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True Crime: Mysteriöse Morde. Skrupellose Täter. Die spektakulärsten Fälle aus dem erfolgreichen Magazin STERN CRIME!
Es gibt sie jedes Jahr: Kriminalverbrechen, die trotz monatelanger polizeilicher Ermittlungen für immer ungelöst bleiben. Das Verschwinden von Frauke Liebs in Paderborn 2006 war ein solcher Fall. Sieben Tage lang sendete sie ihrer Familie verstörende Lebenszeichen per SMS – dann herrschte Stille. Wenige Wochen später wurde ihre Leiche gefunden.
Und es gibt Fälle, die so unglaublich sind, dass sie den Ermittlern und der Bevölkerung auf ewig im Gedächtnis bleiben: wie der Fall Estibaliz C. aus dem Jahr 2011. In einem Wiener Kellerabteil fand man zufällig eine Damenhandtasche mit einer Pistole und sonderbare Behältnisse – mit verwesendem Inhalt. Beim Abtransport der männlichen Leichenteile mussten die Sargträger mehrmals gehen. Der Kellerfund zeigte Estibaliz‘ Methode, einen Schlussstrich unter gescheiterte Beziehungen zu ziehen.
Nichts ist unfassbarer und schockierender als wahre Verbrechen. Manche von ihnen konnten aufgeklärt werden, andere bleiben vermutlich für immer ein Rätsel. Dieses Buch versammelt die 16 spektakulärsten Fälle im deutschsprachigen Raum aus dem beliebten Magazin STERN CRIME – darunter auch der Fall von Frauke Liebs aus der Fernseh-Doku.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2021
Giuseppe Di Grazia wurde in Catania, Italien, geboren. Er arbeitet seit dem Jahr 2000 für den stern: Von 2007 bis 2013 war er als Amerika-Korrespondent in New York und von 2014 bis 2018 als stellvertretender Chefredakteur tätig. 2015 entwickelte er das True-Crime-Magazin stern Crime, dessen Redaktionsleiter er seitdem ist. 2010 gewann er mit zwei weiteren Kollegen den Henri-Nannen-Preis in der Sparte Dokumentation. Der Kriminalfall, der ihn bis heute am meisten beschäftigt, ist der des Long-Island-Killers, zu dem er während seiner Zeit in New York viel recherchierte und der bis heute nicht aufgeklärt ist.
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Giuseppe di Grazia (Hrsg.)
sternCrime
WAHRE
VERBRECHEN
16
spektakuläre
Fälle
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Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: bürosüd, München
Umschlagmotiv: www.buerosued.de
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-28244-8V002
www.penguin-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Der Mittagsmörder
Die Witwe
145 Tage
In seinen Fängen
Floreana
Todesspiel
Unheil
Das Folterschiff
Jochen, »meine große Stütze«
Die Eine/Die Andere
Es gibt ihn nicht mehr
hilf!
Wie Silvia verschwand
Der Trieb
Schneemann
»Komm doch wieder«
Vorwort
Wahre Verbrechen haben den stern schon immer bewegt. Geschichten über Opfer und Täter, über Recht und Gerechtigkeit gehören seit Jahrzehnten zur DNA unseres Magazins. 2015 gründeten wir stern Crime, damit wir uns mehr Zeit und Raum nehmen können, als dies im stern möglich wäre, um diese Geschichten ausführlich zu erzählen, um viele Fragen zu stellen, um viele Antworten zu suchen.
Kriminalfälle interessieren, ja faszinieren die Leserinnen und Leser, diese Geschichten lassen sie und auch uns oft nicht los. Wir interessieren uns für das, was geschah, für die Vorgeschichte und die Motive, wir interessieren uns für die Menschen, die darin verwickelt sind. Wir wollen wissen, warum es zu den Verbrechen kam und wie sie aufgeklärt wurden. Ihre Gewalt stößt uns ab, ihre Opfer wecken unser Mitgefühl, die Täter manchmal auch.
Das Böse, das Abweichende ist unheimlich, manchmal auch tatsächlich bedrohlich, aber genau das treibt uns an, es erklärbar zu machen. Warum zum Beispiel sind manche Frauen und Männer imstande zu morden, einfach nur aus Verlangen, ohne jegliche Hemmung, ganz frei von Schuldgefühlen?
Unsere Autorinnen und Autoren begegnen auf ihren Recherchen oft Kriminalpsychologen und Gutachtern, die sich mit dieser Frage befassen. Die Wissenschaftler sprechen nicht von Dämonen, Monstern und auch nicht vom »Bösen«, sondern von frühkindlichen Störungen und dysfunktionalen Hirnregionen. Jedes Mal aufs Neue hat diese Perspektive auf das Abnorme etwas Erhellendes, und dennoch bleibt es verstörend.
Ermittler und Spezialisten helfen uns, das auf den ersten Blick Unbegreifliche begreiflich zu machen. Nur wer untersucht, nachforscht und nachfragt, sich auf die Taten und die betroffenen Menschen einlässt, kann Kriminalfälle richtig verstehen, sodass mehr bleibt als das Empfinden von Unerklärlichkeit.
In einer unserer Geschichten erzählen wir zum Beispiel von einem der brutalsten Verbrecher Deutschlands mit genau diesem nüchternen Blick des Forschers. Der Psychiater Norbert Nedopil hat den Serienmörder Volker Eckert in langen Gesprächen exploriert. Die Begegnung zwischen Professor und Mörder ist eine spannende Ermittlung, an deren Beginn nicht die Frage steht, wer der Mörder ist, sondern warum dieser Mann zum Mörder wurde. Sie ist eine Spurensuche im Gehirn eines Menschen, dessen Motive pervers und dessen Taten schrecklich sind. Und für die es dennoch eine Erklärung gibt.
Manche unserer Geschichten sind längst nicht zu Ende, wenn die eigentliche Tat vorbei ist. Manche verfolgen uns, über Monate, manche jahrelang. Wie der Fall »Mirco«, die Geschichte eines verschwundenen Kindes, die Geschichte einer quälend langen Suche, die Geschichte einer Ermittlung. 145 Tage dauerte sie, wir haben sie mithilfe der Polizei rekonstruiert.
Verbrechen berühren etwas ganz tief in uns, weil sie Grenzerfahrungen sind. Bei einigen Fällen fragen wir uns, wie wir selbst gehandelt hätten. Es gibt nicht so etwas wie ein Verbrecher-Gen, zum Täter kann jeder von uns werden, in jedem braven Inneren gibt es unvermutete Abgründe.
Wenn ein Verbrechen geschieht, wird immer auch Vertrauen zerstört. Das Vertrauen darauf, dass die Menschen gut sind. Dass wir in unserer Gesellschaft sicher sind. Oder dass unser Leben nicht von einem Moment auf den anderen ins Chaos gestürzt wird. Zwar wissen wir im Grunde, dass das Gefühl der Sicherheit nur eine Illusion ist. Aber wir brauchen sie, damit wir uns nicht ohnmächtig dem Schicksal ausgeliefert fühlen.
Unsere Autorinnen und Autoren treffen immer wieder Gesprächspartner, denen diese Illusion genommen und deren Vertrauen zerstört wurde. Sei es, weil ihnen selbst ein Verbrechen widerfahren ist oder weil sie durch ein Verbrechen jemanden verloren haben. Manchen von ihnen gelingt es, zu trauern und zu akzeptieren, manche erstarren, manche verzweifeln, andere werden rastlos, sogar rasend. Eines haben sie aber meist gemein: Das zerstörte Vertrauen lässt sich nicht mehr komplett reparieren. Die Familie und Freunde der 2006 ermordeten Frauke Liebs haben uns solche Einblicke in mehreren Gesprächen gewährt.
Es gibt allerdings etwas, das das Leiden in solchen Fällen ein wenig lindern kann: Gerechtigkeit. Die Gewissheit, dass der Mensch, der ihnen das angetan hat, nicht ungestraft davonkommt. Wir haben Regeln, wenn es um Fragen wie Schuld und Strafe geht. Auch wenn es dabei für uns kaum auszuhalten ist, dass zwischen Recht und Gerechtigkeit manchmal ein Gegensatz besteht, obwohl wir wissen müssten, dass es Gerechtigkeit nicht immer geben kann.
Der Gerichtsprozess ist nur eine Art, wie wir mit Verbrechen umgehen. Moral und Religion sind andere. Und auch journalistische Geschichten darüber gehören dazu. Diese dürfen erzählt werden. Sie dürfen uns erschrecken, sie dürfen uns nachdenklich machen, zornig, einsichtig, sie dürfen uns auch unterhalten. Sie erzählen viel über uns selbst. Für uns Anlass, 16 unserer besten Texte nun in unserem ersten stern-Crime-Buch zu veröffentlichen.
Giuseppe di Grazia,
Redaktionsleiter von stern Crime
Der Mittagsmörder
Er überfällt Banken und Geschäfte, immer zur gleichen Zeit. Die Menschen fürchten ihn, denn er tötet, ohne zu zögern. Er muss dafür büßen, länger als jeder andere
von FELIXHUTT
Nach neunundvierzig Jahren, acht Monaten und fünfundzwanzig Tagen im Gefängnis darf Klaus G. gehen. Es ist der 26. Februar 2015, acht Uhr morgens. Reif liegt auf den Feldern um die JVA Straubing. G. ist vierundsiebzig Jahre alt, er hat weiße Haare, hört schlecht und braucht eine Brille. Mit dem jungen Mann, der die einhundert Meter unter zwölf Sekunden sprinten konnte, hat er nichts mehr gemein. Mit dem Mörder will er nichts mehr gemein haben.
»Ich habe für meine Schuld bezahlt«, sagt er, »aber dreißig Jahre Knast hätten auch gereicht.«
Kein Häftling in Deutschland saß länger ununterbrochen ein und kam frei. Wenn G. von seinem Rekord erzählt, klingt er stolz. Es ist das erste Mal, dass er mit einem Journalisten über sein Leben redet. Er will es erklären, aber ihm fehlt die Fähigkeit, sich distanziert zu betrachten, zu reflektieren. G. brachte Anfang der 60er-Jahre in und nahe Nürnberg fünf Menschen bei Überfällen um. Einen weiteren Doppelmord gestand er, widerrief das Geständnis aber. Er beging seine Taten mittags. Die Jagd nach dem Mittagsmörder beschäftigte Ermittler der Kriminalpolizei Nürnberg, des Bundeskriminalamts in Wiesbaden und von Interpol. Die Menschen in Franken lebten über mehrere Jahre in Angst vor dem nächsten Überfall. Der Mittagsmörder zögerte nicht. Er schoss sofort und traf. »Der Fall des Klaus G. imponiert insofern, als er kriminologisch als Serienmörder einzuordnen ist, der aber ungewöhnlicherweise nicht sexuell motiviert war, sondern die Taten jeweils im Rahmen von Raubüberfällen beging«, schrieb Hans-Ludwig Kröber, ehemaliger Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité, vor fünf Jahren in einem Gutachten über G.
Als G. an dem Donnerstagmorgen im Februar 2015 seine Zelle verlässt, denkt er nicht an das, was er das letzte halbe Jahrhundert verpasst hat. An die Familie, die er nicht gegründet hat. An Armstrongs Mondlandung, Deutschlands Fußballweltmeisterschaften, den Mauerfall. An die Weihnachten, an denen keine Post kam. An die verlorenen Sommer, die er, der Naturfreund, hinter dem vergitterten Fenster von Zelle 69 auf Station A2 im zweiten Stock von Haus 1 betrachten musste. G. denkt: »Ätsch! Jetzt geht nichts mehr, ihr Bazis, ich bin gleich weg.«
G. hat in den Tagen zuvor sein Leben in zehn Umzugskartons verstaut. Er hat die Sophia Loren und seine Ölgemälde vom Rhein von der Wand genommen. Er hat seine Sportschuhe eingepackt, seine Violine, die Aktenordner, den Umschlag mit den Fotos. G. hinterlässt seine Zelle, 3,80 Meter lang, 2,90 Meter breit, wie er sie vorgefunden hat. Leer.
Er bekommt an der Gefängniskasse sein Überbrückungsgeld ausgezahlt, 1300 Euro, verabschiedet sich von der Abteilungsleiterin und der schwarzhaarigen Sozialarbeiterin mit dem südländischen Aussehen. G. schaut lieber blonde Frauen an, aber die ist nett. Im Hof wartet der Leiter des Heims, in dem G. von nun an leben wird. Sie packen die Kartons in den Kombi. G. steigt ein, winkt kurz, dann verlassen sie durch das Südtor die JVA Straubing. »Was in diesen Augenblicken in mir vorging, das kann ich gar nicht berichten«, sagt er. Niemand wartet auf ihn. Seine Eltern sind tot, sein Bruder will nichts von ihm wissen. G.s erster Wunsch in Freiheit: »Ich möchte eine Sinalco trinken.«
Konrad Adenauer ist Bundeskanzler und der Kassettenrekorder noch nicht erfunden, als Klaus G. seine zweite Bank überfallen will. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt und wohnt bei seiner Mutter in Hersbruck bei Nürnberg. Bei seinem ersten Überfall am 13. Juli 1961 auf die Sparkasse in Leinburg hat er 3280 Mark erbeutet. Niemand ist zu Schaden gekommen. G. hat sich von dem Geld einen VW Käfer gekauft. Der Banküberfall erscheint ihm eine leichte Form des Gelderwerbs zu sein. »Von Anfang an hat mir vorgeschwebt, die Leute zu berauben, aber nicht am laufenden Band zu töten«, sagt G.
Er fährt am 10. September 1962 gegen zehn Uhr mit seinem grauen VW Käfer, Kennzeichen IN-M 258, nach Ottensoos, ein Dorf, zehn Kilometer von Hersbruck entfernt. Für seine Überfälle wählt er Sparkassen in kleinen Orten östlich von Nürnberg, nicht weiter als eine halbe Stunde von Hersbruck. Er frühstückt mit seiner Mutter, isst mit ihr zu Abend und mordet zu Mittag. Er kennt die Wälder und Feldwege. Rast mit seinem Moped oft durchs Gehölz, macht Schießübungen, wo ihn niemand sehen und hören kann.
Er steigt am Bahnhof auf ein Motorrad, das er für den Überfall gestohlen hat. Er ist froh, dass es nicht regnet. In einem Wald montiert er ein falsches Kennzeichen. Er zieht seinen Lumberjack aus, eine olivfarbene Windbluse und darüber eine braune Jacke an. Nach einer halben Stunde erreicht er Ochenbruck.
Er hat die Sparkasse in Ochenbruck ausgekundschaftet, die Fluchtroute geplant. Wenn ihn die Polizei verfolgen sollte, will er in den Wald, wohin sie mit ihren Autos nicht kann. G. trägt in einem Brusthalfter eine Walther PPK, in seiner Aktentasche eine Walther P38. Er wartet vor dem Möbelgeschäft nebenan, bis er sicher ist, dass keine Kunden in der Bank sind. G. betritt gegen 12 Uhr den Schalterraum. Er legt dem Bankangestellten Erich H. einen Geldschein zum Wechseln auf den Tresen. Als der sich umdreht, um das Wechselgeld zu holen, zieht G. seine Waffe: »Treten Sie zurück, wehren Sie sich nicht!«, ruft er. Angeblich gehorcht H. nicht. G. schießt dreimal auf ihn. H. stirbt an einem Herz-, einem Kopf- und einem Bauchdurchschuss. G. steckt die 3060 Mark, die auf dem Zahltisch liegen, in seine Aktentasche und verschwindet. Außer ihm gibt es keine Zeugen. G. beschreibt den Mord so:
Er zögerte kurz, und dann erschien auf einmal ein hinterhältiges Lächeln auf seinem Gesicht. Gleichzeitig langte er mit seiner rechten Hand zu einem Fach des Schaltertischs. Für mich nicht einsehbar. Ich vermutete, dass er dort eine Pistole liegen habe und sie ergreifen würde. In diesem Moment war ich total verunsichert. Wenn ich bei ihm tatsächlich eine Pistole sehen würde, war es bei dem Anblick bereits zu spät für mich. Im selben Augenblick würde bereits auf mich geschossen werden. Ich zögerte nicht länger und gab auf mein Gegenüber aus zwei Metern einen Schuss ab. Ich traf. Aber vor lauter Nervosität drückte ich ein weiteres Mal ab, und auch dieses Geschoss traf. Ich sah, wie die beiden Schüsse dem Mann wehtaten, der aber nicht zusammenbrach. Dass ich einen dritten Schuss abgab, bekam ich gar nicht mit. Auf einmal brach der Sparkassenangestellte zusammen. Der Vorfall tat mir leid. Aber andererseits vermochte ich diesen Mann nicht zu verstehen. Was soll man den Leuten denn noch vor die Nase halten, damit sie klein beigeben?
Im Mai 2015, zwei Monate nach seiner Entlassung, beginnt Klaus G. seine Biografie zu schreiben (aus jenem Manuskript stammen die kursiven Einschübe in diesem Text). Er fühlt sich wohl in dem Heim in Oberbayern, einer christlichen Einrichtung, die ehemalige Straftäter und Menschen beherbergt, die allein nicht klarkommen. Er ist hier nicht der Mittagsmörder, sondern der Klausi, der mit der vierjährigen Tochter einer Mitbewohnerin spielt. Abends schaut er Volksmusiksendungen, am liebsten mag er Uta Bresan und Maxi Arland. »›Tatort‹ gucke ich nie, das ist mir zu unrealistisch. Dass sich da zwei gegenüberstehen, die Pistolen aufeinander richten und reden, das gibt es nicht. Im echten Leben gewinnt der, der zuerst schießt«, sagt G. Vom Balkon seines fünfzehn Quadratmeter großen Zimmers kann er die Berge sehen. Im Winter bewundert er die Schneefelder, nachts den Großen Wagen. Im Gefängnis wurden die Zellenfenster mit gelbem Licht bestrahlt, wenn es dunkel wurde, damit die Wärter sehen konnten, wenn ein Häftling an den Gittern sägte. Die Sterne hat G. vermisst. Er schreibt jeden Tag eine Seite auf seiner Schreibmaschine, einer Triumph Gabriele 35, die ihm seine Mutter vor zwölf Jahren ins Gefängnis gebracht hat. Nach einer Seite ist er erschöpft. Er heftet die Blätter in einen blauen Herlitz-Ordner. Im Dezember 2015, kurz vor Weihnachten, ist er fertig. »Meine Verbrechen und die Haft – Klaus G.« schreibt er auf den Umschlag, mit Bleistift, damit er den Titel noch ausradieren und ändern kann.
Auf den 120 Seiten des Manuskripts rechtfertigt, aber entschuldigt er sich nicht. Er will sich in die Gesellschaft reintegrieren, aber argumentiert sich ins Abseits. G. beschreibt nach einem halben Jahrhundert seine Taten ohne Empathie. Er schildert seine Morde als logische Folge von missglückten Abläufen, die nicht anders zu bewältigen waren als mit der Knarre. »Ich treffe noch heute eine Streichholzschachtel auf zwanzig Meter«, rühmt sich G. und fordert im nächsten Satz Vergebung. In den Begegnungen mit ihm muss man die Irrationalität seiner Aussagen und seines Wesens hinnehmen. Widerspruch schätzt der Widersprüchliche nicht besonders.
G. sieht sich nicht als Mörder. Die Morde sind ihm passiert. Sein Leben passiert ihm. Hätte ihm die Mutter die Beziehung mit dem ersten Mädchen nicht kaputtgemacht, weil es ihr nicht gebildet genug schien. Hätte sie ihn doch Revierförster werden lassen. Hätten sich die bösen Mächte nicht gegen ihn verschworen – dann hätte er nie eine kriminelle Karriere beginnen müssen. G. gibt die Verantwortung für sein Leben an die Umstände ab, die nicht schlechter sind als für andere junge Männer im Nachkriegsdeutschland. Er biegt sich seine Vergangenheit so zurecht, dass sie ihm plausibel erscheint. Nur so kann er sie ertragen.
»Es war Zufall, dass ich die Überfälle mittags beging«, sagt G. heute. In den Vernehmungen hatte er noch ausgesagt, dass die Alarmsirenen der Sparkassen mittags kein Aufsehen erregt hätten, da die Arbeiter sie für die Mittagssirenen gehalten haben, die den Beginn ihrer Pause signalisierten. Das habe er bedacht.
Ein paar Wochen nach dem Überfall auf die Sparkasse in Ochenbruck schreibt sich G. an der Wirtschaftshochschule in Nürnberg ein. Er zieht in eine möblierte Wohnung in Nürnberg. Die Wochenenden verbringt er bei seiner Mutter in Hersbruck. Er hofft, dass er ihren Erwartungen mit dem Studium gerecht wird. »Ich war ihr damals viel zu ergeben. Heute würde ich ihr eine runterhauen und sagen, lass mich in Ruhe, ich werde Förster. Aber damals gehorchte man eben als junger Mann«, sagt G.
G. weiß, dass es nach dem Mord schwer wird, ein bürgerliches Leben aufzubauen. »Die Vorlesungen besuchte ich, aber ich studierte nur mit halber Kraft. Vom kriminellen Treiben hatte ich mich keineswegs gelöst. Und wie jeder einsehen wird, ist es wichtiger, dass man bei der Begehung von Straftaten nicht erwischt wird, als dass man gute Noten schreibt.« Von dem Geld aus dem Überfall kauft sich G. wieder einen neuen VW Käfer. Doch der muss ihm zu oft repariert werden. Er bestellt am 17. November 1962 in einem Autohaus einen Ford 17M TS. Kaufpreis 8550 Mark, Auslieferung im März. Aber so viel Geld hat G. nicht.
Am 30. November 1962 fährt er mit einem gestohlenen VW, Kennzeichen LAU-P 243, nach Neuhaus, etwa fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Hersbruck. Er parkt das Auto um kurz vor 12 Uhr in der Nähe der Sparkasse, lässt den Motor laufen. Er versteckt sich hinter einem Holzhaufen und beobachtet den Eingang. G. trägt einen dunklen Lumberjack mit grauem Strickkragen. Er hat seine Haare nass gemacht und nach hinten gekämmt, um den Eindruck zu erwecken, er sei dunkelhaarig. Er hat seine beiden Pistolen dabei, geladen und entsichert. Wenn er von ihnen Gebrauch machen muss, dann will er die Walther P38 benutzen, eine Selbstladepistole, die sich bei Schießübungen bewährt hat.
G. geht in die Sparkasse. Es läuft nicht nach Plan. Der Bankangestellte Helmut H. ist nicht allein. Er bedient eine Kundin. Zwei weitere Kunden betreten die Bank. G. ist an der Reihe. Er wird an den Schalter gerufen. Hat die Wahl. Entweder zieht er den Überfall durch. Oder er verschwindet, und der Ford bleibt ein Traum. Er öffnet seine Jacke, zieht die Walther P38. »Treten Sie zurück!«, ruft er Helmut H. zu, der ihm gerade Wechselgeld hinlegen will. »Niemand rührt etwas an!«, schreit er die Kunden an.
»Ich habe Pech gehabt«, sagt G., »wenn die Bankdirektoren damals schon ihren Angestellten eingebläut hätten, sich bei einem Überfall nicht zu wehren, das Geld einfach auszuhändigen, dann hätte ich nicht zum Mörder werden müssen. Heute kann jeder Hippie oder Nieselpriem eine Bank überfallen. Dafür haben wir früher die Vorarbeit geleistet und das mit Gefängnis bezahlt.«
Sie kommen seiner Aufforderung nach. Nur Oskar S., ein Bote, geht an den Schaltertisch und greift in seinen Mantel. Er scheint die Situation nicht zu verstehen. G. schießt dreimal, zwei Schüsse treffen. S. verblutet, das ergibt die Obduktion, an einem Brustdurchschuss und einem Schuss durch Kinn und Hals. G. entkommt mit 5610 Mark. Er kauft sich ein Gewehr für 518 Mark und zahlt 4000 Mark bei der Lieferung des Ford an.
Die Ratenzahlungen für das Auto setzen ihn bald erneut unter Druck. Er möchte mit seinem Ford Fräuleins beeindrucken, nicht ständig an seine Schulden denken müssen. Mit seinem nächsten Überfall will G. sich neue Waffen und Geld beschaffen. Doch er will keine Überraschungen mehr. Keine widerspenstigen Bankangestellten. Keine Kunden, die ihm im Weg stehen. Er wählt das Waffengeschäft Hannwacker, einen Familienbetrieb in der Allersbergerstraße in Nürnberg. Er hat dort schon Waffen gekauft, kennt die Räumlichkeiten, weiß, wann wenig Betrieb ist.
Am 29. März 1963 betritt er gegen 12 Uhr den Ladenraum. Niemand da. Die Hannwackers machen wohl Mittag. Er schüttet das Geld aus der Kasse, die unter dem Tresen steht, in seine Aktentasche. Greift sich Waffen aus der Auslage und wirft sie dazu. Plötzlich kommt Karola Hannwacker aus dem hinteren Teil des Geschäfts. Die 58-jährige Besitzerin sieht G., schreit »Helmut, Helmut!«. Ihr Sohn Helmut Hannwacker läuft aus der Werkstatt über den Hof auf G. zu. Der richtet seine Walther PPK auf ihn. Hannwacker bleibt nicht stehen. G. schießt. Der Schuss streift Hannwackers linken Oberarm. Er stürzt sich auf G., sie ringen, die Pistole fällt zu Boden. Karola Hannwacker hebt sie auf, richtet sie auf G. Sie sagt nichts. Schießt nicht, weil die Männer sich schlagen und drehen, sie ihren Sohn treffen könnte. G. greift nach der anderen Pistole, der Walther P38, die aus der Aktentasche gerutscht ist und auf dem Boden liegt. Er schießt sofort auf Karola Hannwacker. Drei Schüsse. Alle treffen. Sie sackt zusammen, die Pistole gleitet ihr aus der Hand. Ihr Sohn Helmut löst sich von G. und will nach der Waffe greifen. G. schießt auf Hannwackers Bauch. Er bricht neben seiner Mutter zusammen. Das reicht G. noch nicht. Was dann folgt, ist schwer erträglich. Er beschreibt es ein halbes Jahrhundert später so:
Mit Mühe hatte ich gesiegt. Beinahe wäre ich draufgegangen! Ohne noch viel zu zögern, schickte ich mich an, das Waffengeschäft zu verlassen. Plötzlich fuhr es mir durch den Kopf: Ich hatte meinen Hut mit dem Firmenschild Christoph Rösel, Hersbruck, verloren. Der Hut würde unweigerlich auf meine Fährte führen. Rasch ging ich zurück. Ein Blick – beide Angeschossenen waren dem Tod geweiht. Helmut ächzte. Um die beiden von ihrem Leiden zu erlösen, verpasste ich beiden Personen jeweils einen Kopfschuss. Darauf verließ ich endgültig das Waffengeschäft. Natürlich mit meinem Hut.
G. wird über die Jahrzehnte im Gefängnis von renommierten Gutachtern untersucht, darunter Norbert Nedopil und Hans-Ludwig Kröber. Kröber bescheinigt ihm im Mai 2010 – nach fünfundvierzig Jahren Haft – »die völlige Empathielosigkeit gegenüber seinen Opfern und auch den Zuhörern seiner Erklärungsversuche«. Er diagnostiziert eine »schizoide Persönlichkeitsstörung (F60.1) mit »Zügen der paranoiden Persönlichkeitsstörung (F60.0)«.
Für G. liegt die Erklärung für seine Taten vor allem bei seiner Mutter. Sie hat ihm die Freundin und den Beruf verboten. Sie hat ihn unter Druck gesetzt. Er wächst in einer Arbeitersiedlung auf, ist aber am liebsten in der Natur. Allein. Sein Vater Erwin kam 1945 nicht aus Russland zurück. Seine Mutter floh mit ihren Söhnen aus Frankfurt an der Oder nach Bayern.
Sie arbeitet als Sekretärin. »Ihre Hausmannskost ist schmackhaft, aber ihre Knödel hätten besser sein können«, sagt G. Wer es sich leisten kann, stellt einen Schaub-Lorenz-Fernseher ins Wohnzimmer, Modell Weltecho T4290, auch für Schwarz-Weiß-Empfang von Farbfernsehsendungen eingerichtet.
G. hat im zweiten Anlauf das Abitur bestanden. Er möchte Revierförster werden, aber seine Mutter besteht auf ein Studium. »Die Förster werden oft von Wilderern erschossen«, sagt sie. Aus ihrem Klaus soll etwas Anständiges werden. Ein Akademiker. G. hat keine Freundin, bekommt vierzig Mark Taschengeld im Monat. Er will kein Akademiker sein. Sein Bruder Peter ist zwei Jahre älter, verheiratet und Volksschullehrer. Seine Mutter ist stolz auf ihn.
G. entwickelt sich in der Pubertät zum Einzelgänger, ohne dass jemand genau sagen kann, warum. Er auch nicht. Die Noten sind okay, er hat einen Intelligenzquotienten von 102. Er redet wenig, drängt nicht nach vorn. Schulkameraden fällt seine eigenartige Lache auf, er blinzelt beim Lachen und zuckt mit dem Gesicht. Seine Radikalität. Läuft etwas gegen ihn, ist gleich die ganze Menschheit schuld. Kommt ihm einer blöd, gibt’s ein paar aufs Maul. G. ist 1,80 Meter groß, durchtrainiert, geht keiner Rauferei aus dem Weg. Sein Bruder weiß sich einmal nur mit einem Küchenmesser gegen ihn zu wehren. Und dann ist da sein Interesse an Schusswaffen. Er liest die Zeitschrift Kriminalwelt. Spielt im Kopf Banküberfälle durch. Mit vierzehn Jahren besorgt er sich sein erstes Luftgewehr. Er kauft und stiehlt Waffen und Munition, sperrt sie in seinem Zimmer in einen Schrank, für den nur er den Schlüssel hat. Ihn fasziniert, dass man mit Waffen aus der Ferne etwas bewirken kann, ohne jemandem zu nahe kommen zu müssen.
Als ich wieder in der Herrnackerstraße in meinem möblierten Zimmer zurück war, vermochte ich das Geschehene noch gar nicht richtig zu fassen. Ich ging auf die Straße hinaus ein wenig spazieren. Erst jetzt stellte ich fest, dass ich mir bei demHandgemenge meine Hose zerrissen hatte, und ging schleunigst wieder heim. Was ich aber auch bemerkte, in Nürnberg auf so einer Straße gab es ziemlich viel Polizeipräsenz. Es musste damit gerechnet werden, dass so gut wie alle Straßen, auf denen man Nürnberg verließ, von der Polizei kontrolliert wurden. – Und ich war bereits in Sicherheit! Auch an den anderen Tagen nach der Tat war die Polizei am »Routieren«! Wie ich später hörte, zu dieser Zeit war die Polizei Tag und Nacht im Einsatz und suchte fieberhaft den Täter.
»Der Mittagsmörder hat wieder zugeschlagen!« titeln die Nürnberger Zeitungen. Zwei weitere Morde zur Mittagszeit, mitten in Nürnberg. Das ist zu viel. Wer ist dieser Mann? Wieso ist er nicht zu fassen? Zwischen den Morden in Ochenbruck, Neuhaus und Nürnberg gibt es einen Zusammenhang, den Täter, da ist man sich sicher. Franken fürchtet sich vor dem Mittagsmörder, vor dem Mann, der ohne zu zögern schießt. Beim bayerischen LKA in München und beim BKA in Wiesbaden werden die Hülsen und Projektile von den drei Tatorten untersucht. Interpol ist eingeschaltet. Jäger und Waffenscheinbesitzer werden vorgeladen. Aber der Gesuchte bleibt ein Phantom. Wer kommt auch darauf, dass ein Student, der die meiste Zeit bei seiner Mutter lebt, der Mittagsmörder sein könnte?
G. taucht in keiner Verbrecherkartei auf. Die gezeichneten Bilder auf den Fahndungsplakaten geben ihn nicht wieder. Die Belohnung zur Ergreifung des Mittagsmörders wird von 4000 Mark auf 17 000 Mark erhöht. Trotzdem kommen keine brauchbaren Hinweise. Einmal werden alle männlichen Einwohner aus Lauf, Hersbruck und Röthenbach/Pegnitz überprüft. Doch die Ermittler verpassen den Mann hinter Spurenblatt 802. G. pendelt zwischen Nürnberg und Hersbruck. Er ist nicht erreichbar. Die Suche wird verschoben, es gibt Wichtigeres zu tun.
In den Wochen nach der Untat im Waffengeschäft, die zwei Menschen das Leben gekostet hatte, kam ich mit mir selber nicht mehr zurecht. So etwas hatte ich doch nicht gewollt, dass ich einen Menschen nach dem anderen umbrachte. Von Anfang an hatte es mir vorgeschwebt, die Leute zu berauben, aber nicht am laufenden Band zu töten. Weil ich künftig nichts mehr anstellen wollte, hätte man auch sagen können: Aha – jetzt hat er den »Moralischen« bekommen. Oder er hat die Schnauze voll gehabt bei lauter prekären Situationen, bei denen er stark gefährdet war. In gewisser Weise richtig. Doch andererseits nicht voll zutreffend. Viele Leute würden auch die Frage stellen: Warum hat er sich damals nicht selber gestellt? Diese Frage stellte sich für mich nicht. So stark schlug mir nicht das Gewissen. Und außerdem sagte ich mir (altbekannter Spruch): Nur die allerdümmsten Kälber wählen sich ihren Metzger selber.
G. schafft es, den Fahndungsdruck zu verdrängen. Wenn ihm etwas nicht nützt, schiebt er es beiseite. Das hilft ihm später im Gefängnis. »Weg, weg damit, das bringt doch nichts«, sagt er, wenn man ihn fragt, ob er damals Angst hatte. Ob er in der Haft eine Frau vermisst hat. Sex. Liebe.
G. will Schluss machen. Keine Überfälle mehr. Keine Toten. Er liest und hört, dass nach dem Mittagsmörder gefahndet wird. Das macht ihm keine Angst. Er will sich ändern, weil er in ein Mädchen verliebt ist. Sie heißt Markusine. Er nennt sie Sine. Sie ist brünett, nicht blond, also nicht perfekt, aber besitzt viele gute Eigenschaften. Seine Mutter hat sie mit nach Hause gebracht. Er will sie heiraten. Sine sagt, schön und gut, aber womit willst du für uns sorgen? Dafür braucht er Geld. Er meldet sich im Sommer 1964 bei der Bundeswehr. Während Deutschland nach ihm sucht, begibt G. sich in den Dienst am Vaterland.
Einordnen. Unterordnen. Gehorchen. Teil einer Gemeinschaft sein – G. gefällt es nicht bei der Bundeswehr. »Ich bin kein Komisshengst«, sagt er. Aber er hält durch. Er will es schaffen, für Sine. Er glaubt, dass dies seine letzte Chance ist, die richtige Abzweigung zu nehmen. Dass er die zu diesem Zeitpunkt schon lange verpasst hat, ist ihm noch nicht einmal heute, im Sommer 2016, klar. G. glaubt an das Gute, wann immer es kommen mag.
Er ist vom Herbst 1964 an als Pionier bei dem Schweren-Pionier-Bataillon in Koblenz-Metternich stationiert. Seine Kompanie muss vor allem Rheinbrücken instand halten. Ihn beeindruckt die Landschaft in St. Goar. Die Burg, das bunte Laub, in der Natur fühlt sich G. am wohlsten. Die Suche nach dem Mittagsmörder blendet er aus. Jedes zweite Wochenende fährt er nach Hause zu seiner Mutter. Er sieht Sine. Fühlt sich von ihren Erwartungen auch unter Druck gesetzt. Wenn er den Fahnenjunker-Lehrgang nicht schaffe, dann sei es aus, sagt sie. Im Januar 1965 wird er in eine Kaserne nach München-Freimann versetzt. Weit weg von seiner geliebten Landschaft am Rhein, die er später viele Male in Öl malen wird, weil er Sehnsucht nach ihr hat. Die Beziehung zu Sine zerbricht. G. desertiert und mietet sich unter dem Namen Saalmann erst eine Wohnung in Fürth, dann in Nürnberg. Er bricht den Kontakt zu seiner Mutter ab. Er akzeptiert, dass der Verbrecher in ihm gewonnen hat. Dass ihm der Weg zurück verwehrt bleiben wird. G. will trotzdem kein großes Ding mehr drehen. Keinen Raub. Keinen Mord. Er will seinen Lebensunterhalt damit verdienen, Geld aus Handtaschen zu stehlen.
Eines Abends, als es bereits dunkel war, schlich ich lautlos mit Turnschuhen einer jungen Frau hinterher. Weit und breit niemand anders. Ein Schlag mit der Faust auf den Hinterkopf. Die junge Frau lag am Boden, und ich lief mit ihrer Handtasche davon. Leider war nicht allzu viel Geld in der Handtasche.
Sollten sie ihn erwischen, würde er sich wehren. Er verlässt das Haus nicht unbewaffnet. Besser schießen als die Polizisten kann er allemal. Lieber tot als Zuchthaus.
Am Nachmittag des 1. Juni 1965 fährt G. mit einem gestohlenen VW nach Nürnberg. Er parkt das Auto in der Altstadt. G. will in Kaufhäusern nach Handtaschen suchen, die sich einfach stehlen lassen. Er hat seine Pistolen dabei, in seiner Aktentasche trägt er einen Totschläger und Feuerwerkskörper mit sich. Für einen Mann, der nie etwas Böses wollte, der immer in alles nur irgendwie reingerutscht ist, ist G. außergewöhnlich gut bewaffnet. Bei Hertie klaut er die Handtasche einer Kundin, findet im Geldbeutel aber nur elf Mark. Dreihundert Mark übersieht er.
Um 16.45 Uhr sieht er im ersten Obergeschoss des Kaufhauses Brenninkmeyer auf dem Boden eine braune Tasche stehen. Ihre Besitzerin schaut sich nach einem neuen Mantel um. G. hebt die Tasche auf und läuft die Treppe hinunter Richtung Ausgang. »Der Mann hat meine Tasche, haltet ihn auf!«, schreit die Frau. G. läuft die Treppe hinunter, reißt die Tür zum Verkaufsraum im Erdgeschoss auf und rennt Richtung Ausgang. Er ist schnell. Sehr schnell. Sie bekommen ihn erst nicht zu fassen. Ein Kunde will ihn aufhalten. G. schießt. Die Kugel bleibt in der Brieftasche des Kunden auf Brusthöhe stecken. Das rettet ihm sein Leben.
Der Hausmeister des Kaufhauses rennt G. hinterher. Er erreicht ihn von hinten, reißt ihn herum. G. schießt fünfmal. Auf Brusthöhe, aus nächster Nähe. Der Hausmeister ist sofort tot.
Passanten stürzen sich auf G., schlagen ihn, aber er schafft es, sich zu befreien. Geht rückwärts zur Tür, bedroht die Verfolger mit seiner Pistole.
Der Schlitten stand nach hinten. Also hatte ich alle Patronen verschossen. Doch ich bemerkte, dass alle Umstehenden vor der Waffe großen Respekt hatten und nicht auf mich zukamen. Mein Gehirn funktionierte wieder. Mir war bewusst, dass ich stets ein schneller Sprinter gewesen war. So wollte ich den Leuten einfach davonlaufen. Rasch eilte ich zum Ausgang und erreichte die Färberstraße. Ich lief weg. In Richtung auf mein Auto hin. Doch was ich nicht wusste, war, dass ich bei dem Handgemenge einen tiefen Schnitt an meinem linken Oberschenkel von einer zerbrochenen Glasplatte erhalten hatte. Zudem war ich erschöpft und aus der Puste. Die Leute, die mich verfolgten, holten mich ein, schlugen auf mich ein, sogar mit einem Regenschirm. Ich bekam Kopfverletzungen, während mich eine ganze Schar von Schlägern umgab. In geduckter Position holte ich aus meiner Aktentasche eine 6,35er-Pistole hervor, eine Duo Z. Umgehend schoss ich auf einen meiner Bedränger. Sogleich lief ich allein weiter, war aber nicht ganz klar im Kopf. Wusste nur halb, was ich tat. Plötzlich sprang mich von hinten ein kräftiger Mann an, weitere kamen hinzu. Es waren sogar zwei Polizisten dabei. Ich wurde festgenommen. Ein Achter schloss sich um meine Handgelenke. Und ich war zu meiner fürchterlichen Bestürzung auf einmal gefangen.
Frühsommer 2016. G. sitzt auf der Terrasse eines Hotels über dem Tegernsee. Er sagt: »Ich muss dringend bei Google anrufen.« Er will sich beschweren. Wer im Internet nach »Mittagsmörder« sucht, stößt auf zwei Morde, die er nicht begangen haben will. »Es waren fünf, nicht sieben Morde, für die ich verurteilt wurde«, sagt G., »eine Unverschämtheit ist das!« Wenn sie das nicht ändern, werde er einen Anwalt beauftragen.
Am 22. April 1960 überfällt ein Mann in Nürnberg eine alte Frau in ihrer Wohnung, um sie zu berauben. Als die Untermieter, ein Paar, ihr zu Hilfe kommen wollen, erschießt der Täter die beiden. G. gesteht nach seiner Verhaftung den Doppelmord. Später widerruft er sein Geständnis. »Ich stand nach meiner Verhaftung völlig neben mir. Die wollten mir diesen ungelösten Fall unterschieben, ich habe das Geständnis unüberlegt unterschrieben«, sagt er.
Der Prozess gegen Klaus G. dauert drei Wochen. Seine Mutter Annemarie tritt als Zeugin auf, aber sie kann nichts für ihn tun. G. wird im Saal 600 des Schwurgerichts Nürnberg vorgeführt wie ein wildes Tier. Die Fotografen halten drauf. Die Menschen warten auf seine juristische Hinrichtung. Am 27. Juli 1967 wird das Urteil gesprochen. Es ist still, als Richter Karl Kristl Klaus G. wegen fünffachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm auf Lebenszeit aberkannt.
»Ich habe die ersten fünfzehn Jahre im Gefängnis nur an Flucht gedacht«, sagt G. Erst als er älter wird, können ihn die Sozialarbeiter überzeugen, dass er nur eine Chance hat rauszukommen, wenn er sich gut benimmt. Wenn die Gutachten für ihn sprechen. Aber G. wird immer wieder bescheinigt, dass er gefährlich ist. Seine Toleranzschwelle ist so niedrig, dass es ihm nicht gelingt darzustellen, wie er draußen mit Rückschlägen klarkäme. Außer mit Gewalt.
»Ich versuche das Straubing in mir abzulegen«, sagt G. und meint die Sozialisation des Gefängnisses. Wo er sich wehren musste, wenn ihm etwas nicht passte. Manchmal wird er in der S-Bahn angerempelt, dann muss er sich zusammenreißen. G. mag es nicht gern unter Menschen.
G. wandert gern, fährt mit dem Rad in die Berge. Er holt das Draußensein nach, die Natur hat er mehr vermisst als die Geselligkeit. G. steht jeden Morgen um 6.40 Uhr auf und geht vom Heim in die kleine Kirche, wo ein Pfarrer im Ruhestand die Frühmesse abhält. Sie beginnt um sieben Uhr. Meist kommen nur ein paar Gläubige. Manchmal ist G. allein. Er sitzt in der ersten Reihe. Am Ende der Messe liest G. etwas vor. Den Text bekommt er vom Pfarrer. Am liebsten liest G. aus dem Alten Testament. Die Morgen- und Abendandacht gehören zu den Auflagen im Heim. Er fand lange keinen Bezug zur Religion. Im Gefängnis hat sich das geändert. »Ich bin fromm, und die Kirche gibt mir etwas«, sagt er.
Das Prinzip der Vergebung hat es ihm besonders angetan. G. glaubt, dass er für seine Schuld bezahlt hat. Wären die anderen so christlich, wie sie immer tun, dann müssten sie doch auch ihm eine zweite Chance geben, sagt er.
Die Familien der Opfer hat er nie kontaktiert, das habe keinen Sinn, nach all der Zeit. Wenn er nach Hersbruck fährt, ins Pegnitztal, wo er sich zu Hause fühlt, spaziert er durch den Ort und freut sich, dass ihn niemand erkennt. Er fühlt sich wie Klaus G., nicht wie der Mittagsmörder. Er trinkt ein Bier oder zwei. Viel habe er bisher seiner Leber ja nicht zugemutet, sagt G. Er kontaktiert die Menschen, die er von früher kennt. Versucht, sich ein bisschen von seinem Leben zurückzuholen, aber es hat nicht auf ihn gewartet. Ein Mädchen, das ihm gefiel und heute Großmutter ist, empfängt ihn. Die meisten lehnen ihn ab.
G. geht auch zum Haus seines Bruders Peter. Seine Vergebung würde ihm viel bedeuten. Er möchte ihn noch einmal sprechen. Aber Peter N. will nicht. Er hat nach den Morden einen anderen Nachnamen angenommen, weil er sich so geschämt hat. Nicht einmal dem Pfarrer ist eine Vermittlung gelungen. Klaus G. steht vor dem Haus, schaut über den Zaun, aber er sieht seinen Bruder nicht. Er klingelt nicht und geht wieder.
Die Witwe
Sie gibt ihren Männern alles. Sie nimmt ihnen nur eines. Der Fall Estibaliz C.
von ANETTELACHE
»Kein noch so gruseliger Film kann
so gruselig sein wie das,
was ich getan habe«
»Meine zwei Leben«, Estibaliz C.
Die Frau, die diese Worte schreiben wird, ist eine zarte Person. Mit großen Augen wie Penélope Cruz und einem mädchenhaften Körper. Sie liebt Pfefferminzeis, diesen kühlen, scharfen Geschmack. Und sie mag starke Männer, groß und älter als sie. So stark wie Gerhard*. Zumindest hat sie mal gedacht, dass Gerhard das ist. Und nun sitzt Gerhard vor ihr auf dem Schreibtischstuhl. Zwei Tage sitzt er schon auf dem Stuhl. Sie kann ihn nicht ewig dort sitzen lassen.
Gerhard
Ein Hüne mit feinem blondem Haar. Männlich war er in ihren Augen, mit seinen 1,95 Metern und den 110 Kilo. Ein starker Mann, der einem sagen konnte, wo es langgeht. Er würde sie vor allem Bösen dieser Welt beschützen, daran hatte sie fest geglaubt. Estibaliz C. war sehr verliebt. Dass sie intelligenter war als er, hatte sie nicht gestört. Dass er Hare-Krishna-Anhänger war, sie spanische Katholikin, auch nicht. Genauso wenig, dass er bis zur Hochzeitsnacht nicht mit ihr schlafen wollte. Das ist romantisch, hatte sie sich gesagt. Auch wenn sie sich eigentlich schon lange so unglaublich nach einem Kind gesehnt hatte.
Aber irgendwann waren die Gedanken wieder da.
Estibaliz C. kannte diese Gedanken schon von früher. Bei Matteo*, ihrer Jugendliebe, waren sie auch schon da gewesen. Matteo, ein großer, attraktiver Typ mit tollen braunen Augen. Wie schön könnte es sein, sein Kind unter dem Herzen zu tragen, dazu eine Hochzeit in Weiß und eine gemeinsame Wohnung, so hatte sie damals gedacht, mit zweiundzwanzig. Aber er wollte nicht einmal eine feste Beziehung. Matteo war eine Enttäuschung, dennoch hatte sie sich weiter mit ihm getroffen. Denn das wollte er durchaus, und sie kann nun mal keinem Mann widersprechen, geschweige denn sich von ihm trennen. Und da hatten die Gedanken zu kreisen begonnen.
Es war immer das Gleiche: Erst waren da nur Ideen, dann wurden die Gedanken Schritt für Schritt konkreter – und schließlich zu einem Plan.
Was wäre, wenn es Matteo nicht mehr gäbe? Was, wenn Matteo sterben würde? Was, wenn sie die Bremsschläuche seines Autos durchschneiden würde? Oder wenn sie die Gasheizung manipulierte? Eines Tages war sie dann in seine Garage gegangen, um zu schauen, ob diese videoüberwacht sei. Hatte sich einen Nachschlüssel für seine Wohnung machen lassen. Doch dann schickte ihr Vater sie nach Süddeutschland, weil sie in Spanien nach dem Volkswirtschaftsstudium keinen Job gefunden hatte. Und wenn ihr Vater etwas sagte, hatte man zu folgen.
In Süddeutschland traf Estibaliz C. dann gleich Gerhard. Sie war dreiundzwanzig, er sechsunddreißig, als sie sich 2001 kennenlernten. Sie arbeitete nach ihrem Studium als Au-pair, er in einem Versandhandel für Räucherstäbchen. Eigentlich war sie gar nicht sofort in Gerhard verliebt. Aber die Liebe wuchs schnell, als sie die Bewunderung in seinen Augen sah. Er sagte immer, wie schön sie sei. Er gab ihr, wonach sie regelrecht süchtig war: Aufmerksamkeit, Bestätigung.
Und sie gab ihm dafür, soviel sie konnte. Mi amor, sagte sie zu ihm, wenn sie zu ihm aufschaute, und er konnte sein Glück kaum fassen. Noch nie zuvor hatte er eine so schöne Freundin gehabt. Sie war so zierlich, so anschmiegsam, so anlehnungsbedürftig. Diese Frau himmelte ihn an. Tat, was er sagte, trug die Kleider, wie er es wollte. Widersprach nie. Nach sieben Monaten waren sie schon verheiratet.
Aber alles wurde anders, nachdem sie nach Berlin gezogen waren, in Gerhards Heimatstadt. Gerhard wurde so anders. Seit der Hochzeit konnte sie nun endlich mit ihm schlafen. Die Pille wollte sie nur so lange nehmen, bis ihr Deutsch perfekt war und sie eine Arbeit als Volkswirtin fand. Und bis auch Gerhard einen Job hatte. Doch der meldete sich arbeitslos. Während er zu Hause auf dem Sofa saß, schuftete sie als Kellnerin in einer Eisdiele. Gerhard nörgelte über ihr Essen, lästerte über ihren Akzent, sagte, sie sei zu dünn. So schilderte es Estibaliz C. zumindest später. Es muss nicht stimmen, aber man kann ihr glauben: Sie war enttäuscht.
Und es war ja nicht nur Gerhard. Im Eissalon verwechselte sie nun immer öfter die Bestellungen. Der Chef schimpfte. Sie fand, dass er sie ausnutzte, zu wenig zahlte. Wie immer sagte sie nichts.
Die Gedanken kamen. Was, wenn es die Eisdiele nicht mehr gäbe? Sie ging ins Internet. Sie googelte: Kabelbrand.
Doch dann keimte Hoffnung auf. Das Paar zog im Frühjahr 2005 nach Wien. Es gründete einen eigenen Eissalon, »Venus«, im zwölften Bezirk, ein Arbeiterviertel. Estibaliz C. machte den verrauchten Laden hübsch, dekorierte ihn mit Deckchen und Bildern. Die Nachbarn mochten die junge Frau, die immer fesch gekleidet und viel fleißiger als ihr Ehemann war. Mädchenhaft, lieb war sie, manchmal aber auch energisch, wenn es ums Geschäft ging.
Der Eissalon warf nicht viel ab, das Lager, das sie im Haus nebenan gemietet hatten, nutzten sie gleichzeitig als Büro und Wohnung, ein Raum für zwei Menschen. Gerhard fing wieder an zu mäkeln. Ihre kindliche Schusseligkeit, ihre Hilflosigkeit nervten ihn. Seine merkwürdigen Hare-Krishna-Freunde nervten sie. Und auch der Waffentick, den er entwickelt hatte, sogar eine kleine Sammlung besaß er. Und da war vor allem seine Dominanz. Er wollte ihr sogar vorschreiben, ob sie mit kaltem oder warmem Wasser abzuwaschen habe. Sie hasste an ihm, was sie einst angezogen hatte. Aber sie sagte nichts. Sie kaufte sich kurze Röcke und Push-up-BHs, um ihm besser zu gefallen. Sie wollte Gerhard eigentlich nicht mehr, aber sie wollte ein Kind, unbedingt. Und Gerhard? Wollte auch das nicht wirklich.
Schon waren die Gedanken wieder da.
Könnte Gerhard nicht einfach sterben? Irgendwie?
Es war der Sommer 2007, und Estibaliz C. hatte sich mittlerweile neu verliebt, in Jürgen*, einen Handelsvertreter für Eismaschinen. Jürgen würde sie retten aus dieser enttäuschenden Beziehung. Gerhard stimmte nun sogar der Scheidung zu. Doch auch Jürgen wollte kein Kind mit ihr, sie sei zu jung, sagte er, und nach fünf Monaten der Liebe ließ er sich nicht mehr blicken. Er war auf einmal aus ihrem Leben verschwunden.
Estibaliz C. suchte sich schnell Ersatz im Internet. Sie fand Simon*, ein Traum von einem Mann: 1,85 Meter groß, zwölf Jahre älter als sie, Akademiker, hochintelligent. Sie zog sofort zu ihm in den zweiten Bezirk, ihre alte Wohnung nutzte sie nur noch als Büro. Dort war noch immer Gerhard. Trotz der Trennung arbeitete er weiter in der Eisdiele, übernachtete weiter in der Wohnung. Ihm gehörte die Hälfte der »Venus«, und sie konnte ihn nicht auszahlen. Wie eine Zecke hing er in ihrem Leben.
Hatte Gerhard nicht eine Pistole im Regal liegen?
Da sitzt Gerhard also nun auf dem Schreibtischstuhl. Zwei Tage schon. Wieder hatten sie gestritten. Abschaum habe er sie genannt, wird sie später behaupten. Als er sich wieder an den Computer setzte, griff sie nach der zierlichen Beretta, Kaliber 22, die Gerhard in der Wohnung herumliegen hatte. Zwei Schüsse feuerte sie auf seinen Hinterkopf ab, aus weniger als zwanzig Zentimeter Entfernung. Gerhard kippte auf die Computertastatur. Sie hielt nun die Waffe gegen seine rechte Schläfe und drückte noch einmal ab. Als kein Blut mehr aus den Wunden kam, wusste sie: Gerhard ist sie los.
Estibaliz C. ließ ihn auf seinem Schreibtischstuhl sitzen und ging in die »Venus«. Bis gegen 19 Uhr verkaufte sie selbst gemachtes Eis in Waffeltüten. Dann ging sie zurück in die Wohnung, beschloss dort aber, erst einmal zu Simon zu fahren.
Eine Angestellte wird später aussagen, ihre Chefin sei an jenem Tag wie immer gewesen. Am nächsten Tag geht sie nur kurz in die Wohnung und deckt Gerhards Kopf ab.
Die Linzer Psychiaterin und Chefärztin Adelheid Kastner wird bei Estibaliz C. eine »kombinierte Persönlichkeitsstörung mit abhängigen, narzisstischen, histrionischen und dissozialen Komponenten« diagnostizieren. Der Kern ihrer Störung liege – neben dem fehlenden Selbstwertgefühl – in einer ausgeprägten Beziehungsstörung, die es Estibaliz C. unmöglich mache, sich in der direkten Konfrontation gegenüber Männern zu positionieren – oder gar durchzusetzen. Insbesondere mangele es ihr an der Fähigkeit, eine Beziehung auch mal gegen den Willen des Partners zu beenden. Der Ausweg aus diesem Dilemma sei für sie die Elimination des »Hindernisses«. Und sie verfahre dabei extrem angstfrei und kaltblütig.
Estibaliz C., allen nur als zierliches, hilfs- und anlehnungsbedürftiges Persönchen bekannt, macht sich mit einem bemerkenswerten Pragmatismus ans Werk.
Wohin mit Gerhard? Zwei Tage sitzt er schon hier. Er ist fast zwei Meter groß und adipös. Den Körper mit Alkohol übergießen und anzünden? Einen Versuch ist es wert. Doch Gerhard brennt nicht. Er qualmt bloß fürchterlich. Bis in den Flur zieht der Rauch. Als die Feuerwehr klingelt, öffnet Estibaliz C. die Tür nur einen Spalt breit und berichtet von einem Malheur beim Kochen. Die angekokelte Leiche, die hinter ihr auf dem Stuhl sitzt, sieht niemand. Sie übergießt Gerhard mit Wasser. Aber nun vermischt sich das Wasser mit dem Blut. Sie fährt erst mal wieder zu Simon, und als sie das nächste Mal das Haus betritt, schlägt ihr schon im Treppenhaus heftiger Verwesungsgeruch entgegen. Es ist in Wien schon ziemlich warm für den April.
Was tun gegen den Geruch? Estibaliz C. beschließt, den toten Gerhard in der Tiefkühltruhe neben dem Computertisch einzufrieren. Aber wie kommt er dort hinein? Sie geht in einen Baumarkt und kauft einen kleinen Hydraulikheber. Doch er bricht unter dem Gewicht zusammen. Zurück in den Baumarkt. Aber auch mit einem stabileren Modell gelingt es ihr nicht. Nun kauft sie eine Kettensäge und lässt sich vom Verkäufer in aller Ruhe deren Handhabung erklären. Der wünscht ihr zum Abschied einen Schutzengel.
Fünf Tage nach dem Mord streift sich Estibaliz C. Gummihandschuhe über. In einen Menschen zu schneiden, sei der »blanke Horror«, schreibt sie später in einer Art Autobiografie. »Die knirschenden Geräusche beim Zerteilen, wenn das Sägeblatt die Knochen erreicht, das viele Blut, der Gestank« hätten sie immer wieder gezwungen, »mit dem Arbeiten« aufzuhören. Immer wieder muss sie an die frische Luft. Aber irgendwann sind alle Teile in der Tiefkühltruhe.
Was tun mit dem Verwesungsgeruch in den Möbeln und den Tapeten? Eine Nachbarin hat schon gefragt, ob sie Fisch zubereite. Estibaliz C. greift zu Raumspray. Und das Blut, das Fettgewebe und die winzigen Fleischreste, die beim Zerteilen über den gesamten Raum verteilt wurden? Sie putzt und putzt. Jeden Tag nach der Arbeit geht sie in die Wohnung. Wochenlang, den ganzen Sommer über.
Gerhards Familie geht indessen davon aus, dass er wieder in Deutschland sei oder in einer Sekte in Indien. Dass er sich nicht meldet, wundert sie nicht, der Kontakt war nie besonders eng. In Wien erzählt Estibaliz C., er sei abgehauen. Sie selbst arbeitet tagsüber weiter in der »Venus«. Nachts ist sie bei Simon.
Simon ist ein Sensibelchen, sogar ein wenig hypochondrisch, aber sie hat ja Freude daran, für ihre Männer da zu sein. Vielleicht ist er nicht so stark wie Gerhard, aber klug und einfühlsam. Bei ihm fühlt sie sich geborgen. Schon am Abend nach den Schüssen hatte sie sich an ihn geschmiegt. Sie durfte ein wenig weinen und musste ihm nicht mal sagen, warum.
Ja, mit Simon hätte sie gern ein Kind.
Doch im Herbst taucht das nächste Problem auf: Estibaliz C. muss die Wohnung räumen, weil das Haus grundsaniert werden soll. Wieder die Frage: Wohin mit Gerhard? Sie macht sich schlau: Im Keller unter dem Eissalon gibt es ein ungenutztes Abteil, Nummer 6. Diesmal lässt sie sich im Baumarkt das Grundrezept für Beton erklären. Zu Hause zieht sie Handschuhe an und öffnet die Kühltruhe. Sie packt die Leichenteile in Müllsäcke und trägt sie nach und nach in einem Eimer in das Kellerabteil. Dort legt sie die Säcke in Blumentöpfe oder in die kleinen ausrangierten Eisbehältnisse aus ihrer Eisvitrine und übergießt sie mit Beton.
Der Kopf und ein Teil des Torsos sind allerdings auf dem Boden der Tiefkühltruhe festgefroren. Sie beschließt, den ganzen Kasten mit Beton aufzufüllen. Anschließend bezirzt sie einen Bekannten, ihr die Truhe in den Keller zu tragen. Er bringt einen Freund mit. Die Männer stellen neugierige Fragen, weil die Truhe extrem schwer ist. Der behinderte Sohn eines Bekannten habe Beton in die Truhe gefüllt, erklärt ihnen Estibaliz. Sie wolle das Beweisstück aufbewahren und möglicherweise auf Schadensersatz klagen. Sie wirkt so unbeholfen und süß, dass die Männer ihr glauben. Und damit ist Gerhard endgültig aus ihrem Leben.
Jürgen
September 2010. Jürgen liegt im Krankenhaus. Der Darm.
Jürgen war zurückgekehrt. Damals, vor zweieinhalb Jahren, war er nach fünf Monaten verschwunden. Der Mann, der Estibaliz so verzaubert hatte. Wie schön sie doch sei, hatte ihr der Handelsvertreter für Eismaschinen damals gesagt, als er sie in der »Venus« besucht hatte, da hatte es mit Gerhard schon gekriselt. Und dabei hatte er ihr tief in die Augen geschaut. Er hatte ihr Modeschmuck und Blumen mitgebracht. Jürgen war charmant, redegewandt, hilfsbereit. Ein Macher und Vollblutkaufmann. Vierundvierzig Jahre alt, 1,90 Meter groß, schlank, sehr markante, sehr männliche Gesichtszüge. Was andere vielleicht als Machogehabe empfinden würden, fand sie stark und selbstbewusst. Sie war am Boden zerstört, als er damals gegangen war. Aber nun stand er plötzlich wieder vor ihr in der »Venus«. Auf einen wie ihn hatte sie sehnsüchtig gewartet.
Von Simon hatte sie sich getrennt, Anfang 2009, weil auch er keine Familie mit ihr gründen wollte. Wieder war sie enttäuscht, wieder fühlte sie sich missbraucht. Doch diesmal kam sie aus der Beziehung heraus, ohne sich behaupten zu müssen. Simon klammerte nicht, er ließ sie einfach gehen. Und bald hatte Estibaliz C. wieder Sternderl in den Augen vor Glück. Jürgen war zurück!
Sie haben eine Wohnung im Viertel bezogen, zwei Zimmer, 63 Quadratmeter, 400 Euro kalt. Estibaliz C. hat ihr Aussehen nach seinen Vorstellungen verändert. Vollere Lippen, weniger Falten, strafferer Körper. Sie hat auf dem Hometrainer ihren Po trainiert und sich Botox und Hyaluronsäure spritzen lassen, auch wenn sie damit ihrer Meinung nach erst einmal vier Wochen lang nuttig ausgesehen hat. Und sie trägt ihr ehemals dunkles Haar jetzt honigblond.
Jürgen ist in den Eissalon eingestiegen, mehr als 100 000 Euro hat er in neue Geräte und eine Renovierung investiert. Der Eissalon heißt inzwischen »Schleckeria« und ist feiner geworden, es gibt nun auch Tee, Gebäck und Pfefferminzeis. Jürgen packt mit an. Die Nachbarn erleben ihn zwar als laut, aber auch als fleißig und charmant. Ein Frauentyp. Und einer mit viel Ahnung vom Eisgeschäft. Tatsächlich läuft der Laden besser.
Aber jetzt hat Jürgen Durchfall. Es geht ihm so dreckig, dass er ins Spital muss. Am Vortag hat »Esti« Kartoffelgulasch für ihn gekocht. Zuvor hat sie gegoogelt: nach Giftpflanzen, Giftgehalt und Tod. Sie hat auch Pflanzensamen bestellt. Später wird sie aussagen, sie habe sich selbst das Leben nehmen wollen.
Die Gedanken sind wiedergekommen. Sie seien einfach so mächtig, dass sie ihnen ausgeliefert sei, wird Estibaliz C. später behaupten. Sie wird mutmaßen, dass sie wohl mit ihrer Kindheit zu tun haben, die sie selbst wie folgt beschreibt: Sie war fünf, als ihre Eltern mit ihr von Mexiko-Stadt nach Barcelona zogen. Sie war immer ein braves, stilles Kind, ein anderes durfte sie nie sein. In Mexiko hatte die Familie in einem großen Haus mit Garten gelebt und zur Mittelschicht gehört. Der Vater schrieb dort für große Magazine. In Spanien hingegen musste er für Frauenzeitschriften und Esoterikblätter über paranormale Phänomene, Inkas und Azteken schreiben, um die Familie durchzubringen. Er war sehr frustriert. Es musste absolute Ruhe herrschen in der kleinen Wohnung, sonst beschimpfte er die Mutter. Estibaliz’ Vater war sehr dominant. Und ihre Mutter ordnete sich stets seinen Wünschen unter. Die Frau, die meinte, völlig unattraktiv zu sein, war dem Vater unendlich dankbar, dass er sie überhaupt geheiratet hatte. Unterwürfigkeit wurde Estibaliz von klein auf vorgelebt.
Auch traumatisiert sei sie, sagt Estibaliz C. Das Haus der Familie sei in Mexiko von Soldaten gestürmt worden, weil der Vater regierungskritische Artikel geschrieben habe. Zudem hätten Männer dreimal versucht, sie zu entführen. Später in Spanien sei sie auch mehrmals vergewaltigt worden, wobei sie sich nie getraut habe, auch nur Nein zu sagen.
Was an ihren Schilderungen wahr ist, können auch Psychiater nicht wirklich beurteilen. Aber so geht die Geschichte, die Estibaliz C. von sich erzählt: Männer sind die Herrscher, sie muss ihnen untertan sein. Sie tun ihr furchtbares Leid an, aber sie darf sich nicht wehren. Sie ist ein hilfloses, gefangenes Opfer.
Einen Ausweg habe sie seit ihrer Kindheit nur in der Welt ihrer Fantasie gesehen. Und dazu habe schon immer ein Mann gehört, der sie rettet. Und ein Kind, für das sie das wichtigste Wesen auf der Welt sein würde. In ihren Gedanken und Tagträumen habe sie sich vorgestellt, wie schön das Leben sein könnte, ein Mann, ein Kind. Aber genauso habe zu den Fantasien auch eine andere Vorstellung gehört: dass sie störende und enttäuschende Menschen einfach aus ihrem Leben verschwinden lässt.
Jürgen wird aus dem Spital entlassen. Die Ärzte haben ihn wieder hingekriegt. Aber keiner kann sagen, was die Ursache seines bedrohlichen Brechdurchfalls gewesen ist. Estibaliz C. wird später abstreiten, dass sie ihn vergiftet habe. Und tatsächlich wird man keine verdächtigen Spuren in seinem Magen finden.
Allerdings hat auch Jürgen sie enttäuscht. Er hatte nach seiner Rückkehr gesagt, dass auch er nun ein Kind mit ihr wolle. Und Estibaliz hatte ihm geglaubt. Wie oft hat sie sich schön für ihn gemacht, seine Lieblingsspeisen gekocht, sich bemüht, es ihm noch mehr recht zu machen. Doch Jürgen zog sich immer weiter zurück, sie langweilte ihn mit ihrer Untertänigkeit. Er will Frauen erobern, keine, die sich ihm unterwerfen. Er hat offenbar bereits solche Frauen gefunden. Die SMS, die Estibaliz C. in seinem Handy entdeckt hat, sind eindeutig.
Und jetzt kreisen wieder die Gedanken.
Im Oktober erzählt Estibaliz C. einer Freundin, sie überlege, mit Jürgen in die Berge zu fahren und ihn dort in den Abgrund zu schubsen – und es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Alternativ denke sie darüber nach, ihn zu erschießen oder zu erstechen. Vorher müsse er aber eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten abschließen.
Esti macht Spaß, denkt die Freundin.
Am 15. Oktober liest Estibaliz C. online einen Artikel: »Killing Is Easier than You Thought«.
Am 16. Oktober googelt sie »Vermisste« und »Testament«.
Mitte November geht Jürgen für ein paar Tage auf Dienstreise. Estibaliz C. besorgt sich eine neue Kettensäge im Baumarkt. Sie wählt das Modell, das sie schon mal gekauft hat. In einem Baustoffhandel lässt sie sich abermals erklären, wie man Beton am besten anrührt. Der Kundenbetreuer rät ihr, eine Bohrmaschine mit einem Quirl zu verwenden. Unter dem Namen »Maria Gonzalez« erwirbt Estibaliz C. zwölf Säcke »Baumit Speed-Estrich«, er soll ihr am nächsten Tag in die »Schleckeria« geliefert werden. Betondichtmittel, ein Wendelrührset, eine Schlagbohrmaschine nimmt sie gleich mit.
Anschließend geht sie in den Keller. Dort liegt noch Gerhards alte Beretta.
Wien, in der Nacht vom 21. auf den 22. November 2010. Am Abend geht das Paar Punsch trinken im Museumsquartier. Jürgen ist gut drauf, er trinkt viel Glühwein und schaut anderen Frauen nach. Estibaliz C. ist eifersüchtig. Gegen 23 Uhr sind sie wieder zu Hause, diskutieren über die Spannungen zwischen ihnen. Jürgen gibt schließlich zu fremdzugehen, will sich aber definitiv nicht trennen.
Estibaliz C. wartet, bis er eingeschlafen ist. Dann kleidet sie das komplette Schlafzimmer mit Handwerkerfolie aus und schießt. Viermal feuert sie auf seinen Hinterkopf und auf seine Schläfe. Keiner der Nachbarn ruft die Polizei. Das Mietshaus liegt nicht in der feinsten Gegend.
Estibaliz C. übernachtet auf der Couch. Am nächsten Morgen erledigt sie zunächst die Büroarbeiten im Eissalon, dann kauft sie neue Schutzfolie und zerstückelt die Leiche. Die Teile packt sie in Plastiksäcke und den Torso in einen Trolley. Anschließend fährt sie alles mit dem Auto zum Eissalon und lagert die Tüten in einer leeren Gefriertruhe im Hinterraum der »Schleckeria«. Diesmal geht alles ganz schnell, die wenigen Spuren sind flott weggewischt. Für das Einbetonieren reicht die Zeit allerdings nicht mehr. Denn Estibaliz C. will am Abend ausgehen.
Roland
Roland R., 1,90 Meter groß, vierzehn Jahre älter als sie, hat angerufen, als sie gerade Jürgen zerlegt. Der Kaufmann arbeitet in einem Großhandel für Speiseeisprodukte als Verkaufsleiter. Schon seit dem Sommer flirtet sie mit ihm. Er ist eher ein ruhiger, weicher Typ, kein wirklicher Macho. Aber er hat diese adelige Nase, diese ausdrucksvollen Augenbrauen, diese eleganten Hände. Er riecht gut und hat eine tiefe, kräftige Stimme.
Sie gehen ins Café »Cobenzl«. Estibaliz C. ist fröhlich und aufgedreht an diesem Abend.
