5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €
Die Erde, wie sie zur zweiten Jahrtausendwende war, existiert nicht mehr. Die Menschheit ist explodiert und nun, knapp hundert Jahre später, vegetieren vierzehn Milliarden Menschen auf einem Planeten, der für sie nicht ausreichend ist. Die Nachrichten werden von Gewalt, Krankheit und Tod beherrscht. Berichte über Wassermangel und Hygieneengpässen machen Bildern von brutaler Gewalt und grauenvollen Unruhen Platz. Jedes Land ist heillos überfordert, denn die Menschen brauchen Wohnungen, Essen und vor allem Wasser. Die Welt droht an ihren eigenen Bewohnern zu ersticken. Inmitten des drohenden Untergangs steht Olivia. Vertrauen ist für sie nur ein Wort, Freundschaft kaum noch existent. Und dennoch muss sie sich in ihrer dunkelsten Stunde auf Fremde verlassen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 601
Veröffentlichungsjahr: 2022
1. Auflage, 2022
© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11, 72827 Wannweil
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Michaela Harich
ISBN: 9783945814888
© Cover- und Umschlaggestaltung: Juliana Fabula | Grafikdesign – www.julianafabula.de/grafikdesign
Unter Verwendung folgender Stockdaten: shutterstock.com: Yuri Shebalius; Textures and backgrounds; Pawel Radomski; Aleshyn_Andrei; pamas; diversepixel; F-Focus by Mati Kose; A-Star; Traveller Martin; Tish11; swatchandsoda; Igor Vitkovskiy
Lizenzen Bildrechte Impressum:
Rudzhan
Christoph Kadur
Iri.Art
Illustrationen von MarekBlahaART
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Überlebenstipp Nr. 123
Spiele nicht den Helden!
Versuche nicht, gut auszusehen, indem du dein eigenes Leben riskierst und dabei draufgehst. Davon hast du am allerwenigsten etwas.
Überlebenstipp Nr. 155
Reise mit leichtem Gepäck!
Nicht nur bei Flug- oder Zugreisen ist das immer eine gute Idee, weil günstig, nein, auch in Situationen, in denen es um Überleben geht, ist das angebracht. Mit leichtem Gepäck kannst du eher fliehen und bist nicht so schnell erschöpft!
„Selten bricht eine Katastrophe herein, ohne ihre Vorboten vorauszuschicken.“
Raymond Radiguet
Olivia Becker rechnete jeden verdammten, einzelnen Tag damit, zu sterben. Ihr Leben war surreal, ein Witz in Anbetracht der Umstände. Auf dem Planeten Erde lebten vierzehn Milliarden Menschen und Platz, Wasser und Nahrung waren mehr als nur Mangelware. Die Welt verhöhnte sie, ganz einfach. Anders war das alles nicht zu erklären. Jeden Tag die gleiche Eintönigkeit zwischen viel zu viel Dreck und Unmengen an Gewalt. Wie konnten die Menschen das alles nur aushalten? Warum tat denn niemand etwas dagegen? Olivia schloss die Augen und dachte an Sonnenschein, Vogelgezwitscher und einem lauen Wind, der durch ihr geöffnetes Fenster wehte und die Gardine aufbauschte. Also an so viel bessere Zeiten! Sie betrachtete in Gedanken den Weg der Wolken am Himmel, folgte dem Kondensstreifen eines Flugzeugs, der sich am Horizont verlor, und gelangte damit unweigerlich zu der Aussicht auf die Stadt, die Olivia hatte vermeiden wollen. Fast wäre es ihr gelungen, in das Trugbild der heilen Welt einzutauchen. Sie öffnete die Augen und strich sich seufzend eine Strähne hinter das Ohr. Nun sah sie den Kränen dabei zu, wie diese Material auf die Großbaustellen der Hochhäuser hievten, hörte Feuerwehrsirenen und roch den Rauch, der seit einigen Tagen über dem Ort lag. Düsternis, kein Sonnenschein. Rauchschwaden, die Asche regnen ließen. Keine weißen Wolken. Alles war trübe und grau.
»Alles beim Alten …«, murmelte sie und schloss das Fenster, bevor ihr Zimmer den Geruch nach Verbranntem annahm und sich überall kleine Aschepartikel niederließen. Olivia setzte sich ein Baseball-Cap auf die Haare und zog die Regenjacke bis oben hin zu. Danach schulterte sie den Rucksack und verließ ihr Zimmer. Jeden zweiten Tag der gleiche Ablauf. Ein eingeübter Trott, damit alles reibungslos funktionierte. Und das tat es. Nie fiel jemand aus seiner Rolle, nie geschah etwas, was nicht hätte passieren dürfen. Aus Trotz oder Dummheit sprang Olivia die letzten drei Stufen runter, stolperte und stützte sich an der Wand ab.
Also, fast niemand.
Ihre Eltern standen in dem gleichen Aufzug vor der Tür, den auch sie trug. Sie sahen sich kurz an. Rainer, ihr Vater, trug einen gelben Regenmantel, den er mit brauner Farbe dunkler gemacht hatte. Ihre Mutter, Theresa, steckte in einem großen, blauen Overall. Sie hatte die Hosenbeine umgekrempelt und trug auf dem Kopf eine Wollmütze, unter der sie ihre blonden Haare versteckt hatte.
»Wir machen es wie immer. Der Großbrand ändert nichts. Liv, du fährst den Kombi, wir den Transporter. Hin und weg, ohne aufzufallen.«
Theresa nickte. »Heute muss es schneller gehen. Wahrscheinlich kommt nachher noch eine Gruppe.«
Olivia griff sich die Schlüssel des Kombis – wieder eine Angewohnheit, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Ihre Eltern und sie wechselten erneut einen kurzen Blick, dann riss Rainer die Tür auf und sie rannten zu ihren Autos.
Die Einkaufshalle, die ihre Eltern für diesen Tag ausgesucht hatten, lag etwas abseits. Olivia folgte einem alten Feldweg, rumpelte durch einen ausgetrockneten Tümpel, nur um von hinten an die mit Graffiti besprühte Halle zu gelangen. Zweimal blieb sie beinahe stecken. Verhalten fluchte sie und wünschte sich, sie könnten sich wie früher auf normale Weise Lebensmittel besorgen. Ihr Vater war an der ersten Abzweigung abgebogen, er fuhr von der anderen Seite heran. Ab jetzt war Liv auf sich allein gestellt. Eine graue Wolke verdeckte noch immer die Sonne, nur am Horizont konnte Liv erahnen, dass Mittag war und der Himmel eigentlich blau. Der Ascheregen hatte nachgelassen. Hoffentlich verzogen sich diese elendigen Schwaden wieder. Die Brände mussten doch einfach mal gelöscht sein und der Rauch sich verzogen haben. Rückwärts parkte sie vor dem ehemaligen Lieferanteneingang.
Mit einem gezielten Griff zog Liv die Brechstange unter dem Sitz hervor. Sie stieg aus, stellte sich vor die Heckklappe und sah sich kurz um. Trotz der ungewohnten Umgebung blieb ihr Puls ruhig, ein klein bisschen langweilte sich Liv sogar. Es war doch auch hier immer das Gleiche. Rein, was holen, raus, heimfahren. Nichts geschah, was nicht vorgesehen war. Als hatten ihre Eltern schon im Vorfeld alles verbannt, was nicht hergehörte. Olivia holte tief Luft, besann sich ihrer Aufgabe und wechselte in den Überlebensmodus. Es hatte eine Weile gedauert, aber mittlerweile konnte sie problemlos zwischen diesem speziellen Zustand und dem „Ich bin immer noch sechszehn und will den ganzen Tag nörgeln“-Modus wechseln. Olivia wusste, dass sie kein Kind sein durfte, wenn sie unterwegs waren. Liv musste hart sein, wissen, was sie tat. Sie war gezwungen gewesen, erwachsen zu werden, schnell, obwohl sie nicht mal genau wusste, was das bedeutete. Langsam beobachtete sie ihre Umgebung, achtete auf alles, was hier und jetzt nicht an diesen Ort gehörte. Braune Büsche, ein noch intakter Maschendrahtzaun, in dem sich eine Zeitung verfangen hatte. Rechts sah sie die Wand der Kaufhalle. Auf den gestapelten Müllsäcken lag altes Laub, leere Dosen und Ratten huschten dazwischen umher. Eine Erklärung für die raschelnden Geräusche, die ihre Aufmerksamkeit geweckt hatten. Ansonsten war alles ruhig. Sie sollte hier nicht rumstehen, sondern sich an den Plan halten.
Olivia öffnete die Heckklappe des Autos und kletterte schließlich zu der Hintertür der Einkaufshalle, die etwas erhöht lag, damit früher die LKWs besser ranfahren und abladen konnten. Ein Schild hing schief daran und erinnerte an Recht und Ordnung der alten Zeit: „Widerrechtlich parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt“. Nach einem Blick über die Schulter und einem nachlässigen Achselzucken – dass sie widerrechtlich parkte, war mehr als offensichtlich – setzte sie die Brechstange an, hebelte die eine Hälfte der Tür auf und verschwand in der Dunkelheit dahinter.
Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Schwärze gewöhnt hatten. Mit der linken Hand zog sie die kleine Taschenlampe aus der Hosentasche und schaltete diese an. Sie flackerte ein paar Mal, leuchtete dann aber auf. Im ersten Augenblick erkannte Olivia gar nichts, bis der Lichtstrahl über eine Palette streifte.
»Jackpot!«, flüsterte sie und musste unwillkürlich grinsen. So viel Wasser hatten sie schon lange nicht mehr gefunden. Vielleicht fiel ja etwas zum Haare waschen ab. Schnell leuchtete sie den Rest des überraschend kleinen Lagerraumes aus. Fast leere Regale, in einer Ecke lag ein riesiger Müllberg. Olivia rümpfte die Nase. Rechts davon ging ein Flur ab. Die restlichen Paletten waren aufgerissen, auf einer standen Limonadenflaschen. Liv schmatzte und schluckte den Speichel runter, der sich bei dem Anblick in ihrem Mund bildete. Allerdings durfte sie die nicht nehmen. Je süßer das Getränk, desto größer war der Durst, desto mehr wollte man trinken. Und übermäßiger Durst bedeutete mehr Touren. Innerlich bedauerte sie den Verlust der Limonade, denn das war etwas, dass es seit Jahren nicht mehr gegeben hatte. Limo war fast schon ein Luxusgetränk und wahrscheinlich würden andere dafür töten. Beinahe glaubte Liv, den Geschmack der süßen Flüssigkeit auf ihrer Zunge zu spüren. Das feine Kribbeln der Kohlensäure, der Zucker, der durch ihre Adern rauschte. Unbewusst tat sie einen Schritt darauf zu. Wäre eine Flasche wirklich verkehrt? Draußen klirrte etwas, Ratten fiepten und Liv wandte sich schnell dem Wasser zu, bevor sie doch in Versuchung geriet. »Du gehörst auf jeden Fall mir!« Es zu sagen, hieß nicht, dass die Limo einfach verschwunden war. Es kostete Liv unglaubliche Kraft, ihre Gedanken auf das Wasser zu richten und sich erstmal darum zu kümmern.
Mit ein paar Handgriffen hatte Olivia die andere Hälfte der Hintertür ebenfalls geöffnet und kletterte die kleine Mauer runter zu ihrem Auto. Sie fuhr den Kombi noch weiter rückwärts an die Rampe und fing an, einen Sechserpack Wasser nach dem anderen ins Auto zu laden. Es knirschte und senkte sich, aber Liv hörte erst auf, als die letzte Flasche einen Platz gefunden hatte. Sie nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ein Blick in den Himmel verriet ihr, dass die dunkle Wolke aus Ruß und drohendem Regen immer noch über ihnen hing, aber dennoch drückte die Wärme auf die Straße.
Gerade als sie wieder in das Auto steigen wollte, fiel ihr Blick auf die noch immer geöffnete Hintertür. Ob sie sich noch einmal umsehen sollte? Wer wusste schon, was in den Lagerräumen noch alles herumstand. Im Kombi war zwar kein Platz mehr, aber der Rucksack war komplett leer.
Nur mal nachsehen, was es noch zu holen gibt. Olivia wusste, dass die Ausrede schlecht war. Ihr Herz pochte lauter und das lag nicht daran, dass sie Angst spürte. Mit einem Rundumblick vergewisserte sich Olivia, dass sie noch immer alleine war, schloss die Wagentür und verschwand mit einem Grinsen abermals in der Kaufhalle.
Je weiter Olivia in die Dunkelheit eindrang, desto schwerer fiel es ihr, außerhalb des Lichtkegels der Lampe etwas zu erkennen. Noch immer flackerte diese ein wenig und Liv befürchtete, dass die Batterien langsam den Geist aufgaben. Eine Pinnwand mit Dienstplänen, kommenden Sonderangeboten und einem Putzplan war im Licht erkennbar. Offensichtlich war sie in den Räumen der Mitarbeiter gelandet. Und Angestellte besaßen Spinde, in denen sie etwas aufbewahrten, was Liv vielleicht jetzt gebrauchen konnte. Möglicherweise würde sie ja auch noch einen Verbandskasten finden. Das wäre quasi ein Hauptgewinn!
Olivia bog in den kleineren Gang ab, von dem rechts und links jeweils eine Tür wegführte. Sie warf einen Blick zurück, lauschte und wartete, doch alles blieb dunkel und ruhig. Hin und wieder klapperte etwas am Eingang, in der Ferne erklangen Sirenen. Olivia richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Türen. Auf den ersten Blick sahen sie gleich aus. Ganz normale Türen eben. Weiß, etwas schmutzig vom Alltagsgebrauch. Das Metall der Türklinken war angelaufen und in Blickhöhe waren Klebestreifenreste erkennbar. Nur der dunkle Handabdruck auf der rechten Tür, über den das stärker flackernde Taschenlampenlicht geglitten war, ließ Liv kurz stocken. Sie wollte absolut nicht wissen, woher er kam! Bei seinem Anblick hatte Olivia kein gutes Gefühl. Aus diesem Grund öffnete sie die gegenüberliegende Tür und machte sofort einen Schritt in den Raum hinein. Sie keuchte und presste sich einen Ärmel vor Mund und Nase. Abgestandene Luft und der Geruch nach Exkrementen schlug ihr entgegen. Liv schlug gegen die Taschenlampe, die kurz schwarz wurde, dann aber wieder hell strahlte. Hier und jetzt kein Licht zur Verfügung haben wäre schrecklich und Liv konnte getrost drauf verzichten. Etwas mutiger tat sie noch einen kleinen Schritt in den Raum. Dann ging die Lampe endgültig aus.
»Scheiße!« Olivia schüttelte sie, klopfte erneut dagegen. Die Lampe flackerte, leuchtete auf und erlosch wieder. In dem kurzen Aufleuchten hatte Liv eine Matratze erblickt, leere Dosen in denen Löffel steckten. Liv fing an zu schwitzen. Es war nicht ihr erster Ausflug dieser Art, doch war sie zuvor noch nie auf einen anderen Menschen gestoßen. Ihr eigener Herzschlag dröhnte laut in den Ohren. Ganz langsam trat sie den Rückzug an. So viel zum Thema Langeweile und nichts Außergewöhnliches! Hinter ihr klapperte es wieder am Eingang, etwas kratzte über den Boden.
»Wo wollen wir denn hin, Schnucki?« Eine kratzige Stimme schlich sich aus der Dunkelheit an, die sich wie altes Fritteusenfett auf ihre Haut legte. Schmierig, ölig. Liv unterdrückte einen Würgereiz. Sie lief langsam einen Schritt nach dem nächsten nach hinten, versuchte in der Dunkelheit den Sprecher auszumachen, hörte aber nur rasselnden Atem.
»Bleib doch ein wenig, Süße. Auf meiner Matratze ist Platz für uns beide.« Heiseres Lachen folgte auf diese ekelhafte Vorstellung und Olivia rannte los. Scheiß auf den Verbandskasten, dachte sie. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper, angetrieben von Ekel und der Befürchtung, sich näher mit dieser Person auseinandersetzen zu müssen.
»Langsam, Schätzchen. Hier ist für uns beide genug Zeug da. Wir können zusammen ein bisschen Spaß haben, du süßes Kätzchen. Ich spiele gerne Spiele. Du auch?«
In Gedanken verfluchte Olivia sich selbst. Die Brechstange lag auf ihrem Platz im Kombi. Hatte die Langeweile Olivia schon so derart eingelullt, dass sie tatsächlich ohne Waffe in eine dunkle Kaufhalle gegangen war? Verkümmerte ihr Überlebensinstinkt im ewigen Kampf um Nahrungsmittel? Hinter sich hörte Liv Schritte. Sie hoffte, über nichts zu stolpern, als sie sich noch mehr beeilte, aus dieser verkackten Situation zu entkommen. Raus aus dieser Horrorkaufhalle! War sie auf dem richtigen Weg? Am Ende des kleinen Flurs wand sie sich spontan nach links und konnte endlich die offene Tür der Lagerhalle sehen. Erleichterung stieg in ihr auf. Nur noch ein bisschen, dann hatte sie es geschafft. Ihr Rucksack schlug auf ihren Rücken. Ihr schmerzten die Waden von den schweren Stiefeln und der Schweiß klebte ihr das Shirt an den Körper. Zum schnellen Abhauen war dieser Aufzug nicht geeignet. Darüber musste sie mit ihrem Vater reden.
»Nicht so schnell, Schätzchen! Unser Spiel ist noch nicht vorbei!«
Etwas rammte sie mit voller Wucht von der Seite, der Mief von Urin legte sich auf ihre Zunge und ließ Liv würgen. Sie knallte mit der linken Schulter zuerst auf den Boden, bevor sie hart mit der Hüfte aufschlug. Der Gestank nach Exkrementen und altem Schweiß umhüllte sie wie eine Decke, bevor sich der Sprecher von ihren Beinen an auf sie zog. Liv drehte den Kopf zur Seite und schluckte Galle runter. Der Fremde presste sich an sie, sein feuchter Atem strich über ihre Wange. Sie presste ihre Lippen zusammen, spannte sich an und begann gegen den Angreifer zu drücken.
»Verpiss dich, du Wichser!« Olivia trat um sich, verfehlte jedoch ihr Ziel und rammte ihm ihr Knie an den Oberschenkel. »Verschwinde, oder ich bring dich um!« Was sie natürlich nicht tun würde. Dieser Kerl war so ekelerregend und in ihrer Panik fragte sich Liv, ob sie auch irgendwann so enden würde. Die Abgeranztheit ekelte sie derart an, dass sie wieder und wieder den Würgereiz unterdrücken musste. Sie keuchte, die Kappe rutschte ihr über das Gesicht. Unwirsch griff sie nach dem Schirm und schlug dem Kerl die Mütze ins Gesicht.
»Nicht doch. Du tust dir nur selbst weh, Schätzchen!« Er strich mit schwieligen Fingern über ihre Wange, griff in ihre Haare und roch daran. »Ob du so gut schmeckst, wie du riechst?«
»Halt die Fresse! Geh von mir runter!«, spuckte Olivia angewidert aus.
Wieder dieses heisere Lachen. Das Licht, das durch die geöffnete Tür hineinfiel, reichte nicht aus, um ihr die Sicht auf den Mann zu ermöglichen. Er packte ihre Handgelenke, drückte sie über ihrem Kopf auf den Boden, so dass ihre Arme schmerzhaft nach hinten und oben gedreht wurden. Mit seiner anderen Hand glitt er zu ihrer Brust hinunter.
Olivia wand sich unter ihm und wehrte sich, so gut es ihr möglich war, aber der Mann war stärker, als er den Eindruck machte. Der Rucksack drückte unangenehm im Rücken, irgendwas pikste sie in die Rippen. Liv spuckte dem Mann ins Gesicht.
»Oh ja, wir werden unseren Spaß miteinander haben!«
»Das kannst du gleich vergessen«, erklang die Stimme ihres Vaters über ihnen. Noch nie war Olivia so erleichtert gewesen, diese zu hören. Das Gewicht des Widerlings verschwand von ihr. Olivia sprang auf und rannte zur Tür. Ihr Herz drohte aus der Brust zu springen, schmerzhaft schlug es wild, und zum ersten Mal seit langer Zeit zitterten ihre Hände. Sie wollte rennen, nur weg von hier. Sich waschen oder gleich im nächsten Fluss ertränken. Die Haut von den Knochen schrubben. Vor der Einkaufshalle stützte sie sich auf die Knie und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Alles in ihr zog sich zusammen, ihr schmerzte der Magen und der Hals, aber das Würgen hörte nicht auf. Liv spuckte aus und fuhr sich mit zitternden Fingern über die Stirn. Kalter Schweiß klebte an ihr.
»Fahr nach Hause, los!« Theresa gönnte ihr keine Erholung und scheuchte sie zum Auto. In der Halle schrie ihr Vater, dann der Penner. Kurz erschienen beide in der offenen Tür. Ihr Vater krallte sich in die zerrisse Jacke des anderen und hob die andere Hand, zur Faust geballt. Dann verschwanden sie aus dem Lichtbereich ins dunkle. Es polterte, ein dumpfer Aufprall erklang. Dann Stille. Olivia vernahm das leise Murmeln ihrer Eltern. Ohne sich umzusehen, verschwand Liv von der Einkaufshalle.
»Wann soll die Gruppe kommen?«, fragte Olivia.
Sie räumte den letzten Sechserpack Wasser in das leergeräumte Gästezimmer. Hier lagerten sie alles, was sie auftreiben konnten. Ein Regal war vollgestellt mit Konserven, ein anderes enthielt verschiedene Säcke mit Reis und Nudeln. Es gab leider mehr Lücken in den Vorräten, als gut war. Das Fenster hatte ihr Vater zugenagelt, damit hier niemand hereinkam, und nun hatten sie endlich wieder Wasser, wenn auch sicherlich nicht genug. Das ehemalige Wohnzimmer war für die Neuen vorbereitet, der Keller ebenfalls. Möbel existierten schon lange nicht mehr in dem Haus, außer in den Schlafzimmern. Im letzten Winter hatten sie viel davon verbrannt, um nicht zu frieren. Ein paar der Möbel hatte ihr Vater gegen Nahrung eingetauscht, aber der Wert der Einrichtung hielt nicht lange an. Irgendwann hatten ihre Eltern Sessel und Sofa einfach vor die Tür gestellt. Die Neuen schliefen im Haus einfach auf dem Boden, es gab eine Handvoll Decken und ein paar Kissen. Aber es war besser, als im Freien leben zu müssen, inmitten von Verrückten, die mit Sicherheit irgendeiner neureligiösen Bewegung angehörten. So retteten sich die Menschen vor dem Wahnsinn, meinte ihre Mutter. Sie schlossen sich einer Sekte an und glaubte an die Worte, nach denen diese Verbindung lebte, um sich nicht selbst mit dem Zustand der Menschheit und ihren Taten auseinandersetzen zu müssen. Die Welt hatte sich verändert und es gab Menschen, die diese Veränderung für sich selbst nutzten. Religiöse Fanatiker, die so dringend Anhänger suchten, dass sie diese einfach von der Straße mitnahmen. Was nicht immer auf Einverständnis beruhte. Die Menschen, die weder Haus noch Hof hatten, mussten sich verstecken. Im Dunkeln reisen, bei Fremden unterkommen, die Obdachlosen hatten es besonders schwer. Die Sekte hatte ihr Augenmerk auf die besonders verarmten unter ihnen gerichtet. Sahen in ihnen die Ursache für all das Leid und Übel, dass auf der Erde herrschte. Sie waren der Meinung, dass die Obdachlosen den Rest der Menschheit runterzog, schlechter machte, Elend und Krankheiten verteilten. Ihr Vater hatte einmal versucht, es in einfachen Worten zu erklären, bevor ihre Mutter ihn unterbrochen hatte. Liv waren die Worte nie aus dem Sinn gegangen und hatten eine tiefe Angst in ihrem Inneren vor der Sekte hinterlassen. Sie helfen, aber nur sich selbst. Alle anderen bringen sie um.
Ihre Mutter berührte vorsichtig ihren Arm. »Hörst du mir noch zu?«
»Entschuldige, ich …. Ja. Wann kommen sie?«
»Ich denke, in einer Stunde. Der Bote war nicht so genau, was die Zeit angeht. Kommt drauf an, wie sie die Menschen aus dem anderen Versteck rausbekommen oder ob Schwierigkeiten auftreten.« Ihre Mutter senkte leicht die Stimme. »Oder ob welche von denen in der Nähe sind.«
Liv hatte schon von den Boten gehört. Einzelne Personen, die die Sekten ausspionierten, um die Menschentransporte zu beschützten. Und um den sicheren Verstecken Bescheid zu geben, wann neue Schützlinge eintrafen. Es war ein Risiko, dass sie eingingen, denn so eine Information wollten natürlich auch andere haben.
»Was ist, wenn sie es nicht schaffen? Oder wenn sie nicht allein sind?«, fragte Liv. Sie wusste, wie wichtig der Zeitplan bei einem Wechsel war.
Theresa sah nachdenklich aus dem Fenster. »Dann machen wir das Beste daraus.« Sie lächelte ihre Tochter an, auch wenn der ausgemergelte Ausdruck um die Augen blieb.
Dass sie hier Wohnungslose aufnahmen, sahen nicht alle gern, aber Olivia fand es gut. Es fühlte sich richtig an, diesen Menschen mit einem Platz zum schlafen zu helfen. Rainer, Livs Vater, sagte immer, dass alles, was man selbst für andere tat, auf einen zurückfiel. Liv versuchte, das zu verinnerlichen, aber es fiel ihr nicht immer leicht. Helfen, ja klar, das sah sie sein. Aber um jeden Preis? Wann hörte das auf, dieses Versorgen, und wann fing die Aufopferung an?
»Sie kommen.« Rainer hatte sich das Blut von den Händen gewaschen, ein neues Shirt angezogen und eine fiese Schramme im Gesicht. Wahrscheinlich von dem Kampf in der Kaufhalle, den Olivia versucht hatte, anzusprechen. Auch die Falten waren tiefer geworden, und sie glaubte, das Leuchten in seinen Augen langsam sterben zu sehen. Er hatte sich geweigert, Liv zu sagen, was mit dem Penner geschehen war, aber sie konnte es sich auch so denken.
»Oh Gott… Liv geh, und mach das Gästebett in deinem Zimmer fertig, schnell!«
Olivia stand neben ihren Eltern vor der Tür. Im Halbdunkeln näherte sich eine Gruppe von mehr als fünfzehn Personen. Viel konnte man nicht sehen, die Straßenlaterne war schon lange kaputt. Olivia erkannte dreckige Gesichter, eingefallene Wangen und zerrissene Kleidung. Einige trugen Rucksäcke, manche hatten nichts anders als das, was sie an ihren abgemagerten Leibern trugen. Rainer eilte ihnen entgegen. Sie sprachen kurz, dann drängte er sie ins Haus.
»Liv, du hast gehört, was deine Mutter gesagt hat. Und häng die Fenster zu. Los, los!«
Als wäre ein Schalter umgelegt, stürmte sie nach oben, löste das Tischtuch an den Fenstern von den Haken, sodass es dieses komplett verdeckte. Das wiederholte sie im Elternschlafzimmer und im Bad. Dann zog sie die Matratze unter ihrem Bett vor, nahm Decke und Kissen aus dem Schrank und warf sie auf den Boden. Ein Ablauf, denn sie so oft noch gar nicht hatte machen müssen, und dennoch waren ihre Bewegungen routiniert.
Ein Geräusch ließ sie innehalten und Olivia lauschte. Gemurmel drang von unten zu ihr. Sie hörte ihre Eltern, verstand aber zu wenig. Langsam schlich sich Liv näher an die Treppe.
»… hinter ihnen her. Auf dem Rücken die schwarzen Hände. Du weißt, was das bedeutet!«, flüsterte Theresa eindringlich. Olivia konnte förmlich sehen, wie ihre Mutter die Hände knetete.
»Ich weiß, aber es ist nun mal, wie es ist. Wir sind hier sicher. Vertrau mir!« Rainer klang selbst nicht ganz überzeugt, aber seine Frau ließ sich offensichtlich beruhigen.
»Olivia?« Sie hörte, wie jemand die Treppe hochkam, und zog sich schnell in ihr Zimmer zurück. Was hatte das zu bedeuten? Dachte ihre Mutter, sie waren hier nicht sicher? Noch nie waren Mitglieder dieser Sekte in private Häuser gekommen. So, wie Olivia gehört hatte, schnappten sie Wohnungslose von der Straße. Warum auch immer. Vielleicht um sie zum Arbeiten zu zwingen. Vielleicht hatte diese Sekte irgendwo noch Felder, die bearbeitet werden mussten. Oder vielleicht wollten sie diese heruntergekommen Gestalten einfach nur von der Straße haben. Liv hatte keine Ahnung und überlegte sinnlos vor sich hin. Von unten wurden die Geräusche lauter. Sie hörte, wie ihre Mutter mit ruhiger Stimme auf jemanden einsprach, Fragen stellte und zwischendurch anscheinend auch eine Antwort bekam. Liv atmete tief durch und drehte sich dann zur Tür um. Ihre Mutter kam mit einem verwahrlosten Mädchen im Arm den kurzen Flur entlang und lächelte Olivia an. Die Kleine hatte strähniges Haar, große, dunkle Augen sahen viel zu ernst aus einem glatten Gesicht. Sie trug eine fleckige Jeans und ein Shirt mit etwas, was wohl mal Sterne gewesen sein mussten, vorne drauf. Ihr Gepäck bestand aus einem rosa Kleinkindrucksack, an den sie sich klammerte, als hinge ihr Leben davon ab. Was es im Grunde wohl auch tat.
»Das ist Marie, sie schläft heute Nacht bei dir. Unten ist es zu voll.« Theresa strich Marie über die fettigen Haare. »Wenn du was brauchst, frag Liv, meine Tochter.« Ihre Mutter sah sie eindringlich an, bis sie nickte. Ohne viele Worte zeigte sie dem Mädchen, das sicherlich noch keine sechszehn Jahre alt war, das Bad. Sie ließ die Kleine sich ein wenig frisch machen – so gut es mit den wenigen Mitteln, die sie hatten, ging und wartete im Zimmer auf sie. Wortlos zog Liv sich in ihr Bett zurück, zog die Decke bis zur Nase hoch und wartete, bis Marie ebenfalls unter ihrem Bettzeug lag, bevor sie das Licht löschte.
»Wie alt bist du?«, fragte Liv später, als beide im Dunkeln lagen und die Geräusche von unten verklungen waren.
»Zwölf. Und du?«
»Sechzehn. Wie lange seid ihr denn schon unterwegs?«
Die Matratze knarrte. Liv nahm an, dass Marie sich gedreht hatte.
»Vier Monate oder so. Vielleicht länger, vielleicht war es auch weniger. Irgendwann ist ein Tag wie der nächste, alles läuft gleich ab. Ich… ich hab keine Ahnung, hab irgendwann aufgehört, die Tage zu zählen. Unser Haus ist halt eines Tages einfach abgerissen worden. Einfach so. Da kam ein Kran. Ein riesiger, gelber Kran die Straße hochgefahren. Ganz langsam, so, als hätte er alle Zeit der Welt. Die Nachbarn kamen aus ihren Häusern und guckten einfach nur. Mama hat die ganze Zeit geweint und geschrien. Papa stand nur da und schüttelte den Kopf. Wir haben genommen, was wir in die Finger bekommen haben, und sind dann gerannt. Mama hat mich die ganze Zeit hinter sich hergezogen.« Sie schluchzte. »Diese Menschen, diese Gruppe mit diesen komischen Händen auf den Sachen, die waren überall. Einer hat den Kran gefahren. Ich weiß nicht, was die von uns wollen…«
Maries Weinen wurde lauter, heftiger. Liv fühlte sich unwohl, wusste nicht, wie sie jemanden tröstete, der alles verloren hatte. Helfen oder aufopfern? Das Einzige, was Liv einfiel, war lahm und total abgedroschen, aber sie sagte es dennoch, weil ihr nichts anderes in den Sinn kam.
»Keine Sorge. Bei uns bist du sicher.«
Mitten in der Nacht wurde Olivia von Schreien geweckt. Sie bekam keine Luft, ihr Herz raste. Panik hielt sie fest im Griff. Liv hatte geträumt. Ein Haus, ein Kran und Schreie. In ihrem Traum war sie noch in einem Haus gewesen, als die Kranschaufel die erste Wand einriss. Staub und Dreck legten sich auf sie und drangen in ihre Lunge ein. Olivia versuchte, Luft zu holen. Jemand schüttelte sie und hielt ihr den Mund zu.
»Sei still! Sie sind da.« Ihr Vater zog sie hoch, drückte sie an sich. Olivia spürte seinen wilden Herzschlag an ihrer Wange, fühlte das Zittern der Hände, die über ihren Rücken strichen. Nur schwer konnte sie sich beruhigen. Bevor sie fragen konnte, was los war, sprach Rainer weiter. »Pass auf Liv. Du musst mir gut zuhören.« Ihr Vater legte die Hände auf ihre Schultern und umfasste sie. Auch wenn Liv ihn nicht erkennen konnte, spürte sie doch die Dringlichkeit, die von ihm ausging.
»Wir lenken sie ab. Du nimmst Marie und fährst mit dem Kombi zu Diana. Sie weiß Bescheid.«
Olivia schluckte. »Was ist mit euch?« Sie kannte den Plan, falls etwas schiefging. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Viel zu oft hatten sie diese Situation geübt.
»Wir kommen nach, Liv. Wir kommen natürlich nach.« Ein Krachen ertönte und Liv zuckte zusammen. »Und jetzt zieht euch an, schnapp deinen Rucksack und sieh zu, dass ihr ungesehen raus kommt.«
Ihr Vater küsste ihre Stirn, bevor Olivia hörte, wie die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Eine Sekunde starrte sie in die Dunkelheit, schluckte und dachte nach. Helfen? Rennen? Wegsehen? Sie war überfordert und automatisch schaltete ihr Körper in den Überlebensmodus. Nicht denken, handeln.
»Los, zieh dich an«, sagte sie ins Dunkle hinein, an Marie gewandt, die sie nicht sehen konnte.
»Was ist mit deinen Eltern und ... und meinen? Wo gehen wir hin?«
»Zu meiner Tante. Meine Eltern wissen, wo wir sind, keine Sorge. Sie kommen mit deinen nach, sobald es ruhig ist.«
Auch wenn Olivia so viel Zuversicht wie möglich in ihre Worte legte, konnte sie sich selbst nicht überzeugen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, das Blut rauschte in den Ohren und ihre Hände schwitzten wie noch nie. Äußerlich ruhig, tobte in ihr ein Sturm, den sie kaum bezwingen konnte.
»Hast du eine Notfalltasche oder so?«, fragte sie, während sie unter ihrem Bett eben diese suchte. Die Notfalltasche beinhaltete etwas Geld, Papiere, Streichhölzer, Kerzen, etwas Essen, ein bisschen Kleidung und noch ein paar andere Sachen, die ihr Vater jede Woche kontrollierte. All das stopfte Olivia in ihren Rucksack. Im Dunklen suchte sie den Schreibtisch, stieß mit dem Knie gegen den Stuhl und fluchte.
»Das hat so keinen Sinn.« Und damit schaltete sie die kleine Lampe im Fenster an. Mittlerweile waren die Geräusche von unten eindeutig, sodass es wahrscheinlich egal war, ob sie hier oben jemand sah oder nicht. Gerangel, etwas klirrte, eine Frau schrie gedämpft. Liv stopfte noch einige Sachen in den Rucksack, zog ihre Turnschuhe an und drehte sich um.
»Du hast in Sachen geschlafen?« Marie klang erstaunt, wenn sie auch nicht den ängstlichen Unterton verstecken konnte. Olivia wollte nicht wissen, wie oft sie das schon durchgemacht hatte. In diesem Alter sollte man nicht mit der Angst leben, immer und überall auf der Flucht sein zu müssen.
»Ich schlafe seit fast zwei Jahren in meinen Sachen und nun komm«, erwiderte Olivia knapp.
Marie schnappte sich eine Hose, die neben der Matratze lag.
»Zieh dir nur schnell eine Jacke über, das muss reichen!«, sagte Olivia leise und war schon an der Tür, bevor Marie aufgestanden war.
Geduckt schlichen sie die Treppe runter. Olivia warf einen Blick in das Wohnzimmer zur rechten, konnte aber außer ein paar Umrissen nichts erkennen. Es war plötzlich seltsam still, auch wenn sie wusste, dass das nur täuschte. Die Ruhe vor dem Sturm – das wahre Unwetter stand ihnen noch bevor, das war Liv klar.
Marie hielt sich am Rucksack fest, Liv spürte ihre Gegenwart und fühlte sich besser. Marie war ihre Aufgabe, durch sie fühlte sich Liv erwachsen. Sie war verantwortlich für die Kleine und würde sie nicht in die Hände dieser Freaks fallen lassen.
Kurz vor der Haustür griff sie leise nach dem Autoschlüssel. Mit der anderen öffnete sie die Tür.
Der Kombi stand rechts neben dem Haus, mit der Schnauze zur Straße. Sie brauchten nur einsteigen und losfahren. Dann waren sie sicher. Vorerst jedenfalls.
Hinter ihnen rief ein Mann etwas, ein anderer antwortete, dann gab es einen dumpfen Schlag und die erdrückende Stille kehrte wieder. Marie schrie auf und zog am Rucksack. Olivia fuhr herum. Im Dunkeln konnte sie kaum was erkennen, doch eine dunkle Gestalt hielt Marie fest. Sie hing in seinen Arm und bewegte sich nicht.
»Hab ich dich!«
»Lass sie los, du Arsch!« Liv holte aus und trat dem Mann gegen das Schienbein, etwas Einfallsreicheres war ihr im Moment nicht eingefallen. Der Mann keuchte auf, ließ Marie aber nicht los.
Plötzlich flammte eine Taschenlampe auf und erleuchtete zwei verschiedenfarbige Augen. Eins grün, eins braun. Liv sah, wie der Kerl Marie jemandem im Haus in die Arme drückte. Die Kleine wehrte sich noch immer nicht. Liv konnte kaum atmen, ihre Gedanken rasten.
»Marie! Wehr dich!« Olivia schrie, musste aber immer weiter zurückweichen. Der Mann mit der Lampe kam immer näher.
Ihre Mutter kam um das Haus gerannt, in der einen Hand eine Brechstange, in der anderen ein Stock. Sie prügelte, ohne zu zögern, auf den Mann ein. Der holte mit der flachen Hand aus und verpasste ihrer Mutter eine heftige Ohrfeige. Sie flog auf den Boden und blieb bewegungslos liegen.
»Nein!« Liv warf sich neben ihre Mutter. Etwas Nasses lief ihr über den Kopf, aber es war zu dunkel, um zu erkennen, was es war. »Wach auf«, flüsterte sie und strich ihr die Haare aus den Augen. »Bitte, bitte wach auf!«
»Und jetzt bis zu dran, Schlampe!« Unwillkürlich schloss Olivia die Hand um die Brechstange. Sie sprang auf, schleuderte sie dem Kerl ins Gesicht und rannte zum Auto. Im Rückspiegel sah sie, dass er sich etwas auf das Gesicht presste. Die Lampe leuchtete ihn von unten an und Liv kam es so vor, als würde sie seine Wut bis ins Auto spüren. Tränen verschleierten ihren Blick, sie schniefte und wischte sich den Rotz am Ärmel ab.
»Scheiße! Scheiße, scheiße, scheiße!«
Drei Querstraßen weiter fuhr Olivia hinter ein dunkles Haus. Ihr Kopf fiel auf das Lenkrad und sie weinte, bis keine Tränen mehr kamen.
Olivia fuhr herum, bis die Sonne aufging, erst dann hielt sie sich wieder an den Plan. In ihrem Inneren wütete ein Sturm, aber sie konnte ihn nicht rauslassen. Sie konnte nicht zulassen, dass sie jetzt und hier zusammenbrach. Sie nahm die betäubende Stille an und gab sich ihr hin. Verschloss die Gefühle, die in ihr tobten. Als sie vor dem Haus ihrer Tante hielt, kam diese schon herausgerannt, warf ihr Gepäck in den Kofferraum und stieg ein. Ihre rote Hose stach sich mit dem grünen Shirt und bereitete Olivia Kopfschmerzen. Sie ignorierte das Pochen. Es war nicht wichtig. Nichts war mehr wirklich wichtig.
»Wir verschwinden von hier.«
Olivia nickte, startete und fuhr weiter. Diana ging nicht auf die rotgeweinten Augen ein und doch bemerkte Olivia die Blicke, die ihre Tante ihr zuwarf. Diana streckte ein paar Mal die Hände aus, setzte an, etwas zu sagen, blieb dann aber still. Livs Hals war so trocken wie der Gastank im Haus ihrer Eltern, aber sie wagte es nicht, anzuhalten. Liv war sich nicht sicher, ob sie dann noch weiterfahren würde. Oder ob sie nach Hause zurückfuhr. Und das durfte sie nicht. Liv musste erwachsen sein, jetzt mehr denn je. Ganz kurz verriss sie das Lenkrad, fuhr Slalom mit dem Wagen, aber fing sich, bevor Diana in Panik ausbrechen konnte. Fahren, nicht denken. Handeln, nicht hinterfragen. Einfach nur machen, ein Schritt nach dem nächsten.
»Soll ich fahren?« Diana flüsterte fast, so als hätte sie Angst mit einem lautem Geräusch Olivia zu verschrecken.
Diese schüttelte abgehakt den Kopf. Fahren war besser als nur daneben zu sitzen und aus dem Fenster zu starren. Dann könnte sie denken, dann müsste sie sich mit dem befassen, was geschehen war.
»Bist du verletzt, Schätzchen?« Diana deutete auf ihre Hände, an denen getrocknetes Blut klebte. Das Blut ihrer Mutter.
Olivia schüttelte abermals den Kopf. Kurz, knapp. Nein, verletzt war sie nicht. Nicht äußerlich.
Aber die Verletzungen im Inneren würden nie wieder heilen.
9
Jahre
später
Überlebenstipp Nr. 137
Kenne deinen Fluchtweg!
Wenn du einen Raum oder ein Gebäude oder auch nur ein Dixi-Klo betrittst, hab immer den Fluchtweg im Blick. Du weißt nie, was oder wer dich angreift!
ZEHN
»… Die Menschen sind blind. Blind und wahrscheinlich nicht ganz so schlau, wie sie denken. Sie sehen leider nicht, was ich sehe, denn meine Augen sind die Tore der Zukunft. Meine! Niemand sonst ist gesegnet! Niemand sonst kann all das sehen, was meine göttlichen Augen sehen! Das Ende naht, die Unwissenden werden alle sterben. Nur ich weiß, wie man überleben kann. Ich allein! Meine Bestimmung ist es, dieses Wissen weiter zu geben. Wenn nicht ich, wer dann? Denn mein Mund ist das Sprachrohr dessen, was kommt. Meine Ohren hören die Schreie, aber ich höre nicht weg. Sie schreien nach Vergebung, denn auch sie wollen überleben. Aber es kann nicht jeder gerettet werden. Ich sehe Krankheit und rieche Fäulnis. Schmutzige Feuchtigkeit, die sich in jede Pore einnistet. Die Unwissenden können nichts für ihr Versagen. Sie sind nur Menschen. Blind für alles, was um sie herum geschieht. Sie sehen einfach nicht hin. Die Menschen sind eine aussterbende Art, sie zerstören sich selbst. Und sie verdienen es nicht anders.
Es beweist, wie unfähig sie sind. Und Unfähigkeit macht blind. Es ist ein Teufelskreis, aus dem die Unwissenden nicht alleine herauskommen. Niemals herauskommen werden in ihrer Dummheit. Oder Angst. Beide sind sich sehr ähnlich.
Die, die sich für etwas Besseres hielten vertrocknen ohne Wasser. Weil sie es nicht gesehen haben. Sie wollten es nicht wahrhaben.
Ich werde die Würdigen finden. Ihnen helfen!
Das Ende ist schon sehr nah. Und es liegt noch viel Arbeit vor mir. Noch sind die vierzehn Milliarden Menschen auf der Welt nicht erreicht.
Alle, die der Zukunft folgen wollen, werden erlöst. Die, die nicht mit dem Herz sehen, sondern sich nur auf ihren Verstand verlassen, werden wohl sterben. Niemand kann sie retten.
Ich bin die Zukunft, die Zukunft bin ich. …«
-aus den privaten Aufzeichnungen des Verkünders-
»… Es ist lange her, dass ich das Bedürfnis hatte, etwas aufzuschreiben. Aber nun ist dieses Gefühl in mir, dass mich dazu drängt, all die Gedanken aufzuschreiben, die in meinem Kopf rumgeistern. Die mich wahnsinnig machen. Die mich ablenken. Ich habe Angst. Nicht vor dem Tod, dieser ist wohl die einzige Konstante in dieser Welt. Nein. Ich habe Angst zu vergessen. Ich habe Angst, zu vergessen, wie es einmal war. Wer ich einmal war. Diese Angst frisst mich auf, aber ich kann sie nicht zeigen. Ich kann sie nur auf dem Papier zugeben, auch wenn ich nicht weiß, ob das reicht. Ob es mir reicht.
Vor einer Weile war ich auf einer Tour. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt wirklich noch Orte, an denen es gut ausschaut, sauber ist. Die Menschen nicht stinken. Wahrscheinlich gibt sie es nicht mehr lange, aber das war eine Erfahrung! Ich habe mich richtig erschlagen gefühlt, als ich in dem sauberen Haus stand. Und als ich da stand, erinnerte ich mich an zuhause. Die Erinnerung kam unerwartet und ließ mich stocken. Hat mich überfallen und abgelenkt. Ich hoffe, niemand hat etwas gemerkt.
Meine Mutter hat früher sonntags immer Brötchen gebacken. Das ganze Haus roch nach frischen Brötchen, Kaffee und Sauberkeit. Ich erinnere mich, dass sie die Tür zur Terrasse ganz weit öffnete, damit der Wind mit uns essen konnte. Früher hab ich mir immer vorgestellt, dass der Wind, während wir essen, zwischen uns schwebt, uns zu schaut und mich dabei kitzelt. Wenn meine Haare sich bewegten wusste ich, dass er da war. Es war schön. Ich war glücklich.
Ich war so dumm …«
-Tagebuch von Olivia Becker-
Die Sonne schien schon seit dem Morgen mit voller Kraft, was für Anfang April erstaunlich war. Olivia Becker steckte ihre Jacke in die orangefarbene Kuriertasche und prüfte den Sitz ihrer Haare. Der Zopf wippte unter einem schnellen Schritt von rechts nach links, und obwohl sie ihre Haare zurückgebunden hatte, lief ihr der Schweiß den Nacken herab. Olivia hob den Blick, verzog das Gesicht und eilte durch das Tor des weißen Gartenzauns. Dahinter erhob sich ein typisches Vorstadthaus. Eines der letzten in dieser Zeit. Zwei Etagen, Blümchengardinen und der obligatorische, Schatten spendende Baum vor der Terrasse. Olivia hatte weit rausfahren müssen, aber der Kerl zahlte echt gut. Ihr Rad hatte sie an der letzten Ecke vor diesem Viertel abgestellt. Auch wenn die Bewohner dieser Gegend Olivias Dienste in Anspruch nahmen, hieß das nicht, dass sie ihre etwas sonderliche, abgeranzte Art gut fanden. Und das Rad, mit seinem ausgefransten Sattel und fehlenden Schutzblechen, fiel offensichtlich unter die Kategorie »sonderliche Art«. Sie hielten die Illusion aufrecht, sagte Diana immer. Liv war eher der Meinung, dass sie eine ziemliche Macke hatten. Solange sie allerdings noch Geld besaßen, war es Olivia egal sein. Vor der Tür blieb Liv stehen, drehte sich nochmal um und ließ ihren Blick über den Garten gleiten. Hier schien jemand viel Wert auf einen akkuraten Rasenschnitt zu legen. Kleine rosablühende Pflänzchen wuchsen an der Gartenzaun-Innenseite und Olivia konnte keine einzige verblühe Knospe erkennen. Selbst die rote Hundehütte sah aufgeräumt aus. Olivia hatte das Gefühl, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Wer hatte denn noch genug Wasser, um seine Blumen zu gießen? Das könnte ein interessanter Besuch werden. Auf ihr Klopfen hin erklangen Schritte im Inneren. Die Tür öffnete sich und Liv erblickte das Lächeln eines gut gekleideten Mannes. Möglichst unauffällig musterte sie ihn. Hellblaues Hemd, gepaart mit einer weißen Leinenhose. Dazu Leder-Slipper und eine teuer aussehende Uhr. Seine blonden Haare standen im Kontrast zu den dunkelblauen Augen, die fröhlich strahlten, als würden sie sich über Olivia freuen und nicht über das, was sie ihm brachte.
»Komm rein, meine Hübsche! An so einem heißen Tag sollte niemand lange draußen herumstehen! Ich bin Manuel, freut mich, dich kennenzulernen.« Er zwinkerte und führte sie in ein kleines Wohnzimmer. Mit dem Kopf deutete er auf einen wildgemusterten Sessel, auf den sich Olivia so vorsichtig wie möglich hinsetzte. Ihr Po berührte knapp die Kante. Eine falsche Bewegung und sie würde herunterrutschten.
»Du bist also jetzt die Neue?«, fragte Manuel aus Richtung eines anderen Raumes. Dankbar, eine Ausrede zu haben, warum sie nicht länger sitzen bleiben konnte, sprang Olivia auf und stellte sich an das Fenster. Sie klopfte sich etwas Staub von der Hose und hoffte, dass der Mann, Manuel, es nicht sah.
»Jap, Olivia. Immer da, wenn man mich ruft.« X hatte sich nicht genau ausgedrückt, ob sie diese Tour öfters fahren sollte, aber da ihr Vorgänger schon ein paar Aufträge nicht ausgeführt hatte, ging sie davon aus, dass Manuel nun zu ihrem Kundenstamm gehörte.
»Toll. Du siehst eindeutig besser aus als dein Vorgänger. Seltsamer Mann war das. Was wohl mit ihm passiert ist?« Manuel kam wieder in das Wohnzimmer. Auf seinen Händen balancierte er zwei Gläser und einen Krug mit Eistee. Er sah Olivia am Fenster stehen und deutete abermals auf den Sessel.
»Bitte, setz dich.« Er reichte ihr ein eiskaltes Glas Tee und Olivia trank erst einmal einen großen Schluck. Sie genoss die Kühle, die langsam ihren Hals hinabrann. Langsam stellte sie das Glas auf den Tisch und holte aus der Kuriertasche einen braunen Umschlag.
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist es ihm zu heiß geworden.« Olivia reichte ihm den Umschlag und lächelte. Die Tasche legte sie auf ihre Oberschenkel. Durch den Stoff ihrer Jeans schimmerte die helle Haut.
»Bunt«, kommentierte er und drehte ihn in den Händen.
»Umschläge werden mehrmals genutzt. Das rote ist das Aktuelle.«
Manuel nickte und schob seinerseits einen unbenutzten Umschlag über den Tisch. Olivia sah hinein und nickte ebenfalls. Niemals vor dem Kunden das Geld zählen, das war eine Regel, die sie als Erstes gelernt hatte. Sie trank ihren Eistee leer, während Manuel etwas von einem Strand erzählte.
Nachdem Olivia wieder vor die Tür getreten war, fühlte sie sich in ihrer eigenen Welt angekommen. Eine schmutzige, düstere Welt, geprägt durch Gewalt und Verluste. Eine Welt ohne Gefühle, denn die sorgten dafür, dass man ausgebremst wurde. Und dann war man schon so gut wie tot.
Die Sonne schien noch heißer, über dem Asphalt flirrte die Luft und der Sattel ihres Fahrrads glühte unter ihrem Hintern. Da half auch der Fahrtwind zur Station nicht, zudem es mit dem auch schnell vorbei war, als sie in die ersten Ausläufer der Stadt einbog. Menschen über Menschen. Olivia war froh überhaupt noch fahren zu können, denn ihr Ziel war nicht gerade in der Nähe. Die Essensstation lag in einem ehemaligen Vorort, relativ nah an der Stadt, aber weit genug entfernt, um dem Stadtkern aus dem Weg zu gehen. Wie übervoll es dort von Menschen war, wollte sie sich gar nicht vorstellen.
In einer besseren Zeit war die Essensstation eine Grundschule gewesen. Eine kleine Treppe führte in einen Vorraum, der die Ausmaße einer Vierzimmerwohnung hatte. Rechts führten früher drei Türen in Klassenräume, links in ein kleines Büro. Das Büro war nun die Küche mit einer abschließbaren Tür. Der Rest war ein einziger, großer Raum, in dem stehend gegessen werden konnte. Neben der Küche führte eine geschwungene Treppe ins erste Obergeschoss. Olivia und ihre Tante hatten dort je ein Zimmer, dazu ein Bad und ein Raum, wo verschiedenste Dinge gelagert wurden.
Damals gab es einen gepflegten Hof mit einem Spielplatz, einer Turnhalle und das alles inmitten eines idyllischen Dörfchens. Nun führte eine Straße an der Station vorbei. Hof und Spielplatz waren Fußwege und Rastplätze in einem. Die Turnhalle war einem Wohnhaus gewichen, genau wie der Schulgarten.
Hinter dem roten Backsteingebäude wurden die Häuser so nah herangerückt, sodass um das ehemalige Schulgebäude nur ein enger Weg führte, der hinten durch ein Tor gesichert war. Das war allerdings meistens geöffnet, damit der Müll geholt werden konnte, was seinen Sinn zunichtemachte.
Das Gebäude gegenüber glich eher einer Ruine, Typ »Einsturz gefährdet«. Der Putz bröckelte von den Wänden, Fensterläden waren heruntergeschlagen und lagen nun auf dem Fußweg, sodass sie Ratten als Unterkunft dienten. Früher brachten Eltern ihre strahlenden Kinder in die mit Bildern verzierte Schule, auf dass diese etwas lernten. In der Pause spielten sie Fangen oder kletterten auf den kleinen Gerüsten. Nun saßen die abgemagerten Kinder neben ihren Eltern, schauten aus großen Augen auf das Gebäude und warteten, bis es etwas zu essen gab. Sie lachten nicht mehr.
Gerade wollte Olivia ihr Rad die kleine Treppe hochtragen, als ein Tumult auf der Straßenseite ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Rad lehnte sie ans Geländer und drehte sich um. Sie schubste die vielen Leute auf dem Weg zur Seite und kämpfte sich bis an den Straßenrand vor. Aus dem gegenüberliegenden Hauseingang fiel eine ältere Frau, gefolgt von zwei jungen Männern, die ihr beim Aufstehen halfen. Olivia kannte die Frau, eine freundliche Südländerin.
Sie war ein paar Mal in der Station essen gewesen. Nun stützen die Männer sie, während ein älterer Herr ein junges Mädchen auf seinen Armen heraustrug. Es schrie und spuckte auf den Weg. Der Mann nickte den Jüngeren zu und gemeinsam gingen sie die Straße herunter Richtung Zentrum. Als sie in der Menge verschwunden waren, sah Olivia wieder zu dem Haus. Männer mit orangefarbenen Helmen und einem Plan in der Hand standen davor und sahen hoch zum Dach. Sie drehte sich um und verschwand samt Fahrrad in den Schatten der Station.
Eine Baustelle direkt vor dem Haus, genau das hatte Olivia noch gefehlt.
Es heißt, in Träumen fliehen wir vor der Realität. Wir tauchen in eine andere Welt ein und setzen uns mit dem auseinander, was uns beschäftigt. Sehnsüchte, Ängste, Sorgen – viele Träume verblassen beim Aufwachen, viele graben sich so tief in unser Gedächtnis, dass wir sie nicht so schnell vergessen. Vergessen können.
In ihren Träumen war Olivia in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Verfolgt von ihren eigenen Dämonen, die sie nie erreichen konnten, aber auch niemals verschwanden.
Ein Keuchen weckte Olivia aus einem dieser Träume. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass es ihr Eigenes war. Mal wieder wurde sie von einem Alptraum gequält, saß nun in einem völlig zerwühlten Bett und rang darum, wieder Kontrolle über ihr aufgewühltes Innerstes zu erhalten. Immer die gleiche, wiederkehrende Szene: Ihr Elternhaus, schwarze Männer, Schreie. Sie schlug mit der Faust auf die Matratze ein und fluchte. Diese Träume zerrten an den Nerven. Acht Stunden Schlaf, und Olivias Körper fühlte sich an, als wäre er durch einen Fleischwolf gedreht worden. Die Muskeln schmerzten und die Lunge verlangte nach mehr Sauerstoff, es fühlte sich an, als würde Liv ersticken. So hatte sie sich zuletzt am ersten Tag auf dem Rad gefühlt. Von einem Ende der Stadt zum anderen und das innerhalb ein paar Stunden. Aber das hier war anders. Das hier war eine ausgewachsene Panikattacke, die sie direkt aus dem Schlaf gerissen hatte. Die nassgeschwitzten Haare hingen ihr vor den Augen und Olivia wischte sie unwirsch aus dem Gesicht. Sie fühlte sich klebrig und stank nach dem schmierigen Schweißfilm auf ihrer Haut.
Laut fluchend ließ sie sich zurückfallen und schloss die Augen. Vielleicht waren ja noch ein paar Minuten Schlaf drin. Kurz bevor sie von diesem dösigen Zustand des Wegdämmerns in den tiefen Schlaf sank, klingelte ihr Wecker.
Olivia stöhnte genervt und schwang sich aus dem Bett. Es brachte nichts, auf genügend Schlaf zu hoffen. Schließlich wartete die Vormittagsschicht in der Essensstation und Diana mochte es nicht, wenn man zu spät kam. Liv schnappte sich die erstbesten Sachen, die ihre Hände finden konnten, und schleppte sich verhaltend fluchend Richtung Bad. Eine kalte Dusche half vielleicht den gefühlten monatelangen Schlafmangel auszugleichen.
Plötzlich wackelte alles. Olivia griff automatisch nach dem Türrahmen und hielt sich daran fest, um nicht den Halt zu verlieren. Ihr Blick wanderte zielsicher durch das Zimmer und sie versicherte sich, dass noch alles stand. Bett, Schrank und Kommode hatten schon Schlimmeres als das bisschen Wackeln durchgemacht. Seitdem die mehrere hundert Meter hohen Hochhäuser auf jeder freien Fläche wie Pilze aus dem Boden schossen, wackelte das Haus mehrmals am Tag. Es wunderte sie, dass es noch nicht zusammengebrochen war. Doch es schien, als sei das Haus genauso starrsinnig wie seine Bewohner.
Was der Grund für die schmucklose Einrichtung war. Wenn ständig die Bilder von den Wänden fielen, verzichtete man auf unnötigen Schnickschnack.
Während die verschwitzen Klamotten ihren Weg auf die weißen Bodenfliesen fanden, ging Olivia ihren Tagesplan im Kopf durch. Alles war dort gespeichert. Papier gehörte zu den dauerhaften Mangelwaren und war seit einiger Zeit nur hochrangigen Mitgliedern der Gemeinschaft zugänglich. Es war nicht wichtig genug, um ausreichend produziert zu werden. Das meiste Holz ging für die Hausbauten drauf. Außerdem konnte niemand Papier essen, auch wenn manch einer anderes behauptete. Erst letzte Woche war Olivia einem Spinner in die Arme gelaufen, der ihr eine vergilbte Zeitung andrehen wollte. Die war schon rein von ihrem Blick in ihre Einzelteile zerfallen. Von ihrem Nährwert ganz zu schweigen. Wahrscheinlich war das kleine schwarze Notizbuch mit den gelben Seiten unter ihrer Matratze eines der letzten. Sie hatte es von ihrer Mutter bekommen und benutzte es nie.
Nach dem Duschen warf Olivia einen schnellen Blick in den Spiegel.
»Du sahst auch schon mal besser aus.« Ihr Spiegelbild zog eine Grimasse, steckte ihr die Zunge raus und verdrehte dann auch noch die Augen. Freches Ding.
Olivia kramte aus ihrer Hosentasche einen Haargummi und bändigte die schwarzen Haare mit einem einfachen Pferdeschwanz, während sie Dehnübungen an dem Waschbecken machte. Beine, Arme, Oberkörper nach rechts, links. Ihr war es vollkommen egal, wie Haare oder Klamotten aussahen. Hauptsache sie war körperlich fit. Das war wichtiger für das Geschäft als hübsche Haare und aufeinander abgestimmte Kleidung.
Noch in Gedanken mit ihrem Aussehen beschäftigt und der völligen Ignoranz ihrerseits darüber, lief sie zum Fenster und wollte es öffnen, als ihr Blick auf die Baustelle des Hochhauses fiel. Seufzend ließ Olivia die Hände sinken und lehnte die Stirn an das kalte Glas. Wenn sie es jetzt öffnete, war spätestens heute Abend alles mit einer stinkenden Staubschicht bedeckt. Sie wandte sich ab, griff die Kuriertasche und überprüfte deren Inhalt. Etwas geklautes Papier und einen Bleistiftstummel. Außerdem noch wiederverwertbare Briefumschläge, fünf Zigaretten und ein Schlagstock.
Fahrradkurier war ein lukrativer Job, seitdem das System zusammengebrochen war. Pünktlichkeit und Verschwiegenheit, damit kamen und fielen die Kunden. Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es Zeit wurde. Olivia kramte ihre schwarzen Turnschuhe unter dem Bett hervor, zog sie an und warf sich dann den Gurt der Tasche über die Schulter. Kurz überlegte sie, etwas überzuziehen. Ihr Blick fiel auf ihre Jacke und den Riss im rechten Ärmel. Nein, nochmal würde sie sich nicht vom Rad ziehen lassen. Also keine Jacke.
Es war am Morgen zwar noch kühler, aber das war eher angenehm, denn spätestens gegen Mittag wäre es wie in einem Backofen. Tief in Gedanken versunken zog Olivia beim Gehen die Tür hinter sich zu und ging die Treppe in das ausgebaute Erdgeschoss der Grundschule herunter.
Früher war das alles hier wahrscheinlich ein perfekter Ort für Kinder gewesen. Weit weg von der Hauptstraße konnte ihnen nichts passieren. Nun diente die Fläche als Essensstation. Kurz die Station.
Hierher kamen nur die, die nichts mehr zu verlieren hatten.
In einer kaum wahrnehmbaren Regelmäßigkeit löste sich ein Individuum aus der Masse, die sich wie Lemminge gleich unwissend dem Abgrund näherten. Diese Person scherte aus, visierte das Ziel an, erledigte etwas und ordnete sich wieder in das schwarz-weiße Meer wogender Körper ein. Nichts brachte diese gleichmäßige Gangart durcheinander, alles lief wie ein perfektes Uhrwerk.
Die kleine Abweichung der Ordnung war niemandem aufgefallen und brachte nichts aus dem Takt. Alles lief genauso weiter, wie sonst auch. Der gleiche Trott, der gleiche Alltag. Der einzige Faktor, den es zu berücksichtigen galt, war Zeit. Das kostbarste Gut der Milliarden von Menschen war nicht Wasser oder Nahrung. Wer sich Zeit für Smalltalk nahm, Fragen nach der Gesundheit oder der Familie stellte, hatte schon verloren. Wenn man nicht auf die Zeit sah, konnte die leere Wohnung plötzlich vergeben sein. Oder das Essen war alle. Im schlimmsten Fall verpasste man die eine Chance, die vielleicht alles besser machte.
Wer den Faktor Zeit außer Acht ließ, wurde in einen Strudel gezogen, aus dem es kein Entkommen gab. Es war das Chaos eines scheinbar immerwährenden Grauens, ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Dort spielte die Zeit allerdings auch eine Rolle, denn die Frage war nicht, ob man seine persönliche Grenze in dem Sog der Selbstzerstörung erreichte, sondern wann.
Am Ende der Zeit erwartete sie alle das Gleiche: der Tod.
Olivia machte sich nichts vor. Der „Laden“ am Ende der Treppe gehörte nicht zu denen, in die man gerne ging. Hier lebten früher Menschen, die lachten und glücklich waren. Hier gab es gute Erinnerungen. Das verschlimmerte die ganze Situation, fand Olivia. Hob die Hoffnungslosigkeit weiter hervor. Machte die Menschen depressiv. Nachdem Diana sich die Schule angeeignet hatte, hatten Olivia und sie alle unnötigen Wände eingerissen. Für Liv war es ein Kanal gewesen, um ihren Frust loszuwerden, der Tag für Tag größer geworden war. Es fühlte sich befreiend an, auf etwas einzuschlagen und kaputt zu machen, ohne direkt wieder ärger zu bekommen. Die angestauten Gefühle bekamen ein Ventil und die Wände verschwanden. Liv fand, dass das eine sehr gute Lösung für alle war. Die dadurch entstandene Fläche war von Seiten der Hauptstraße frei zugänglich. Ein paar provisorische Steine bildeten eine zusätzliche Treppe, damit die Menschen mehrere Möglichkeiten hatten, die Station zu verlassen oder zu betreten. Nichts nahm außerdem unnützen Platz weg, sodass so viele Menschen wie möglich Raum hatten. Es gab hier nur Essen, meistens Warmes. Diese Station gehörte noch zu einer der ersten Essensstationen in der Stadt. Die Neueren sahen etwas besser aus, aber niemand achtete auf die kahlen Betonwände, wenn es seit Tagen nichts zwischen die Zähne gegeben hatte. Und viele der neuen Stationen waren schon wieder verschwunden.
Diana Richards, selbsternannte Leiterin der Essensstation und ihre Tante, befand sich am einzigen Ort, der noch alle vier Wände und eine verschließbare Tür besaß: die Küche. Oder besser gesagt ein schuhkartongroßer Raum mit zwei Herdplatten und einer Spüle.
Bevor Olivia ihre Tante sehen konnte, hörte sie ihre Stimme, einzigartig und unverkennbar, die begleitet von Topfgeklapper eine neue Spitze der schiefen Töne erreichte.
»Diana, bitte. Willst du, dass das Essen schlecht wird?«
Eigentlich wollte Liv völlig genervt klingen. Aber sie wusste, warum Diana das tat. Jeder brauchte ein Ventil, um mit dem, was der Tag brachte, fertig zu werden. Und wenn das ihrer Tante das schiefe Singen war, wollte Olivia ihr das nicht wegnehmen.
Die singende Frau, die eigentlich in der Blüte ihres Lebens stand und weite blaue Streifenhosen zu bunten großgeblümten Blusen kombinierte, schenkte ihrer Nichte nun einen gespielt herablassenden Blick. Tiefe Falten hatten sich um die Augen eingegraben und Diana hatte die Angewohnheit, immer einen Blick über die Schulter zu werfen, um sich dann mit dem Rücken zur Wand hinzustellen. Abgekaute Fingernägel tippten gegen spröde Lippen. Ja, auch an ihr war das Geschehene nicht unbemerkt vorbeigegangen.
»Schätzchen, ich bitte dich. Seit fünf Uhr sind die Bauarbeiter in Aktion. Da fällt meine Stimme nicht auf.«
Wie recht sie hatte. In der Stadt waren die letzten unbebauten Flächen vor einer Woche erschlossen worden und nun standen schon die unteren Stahlgerüste. Standardbau. Bis zu zweihundert Stockwerke. Genug Platz für alle, so stand es jedenfalls auf den Plakaten, die an den Bauzäunen klebten. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis 24-Stunden-Schichteneingeführt wurden, denn die Zahl der Wohnungslosen nahm unaufhörlich zu. Sie kamen von Stadt zu Stadt. Den Baugesellschaften saß die Zeit im Nacken, denn niemand wollte diese Leute auf der Straße sehen. Der Stadtrat verlangte Wohnungen und das sofort.
Draußen knallte es und dem Gebäude gegenüber klirrten die Fenster. Vermutlich ein Fehlstart. Oder der Kranfahrer war mal wieder mit seiner Palette an der Kette an eines der Häuser geknallt. Jedes Mal wenn das passierte, fragte sich Olivia, wer diesen Kerl eingestellt hatte. Als Kranfahrer benötigte man doch ein gewisses Maß an Erfahrung. Nach einer Weile hatten sie aufgehört, bei jedem Knall zu zucken, denn dann würden sie das den ganzen Tag machen.
»Fass mal mit an!« Diana wischte sich die Hände an dem Handtuch ab, das über ihre Schulter hing und transportierte einen der zwei riesigen Töpfe an die Ausgabestelle. Olivia schob die Tasche auf ihren Rücken und griff die Henkel des Zweiten. Als beide Töpfe an ihrem Platz standen, schnappte Liv sich eine gelbfleckige Schürze und band sie um.
»Schätzchen, sag mal. Ist jemand gestorben denn wir kennen?«, fragte Diana leichthin. Sie hatte einen leichten Singsang in der Stimme, der bei Liv Aufmerksamkeit weckte.
Der Plauderton, den ihre Tante ihr offensichtlich vorspielte, konnte Olivia nicht täuschen. Genau auf diese Frage hatte sie gewartet, seitdem sie Diana unter die Augen getreten war.
Olivia liebte dieses Fragespiel, es hatte den Status eines Rituals. Routine, das war es, was die Tage erträglich machte.
Mit gehobenen Augenbrauen sah sie an sich herunter: Schwarze Cargo-Hose mit vielen Taschen, äußerst bequem. Schwarzes Tank-Top, noch bequemer.
Dunkle Sneakers, die zwar schon viel gelaufen, aber am bequemsten waren, und so verblichen, dass man sie nicht mehr als schwarz bezeichnen konnte.
In Zeiten, wo Rindfleisch nur noch in den Erinnerungen der Geschmacksknospen existierte und die Kleiderproduktion fast vollständig zum Erliegen gekommen war, durfte man nicht wählerisch sein. Es hatte Zeiten gegeben, in denen eine junge Frau in ein Geschäft gehen konnte und sich einfach neue Kleidung kaufte. Olivia erinnerte sich an diese Zeiten, wenn auch schwach. Sie wusste, dass sie einmal mit ihrer Mutter ein schönes Kleid gekauft hatte. Einfach so. Nur weil es ihr so gefallen hatte. Da war Liv zehn oder elf gewesen. Aber schon damals waren die Geschäfte weniger geworden. Die Menschen mehr. Als sie und ihre Tante allein unterwegs waren, gab es diese Art der Läden nicht mehr. Und wenn, dann konnte man sie sich nicht leisten. Woher die bessergestellten Menschen nun ihre Garderobe bezogen, wusste Olivia nicht. Sie wusste, woher sie ihre Kleidung besorgen konnte, und das reichte. Musste reichen.
Außerdem fand Olivia, dass ihr Outfit nicht modisch sein musste, sondern funktional. Und bequem. Eine Lektion, die sie schon vor Jahren gelernt hatte.
»Wieso?«, fragte sie genau deswegen in einem unschuldigen Ton, als wüsste sie nicht, worauf Diana hinauswollte. Diese Art von Plauderei konnte sie genauso.
Diana trug nie dunkle Farben. Sogar das Blau ihrer Hose schien zu leuchten. Verschlungene Muster, grelle Töne und niemals passte etwas zu ihren roten, wilden Locken. Sie vertrat die Auffassung, dass das Leben schon trist genug war. Warum sollte irgendjemand gerne düstere Farben tragen, wenn man doch durch bunte Kleidung ein bisschen Farbe in das eintönige Leben bringen konnte?
Natürlich bekam Olivia keine Antwort. Diana hob nur eine Augenbraue und bedachte sie mit ihrem „Ich weiß Bescheid“-Blick. Diana las in ihrem Gesicht wie in einem offenen Buch, was sie auch nicht müde wurde zu betonen. Wahrscheinlich lag es an der Ähnlichkeit zu ihrer Mutter, Dianas Schwester. Vielleicht spielte sich aber doch mehr Mimik auf ihrem Gesicht ab, als Olivia bereit war, zuzugeben – denn immerhin versuchte sie, sich stets unter Kontrolle zu halten, damit man ihr nichts anmerkte.
»Pass du lieber auf, dass keiner deiner Armreifen in der Suppe landet. Ich renne nicht wieder einem Mann hinterher, der einen in seinem Teller gefunden hat!« Olivia lachte und ließ sich von Diana in eine feste Umarmung ziehen, während die Armreifen ihrer Tante klimperten.
»Gibt es schon etwas zu essen?«, krächzte es vom Eingang her. Olivia wand sich aus der Umarmung und wirbelte herum.
Tief in den Höhlen liegende Augen, ein Gestank, der einem den Atem verschlug und völlig zerfledderte Sachen, die nur noch der Dreck zusammenhielt. Das war die erlesene Kundschaft der Essensstation. Dianas Kundschaft, und ihre Tante behandelte sie alle gleich: wie Menschen und nicht wie Tiere.
»Johann, Schätzchen, für dich doch immer. Wo ist dein Teller?«
Blutunterlaufene Augen blickten hinter strähnigen Haaren hervor. Der Mann, der vor einem Jahr noch die Bankzweigstelle drei Straßen weiter, geleitet hatte, murmelte etwas, während er sich mit gelben Fingern hinter dem Ohr kratzte.
