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In "Stolz und Vorurteil" und "Emma" ergründet Jane Austen die sozialen Strukturen und die moralischen Dilemmata der englischen Oberschicht des 19. Jahrhunderts. Beide Romane zeichnen sich durch einen scharfsinnigen, oft ironischen Stil aus, der den Leser in die komplexen Gefühlswelten und die subtilen Intrigen ihrer Protagonisten einführt. Während Lydia Bennets impulsive Entscheidungen und Elizabeths scharfer Verstand in "Stolz und Vorurteil" die Themen Stolz und Vorurteil in Beziehung setzen, entfaltet "Emma" eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Missverständnisses und der Selbsterkenntnis durch die manipulative Hauptfigur Emma Woodhouse. Diese Werke spiegeln Austens unerschöpflichen Scharfblick und ihre Liebe zur sozialen Analyse wider. Jane Austen, geboren im Jahr 1775, war eine Pionierin des englischen Romans, die mit feiner Satire und psychologischer Tiefe gesellschaftliche Normen hinterfragte. Ihre Aufzeichnungen von Mühen und Freuden des Lebens in diesen oft eingeschränkten sozialen Kreisen zeugen von ihren eigenen Erfahrungen als Frau in einer patriarchalischen Welt. Besonders ihre scharfen Beobachtungen über Ehe, Stand und Geschlechterrollen sind tief in ihrem persönlichen Leben verwurzelt und geben den Werken eine authentische Stimme. Leser, die ein Interesse an zeitlosen Themen wie Liebe, gesellschaftlicher Stellung und moralischer Integrität hegen, werden von diesen beiden Meisterwerken in den Bann gezogen. Austens Fähigkeit, die Innerlichkeit ihrer Figuren glaubwürdig darzustellen und gleichzeitig gesellschaftliche Kritik zu üben, bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch eine tiefgreifende Reflexion über menschliches Verhalten. Diese romantischen Komödien sind unverzichtbare Klassiker, die das Herz und den Verstand gleichermaßen ansprechen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung vereint die beiden Romane Stolz und Vorurteil und Emma von Jane Austen in vollständiger Form. Sie verfolgt das Ziel, ein konzentriertes Panorama jener erzählerischen Kunst zu bieten, die Austen zu einer der bedeutendsten Autorinnen des frühen 19. Jahrhunderts gemacht hat. Anstatt eine Gesamtausgabe vorzulegen, fokussiert der Band zwei Werke, die exemplarisch für Themen, Ton und Verfahren ihres Schaffens stehen. Die Zusammenstellung möchte sowohl eine verlässliche Lektüregrundlage als auch einen Vergleichsrahmen bereitstellen, in dem sich die unterschiedlichen Facetten von Austens ironischer Beobachtungsgabe, ihrer Figurenführung und ihrer nuancierten Darstellung gesellschaftlicher Beziehungen klar und sprechend entfalten können.
Der Umfang dieser Ausgabe beschränkt sich bewusst auf das Genre des Romans. Beide Texte sind Beispiele des Gesellschaftsromans und verbinden psychologische Genauigkeit mit scharfer sozialer Diagnose. Innerhalb der Romane nutzt Austen verschiedene Textsorten als Mittel der Darstellung, insbesondere dialogische Szenen und eingefügte Briefe, die Perspektiven differenzieren und kommunikative Missverständnisse sichtbar machen. Andere Gattungen, die mit Austens Namen in Verbindung stehen – etwa frühe Spiel- und Gelegenheitsstücke oder private Korrespondenzen – sind hier nicht vertreten, denn der Band will die dramaturgische und stilistische Leistungsfähigkeit des Romans als ihrer Hauptform in konzentrierter Gestalt vorführen.
Stolz und Vorurteil erschien 1813, Emma 1815; beide Romane sind im England der damaligen Gegenwart situiert. Sie entfalten ihre Handlung in Provinzgemeinden und Landhaushalten, wo Umgangsformen, Nachbarschaft und Verwandtschaft den Erfahrungsraum bestimmen. Die Publikationsjahre markieren eine Phase, in der der englische Roman rasch an kulturellem Gewicht gewann und Fragen der Sitte, der Bildung und der gesellschaftlichen Position in der fiktionalen Prosa besondere Aufmerksamkeit erhielten. Austens Beiträge gehören zu den prägnantesten Ausprägungen dieser Entwicklung, weil sie die Feinmechanik alltäglicher Begegnungen zum Gegenstand machen und daraus sowohl Komik als auch ernste Einsichten gewinnen.
Die beiden hier versammelten Werke verbindet ein gemeinsamer Themenhorizont: die Verhandlung von Stand, Heirat, Vermögen und Ruhm im Spannungsfeld lokaler Öffentlichkeit. Figuren messen sich an Erwartungen, die nicht nur ökonomischer, sondern auch moralischer und ästhetischer Natur sind. Die Romane fragen, wie Selbstbild und Fremdurteil entstehen, wie Vorlieben, Vorurteile und Gewohnheiten Entscheidungen prägen und wie sehr gesellschaftliche Regeln Freiheit begrenzen oder ermöglichen. Indem alltägliche Situationen – Gespräche, Besuche, Einladungen – sorgfältig beobachtet werden, entsteht ein Bild der sozialen Dramaturgie, in dem Höflichkeit, Ironie und taktische Zurückhaltung gleichermaßen wirksam sind.
Austens Stil ist geprägt von kontrollierter Ironie, präziser Syntax und einem erzählerischen Verfahren, das oft als erlebte Rede beschrieben wird. Der Erzähler hält Distanz und Nähe in feiner Balance, gleitet in Wahrnehmungen und Gedanken der Figuren und wahrt zugleich einen prüfenden Überblick. Dialoge sind nicht bloß Informationsaustausch, sondern Prüfsteine des Charakters: Wortwahl, Ton und Timing verraten soziale Kompetenz oder deren Fehlen. Die erzählerische Ökonomie – das genaue Setzen von Szenen, Blicken und Pausen – schafft Spannung ohne äußeres Spektakel. So entstehen Komödien der Sitten, deren Ernst aus der Genauigkeit ihrer Beobachtung hervorgeht.
Stolz und Vorurteil eröffnet seinen Schauplatz im Umfeld der Familie Bennet, deren Lage durch erbrechtliche und gesellschaftliche Überlegungen bestimmt ist. In einer ländlichen Nachbarschaft entfacht die Ankunft wohlhabender Besucher Gesprächsstoff und Erwartungen. Was folgt, ist eine Folge von Begegnungen, Bällen und Besuchen, in denen Urteile gefällt, revidiert und verteidigt werden. Der Roman untersucht, wie Wahrnehmung sich bildet, wie schnell sie sich verhärtet und unter welchen Bedingungen sie korrigierbar ist. Dabei stehen Witz, Selbstbeherrschung und Standesbewusstsein in produktiver Spannung und machen die Komik wie die Ernsthaftigkeit der Situation erfahrbar.
Emma stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt, die innerhalb ihrer kleinen Gemeinde über Ansehen und Muße verfügt. Zu Beginn sieht sie sich in der angenehmen Position, das Glück anderer zu beeinflussen und soziale Fäden zu ziehen. Ihr Umfeld – Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft – bietet ein fein verästeltes Geflecht aus Nähe, Rücksicht und Erwartung. Der Roman verfolgt, wie Urteilsvermögen entsteht, wie es sich irrt und wie es Prüfung erfährt. Dabei bleiben die Handlungselemente dem Alltag verpflichtet: Besuche, Spaziergänge, Einladungen und Gespräche bilden die Bühne, auf der Charakter, Takt und Einsicht sichtbar werden.
Im Vergleich der beiden Romane lässt sich beobachten, wie Austen die Entstehung von Erkenntnis dramatisiert. In beiden Fällen stehen Selbstwahrnehmung und soziale Wahrnehmung in einem beweglichen Verhältnis; beides ist anfällig für Übertreibung, Wunschdenken und Projektion. Die erzählerische Kunst besteht darin, Leserinnen und Leser an den Schwellenmomenten des Begreifens teilhaben zu lassen, ohne den Figuren die Komplexität ihrer Lage zu nehmen. So entsteht eine Spannung, die weniger aus äußeren Ereignissen als aus inneren Korrekturen erwächst. Die Romane zeigen, dass Urteilskraft Arbeit bedeutet – und dass Höflichkeit diese Arbeit zugleich erleichtern und erschweren kann.
Ein zentrales Merkmal beider Werke ist die Gestaltung sozialer Räume als Prüfplätze der Sprache. Konversation erweist sich als Handlung: Wer spricht, wie, wann und mit wem, bestimmt Reichweite, Einfluss und Missverständnisse. Räume wie Salons, Speisesäle oder Wege im Freien sind nicht bloß Kulissen, sondern strukturieren Verhalten und Wahrnehmung. Kleine Gesten – ein Blick, ein Schweigen, eine höfliche Floskel – erhalten Bedeutung, weil sie in einem dichten System von Erwartungen gelesen werden. Diese Feinheit der sozialen Choreographie macht den anhaltenden Reiz der Lektüre aus und fordert aufmerksames, wiederholtes Lesen heraus.
Die anhaltende Bedeutung dieser Romane gründet auch in ihrer nüchternen Darstellung materieller Bedingungen. Fragen der Versorgung, der Besitzordnung und der respektablen Lebensführung treten nicht als Beiwerk auf, sondern bilden den realistischen Horizont, innerhalb dessen Gefühl und Entschlusskraft geprüft werden. Weibliche Handlungsräume sind durch Normen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen begrenzt; dennoch zeigt Austen Handlungsspielräume, die aus Urteil, Maß und sprachlicher Souveränität erwachsen. Diese Verbindung von sozialer Analyse und komischer Delikatesse erklärt, warum die Bücher historische Dokumente einer Epoche sind und zugleich Gegenwartslektüre ermöglichen.
Seit ihrem Erscheinen werden beide Romane kontinuierlich gelesen, diskutiert und vielfach adaptiert. Ihre Figuren und Konstellationen haben Eingang in eine breite kulturelle Erinnerung gefunden, weil sie exemplarische Situationen der Selbsterkenntnis und der sozialen Verhandlung zeigen. Die Klarheit der Sprache, die Ökonomie der Szenen und der feine Humor haben Generationen von Leserinnen und Lesern überzeugt. Zugleich erlauben die Texte unterschiedliche Zugänge: literaturhistorisch, soziologisch, genderbezogen oder schlicht ästhetisch. Die Vielschichtigkeit bei gleichzeitiger Zugänglichkeit macht die Werke zu beständigen Bezugspunkten im Kanon des englischsprachigen Romans.
Diese Ausgabe versteht sich als Einladung zur konzentrierten Lektüre zweier Schlüsselwerke. Wer sie nebeneinander liest, kann Resonanzen und Kontraste beobachten: Tonlagen, Erzählrhythmen, Figurenkonstellationen und die unterschiedlichen Möglichkeiten, Erkenntnis erzählerisch zu gestalten. Zugleich bietet der Band eine verlässliche Grundlage für eine erste Begegnung mit Austen oder für die erneute Lektüre mit erweitertem Blick. Indem die Romane vollständig und in einem gemeinsamen Rahmen präsentiert werden, entsteht ein Dialog, der den Reichtum von Austens Kunst sichtbar macht und den bleibenden Wert ihrer Beobachtungen für Gegenwart und Zukunft unterstreicht.
Jane Austen (1775–1817) gilt als eine der prägenden Stimmen des englischen Romans und schrieb in der Übergangszeit vom späten 18. Jahrhundert zur Regency-Ära. Ihre Prosa verbindet präzise Gesellschaftsbeobachtung, subtile Ironie und strenge architektonische Konstruktion. Mit nüchternem Blick auf Konventionen, Geld und Heirat zeichnete sie Figuren, deren moralische Entscheidungen soziale Spannungen sichtbar machen. Austens Arbeiten stehen für die Ausreifung realistischer Erzählformen, insbesondere der erlebten Rede, die Innenperspektiven elegant mit kommentierender Distanz verschränkt. Ihr Rang beruht auf sprachlicher Eleganz, kontrollierter Komik und nachhaltiger Aktualität, die Leserinnen und Leser bis heute anzieht und Debatten über Klasse, Geschlecht und Selbstbestimmung belebt.
Austen erhielt überwiegend privaten Unterricht und bildete sich vor allem durch intensives Lesen, Schreiben und Beobachten weiter. Ihre Ausbildung spiegelte die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Zeit: Zugang zu Bibliotheken, populären Zeitschriften und Bühnenstücken, jedoch ohne universitäre Struktur. In ihren frühen Skizzen erprobte sie Parodie, Briefromanformen und komische Übersteigerung; später destillierte sie daraus eine nüchternere, präzisere Prosa. Literarische Strömungen der Aufklärung und der Sittenkomödie prägten ihre Haltung zu Vernunft, Gefühl und sozialem Takt. Ebenso prägend war der Austausch mit einer bildungsnahen Lesekultur, deren Urteile, Lektürekreise und Leihbibliotheken ihr kontinuierliches Üben und Revidieren beförderten.
Die berufliche Entwicklung verlief schrittweise und diszipliniert. Austen überarbeitete Entwürfe über Jahre, prüfte Dialogführung, Perspektive und Ökonomie der Szenen mit großer Sorgfalt. Veröffentlichungen erschienen zu Lebzeiten anonym oder als „By a Lady“, im Einklang mit gängigen Praktiken für Autorinnen jener Epoche. Thematisch konzentrierte sie sich auf die Schnittstellen von Gefühl, Vernunft und gesellschaftlicher Stellung, wobei ökonomische Abhängigkeiten Heiratsentscheidungen strukturierten. Mit „Stolz und Vorurteil“ etablierte sie eine pointierte Form der Komödienbeobachtung; „Emma“ markierte eine spätere Phase, in der psychologische Feinzeichnung und narrative Kontrolle noch stärker zusammenwirkten. Beide Romane zeigen ihre Meisterschaft im balancierten Aufbau.
„Stolz und Vorurteil“ zeigt Austens Gespür für Witz, Tempo und präzises Figurenensemble. Der Roman entfaltet höfliche Konversationen als Schauplätze von Urteil, Missverständnis und schrittweiser Selbsterkenntnis, ohne auf äußerliche Sensation angewiesen zu sein. Raffinierte Dialoge und erlebte Rede erzeugen Nähe zur Wahrnehmung der Protagonistin, während ironische Erzählerkommentare Maßstäbe für sittliches Abwägen setzen. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzten die Lebendigkeit der Szenen und die Eleganz der Sprache; später wurde das Werk zu einem Bezugspunkt für Studien über Klassenkodex, Bildungsideale und die Logik der Partnerwahl. Die Geschichte bleibt dabei spoilerarm verständlich als Bewegung von Urteilskraft.
„Emma“ vertieft diese Verfahren und richtet den Blick auf eine wohlhabende junge Frau, deren Einfluss in einer Kleinstadt fein abgestufte Effekte erzeugt. Die erzählerische Nähe zu ihrer Wahrnehmung betont Selbsttäuschungen und Reifungsschritte, wodurch Komik und Erkenntnis eng verschränkt sind. Austen nutzt die Begrenztheit sozialer Räume, um Netzwerke von Rücksicht, Eitelkeit und Fürsorge zu kartieren. Der Roman demonstriert eine reife Balance zwischen freundlicher Ironie und moralischer Strenge, ohne seine Figuren zu denunzieren. Zeitgenössische Resonanzen vermerkten die Genauigkeit der Beobachtung; moderne Lesarten würdigen zudem die kunstvolle Steuerung der Information, die Erwartungen subtil lenkt und Fehlinterpretationen produktiv macht.
Austens Überzeugungen lassen sich vor allem aus ihren ästhetischen Entscheidungen ablesen: Maß, Selbstprüfung, Respekt vor Vernunft und Sensibilität, Skepsis gegenüber Affektiertheit. Sie engagierte sich nicht programmatisch in öffentlichen Debatten; vielmehr schärfte sie im Medium der Fiktion Urteilsvermögen für alltägliche Moral. Die anonyme Veröffentlichung war weniger Rückzug als Kalkül innerhalb damaliger Publikationssitten. Ihre Arbeitsethik zeigt sich in präziser Struktur, ökonomischer Szenenführung und der Weigerung, sensationelle Stoffe vor nüchterne Beobachtung zu stellen. Dabei thematisiert sie fortwährend die Möglichkeiten weiblicher Handlungsfähigkeit innerhalb enger Regeln, ohne diese Grenzen sentimental zu verklären oder polemisch zu behaupten.
Jane Austen starb 1817, nachdem sie bis zuletzt an ihren Manuskripten gearbeitet hatte. Postum wuchs die Sichtbarkeit ihres Namens, und ihre Romane zirkulierten in immer neuen Auflagen und Übersetzungen. Heute gelten „Stolz und Vorurteil“ und „Emma“ als zentrale Bezugstexte für die Diskussion realistischer Erzählkunst, sozialer Normen und weiblicher Perspektiven. Ihre Wirkung reicht von literaturwissenschaftlicher Forschung über Theater- und Filmadaptionen bis zu lebendigen Lesekulturen. Dass ihre Geschichten ohne spektakuläre Ereignisse auskommen und doch Spannung erzeugen, begründet ihre nachhaltige Popularität. Austens Vermächtnis besteht in der Kunst, Urteilskraft erzählerisch zu prüfen und Empathie mit klarem Verstand zu verbinden.
Die Sammlung „Stolz und Vorurteil & Emma“ verankert sich in der späten georgianischen und frühen Regency-Zeit Großbritanniens. Jane Austen (1775–1817) schrieb und veröffentlichte ihre Romane in Jahren tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Wandels. „Stolz und Vorurteil“ erschien 1813, „Emma“ 1815. Beide Texte spiegeln die Lebenswelt der ländlichen Gentry und der aufstrebenden Mittelschichten wider, deren Normen, Verpflichtungen und Erwartungen den Alltag strukturierten. Die Romane entstanden parallel zu Reformdebatten, Kriegserfahrungen und wirtschaftlichen Umbrüchen, die die Bedeutung von Besitz, Rang und Reputation neu justierten. In dieser Konstellation formieren sich die Themen Heirat, Erziehung, Status und Moral als historische Kategorien sozialer Ordnung.
Der politische Hintergrund ist durch die Revolutions- und Napoleonischen Kriege (spätes 18. Jahrhundert bis 1815) geprägt. Großbritannien mobilisierte Armee und Milizen, was das Alltagsleben auch in Provinzstädten berührte. Die militärische Präsenz, die Kriegsfinanzierung und die Sorge um Invasion oder Handelsstörungen beeinflussten Preise, Mobilität und Sicherheitsempfinden. Gleichzeitig wuchsen Loyalitätssymbolik und höfische Repräsentation. Diese Rahmenbedingungen erklären, weshalb gesellschaftliche Stabilität und respektable Selbstdarstellung hohen Wert besaßen. In „Stolz und Vorurteil“ fungiert die Miliz als zeittypische Institution, die Kontakte und Spannungen in lokalen Gemeinschaften verdichtet, ohne die ländliche Grundstruktur aufzulösen.
Die soziale Hierarchie der Epoche war von der ländlichen Gentry, vom Adel und von einer dynamischen Schicht aus Kaufleuten, Offizieren, Juristen und Geistlichen geprägt. Erbfolgepraktiken wie Primogenitur und rechtliche Instrumente wie Entails banden Land und Einkommen an männliche Linien, was Heiratsentscheidungen kalkulierbar und öffentlich relevant machte. Frauen standen unter dem Regime der Coverture, das ihren rechtlichen und wirtschaftlichen Handlungsspielraum verheiratet stark einschränkte. Vor diesem Hintergrund erscheinen Heirat, Mitgift, Erziehung und Reputation nicht als private Fragen, sondern als soziale und ökonomische Mechanismen zur Sicherung von Vermögen, Rang und generationsübergreifender Kontinuität.
Die Kirche von England bot einen zentralen institutionellen Rahmen. Geistliche standen im Mittelpunkt lokaler Netzwerke, Predigt- und Bildungspraxis, und sie profitierten von Pfründen, die häufig über Patronage vergeben wurden. Viele Pfarrstellen waren mit Landbesitzern verflochten, wodurch kirchliche Würdenträger Teil der gentrynahen Gesellschaft wurden. Diese Zusammenhänge strukturieren Rollenbilder und moralische Autorität, die in den Romanwelten sichtbar werden. Zugleich spiegeln sie Karriere- und Integrationspfade für jüngere Söhne wider. Pfründen, Patronage und die Erwartung, sittliche Ordnung zu verkörpern, rahmen die Sitten- und Umgangsnormen, die Austens Figurenwelt präzise beobachtet, ohne den religiösen Diskurs selbst zu dominieren.
Die Agrargesellschaft befand sich im Wandel. Enclosure-Prozesse, die seit dem 18. Jahrhundert fortschritten, verdichteten Besitzstrukturen, steigerten Produktivität und verstärkten zugleich soziale Differenzen. Landwirtschaftliche „Improvements“ und die Professionalisierung der Gutsherrschaft prägten das Selbstverständnis der Gentry. Die Gestalt von Landhäusern, Parks und Pachtverhältnissen fungierte als sichtbares Zeichen von Kreditwürdigkeit und Geschmack. Diese materiellen Signale sind in den Romanen nicht bloße Kulisse, sondern soziale Grammatik: Besitz, Verwaltung und Landschaftsgestaltung kommunizieren Status, Stabilität und Ansprüche. Damit verschränken sich Ästhetik, Ökonomie und soziale Anerkennung in alltäglichen Begegnungen.
Parallel formierten sich frühe Industrie- und Konsumprozesse. Während die Romanwelten meist ländlich geprägt sind, gewann der Austausch mit städtischen Zentren an Bedeutung. London fungierte als Finanz- und Modemetropole; regionale Marktstädte banden Provinz und Hauptstadt enger zusammen. Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von industrieller Entwicklung, städtischer Kultur und ländlicher Beharrung erzeugten Reibungen, die gesellschaftliche Aufstiegs- und Grenzerfahrungen strukturierten. Die Romane spiegeln diese Dynamik indirekt: Sie zeigen, wie Reputation, Bildung und Vermögen jenseits des alten Titeladels zirkulieren und wie sich ein anspruchsvolles, aber nicht aristokratisches Publikum für Geschmack, Bildung und Konversation formiert.
Geschlechterrollen wurden von einer breiten Ratgeberkultur, von „conduct literature“ und Debatten über Empfindsamkeit und Vernunft geprägt. Moralische Erziehung, weibliche „accomplishments“, Musizieren, Zeichnen und Konversation galten als Kapital auf dem Heiratsmarkt. Zugleich bestanden strenge Erwartungen an Bescheidenheit, Kontrolle von Affekten und soziale Anpassungsfähigkeit. Predigt- und Ratgeberliteratur, wie sie auch in „Stolz und Vorurteil“ erwähnt wird, markierte Normen, an denen sich Figuren messen lassen. Diese Normativität erklärt, weshalb kleine Verstöße große Folgen haben konnten. Sie macht sichtbar, wie stark Selbstbeherrschung, Rücksicht und Beobachtungsgabe als Tugenden galten.
Verbesserte Infrastruktur verdichtete soziale Netze. Turnpike-Straßen, regelmäßige Postkutschen und die seit den 1780er Jahren effizientere Post machten Besuche und Briefwechsel zuverlässiger. Der Brief wurde zum Medium der Selbstprüfung, der Klärung von Missverständnissen und der höflichen Distanz. Reisen über mehrere Tagesetappen blieben anspruchsvoll, doch sie erlaubten häufiger Ausflüge in Kurorte oder zu Verwandten. Dadurch wuchs die Bedeutung von Anstandsregeln für Besuche, Einladungen und Empfehlungen. Mobilität, Kommunikation und die strenge Etikette der „calls“ und Karten wurden zum sozialen Betriebssystem, das Nähe, Gerücht und Urteil vermittelt.
Der Buchmarkt expandierte. Circulating Libraries und Leihbibliotheken verbreiteten Romane, Zeitschriften und Reiseberichte; das Lesen wurde zu einer respektablen Freizeitbeschäftigung, insbesondere in gebildeten bürgerlichen und gentrynahen Kreisen. Jane Austen veröffentlichte zunächst anonym. „Stolz und Vorurteil“ erschien bei Thomas Egerton; „Emma“ wurde 1815 bei John Murray publiziert und – auf Wunsch des Hofes – dem Prinzregenten gewidmet. Frührezensionen würdigten die Darstellungen alltäglicher Sitten. Walter Scott hob 1816 im Quarterly Review die Genauigkeit des häuslichen Realismus hervor. Die Publikationspraxis mit kleinen Auflagen und Rezensionen in führenden Periodika formte die frühe Rezeption.
Austens soziale Herkunft prägte ihren Beobachtungsstandpunkt. Als Tochter eines anglikanischen Geistlichen wuchs sie im Milieu der ländlichen Gentry auf, lebte in Hampshire, zeitweise in Bath, und ab 1809 in Chawton. Dort überarbeitete und verfasste sie mehrere Romane. Das Schreiben im Familienkreis, die Rolle ihres Bruders Henry als literarischer Vermittler und die anonyme Publikationsstrategie entsprachen zeitgenössischen Erwartungen an weibliche Autorschaft. Diese Herkunft erklärt die Vertrautheit mit Pfarrhäusern, Landgütern, Bällen in Provinzstädten und den Übergängen zwischen Privatsphäre und öffentlicher Sichtbarkeit – Schauplätze, die die Romane mit großer Genauigkeit ausleuchten.
Das englische Erb- und Familienrecht ordnete die Beziehungen zwischen Besitz, Ehe und Nachkommen. Entails und Heiratsverträge lenkten Vermögensflüsse und erzeugten asymmetrische Abhängigkeiten. Töchter brauchten Mitgiften oder Erbschaften, um ökonomisch attraktiv zu erscheinen; Söhne suchten Pfründen, militärische Laufbahnen oder juristische Karrieren. Dieses rechtliche Gefüge erklärt die wiederkehrende Aufmerksamkeit für Einkommen, Zinsen, Jahresrenten und Sicherheiten. Es prägt ebenso die sozialen Verhandlungen zwischen Familien, Nachbarn und Bekannten. In dieser Struktur erscheinen Heiratsüberlegungen als öffentliches Geschäft zwischen Ökonomie und Moral – eine Konstellation, die die Romane konsequent abbilden.
Das intellektuelle Klima oszillierte zwischen Aufklärung, Empfindsamkeit und einer wachsenden evangelikalen Bewegung. Debatten über Tugend, Nützlichkeit, Gefühlskultur und Selbsterziehung prägten die Urteilsformen gebildeter Leserinnen und Leser. Zugleich waren Fragen von Empire und Sklaverei in der Öffentlichkeit präsent; der britische Sklavenhandel wurde 1807 abgeschafft, die Sklaverei im Empire 1833. Ohne direkte Bezüge zu behaupten, bildeten solche Diskussionen einen Resonanzraum, in dem Moral, Konsum und gesellschaftliche Verantwortlichkeit neu bewertet wurden. Die Romane profitieren von dieser Diskussionslage, indem sie feine Unterschiede in Verhalten, Zweckmäßigkeit und Urteilskraft herausarbeiten.
Die Kultur der Geselligkeit strukturierte Begegnungen. Öffentliche Bälle, Musiksalons, Spaziergänge, Besuche und die Architektur von Assembly Rooms boten Bühnen für beobachtbare Tugend und Takt. Kurorte wie Bath – mit Bädern, Teegesellschaften und Promenaden – galten als Zentren des guten Tons. Kleidung, Tanz und Konversation fungierten als soziale Signale. In diesem Ambiente lassen sich Hierarchien nicht nur über Titel und Vermögen, sondern über Leistung in der Etikette lesen. „Emma“ bezieht sich auf solche lokalen Öffentlichkeiten, in denen Wohltätigkeit, Nachbarschaft und Umgangsformen die gesellschaftliche Position absichern oder unterminieren können, ohne auf spektakuläre Ereignisse angewiesen zu sein.
Finanz- und Währungspolitik beeinflussten den Alltag. Mit der Bank Restriction Act von 1797 wurde die Goldeinlösung der Banknoten ausgesetzt, wodurch Kredit und Papiergeld an Bedeutung gewannen. Kriegs- und Nachkriegsjahre brachten Preisbewegungen und Unsicherheiten; 1815 folgten die Corn Laws, die landwirtschaftliche Interessen schützen sollten. Für die ländliche Gentry und städtische Professionsschichten bedeutete dies schwankende Kalküle. Jahresrenten, Zinseinkommen und sichere Anlagen wurden zentral. Die Romane registrieren solche Fragen, wenn sie Einkommen, Lebenshaltungskosten und Vermögensarten präzise benennen – nicht als Bilanz, sondern als soziale Sprache von Zumutbarkeit und Angemessenheit.
Stolz und Zurückhaltung wurden von einer sensiblen Öffentlichkeit überwacht. Zeitgenössische Medien – von Lokalblättern bis zu nationalen Reviews – trugen Gerüchte und Reputationen. Chaperonage, Visitenzeiten und Empfehlungsbriefe regelten Zulässigkeit und Distanz. In solchen Strukturen ist Fehlverhalten nicht primär juristisch, sondern sozial sanktioniert. Der geordnete Alltag und die graduellen Übergänge von Bekanntschaft zu Vertrautheit liefern die Spannungen, die Austens Romane ausloten. „Stolz und Vorurteil“ nutzt diese Ordnung, um Missdeutungen, Eitelkeiten und Urteilsirrtümer sichtbar zu machen, ohne sie sensationell zu überhöhen.
Die frühe Rezeption war respektvoll, aber moderat. Zeitgenössische Kritiken lobten Genauigkeit der Beobachtung und Dialogkunst. Im 19. Jahrhundert wuchs Austens Ansehen beständig; ihre Romane passten in viktorianische Vorstellungen häuslicher Tugend, wurden aber auch wegen Ironie und Maß geschätzt. Neuauflagen und Memoiren aus dem Familienkreis festigten das Bild der Autorin. Gleichzeitig blieb die Anonymität der Erstausgaben ein Hinweis auf die damalige Geschlechterordnung im Literaturbetrieb. Die Sammlung macht anschaulich, wie ein zunächst als „kleinräumig“ empfundenes Sujet in der Kulturgeschichte dauerhaft kanonischen Rang gewann.
Im 20. Jahrhundert setzten differenzierte Deutungen ein. Literaturwissenschaftliche Schulen hoben Struktur, Erzählperspektive, Ironie, Ökonomie der Aufmerksamkeit und die Soziologie der Geselligkeit hervor. Feministische Lektüren analysierten rechtliche und ökonomische Zwänge für Frauen; sozial- und kulturhistorische Ansätze untersuchten Klasse, Patronage und öffentlicher Moral. Verfilmungen und Fernsehserien erweiterten die internationale Leserschaft und prägten populäre Bilder der Regency-Zeit. Diese mediale Präsenz führte zu erneuten Diskussionen über Genauigkeit historischer Ausstattung und über die Aktualität von Urteilskraft, Empathie und sozialer Verantwortung in Austens Figurenwelt, ohne die historischen Bindungen zu verdecken.|Die Sammlung kommentiert ihre Zeit, indem sie das Alltägliche als Träger historischer Kräfte ernst nimmt. Sie zeigt, wie Krieg, Recht, Religion, Geld und Etikette sich in Blicken, Besuchen, Briefen und Tänzen materialisieren. „Stolz und Vorurteil“ und „Emma“ dienen hier als Beispiele für das Zusammenspiel von Rang, Vermögen, Charakter und öffentlicher Beobachtung. In späteren Deutungen wurden sie als präzise Laboratorien moralischer Urteilsbildung gelesen. So bündeln die Romane historisches Wissen über die frühe Moderne mit literarischer Formstrenge und machen verständlich, warum die sozialen Sprachen ihrer Epoche bis heute interpretierbar geblieben sind.
Im Mittelpunkt steht Elizabeth Bennet, die in einer ländlichen Gesellschaft mit rigiden Klassen- und Heiratserwartungen ihre Urteile über Menschen und Motive schärft. Begegnungen mit dem reservierten Mr. Darcy und weiteren Bewerbern offenbaren Missverständnisse, verletzte Eitelkeiten und soziale Zwänge. Der Roman balanciert Witz und scharfe Beobachtung und zeigt, wie Selbstkenntnis und geänderte Perspektiven Beziehungen und Reputation prägen.
Emma Woodhouse, wohlhabend und selbstsicher, betreibt in Highbury eigenwillige Heiratspläne für andere und unterschätzt die Folgen ihrer Einmischungen. Irrtümer in der Lektüre von Zeichen, Standesfragen und verdeckte Gefühle treiben die sozialen Verwicklungen an. Ein leicht satirischer Ton und subtile Innenperspektiven zeichnen den Weg einer jungen Frau nach, die ihre Grenzen erkennt und an Urteilskraft gewinnt.
Beide Romane untersuchen das Zusammenspiel von Liebe, Status und Moral in einer eng kodierten Gesellschaft. Austens Stil verbindet ironische Distanz, präzise Dialogführung und psychologische Feinzeichnung; Missverständnisse und soziale Choreografien dienen als Prüfsteine für Charakter und Reife. Wiederkehrend sind Motive der Selbstprüfung, der Kritik an Klassendünkel und der Frage, wie Urteilskraft Beziehungen und Lebenswege ordnet.
In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss …
Welcher Art die Gefühle und Wünsche eines solchen Mannes im übrigen auch immer sein mögen, diese Wahrheit hat eine so unumstößliche Geltung, dass er schon bei seinem ersten Auftauchen von sämtlichen umwohnenden Familien als rechtmäßiger Besitz der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.
»Mein lieber Bennet«, sprach eines Tages Mrs. Bennet zu ihm, »hast du schon gehört, dass Netherfield Park endlich einen Mieter gefunden hat?«
Mr. Bennet erwiderte, er habe es noch nicht gehört.
»Trotzdem ist es so, wie ich sage«, beharrte Mrs. Bennet. »Mrs. Long war gerade hier und hat es mir erzählt — Willst du denn nicht wissen, wer der neue Mieter ist?« fuhr sie mit ungeduldiger Stimme fort.
»Du willst es mir doch gerade erzählen, und ich habe nichts dagegen.«
Einer deutlicheren Aufforderung bedurfte es nicht.
»Also, Mrs. Long erzählte, dass Netherfield von einem sehr wohlhabenden jungen Mann aus Nordengland gepachtet wurde. Er kam letzten Montag im Vierspänner an, um das Haus zu besichtigen, und er war so entzückt davon, dass er sogleich mit Mr. Morris abschloss. Noch vor Michaelis will er einziehen, und seine Dienerschaft soll zum Teil schon Ende dieser Woche herkommen.«
»Wie heisst er denn?«
»Bingley.«
»Verheiratet?«
»Aber nein! Unverheiratet! Natürlich unverheiratet! Ein steinreicher Junggeselle, mit vier-oder fünftausend Pfund im Jahr! Welch ein Glück für unsere Kinder!«
»Wieso? Wieso für unsere Kinder?«
»Du bist aber auch zu langweilig, mein Lieber. Verstehst du denn nicht, dass er vielleicht eine unserer Töchter heiraten wird?«
»Kommt er deshalb hierher?«
»Deshalb? Was redest du da? Unsinn! Aber es ist doch sehr gut möglich, dass er sich in eine von ihnen verliebt; und daher musst du ihm einen Besuch machen, sobald er eingezogen ist.«
»Weshalb denn? Du kannst ja mit den Mädchen hinübergehen. Oder besser noch, du schickst sie allein; denn da du noch ebenso gut aussiehst wie jede von deinen Töchtern, würde sich Mr. Bingley vielleicht gar dich aus dem Schwarm aussuchen.«
»Ach, du Schmeichler. Gewiss, ich bin einmal recht schön gewesen, aber jetzt bilde ich mir nicht mehr ein, irgend etwas Besonderes vorzustellen. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, tut sie gut daran, alle Gedanken an ihre eigene Schönheit fallen zu lassen. Du musst aber unbedingt Mr. Bingley aufsuchen, sobald er unser Nachbar ist.«
»Ich gebe dir heute nur die Versicherung, dass ich es dir nicht versprechen kann.«
»Aber denk doch an deine Töchter! Denk doch an die gesellschaftliche Stellung, die es für eine von ihnen bedeuten mag! Sogar Sir William und Lady Lucas sind fest entschlossen, ihm nur deshalb einen Besuch zu machen; du weisst, wie wenig sie sich sonst um Neuankömmlinge kümmern. Du musst unter allen Umständen hingehen; denn wie sollen wir ihn besuchen können, wenn du es nicht zuerst tust?«
»Du bist viel zu korrekt; ich bin überzeugt, Mr. Bingley wird sich sehr freuen, euch bei sich begrüßen zu dürfen. Ich kann dir ja ein paar Zeilen mitgeben und ihm aufs herzlichste meine Einwilligung zusichern für den Fall, dass er sich eine von meinen Töchtern aussuchen und sie heiraten will. Für meine kleine Lizzy will ich dabei ein besonders gutes Wort einlegen.«
»Ich will sehr hoffen, dass du nichts dergleichen tust. Lizzy ist nicht einen Deut besser als die anderen. Im Gegenteil, ich finde sie nicht halb so hübsch wie Jane und nicht halb so reizend wie Lydia. Aber du musst sie ja immer vorziehen.«
»Du hast recht. Wirklich empfehlen könnte ich keine von ihnen«, erwiderte Mr. Bennet. »Sie sind albern und unwissend wie alle jungen Mädchen; nur Lizzy ist wenigstens etwas lebhafter als ihre Schwestern.«
»Aber hör mal, wie kannst du deine eigenen Kinder so herabsetzen! Es macht dir offenbar Spass, mich zu ärgern. Du hast eben gar kein Mitgefühl mit meinen armen Nerven!«
»Da verkennst du mich ganz und gar, meine Liebe. Ich hege die größte Achtung vor deinen Nerven. Seit zwanzig Jahren höre ich mir nun schon das mit deinen Nerven an; sie sind mir nun gute alte Bekannte geworden.«
»Ach, du ahnst nicht, wie sehr ich unter ihnen leiden muss!«
»Aber ich hoffe, du überstehst es auch dieses Mal und erlebst, dass noch viele andere junge Männer mit viertausend Pfund im Jahr sich in unserer Nachbarschaft niederlassen.«
»Und wenn zwanzig kämen, was nützt es uns, wenn du sie doch nicht besuchen willst?«
»Verlass dich auf mich, meine Liebe: wenn es erst zwanzig sind, werde ich sie nacheinander aufsuchen.«
Mr. Bennet stellte eine so eigenartige Mischung von klugem Verstand und Ironie, von Zurückhaltung und Schalkhaftigkeit dar, dass eine dreiundzwanzigjährige Erfahrung nicht genügt hatte, um seine Frau diesen Charakter verstehen zu lassen. Ihre Gedankengänge zu ergründen war einfacher: sie war eine unbedeutende Frau mit geringem Wissen und unberechenbarer Laune. War sie mit etwas unzufrieden, liebte sie es, die Nervöse zu spielen. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, ihre Töchter zu verheiraten. Besuche machen und Neuigkeiten austauschen war ihre Erholung.
Mr. Bennet gehörte zu den ersten, die Mr. Bingley auf Netherfield begrüssten. Er war von vornherein entschlossen gewesen, den neuen Nachbarn aufzusuchen, so sehr er seiner Frau auch immer wieder das Gegenteil versicherte; und so wusste sie noch am Abend nichts von seinem Besuch am Morgen.
Mr. Bennet machte seiner Familie auf folgende Weise Mitteilung von seinem Antrittsbesuch: eine Weile sah er seiner zweiten Tochter Elisabeth zu, wie sie an einem Hut arbeitete, und sagte dann plötzlich:»Hoffentlich wird er Mr. Bingley gefallen, Lizzy.«
»Leider ist es uns ja nicht möglich, Mr. Bingleys Geschmack festzustellen«, sagte seine Frau vorwurfsvoll, »da wir ihn nicht besuchen können.«
»Du vergisst aber, Mama«, sagte Elisabeth, »dass wir ihn auf einem von den Bällen treffen werden. Mrs. Long hat versprochen, ihn uns vorzustellen.«
»Mrs. Long wird sich hüten! Sie hat ja selbst zwei Nichten. Mrs. Long ist eine selbstsüchtige und falsche Person, ich habe keine gute Meinung von ihr.«
»Ganz recht, ich auch nicht«, sagte Mr. Bennet. »Ich freue mich, dass du dich nicht auf ihre Gutmütigkeit verlassen willst.«
Seine Frau würdigte ihn keiner Antwort. Aber da nichts zu sagen über ihre Kraft gegangen wäre, fing sie an, eine ihrer Töchter zu schelten:»Hör um Himmels willen mit deinem Husten auf, Kitty! Nimm doch ein wenig Rücksicht auf meine Nerven — du zerreisst sie mir ja geradezu!«
»Kitty hustet ohne jedes Taktgefühl«, meinte ihr Vater, »sie hustet in einem sehr unpassenden Augenblick.«
»Ich huste nicht zum Vergnügen«, erwiderte Kitty störrisch. »Wann ist denn dein nächster Ball, Lizzy?«
»Morgen in vierzehn Tagen.«
»Richtig«, rief ihre Mutter, »und Mrs. Long kommt erst einen Tag vorher zurück; sie kann ihn euch also gar nicht vorstellen, denn sie wird ihn selbst noch nicht kennen!«
»Dann wirst du, meine Liebe, gegen deine Freundin großmütig sein können und Mr. Bingley ihr vorstellen.«
»Ausgeschlossen, Bennet, ganz ausgeschlossen! Ich kenne ihn ja auch nicht. Warum musst du mich immer ärgern?«
»Deine Vorsicht macht dir alle Ehre. Eine vierzehntägige Bekanntschaft genügt allerdings kaum, um jemand kennenzulernen; man kann einen Menschen nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Aber wenn wir es nicht tun, dann tut es jemand anders; Mrs. Long und ihre Nichten müssen das Risiko eben auf sich nehmen. Wenn du also glaubst, es nicht verantworten zu können — Mrs. Long wird das sicherlich als einen besonderen Beweis deiner Freundschaft anerkennen —, dann will ich es übernehmen.«
Die Mädchen starrten ihren Vater an. Mrs. Bennet sagte bloß: »Unsinn, Unsinn!«
»Was willst du mit deinem ›Unsinn‹ sagen?« fragte Mr. Bennet. »Etwa, dass die Förmlichkeit des Vorstellens und das Gewicht, das man dieser Förmlichkeit beimisst, Unsinn ist? In dem einen Punkt müsste ich dann verschiedener Meinung mit dir sein. Was meinst du dazu, Mary? Du denkst doch, soviel ich weiß, tief über alles nach und liest dicke Bücher und machst dir Notizen und Auszüge.«
Mary hätte für ihr Leben gern etwas sehr Kluges gesagt, aber ihr fiel nichts Passendes ein.
»Während Mary ihre Gedanken ordnet«, fuhr ihr Vater fort, »wollen wir zu Mr. Bingley zurückkehren.«
»Ich kann den Namen nicht mehr hören!« rief seine Frau.
»Das täte mir wirklich sehr leid. Aber warum sagtest du es mir nicht eher? Hätte ich es heute morgen schon gewusst, wäre mein Besuch bei ihm bestimmt unterblieben. Zu schade —, aber nun ist es einmal geschehen, und wir werden uns seiner Bekanntschaft nicht mehr entziehen können.«
Das Erstaunen seiner Familie war so groß und so lebhaft, wie er es sich gewünscht hatte. Mrs. Bennet übertraf auch hierin die anderen, wenn auch nur um ein weniges. Nichtsdestoweniger erklärte sie, nachdem man sich wieder etwas beruhigt hatte, sie habe es sich schon die ganze Zeit gedacht.
»Das war einmal richtig nett von dir. Aber ich wusste ja, dass ich dich würde überreden können. Ich wusste ja, dass du deine Kinder viel zu lieb hast, als dass du eine solche Bekanntschaft vernachlässigt hättest. Wie ich mich freue! Und wie gut dir dein Scherz gelungen ist —, heute morgen bist du schon bei ihm gewesen, und jetzt erzählst du uns erst davon!«
»So, Kitty, jetzt kannst du husten, so viel es dir Spass macht«, mit diesen Worten verließ Mr. Bennet das Zimmer, offensichtlich ziemlich mitgenommen von dem Begeisterungsausbruch seiner Frau.
»Ihr Mädchen habt einen einzigartigen Vater«, sagte sie, als die Tür sich geschlossen hatte. »Ich weiß nicht, wie ihr ihm je seine Güte werdet danken können — ich übrigens auch nicht. In unserem Alter ist es kein Vergnügen, kann ich euch versichern, täglich neue Bekanntschaften machen zu müssen. Aber für euch tun wir eben alles. Lydia, mein Liebling, du bist zwar sehr jung, aber ich bin fest davon überzeugt, dass Mr. Bingley auf dem nächsten Ball mit dir tanzen wird.«
»Och«, sagte Lydia stolz, »ich hab’ keine Angst. Ich bin wohl die Jüngste, aber auch die Größte von uns.«
Den Rest des Abends verbrachten sie auf das angenehmste damit, zu überlegen, wann wohl Mr. Bingleys Gegenbesuch zu erwarten sei und wann sie ihn dann zum Essen laden könnten.
So sehr sich indessen Mrs. Bennet, eifrig von ihren fünf Töchtern unterstützt, darum bemühte, es war keine auch nur einigermaßen zufriedenstellende Beschreibung des neuen Nachbarn aus ihrem Mann herauszubekommen. Die Angriffe erfolgten von den verschiedensten Seiten, geradewegs als Fragen oder unter Harmlosigkeit getarnt oder wieder als scheinbar ganz fern-liegende Andeutungen, aber er ließ sich in keine Falle locken. Zuletzt mussten sie sich mit dem zufriedengeben, was Lady Lucas ihnen aus zweiter Hand berichten konnte. Sir William war entzückt gewesen. Er sei noch sehr jung, ungewöhnlich gut aussehend, außerordentlich wohlerzogen, und, als Krönung des Ganzen, er beabsichtige, an dem nächsten Ball mit einer größeren Gesellschaft teilzunehmen … Wo konnte es da noch fehlen! Zwischen gern tanzen und sich verlieben war nur noch ein kleiner, ein fast unvermeidlicher Schritt! Mr. Bingleys Herz wurde Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen und Erwartungen.
»Wenn ich es erleben darf, dass eine meiner Töchter als Herrin in Netherfield einzieht«, sagte Mrs. Bennet zu ihrem Mann, »und wenn es mir gelingen sollte, die anderen ebensogut unterzubringen, dann wird mir jeder Wunsch erfüllt sein.«
Nach einigen Tagen erwiderte Mr. Bingley Mr. Bennets Besuch und blieb mit ihm etwa zehn Minuten in der Bibliothek. Er hatte die leise Hoffnung gehabt, wenigstens einen Blick auf die jungen Damen werfen zu dürfen, von deren Schönheit er schon viel gehört hatte; aber der Vater war alles, was er zu sehen bekam. Die Damen selbst waren ein wenig mehr vom Glück begünstigt; gelang es ihnen doch, von einem Fenster im oberen Stock festzustellen, dass er einen blauen Mantel trug und ein schwarzes Pferd ritt.
Bald darauf wurde auch die Einladung zum Essen abgeschickt. Mrs. Bennet war sich schon über alle Gerichte und Gänge klar, mit denen sie hausfrauliche Ehre einzulegen gedachte; da kam seine Antwort und schob all die schönen Pläne auf unbestimmte Zeit auf. Mr. Bingley bedauerte sehr, am folgenden Tag nach London fahren und sich daher des Vergnügens berauben zu müssen, der Einladung usw. usw. Mrs. Bennet war ganz unglücklich. Sie konnte sich gar nicht denken, was das für eine Angelegenheit sein mochte, die ihn schon so bald nach seiner Ankunft in Hertfordshire nach London zurückrief. Der Gedanke, er könne vielleicht zu der Sorte junger Männer gehören, die ständig von einem Ort zum anderen flattern, anstatt sich mit einem festen Wohnsitz zu begnügen — in diesem Fall Netherfield —, wie es sich gehörte, begann sie ernstlich zu beunruhigen. Und sie schöpfte erst wieder ein wenig Mut, als Lady Lucas ihr gegenüber die Möglichkeit erwähnte, er sei doch vielleicht nur nach London gefahren, um seine große Ballgesellschaft nach Netherfield zu holen. Bald darauf verbreitete sich das aus sicheren Quellen stammende Gerücht, Mr. Bingley werde mit zwölf Damen und sieben Herren auf dem Fest erscheinen. Zwölf Damen! Die jungen Mädchen hörten diese Nachricht mit großer Besorgnis. Aber auch sie fassten wieder Mut, als die Zahl zwölf am Tage vor dem Ball auf sechs — fünf Schwestern und eine Cousine — berichtigt wurde. Die Gesellschaft, die tatsächlich den großen Festsaal betrat, war dann schließlich nicht zahlreicher als insgesamt nur fünf Personen: Mr. Bingley, seine beiden Schwestern, der Gatte der älteren und ein unbekannter junger Mann.
Mr. Bingley sah sehr gut aus und machte einen vornehmen Eindruck. Seine ganze Haltung und Art, sich zu geben, waren natürlich und von einer ungezwungenen Freundlichkeit. Die Schwestern waren mit gutem, eigenem Geschmack nach der letzten Mode gekleidet und mussten zweifellos zu den Schönheiten der Londoner Gesellschaft gezählt werden. Mr. Hurst, dem Schwager Mr. Bingleys, war die gute Familie anzusehen; mehr allerdings auch nicht. Mr. Darcy, der junge Freund, dagegen war bald mit seiner großen, schlanken Figur, seinem angenehmen Äußeren und seinem vornehmen Auftreten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des ganzen Saales. Kein Wunder, dass in weniger als fünf Minuten die verbürgte Nachricht ihren Lauf über alle Lippen nahm, Mr. Darcy verfüge über zehntausend Pfund im Jahr. Die Herren gestanden ihm sein ungewöhnlich stattliches und männliches Wesen zu, die Damen versicherten, er sehe noch besser aus als Mr. Bingley, und die Blicke von jedermann folgten ihm bewundernd den halben Abend lang; dann aber wandelte sich die anfängliche Auffassung von der Vornehmheit seines Auftretens vollständig in das Gegenteil um, woraufhin die Hochflut der Achtung, die man ihm entgegengebracht hatte, rasch abzuebben begann. Denn man konnte nicht umhin, die Feststellung zu machen, dass Mr. Darcy hochmütig war, auf die anwesende Gesellschaft herabsah und an nichts Anteil nehmen wollte. Nichts, nicht einmal sein großer Grundbesitz in Derbyshire, war ein Ausgleich für sein abweisendes und wenig freundliches Benehmen. Jedenfalls konnte er in keiner Weise mit seinem Freund Mr. Bingley verglichen werden.
Mr. Bingley hatte sich bald schon mit all den vornehmlichsten Anwesenden bekanntgemacht. Er tanzte jeden Tanz, war lebhaft und aufgeräumt, ärgerte sich nur darüber, dass das Fest so früh zu Ende sein sollte, und sprach davon, einen Ball auf Netherfield zu geben. Solche Liebenswürdigkeit bedarf keiner weiteren Lobesworte. Welch ein Gegensatz zwischen ihm und seinem Freund! Mr. Darcy tanzte nur je einmal mit Mrs. Hurst und mit Miss Bingley und lehnte es ab, irgendeiner anderen Dame vorgestellt zu werden. Den größten Teil des Abends brachte er damit zu, im Saal herumzugehen und hin und wieder mit dem einen oder der anderen von seinen Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Über seinen Charakter brauchte auch kein Wort mehr verloren zu werden. Er war der hochmütigste, unangenehmste Mensch auf der Welt, und man konnte nur hoffen, dass man ihn zum letzten Male gesehen hatte.
Seine heftigste Gegnerin war Mrs. Bennet; denn zu der allgemeinen Missstimmung kam bei ihr ein persönlicher Grund hinzu, der ihre Abneigung noch bedeutend verschärfte: Mr. Darcy hatte eine ihrer Töchter beleidigt.
Da die Herren sehr in der Minderzahl waren, hatte Elisabeth zwei Tänze auslassen müssen; und in dieser Zeit war Mr. Darcy während seines gelangweilten Rundganges für einen kurzen Augenblick ihr so nahegekommen, dass sie nicht umhin konnte, ein Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley mit anzuhören; der hatte die Tanzenden verlassen, um seinen Freund aus seiner Interesselosigkeit zu reißen.
»Los, Darcy«, sagte er, »du musst auch einmal tanzen. Es wird mir zu dumm, dich in dieser blöden Weise hier allein herumstehen zu sehen. Wenn du doch schon hier bist, ist es viel vernünftiger, du tanzt.«
»Alles andere lieber als das! Du weisst, wie sehr ich es verabscheue, mit jemand zu tanzen, den ich nicht kenne. Und in einer Gesellschaft wie dieser hier wäre es geradezu unerträglich. Deine Schwestern haben beide einen Partner, und außer ihnen gibt es auch nicht ein einziges Mädchen im ganzen Saal, mit dem sich zu zeigen nicht eine Strafe wäre.«
»Nicht für ein Königreich möcht’ ich solch ein Mäkler sein wie du!« rief Bingley aus. »Auf Ehre, ich hab’ noch nie so viele nette Mädchen auf einmal kennengelernt wie heute Abend; viele sind sogar ganz ungewöhnlich hübsch.«
»Du tanzt ja auch mit dem einzigen Mädchen, das hier wirklich gut aussieht«, erwiderte Darcy und schaute gleichzeitig zu Jane hinüber.
»Ja, sie ist das wunderbarste Geschöpf, das mir je vor Augen gekommen ist! Aber gerade hinter dir sitzt eine ihrer Schwestern, die sehr nett aussieht und wahrscheinlich auch sehr nett ist. Ich werde meine Dame bitten, dich ihr vorzustellen.«
»Welche meinst du?« Darcy drehte sich um und betrachtete Elisabeth, bis sie unter seinem Blick hochsah. Daraufhin wandte er sich wieder an seinen Freund und meinte gleichgültig: »Erträglich, aber nicht genügend, um mich zu reizen. Außerdem habe ich heute keine Lust, mich mit jungen Damen abzugeben, die von den anderen Herren sitzengelassen worden sind. Kehr du nur wieder zu deiner Tänzerin zurück und sonne dich in ihrem Lächeln; bei mir vergeudest du doch nur deine Zeit.«
Mr. Bingley folgte seinem Rat, und Darcy nahm seinen Rundgang wieder auf. Elisabeths Ansicht über ihn war nicht sehr freundlich, aber nichtsdestoweniger berichtete sie ihren Freundinnen voll Humor ihr kleines Erlebnis; denn da sie selbst von Natur lustig und heiter war, lachte sie gern, auch wenn es auf ihre eigenen Kosten ging.
Im übrigen verlief jedoch der Abend zur vollsten Zufriedenheit der ganzen Familie. Mrs. Bennet hatte die Freude gehabt, ihre älteste Tochter von dem Netherfield-Kreis akzeptiert zu sehen: Mr. Bingley hatte zweimal mit ihr getanzt, und seine Schwestern zeichneten sie durch größte Zuvorkommenheit aus. Janes Freude und Stolz hierüber waren wohl nicht geringer als die ihrer Mutter, aber sie ließ es sich nicht so sehr anmerken. Elisabeth teilte als gute Schwester Janes Freude. Mary hatte sich Miss Bingley gegenüber als das gebildetste junge Mädchen aus der ganzen Nachbarschaft rühmen gehört. Und die beiden Jüngsten, Catherine und Lydia, konnten das unwahrscheinlichste Glück für sich in Anspruch nehmen, nicht einen einzigen Tanz ausgelassen zu haben, und das war das einzige, worauf es ihnen vorläufig bei einem Ball ankam.
Sie kehrten daher alle in bester Laune nach Longbourn zurück, dem Dorf, dessen vornehmstes Haus das ihre war. Mr. Bennet war noch auf. In Gesellschaft eines guten Buches vergaß er die Zeit. Am heutigen Abend kam noch ein gut Teil Neugierde hinzu, ihn wach zu halten; er wollte doch gern wissen, wie das Fest verlaufen war, das so viele Hoffnungen erweckt hatte. Im stillen hatte er wohl erwartet, die vorgefasste Meinung seiner Frau über den neuen Nachbarn enttäuscht zu sehen; dass er sich seinerseits getäuscht hatte, darüber wurde er nicht lange im Zweifel gelassen.
»Wir haben einen herrlichen Abend verbracht.« Damit kam sie ins Zimmer. »Ein wundervoller Ball! Ich wünschte, du wärst dagewesen. Jane wurde bewundert — es ist gar nicht zu beschreiben! Alle sagten, wie gut sie aussehe; und Mr. Bingley fand sie wunderschön und hat zweimal mit ihr getanzt! Stell’ dir das bitte vor, mein Lieber! Zweimal hat er mit ihr getanzt! Und sonst hat er keine einzige zum zweitenmal aufgefordert! Zuerst forderte er Miss Lucas auf. Ich hab’ mich richtig geärgert, als er mit ihr tanzte; doch er hat sie gar nicht gemocht, na ja, weisst du, das wäre wohl auch schwer möglich gewesen. Aber schon während des ersten Tanzes schien ihm Jane aufzufallen; er erkundigte sich, wer sie sei, ließ sich vorstellen, und bat sie um den nächsten Tanz. Dann tanzte er den dritten mit Miss King und den vierten mit Maria Lucas und den fünften wieder mit Jane und den sechsten mit Lizzy und dann noch ein Boulanger-Menuett hinterher …«
»Um Gottes willen, ich will nichts mehr von Mr. Bingleys Tänzerinnen hören!« unterbrach Mr. Bennet sie ungeduldig. »Wäre er ein wenig rücksichtsvoller gegen mich gewesen, hätte er nur halb so viel getanzt. Schade, dass er sich nicht schon beim ersten Tanz den Fuß verstaucht hat.«
»Aber«, fuhr Mrs. Bennet fort, »ich bin ganz entzückt von ihm! Er sieht ungewöhnlich gut aus! Und seine Schwestern sind reizende Damen. Ihre Kleider waren das eleganteste, was ich je gesehen habe. Die Spitzen an Mrs. Hursts Kleid haben gut und gerne …«
Sie wurde wieder unterbrochen. Ihr Mann legte auf das energischste Verwahrung dagegen ein, jetzt einen Diskurs über Spitzen und Moden ertragen zu müssen. Sie sah sich daher gezwungen, das Thema in eine andere Richtung abzulenken, und berichtete mit ehrlicher Entrüstung und einigen Übertreibungen von dem unglaublichen Betragen des Mr. Darcy.
»Aber das weiß ich und das kann ich dir versichern«, schloss sie nach einiger Zeit, »Lizzy verliert nicht viel, wenn sie seinem Geschmack nicht entspricht; er ist ein ganz schrecklich unangenehmer, scheußlicher Mensch und gar nicht wert, dass man sich um ihn kümmert. Nicht zum Aushalten war es, wie hochmütig und eingebildet er hin-und herging und sich wunder wie großartig vorkam! ›Erträglich — aber nicht genügend, um ihn zu reizen —!‹ Ich wünschte, du wärst dagewesen, mein Lieber, um ihn ein wenig zurechtzustutzen, du verstehst dich so gut darauf. Ich finde den Menschen abscheulich!«
Als Jane und Elisabeth in ihrem Zimmer allein waren, vertraute die Ältere, die bis dahin kaum in die Lobpreisungen Mr. Bingleys eingestimmt hatte, ihrer Schwester an, wie sehr sie ihn bewundere. »Er ist alles, was ein junger Mann sein sollte«, sagte sie, »vernünftig und doch fröhlich und lebhaft; und sein Auftreten — ich hab’ noch nie so etwas erlebt: gleichzeitig so ungezwungen und so wohlerzogen!«
»Gut aussehen tut er auch«, erwiderte Elisabeth, »das kann einem jungen Mann ebenfalls nicht schaden. Also alles in allem, ein idealer Typ!«
»Dass er mich ein zweites Mal zum Tanzen aufforderte, das war doch sehr schmeichelhaft. Das hatte ich gar nicht erwartet!«
»Nicht? Ich ja. Das ist der große Unterschied zwischen uns: dich überrascht so etwas immer, mich nie. Was hätte selbstverständlicher sein können, als dass er dich noch einmal aufforderte? Es konnte ihm ja nicht gut entgangen sein, dass du mindestens fünfmal hübscher warst als alle anderen Mädchen im Saal. Nein, das war keine besondere Höflichkeit von ihm. Aber es stimmt, er ist wirklich sehr nett, und meinen Segen hast du. Dir haben schon ganz andere Hohlköpfe gefallen!«
»Aber Lizzy!«
»Ich weiß — du hast eine reichlich übertriebene Neigung, jedermann nett zu finden. Du entdeckst niemals einen Fehler an Menschen. Die ganze Welt ist in deinen Augen gut und schön. Ich glaube, ich habe dich noch nie über irgendwen etwas Unfreundliches sagen hören!«
»Ich möchte natürlich nicht unüberlegt und hastig urteilen; aber ich sage doch immer, was ich wirklich denke.«
»Eben, das weiß ich ja — das ist ja gerade das Wunder: so vernünftig zu sein, wie du es doch bist, und dabei so rührend blind gegenüber den Torheiten und der Dummheit deiner Mitmenschen! Gespielte Aufrichtigkeit ist eine gewöhnliche Erscheinung — man trifft sie überall. Aber Aufrichtigkeit ohne Hintergedanken oder Nebenabsichten, nur das Beste in jedem sehen und das noch verbessern, während man das Schlechte nicht beachtet, und das noch in aller Aufrichtigkeit — das kannst nur du! Seine Schwestern mochtest du also auch? Ganz so wohlerzogen wie er sind sie ja wohl nicht.«
»Das allerdings nicht, wenigstens erscheint es zunächst so. Aber die beiden sind ganz reizend, wenn man mit ihnen spricht. Miss Bingley wird auch auf Netherfield wohnen bleiben und ihrem Bruder das Haus führen. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir in ihr nicht eine sehr angenehme Nachbarin bekämen.«
Elisabeth schwieg dazu; sie war davon nicht so überzeugt wie ihre Schwester. Das Auftreten der beiden Damen aus London war nicht danach gewesen, um ihr uneingeschränktes Gefallen zu erregen; sie beobachtete schärfer und war nicht so vorschnell in ihrem Urteil, zumal sie sich nicht, wie ihre Schwester, durch ein persönliches Interesse verpflichtet fühlte. Zweifellos, die beiden waren wirkliche Damen; sehr wohl in der Lage, in bester Stimmung zu sein, solange sie sich gut unterhalten fühlten, und freundlich, sobald ihnen so zumute war, aber zweifellos ebenso hochmütig und eingebildet. Sie sahen recht gut aus, hatten eine vortreffliche Erziehung in einer der vornehmsten Schulen Londons genossen, konnten über ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund verfügen, waren gewohnt, mehr auszugeben, als ihrem Vermögen entsprach, und verkehrten in der besten Gesellschaft — kurz, sie hatten allen Grund, das Beste von sich selber und weniger gut von anderen zu denken. Außerdem gehörten sie einer angesehenen nordenglischen Familie an, eine Tatsache, die ihnen ständig mehr gegenwärtig zu sein schien als die andere Tatsache, dass das Familienvermögen aus Handelsgeschäften stammte.
Mr. Bingleys Vater, der immer den Wunsch gehegt hatte, sich einen Landbesitz zu kaufen, aber zu früh gestorben war, um sich seinen Wunsch erfüllen zu können, hinterließ seinem Sohn ein Erbe von nahezu einhunderttausend Pfund. Mr. Bingley beabsichtigte nun auszuführen, was seinem Vater versagt geblieben war; bald dachte er an diese Gegend, bald an jene. Aber da er jetzt ein schönes Haus in London besaß und dazu noch über Netherfield verfügen konnte, erschien es allen, die seine Genügsamkeit kannten, als höchst wahrscheinlich, dass er sich nun nicht weiter umsehen, sondern den Ankauf eines Landbesitzes der nächsten Generation überlassen werde.
Seine Schwestern waren nicht so genügsam und hätten es lieber gesehen, wenn ihr Bruder auf eigenem Grund und Boden säße. Das hielt aber keineswegs die jüngere davon ab, in dem nur gemieteten Netherfield dem Haushalt vorzustehen; und die ältere Schwester, Mrs. Hurst, die einen Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung und in schlechten Vermögensverhältnissen geheiratet hatte, betrachtete dieses Netherfield nach Bedarf als ihr eigenes Heim.
Mr. Bingley hatte erst zwei Jahre die Freiheit des Mündigseins genossen, als eine zufällige Empfehlung ihm Netherfield House verlockend schilderte. Er fuhr hin, sah es sich eine halbe Stunde lang drinnen und draußen an, fand Gefallen an der Lage und den Räumlichkeiten und wurde mit dem Eigentümer sehr schnell einig.
Zwischen ihm und Darcy bestand, trotz der großen charakterlichen Verschiedenheit, eine langjährige, feste Freundschaft. Darcy schätzte an Bingley sein natürliches Wesen, seine Freimütigkeit und seine Lenkbarkeit — Eigenschaften, die in keinem größeren Gegensatz zu seinen eigenen hätten stehen können, obgleich er mit seinen eigenen gar nicht unzufrieden zu sein schien. Und Bingley seinerseits fand eine starke Stütze in der Achtung, die sein Freund ihm entgegenbrachte, und vertraute fest seiner überlegenen Menschenkenntnis und Welterfahrung. Darcy war auch der Intelligentere von ihnen; nicht, dass Bingley dumm war, aber Darcy war eben der Überlegenere. Gleichzeitig hatte Darcy aber einen Zug von Hochmut, Verschlossenheit und Verwöhntheit, und sein ganzes Wesen war, wenn auch nicht gerade unhöflich, so doch nicht sehr entgegenkommend. In dieser Hinsicht lief ihm sein Freund entschieden den Rang ab. Bingley war überall gern gesehen; Darcy eckte ständig an.
Die Art, in der sie sich über den Ball in Meryton unterhielten, war für beide bezeichnend. Bingley glaubte, noch nie nettere Leute und hübschere Mädchen gesehen zu haben; alle waren äußerst freundlich und zuvorkommend gegen ihn gewesen, keine Spur von Förmlichkeit oder Steifheit, er hatte sich gleich gut Freund mit allen Anwesenden gefühlt; und was Jane betraf, er hätte sich kein engelhafteres Wesen vorstellen können. Darcy dagegen hatte nur eine große Menschenmenge gesehen, die durch wenig Schönheit und viel Uneleganz auffiel, für die er beim besten Willen kein Interesse hatte aufbringen können und von der er weder Vergnügen gehabt noch Entgegenkommen erfahren hatte … Miss Bennet — ja, er gab zu, dass sie nett aussah, nur lächelte sie zu viel. Mrs. Hurst und ihre Schwester erhoben hiergegen weiter keinen Einspruch, aber sie gestanden ihre Zuneigung und Bewunderung für Jane ein und erklärten, sie sei ein liebes Mädchen, dessen Freundschaft sie nicht ungern weiter pflegen wollten. Damit war also Miss Bennet zum »lieben Mädchen« ernannt, und Bingley fühlte sich durch diese Empfehlung berechtigt, von ihr und über sie zu denken, wie es ihm beliebte.
Nur einen kurzen Weg von Longbourn entfernt wohnte eine Familie, die zu den engeren Freunden der Bennets zählte. Sir William Lucas hatte früher ein Geschäft in Meryton geführt, das ihm zu einem annehmbaren Vermögen verholfen hatte. Eine Ansprache an den König während seiner Bürgermeisterzeit hatte ihm den Titel »Sir« eingebracht. Die Ehrung war ihm ein wenig zu Kopfe gestiegen; er fasste eine plötzliche Abneigung gegen das Geschäft und gegen sein Haus in dem kleinen Marktflecken, gab beides auf und bezog mit seiner Familie etwas außerhalb Merytons ein Landhaus, das von da an Lucas Lodge hieß. Hier konnte er zu seinem ständigen Vergnügen über seine eigene Bedeutsamkeit Betrachtungen anstellen und, ungehindert von jedweder Arbeit, sich damit beschäftigen, gegen die ganze Welt höflich zu sein. Denn wenn sein Titel ihn auch erhöht hatte, er machte ihn nicht hochfahrend; im Gegenteil, er war mehr denn je eines jeden gehorsamer Diener. Von Natur aus schon liebenswürdig, freundlich und gefällig, hatte seine Vorstellung bei Hofe ihn nur noch höflicher gemacht.
Lady Lucas war eine sehr gute Frau und nicht klug genug, um eine schlechte Nachbarin für Mrs. Bennet abzugeben. Die älteste von den Lucas-Kindern, Charlotte, eine ruhige, vernünftige junge Dame von siebenundzwanzig, war Elisabeths beste Freundin.
Es war natürlich unumgänglich notwendig, dass die Schwestern Lucas und die Schwestern Bennet den Ball gemeinsam durchsprachen. Am Morgen nach dem Fest erschienen jene in Longbourn, um zu hören und gehört zu werden.
»Du hast aber den Abend gut begonnen, Charlotte«, sagte Mrs. Bennet mit höflicher Selbstbeherrschung zu Miss Lucas. »Dich hat ja Mr. Bingley sich zuerst ausgesucht.«
»Ja, aber seine zweite Wahl schien ihm besser zu gefallen.«
»Ach so, du meinst Jane — weil er zweimal mit ihr getanzt hat; du hast recht, das machte allerdings den Eindruck, als ob er sie bevorzugte. Hm, weisst du, ich glaube, er zog sie den anderen tatsächlich vor; ja, ja, ich hörte so etwas, ich weiß nicht mehr genau was … irgend etwas von Mr. Robinson —«
»Sie meinen wahrscheinlich das Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley, das ich zufälligerweise mit anhörte; hab’ ich Ihnen noch nicht davon erzählt? Mr. Robinson fragte ihn, wie ihm unser Ball in Meryton gefalle und ob er nicht auch der Meinung sei, dass eine ungewöhnlich große Anzahl schöner Damen anwesend wäre; und dann fragte Mr. Robinson ihn noch, welche er denn am schönsten finde? Worauf er sogleich erwiderte: aber da gibt es doch gar keinen Zweifel, die älteste Schwester Bennet natürlich!«
»Was du nicht sagst! Das ist allerdings sehr deutlich.«
»Ich hab’ wenigstens etwas Nettes zu hören bekommen, Lizzy, wenn auch nur über andere«, sagte Charlotte zu ihrer Freundin. »Mr. Darcy zuzuhören lohnt sich nicht so sehr wie seinem Freund. Arme Lizzy, nur gerade noch erträglich zu sein!«
»Ich bitte dich, Charlotte, versuch nicht, Lizzy auch noch mit seiner Unhöflichkeit zu ärgern; er ist ein so scheußlicher Mensch, dass es geradezu ein Unglück wäre, ihm zu gefallen. Mrs. Long erzählte mir, er habe eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne ein einziges Mal den Mund aufzumachen.«
»Hat sie das gesagt, Mutter? Hat sie sich nicht vielleicht geirrt?« fragte Jane. »Ich sah genau, wie er zu ihr sprach.«
»Ja, da hatte sie ihn gerade gefragt, wie ihm Netherfield gefalle, und darauf musste er ja wohl oder übel etwas sagen; aber sie sagt, er sei richtig wütend gewesen, angesprochen zu werden.«
»Miss Bingley erzählte mir«, sagte Jane, »dass er nie sehr viel redet außer im engsten Freundeskreis. Dann kann er ganz ungewöhnlich sympathisch und freundlich sein.«
»Ich glaube nicht ein Wort davon, meine Liebe. Wenn er das wäre, dann hätte er mit Mrs. Long gesprochen. Ich kann mir schon denken, was los war: alle Welt weiß, dass er vor Hochmut beinahe erstickt, und er hat wahrscheinlich von irgend jemand erfahren, dass Mrs. Long sich keinen eigenen Wagen halten kann und in einer Mietskutsche zum Ball gekommen war.«
»Dass er nicht mit Mrs. Long geredet hat, stört mich nicht weiter«, meinte Charlotte, »aber ich wünschte, er hätte mit Lizzy getanzt.«
»Ein anderes Mal, Lizzy«, sagte Mrs. Bennet, »würde ich nicht mit ihm tanzen, wenn ich du wäre.«
»Ich glaube, ich kann dir ziemlich fest versprechen, überhaupt nie mit ihm zu tanzen, Mutter.«
»Sein Hochmut verletzt mich nicht einmal so sehr, wie es sonst der Fall wäre«, sagte Charlotte, »denn er hat doch eine Art Entschuldigung dafür. Man kann sich eigentlich nicht darüber wundern, dass ein so stattlicher junger Mann von so vornehmer Familie und so großem Vermögen sich selbst sehr hoch einschätzt. Ich finde, er hat gewissermaßen ein Recht zum Hochmut.«
»Ganz richtig«, erwiderte Elisabeth, »ich könnte ihm seinen Hochmut auch leicht verzeihen, wenn er nicht meinen Stolz gekränkt hätte.«
»Stolz«, sagte Mary, die auf die Tiefsinnigkeit ihrer Gedanken stolz war, »gehört zu den verbreitetsten unter allen menschlichen Schwächen, wenn ich mich nicht irre. Denn nach allem, was ich bisher gelesen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es so ist: Die menschliche Natur neigt überaus leicht dazu, diesem Übel zu verfallen, und es gibt nur wenige Menschen, die frei davon sind, aus diesem oder jenem, tatsächlichen oder eingebildeten Grunde ein Gefühl von Selbstgefälligkeit zu verspüren. Man muss auch Stolz und Eitelkeit auseinanderhalten, wenn die beiden Worte auch oft für ein und dieselbe Sache gebraucht werden: man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Der Stolz bezieht sich mehr auf unsere eigene Meinung von uns selbst, die Eitelkeit jedoch auf die Meinung, die wir gern von anderen über uns hören möchten.«
»Wenn ich so reich wäre wie Mr. Darcy«, rief der junge Lucas, der seine ältere Schwester begleitet hatte, in die achtungsvolle Stille, die nach Marys Allerweltsweisheit eingetreten war, »wenn ich so reich wäre, dann könnte ich gar nicht stolz genug sein! Ich würde Fuchsjagden reiten und jeden Abend eine Flasche Wein trinken.«
»Das wäre viel zu viel für dein Alter«, meinte Mrs. Bennet, »und wenn ich dich dabei träfe, würde ich dir die Flasche sofort wegnehmen.«
Der Junge trumpfte auf, das dürfe sie ja gar nicht; und sie bestand darauf, sie würde es doch tun, und das Hin und Her fand erst mit dem Besuch sein Ende.
Die Damen von Longbourn machten bald darauf denen von Netherfield ihre Aufwartung, und der Besuch wurde in aller Form erwidert. Janes natürliches und freundliches Wesen gewann ihr schnell die Zuneigung von Mrs. Hurst und deren Schwester Caroline. Die Mutter Bennet war ja zwar kaum zu ertragen, und zu den beiden jüngeren Mädchen auch nur höflich zu sein, lohnte sich eigentlich nicht; aber mit den beiden älteren Freundschaft zu schließen, erschien ihnen wünschenswert. Jane erwiderte diesen Wunsch voller Dankbarkeit und aus ganzem Herzen; aber Elisabeth erkannte die Anmaßung, die allen Äußerungen der Damen in Netherfield zu Grunde lag, nicht zum wenigsten Jane gegenüber, und sie konnte es nicht über sich bringen, ihr anfängliches Misstrauen fallen zu lassen; mochte ihre Freundlichkeit gegen Jane, wenn man es schon so nennen wollte, auch dadurch einen gewissen Wert annehmen, dass sie ihren Ursprung in der Bewunderung des Bruders, Mr. Bingley, hatte.
Dass eine solche Bewunderung wirklich bestand, war ganz unverkennbar, so oft sie zusammenkamen. Und für Elisabeth war es ebenso unverkennbar, dass Jane der Neigung, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte, nachzugeben begann und auf dem besten Wege war, sich gründlich zu verlieben. Der Gedanke, dass die anderen diesen Zustand nicht so bald würden entdecken können, war ihr eine große Beruhigung; denn Jane verband mit der Fähigkeit eines tiefen Gefühls eine Gleichmäßigkeit und ständige Heiterkeit, die sie vor Verdächtigungen und üblen Nachreden böser Zungen bewahrte. Sie sprach darüber mit ihrer Freundin Charlotte.
»Es mag schon nützlich sein«, meinte diese, »in solchen Fällen der Umwelt etwas vormachen zu können; aber es kann einem auch schaden, wenn man zu beherrscht ist. Wenn eine Frau dem Gegenstand ihrer Neigung ihre Gefühle ebenso geschickt verbirgt, wird sie sich leicht um die Gelegenheit bringen, diese Gefühle eines Tages ausdrücken zu dürfen; und der Trost, dass die Welt ja nichts davon erfahren hat, scheint mir sehr schwach zu sein. In fast jeder Liebe steckt ein kleiner Kern von Eitelkeit oder Dankbarkeit, und den sollte man nicht sich selbst überlassen. Wir machen alle den ersten Schritt ganz unbefangen — dass man einen Menschen einem anderen vorzieht, ist meist selbstverständlich; aber nur die wenigsten von uns haben ein Herz, das groß genug ist, um ohne Ermunterung und Nachhilfe zu lieben. In neun von zehn Fällen ist es ratsam für eine Frau, eher mehr zu zeigen, als sie fühlt. Bingley mag deine Schwester ganz ohne Zweifel; doch wenn sie ihm nicht weiterhilft, wird er vielleicht nie etwas anderes tun, als sie nur mögen.«
»Aber sie tut ja schon so viel, wie ihre Natur es ihr erlaubt. Wenn ich ihre Zuneigung entdecken kann, dann muss er schon sehr dumm sein, wenn er nicht dasselbe entdeckt.«
»Vergiss nicht, Lizzy, dass er Janes Art nicht so gut kennt wie du.«
»Wenn eine Frau einen Mann bewundert und ihre Bewunderung nicht bewusst verbirgt, dann muss er es schon selbst merken.«
»Vielleicht ja, wenn er sie oft genug zu sehen bekommt. Bingley und Jane kommen ja recht häufig zusammen, aber erstens niemals sehr lange auf einmal und dann auch nur auf großen Gesellschaften, und da kannst du nicht verlangen, dass sie jeden Augenblick nur miteinander reden. Jane sollte daher jede Viertelstunde ausnutzen, in der sie ein wenig ungestört sind. Ist sie seiner erst sicher, dann ist immer noch Zeit genug, um sich gründlich zu verlieben.«
»Der Plan ist nicht schlecht«, erwiderte Elisabeth, »aber nur für den Fall einer Heirat um jeden Preis; handelte es sich bloß darum, einen reichen Mann oder überhaupt einen Mann zu bekommen, dann würde ich wahrscheinlich auch nicht anders vorgehen. Aber so etwas steckt nicht hinter Janes Gefühlen; sie verfolgt keinen Zweck und keine Absicht. Bis jetzt weiß sie selbst wahrscheinlich nicht, wie weit ihre Neigung geht, und noch weniger hat sie über Vernunft oder Unvernunft nachgedacht. Sie kennt ihn erst seit zwei Wochen; sie hat viermal mit ihm in Meryton getanzt; sie war einmal bei ihm zu Hause und hat auf vier Abendgesellschaften mit ihm an einem Tisch gesessen. Das dürfte kaum genügen, um ihn näher kennen zu lernen.«
