Stockinger - Dieter Weißbach - E-Book

Stockinger E-Book

Dieter Weißbach

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Beschreibung

Landleben ohne Kitsch: Die Geschichte von Alfons Stockinger zeigt unverfälscht Lust und Leiden eines Bauerns von heute.

Das E-Book Stockinger wird angeboten von Allitera Verlag und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bergbauer, Werdenfelser Land, Garmisch-Patenkirchen, Oberbayern, Süddeutschland, Lebensgeschichte, Leid, Erfahrung, Bauernroman

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Allitera Verlag

Dieter Weißbach

Stockinger

Der letzte Bergbauer

Roman

Allitera Verlag

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de

Für Christine

März 2011

Allitera Verlag

Ein Verlag der Buch&media GmbH, München

© 2011 Buch&media GmbH, München

Umschlaggestaltung: Alexander Strathern, München

Titelbild: »Hochalmhütte 1705 m gegen Alpspitze«;

Fotografie von Rudolf Rudolphi

Printed in Europe · ISBN 978-3-86906-135-1

Inhalt

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 1

Er hörte die Türangel quietschen und dachte noch, hört das denn nie auf, da war sie bereits unter seiner Bettdecke und drückte ihren heißen kräftigen Körper so fest an seine alten, morschen Knochen, dass es wehtat.

»Sei doch nicht so wild!«

Wie oft hatte er ihr schon gesagt, sie solle etwas weniger grob mit ihm umgehen. Er war schließlich ein alter Mann, darauf musste man doch Rücksicht nehmen können. Noch dazu um diese Zeit, noch nicht einmal fünf Uhr.

»Bin ich immer so, du weißt schon, in der Früh, kann ich nichts dafür«, brummte sie und drückte ihre leicht nach oben gekrümmte Nasenspitze an seinen faltigen, bartstoppeligen Hals, was ihn immer an Minka erinnerte, ihre alte, grantige Hauskatze, die unten in der Küche bestimmt schon mit vorwurfsvollem Blick um den leer gefressenen Fressnapf strich. Sie reagierte immer sofort, wenn Swetlana aufstand und zum Bauern hinüberging. Mit hoch erhobenem Schwanz lief sie die Treppe hinunter, zwängte ihren Kopf durch die angelehnte Küchentüre, miaute einmal anklagend, schob den Rest ihres haarigen Körpers durch den Spalt und verzog sich schließlich an ihren Platz. Da blieb sie sitzen und wartete geduldig, bis sie an der Reihe war.

Ohne auf seine Einwände zu achten, schob die rotbäckige Russin ihre Hand in den Schlitz seiner Schlafanzughose und zerrte an seinem Gemächt.

»Ich bin doch keine Kuh«, protestierte er noch einmal schwach.

»Nein, aber mein Stier«, erklärte sie seinem Hals.

»In Gott’s Namen«, ächzte er und ließ sich von ihr aus der Schlafhose helfen.

»Das auch, will ich dich ganz spüren.« Ungeduldig zerrte sie an seinem Oberteil.

»Muss das sein? Du wirst noch mal einen Knopf abreißen, wenn du immer so wild bist.«

»Alfons, du musst ja nicht annähen. Komm schon. Mach. Hilf.«

Als Swetlana noch ganz neu auf dem Hof gewesen war, hatte er es noch nicht so bequem gehabt. Da wollte sie noch experimentieren. Stellungen ausprobieren.

»In Gott’s Namen, wenn’s dir Spaß macht«, stöhnte er und zog die Bettdecke über Kopf und Rücken, wie schnell hatte man sich was verrissen bei dieser Akrobatik, kniete sich hin und wartete, bis sie sich ebenfalls in Stellung gebracht hatte.

Nachdem sein Ding endlich da war, wo es hin sollte, vergrub er lustvoll beide Hände in ihren fleischigen Hintern und fing an zu stoßen.

Trotz erster Erfolg versprechender Vor-und-zurücks musste er erkennen, dass er irgendwie zu hoch war, bei der Vorwärtsbewegung, am Ende. Sie schien dasselbe zu empfinden und stellte gleich ihre Knie etwas näher zusammen.

»Halt still, ich mach doch schon«, schnaufte er auf ihren Rücken hinunter.

»Soll ich wieder zurück?«

»Nein, bleib so. Passt schon.«

Er rutschte zurück in seine Ausgangsposition.

Swetlana fragte noch einmal nach. »Geht’s?«

»Ja, ich glaub schon, aber bleib jetzt so.«

»Ah.« »Mhm.« Zufrieden brummten und stöhnten sie, er in die Luft, sie in das geblümte Kopfkissen, in das er sie langsam hineinarbeitete.

Da er nicht wusste, wo er sonst hinschauen sollte, betrachtete er ihren Rücken. Die zwei kleinen Sommersprossennester auf ihren Schultern, die er schon kannte, die feinen, schwarzen Härchen dazwischen, das breite, tiefe Tal ihres Rückens, dann die Stelle zwischen ihren kräftigen Hinterbacken – und augenblicklich fiel ihm der entzündete After seiner Lieblingskuh ein. Er durfte auf keinen Fall vergessen, Elvira hernach gleich einzuschmieren. Und die Futterzusammensetzung musste er sich natürlich auch anschauen. Schon war er aus dem Takt. Saublöd, warum musste ihm gerade jetzt das Arschloch von dem Rindvieh einfallen.

Erneut startete er seine Bemühungen. Er musste sich nur darauf konzentrieren, nicht nach unten zu schauen. Nicht daran denken, einfach nicht daran denken. Am besten die Augen zumachen. Aber Elviras After folgte ihm auch dahin. So, das war’s dann. Jetzt ging gar nichts mehr. Auch nicht mehr von vorne.

Oder Oralverkehr. Auch so eine Sache, die er nicht haben musste. Er fand es einfach nur albern, und außerdem kitzelte das immer so.

Am liebsten war es ihm, wenn sie einfach auf ihn kletterte und sich ohne viel Federlesens sein Ding reinschob. Sich bequem in das große Kissen zurücklehnen, hin und wieder nach ihren schweren Brüsten greifen, so, als wollte er sich versichern, dass sie auch wirklich da hingen, und sie ansonsten werkeln lassen.

Immer wilder ritt sie auf ihm herum, immer tiefer krallten sich ihre Fingernägel in das graue Gewirr auf seiner Brust, immer enger wurden ihre Bewegungen, immer abgehackter ihr Stöhnen, und während sie noch rieb und wetzte und ihm dabei ihre schweren Brüste um die Ohren haute, wuchs langsam ein singender, klagender Laut aus ihrer Kehle, schwoll an und brach dann plötzlich weg. Er antwortete mit einem heiseren Grunzen, das anzeigte, dass es auch bei ihm so weit war.

Für einen Moment herrschte Stille im Schlafzimmer des alten Bauern. Ein letzter Blick auf den mondsüchtigen Heiland auf seinem Ölberg, dann fiel sie mit einem theaterreifen Seufzer neben ihm ins Bett.

Schwer atmend, die offenen Augen starr zur Holzdecke gerichtet, lagen sie so eine Zeitlang nebeneinander im Bett und lauschten auf die Geräusche, die der frühe Morgen für sie ausgesucht hatte.

Als Erstes reagierte der Bauer. »Ah, war des guat.«

Sie antwortete mit einem wohligen »Ja«.

Definitiv beendet war ihre Morgenandacht, wenn er sagte: »Zeit für den Stall. Komm, auf geht’s.«

Sie schlug die Bettdecke zurück und sagte: »Hilft ja nix.« Und meistens seufzte sie dann noch einmal.

Aber irgendetwas war heute anders.

Wie er so über ihr kniete und sie alle Mühe hatte, sich sein halbsteifes Ding einzuverleiben, überkam ihn auf einmal ein Schwindel. Auch schien ihm der linke Arm eingeschlafen zu sein. Gleich würde er seitlich wegsacken. Er dachte noch, das ist mir auch noch nie passiert, dann brach er ohnmächtig auf ihr zusammen.

Er tippte sofort auf Schlaganfall. Unwillkürlich zuckte seine Rechte in Richtung Gesicht. Alles fühlte sich an, wie es sich anfühlen sollte. Keine tauben Stellen, kein verschobener Mundwinkel, keine hängenden Augenlider, nichts in der Richtung. Alles unauffällig. Unauffällig war gut.

Nächster Punkt: Funktionstest. Er rümpfte die Nase, riss die Nasenlöcher auf, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, zog die müden Mundwinkel erst nach oben, dann nach unten, machte einen Schmollmund und zog die Lippen wieder in die Breite. Gut. Jetzt zwinkerte er ein paar Mal mit den Augen, schloss dann das eine und riss dafür das andere auf. Dann umgekehrt. Auch gut. Abschließend runzelte er die Stirn und zuckte ein paar Mal mit den Ohren. Das konnte nicht jeder. Er schon. Auch jetzt.

Noch einmal der Mund. Nur zur Sicherheit. Gott sei Dank. Nichts schlimmer als so ein blödes Grinsen auf ewig schief ins Gesicht geschraubt. Alles, nur nicht aussehen wie geistig behindert. Die Hand wanderte über Hals, Brust und Bauch. Überall Gefühle. Er betastete seinen Schwanz und spürte auch da sofort etwas. Ihm wäre es ja egal gewesen, aber wenn die Swetlana ihn deswegen verlassen hätte. Nicht auszudenken.

Erst tat er so, als würde er es nicht bemerken. Da bewegte er lieber die Zehen von seinem rechten Fuß, dann den Fuß, dann das ganze Bein, wackelte übermütig mit dem Knie, sodass die dünne Krankenhausbettdecke fast ins Rutschen geraten wäre, und hörte erst mit dem Blödsinn auf, als ihn die Intensivschwester streng anschaute.

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, griff sie zum Telefon und drückte einen Knopf. Sie erinnerte ihn an die Kriminalbeamtin, die ihn seinerzeit befragt hatte. Er war im Vernehmungszimmer gesessen und hatte zu ihr hinübergeschaut. So wie jetzt zu der Schwester. Auch die Kriminalbeamtin hatte telefoniert und ihn dabei seltsam leer angeschaut, obwohl es offensichtlich war, dass es bei dem Gespräch um ihn ging. Dann war sie wieder herübergekommen und hatte gesagt, das am Telefon, das wäre der Staatsanwalt gewesen, und er könne jetzt gehen. Und dass es ihr leid täte, das mit dem Verlust seiner Frau. Aber das hat er ihr nicht abgekauft, nicht bei dem Blick, mit dem sie ihn dabei bedacht hatte.

Sagte man heute eigentlich noch Schwester? Sie hatten keine Hauben mehr auf wie früher und waren auch nicht mehr so angezogen. Stattdessen steckten sie in weiten blauen Hosen und Kitteln, genau wie ihre männlichen Kollegen, und die nannte man Pfleger. Folglich mussten die Schwestern heute Pflegerinnen heißen, kombinierte er.

Das tat er gerne. Kombinieren, Nachdenken, Lesen, Kreuzworträtseln. Aufs Kreuzworträtseln schwor er, das hielt sein Hirn in Schuss. Womit er wieder bei sich angelangt war, und da war einiges eben nicht in Schuss.

»Links stimmt was nicht.«

Er wollte den Satz eigentlich gar nicht laut aussprechen, wollte ihn nur denken. Aber jetzt stand er im Raum und keiner widersprach. Die Intensivschwester hatte mittlerweile den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt und machte Notizen. Zwischendurch bewegte sie ihren Mund.

Was hatte er erwartet? Dass jemand in den Raum kam und sagte, nun übertreiben Sie mal nicht, Herr Stockinger, das wird schon wieder, das kriegen wir schon wieder hin, wir haben schon ganz andere Sachen wieder hingekriegt?

Ja, warum eigentlich nicht. Das wäre schön gewesen. Aber er lag allein auf der Station. Weder ein Arzt noch ein Pfleger war anwesend. Niemand, der seine leblose Linke in die Hand hätte nehmen und mit gespitztem Mund und geschlossenen Augen seinen Atem über den wehen Arm hätte fließen lassen können.

Heile, heile Segen, morgen kommt der Regen, übermorgen Sonnenschein. Seine Mutter war lange tot, sein Vater auch, und Geschwister hatte er keine. Gott sei Dank, hat seine Mutter immer gesagt, wenn er wieder einmal damit anfing. Noch so einer. Nein danke, du reichst mir voll und ganz. Dann hatte sie gelacht, und allein dieses Lachen hatte genügt, ihn für den ganzen restlichen Tag in eine beschwingte Stimmung zu versetzen.

Daran erinnerte er sich jetzt, und wie sie in der Küche stand, in ihrer Kittelschürze mit immer dem gleichen Blümchenmuster. Es musste immer genau dieses Blümchenmuster sein, mit einer anderen Schürze brauchte der Vater gar nicht nach Hause zu kommen.

Jeden Samstag stand sie in der Küche und rollte den Teig aus. Samstag war Backtag. Außer sie erwarteten Besuch. Dann buk sie auch einmal außertourlich. Sie sagte immer außertourlich, wenn sie an einem anderen Tag als dem Samstag buk. Wie der Sonntag der Tag des Herrn, der Freitag Badetag, war der Samstag Backtag.

Ihre Hände fielen ihm ein. Die langen, sehnigen Finger, die blau geäderten Handrücken, die mit blondem Flaum besetzten Unterarme und ihre kräftigen Oberarmmuskeln, die sich beim Ausrollen des Teigs immer so schön lang machten, durch die ein Zucken ging, wenn ihr Oberkörper schon fast auf dem Tisch lag und sie den Teigroller gleich wieder zurückführen würde. Er dachte daran, wie sie aufrecht vor dem Tisch stand, in die Papiertüte griff und dann mit geübtem Schwung eine Handvoll Mehl über den Tisch streute. Alleine in der Art, wie sie ausholte oder eben gerade nicht ausholte, wie sie den weißen Puder ansatzlos aus dem Handgelenk über den großen Tisch warf, lag etwas Aufmüpfiges, Mutwilliges, Wildes. Unvermeidlich, dass dabei auch einiges auf dem Fußboden landete.

Gleich würde sie unter ihrem ausgestreckten nackten Oberarm hindurch zu ihm hinüberschauen und eine weitere kräftige Prise hinterherwerfen. Nicht auf das rot-weißkarierte Wachstuch, das sie nur zum Backen auflegte, sondern direkt auf den Boden, einfach so.

Sie verzog ihren Mund zu einem bösartigen Grinsen und rollte mit den Augen. Alfons wagte kaum noch zu atmen, die Spannung wurde unerträglich, die Luft um sie herum erstarrte, bildete Risse. Und aus einem dieser Risse wurde ein Spalt, dessen Ränder sich langsam bewegten.

»Wenn das der Papa sehen würde.«

Dieser eine Satz aus dem Mund von Bloody Mary, der schönsten Piratin, die je die sieben Weltmeere in Angst und Schrecken versetzt hatte, löste den Bann, befreite ihn aus den Klauen seines Vaters, des grausamsten, machthungrigsten, gierigsten Herrschers, der jemals im Auftrag der Krone über diesen Teil der Welt geherrscht hatte. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung sprengte er die Ketten, rannte los und warf sein ganzes Gewicht gegen die schwere Kerkertüre. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in die Schulter. Wahrscheinlich gebrochen, dachte er verächtlich. Vorsichtig schob er seinen Kopf in die Lücke zwischen Tür und Mauerwerk, das mächtige Vorhängeschloss lag geborsten im Stroh. Lautlos schlüpfte er an dem schnarchenden Wächter vorbei, huschte die steinerne Wendeltreppe hinauf in den Hof und kletterte flink wie ein Kapuzineräffchen über die Festungsmauer. Dann flitzte er los Richtung Kai. Die Soldaten des Forts waren endlich aufgewacht, die ersten Musketenkugeln pfiffen bereits durch die Luft. Sein Herz raste. Mit einem gewaltigen Sprung aus vollem Lauf überwand er den von Mehlhaien verseuchten Abgrund zwischen seinem Stuhl und dem Küchentisch. Und landete direkt in den Armen seiner Mutter.

Nicht dass der Vater geschimpft hätte, wäre er Zeuge der Verschwendung geworden, wahrscheinlich hätte er das sogar selbst lustig gefunden. Aber vor irgendetwas musste man sich schließlich fürchten, wenn man tapfer sein wollte.

Erneut packte sie das schwere Nudelholz an einem der beiden weinrot lackierten Griffe, hob es hoch und wischte mit der anderen Hand die kleben gebliebenen Teigreste von der Rolle. Dann drehte sie das wuchtige Stück Holz in seinem Lager, dass es nur so surrte, und stemmte es erneut auf den Teig.

»Man kann gar nicht so viel Mehl über den Teig streuen, dass da nichts kleben bleibt. Da siehst einmal, wie wichtig das ist … Da gibt’s gar nichts zu lachen.« Sie sah ihn streng von der Seite an, schüttelte den Kopf und machte: »Tztztz, so was aber auch, Nein, nein, nein.«

Jetzt musste er erst recht lachen. »Mach das noch einmal«, bettelte er.

Sie stellte sich dumm. »Wie, was soll ich noch einmal machen?«

»Das Gesicht, das Gesicht sollst noch einmal machen. Bitte, bitte.«

Erst tat sie, als wüsste sie nicht, was er meinte, dann sagte sie: »Meinst du – so?« Dabei riss sie die Augen auf und fletschte die Zähne, dass einem Angst und Bang werden konnte, legte den Kopf auf die Seite und grunzte, heulte und stöhnte wie ein eingesperrtes Ungeheuer, sodass Alfons jedes Mal eine richtige Gänsehaut bekam.

»So, jetzt reicht’s aber. Sonst werden wir ja nie fertig.«

Schon schob sie das schwere Nudelholz wieder über Tisch und Teig.

Wenn der Alfons im richtigen Winkel saß, und er saß eigentlich immer im richtigen Winkel, konnte er durch die klebrigen Büschel ihrer blonden Achselhaare hindurchschauen und einen Blick auf ihre Brüste erhaschen, wobei er nicht hätte sagen können, was an diesem Anblick so besonderes gewesen wäre. Es gefiel ihm nur einfach, da hinzuschauen. Und bald war er so vertieft in dieses Winkelspiel, gebildet aus Mamas Arm, ihrem Oberkörper und der Tischplatte, dass er nichts anderes mehr wahrnahm.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Gleich würde etwas Schweiß an ihren Achselhaaren hinunterlaufen, sich am Ende einer Locke in einen Tropfen verwandeln und in den Teig fallen. Darauf würde er sich vorstellen, er selbst wäre dieser in den Teig gefallene Schweißtropfen und gleich würde ihn der schwere Roller gnadenlos in die weiche, goldgelbe Masse hineinarbeiten. Sein letzter Blick würde der Mama gelten, ihren himmelblauen Augen, der feinen Nase mit den wie aufgemalt wirkenden Sommersprossen und ihren schmalen Lippen. Rasch wechselte er das Programm. Jetzt war er ein Skispringer, der winzigste der Welt, keine zwei Millimeter groß. Von ihrer Unterlippe aus, dem Beginn einer imaginären Sprungschanze, raste er talwärts. Am unteren Ende des Schanzentischs, ihrem nach vorne gereckten Kinn, ging er noch einmal tief in die Hocke und stieß sich dann mit aller Kraft ab. Beide Arme eng an die Nähte seiner aufgeregt flatternden Skihose gepresst, den Blick starr auf sein Ziel gerichtet, flog er durch die Lüfte. Und erst ganz weit unten, wo es nur noch warm und weich und keine Gefahr mehr war, würde er gleich sanft und sicher aufsetzen.

Schnell schaltete er zurück und war wieder der Schweißtropfen. Gnadenlos quetschte ihn der Teigroller in den Teig. Jetzt wartete er auf den entscheidenden Moment. In dem Augenblick, da ihre Brüste den Teig berührten, und darauf konnte er warten, lief es ihm heiß und kalt den Rücken hinunter, und er spürte ein Ziehen im ganzen Körper, fast wie ein Krampf, ein Ganzkörperkrampf. Und manchmal konnte er sogar einen leisen Seufzer nicht unterdrücken. Er schloss dann lieber die Augen und dachte schnell an etwas anderes oder hörte dem Radioreporter zu.

»… der stark angeschnittene Schuss von der Seitenlinie, der in einer bananenförmigen Flugbahn direkt auf das Tor zurast, beherzt läuft der Torwart hinaus, springt, schraubt sich in die Höhe, angelt sich mit der ausgestreckten Rechten gerade noch soeben den Ball, und erst im Fallen bringt er ihn unter seine Kontrolle. Er rutscht aus, meine Damen und Herren, liebe Fußballbegeisterte, er geht zu Boden, knallt mit dem Kopf auf den Rasen, au, das tut weh, aber er lässt den Ball nicht los, nein, er lässt ihn nicht aus seinen Händen, das vertraute Leder, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Fußballfreunde an den Rundfunkempfängern zu Hause, schade, dass sie nicht dabei sein können, dass sie nicht sehen können, wie sich dieser Teufelskerl jetzt, mein Gott, noch ganz benommen von dem harten Aufprall auf dem staubtrockenen Rasen, er steht auf, stolpert, weiß nicht, wohin mit dem Ball, keiner da, der ihn unbedrängt annehmen könnte. Wer spielt sich frei, wer hat noch die Kraft? Jetzt ist guter Rat teuer. Ich sehe niemanden, sie sind erschöpft, am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Was macht er, was kann er machen, mein Gott, geht er erneut zu Boden? Nein, geht er nicht. Das harte Leder immer noch fest an seine Brust gedrückt, von drei Gegnern hart attackiert, jetzt kommt sogar noch ein vierter Wüterich, so ein schwarzer Kerl, der aussieht, als käme er geradewegs aus dem Busch. Vorsicht, mit dem ist nicht zu spaßen. Ja! Lauf, lauf! Als hätte er mich gehört, sprintet dieser Teufelskerl jetzt zurück in das sichere Geviert seines Torraums. Jetzt hebt er den Kopf und lässt seinen Blick wie suchend über die Zuschauertribüne schweifen. Was ist mit ihm? War der Aufprall vielleicht doch schlimmer als gedacht? Die verstörte Menge der Fußballbegeisterten hier in diesem weiten Rund des Stadions versucht, seinem umherirrenden Blick zu folgen. Was ist passiert in drei Teufels Namen, Schiedsrichter, pfeifen Sie doch endlich dieses Spiel ab, das ist doch kein Fußballspiel mehr! Das ist, das ist … ah, es scheint, als hätte er gefunden, was er gesucht hat, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ist er jetzt verrückt geworden!? Gott sei Dank, der Schiedsrichter hat gepfiffen, das Spiel ist unterbrochen. Jetzt winkt er auch noch, Alfons Stockinger, unser Nationaltorwart, er winkt einer Frau zu, ja, jetzt kann ich sie erkennen, eine blonde Schönheit, wie sie ihm Buche steht, wer ist diese Frau, die keiner kennt, und jetzt pfeift der Schiri noch einmal, deutet auf die Uhr, pfeift noch einmal, das Spiel ist aus!! Deutschland hat gewonnen!! Eins zu null gegen eine übermächtige gegnerische Mannschaft, und die laufen jetzt auf den Schiri zu, auf den Unparteischen aus Schweden, aber vergebens, das Spiel ist aus! Eins zu null. Wir haben gewonnen! Wer hätte das gedacht, meine Damen und Herren. Wer das vor dem Spiel prophezeit hätte, den hätte man ausgelacht, und ich gestehe es hier und jetzt, ich hätte ihn auch ausgelacht, jawohl, so wahr ich hier stehe und Edi Forster heiße, und wem, meine Damen und Herren, liebe Zuhörer zu Hause, haben wir diesen fulminanten Sieg, diesen Triumph des Willens zu verdanken? Schauen Sie nur, ach so, Sie können ja nicht, aber ich kann, wie fertig diese Spieler sind, die alles gegeben haben und die sich jetzt von der außer Rand und Band geratenen Menge feiern lassen, wem haben sie, wem haben wir diesen Sieg zu verdanken!? Ich sage es Ihnen, Sie wissen es bereits, ich sage es Ihnen trotzdem noch einmal, dem Mann, den sie jetzt auf ihre Schultern geladen haben und den sie jetzt hinauftragen, der Frau entgegen, für die das Herz unseres jungen Fußballgotts Alfons Stockinger schlägt … Mein Gott, was für ein Sieg, was für ein Tag … Und damit zurück ins Funkhaus.«

»Hallo, hallo, Alfons? Wo sind wir denn wieder? Was in deinem Kopf vorgeht, das möcht’ ich mal wissen. Alfons! Jetzt aber! Alfons, du träumst ja schon mit offenen Augen. Ja sag einmal, das ist ja zum Fürchten mit dir.«

Belustigt und verwirrt zugleich folgte sie seinem Blick.

»Ach, die schon wieder«, sagte sie leichthin und strich wie versehentlich über ihren Oberkörper. »Wo kommen die denn schon wieder her? Also so was.«

Noch einmal ließ sie ihre mehlbestäubten Hände über die Schürze gleiten und machte dadurch alles nur noch schlimmer.

»Die gehen ja gar nicht mehr weg, diese Schlingel«, stellte sie erstaunt fest.

Dann lachte sie, und er lachte mit.

Schlingel, das war es, dass sie ihre erigierten Brustwarzen Schlingel nannte. Denn das sagte sie auch zu ihm, wenn er etwas angestellt hatte. Aber nichts Schlimmes. So Kleinigkeiten, die Jungen in dem Alter eben so anstellten, aber eine gewisse Schlauheit musste darin erkennbar sein.

Sanft glitten ihre Hände ein letztes Mal über das Blumenmeer. »So, jetzt reicht’s aber. Alfons ab.«

Übrigens, der Kuchen hat immer ganz hervorragend geschmeckt. Auch dem Vater, wenn er da war. Der Alfons hat dann an die beiden Schlingel und an den Schweißtropfen gedacht.

Freitag war Badetag. Weltbadetag. Nicht einmal im Traum wäre dem Alfons eingefallen, dass man auch an einem anderen Tag baden könnte.

In der Regel zwischen fünf und halb sechs Uhr abends betrat die Mutter mit einer alten Tageszeitung unter dem Arm das Bad. Meistens sagte sie dann: »Keine Illustrierten, nur Tageszeitungen und die Blätter schön einzeln auseinanderlegen und dann mit viel Luft drin zusammenknüllen. So, schau, ganz einfach. Alfons, schau’ her wenn ich dir was zeig’!«

Rund um den Ball aus zerknülltem Zeitungspapier errichtete sie ein kleines Indianerzelt aus Holzspänen, und darüber noch eines aus etwas längeren und dickeren Hölzern. War die Konstruktion bis dahin nicht eingestürzt, genügte ein einziges Streichholz, und der kunstvolle Aufbau brannte sofort lichterloh. Legte man aber auch nur ein Stück Holz nicht richtig an oder ließ es im Feuerraum fallen, stürzte alles wieder ein. Dann musste man wieder von vorne beginnen und bekam unweigerlich schwarze Hände. So geschickt konnte man gar nicht sein. Brannte das Feuer, legte man kräftigere Scheite nach, aber nicht gleich zu große, sonst würde das Feuer sich daran verschlucken, und das wäre noch blöder. Dann musste das bereits angebrannte Brenngut mit der Brikettzange herausgezogen und in den Ascheimer geworfen werden, und das gab jedes Mal viel Dreck und Rauch und Gestank.

Da konnte die Mutter dann auch einmal ernsthaft sauer werden.

»Geh weg, jetzt mach ich es selber, so eine Sauerei. Ja, kann man dich denn gar nichts allein machen lassen!«

Aber oft ist das nicht passiert, denn das Feuermachen war seine erste große Leidenschaft, und er verwandte stets größte Mühe darauf, dass es auch gleich auf Anhieb gelang.

Bereits nach einer halben Stunde musste die Mutter den Boiler erstmalig befühlen.

»Glaub’s mir halt, so schnell geht das nicht. Dass du mir das nie glaubst. Eine halbe Stunde wartest jetzt, mindestens, dann darfst mich wieder rufen, aber nicht früher. Und das Nachlegen nicht vergessen, hörst du.«

Nach einer weiteren zähen halben Stunde war der Boiler auch oben durchgängig warm.

»Mama komm, die halbe Stunde ist um, bestimmt ist es jetzt so weit, ich komm nicht ganz hin, aber so weit ich komm, ist es schon ganz, ganz warm.«

»Musst halt schneller wachsen«, scherzte sie aus der Küche. »Wart, ich komm ja schon.«

Ein flüchtiger Griff genügte.

»Tatsächlich, warm bis oben hin«, lobte sie.

Dann drehte sie beide Hähne voll auf und ging zurück in die Küche. »Kümmerst dich, gell, Alfons?«

Der Freitag war aber auch ein beliebter Einmachtag, natürlich nur im Herbst. Erntezeit gleich Einmachzeit.

Gurken, Kürbis, auch Eier, die hießen danach Soleier, alle Arten von Beeren und natürlich alles, was an den Obstbäumen hing, wurde auf diese Weise verarbeitet.

Am liebsten waren ihm die Zwetschgentage. Sauber herausgeputzt, halbiert und ordentlich entkernt warteten Armeen von Zwetschgenhälften auf ihren letzten Marschbefehl. Von einem Ende der Küche bis zum anderen erstreckte sich das gelb-violette Riesenheer, starrten einem diese wilden, fleischigen Kerle entgegen. Sogar auf der weiß lackierten Eckbank standen ganze Regimenter von zu allem entschlossenen Oberlandkampfzwetschgen und glotzten einen aus leeren Augenhöhlen an. Die ganze Küche ein einziges Aufmarschgebiet von schimmernden Obststücken, unheimlich und wunderbar zugleich, die Luft voll vom betörenden Duft aufgebrochenen Fruchtfleischs. Und mittendrin die Herrin dieses Zauberreichs und manchmal eine Magd und der Alfons. Kein Außenstehender war zugelassen, keinem Besucher wurde Einlass gewährt in den Tagen des Einkochens. Sogar die Zeit musste draußen bleiben. In dieser Zauberwelt existierten nur sie, die Herrscherin der Meere, Herrin über Leben und Tod und ihr getreuer Paladin, Ritter Alfons, und ganze Armeen von Fruchtsoldaten.

Jetzt war es so weit: Einem Scharfrichter gleich, mit zwei geschmeidigen Bewegungen ihrer Finger verhakte sie die metallenen Bänder, die sie aus einem kleinen, an ihrem Gürtel baumelnden Eimerchen fischte, unter den Rändern der Einmachgläser. Und erst jetzt, wo es zu spät war, begriffen die tapferen Fruchtstücke, was mit ihnen geschah, und erst jetzt, im Angesicht ihres nahen Todes, begannen sie, sich zu wehren. Wütend protestierten sie in ihren gläsernen Verliesen, hieben mit ihren kleinen Zwetschgenfäusten gegen die beschlagenen Wände, schrieen, tobten, bettelten. Doch vergebens. Alle Versprechen dieser Erde konnten sie nicht vor ihrem unausweichlichen Schicksal bewahren. Keiner da, der sie hören konnte, nicht einmal der Alfons. Doch der wusste auch so, wie es um sie stand.

Aufgeregt hin und her, rauf und runter zuckte das dicke, runde Thermometer aus dem Deckel des riesigen Kessels, neugierig reckte es seine blecherne Röhre in die dampfende Küche, nur unterbrochen von der Hand der Mutter, die alle paar Minuten die Temperatur ablas und den Kessel dann etwas weiter nach außen oder mehr in die Mitte des Herds rückte.

Nach ein paar Stunden, vielleicht kam es ihm auch nur so lange vor, hob seine Mutter endlich den Deckel. Sofort stieg eine gewaltige heiße Wolke zur Decke hinauf. Die Gummihandschuhe zum Schutz vor dem heißen Dampf doppelt über Hände und Unterarme gestülpt, griff sie beherzt hinein, packte die kochend heißen, rutschigen Gläser, hob sie empor, wischte mit dem Geschirrtuch schnell drüber und stellte sie dann der Reihe nach zum Abkühlen auf Eckbank, Anrichte und abgeräumte Fensterbänke, wo gerade frei war.

Er dachte an die gruslige Szene, die von einem namenlosen Künstler des Spätbarocks auf einen Flügel des rechten Seitenaltars der Pfarrkirche gemalt worden war. Da saßen sie alle dicht gedrängt im großen Höllenkessel, die Kleinen und die Großen, König und Bettelmann, Alt und Jung, und ein jeder hatte die Arme verzweifelt in die Höhe gereckt. Um den Topf herum hüpften lauter kleine freche Teufel, die ständig dafür sorgten, dass die armen Seelen unvorstellbare Qualen zu erleiden hatten. Bis in alle Ewigkeit würden die Teufel sie mit ihren spitzen Lanzen und furchterregenden Dreizacken stechen, und bis in alle Ewigkeit würden sie den Scheiterhaufen am Brennen halten und Pech und Schwefel auf die Häupter der Unglücklichen regnen lassen und ihnen lange Nasen drehen. Seltsam nur, dass da auch ein Priester in den Hexenkessel hineingemalt worden war. So oft und genau Alfons auch hinschaute, es war und blieb ein Mann Gottes, der da mit all den anderen großen und kleinen Sündern im Höllensud garte.

Waren entweder sämtliche Weckgläser voll oder alle Zwetschgen verarbeitet, lehnte sich die Mutter an die Küchentür, kramte eine Schachtel Zigaretten aus der Kittelschürze und ließ ihren nüchternen Feldherrenblick über das Schlachtfeld gleiten. Ratsch. Das unnatürlich laute Geräusch eines sich entzündenden Streichholzes zerriss die Stille. Gierig saugte sie an ihrer ersten Zigarette seit dem Mittagessen, blies den Rauch Richtung Decke und sagte: »Jetzt reicht’s aber für heute.« Dann öffnete sie Fenster und Türen, und von einer Sekunde auf die andere waren sie wieder zurück auf ihrem Berg. Sie war wieder seine Mutter und er wieder ihr Alfons. Und auch alle Geräusche waren wieder von dieser Welt. Wenn das Wetter passte, gingen sie jetzt nach draußen. Eine Tasse Kaffee vor sich auf dem Tisch, die halb gerauchte Zigarette in der Hand, streckte sie ihre müden Beine unter die Bank und genoss die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages. Dann prosteten sie sich zu, die Mama mit ihrem Kaffee und der Alfons mit seiner Waldmeisterlimo, und lachten.

War der Vater im Haus, wurde der Freitag zum Großbadetag. Er arbeitete als Polier beim Staudammbau in Südtirol. Polier, das klang schön, so glatt, so sauber. Bis der Vater ihn aufklärte. Und auch dass Südtirol nicht in Österreich, sondern in Italien läge, und dass die Berge dort viel höher wären als bei ihnen zu Hause, erklärte er ihm. Der Alfons hat dann vor dem Einschlafen noch schnell im Atlas nachgeschaut, weil er das erst gar nicht glauben wollte.

Aber sicher waren sie nicht so schön, tröstete er sich. Über ihnen die Alpspitze, wie ein riesiges Zelt in den Himmel gemeißelt, links daneben die Waxensteine und schräg dahinter die majestätische Zugspitze, immerhin der höchste Berg Deutschlands. Glücklich darüber, in so einem schönen Teil der Welt leben zu dürfen, schlief er ein.

Schade nur, dass der Vater so selten da war. Aber wenn er da war, war es immer recht schön. Gemeinsam unternahmen sie Wanderungen, hinüber zum Schachen, dem Bergschlösschen vom König Ludwig, oder hinab ins Reintal oder über Eckbauer nach Wamberg hinauf oder an den Eibsee. Oder einfach nur einmal in den Ort hinunter und wieder zurück. In die Partnachklamm und in die Höllentalklamm gingen der Alfons und sein Vater alleine. Die Mutter plagte immer die Angst, dass der Alfons hineinfallen könnte in diese tosenden Wasser und sie dann hilflos dabei zusehen müsste, wie ihr kleiner Liebling darin umkäme.

Wanderungen, die sie zu zweit unternahmen, ließen die beiden Abenteurer gerne im Ort, in der »Post« oder in der »Linde« ausklingen. Die Mutter hielt das jedes Mal für rausgeworfenes Geld.

Alfons verzehrte seine Würstel, trank seine Limo, stellte die genagelten Bergschuhe unter die breite Eckbank, rollte sich dann einfach neben dem Vater zusammen und überließ sich seinen Träumen und dem Trubel um ihn herum. Dem Auf-den-Tisch-Dreschen der Spielkarten, den kantigen Ansagen der Spieler, ihren derben Witzen, dem Krachen aneinander geschlagener Bierkrüge, dem permanenten Hintergrundscheppern von Besteck und Geschirr, den Ansagen der Kellnerin, »wer hat die Schweinswürstel mit Kraut bestellt und wer die ohne, ein Schweinsbraten in Dunkelbiersoße, für wen ist der Leberkäs mit Ei, bittschön, guten Appetit, Finger weg von der Kellnerin, sonst gibt’s was drauf, wer kriegt noch ein Dunkles?« Dazu die von Rauch und Bierdunst geschwängerte Luft, durchzogen von betörenden Duftfahnen, von der Kellnerin an ihnen vorbei und manchmal auch an ihren Tisch getragen.

Dann ging er zum Zug und war wieder wochenlang weg. Einmal wurde er mit dem Auto abgeholt. Ein richtiger Ingenieur stand plötzlich mit Anzug und Krawatte in der Küche, und die Mama wurde ganz rot, so überrascht war sie und nervös. So ein eleganter Herr im Haus und sie in der Kittelschürze.

»Grüß Gott, Frau Stockinger«, sagte er, als er eintrat, und ob sie wohl ihren Gatten rufen könne, sie hätten ein Problem, oben am Staudamm. Und seit heute würden auch noch die italienischen Eisenbahner streiken. Und keiner wisse, wie lang. »Was will man machen, gnädige Frau.«

Seine Mama eine gnädige Frau. Er schaute sie an und versuchte herauszufinden, welcher Teil von ihr am ehesten zu einer gnädigen Frau passen könnte. Da kam der Vater auch schon mit dem Koffer in der Hand die Treppe herunter und befreite die Mutter aus der unangenehmen Situation.

Der Herr Ingenieur ging derweil schon einmal voraus, sodass sich die Eltern noch einmal in den Arm nehmen konnten. Aber wie der Papa dann der Mama zum Abschied unter die Kittelschürze greifen wollte, hat sie schnell die Beine zusammengezwickt und ihm »der Bub!« ins Ohr gezischt. Der wollte natürlich nicht stören und machte, dass er hinaus kam.

Beide Hände in die Hosentaschen gestemmt, die Wurstigkeit in Person markierend, im Gefolge ein paar neugierige Hühner, die sich einfach nicht verscheuchen ließen, ging er direkt auf das Auto des Besuchers zu.

»Ein schöner Wagen, was? Mercedes 170, der hat fünfzig PS. Der geht hundertzwanzig. Mindestens. Möchtest du dich einmal hineinsetzen?«

Ein wenig unbeholfen kletterte Alfons in den Wagen und versank regelrecht in dem weichen Fahrersessel.

»Hundertzwanzig geht der?«, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach.

»Sogar noch schneller, wenn es sein muss. Einhundertdreißig sind schon drin, wenn alles passt.« Der Herr Ingenieur schaute wieder auf seine Armbanduhr.

»Das ist ein Auto! So was sieht man nicht alle Tage, gell, Alfons?« Mit zwei, drei Sätzen war sein Vater am Wagen, öffnete die Beifahrertür, warf seinen Koffer auf den Rücksitz und stieg ein. »Da werd’ ich wohl noch viele Staudämme und Brücken bauen müssen, bis wir uns einmal so was leisten können.«

Der Herr Ingenieur lachte. »Können wir?«

»Von mir aus«, gab der Vater gut gelaunt zurück.

Alfons sah zu, dass er aus dem Auto kam. Der Vater strich ihm noch einmal über den Kopf. »Pass mir gut auf die Mama auf und sei schön fleißig in der Schule.«

Der Herr Ingenieur startete den Wagen, der Vater winkte noch einmal durch das geschlossene Fenster, und dann stand Alfons plötzlich alleine im Hof. Er lief noch ein Stück hinterher und trottete dann zurück zum Haus. Als hätten sich der Alfons und seine Mutter abgesprochen, war der Vater im Haus, auch wenn der gut aufgeräumt in der Wanne lag, ließen sie ihr kleines, neckisches Theater mit den beiden Schlingeln.

Nicht, dass die beiden, ein jeder für sich natürlich, die ganze Sache zu Ende gedacht hätten, aber irgendetwas haben sie wohl gespürt.

Dass er ihr beim Teigausrollen heimlich auf den Busen gelurt hat oder die Geschichte mit dem Schweißtropfen und dem Küchenroller (der Skispringer war übrigens nicht immer dabei), wusste seine Mutter sowieso nicht.

Auch mit dem Mehl ging sie heute sorgsamer um.

Der Vater zog den Stöpsel, es dauerte einen Moment, dann schickte das Badewasser erst einen deftigen Rülpser an die getrübte Wasseroberfläche und lief dann laut gurgelnd in Richtung Grube. Alfons wartete, bis der letzte Schwall im Ausguss verröchelt war, klappte sein Heft zu und rief noch von der Küche aus: »Darf ich rein?«

»Ja, freilich«, kam es vergnügt zurück. »Aber nur wennst mich nicht beim Rasieren störst.«

»Tut das nicht weh?« Er saß auf dem Wannenrand und sah zu, wie das Gesicht seines Vaters langsam hinter einer immer dichter werdenden Schaumwand verschwand.

»Nicht, wenn man sich vorher g’scheit einseift«, dozierte der Vater. »So schnellschnell geht da jedenfalls nichts. Beim Rasiern muss man sich schon konzentrieren. Das ist nicht anders wie bei jeder anderen Arbeit auch. Wenn man sie richtig machen will, muss man sie g’scheit machen.« Er drehte sich kurz um und meinte anerkennend: »Wenn du so weitermachst, wirst dich wohl auch bald rasieren müssen.«

»Zeigst du mir dann, wie’s geht?«

»Aber nicht heut’. Das nächste Mal, wenn ich wieder da bin.«

In langen Strichen führte er die Klinge über den Schaum. Danach nahm er die Schere und stutzte den Schnauzer. Zum Schluss schüttete er sich beidhändig Rasierwasser ins Gesicht, das mochte er. Und dann alles verreiben. Da konnte die Mama noch so oft den Kopf schütteln, wenn sie hinterher das Bad wischte. Sie liebte diesen herben, männlichen Duft, und es tat ihr jedes Mal in der Seele weh, ihn mit dem Putzwasser in den Ausguss zu schütten.

Vielleicht war das genauso wie bei ihr mit dem Mehl. Gerade so, als würden sie sich einmal selbst nicht folgen wollen.

Jetzt noch schnell mit vier, fünf Strichen die Haare nach hinten geschaufelt, aber so, dass vorne eine kleine Welle blieb. An der Seite trug er die Haare immer ganz kurz, das hatte er den Amerikanern abgeschaut. Und dabei ist er sein Leben lang geblieben.

Auch die Mama verließ nicht gleich das Bad, nachdem sie den Stöpsel gezogen hatte. Obwohl sie sich nicht rasieren musste, dauerte es auch bei ihr, bis sie wieder erschien. Was sie die ganze Zeit machte, wusste er nicht. Es war ihm aber auch nicht wichtig.

Dann war es endlich so weit. Aber nicht die Mama, wie sie vor einer knappen Stunde im Badezimmer verschwunden war, sondern die Schneekönigin selbst war es, die in ihrem weißen, vorne akkurat über Kreuz gelegten Bademantel auf den Gang hinaustrat und um ein Haar über ihn gestolpert wäre.

»Hast du keinen besseren Platz zum Hausaufgaben machen«, fuhr sie ihn an. »Was liegst denn da überhaupt so blöd herum?«

Wie hätte sie auch wissen können, dass es in diesem Moment im ganzen Universum keinen besseren Platz für ihn geben könnte als genau da, wo er schon seit einer gefühlten Ewigkeit darauf wartete, dass sich die Tür öffnen und die Göttin mit dem nebelverhangenem Blick in die Welt hinaustreten würde.

Sogar ihre Füße waren anders. Viel feiner als sonst. Sonst hätten sie wohl auch nicht in die hellblauen Pantöffelchen mit den Püscheln vorne drauf gepasst, von denen ihn jetzt einer an der Nase streifte. Um ihr Haupt hatte sie einen weißen Turban geschlungen, der aussah wie der von der Frau aus der Seifenwerbung in der Zeitung. Sie sahen sich sogar ähnlich. Nur, dass die Augen der Frau in der Zeitung dunkler waren, und ihre Augenbrauen auch. Aber die waren angemalt.

»Na, dann geh schon rein, du Nervensäge.«

Während sie noch einmal nachspülte, zog er sich aus, setzte sich auf den Wannenrand, drehte beide Hähne voll auf und wartete. Bis ihm kalt wurde. Dann setzte er sich schnell in die noch nicht einmal viertel volle Wanne und wartete weiter.

»Mama, ich hab’ das Badesalz vergessen.«

»Sperr halt deine Augen auf, ich hab’s dir doch schon hingelegt. Unter dem Boiler. Und nur ein Viertel, nicht mehr, hörst du. Höchstens. Das langt.«

Es war nicht einfach, höchstens ein Viertel der brösligen, nach Meer riechenden – so stellte er sich den Geruch jedenfalls vor – weißgrüngesprenkelten Scheibe abzubrechen. Meistens brach mehr ab.

Nach einiger Zeit kam die Mutter und riss ihn aus seinen Träumereien. Mit übergeschlagenen Beinen setzte sie sich auf den Wannenrand, nahm den Waschlappen in die Hand und sagte: »Kopf runter. Sind die Augen zu? Lass bloß die Augen zu, ich sag’ dir’s dann schon.«

Nachdem sie Alfons Kopf, Gesicht und Hals gewaschen hatte, schlenkerte sie den Waschlappen ins Badewasser, hob die Brause aus der Verankerung und spülte ihm den Schaum aus den Haaren.

»Und jetzt hoch mit dir und umdrehen.«

Der Rücken war schnell gemacht. Dann mit dem Lappen über den Hintern und dazwischen, Beine rauf und runter. Fertig. Automatisch drehte sich Alfons wieder um. Mit dem kurz in das jadefarbene Badewasser getauchten Waschlappen fuhr sie ihm über Brust und Bauch.

»Du hast ja schon richtige Muskeln«, lobte sie.

Noch einmal tauchte sie den Lappen in das Wasser.

Immer öfter passierte es in letzter Zeit, dass sein Ding ohne Grund anschwoll und sich dann seltsam hart anfühlte, und je mehr er daran herumdrückte, je mehr er diesem Phänomen Beachtung schenkte, umso schlimmer wurde es. Aber genauso wie dieser Zustand auftauchte, verschwand er auch wieder.

»Musst du?«, fragte die Mutter besorgt.

»Nein, Mama, ich weiß auch nicht, was das immer ist, manchmal wachst der einfach, ganz ohne Grund, einfach so.« Stocksteif stand sein Schwanz jetzt von ihm ab. »Schau, so komm ich in keine Hose mehr rein.«

»In die Schlafanzughose schon.«

Der Alfons schaute abschätzend an sich hinunter. »In die schon. Aber sonst in keine.«

»Magst den Rest nicht selber waschen?«

»Nein, Mama, du.«

»Aber sonst bist doch auch schon so erwachsen«, gab sie zu bedenken.

»Ja, sonst schon.«

»Also gut. Aber bis in alle Ewigkeit geht das fei nicht mehr. So, und jetzt noch der Rücken. Dreh dich um. Aber wenigstens abtrocknen tust dich ab jetzt alleine, gell? Und dann gleich ab ins Bett, damit du dich nicht erkältest.«

»Und was ist mit dem Abendessen?«

»Ach so, ja freilich. Aber danach.«

Wenn sie ins Bett ging, schlief er in der Regel schon. Selten, dass er hörte, wenn sie schlafen ging. Dafür legte sie sich manchmal tagsüber ins Bett.

»Ich leg’ mich ein bisserl hin. Gehst derweil hinaus, spielst ein bisserl im Hof? Draußen ist es so schön. Komm, geh schon.«

Wurde es ihm draußen zu langweilig, kam er einfach wieder herein und spielte im Haus weiter. Oder er flezte sich auf die Eckbank und las oder kramte in seiner Schultasche. Dann hörte er die Mama manchmal leise stöhnen, genauso wie jetzt, bloß dass er es jetzt besser hörte, weil es in der Nacht immer ganz still war auf der Welt.

War der Vater zu Hause, schickten sie ihn auch immer hinaus, wenn sie sich einmal hinlegen wollten. Da stöhnte sie dann auch, nur viel lauter, und der Vater und das Bett dazu.

Er hatte eine ziemlich klare Vorstellung von dem, was da vor sich ging, schließlich lebte er auf einem Bauernhof, und einmal war die Tür zum Schlafzimmer einen Spalt offen gewesen, sodass er im Vorbeigehen einen schnellen Blick auf das Geschehen werfen konnte. Aber warum man da so stöhnen musste, ging ihm nicht auf. So anstrengend sah das eigentlich gar nicht aus.

Nicht zu Mariä Lichtmess, wie vielerorts üblich, sondern erst im späten Frühjahr bestellte Maria Stockinger jedes Jahr eine Saisonhilfe vom Tal herauf auf den Hof. Und nicht jedes Jahr war es dieselbe. Je nachdem, wie im vorangegangenen Dienstjahr die eine Partei mit der anderen zufrieden gewesen war.

Die jetzige Magd war noch nie vorher bei ihnen im Dienst gewesen, und sie würde auch nicht lange bleiben. Eine junge Frau, vielleicht neunzehn Jahre alt, die langen schwarzen Haare zu zwei schweren Zöpfen geflochten und fast einen ganzen Kopf kleiner als ihre Brotherrin. Dafür um die Hüften herum etwas breiter, die Brüste kleiner und fester. Und sie hatte grüne Augen.

Kam der Alfons morgens aus seiner Kammer, knisterte und knackte es ihm schon munter von unten entgegen. Auf dem Herd, ganz am Rand, damit nichts überkochte, stand der kleine Milchtopf. Auf seinem Platz am Küchentisch warteten ein Marmelade- und ein Honigbrot, und in dem mit kleinen gelben Küken bemalten Eierbecher daneben steckte schon sein hart gekochtes Frühstücksei.

Katharina, die neue Magd, war da längst draußen bei der Stallarbeit. Ausmisten, einstreuen, melken, füttern.

Apropos, der Beni, ihr Stier, hat auch immer einen Mordsappetit gehabt, und das, obwohl er keine Milch gegeben hat. Dieses Riesenvieh war wirklich das einzige Lebewesen auf dem Hof, das fürs dumm Herumstehen Futter bekam. Die Kühe gaben Milch, die Gänse einen guten Braten und die Hühner legten Eier. Und der Stier? Nichts. Oder fast nichts.

Von Zeit zu Zeit fuhr ein Viehanhänger auf den Hof, aber nur, wenn der Vater da war. Der führte den Beni dann an seinem Nasenring hinaus zu der angereisten Kuh. Wenn er sich einigermaßen sicher war, dass der Stier ihr nichts antun würde, ließ er die beiden alleine. Dann setzten sich der Bauer und sein Kollege an den großen verwitterten Holztisch im Hof, und die Mutter brachte Bier, Brot, Schinken und Käse und manchmal einen großen Rettich oder sonst etwas, das man einem Gast guten Gewissens anbieten konnte. Dann warteten sie.

Von ihrem Platz neben der Haustür hatte man einen guten Blick auf das Geschehen und war doch weit genug weg, damit sich der Beni und seine Holde nicht beobachtet fühlen mussten.

Manchmal ging es schnell, manchmal dauerte es und nur selten ging gar nichts.

Die erste Halbe war weg wie nichts, die zweite hinterher. Schon machte der Vater die nächsten beiden auf.

»Prost, Huberbauer. Herrgott, der lässt sich aber diesmal Zeit.«

»Prost, Stockinger«, antwortete der Angesprochene gedehnt, »schaut aus, als wär’ das heut’ nicht sein Tag. Oder er wird langsam alt.« Der Huberbauer soff auch die dritte Halbe in einem Zug aus. Dann sagte er: »Ich glaub’, das wird heut’ nichts mehr. Also«, ein herziges Kopperl schob sich zwischen seine Worte, »eine Viertelstund’ geb’ ich ihm noch.«

Nervös zupfte Alfons’ Vater an seinem Schnauzer, dann fuhr er sich durch den Schopf. »Jetzt wart’, der kommt schon noch in Fahrt, wirst sehen. Bei der schönen Kuh. Das letzte Mal hat er sich auch erst ziert, weißt noch?«

»Ja schon. Aber so lang wie heut …? Na ja, das kann man nicht erzwingen, das Sexuelle.« Er schickte einen verstohlenen Blick über den Tisch, den die Adressatin aber nicht bemerkte.

Der Huberbauer folgte dem Blick der Bäuerin. »Ui, ui, ui, ich glaub … Stockinger … Jetzt! Sakradi!«

Unvermittelt war der Beni auf die Kuh gesprungen.

»Scho’ is’ vorbei. Is’ scho’ vorbei. Sakrament, Sakrament. Prost, Stockinger.« Noch einmal klickerten die Halbeflaschen aneinander.

»Prost, Huberbauer. Glaubst, manchmal kost’ er mich schon Nerven. Wart’, ich mach noch eine auf. Du sitzt ja schon wieder auf dem Trockenen.«

Der Alfons dachte sich, der Beni hat es gut, muss sich um nichts kümmern, hat es im Winter warm, kann fressen, so viel er will und muss überhaupt nichts dafür tun. Abgesehen von dem bisschen Aufhüpfen.

Katharina war übrigens die erste Magd, die Alfons bewust wahrnahm.

»G’fällt dir die?«, fragte seine Mutter unvermittelt beim Frühstück.

»Warum?«

»Weilst seit Neuestem gar so fleißig bist.«

Während er noch versuchte, sich zumindest eine der vorangegangenen Mägde vorzustellen, fiel ihm ein, was die Mutter einmal zur Oma gesagt hatte, worauf die genickt und ein wissendes Gesicht gemacht hatte. Damals, als er noch klein gewesen war und die Großen in seiner Gegenwart noch nicht darauf aufgepasst hatten, was sie sagten. Zum Beispiel den Satz von »den jungen Dingern«.

»Wie die schon schauen, auf die muss man immer ein wachsames Auge haben.«

Dieser Satz verschwand erst gar nicht, der blieb gleich da wo er hingehörte, ganz vorne in seinem Kopf. Aber warum hat die Mutter dann die Katharina eingestellt, obwohl die doch auch so ein junges Ding war und auch so schaute? Vielleicht, weil sie so fleißig war. Da musste man wahrscheinlich so schauen.

Nachdem das klargestellt war, widmete er sich wieder seiner Arbeit. Er hing eh schon zurück.

»Wo bleibst denn, du Faultier, schau, wie weit ich schon bin. Ich hab meinen Rucksack schon fast voll und du?!«

Wenn er mit ihr draußen war, beim Sensen, beim Heumachen oder beim Steineklauben, richtete er es immer so ein, dass er hinter ihr ging. So konnte er ihr immer ein bisschen unter den Rock schauen, wenn sie sich bückte. So lange, bis sie sich dann irgendwann umdrehte. Dann glotzte er blöd und sie glotzte zurück und ließ ihn so schnell nicht aus.

»Willst was«, blaffte sie. Oder: »Was schaust’n so g’sprengt? Möchst du was?« Manchmal wurde sie auch deutlicher. Dann sagte sie in so einem herausfordernden Ton: »Wennst was möchst, musst schon dein Maul aufmachen.«

Aber was hätte er darauf antworten sollen? Er tat dann einfach so, als wäre gar nichts gewesen, und klaubte wortlos weiter.

Er war einfach gern in ihrer Nähe, am besten so nah, dass er sie riechen konnte. Mindestens einmal am Tag musste er diesen Geruch nach Kernseife, Erde, Stall, Schweiß und einem Hauch Kinderpuder – er brauchte einige Zeit, bis er heraus hatte, dass es tatsächlich Kinderpuder war, der gleiche, der bei ihnen im Badkästchen stand – in die Nase bekommen.

Ohne sich was dabei zu denken, ohne überhaupt etwas zu denken.

Mit den Kühen hatte er angefangen. Danach waren die Ziegen dran. Die Hühner hatten das auch, war allerdings schwer ausfindig zu machen unter all dem Federverhau, und entsprechend genervt war so ein Huhn, wenn der Alfons ewig an ihr herummachte. Die Katze, die Mimi, die hatte das natürlich genauso, ganz klein, mit Pelzbesatz, und die zeigte das auch ganz ungeniert.

Bei einer Frau musste das aber schon irgendwie anders aussehen. Schöner, feiner. Vielleicht wie bei den Engeln in der Kirche. Aber die hatten gar nichts. Eigenartig. Die Barockengel, die die Kanzel hielten und auch sonst überall in der Kirche herumhingen, waren so kunstvoll geschnitzt, jede Kleinigkeit war zu sehen. Die kleinen Flügelchen, die dicken Ärmchen und Beinchen, die Stupsnasen, die nach oben zum Heiland verdrehten Augen, sogar die kleinen Zehen, sogar die Zehennägel. Aber unten herum, wo es für ihn jetzt darauf ankam? Fehlanzeige. Entweder nichts oder ein goldenes Tuch, das wie dahergeweht über dem Nichts lag. Es konnte doch schlechterdings nicht sein, dass bei jedem Engel so ein Tuch vorne hingeflogen ist. Da musste doch wenigstens einer dabei sein, bei dem der blöde Fetzen verrutscht war und man wenigstens ein bisserl was sah, wenigstens irgendwas. Aber wie er sich auch mühte und sich den Hals verdrehte. Nichts. Absolut nichts.

Wenigstens ist der Alfons auf der Suche nach dem verlorenen Körperteil so für kurze Zeit zu einem eifrigen Kirchgänger geworden, was ihm vom Herrn Pfarrer ein dickes Lob vor der ganzen Klasse und eine Eins in Religion gebracht hat.

Aber wirklich weitergebracht hat ihn das auch nicht.

»Hältst du auch g’scheit? Lass bloß die Leiter nicht aus! Depp.«

Dass Katharina ihn Depp nannte, nahm er ihr nicht übel. Das war er gewohnt. Außerdem klang es nie ärgerlich, eher spöttisch. Er war gerne ihr persönlicher Depp.

Die Magd, einzig und allein auf ihre Sicherheit bedacht, hatte gerade umständlich ein Knie auf den hölzernen Rand der Tenne geschoben und zog jetzt langsam das zweite nach. Schutzlos war sie den gierigen Blicken des frühreifen Bauernbuben ausgesetzt. Und der starrte sich schier die Augen aus dem Kopf in dem staubigen Halbdunkel, verätzte förmlich die Luft mit seinem Gestiere. Aber gesehen hat er nichts, eingebildet alles Mögliche. Und die Katharina tat die ganze Zeit so, als würde sie nichts merken.

Was blieb ihr auch anderes übrig. Sie hatte wahrlich andere Sorgen da oben auf der Leiter. Vielleicht merkte sie es auch gar nicht. Und wenn, was hätte sie tun können? Ihn statt ihrer hinaufschicken? Wunderbare Idee! Wäre er dabei heruntergefallen, hätte die Bäuerin sie wahrscheinlich auf der Stelle totgeschlagen, so, wie die mit dem Buben war. Vielleicht war es ihr aber auch gar nicht so unangenehm, wenn er ihr nachschaute. Wie gesagt, wenn sie überhaupt darauf geachtet hat. Auf jeden Fall war sie jedes Mal heilfroh, wenn sie endlich oben war.

»Ich ruf dich, wenn ich fertig bin, also geh nicht so weit weg, damit ich nicht so schreien muss. Hast g’hört, Alfons?«

»Ja. Ich bin ja nicht taub.« Er hatte seine Augen wieder eingefahren und trollte sich bereits Richtung Scheunentor.

Wenn sie ihn dabei ertappte, dass er unten stehen blieb, um noch ein wenig nachzuglotzen, verscheuchte sie ihn. Sie konnte es nicht leiden, wenn er sich grundlos in ihrer Nähe herumdrückte. Er war sowieso so lästig. Immer war er um einen herum. Wer weiß, was der im Schilde führte. Man wurde einfach nicht schlau aus diesem verdrucksten Jungen.

»Ist noch was?«, raunzte sie ihn an.

»Nein, nichts, ich geh’ ja schon.«

»Aber nicht zu weit«, schärfte sie ihm noch einmal ein, »hast g’hört.«

Als sie genügend Heu und Stroh heruntergeworfen hatte, rief sie ihn wieder.

Teil zwei der Expedition ins Reich der Triebe, selbe Szene, selbe Darstellerin, nur rückwärts und langsamer.

Auf der Suche nach einer geeigneten Leitersprosse, und dann war es doch immer die dritte von oben, stocherte sie erst einmal mit einem Bein hilflos in der Luft herum – bis sie endlich einen sicheren Tritt gefunden hatte, stand sie jedes Mal Todesängste aus – dann schob sich als Erstes ihr Hintern über den Rand, danach der Rest.

»Fang mich auf.« Sie war schon fast unten, da drehte sie sich plötzlich um und sprang.

Er spannte seine Rückenmuskeln an und hob die Arme.

»Du bist aber stark.« Sie war ehrlich überrascht. »Aber jetzt kannst mich wieder auslassen.«

Automatisch öffnete er seine Arme. Entsprechend unsanft landete sie auf dem Boden.

»Huch«, sagte sie, rappelte sich wieder auf und langte ihm eine.

»Entschuldigung, das wollt’ ich nicht«, stotterte er.

Weiter war nie etwas passiert. Bis auf einmal, aber das war eigentlich auch ganz harmlos. Sie war gesprungen, was jetzt öfter vorkam, und er hat sie aufgefangen. Aber jetzt hat sie ihn nicht mehr losgelassen. Stattdessen hat sie ihn zum Tanzen aufgefordert.

»Oder traust dich nicht?«

Natürlich hatte er noch nie zuvor getanzt und auch keinen Schimmer, was man da zu tun hatte.

»Stell dich nicht so, das ist doch ganz einfach.«

Sie griff nach seiner rechten Hand und legte sie sich auf den Rücken. »Nicht so, du musst schon richtig hinlangen. Ja so, ruhig noch fester, trau dich nur. Ja, genau so.« Dann riss sie mit ihrer rechten Hand seine linke in die Höhe und los ging’s.

»Eins, zwei, drei, ein, zwei, drei«, zählte sie.

Der Alfons vollführte ein paar gut gemeinte Hopser, rutschte aus und knallte der Länge nach in die Stallgasse. Aber Katharina kannte kein Erbarmen.

»Keine Müdigkeit vorschützen, komm, steh auf, das wär’ doch g’lacht.«

Schon sah er sich wieder im Dreivierteltakt durch die Luft gewirbelt. Nach einigen weiteren verwegenen Rundsprüngen, die ihn aussehen ließen wie ein Riesenkarnickel auf der Flucht, landete er mit dem Kopf an der Wand. Den Tränen nahe, mit zusammengebissenen Zähnen und völlig verwirrt blieb er jetzt einfach da stehen, wo die Katharina ihn hingeworfen hatte.

»Was machst denn auch für einen Schmarr’n«, schimpfte sie. Dann fragte sie besorgt: »Geht’s wieder?«

Er nickte tapfer.

»Tut mit leid Alfons, aber du stellst dich schon arg blöd an.«

»Ich hab’ noch nie getanzt«, blökte er.

»Das merkt man. Komm, wir machen jetzt was Einfaches. Komm her. Das ist wirklich ganz einfach, ehrlich, Alfons, wirklich. Komm her, du Dummerl.« Sie zog ihn am Hosenträger, worauf er sogleich wieder brav den rechten Arm in die Höhe streckte.

»Den Arm kannst runternehmen, der Hitler ist tot. Komm, wirst sehen, das wird dir gefallen. Und schau nicht so g’sprengt, ich pass’ schon auf, dass du nicht wieder hinfällst. Aber da kann man eh nicht hinfallen, nicht einmal du.«

Ihre Hände hinter seinem Nacken verschränkt, seine Arme um ihre Mitte, begann sie sich langsam zu drehen, links, rechts, links, rechts, links, rechts. Und der Alfons drehte sich einfach mit.

»Na also, geht doch ganz gut. Das wird schon und rück ruhig ein bisserl näher her. Brauchst keine Angst haben, ich beiß schon nicht, komm her. Ja so, so is’ gut.«

Sie schmiegte ihr Gesicht an seinen Kopf. Mit geschlossenen Augen absolvierten sie die ersten Runden. Was hätte der verwirrte Alfons jetzt dafür gegeben, in den Kopf seiner Tanzpartnerin schauen zu können, nur um wenigstens eine Idee zu haben, wie das hier weitergehen sollte.

»Na also, geht doch schon«, nuschelte sie in seine Haare. Zärtlich strich sie ihm über Kopf und Schultern. Er klemmte seine Ellbogen in ihre Taille, winkelte die Arme nach oben und begann, über ihren Rücken zu wischen. Sie nahm den Willen für die Tat und sagte erst einmal nichts, seufzte nur einmal. Sogleich verdoppelte er seine Bemühungen.

»Alfons, nicht so wild.« Ihr feuchter, heißer Atem strich beruhigend über seinen Nacken. »Aber nicht gleich wieder auslassen. Ja, so. Drücken, nicht wischen. Und ruhig ein bisserl fester. Mhm, ja so. Mach’s wie ich. Ist doch ganz einfach. Ja, so is’ gut.«

Sanft drückte sie seinen Kopf an ihre Brust. Langsam wurde es richtig schön. Aber nur kurz, dann spürte er, wie ihre Hände langsam nach unten wanderten. Gerade erst hatte er sich daran gewöhnt, sie im Arm zu halten, eins, zwei, eins, zwei, auch mit dem Tanzen kam er schon ganz gut zurecht, und jetzt so was, und das ohne Vorwarnung. Aber warum machte sie jetzt nicht weiter? Oder würde es gleich weitergehen? Machte sie vielleicht nur eine Pause? Und dann? Links, rechts, links rechts, wahrscheinlich war er ihr eh zu jung, natürlich, für sie musste er ja noch ein Baby sein, links, rechts. Aber warum fiel ihr das erst jetzt ein, links, rechts, links, rechts, ihr Mund war jetzt ganz dicht an seinem Ohr, ihre Hände knapp oberhalb seines Hosenbunds, links, rechts, Gott sei Dank, aber auch schade, links, rechts, links, rechts, mhm, ah, jeder ihrer Atemzüge direkt in sein Ohr, links, rechts. Oh Gott! Ihre Hände hatten sich nun doch über den Rand seiner Hose geschummelt und krallten sich bereits tief in seine Krachlederne, so fest, dass er fast die Bodenhaftung verlor. Auf den Zehenspitzen stand er schon.

Wahrscheinlich würde er sowieso gleich in Ohnmacht fallen, dazu ein Schuss Verwegenheit aus dem Erbe seiner Vorfahren, das vielleicht den Ausschlag gab. Ganz vorsichtig, unter größter innerer und äußerer Anspannung, legte er beide Arme auf ihre stabilen Hinterbacken, bereit, sie beim geringsten Anzeichen sofort wieder zurückzuziehen. Aber sie machte keine Anzeichen, schien das gar nicht wahrzunehmen, brummte und schnaufte nur immer weiter in sein Ohr, drückte sich an ihn, an seine zuckende, zu Beton gewordene Riesenfleischwurst, die mit ungeahnter Vehemenz gegen die Innenwand seiner Lederhose pochte, die mit Macht in die Welt hinausdrängte, förmlich aufbegehrte, die es auf der Stelle mit dieser jungen, heißen Möse aufnehmen wollte, und die, nur getrennt durch eine Lage Hirschleder und grober Baumwolle genau das herbeisehnte.

Jähes Entsetzen, allergrößte Not, sein Körper getaucht in heißestes Rot. Mein Gott, ihr konnte unmöglich verborgen geblieben sein, was sich da gerade bei ihm abspielte, in welche Nöte er gekommen war. Aber sie ließ nicht nach, im Gegenteil. Immer kräftiger drückte sie ihn an sich, links, rechts, links, rechts. Das war schon kein Tanzen mehr, wie sie sich an ihm rieb. Mein Gott, wenn er jetzt pieseln müsste, musste er aber nicht, definitiv. Aber wenn doch? Zusammenzwicken, da half nur äußerstes Zusammenzwicken, links, rechts, links, rechts, nicht gut, gar nicht gut. Lange würde er es nicht mehr aufhalten können, das war klar. Oh mein Gott, war das schön. Sie würde ihm bestimmt sofort eine runterhauen, wenn er sie jetzt anpisste, sicher sogar, egal, er würde es trotzdem nicht mehr lange aushalten. Er würde einfach in die Hose machen und schnell davonlaufen. Und dann die Lederhose verstecken und so tun, als hätte er sie verlegt, ihm würde schon eine Geschichte einfallen. Die Katharina würde schon nicht petzen, die war lieb. Hoffentlich schmierte sie ihm auch gleich eine, wenn er sie jetzt gleich anschiffte, dann wären sie quitt, dann wäre das wenigstens schon einmal erledigt. Jetzt rieb er auch, rieb zurück.

»Du bist mir aber einer … puh … also so was.« Mit dem Hintern an der Stallwand, die Hände auf ihre Oberschenkel gestützt, schnaufte sie noch einmal tief durch. Ein letztes abschließendes »Puh«, ein kurzer Blick auf seine ausgebeulte Hose, ein flüchtiger Kontrollblick in sein Gesicht, dann schnappte sie sich die Heugabel und sagte: »So, jetzt müssen wir aber wieder was tun, sonst werden wir nicht fertig. Was stehst denn herum wie bestellt und nicht abg’holt, auf geht’s.«

Aber dem Alfons, der immer noch da stand wo sie ihn abgestellt hatte, stand der Sinn nicht mehr nach Stallarbeit. Außerdem brauchte er jetzt dringend frische Luft.

»Wo läufst denn hin, g’spinnerter Bub, g’spinnerter?«

Erst in der Küche kam er langsam wieder zu sich.

»Alfons? Seid ihr schon fertig mit einstreu’n?«

»Hab’ keine Lust heute, ich bin lieber bei dir, Mama.«

Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und rührte in einem großen Topf, ihre Hinterbacken wackelten im Rhythmus ihres Rührarms. »Was sind denn das für neue Sitten? Na, bleibst halt da, machst Hausaufgaben, ist auch wichtig.«

Er setzte sich auf die Bank und fing an, in seinem Schulranzen herumzukramen, dann fielen ihm die Augen zu.

»Alfons. Alfons?«

Die paar Wochen, die Katharina noch bei ihnen auf dem Hof war, bekam er sie kaum mehr zu Gesicht. Fast schien es, als würde sie ihm aus dem Weg gehen. Nur zum Leiterhalten rief sie ihn noch. Aber auffangen durfte er sie nicht mehr. Wenn sie ihn jetzt rief, dann mit einem hörbaren Widerwillen im Ton, und wenn er beim Hinunterklettern trotz Verbot die Arme ausbreitete, weil sie sich dann vielleicht doch noch hineinfallen lassen würde, konnte sie richtig böse werden.

»Hörst du net, schleich dich!«, giftete sie ihn an.

Aber er stellte sich einfach immer wieder hin und breitete die Arme aus. So lange, bis ihr eines Tages der Geduldsfaden riss.

»Ja, hörst du jetzt endlich!«, schrie sie ihn an, »schleich dich, hab’ ich gesagt, du Sau!«

So grob kam das.

Er hatte schon vorher verstanden, dass sie nicht mehr wollte, er war ja nicht blöd. Aber Sau, dass sie ihn eine Sau genannt hat, das versetzte ihm einen Stich. Und als die Mutter ein paar Tage später aus heiterem Himmel meinte, dass sie der Katharina nicht über den Weg traut, da hat er ihr aus ganzem Herzen zugestimmt. »Ich auch nimmer!«

Ziemlich bald darauf muss es zwischen der Katharina und der Mama dann auch richtig gekracht haben. Er kam gerade von der Schule, bog eben ums Eck, da schoss die Katharina wutentbrannt mit ihrem kleinen Koffer aus dem Haus.

»Dem Hundskrüppel, dem scheinheiligen. Wegen so einem Schmarrn schmeißt die mich raus, ja leckt’s mich doch all’samt am Arsch …« Ohne