Unfinished - Juliane Schiesel - E-Book
SONDERANGEBOT

Unfinished E-Book

Juliane Schiesel

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Leben ist nicht immer ein frisch gebackener Muffin – das muss auch Grace Hilpert feststellen. Enttäuscht, verletzt und geplagt von mehr als nur Selbstzweifeln beschließt sie in der Goldgräberstadt Dawson City einen Neuanfang zu wagen. An diesem Ort hofft sie, zur Ruhe zu kommen, ihre Schreibblockade zu überwinden und vielleicht auch etwas Glück zu finden. Allerdings kommt alles anders, als sie erwartet hat. Inmitten von Startschwierigkeiten, Schnee und Matsch findet sie neue Freunde, die besten Schoko-Bananen-Muffins der Welt und trifft einen Nachbarn, der sie zur Weißglut treibt, wenn er nur den Mund aufmacht. Hätte er nur nicht so wundervolle blaue Augen … Jonathan Folliott wurde von seiner Ex so richtig verarscht, aber das kann ihn nicht aus der Bahn werfen. Er macht einfach weiter, ist schließlich alles halb so wild, oder? Dass er keinen Plan mehr hat, was er mit seinem Leben anfangen soll, ist nur eine Phase. Solange ihn alle in Ruhe lassen, wird schon alles wieder gut. Bis die Neue in der Stadt direkt neben ihm einzieht. Warum zur Hölle trägt sie nur ein Handtuch, wenn sie vor die Tür geht? Und warum amüsiert ihn das?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 548

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Unfinished

Die Geschichte deines Lebens in nie wirklich fertig

Juliane Schiesel

Alea Libris Verlag

1. Auflage, 2024

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,

72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Stefanie Tscherner

Korrektorat: Lisa Heinrich

© Cover- und Umschlaggestaltung: Viktoria Lubomski, Kalisdice

Contents

2.Playlist zum Buch4.15.26.37.48.59.610.711.812.913.1014.1115.1216.1317.1418.1519.1620.1721.1822.1923.Epilog24.Danksagung

Für meine Ü18 Buchclub-Mädels

Playlist zum Buch

Fake it - BastilleWhen I Come Around - Ciaran LaveryDon´t let me let you go - Jamie LawsonFrail Love – ClovesYellowFlicker Beat – LordeMake it through – Leanna CrawfordSomething to Someone – Dermot KennedyHonest – Kyndal Inskeep Sorry –Colin & CarolineDancing onmy own – Calum ScottTorn Apart –BastilleWon´t let go– Jamie N CommonsSeen enough– DryerTill theWorld Stops Turning – Kaleb JonesUnder ourfeet – FrancesI´ve beenthinking about you – LondonbeatIn my arms –Grizfolk, Jamie N CommonSomethingTrue – Juniper Vale, Jason Gray

Dies ist die Geschichte zweier Menschen,

die vom Schicksal füreinander bestimmt wurden.

Das Problem ist nur,

 dass sie es selbst gar nicht wissen.

1

Was wäre, wenn ich einmal du wäre und du ich? Wäre ich dann lieber du?Oder bliebe ich ich, weil du bist, wie du nun mal bist?

Grace

Grace Hilpert griff nach der Vase mit dem filigranen, blauen Blumenmuster und schmetterte sie gegen die Wand über ihrem Bett. Das Porzellan zerschellte, flog in alle Richtungen und ein besonders großes Stück landete vor ihren Schuhen. Voller Wut trat sie auf den Scherben herum, bis sie unter ihren Sohlen knirschten. Sie schnaufte und stemmte die Hände in die Hüften. Natürlich würde sie diese Schweinerei später selbst wieder wegmachen müssen. Deshalb hatte Grace ja zu dieser Vase gegriffen und nicht zu der daneben, die noch Wasser und blühende Rosen enthielt. Auch wenn die Blumen sie an das zu süße Parfüm von Annabelle erinnerten.

Es spielte nur am Rande eine Rolle, dass die zerstörte Vase ein Geschenk ihrer Schwester gewesen war. Zum Einzug in die Wohnung, die Grace in mühevoller Kleinstarbeit renoviert und wohnlich gemacht hatte. Sie holte tief Luft und besah das Sideboard hinter sich. Weißes Holz, auf Antik getrimmt. Sein Geschmack, nicht ihrer, aber um des Friedens willen hatte sie dieses hässliche Stück im Möbelgeschäft gekauft Sie schaute die Wand an, dann wieder das Sideboard. Körperlich wäre es wahrscheinlich ziemlich anstrengend, aber es war machbar, auch dieses Ding zu zerstören. Auf dem Möbelstück stand eingerahmt das einzige Foto, das Grace in der ganzen Wohnung hatte aufstellen dürfen. Sie und Bob. Bob und sie. Sie sah ihn an, die Sonne schien auf seine braunen Haare, er lachte irgendjemandem hinter der Kamera zu. Und Grace? Auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln, das eindeutig zeigte, wie verliebt sie gewesen war. Unter ihren Sohlen knackten leise die Scherben der Vase, als sie die wenigen Schritte zum Sideboard ging und nach dem Bilderrahmen griff. Mit dem Zeigefinger strich sie über Bobs Gesicht. Er wirkte so glücklich und zufrieden. Grace versuchte sich zu erinnern, was genau sie an diesem Tag unternommen hatten. Hatten die das Stadtpark-Fest besucht? Oder irgendeine Spendensammelaktion? Nein, es war das Picknick von Bobs alter Schule gewesen. Ehemaligentreff. Und hinter der Kamera war Annabelle gestanden. Grace hob den Arm und schmetterte das Bild auf den Boden, direkt neben die Reste der Vase, bevor sie einen wütenden Schrei ausstieß und auf dem Foto und den Scherben herumsprang.

»Fühlst du dich endlich besser?«, erklang die Stimme ihrer Schwester durch die geschlossene Tür. Grace atmete tief durch, strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und machte drei wütende Schritte, bevor sie die Tür aufriss. »Aber natürlich, ich bin so glücklich wie eine Blume auf der Wiese! Mir fliegen kleine Regenbögen aus dem Arsch, wenn ich lache, siehst du doch! Was denkst du, hm? Fühle ich mich besser? Sehe ich aus, als würde alles wieder in bester Ordnung sein?«

Annabelle tat einen Schritt zurück, als Grace an ihr vorbei in den großen, offenen Raum stürmte, der Wohnzimmer und Küche vereinte. Vor den deckenhohen Fenstern stoppte sie und sah auf die Hauptstraße hinunter. Der Verkehr rollte wie immer gemächlich über den Asphalt, als hätten die Leute da unten alle Zeit der Welt. Als würde nicht gerade ein Erdbeben Graces Welt erschüttern. Der Ort Piney Green, North Carolina, war geprägt von stoischer Gelassenheit. Die Menschen gingen zur Arbeit, zum Mittagessen oder trafen sich mit Freunden. Sie lebten ihr Leben, brachten den Alltag hinter sich und waren zufrieden. Schienen glücklich mit dem, was sie hatten. Dort unten interessierte es niemanden, welches Unglück Grace in diesem Augenblick erlebte, wie sehr ihr eigener Alltag in die Brüche ging. Wie diese Vase im Schlafzimmer. Kleine Scherben voller Erinnerungen, Liebe und Hoffnungen, die sie nie wieder zusammensetzen können würde. Niemand in diesem verflucht besinnlichen Ort ahnte auch nur, wie kaputt ihre Zukunft in diesem Augenblick war. Sie selbst hätte auch gut darauf verzichten können.

»Möchtest du einen Kaffee?«

Um Fassung ringend drehte sie sich zu ihrer Schwester um. Wut pochte in ihr, nur mühsam konnte sie diese zurückhalten. Sie holte ein paar Mal tief Luft, bis Grace sich sicher war, ihre Antwort nicht herauszuschreien.

»Nimm deine verlogenen Finger von meiner Kaffeemaschine!«, sagte sie so ruhig es ihr möglich war. Sie wollte das letzte bisschen Würde, das sie noch besaß, aufrechterhalten. Wenigstens das musste unter ihrer Kontrolle bleiben.

Annabelle seufzte eindeutig genervt und warf sich ihre Haare über die Schulter. »Komm mal wieder runter. Es ist ja nicht so, als wäre ich die Einzige gewesen, mit der er … Spinnst du?« Grace griff den erstbesten Gegenstand und warf ihn nach ihrer Schwester, die sich sofort hinter die Theke duckte. Es war ein Buch. Eines von Bobs Büchern, über irgendwelche Wirtschaftswunder. Annabelles schwarzer Haaransatz und ihre glatte Stirn ragten über den Marmor und ihre knallroten Fingernägel krallten sich an die Kante.

»Verschwinde! Verschwinde aus meiner Wohnung und aus meinem Leben, du missratenes Stück Scheiße!« Ohne noch einen Gedanken an etwaige Konsequenzen zu verschwenden, packte sie ihre Schwester am Oberarm und zerrte diese vor die Eingangstür. Grace ignorierte die ihr nur zu gut bekannten Klagen, was für eine gemeine Schwester sie doch war, und knallte Annabelle die Wohnungstür vor der Nase zu.

»Das wirst du noch bereuen!«

»Das hab’ ich schon!«, schrie sie zurück.

Sobald sie allein in ihrer Wohnung war, hatte Grace keine Kraft mehr. Sie fiel in sich zusammen. Die Wut, die eben noch in Grace zirkuliert war, verwandelte sich in Trauer. Laugte ihren ganzen Körper komplett aus. Sie atmete ein und aus, stockte immer wieder. Tränen bahnten sich einen Weg an die Oberfläche, ihre Kehle schnürte sich zu und sie rutschte an der Tür hinunter. Um das Zittern zu unterdrücken, umfasste sie ihre Beine und legte den Kopf auf den Knien ab. Wie hatte es nur so weit kommen können? Was hatte sie übersehen? War es nicht sie gewesen, die Bob immer alles recht gemacht hatte? Vielleicht war genau das der Fehler gewesen. Immer machte Grace es allen anderen recht, immer steckte sie zurück. Eine Träne lief über ihre Wange und tropfte auf den Boden. Sie schluchzte auf. Wieder und wieder.

Das Klopfen registrierte sie erst einige Augenblicke später. »Gracie, bitte. Ich bin doch deine Schwester. Wir haben schon ganz andere Sachen durchgestanden. Meinst du nicht, wir schaffen das hier auch?«

Annabelles Stimme kam nur gedämpft an, aber Grace meinte herauszuhören, dass auch sie weinte. Nein, diesmal würden sie das nicht hinter sich lassen können.

»Nein, Annabelle. Das verzeihe ich dir nicht.« Mühsam beherrscht sprach Grace zur Tür. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und presste sie auf den kalten Boden. »Ich hab’ dir verziehen, als du mir meinen ersten Freund ausgespannt hast. Und als du an meiner Stelle die Ferien in Paris verbringen durftest. Ich hab’ darüber hinweggesehen, dass du immer das größere Zimmer hattest, dass du immer alles bekommen hast, was du wolltest.« Sie holte tief Luft, wischte sich über die feuchten Wangen. »Aber jetzt ist Schluss. Du bist zu weit gegangen.«

»Gracie. Ich liebe dich. Du bist meine Schwester. Ich würde dir nie absichtlich wehtun …«

»Warum hast du es dann getan?«, schrie Grace und schlug mit der Faust auf den Boden. Schmerz schoss ihren Arm herauf, aber sie presste die Lippen aufeinander.

Es blieb lange still auf der anderen Seite der Tür. War Annabelle gegangen? Keine Antwort war bekanntlich auch eine Antwort und sagte alles, was sie wissen musste. Das war so typisch für Annabelle. Nichts hatte sich geändert, rein gar nichts würde sich jemals zwischen ihnen ändern. Sie wollte die Tür öffnen, um sicher zu gehen, als ihre Schwester plötzlich weitersprach. Leise, sodass Grace ein Ohr an die Tür legen musste, um alles zu verstehen.

»Weil er nicht der Richtige für dich war. Er hat dich nur verarscht. Du verdienst etwas Besseres als so einen miesen Drecksack.«

Freudlos lachte Grace auf. Ja, das sagte Annabelle immer. Du verdienst etwas Besseres. Warum nahm sie ihr dann immer das Beste weg? Bevor sie auf der Bildfläche erschienen war, war es gut gelaufen mit Bob. Sie waren glücklich gewesen, Grace war seinetwegen einige Kompromisse eingegangen, aber das tat man für Menschen, die man liebte, nun mal.

»Und warum hast du mich das nicht selbst rausfinden lassen? Warum hast du nicht mit mir gesprochen? Warum musste es … so sein?«

Die Wut kehrte zurück, wärmte sie von innen und trocknete die Tränen. Sie schloss die Augen, öffnete sie aber sofort wieder, weil das Bild ihrer Schwester mit Bob beim Sex in ihren Gedanken auftauchte.

»Ich musste auf Nummer sicher gehen. Du hättest mir nicht geglaubt«

»Du hättest es versuchen können.« Annabelle machte es sich wieder so einfach. Grace hasste diese halbgaren Erklärungen, die nichts aussagten. Ohne jeglichen Inhalt, Hauptsache weinerlich.

Mühsam stand Grace auf. Vom Sitzen auf dem harten Boden tat ihr der Hintern weh. Außerdem ermüdete sie dieses Gespräch. Sie hatten es so oft und in ähnlicher Weise geführt, dass es auf den Inhalt nicht ankam. Sie drehten sich im Kreis und es war Zeit, auszubrechen. Aus diesem Gespräch, aber auch aus dieser Beziehung, die genauso toxisch war wie die mit Bob. Von wegen Familie hielt immer zusammen. Familie am Arsch.

Ihre Schwester mit den lockigen, glänzenden Haaren, der blassen Haut und den schokobraunen Augen wickelte so ziemlich jeden um den Finger, der im Stehen pinkeln konnte. Grace war immer diejenige gewesen, die im Hintergrund blieb, die Schwester, die übersehen wurde und bei der alle erstaunt waren, dass sie existierte. Annabelle, die kleine perfekte Annabelle, die immer jegliche Schuld auf andere schob und alles so drehte, damit sie selbst das arme Opfer war. Dass immer alles zu ihren Gunsten ausging.

Wahrscheinlich hätte sie von Anfang an wissen müssen, dass das hier so endete. Vor der Tür rief ihre Schwester nach ihr und rüttelte an der Klinke. Grace ignorierte es. Sollte Annabelle doch die Tür ansehen und vor sich hinschimmeln.

Sie stand im Wohnzimmer und ihr Blick wanderte über die Einrichtung. Die alte, ausgesessene Ledercouch. Über den roten Ohrensessel vor einem der Fenster. Über den Tisch, gefertigt aus einer Wurzel. Nichts davon passte zusammen, aber an jedem einzelnen Stück hafteten Erinnerungen. Das Ledersofa hatten Bob und sie vom Sperrmüll geholt, weil sie sich zu Beginn ihrer Beziehung kein neues hatten leisten können. Danach brachten sie es nicht übers Herz, es zu entsorgen. Den Ohrensessel hatte sie von ihrer Großmutter geschenkt bekommen. Und der Tisch war eine gemeinsame Arbeit von Bob und ihr gewesen, auf einem Workshop zur kreativen Entfaltung des inneren Architekten. Die Küche hatte Grace nächtelang am Laptop entworfen. Passgenau, um den deckenhohen Fenstern und dem offenen Stil gerecht zu werden. Dieses Apartment beinhaltete so viel von ihr, dass es schmerzte. Jedes einzelne Stück war eine Erinnerung, die ihr Herz in Stücke schnitt. Die zwei Tassen, die sie gemeinsam in einem Töpferkurs hergestellt hatten. Der Kratzer in der Badtür, weil die Badewanne nicht hindurchgepasst hatte und sie gemeinsam geschoben und gezogen und sich verkeilt hatten.

Wieder klopfte es. »Grace. Rede mit mir.«

Sie drehte sich um. An der Garderobe hing Annabelles Tasche. Natürlich. Das war der Grund, warum sie noch immer vor der Tür stand und wartete. Nicht etwa, weil sie wirklich reden oder sich versöhnen wollte. Sie brauchte ihre Tasche, nicht ihre Schwester. Der Schmerz schmeckte bitter wie Grapefruit, aber Grace schluckte ihn hinunter. Würde. Haltung. Ein letztes Mal.

»Du hast mit meinem Verlobten geschlafen und bist zu weit gegangen. Ich will dich nie wieder sehen, Annabelle! Du bist für mich gestorben!«, stieß sie hervor, nachdem sie die Tür aufgerissen hatte. Annabelle sah sie mit offenem Mund an, doch Grace achtete nicht auf die Reaktion ihrer Schwester und drückte ihr die verdammte Tasche in den Arm.

Als sie die Tür fest zuschlug, hallte das Wummern davon in ihr nach wie das Echo in einer Höhle. Da war nichts in Grace, was es hätte stoppen können.

Joe

Jonathan Folliott joggte am Wanderweg des Yukon River entlang und achtete darauf, gleichmäßig zu atmen. Es war noch früh am Morgen, die kalte Luft prickelte auf seiner Haut und der Geruch vom Eis des Flusses lag in der Luft. Keiner der wenigen Touristen, die ihn durch ihr ständiges Gequassel und Gefrage nervten, waren auf seiner üblichen Wegstrecke unterwegs. Die Sonne bahnte sich ihren Weg den Himmel hinauf und vertrieb den hartnäckigen Morgennebel, der seine Finger in den Ort ausgestreckt hatte. Für Anfang März lag erstaunlich wenig Schnee. Joe konnte die kleinen hölzernen Fußwege an den Häusern sehen und große Teile der braunen Straße. Am Ende des Weges bog Jonathan nach links.

Er keuchte. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass sein Puls zu schnell war. Kurz blieb er stehen und dehnte seine aufgeheizten Oberschenkelmuskeln, während er sich umsah. Auf dem noch komplett zugefrorenen Wasser glitzerten die Sonnenstrahlen und ganz kurz war Joe abgelenkt. Sein ganzes Leben hatte er in Dawson verbracht und dennoch konnte so etwas Einfaches wie eine Lichtspiegelung ihn noch immer erfreuen.

Lächelnd fuhr er sich mit den Händen übers Gesicht und nahm seinen Lauf wieder auf. Eine Weile konzentrierte er sich ausschließlich auf seine Füße. Rechts, links, rechts, links. Ihm rauschte Blut in den Ohren, aber sein Kopf war frei. Die Gedanken flogen umher, kreuzten Überlegungen für das Museumsprojekt, über den Claim, über den geplanten Urlaub mit Suzie. Hatten sie eigentlich eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen oder hatte seine Freundin auf ihn gehört und diesen Schwachsinn gelassen? Joe schrieb sich gedanklich eine Notiz und ließ die Grübelei wieder sein.

»Morgen Joe!« Daniel Kurtz, der Besitzer der einzig wahren Bar im Ort - „The Golden Nugget“ - stand im Morgenmantel am Briefkasten und wedelte ihm mit der Tageszeitung zu. Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern der tausenddreihundert-Seelen-Gemeinde schlummerte er nicht mehr. Joe nickte und passierte seinen Freund, ohne anzuhalten. Am Baseballfeld bog er nach links und befand sich nun parallel zur Hauptstraße. Die Sonne schien von einem blauen Himmel und die Luft war klar. Ein perfekter Morgen, weshalb Joe keine zweite Runde joggte, sondern den Weg nach Hause einschlug. Ein gemeinsames Frühstück mit Suzie, und dann vielleicht, bevor sie arbeiten musste, noch ein kurzer Abstecher ins Bett und diesen Tag könnte nichts mehr verderben. Er grinste und beschleunigte seinen Schritt. Wenn er sich in der Uhrzeit nicht irrte, würde Suzie jetzt in der Küche stehen und Kaffee kochen. Wahrscheinlich hatte sie noch ihr Nachthemd an, die blonden Haare waren vom Schlaf verwuschelt. Schon der Gedanke ließ ihn hart werden. Hoffentlich begegnete er niemandem, an dem er nicht einfach vorbeilaufen konnte, irgendeinem Kunden oder so.

Dass die Route zu seinem Haus frei von großen, matschigen Pfützen war, die er hätte großflächig umlaufen müssen, deutete Joe als gutes Zeichen. Auch dass das blaue Fahrrad seiner Freundin noch an der Veranda lehnte. Er nahm die zwei Stufen auf einmal und lachte leise über sich selbst. Diese Angewohnheit hatte er schon, seit er laufen konnte und niemand hatte sie ihm austreiben können.

Seine Joggingschuhe ließ er lieber vor der Tür stehen. Suzie hatte sich ein paar Mal wegen des latent vorhandenen Schweißgeruchs beschwert und ihm war es egal, wo sie standen. Leise öffnete er das Fliegengitter, um vorsichtig die hölzerne Tür aufzuschieben. Der Geruch von Kaffee empfing ihn, aus dem Obergeschoss drang Wasserrauschen an seine Ohren. Während er wieder zwei Stufen auf einmal nahm, zog Joe sich das Shirt über den Kopf und ließ es achtlos im Flur fallen. Durch die angelehnte Badezimmertür erkannte er Suzie unter der Dusche. Er schluckte. Das hatten sie lange nicht mehr gehabt. Vielleicht würde Suzie ihn heute nicht abweisen, wie so oft in letzter Zeit.

Er trat ein, doch in dem Moment wurde das Wasser abgestellt und Suzie trat hinter der halbhohen Natursteinwand hervor. Joe schloss die Tür.

»Schon fertig?«

Suzie warf ihm einen kurzen Blick aus ihren blauen Augen zu, in die er sich damals sofort verliebt hatte. »Ich hab’ ja gewartet und gehofft, du kommst zeitiger zurück. Aber du warst zu langsam, alter Mann.« Sie streckte ihm frech die Zunge heraus und wickelte sich in ein Handtuch.

Genau für solche Momente existierte Joe. Dieses einfache Leben, die Situationen zwischen Mann und Frau, die ein Paar nur erlebte, wenn es lange genug zusammen war. Insider-Witze, die niemand sonst verstand. Ein Gespräch führen, ohne Worte benutzen zu müssen. Joe küsste die Stelle hinter ihrem Ohr und fuhr mit der Zunge ihren Hals hinab. Sie roch nach der Pfirsichseife, die sie immer im Internet bestellte. Suzie erschauerte. Niemals hätte er gedacht, dass er einen anderen Menschen so gut kennen würde. Oder so stark lieben würde, dass ihm bestimmte Dinge in seinem eigenen Leben nicht mehr wichtig wären. Dass sich seine Welt nur noch um eine Person drehte.

Irgendwo im Haus klingelte ein Telefon. Suzie versteifte sich. Joe fuhr mit den Fingerspitzen ihre Arme hinunter. »Lass es klingeln.«

Mit einem Stöhnen drehte sie sich um. »Kann ich nicht. Ich warte auf einen wichtigen Anruf. Vielleicht ist er das.« Ihre Hand glitt in seine Shorts und massierte ihn. »Aber wir holen das nach, sobald ich wieder daheim bin.«

Ihre Lippen berührten seine und Joe wusste, dass diese Beziehung für immer war. Für immer und ewig. Er war sich sicher und Suzie zeigte ihm deutlich, dass es ihr genauso ging. Joe sah sie beide vor sich, mit ihren Kindern auf der Veranda oder im Garten. Perfekt. Perfekt, aber … wenn diese hartnäckige Flamme der Unsicherheit nicht noch immer hier und da in ihm auflodern würde. Kurz schloss er die Augen, seufzte in Gedanken. Das Telefonklingeln erstarb. Sie hatten eine schwierige Zeit hinter sich und die Zweifel fraßen ihn von innen heraus auf. In einem Moment schien alles gut zu sein und im nächsten war es komisch zwischen ihnen. Er wusste nicht, was er in manchen Situationen sagen sollte, sie vermied Blickkontakt, wenn das Gespräch stockte. Ihnen schienen langsam die Worte auszugehen. Joe kam sich vor, als würde er die meiste Zeit in der Beziehung wie auf Eiern laufen. Ein falscher Schritt und alles würde ...

Mitten im Kuss krachte es im Flur. Undeutliches Fluchen erklang, gefolgt von Gepolter und einem unterdrückten Schrei.

»Um Himmels willen!« Suzie griff sich ihren Morgenmantel von der Tür, Joe riss diese auf und rannte zur Treppe.

Er stockte. Am Fuß der Treppe auf dem Boden lag sein Bruder und ächzte. Blut sickerte aus einer Wunde auf seiner Stirn. »Alter, was machst du für Sachen?« Und an Suzie gewandt sagte er: »Hol den Verbandskasten aus der Küche.« Joe starrte auf Steve hinunter. Sein Bruder. Auf dem Boden liegend, ächzend. Sein Herz raste, klopfte wild in seiner Brust. Er roch die Pfirsichseife von Suzie und frischen Schweiß von Steve. Das Hemd war falsch zugeknöpft. In Joe begann der Sturm zu toben, vor dem sich Joe fürchtete. Das Problem zwischen ihm und Suzie war ihm wortwörtlich vor die Füße gefallen und er spürte, wie Wut durch seine Adern kroch. Aber er würde das nicht rauslassen, nicht vor den beiden. Sein ganzes Leben ging gerade den Bach runter, aber Joe würde den Kopf erhoben halten. Er wusste nur, dass jetzt und hier alles vorbei war. War er selbst schuld? Hätte er seine Befürchtungen ernster nehmen sollen? Joe musste jetzt und hier aufhören, die rosarote Brille zu tragen und der Wahrheit ins Gesicht sehen: Dass Suzie fremdging, hatte er vermutet. Es hatte Zeichen gegeben, die er ignoriert hatte. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, er rieb mit der Hand über seine Brust. Stand noch immer im Flur und starrte seinen Bruder an. Der Traum seines Lebens lag in Scherben.

Joe half Steve auf die Füße und führte ihn in die Küche. Stöhnend setzte sein Bruder sich auf einen Barhocker. »Jemand hat sein Shirt im Flur liegen lassen, ich bin drüber gefallen.«

»Sorry. Das war dann wohl ich.« Wahrscheinlich war das dieses `schlimme Erlebnis´, vor dem ihn seine Mutter ständig gewarnt hatte, wenn er seine Sachen überall herumliegen ließ. Aber Joe hatte gedacht, dass er derjenige sein würde, dem etwas passierte und nicht sein Bruder.

Suzie tupfte Steve die Stirn ab und klebte ein Pflaster auf die Wunde. »Halb so wild. Ist nur ein Kratzer.« Mit zittrigen Fingern strich sie ihm über die Wange und lächelte verkniffen.

»Kaffee?«, fragte Joe. Es fiel ihm nicht schwer, so ruhig zu bleiben. Immer, wenn es emotional anstrengend wurde, schaltete er innerlich ab, zog sich zurück und beobachtete die Szene wie von außen. Sah sich selbst wie einen Fremden. Suzie liebte große Dramaszenen, er litt leise. So, dass es niemand sah.

Beide nickten. Eine Weile schwiegen sie, während Joe die Getränke eingoss. Die Stimmung war wieder seltsam, auf keinen Fall mehr erotisch geladen. Joe seufzte, er wollte alleine sein. Er spürte, wie die Ruhe, die er sich selbst aufzwang, langsam aber sicher doch bröckelte. Sein ganzes Leben mit sich riss. Der Kaffee schmeckte scheiße, aber er trank ihn trotzdem. Selbst schlechter Kaffee war jetzt besser, als sich mit irgendetwas anderem auseinandersetzen zu müssen. Suzie und Steve sahen sich immer wieder an. Joe war ein Idiot, der sich seit Wochen Dinge einredete, die nicht da waren. Suzie hasste es, morgens zu duschen. Und er hasste diesen Eierlauf, den er seit Wochen vollführte. Alle in diesem Raum und wahrscheinlich im ganzen Ort wussten, dass diese Beziehung nicht mehr funktionierte, aber niemand sagte etwas. Damit war jetzt endgültig Schluss! Joe war es leid, so zu tun, als würde sich das Problem von selbst erledigen. Denn das Problem war sein Bruder. Nein, eigentlich war Joe selbst das Problem. Er hielt an etwas fest, was schon lange kaputt war. Irreparabel kaputt.

Wieder seufzte er und drehte sich zum Tresen um. „Wie lange läuft das schon?«

Die Stille, die folgte, sagte mehr, als er wissen musste und ertragen konnte. Er stellte seine Tasse in die Spüle.

»Bis heute Abend bist du ausgezogen, Suzie.«

»Joe, bitte. Lass uns nochmal reden. Vielleicht …«, begann Suzie und sah hilfesuchend zu Steve.

Dieser öffnete den Mund, aber Joe fuhr dazwischen.

»Was? Machen wir es uns zu dritt hier gemütlich? Würde dir das gefallen? Schön für dich, aber ich kotze bei dem Gedanken daran.« Der Sturm in seinem Inneren drohte ihn zu überrollen, Joe ballte die Hände zu Fäusten. Seine Fingernägel bohrten sich in die Handflächen. Der Schmerz war genau richtig, um ihn ruhig zu halten.

»Du bist mein Bruder, wie konntest du mir das antun?«

Steve sah ihn kurz an, dann blickte er wieder auf seine Füße. »Es ist irgendwie passiert. Eins führte zum anderen.«

Suzie stellte sich vor seinen Bruder und nahm Joe die Sicht auf diesen widerlichen Menschen, der sich Familie nannte. »Es war ein Moment, wir beide hatten unsere Probleme, das kannst du nicht leugnen. Lass uns in ein paar Tagen nochmal reden, ganz wie normale Menschen.«

»Ich rede normal. Und jetzt verschwindet von hier, ich ertrage euch nicht mehr.« Damit wandte er sich ab und sah auf die Tassen in der Spüle. Hinter ihm hörte er, wie Steve aufstand und das Haus verließ. Wie Suzie die Treppe hoch ging. Wie Schranktüren geöffnet und geschlossen wurden. Dann kam sie die Treppe wieder runter. Es dauerte ein wenig, bis schließlich die Haustür zufiel. Es war ein leises Geräusch, das in Joe laut nachhallte. Das die Trennung endgültig machte. Diese Tür hatte sich für immer geschlossen. Er klammerte sich an der Spüle fest, seine Knöchel traten weiß hervor.

Er hatte es geahnt. Die Zeichen waren da gewesen, aber Joe hatte sie nicht sehen wollen. Nicht einmal dann, als Daniel beim Verladen der Lieferungen für den Pub mehrfach beobachtet hatte, wie Steve gegen Mittag aus Joes Haus gekommen war. Auch nicht, als er fremde Hemden im oberen Bad gefunden hatte. Auch nicht, als Suzie aufgehört hatte, mit ihm zu schlafen. Aber heute war ihm Steve wortwörtlich vor die Füße gefallen. Dafür konnte auch Joe keine einfache Ausrede mehr finden. Womöglich war Joe gutgläubig, aber er war nicht komplett blind. Und irgendwann konnte selbst er nicht mehr wegsehen. Warum hatte er das alles so lange mit sich machen lassen? Ja, er liebte Suzie. Aber … nein, es gab kein Aber. Er liebte Suzie und hatte auf ein Happyend für sie beide gehofft. Joe fühlte diese Mischung aus Wut und Trauer, die sich in seiner Brust einnistete. Er hasste sie beide, er wollte Suzie zurück, er wollte… nein. Eigentlich wollte er das Leben zurück, das er mit ihr hätte haben können. Sie hatte ihm seine Zukunft genommen. Seine Pläne. Joe rieb sich über die Brust, aber der Schmerz hatte sich festgesetzt. Der Sturm in seinem Inneren ließ die Hoffnung verschwinden, an die Joe sich so lange festgeklammert hatte.

2

Was wäre, wenn jemand die Welt anhalten würde? Würde ich dann auch bleiben, wo ich bin, oder wäre ich dennoch lieber an jedem anderen Ort, als da, wo du bist?

Grace

»Du hast was getan?«

Grace seufzte und betrachtete ihre Freundin Josy, die diese Frage nun zum vierten Mal stellte. Bevor sie antwortete - auch zum vierten Mal – trank Grace einen Schluck von ihrem Karamell Latte und steckte sich das letzte Stückchen Apfelkuchen in den Mund.

»Ich habe sie rausgeschmissen.«

Josy schüttelte mit halboffenem Mund den Kopf. Ihre kurzen Haare wippten, während ihr Blick den Leuten auf der Straße folgte. Sie saßen in ihrem Lieblingscafé, von welchem man den besten Blick auf den Park gegenüber hatte. Ein sehr beliebter Platz für Jogger.

»Ich fasse es einfach nicht, dass du Annabelle rausgeschmissen hast. Ihr wart immer so … nervenaufreibend unzertrennlich, dass ich schon dachte, ich müsste sie auch noch zu meiner Hochzeit einladen.«

Grace verschluckte sich am Kaffee, den sie gerade im Mund hatte, und hustete. »Du heiratest?«

»Gott bewahre, nein! Wie kommst du auf so einen Quatsch?«

»Nun ja, weil du es gerade gesagt hast?«, entgegnete sie noch immer hustend.

Josy lachte und deutete von dem perfekt geschminkten Gesicht, über das Glitzertop, zu ihren High Heels. »Und das hier der Welt vorenthalten? Du kommst immer auf komische Ideen. Das muss an deinem«, sie kreiste mit dem Fingen vor ihrer Stirn, »Autorinnenhirn liegen. Dir entspringen seltsame Ideen, ohne dass du das steuern kannst.«

Gegen ihren Willen musste Grace grinsen, obwohl sie sich nicht danach fühlte. Noch immer schmerzte ihr Herz. Der Verrat saß tief. Annabelle hatte schon viel Mist gebaut und oftmals auch auf Graces Kosten, aber der Sex mit ihrem Verlobten war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

»Hörst du? Du solltest diese komischen Einfälle für deine Geschichten nutzen«, sprach Josy weiter. Grace merkte, dass sie dem Gespräch nicht gut folgen konnte, ihre Gedanken waren bei dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Verraten und betrogen worden zu sein, hatte ihrer Geduld ein Ende gesetzt. Sollten Schwestern sich nicht unterstützen? Zusammenhalten? Sich ergänzen und unter die Arme greifen, wenn es nötig war?

Josy räusperte sich laut und riss Grace damit aus ihren Gedanken. »Rede mit mir. Was treibt dich noch um?«

»Annabelle hat sich noch nie so verhalten, wie ich es mir von einer Schwester gewünscht hätte, weißt du. Sie ist keine schlechte Person, sie hat auch gute Seiten.« Grace atmete tief ein, Gefühle schnürten ihr die Kehle zu. »Annabelle hat mir diese Seite nur nie gezeigt. Alle anderen haben die perfekte junge Frau gesehen. Ich habe immer alles Schlechte von ihr abbekommen. Wie ein Ventil für schlechtes Benehmen.«

Grace seufzte, trank ihren Kaffee aus und lauschte der kratzig-warmen Stimme von Ciaran Lavery, die sanft aus den Boxen auf sie einrieselte.

»Du siehst echt scheiße aus, weißt du das eigentlich?« Josy kräuselte die Lippen und sah ihre Freundin mit schiefgelegtem Kopf an. »Schläfst du genug? Schlaf ist das Wichtigste überhaupt, um einen klaren Kopf und reine Haut zu haben.«

»Ich schlafe seit Tagen auf dem Sofa. Wahrscheinlich verschmelze ich bald damit. Alt, knautschig und unbeliebt. Erst habe ich das Bettzeug entsorgt. Dann die Matratze.« Sie schüttelte den Kopf und bestellte per Handzeichen noch einen Kaffee bei der Bedienung. »Es hilft einfach nichts. Sobald ich den Raum betrete, sehe ich Annabelle, wie sie mit ihrem perfekten Körper auf … ihm sitzt und er sie anfeuert, schneller zu reiten. Ich höre sie stöhnen. Ich rieche den Sex.« Grace schluckte, sie konnte Bobs Namen nicht aussprechen. Mit dem Finger malte sie in den Kuchenkrümeln auf ihrem Teller herum.

Josy legte ihre Hand auf Grace zitternden Finger. »Das muss aufhören. Komm zu mir, schlaf dich aus.«

»Du hast keine eigene Wohnung. Bei wem wohnst du eigentlich zurzeit?« Die Bedienung brachte den Kaffee und nahm Grace den Kuchenteller weg. Nachdem die Krümel verschwunden waren, begann Grace damit, mit den Fingerspitzen auf den Tisch zu klopfen. Die immergleiche Bewegung beruhigte sie ein wenig.

»Ach«, sagte Josy. »Bei Mark. Nein, Jacky. Oder Moment, es war Julian. Ja! Julian. Glaub mir, er hat rein gar nichts dagegen, wenn ich eine Freundin mitbringe.«

»Das glaube ich dir aufs Wort«, murmelte Grace und sah Josy mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Diese lenkte ein. »Ja, okay. Wahrscheinlich würde er etwas erwarten. Von uns. Aber wenn du willst, ich meine …?«

»Vergiss es, Josephine! Lieber schlafe ich noch eine Weile auf Knautschi, dem unbequemen Sofa.« Der Kaffee war zu heiß zum Trinken, weswegen Grace mit dem Löffel darin herumspielte.

»Und wenn ich zu dir komme?«

»Josy, sei mir bitte nicht böse, aber ich kann zurzeit echt keine fremden Männer oder Frauen in meiner Wohnung gebrauchen. Und schon gar nicht täglich wechselnde Unbekannte.« Schon der Gedanke daran, wie sich fast jede Nacht jemand Fremdes in ihrer Wohnung vergnügte, ekelte Grace an. Josy verzog das Gesicht und Grace sah, dass sie zu weit gegangen war. Ihre Freundin schob den Kaffee von sich und überschlug die Beine. »Shit. Es tut mir leid. Ich bin keine gute Gesellschaft. Wahrscheinlich hab’ ich es gar nicht anders verdient.«

»Nein«, sagte Josy und seufzte. »Du hast ja Recht. Aber endlich mal was Eigenes wäre schon nicht schlecht, oder?«

Der Gedanke an Josy und eine eigene Wohnung lenkte Grace ab. Sie kannten sich nun seit fast sieben Jahren und ihre Freundin hatte in der gesamten Zeit nie eine eigene Unterkunft gehabt. Sie lebte in Hotels, bei Freunden, bei Männern, bei Frauen, hin und wieder bei ihrer Mutter. Josy sagte von sich selbst, dass sie eine Wohnungs-Vagabundin war, sie hielt es nicht lange an einem Ort aus.

»Noch Kuchen?« Ohne auf die Antwort zu warten, stand Grace auf und stellte sich vor den alten Verkaufstresen. Hinter glänzendem Glas standen die leckersten selbstgebackenen Köstlichkeiten, die sich täglich abwechselten, je nach dem, wozu die Besitzerin Lust hatte. Heute gab es den Apfelkuchen, den Grace schon probiert hatte. Daneben stand eine traumhaft aussehende Himbeerschnitte. Außerdem noch eine Brownie-Variation, Käsekuchen und Bananenmuffins.

»Was darf es für euch sein, Grace?«

»Ich kann mich nicht entscheiden. Sie sollten aufhören, so wunderbar zu backen!« Lachend fuhr Grace sich über den Bauch, deutete dann aber auf die Muffins. »Ich nehme zwei davon.«

Die Besitzerin nickte und stellte zwei Teller auf die Anrichte. Neben den Muffins platzierte sie noch einen Klecks Sahne, zwei Stücke Banane und Schokostreusel. »Für meine Stammmädels nur das Beste. Lasst es euch schmecken.« Mit einem Zwinkern für Grace wandte sie sich schon dem nächsten Kunden zu.

Vorsichtig schlängelte Grace sich an den runden Tischen vorbei. Kurz vor ihrem Platz stellte sich ihr jemand in den Weg.

»Du solltest vielleicht lieber darauf verzichten, Grace.«

Sofort schlug ihr Herz schneller, pochte wild und ungezügelt, während das Blut in ihren Ohren rauschte. Hatte sie wirklich gedacht, nie wieder auf ihn zu treffen? Oder hatte sie geglaubt, nicht auf ihn, seinen Geruch und seine Stimme zu reagieren? Langsam hob sie den Kopf.

»Bob. Was ... was machst du hier?« Leider klang Grace nicht halb so selbstbewusst, wie sie gerne wollte. Ihre Worte kamen nur als heißeres Krächzen aus ihrem Hals.

Er grinste sein Freche-Jungs-Lächeln, in das sie sich damals verliebt hatte. Jetzt wirkte es nur noch schmierig, nicht mehr verlockend. »Kaffee holen. Aber wirklich Grace, die Muffins solltest du weglassen. Ist sicher nicht dein erster heute, oder?« Er zwinkerte verschwörerisch, als wüsste er etwas, das ihr entgangen war.

»Grace kann essen, was sie will, wann sie will und wie viel sie will. Wenn du Kaffee willst, hol ihn dir. Aber woanders.« Josys Stimme drang nur dumpf an ihre Ohren.

Ihre Freundin nahm Grace die Teller aus der Hand und stellte sie auf den Tisch, bevor sie sich vor Grace schob, was sie dazu zwang, einen Schritt zurückzutreten. Abstand, das war genau das, was sie brauchte. Seitdem sie Bob aus der Wohnung geworfen hatte, hatte sie kein weiteres Wort mit ihm gewechselt. Im Geiste hatte sie Gespräche durchgespielt, in denen sie ihn in die Schranken verwies, die ihm klar machten, was er getan hatte. Aber jetzt, als er vor ihr stand, war da nur Leere in ihrem Kopf. Sie schluckte und hoffte, dass er einfach verschwand. Sie war noch nicht bereit, sich mit Bob auseinanderzusetzen.

»Ich kann meinen Kaffee holen, wo ich will. Und es war nur ein Tipp von mir. Grace würde besser damit fahren, mehr auf ihren Körper zu achten. Weniger Kuchen, mehr Sport. Und sich vielleicht auch mal was zu trauen. Du weißt schon, im Bett und so.« Er beugte sich an Josy vorbei und Grace sah direkt in seine kalten Augen. »Ehrlich Gracie, nach dem Sex mit deiner Schwester weiß ich erst, wie langweilig du eigentlich bist. In allen Belangen!«

Bob sah nicht kommen, was sich vor Graces Augen wie in Zeitlupe abspielte. Josy sog erschrocken die Luft ein. Die Cafébesitzerin kam mit in die Hüften gestemmten Händen um die Theke herum. Bob lachte noch immer. Dann hob Josy ihren Arm und Bobs Gesicht flog zur Seite. Dann wieder die Besitzerin, die ihre Hand auf seinen Rücken legte und ihn aus dem Laden schob.

Langweilig. Fett. Langweilig. Fett. Das war das Einzige, was in Graces Kopf kreiste, einem Echo gleich, mal leiser, mal lauter.

Letztendlich fand sie sich an ihrem Tisch wieder. Sie räusperte sich und griff nach einer Serviette. »Vielleicht solltest du den essen«, sagte sie und schob Josy ihren Muffin zu.

»Hör mal zu. Du bist eine der wunderhübschesten Frauen, die ich kenne. Die Männer drehen sich nach dir um und den Frauen fallen die Augen raus, wenn sie sehen, wie schön du bist. Schön, intelligent, vielseitig und begabt!« Sie schob den Muffin zurück. »Und den essen wir gemeinsam! Weil wir es können und uns von dahergelaufenen Möchtegernmännern nichts sagen lassen.«

Lustlos tauchte Grace ihren Muffin in die Sahne und biss ab. Sie schmeckte Banane und einen Hauch Zimt. Die Creme war frisch und nicht zu süß. Sie schloss die Augen. Ein Traum. Aber auch der leckerste Muffin lenkte nicht von dem ab, was eben geschehen war. Bob wohnte auch in Piney Green, also könnte sie ihm überall über den Weg laufen. Bei einem ihrer geliebten Spaziergänge am frühen Morgen. Beim Einkaufen am Nachmittag. Sie würde es nicht ertragen, diese Vorwürfe jedes Mal zu hören. Und sie würde es nicht ertragen, ihn zusammen mit Annabelle zu sehen.

»Ich muss mal raus«, murmelte sie und spülte den letzten Bissen Muffin mit mittlerweile kaltem Kaffee hinunter.

»Weißt du was? Das ist eine fantastische Idee!« Josy klatschte begeistert in die Hände und zog ihren Tablet-PC aus ihrer übergroßen Tasche.

»Weit weg?«, fragte ihre Freundin, während ihre Finger über das Display fuhren.

Grace nickte.

»Sehr weit weg?« Josy legte die Stirn in Falten.

Grace nickte langsam. »Was tust du?«

»Du hast nichts gegen Schnee?«

»Nicht im Winter. Was machst du?«

Josy ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Sie tippte, scrollte und schüttelte den Kopf. Ihre Zungenspitze lugte zwischen den knallroten Lippen hervor. Die Bedienung räumte den Tisch ab und brachte die Rechnung.

»Würdest du mir sagen, was du tust?«

»Gleich.«

Grace trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Josy ließ sich unglaublich viel Zeit mit ihrem »Gleich«. Als Grace anfing, mit dem Fuß zu wippen und Josy immer noch nicht reagierte, beglich sie die Rechnung und ließ sich noch einen Muffin zum Mitnehmen einpacken. Den würde sie brauchen, wenn sie heute Abend allein in ihrer Wohnung saß und an den Nachmittag zurückdachte. Eine Weile betrachtete sie erneut ihre Freundin, aber Josy blickte noch immer auf das Display schüttelte den Kopf, nickte. Grace seufzte, nahm ihr Smartphone und checkte die Mails.

Spam, Werbung, Mails ihrer Schwester, Spam … und eine von ihrem Verlag. Mit Herzklopfen öffnete sie die Nachricht und überflog die Zeilen.

»So eine verdammte Scheiße.«

Kurz sah Josy auf. »Was ist?«

»Brenda hat mir geschrieben. Wenn ich mein Manuskript nicht bis Ende der Woche eingeschickt habe, streichen sie mich aus den Sommernovitäten. Die Veröffentlichung wird dann auf unbestimmte Zeit verschoben.« Sie ließ ihre Hand, die das Handy hielt, auf den Tisch sinken. »Das darf einfach nicht wahr sein.«

»Warum schickst du ihnen dein Manuskript nicht einfach? Du bist doch fertig, oder?«

Grace nickte. »Ja, schon. Aber das Ende fühlt sich nicht richtig an. Ich habe es in einem Anfall von Wahnsinn gelöscht und den wunderbaren Mann, den ich entworfen habe, als Fremdgeher deklariert. Daraufhin hat ihn die Liebe seines Lebens verlassen. Ich sollte ein Buch mit Happy End schreiben. Und das bekomme ich gerade einfach nicht hin. Ich hab es dem Verlag gesagt. Sie verstehen die Situation, aber wollen trotzdem ein Happy End.«

»Dann nimm eben das alte Ende.«

»Das passt nicht. Das war zu kitschig, zu schnulzig, zu rosa eben.« Sie seufzte. Wahrscheinlich könnte sie das alte Ende einfach nochmal schreiben und Brenda wäre wahrscheinlich auch begeistert. Es war genau das, was die Leserinnen wollten. Aber Grace konnte damit nicht leben, denn so ein perfektes Ende gab es nun mal nicht im echten Leben. Es kam ihr vor wie eine Lüge.

»Fertig. Geh heim, pack deine Koffer. Ich hole dich in drei Stunden ab.« Josy sprang auf, schnappte sich ihre Sachen und machte Anstalten, das Café zu verlassen. Grace folgte ihr auf dem Fuß, bis sie Josy vor dem Café am Arm packte und festhielt. Es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung von Josy Worten richtig bei ihr angekommen war.

»Hey, Moment mal. Was heißt das, ich soll meine Koffer packen? Wo fahren wir hin?«

Ihre Freundin lächelte sie an. »Nicht wir. Du. Ich habe dir ein Ticket nach Dawson City, Yukon, gebucht. Der am weitesten entfernte Ort, den ich finden konnte. Über 1400 Meilen. Pack alles ein, was du findest, zur Not schicke ich dir nach, was du noch brauchst.«

»Josy, das geht nicht. Was ist mit meiner Wohnung?«

»In die ziehe ich ein!«

Grace wandte sich ab und sah die Straße hinunter. Der Park war gut besucht von lachenden Familien und rennenden Kindern. Die Sonne schien durch die noch kahlen Bäume, aber im Sonnenschein war es warm. Ein Eisverkäufer fuhr mit seinem rot-weiß gestreiften Wagen auf die Wiese und wurde sofort umzingelt. Ein älteres Ehepaar ging mit einem Hund vorbei. Und am Ende der Straße stand Bob mit Annabelle und winkte ihr lachend zu.

»In drei Stunden bei mir«, sagte Grace und rannte fast nach Hause.

Joe

»Du hast was gemacht?«

Jonathan umfasste seine Bierflasche und trank einen Schluck. »Hab’ sie beide rausgeschmissen. Mein Bruder kann gucken, was er macht und Suzie ist wohl bei einer Freundin untergekommen. Aber von mir aus können sie auch auf der Straße schlafen.«

Es war Jonathan leichter gefallen, als er gedacht hatte. Erst waren Suzies Klamotten im Schnee vor dem Haus gelandet, dann hatte er Steves Zeug, das im Haus verteilt gewesen war, in eine Tüte gesteckt und daneben gestellt. Dinge, die sich eben so ansammelten, wenn man regelmäßig Zeit im Haus seines Bruders verbrachte. Ein Shirt, ein Baseballhandschuh, ein paar Bücher. Nachdem alles, was den beiden gehörte, seine eigenen vier Wände verlassen hatte, hatte er alle Schlösser gewechselt, zu denen die beiden Schlüssel besaßen. Erst dann war seine Wut weit genug heruntergekühlt gewesen, um Daniel anrufen zu können.

Mit einem Seufzen stellte Joe das Bier auf die Veranda, stand auf und griff nach dem Spaten. »Steve hat geklingelt, Suzie gegen die Tür gewummert. Aber ohne mich, Alter.«

Daniel folgte seinem Freund und fuhr die Schubkarre näher an das Hochbeet. »Haben sie dir wenigstens gesagt, wie lange das schon geht? Irgendeine Erklärung?«

Joe schüttelte den Kopf und trieb den Spaten tief in den Boden. Sie war nicht mehr ganz so gefroren, wie er befürchtet hatte. Schaufel für Schaufel Erde landete in der Schubkarre, die Daniel auf dem Nachbargrundstück ausleerte und zurückkam. Um nicht um das Haus laufen zu müssen, hatte Joe einfach einige Latten im Zaun entfernt.

»Darfst du das überhaupt?« Er deutete auf den ansehnlichen Erdhaufen, der sich zwischen dem bisschen Schnee, der im Schatten noch nicht vollständig geschmolzen war, und einem schwer erkennbaren Steingarten erhob.

Joe nickte und stützte sich auf dem Griff ab. »Hab Jessika gefragt. Da gerade niemand dort wohnt, kann ich mein Zeug abladen. Sobald jemand Interesse hat, muss ich aufräumen. Aber das Haus steht schon so lange leer, da zieht wohl niemand mehr ein.«

Er schaufelte weiter Erde in die Karre, Daniel fuhr sie weg. Sie arbeiteten ruhig und im Gleichklang. Die Sonne wanderte über den Himmel. Es war später Nachmittag, als Joe das erste Mal mit der Spitzhacke in die Holzumrandung fuhr, und diese aus dem Boden zog. Im Haus klingelte das Telefon. Mehrmals.

»Willst du nicht rangehen?«, fragte Daniel und setzte sich auf einen der Stühle, die Joe zuvor aufgestellt hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und die dreckigen Hände an der Jogginghose ab. Auch wenn es noch März war, hatte die Sonne schon Kraft.

Joe grinste und schüttelte den Kopf. »Das kann nur einer der beiden sein. Es ist jetzt zwei Tage her und sie geben keine Ruhe. Suzie müsste mich doch kennen, ich meine, wir waren sieben Jahre zusammen.« Er schnappte sich sein Bier von der Veranda und setzte sich zu seinem Freund. »Nach so einer langen Zeit kennt man sich, oder?«»Na ja,« Daniel trank einen Schluck. »Du hast auch nicht sofort gemerkt, dass sie was mit deinem Bruder hat.«

»Danke, Arsch!« Aber Daniel hatte Recht. Anscheinend konnte man jahrelang zusammenwohnen, zusammenleben, ohne sich auch nur ein bisschen zu kennen. »Scheiß drauf. Ist vorbei.«

»Dir ist klar, dass ich dir diese coole, unnahbare Art nicht abkaufe. Nix ist vorbei für dich. Du hättest dieser Frau doch die Welt zu Füßen gelegt, wenn sie dich gelassen hätte.« Sein Freund nahm einen Schluck aus der Flasche und schüttelte den Kopf.

»Was wäre daran schlimm gewesen?« So ganz konnte Joe ihm nicht folgen. Worauf wollte er hinaus? »Ich habe sie geliebt.« Er zuckte mit den Schultern.

Daniel lachte trocken auf. »Und das, mein Freund, ist die größte Lüge des gesamten Universums. Das wird dir noch auf die Füße fallen.«

Joe öffnete den Mund, wollte etwas sagen, aber ihm wollte kein brauchbares Gegenargument einfallen. Natürlich belog er sich selbst. Aber es war einfacher, weiterzumachen, als sich damit auseinanderzusetzen, dass Suzie anscheinend die ganze Zeit einen anderen Lebensplan gehabt hatte als er. Dass »zusammen« nicht unbedingt »gemeinsam« bedeutete.

»Was zur Hölle hast du eigentlich vor?« Daniel deutete mit seiner Flasche auf die zerstörte Rasenfläche. Sie hatten die vier Hochbeete bis zum letzten Krümel abgetragen. Nun hatte Joe vier Löcher in seinem Garten, die wirklich unschön aussahen. Es wirkte wie kleine Bombeneinschläge zwischen glitzerndem Weiß.

»Keine Ahnung. Mir ging es eigentlich erstmal nur darum, die Scheiße wegzubekommen. Weiter hab ich noch nicht geplant.«

Daniel erhob sich und streckte den Rücken durch. »Säe im Frühling einfach Rasen aus und fertig. Für mehr solche Aktionen bin ich zu alt. Ich hau ab für heute.« Er nickte seinem Freund zu und ging durch das Gartentor hinaus.

Joe blieb mit seinen Gedanken zurück. Die Sonne wanderte weiter und stand bald nur noch zwei Handbreit über dem Horizont. Jonathan sollte aufräumen, duschen und schlafen gehen. Morgen hatte er einen Termin im Museum und Mason hatte etwas von einem großen Projekt erzählt, bei dem es alle Hände voll zu tun gab. Dennoch blieb er sitzen und starrte die leeren Flecken im Rasen an. Suzie hatte vor vier Jahren mit den Hochbeeten angefangen und auch wenn Joe anfangs skeptisch gewesen war, hatten sie bald ihr eigenes Gemüse essen können. Es war eines dieser Hobbys, die man sich zulegte, wenn man sich häuslich niederlassen wollte. So hatte Joe gedacht und immer gelächelt, wenn er in der Küche stand und seine Freundin Unkraut rupfend an den Beeten. Ihr großer Strohhut hatte albern ausgesehen, aber sie hatte ihn geliebt. Nun lag er unter der ersten Schubkarrenladung Erde auf dem Nachbargrundstück.

»Du hast sie weggemacht?« Hinter ihm erklang Suzies Stimme. Sie schien nicht überrascht, eher resigniert. »Da steckte viel Arbeit drin, Joe.«

»Ist nicht meine Schuld.« Ein Gespräch mit ihr hatte ihm gerade noch gefehlt. Während er innerlich tobte, verhielt er sich äußerlich ganz ruhig. So, als wäre ihm das alles ziemlich egal. Daniel hatte mal gesagt, in solchen Momenten wäre es, als würde Joe einfrieren, kalt werden. Hoffentlich verschwand Suzie schnell wieder und tauchte auch nicht wieder auf. Äußerlich blieb er ganz ruhig auf seinem Plastikklappstuhl sitzen. Innerlich tobte ein Sturm ungeahnten Ausmaßes. Hass auf Steve, Wut auf Suzie, Ekel vor sich selbst. Die Frage, wie es weiter gehen sollte. Was wollte Joe machen? Aus Dawson verschwinden? Hinter ihm ging automatisch das Verandalicht an und schien schwach zu ihnen herunter.

»Kannst du mir nicht verzeihen? Denk doch an all das, was wir hatten. Ich möchte das nicht wegwerfen.« Suzie kam langsam auf ihn zu. Die Sonne war untergangen und nur das Verandalicht erhellte die Szenerie. Es hätte etwas Romantisches, wenn es die Tage vorher nicht gegeben hätte.

»Ich denke nicht, dass ich …« Joe stockte, als Suzie näherkam.

Sie setzte sich auf seinen Schoß, zog ihren Pullover aus und küsste ihn. Ihre Hände umklammerten seine Oberarme, ihr Körper presste sich an seinen. Joe wollte sie wegschieben, wollte wegrennen, aber sein eigener Körper reagierte anders und tat Dinge, die der Sturm in Joe nicht tun wollte. Er umfasste Suzies Pobacken und zog sie näher an sich heran. Sie trug den Rock, den er ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Und nichts darunter. Ihre Haut war kühl. Joes Atem ging schneller, er wusste, dass das, was er tat, falsch war. Aber gleichzeitig fühlte es sich so gut, so richtig an. Vertraut. Er wollte Suzie, mehr denn je.

Gekonnt griff ihre Hand in seinen Schritt und massierte seinen schon erigierten Penis. Zusammen schoben sie das störende Kleidungsstück ein wenig nach unten. Suzie machte sofort weiter. Joe stöhnte. Suzie keuchte und kleine, feine Nebelwolken entkamen ihrem Mund. Er hob ihren Hintern an und glitt mit einem Ruck in sie hinein. Sie war feucht und so heiß. Suzie keuchte lauter und bewegte sich. Erst langsam, dann immer schneller. Sie trieb sie beide an, weiter, immer weiter. Ihre Hände lösten den Zopf und die blonden Haare ergossen sich über ihre Schultern. Joe lehnte sich an, den Blick weiterhin auf Suzie gerichtet. Sollte jemand von der Straße zusehen, war es ihm herzlich egal. Ihre Brüste bebten im Takt ihrer Bewegungen. Eine Gänsehaut überzog ihre Haut und machte ihre Nippel noch härter. Er spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er kam. Blut rauschte in seinen Ohren. So sollte es sein. Er sollte an den ersten warmen Tagen draußen mit seiner Freundin Sex haben.

Suzie fing an, ihre Brüste zu massieren. Immer schneller bewegte sich ihr Becken auf ihm und Joe dachte daran, dass sie es vielleicht doch nochmal versuchen sollten. Ja, sie hatte Mist gebaut, aber wer war er, den ersten Stein zu werfen? Sie hatte ihm auch schon einigen Mist verziehen. Joe wurde in diesem Augenblick bewusst, dass seine eigenen Gedanken ihn ablenkten, aber er konnte nichts dagegen machen. Er war nicht bei der Sache, auch wenn er nicht behaupten konnte, dass es ihm nicht gefiel.

Sie stöhnte, das Verandalicht beleuchtete schwach ihre Brust. Joe beugte sich vor und begann an ihren Nippeln zu saugen, während seine Hände ihren Po massierten. Schneller, immer schneller.

»Suzie«, murmelte er an ihrer Brust und biss vorsichtig hinein.

»Oh mein Gott, Steve, mach das noch mal!«

Nichts wäre ernüchternder, als während des Sex mit dem Namen des eigenen Bruders angeredet zu werden. Sofort wurde sein Penis schlaff. Joe hielt inne, nahm die Hände von ihrem Hintern und auch Suzie stockte. »Scheiße, Joe. Das … das tut mir leid. Ich wollte das nicht.«

Mühsam befreite sich Joe von seiner Ex, schob sie von sich herunter auf den Stuhl und erhob sich. Er merkte, wie sein Puls zur Ruhe kam, der Sturm wieder an Kraft gewann und der Ekel vor sich selbst größer war denn je.

»Joe«, Suzie legte ihre Hände auf seine Brust und blickte ihn von unten herauf an. »Mein Herz schlägt nur für dich!«

Er umfasste ihre Handgelenke und schob sie von sich weg. »In erster Linie schlägt dein Herz, um Blut durch deinen Körper zu pumpen. Anscheinend kommt es an den wichtigen Stellen gar nicht erst an.« Er tippte ihr an die Stirn, wandte sich um und löschte beim Betreten des Hauses das Verandalicht.

3

Was wäre, wenn ich dich treffen, aber nicht mögen würde? Mein Herz sich aber in deinem findet? Was würde dann passieren?

Grace

Dawson City ist eine bezaubernde, kleine Stadt im kanadischen Yukonterritorium und liegt 120 km vor der Grenze zu Alaska, direkt an der Mündung des Klondike in den Yukon. Grace seufzte. Die Beschreibung in dem Flyer, den sie vor ihrer Abreise bekommen hatte, klang, als wäre Dawson City der Traum aller Kleinstadtbewohner. Bis jetzt sah es aber eher danach aus, dass dieses bezaubernde Städtchen im Schnee versank. Einige Stellen auf den Straßen waren matschig. Jedes Haus war in einer anderen Farbe angemalt, aber sie waren stumpf, nicht so leuchtend wie in der Anzeige. Ihre Erwartungen blieben ganz schön hinter der tristen Realität zurück.

»Sie sind sicher, dass wir hier richtig sind?« Sie drehte sich zu dem Piloten um, der sie hierhergebracht hatte.

Dieser spuckte seinen Kautabak aus und nickte. »Goldrichtig.« Er lachte tief und dröhnend, wobei sein gewaltiger Bauch wackelte, als hätte er einen großartigen Witz gemacht. Den Grace leider nicht verstanden hatte. Schwach lächelnd drehte sie sich wieder von ihm weg.

»Okay. Danke, vermutlich.« Das konnte nicht sein. Was hatte sich Josy dabei gedacht? Hatte sie überhaupt gedacht oder sich in ihrem Kopf schon die Zeit in Graces Wohnung nach ihren eigenen Vorlieben eingerichtet? Hier war rein gar nichts, außer einem zugefrorenen Fluss, nicht geteerten Straßen und, soweit das Grace überblicken konnte, gab es nur eine Handvoll Straßen. Shoppen gehen gehörte nun wohl auch der Vergangenheit an.

Hinter ihr startete der Pilot seine DC-3, um zurück nach Sitka zu fliegen. Vielleicht hätte ihr die Tatsache, dass sie alleine im Flugzeug gesessen hatte, ein Zeichen sein sollen, dass sonst niemand um diese Jahreszeit hier her reisen wollte. Die Anreise von dieser Stadt aus war ihr als bester Flug nach Dawson verkauft worden, mit einer fantastischen Aussicht auf die Berge und damit den ersten Blick auf ihr neues Zuhause. Auch da hatte sich Josy geirrt. Schneeregen und Wind hatten den Flug zu einer Tortur gemacht. Grace wollte nur noch in ihr Haus und schlafen. 1400 Meilen und knapp 70 Stunden nach ihrem Aufbruch ins große Abenteuer wollte sie nur noch liegen und Josy verfluchen. Warum genau hatte sie sich zu diesem irren Trip überreden lassen?

Aber anscheinend hatte ihre Kontaktperson den Termin vergessen. Okay, Grace musste zugeben, dass alles verdammt kurzfristig gewesen war. Seit ihrer Trennung waren kaum zwei Wochen vergangen. Vielleicht war ihre Abreise sehr plötzlich gewesen und hatte eher einer Flucht geglichen. Josy und sie hatten noch einige Tage gemeinsam Urlaub in einem Spa gemacht, bevor Grace endgültig nach Dawson losgeflogen war. Da war dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das sich im Innersten breit gemacht hatte, einfach nichts gegen die Katastrophe machen zu können. Da war nur eine Flucht infrage gekommen.

Aber ihr war zugesichert worden, dass es ein leeres Haus gab. Möbliert, am Rand der Stadt, den Midnight Dome im Rücken. Wer oder was das auch sein sollte. Wieder seufzte Grace und griff nach ihrer Tasche. Die vier Koffer würde sie wohl hier stehen lassen müssen. Egal, wie lange sie in ihren Erinnerungen kramte, der Name der Straße, wo sie wohnen sollte, fiel ihr einfach nicht mehr ein. Irgendeine Zahl. Fünf. Oder Zwölf. Vielleicht auch ein A. Vielleicht sollte sie Josy anrufen, um ein paar mehr Infos zu bekommen? Unentschlossen sah sie sich um.

Den Start in ein neues Leben hatte Grace sich auf jeden Fall anders vorgestellt. Nicht so grau und trist. Der Wind peitschte um sie herum und brachte die ersten Regentropfen mit sich. Ja, genau. Das hatte noch gefehlt. Regen. Warum nicht gleich Schnee? Es war schließlich erst Mitte März und so wie ihre Gefühlswelt gerade aussah, würde ein Schneesturm epischen Ausmaßes perfekt dazu passen. Let it go, Gracie!

Grace setzte sich auf die einzige Bank am Rande des etwas erhöht liegenden, kleinen Flugplatzes und betrachtete die Stadt. Sie wollte, dass dieser Neufang gut werden würde, nur deswegen bekam die Stadt noch eine Chance. Stadt war allerdings schon sehr übertrieben. Es war ein länglicher Schlauch, wenn man ein Auge zukniff und den Kopf ein wenig schief legte und dabei vor und zurück wankte. Wenn sie schätzen müsste, war die Hauptstraße keine drei Kilometer lang.

In einem Talkessel gelegen wurde Dawson an seiner langen Seite vom Klondike-Fluss eingegrenzt. Berge und Wald umschlossen die anderen. Eine Straße führte hinein und wieder heraus, wobei dann zum Überqueren des Wassers der Fähranleger diente, der aktuell unbenutzt war. Grace kramte den Flyer aus ihrer Tasche und hob ihn in die Höhe. Die Bilder darauf waren in strahlendem Sonnenschein geschossen worden und machten mehr her als der Matsch, den sie vor sich hatte. Straßen und Häuser ergaben zusammen ein paar fast perfekt zusammen gewürfelte Vierecke. Sich zu verlaufen galt hier sicher nicht zu den Dingen, vor denen man Angst haben musste. Was hatte noch in dem Flyer gestanden? Sie schob die drei Seiten auseinander, in der Mitte war ein großes weißes Gebäude abgebildet. »Museum«, murmelte sie. Die Werbegrafiken sind klasse, um ahnungslose Opfer anzulocken wie mich, dachte sie und las, was im Textfeld stand.

Dawson war eine alte Goldgräberstadt, die vom Tourismus lebte. Grace nickte. Das erklärte die Westernaufmachung der Häuserfronten. Nun, wenn diese Stadt vom Tourismus lebte, würde sie auch etwas zu bieten haben und es würde wohl weniger langweilig werden, als es auf den ersten Blick aussah. Und überall war deutlich Schnee zu sehen! Der Fluss wirkte ehrfurchtgebietend mit den schier unendlichen Massen an Eis, die ihn bedeckten.

Die Regenwolken verzogen sich für einen Augenblick. Einzelne Sonnenstrahlen tanzten über das Eis. Das war das Schönste, was sie jemals gesehen hatte. Ein leises Seufzen entfuhr ihr. Diesmal zufrieden und ruhiger. Das Licht glitt über das gefrorene Wasser und schien mit den kleinen Kristallen spielen zu wollen. Sofort hatte Grace eine Szene im Kopf. Eine Szene, die sie unbedingt aufschreiben musste. Den Blick auf den Fluss gerichtet, kramte sie in ihrer Tasche. Irgendwo hatte sie ihren Block und mit Sicherheit auch einen Stift.

»Entschuldigung, sind Sie Grace Hilpert?«

Grace war so versunken in den Anblick der Lichtreflexe, dass sie erschrocken herumfuhr. Noch im Schwung versuchte sie, ihre Tasche festzuhalten, in der ihre Hand noch immer steckte, aber jede Reaktion kam zu spät. Sie knallte auf den Boden, ihr Handy polterte heraus und landete in der einzigen Schneematschpfütze weit und breit. Das Piepen, das es von sich gab, klang wie ein Frosch, dem die Stimme abhandengekommen war.

»Scheiße!« Die Frau, die sie angesprochen hatte, griff nach der Tasche, Grace angelte das Telefon aus dem Dreckwasser. Dunkler Schnee tropfte langsam vom schwarzen Display. »Ich denke, das ist tot, oder?«

Grace nickte. Okay, sie hatte einmal daran gedacht, das Smartphone abzuschaffen, damit sie ihre Ruhe hatte. Vor allem und jedem. Aber auf die Art und Weise von ihrem Telefon getrennt zu werden, tat doch weh. »Sieht wohl so aus.« Sie sah auf. »Aber ja, ich bin Grace Hilpert.«

Die Frau ihr gegenüber schien ungefähr in ihrem Alter zu sein. Wunderhübsche hellblaue Augen, mit jeder Menge Lachfalten, umrahmt von kurzen dunkelblonden Locken. Und ein Lächeln, das sogar einen epischen Schneesturm beruhigen könnte. Grace grinste zurück.

»Mein Name ist Jessika. Ich bin dein Kontakt hier. Wir können doch du sagen, oder? Schließlich kenne ich schon dein Haus.« Sie zwinkerte und hakte sich bei Grace unter, nachdem sich beide erhoben hatten. »Die Koffer lasse ich abholen, lass uns lieber laufen, dann kann ich dir gleich den Charme der Stadt zeigen und du verfällst ihm, ehe du in deinem neuen Zuhause angekommen bist. Es ist wirklich fantastisch. Okay«, Jessika zuckte entschuldigend mit den Schultern, »der Garten muss gemacht werden und Joe hat den Zaun eingerissen, aber von innen ist es ein Schmuckstück. Und du schreibst?«

Bevor Grace antworten konnte, redete ihre Stadtführerin weiter. »Hier wirst du so viel Inspiration und Ruhe finden, dass du uns nie wieder verlassen willst, glaub mir. Am Anfang wirkt Dawson vielleicht etwas langweilig, aber ich versichere dir, hier tanzt der Wolf. Nicht, dass es wirklich welche geben würde. Also natürlich gibt es die wirklich, aber natürlich nicht hier bei uns. Und sonst? Alles gut?«

Von dem Redeschwall überwältigt musste Grace erst einmal Luft holen. Ein roter Jeep fuhr an ihnen vorbei, Jessika hob die Hand und lachte. »Das ist Joe, er holt deine Koffer.«

»Ich will keine Umstände machen …«, setzte Grace an, wurde aber sofort von Jessika unterbrochen. »Machst du nicht. Wirklich. Joe tut es ganz gut, etwas zu tun zu haben, was nicht mit Suzie zu tun hat, weil … nun, ich sollte den Mund halten. Ich höre sein Gemecker in meinem Kopf, das ist immer ein Zeichen, dass ich zu viel über ihn rede. Also. Du. Bei dir alles gut?« Freundliche Augen sahen sie offen und ehrlich an.

»Ja, alles bestens. Ich bin vielleicht etwas kaputt von der Reise.« Grace lächelte und bemerkte, dass Jessika gar keine Jacke trug. Ein hellgrauer, langärmliger Pullover war alles, was sie neben ihrer Jeans vor dem immer wieder einsetzenden leichten Regen und der Kälte schützte. Und gelbe Gummistiefel mit roten Blüten, die wie aufgemalt aussahen. Durch deren Anblick aus dem Konzept gebracht, hörte sie das Hupen zu spät und der rote Pickup fuhr an ihnen vorbei. So nah an ihnen vorbei, dass Grace es nicht mehr schaffte, Jessikas Beispiel zu folgen und zur Seite zu gehen. Sie war abgelenkt von dem verkniffenen Gesicht, das sie musterte und sich dann mit einem Kopfschütteln abwandte.

Das Schmutzwasser traf sie bis zu den Oberschenkeln und machte es sich sofort in ihrer Jeans sowie den Sneakers bequem. Grace schloss die Augen und betete, dass sie das einfach nur träumte. Sobald sie aufwachte, würde sie in ihrem warmen, sexlosen Bett liegen. Sie würde einen ruhigen Tag am PC verbringen. Ein Tee, ein Keks – pro Seite. Mehr nicht.

Als sie die Augen öffnete, sah Jessika sie zerknirscht an. »Vielleicht war es Joe doch nicht ganz so recht, die Koffer zu holen.«

»Vielleicht,« murmelte Grace und ging zwei Schritte, nur um das Gesicht zu verziehen, als das Wasser aus ihren Schuhen schwappte.