnte er das Glimmen sehen, ein kleiner roter Punkt in der Nacht.
Sarah hatte recht – was für ein schönes, vergessenes Stück Erde! So hatte es seine Geliebte genannt. Er konnte es kaum fassen: Er hatte eine Geliebte! Nein, keine Freundin. Eine Freundin hat man im Kindergarten. Er war jedoch kein Kind mehr. Sie hatte gesagt, sie seien ein Liebespaar, obwohl er sich so ungeschickt angestellt hatte. Er war nun einmal zu aufgeregt gewesen. Sie hatte bestimmt Verständnis dafür, schließlich hatte sie mehr Erfahrung in solchen Dingen. Zwar hatte er schon vorher Mädchen geküsst, aber nie so innig und zärtlich wie Sarah. Sie hatte sogar zugelassen, dass er ihre Brust berühren durfte, wenn auch nur durch den Büstenhalter. Da war es dann passiert. Er hatte sich einfach nicht unter Kontrolle gehabt. Sie war einfach zu schön!
Sein Pullover lag in der Mulde, in der sie auf dem Rücken liegend die ungezählten Wolken über sich hinweg hatten treiben lassen. Als er ihn aufhob, kullerte etwas zu Boden. Es dauerte einige Zeit, bis er das Ding im hohen Gras gefunden hatte. Es war ein Armband, dünn und golden, mit roten Steinen als Verzierung. Er konnte sich nicht erinnern, dass Sarah ein Armband getragen hatte. Sie musste es ausgezogen haben, bevor sie sein Hemd aufknöpfte. Ihre erste Berührung war ihm noch ganz gegenwärtig. Da war kein störendes kühles Metall gewesen.
Adam steckte das Armband in seine Hosentasche. Ihr Schmuck lediglich durch eine dünne Schicht Stoff von seiner Haut getrennt.
»Reiß dich zusammen, Adam, sonst verlierst du den Verstand«, sagte er laut in die Nacht hinein und musste erneut lachen.
Die Zeit verstrich, und er vergaß weiterzugehen. Er stand an einen Baum gelehnt und dachte an sie, an das, was sie gesagt hatte, an ihre Bewegungen und an ihre Küsse. Irgendwo krächzte ein Vogel und von ganz weit entfernt, sicherlich aus einer anderen Welt, kam das gleichmäßige Brummen eines fahrenden Autos. Am Horizont blitzte Scheinwerferlicht auf; kurz, einmal und noch einmal. Hinter dem Hügel musste ein Leuchtturm stehen, und jetzt, spät am Abend, war der Leuchtturmwärter die Stufen der endlosen Wendeltreppe hinaufgestiegen, um das Leuchtfeuer zu
