19,99 €
»Joy Williams zu lesen heißt, in den Abgrund zu blicken. Sie bleibt unsere große Prophetin des Nichts.« The Atlantic Ein Fest für Joy-Williams-Fans und alle die es noch werden müssen: dreizehn neue und klassische Erzählungen von einer unnachahmlichen Stimme der Gegenwartsliteratur. Joy Williams hat längst Kultstatus: Sie erzählt von seltsamen Kindern, Betrunkenen und Außenseitern, jenen, die quer in der Welt stehen, den Einsamen, Übersehenen, dem Tod und den Tieren, denn sie sind »Gott näher als wir, doch für ihn sind sie verloren«. Die Hoffnung liegt in Trümmern, und doch flackert auf diesen Seiten immer wieder Komik auf, ein Gelächter im Dunkel, jene »spezifisch amerikanische Spielart von Witz, die aus Schmerz hervorgeht« (George Saunders). Hier ist eine Schriftstellerin, die tief ins »verwirrte und arglose Herz der Dinge« blickt. Und aus der Wildnis ihrer Prosa entkommt nichts und niemand unversehrt. »Eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas.« Jonathan Franzen »Sie wird stets in ungeahnter Weise meinen Blick auf die Welt verändern.« Hernan Diaz »Joy Williams ist die vielleicht bedeutendste Schriftstellerin dieser Zeit. Schwer zu sagen, was schockierender ist: ihre historische Unersetzlichkeit oder ihr Talent.« The New York Times Übersetzt von Julia Wolf
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Sie wird stets in ungeahnter Weise meinen Blick auf die Welt verändern.« HERNAN DIAZ
Ein Fest für Joy-Williams-Fans und alle, die es noch werden müssen: der zweite Band mit legendären und brandneuen Stories. Die Autorin hat längst Kultstatus – sie erzählt von seltsamen Kindern und Betrunkenen, jenen, die quer in der Welt stehen, den Einsamen, Übersehenen, vom Tod und den Tieren, denn sie sind »Gott näher als wir, doch für ihn sind sie verloren.«
Hier ist eine Schriftstellerin, die tief ins »verwirrte und arglose Herz der Dinge« blickt. Und aus der Wildnis ihrer Prosa entkommt nichts und niemand unversehrt.
Joy Williams
Aus dem Englischen von Julia Wolf
ANSTELLE EINES VORWORTS: HAWK. EIN BERICHT
KRAM
DER AUSFLUG
DIE FARM
NESSEL
DIE MÄDCHEN
UFER
GEFÄHRLICH
EHRENGAST
DURST
AUFS LAND
DIE ZWEITE WOCHE
CHAUNT
ARGOS
NACHWEISE
Glenn Gould tauchte seine Hände in Wachs, und danach fühlten sie sich wie neu an. Er aß nicht gerne in der Öffentlichkeit. Er war ein kultivierter Mensch. Er kannte sich mit Drogen aus. Er liebte Tiere. In seinem Testament verfügte er, dass die Hälfte seines Vermögens an die Toronto Humane Society gehen solle. Er hasste Tageslicht und leuchtende Farben. Sein Klavierhocker war fünfunddreißig Zentimeter hoch. Seine Musik wurde im Soundtrack der Verfilmung von Schlachthof 5 verwendet, einem Buch, das er nicht mochte. Als er den tödlichen Schlaganfall erlitt, wartete sein Vater einen Tag, ehe er die künstliche Beatmung abstellen ließ, weil er nicht wollte, dass Glenn am Geburtstag seiner Stiefmutter starb. Glenn Gould unterschrieb Schecks mit »Glen Gould«, weil er befürchtete, das zweite N könne ein Schnörkel zu viel sein. Er nahm erstaunliche Mengen Valium ein und trug Make-up. Einmal wurde er in Sarasota, Florida, verhaftet, weil er in Mantel, Schal und Handschuhen auf einer Parkbank saß. Er war ein Wunderkind, ein Genie. Er hatte fettige Haare. Und langweilige Träume. Wahrscheinlich glaubte er an Gott.
Mein Verstand sagte: Die ganze Zeit liest du über Glenn Gould und hörst seine Musik, aber du verstehst gar nichts von Musik. Wenn er am Leben wäre, hättet ihr euch nichts zu sagen …
Ein befreundeter Komponist tat Glenn als Performer ab.
Glenn Gould liebte die Vorstellung von der Arktis, aber er hatte große Angst vor Kälte. Er war ein Virtuose. Um ein Virtuose zu sein, muss man eine absolut furchtlose Einstellung zu allem haben, aber Glenn war geradezu ängstlich, stets von Sorgen und Phobien geplagt. Die Hunde seiner Jugend hießen Nick und Banquo. Als er ein Baby war, weinte er niemals, sondern summte. Er fand, dass die Tonart f-Moll seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringe.
Du hast keine Ahnung, was das bedeutet, sagte mein Verstand. Du verstehst eigentlich nicht, was er macht. Du weißt nicht, warum er brillant ist.
Er konnte jedes Musikstück sofort auswendig spielen. Generell mochte er keine Werke, die sich zu einem Höhepunkt steigern und dann abklingen. Die Goldberg-Variationen, für die Glenn am bekanntesten ist, wurden von Bach für Cembalo geschrieben. Bach war bei einem seiner Schüler zu Besuch, Johann Goldberg, der in den Diensten des Grafen von Keyserlingk stand, des russischen Gesandten am sächsischen Hof. Der Graf litt an Schlaflosigkeit und wünschte sich Musik, die ihm über die dunklen Stunden helfen würde. Die ersten Noten der Goldberg-Variationen sind in Glenns Grabstein eingemeißelt.
Mein Hund erhob sich von seinem Bett und trottete unter den Tisch, wo er sich eigentlich immer herumdrückte. Er legte das Kinn auf mein Knie. Eine Weile stand er bewegungslos da. Ich konnte nichts sehen außer seiner Schnauze. Ich liebte es, seine Schnauze zu küssen. Das war mein Hobby. Er war ein großer schwarzer Deutscher Schäferhund mit silbernen und braunen Flecken. Er hatte ein wunderschönes Gesicht. Er sah gefühlvoll und lieb und aufgeweckt aus. Er wurde am 17. Oktober 1988 geboren und war seit Weihnachten desselben Jahres bei uns. Er war mittlerweile fast neun Jahre alt und wog fünfundvierzig Kilo. Sein Name war Hawk. Er schien vor nichts Angst zu haben. Er sah mich immer an und wartete auf mich. Er wollte mich einfach überallhin begleiten. Er konnte witzig sein, hatte Sinn für Humor, aber meistens wirkte er stoisch, wachsam und geduldig. Immer hielt er sich in dem Zimmer auf, in dem ich war, nirgends sonst. Natürlich unternahmen wir lange Spaziergänge und reisten auch einige Male durchs Land. Fähren und Motel-Check-ins waren kein Problem für ihn. Wenn er mich nicht begleiten konnte, steckte ich ihn in eine Hundepension, einmal sogar für zwei Wochen. Ich fand, dass es ihm guttat, gelegentlich die Hundepension zu ertragen. Das Leben ist eben nicht immer schön, sagte ich zu ihm. Aber meistens. Im Laufe der Jahre hatte er eine Reihe von Halsbändern gehabt. Sein letztes war lavendelfarben. Er hatte Hundemarken mit verschiedenen Adressen und Telefonnummern darauf und einen Anhänger vom heiligen Franziskus mit den Worten Beschütze uns. Er hatte eine Spielzeugsammlung. Einen Softball und verschiedene Quietschfiguren – einen Einbrecher, eine Katze, einen Hai, einen Schneemann und einen Igel, der mal ein schnüffelndes Igelgeräusch von sich gegeben hatte, aber das hielt nicht lange vor. Seine Spielsachen lagen in einem Picknickkorb auf dem Fußboden, und wenn er glücklich war, wühlte er darin herum und suchte sich eines aus. Er bevorzugte den Schneemann. Am wenigsten mochte er ein großes grün-rotes Spielzeug, das von der Form her einem großen Knochen ähnelte, aber auf abstrakte, wenig reizvolle Weise. Hawk ist auf Hunderten Fotos zu sehen. Er war mein Baby, mein Süßer, mein hübscher Junge, mein Liebster. Einen Tag später fiel Hawk mich an, als wollte er mich umbringen.
Im Leben ist es am besten, davon auszugehen, dass die Erfahrungen, die wir machen, notwendig sind. Durch Erfahrung entwickeln wir uns weiter, nicht durch unsere Vorstellungskraft. Vorstellungskraft ist nichts. Erklärungen sind nichts. Man kann nur Erfahrungen machen und sie irgendwie beschreiben – mit einer, wie Camus es ausdrückt, scharfsichtigen Gleichgültigkeit. Zugleich sind Erfahrungen von Natur aus illusorisch. Wenn man seelischen Schmerz oder Trauer erlebt, wirkt alles, was geschieht, unwirklich. Und das ist die richtige Haltung zum Leben.
Ich liebte Hawk, und Hawk liebte mich. Das übliche Arrangement. Nur wenige Tage zuvor hatte ich zu ihm gesagt: Das ist das wahre Leben, nicht wahr, Süßer? Wir machten ein Picknick auf Nantucket. Wir saßen bei einem kleinen Lagerfeuer am Strand. Es war ein wunderschöner Sonnenuntergang. Freunde hatten meinem Mann und mir ihr Haus auf der Insel überlassen, ein altes Bauernhaus an der Polpis Road. Irgendwie war Hawk am ersten Abend draußen vergessen worden. Wenn er auf der falschen Seite einer Tür stand, kratzte er nie daran oder winselte, er starrte die Tür einfach an. Ich war tief eingeschlafen.
Ich war erschöpft. Ich war ständig erschöpft, aber ich ging nicht zum Arzt. Ich hatte keinen Hausarzt, keine Krankenversicherung. Sollte ich sehr krank werden, sterbe ich einfach, dachte ich. Hawk würde um mich trauern. Wie alle wissen, sind Hunde die besten Trauernden der Welt. Im Schlaf, in dem seltsamen Bett in dem alten Bauernhaus, sah ich eine Gestalt an der Tür. In lauter Verbände und einen schwarzen Müllsack gehüllt, wartete sie dort. Ich kam zu mir, stand ohne Zögern auf, ging zur Tür und öffnete sie, und Hawk kam herein. O es tut mir so leid, sagte ich zu ihm. Er ließ sich mit einem tiefen, wohligen Seufzer am Fußende des Bettes nieder. Sein Fell war kühl von der Nacht. Ich spürte, dass er versucht hatte, mit mir Verbindung aufzunehmen, dass er durch einen Fehler, ein Missverständnis von mir getrennt worden war, was keiner von uns beiden gewollt haben konnte. Die Übertragung war schlecht gewesen, hatte aber, ohne mich zu ängstigen, ihren Zweck erfüllt. So ein schlauer Junge!, sagte ich zu ihm. Ach ja, im Haus spukt es, erzählten unsere Freunde später. Jemand anderes sagte: Geister erscheinen doch häufig bandagiert.
Vor Hawk hatte ich einige Hunde gehabt, die vor ihrer Zeit, bei einem furchtbaren Unfall oder anderen Unglück, ums Leben gekommen waren, von einem Moment auf den anderen wurden sie mir genommen. Shadrach, Nichodemus, Angel … Nichodemus hatte noch nicht mal gelernt, das Bein zu heben. Alle waren sie gute, treue Hunde gewesen. Sie waren unschuldig. Hawk war der einzige, dem ich keinen biblischen Namen gab. Ich gab ihm einen Namen aus der Natur, der wilden Natur. Meine Eltern hatten auch immer Hunde, Deutsche Schäferhunde, und meine Mutter sagte gern: Du musst mit den Hunden reden, Joy, du musst mit ihnen sprechen. Mit ihren Hunden nahm es im Laufe der Jahre nie ein gute Ende, und mit meinen Eltern schließlich auch nicht. Mein Vater war Pastor. Ich bin Christin. Kierkegaard sagte, je näher das Verhältnis zu Gott, je mehr man sich auf ihn einlasse, desto schlimmer. Es ist, als wolle Gott sagen … Du kannst genauso gut mit den anderen auf den Jahrmarkt gehen und dich amüsieren. Lass dich nicht auf mich ein – das bringt nur Kummer. Immerhin habe ich mein eigenes Kind verlassen. Ich ließ zu, dass man es tötet. Laut Kierkegaard gründet das Christentum auf dem Bewusstsein der Sünde.
Wir waren auf Nantucket während der dies caniculares, der Hundstage des Sommers, aber es war eine herrliche Zeit. Auch wenn mit mir etwas nicht stimmte. Mein Körper hatte sich gegen mich gewandt, der Schmerz wanderte, fraß sich durch ihn hindurch. Ich hatte Kopfschmerzen, Schmerzen in Armen und Beinen und Augen, und wenn ich tief einatmete, taten mir die Rippen weh. Trotzdem ging ich mit Hawk spazieren, wir hielten an unseren Gewohnheiten fest. Ich wollte nicht darüber nachdenken, aber mein Verstand sagte: Du musst, du musst etwas tun, du kannst doch nicht einfach nichts tun … Manche Tage waren schlimmer als andere. An solchen Tagen fühlte ich mich wie gelähmt. Ich war so müde. Ich konnte nicht denken, konnte mich nicht konzentrieren. Trotzdem las ich oder hörte stundenlang Musik. Bach, Mahler, Strauss. Glenn schrieb den Metamorphosen höchste Vollendung zu. Ich hörte Thomas de Hartmann, der Gurdjieffs Musik spielte. Ich hörte Kathleen Ferrier, die Mahler, Bach, Händel und Gluck sang. Sie sang die berühmte Arie aus Glucks Oper Orfeo ed Euridice auf Englisch – »What is Life«. Wir hörten uns die Musik wieder und wieder an.
Hawk hatte eine einnehmende Art. Er hatte Ausstrahlung. Er war mir treu ergeben. Das war für alle offensichtlich. Aber ich wusste nicht, was in ihm vorging. Er war keine Tulip, kein Keeper oder Bauschan, die von ihren Autoren analysiert worden sind. Er konnte Sitz, Bleib, Platz, Geh in dein Körbchen. Er war intelligent, hatte ein gutes Gedächtnis. Und außerdem, daran glaubte ich fest, hatte er eine Seele.
Die Freunde, die uns ihr Haus auf Nantucket überlassen hatten, bestanden darauf, dass ich wegen meines Leidens einen Arzt aufsuchte. Sie vereinbarten bei ihrem Arzt in New York einen Termin für mich. Wir würden die Insel verlassen, für ein paar Tage nach Hause in Connecticut zurückkehren, Hawk dann in die Hundepension bringen und in die etwas mehr als zwei Stunden entfernte Stadt fahren.
An unseren letzten gemeinsamen Abend kann ich mich nicht erinnern.
An dem Morgen, an dem mein Mann und ich in die Stadt fahren wollten, stand ich früh auf und machte mit Hawk einen langen Spaziergang auf unseren gewohnten Wegen. Ich trug eine ärmellose weiße Leinenbluse und eine Popelinehose. Mein Kopf dröhnte, ich konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Was ist mit Lupus?, fragte mein Verstand. Oder mit rheumatoider Arthritis? Na ja, bald wissen wir mehr …Später fuhren wir zur Hundepension. Sie hieß Red Rock, und sie mochten Hawk dort, er war schon einmal dort gewesen und hatte sich immer wie ein Gentleman benommen. Auf dem Hinweg sah Hawk unglücklich, wenn auch schicksalsergeben drein. Als ich zur Anmeldung hineinging, ließ ich ihn im Auto. Ich suchte nach Fred, dem großen, lauten, liebenswürdig brummigen Fred, doch er war nicht da. Dafür eine seiner Assistentinnen, ein Mädchen namens Lynn. Lynn kannte Hawk. Er bleibt nur eine Nacht, oder?, fragte sie. Ich ging ihn holen. Ich legte ihm seine Leine an, die ziemlich schmutzige blaue, er sprang aus dem Auto, und wir gingen in die Anmeldung. Lynn hatte eine weitere Tür geöffnet, die zu einer Reihe von Zwingern mit Zementboden führte. Wir standen in dieser Tür, Hawk und ich. Also gut, sagte ich. Ich war leicht vorgebeugt. Er drehte sich um und sah mich an, richtete sich auf und stürzte sich auf mich, biss sich in meiner Brust fest. Sofort war, wie es immer heißt, überall Blut. Er riss an meiner Brust, knurrend, glaube ich, ich kann mich nicht erinnern, ob er knurrte. Ich wendete mich ab und rief seinen Namen, und er drehte sich mit mir, immer noch meine Brust im Maul. Dann ließ er los und verbiss sich in meiner linken Hand, und nach ein oder zwei Augenblicken in meiner rechten, grub, immer wieder die Position ändernd, seine Zähne hinein, um sie besser, immer noch besser zu fassen zu kriegen. Ich versuchte, mit meiner blutenden Linken sein Halsband zu verdrehen, aber gleichzeitig versuchte ich auch, mich nicht zu bewegen. Hawk!, rief ich immer wieder den Namen meines Lieblings, Hawk! Dann ließ er von meiner Hand ab und sah mich kalt an. Inzwischen war Fred herbeigerufen worden, er hatte eine Fangschlinge dabei, wie man sie bei gefährlichen Hunden einsetzt, und ich hörte ihn sagen: Jetzt hat er aufgehört. Ich floh zum Auto. Meine Bluse war blutgetränkt, Blut rann an mir hinab. Schluchzend fuhr ich nach Hause. Ich habe meinen Hund verloren, ich habe meinen Hawk verloren. Mein Verstand sagte nichts. Beinahe wäre er mir auch noch abhandengekommen, als ich weinend, mit blutenden Händen am Lenkrad, nach Hause fuhr.
Ich dachte, Hawk hätte mir die Brustwarze abgebissen. Ich dachte, wenn ich meine Bluse und den BH auszog, würde die Brustwarze herausfallen wie eine vertrocknete Hibiskusknospe, wie der Radiergummi eines Bleistifts. Aber sie war noch dran. Meine Brust war schwarz und blau, seine Zähne hatten zwei tiefe Löcher hinterlassen und einen langen geschwungenen Kratzer, das war alles. Meine linke Hand blutete stark aus drei Wunden. Meine rechte Hand war übel zugerichtet.
Zu Hause stand ich heulend unter der Dusche und gab tiefe, hässliche Laute von mir. Ich hatte meinen Hund verloren. Die Pflaster, die wir auf meine Verletzungen klebten, waren mit Comicfiguren bedruckt. Wir nahmen unsere Hausapotheke nicht sehr ernst. Aus irgendeinem Grund hatte ich sie mit Zeitungsbildern von Bob Doles Hand, die einen Stift umklammert, zutapeziert. Ich zog mir saubere Sachen an, aber das Blut sickerte um die Pflaster herum und tränkte sie bald. Ich klebte mir noch mehr Goofy- und Minnie-Pflaster drauf und zog mich wieder um. Meine Hand wickelte ich in ein Geschirrtuch. Hawks Wassernapf stand noch in der Küche, sein Spielzeug lag verstreut herum. Ich wollte immer noch in die Stadt fahren, zu meinem Arzttermin, der Arzt konnte sich dann auch gleich meine Hand ansehen. Es war nur logisch. Ich wollte einfach nur ins Auto steigen und von zu Hause wegfahren. Ich ließ meinen Mann nicht ans Steuer. Wir konnten nicht glauben, was geschehen war. Noch vermieden wir es, von einer Tragödie zu sprechen. Ich werde ihn nie wiedersehen, ich habe meinen Hund verloren, sagte ich. Lass uns jetzt nicht davon sprechen, sagte mein Mann. Als wir uns der Stadt näherten, versuchte ich, mich für den Arzt zusammenzureißen. Dann stand ich auf der Straße vor seiner Praxis in der East Eighty-Fifth Street und versuchte, mich zu sammeln. Ich sah derangiert aus, meine Kleidung war voller Flecken, ich trug hohe Turnschuhe. Einige Leute drehten sich im Vorbeigehen um und starrten mich demonstrativ an.
Es war ein fröhlicher Arzt. Er tauchte meine Hand in eine Schale mit einer tintenartigen roten antiseptischen Lösung. Er wollte über mein Leiden sprechen, über die Symptome meiner Krankheit, aber in Wirklichkeit dachte er an die Hand. Er verließ kurz das Sprechzimmer, und als er zurückkam, sagte er: Ich habe einen Termin für Sie bei einem orthopädischen Chirurgen vereinbart. Der Chirurg hatte seine Praxis in der East Seventy-Third Street. Sie müssen sich unbedingt um Ihre Hand kümmern, sagte der erste Arzt.
Der Chirurg war von der Mann’schen Sorte, wie geradewegs dem Zauberberg entsprungen, ein Arzt, den die Wissenschaft hart und kalt gemacht hat. Dennoch schien es ihm ein wenig Vergnügen zu bereiten, sich das Unbehagen des überweisenden Kollegen angesichts meiner unappetitlichen Wunden vorzustellen. Zu Gary kommen die Leute in der Regel ziemlich sauber, sagte er. Er machte Röntgenaufnahmen, schaute sie sich an und sagte: Ich bin gleich wieder da, um mit Ihnen über Ihre Hand zu sprechen. Ich saß auf der Untersuchungsliege und ließ die Füße baumeln. Einer meiner Turnschuhe war blau und der andere grün. Eine unbekümmerte kleine Marotte, die ich mir vor einiger Zeit angewöhnt hatte. Jetzt fühlte ich mich albern und schmutzig. Wahrscheinlich wirkte es etwas beschränkt. Der Arzt kam zurück und fragte, wann der Hund mich gebissen habe, und runzelte die Stirn, als ich antwortete, es sei sechs Stunden her. Er sagte: Es ist sehr ernst, Sie müssen sich heute noch an der Hand operieren lassen. Ich kann das hier nicht machen, der Eingriff muss unter absolut sterilen Bedingungen im Krankenhaus durchgeführt werden. Der Knochen könnte sich infizieren, und Knocheninfektionen sind sehr schwer zu behandeln. Ich habe ein Bett im Krankenhaus für Sie reserviert und vereinbart, dass ein Kollege übernimmt. Ich sagte: Oh, aber … Und er: Die OP muss heute noch durchgeführt werden. Das wiederholte er mit kurzen Pausen zwischen den Worten. Er wirkte streng und abweisend und, wie ich fand, pessimistisch. Viel Glück, sagte er.
Der Chirurg im Lennox Hill Hospital war ein gut aussehender junger Chinese. Er hatte eine elegante Ausdrucksweise und ein wunderbares Lächeln. Der Knochen ist an mehreren Stellen gebrochen, sagte er, und die Sehne gerissen. Da die Verletzung durch einen Hundebiss verursacht wurde, sei die Situation tatsächlich lebensbedrohlich. Ach, aber …, setzte ich an. Nein, unterbrach er mich, es ist in der Tat sehr ernst, lebensbedrohlich, das versichere ich Ihnen. Er lächelte.
Ich lag ein paar Stunden im Krankenhausbett, ehe um ein Uhr morgens die Hand operiert wurde. Der Eingriff verlief offenbar zufriedenstellend. Lange Stifte hielten alles zusammen. Sie werden einen gewissen Funktionsverlust in Ihrer Hand erleiden, aber es wird nicht allzu schlimm, sagte der Arzt und schenkte mir sein wunderbares Lächeln. Ich hatte Hawk immer auf die Nase geküsst und ihm zum Spaß die Hände ins Maul gesteckt. Die Leute im Krankenhaus wollten darüber sprechen, dass mein Hund mich gebissen hatte. Das ist doch ungewöhnlich, nicht wahr?, sagten sie, oder: Das ist aber seltsam, oder: Ich dachte, diese Rasse wäre besonders treu. Eine Krankenschwester fragte, ob ich ihn gequält hätte.
Meine Hand würde nicht mehr dieselbe sein. Sie würde nie wieder die alte Kraft erlangen und nie wieder über Hawks schwarzes Fell streicheln.
Als ich wieder zu Hause war, spülte ich Hawks Näpfe ab und räumte sie in den Schrank. Ich sammelte all seine Spielsachen ein und räumte sie ebenfalls weg. Ich hielt mich an dem Gedanken fest, dass ich all seine Sachen begraben würde. In der Zwischenzeit wartete er im Zwinger darauf, dass ich ihn abholte, wie ich es immer getan hatte. Ich nahm Schmerzmittel und ein Antibiotikum. In einer Woche würden ein weiteres Antibiotikum und ein entzündungshemmendes Medikament gegen meine Krankheit hinzukommen. Ich lag herum und spürte den Schmerz durch meinen Körper sirren. Meine Arme fühlten sich wie dünne Säcke mit losen Stöcken darin an. Wenn die Stöcke aneinanderstießen, tat es weh. Ich hörte wieder Glenn Gould und las über Glenn Gould, wie ich es zuletzt getan hatte, als Hawk bei mir gewesen war. Glenn Gould, wieder und wieder. Glenn wollte nie darüber nachdenken, was seine Hände und Finger taten, aber mit dem Alter wurde er besessen davon, ihre Bewegungen zu analysieren. Er meinte, die Kontrolle über das Klavier zu verlieren, wenn er mit ausdrucksloser Miene spielte. Durch Stirnrunzeln und Grimassenschneiden konnte er seine Hände besser kontrollieren. Mein Verstand sagte: Du wärst nicht in der Lage, jemandem, der sich nichts aus ihm macht, Glenn Gould zu erklären, oder ihn gegen Kritik zu verteidigen.
Hawk musste fünfzehn Tage unter Aufsicht bleiben, so verlangte es das Gesetz. Es war dieselbe Anzahl an Tagen, die wir so glücklich auf Nantucket verbracht hatten. Mein Mann sprach mit Fred. Du solltest auch mit Fred reden, sagte er. Als ich anrief, nahm Lynn ab. Sie sprach in einem seltsam heiteren Ton mit mir.
Sie schien dankbar zu sein, dass ich Hawk während des Angriffs festgehalten hatte. Ich war zu verwirrt, um etwas zu entgegnen. Als Sie weg waren, sagte sie, hat er sich auf die Schlinge gestürzt, aber dann hat er sich im Käfig beruhigt, nachdem wir ihm das Blut abgewaschen hatten. Er hat etwas gefressen. Manche Hunde werden zu Beißern, sagte sie, wenn sie einmal gebissen haben. Alles, was sie sagte, war falsch.
Zuletzt sagte sie: Offenbar befindet er sich in einem Konflikt. Das Wort schien sie zu beruhigen, es verlieh ihr Zuversicht. Ich verstand nichts von dem, was sie sagte. Ich wollte, dass mir jemand erklärte, warum mein geliebter Hund mich so brutal angegriffen hatte und wie ich uns beide retten konnte. Er befindet sich gerade in einem ernsthaften Konflikt, wiederholte das Mädchen. Vielleicht hatte er Trennungsangst. Nachdem wir ihm das Blut abgewaschen hatten, schien es ihm eine Weile gut zu gehen. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll.
Zu guter Letzt kam Fred ans Telefon. Es ist einfach nicht mehr derselbe Hund, sagte Fred. Ich erkenne diesen Hund nicht wieder. Als ich ihn in der Schlinge hatte, hat er die Stange attackiert und mich dabei direkt angesehen. In seinen Augen war keine Angst, da war nichts. Ich bin kein Veterinär, sagte Fred, aber ich glaube, es ist ein Hirntumor. Ich glaube, irgendetwas hat ihn gepackt oder hat bei ihm ausgesetzt, und man kann nie wissen, wann es wieder passiert.
Ich sagte: Er war ein vollkommen gesunder, glücklicher, liebevoller Hund.
Das hier ist nicht mehr Ihr Hund, entgegnete Fred.
Ich ertrug es nicht, Fred jeden Tag anzurufen. Ich rief ihn jeden zweiten Tag an. Er hat gute und schlechte Tage, sagte Fred. Manchmal kann man direkt vorm Käfig stehen, und er schaut einen nur an oder schaut nicht mal hin. Dann wieder wirft er sich gegen den Maschendraht und versucht anzugreifen. An manchen Tagen ist er ein Monster.
Ich dachte daran, wie geduldig Hawk gewesen war, wie glücklich, ich dachte an sein liebes, ernstes Gesicht. Mitunter wimmerte er im Schlaf, und seine Beine bewegten sich, als würde er im Traum schnell laufen. Was meinst du, wovon er träumt?, fragte ich dann meinen Mann. Ich rief seinen Namen: Hawk, Hawk, alles ist gut, und er öffnete ein erschrockenes Auge, sah mich und seufzte beruhigt. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er im Zwinger auf mich wartete. Ich würde ihn nicht abholen. Ich würde ihn einschläfern, eliminieren, auslöschen lassen. Mein Liebling würde ermordet werden. Ich würde meinen Liebling ermorden.
Die Tage zogen sich hin. Fred sagte: Er ist unberechenbar. Ich habe keinen Zweifel, dass er Sie angreifen könnte, wenn Sie ihm etwas befehlen, was er nicht will. Alles Mögliche könnte der Auslöser sein, er könnte sich gegen jeden wenden. Wenn Sie ausrutschen und stürzen, sich in einer hilflosen Lage befinden, könnte er Sie töten, daran habe ich keinen Zweifel. Mit diesem Hund ist nicht zu spaßen. Fred liebte Deutsche Schäferhunde und hatte selbst mehrere, die er auf Zuchtschauen vorführte. Es ist nicht mehr derselbe Hund, sagte Fred.
Ich glaubte das alles nicht wirklich. Dass Hawk nicht mehr derselbe Hund war. Und auch nicht, dass er einen Gehirntumor hatte. Hawk und mir war etwas Unaussprechliches, Unmögliches zugestoßen, das glaubte ich, eine Katastrophe. Mein Mann sagte: Du musst ihn so in Erinnerung behalten, wie er früher war. Ihr habt so schöne Dinge miteinander erlebt, es wäre doch schade, wenn du nur an das Schlechte denkst. Mein Mann sagte: Ich liebe ihn auch, ich vermisse ihn, aber ich werde nicht jedes Mal wieder davon anfangen, wenn ich an ihn denke. Du kannst so viel über ihn reden, wie du willst, und wir können uns über ihn unterhalten, aber ich werde ihn nicht mehr von mir aus erwähnen, das nimmt dich zu sehr mit.
Nimmt mich mit?, fragte ich.
Am fünfzehnten Tag würde Fred ein Schlafmittel in Hawks Futter mischen, und dann würde der Tierarzt kommen und ihm die tödliche Spritze geben. Sein Gehirn würde sterben und sein Herz folgen. Das Ganze würde zehn Sekunden dauern. So oft hatte ich bei Hawk gesessen, wenn er fraß. Er war eine Weile mit dem Futter beschäftigt, holte sich dann ein Spielzeug und lief damit durchs Zimmer, um dann weiterzufressen. Na, ist das nicht lecker, sagte ich zu ihm, während er fraß. Wie lecker ist das? O so köstlich …
Fred sagte: Es ist schwer, ich weiß. Wäre er von einem Laster überfahren worden, wäre das etwas anderes, dann würden Sie einfach um ihn trauern. Diese Art der Trauer ist schwerer zu ertragen.
Wenn ich zu Hause über ein anderes Thema sprach oder etwas aß oder noch einen Martini trank, mir die Zeit nahm, einen Martini zu mixen, anstatt einfach etwas Gin in ein Glas zu gießen, sagte mein Mann: Es scheint dir etwas besser zu gehen.
Ich klammerte mich an die Vorstellung, dass Hawk an diesen Tagen versuchte, telepathischen Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich ging an all seine Orte, denn sie waren auch meine Orte, und lauschte, aber es drang nichts durch. Ich erwartete natürlich keine Entschuldigung von ihm. Ich vergab ihm ohnehin, aber ich würde ihn ja auch ermorden lassen. Wir hatten einander geliebt und würden uns nie wiedersehen. Er kam nie in meinen Träumen zu mir. Nichts wurde mir zuteil, nicht das kleinste Zeichen.
Wir mussten zum Tierarzt, um die Vollmacht für die Einschläferung zu unterschreiben. Der Tierarzt hieß Dr. Turco. In den letzten Tagen hatte es in meinem Leben Dr. Franks und Dr. Crane und Dr. Yang gegeben, und jetzt gab es Dr. Turco. Auf dem Parkplatz stand ein junger Mann mit einem Pitbull auf der Ladefläche seines Pick-ups. Er fummelte an der Hundeleine, und ich brauchte etwas, bis ich aus unserem Auto stieg, mit der einen Hand in Gips und meiner schmerzenden, lähmenden Krankheit, meinem mysteriösen Leiden, was auch immer es war. Ich ging an dem Pitbull vorbei, er war kräftig und hechelte, ein Hund mit ganz eigenem Charme – in all seiner Hässlichkeit war er süß, weiß und rosa mit schwarzen Sprenkeln. Hallo, mein Freund, sagte ich zu dem Hund. Der junge Mann wirkte unfreundlich, er schien nicht so nett zu sein wie sein Hund. Sie folgten meinem Mann und mir ins Wartezimmer der Praxis, mit klackernden Krallen schlitterte der Hund über den gewachsten Boden.
Mein Verstand sagte: Der Tierarzt hat vielleicht eine Erklärung für das, was passiert ist, eine Antwort. Vielleicht verschaffen dir wenigstens ein paar Anekdoten etwas Ruhe. Fred hat erzählt, sagte Dr. Turco, dass Hawk ziemlich gefährlich geworden ist.
Eine Verirrung, sagte ich, ein Moment der Umnachtung. Könnte es denn ein Hirntumor sein?
Der Arzt schwieg kurz. Möglich ist es schon …, antwortete er, womit er sagen wollte, dass es nicht sehr wahrscheinlich war. Er sagte: So traurig. Mein Mitgefühl und Respekt für Ihre Entscheidung.
Es ist ungewöhnlich, nicht wahr?, fragte ich. Dass ein Hund seine Besitzerin angreift?
Ziemlich ungewöhnlich, sagte der Tierarzt. Ich habe das noch nie gehört. Entschuldigen Sie mich einen Moment.
Er verließ den Raum. Mein Gott, sagte ich zu meinem Mann, hast du das gehört! Das hat er nicht gesagt, sagte mein Mann verzweifelt. Doch! Das hat er gerade gesagt!, sagte ich. Wenn er zurückkommt, frage ich ihn noch mal, sagte mein Mann.
In meiner ganzen Berufslaufbahn habe ich noch nie persönlich von einem solchen Vorfall gehört, sagte der Tierarzt. Ich bin mir aber sicher, dass es ab und zu vorkommt. Es tut mir so leid.
Ich unterschrieb das Formular mit der linken Hand. Meine Unterschrift erschien mir völlig fremd. Darüber hatte jemand in Druckbuchstaben Hawks Namen, Rasse, Alter und Gewicht geschrieben. Als wir auf den Parkplatz zurückkehrten, kam gerade der junge Mann, den wir zuvor mit seinem Pitbull gesehen hatten, aus dem Hintereingang der Praxis und ging zu seinem Wagen zurück. In den Armen trug er einen schwarzen Müllsack, auf den er die Lippen drückte. Er legte ihn auf die Ladefläche des Pick-ups, stieg ein und saß einen Moment lang einfach nur da. Dann rieb er sich die Augen und fuhr davon.
Am sechzehnten Tag fuhr mein Mann zur Hundepension, um Hawks Unterbringung zu bezahlen und seine Leine abzuholen. Dann fuhr er zum Tierarzt und bezahlte die Einschläferung und die noch bevorstehende Einäscherung. Er brachte Hawks lavendelfarbenes Halsband mit seinen Marken und dem Heiliger-Franziskus-beschütze-uns-Anhänger nach Hause. Das ist nicht Hawks Leine, sagte ich. Ich wollte sie zusammen mit seiner Asche und seinem Spielzeug begraben, aber sein Halsband und all die Fotos, die ich von ihm hatte, behalten. Das ist seine Leine, widersprach mein Mann. Sie haben sie mit Chlor gebleicht, um das Blut abzubekommen.
Silver Trails ist ein Tierhotel, aber es gibt auch ein Krematorium und einen Friedhof mit einer geschwungenen Kachelwand, an der wetterfest beschichtete Bilder von geliebten Haustieren hängen. Die Wand sollte eigentlich eisigen Temperaturen standhalten, dem war aber offenbar nicht so, und einige der Kacheln sind gesprungen. Von allen abgebildeten Hunden heißt es, sie seien brav gewesen, und treu. Die Wand steht in einem duftenden Kiefernhain, und auf dem Weg dorthin kommt man an einer Plakette vorbei, die den Inhabern von Silver Trails sehr am Herzen liegt. hätte jesus einen kleinen hund gehabt, steht darauf, wäre dieser ihm bis zum kreuz gefolgt. Bekanntermaßen ist keine Hingabe so groß ist wie die eines Hundes. Hunde sind Meister der Liebe.
Hawk war von Red Rock zum Tierarzt gebracht worden, aber bis er nach Silver Trails kam, würde es noch einige Tage dauern. Tatsächlich kommen an den Ort mit dem Namen Silver Trails nur lebende Hunde. Tote Hunde kommen nach Trail’s End.
Ich wartete darauf, dass jemand anrief und sagte: Ab sechzehn Uhr ist Ihr Tier zur Abholung bereit, was am besagten Tag dann auch geschah. Hawk erschien mir immer noch nicht im Traum. Stattdessen träumte ich, dass ich mir Sorgen machte, weil ich meiner Mutter nichts von der Sache erzählt hatte. Ihr würde es so leidtun um Hawk. Ich muss es ihr doch erzählt haben, sagte ich mir, und habe es nur vergessen. Ich war mir nicht sicher. Wohin ich auch sah, dachte ich, dass Hawk jetzt genau da sein sollte. Er sollte hier bei mir sein. Wie seltsam das alles ist und falsch, dass er nicht da ist. Mein Verstand sagte: Er will zurückkommen, er will wieder nach Hause und bei dir sein, aber er kann nicht, weil du ihn getötet hast, du hast ihn töten lassen … Mein Körper war meine Krankheit, meine langwierige, nicht lebensbedrohliche, banale Krankheit, aber mein Verstand war wie Hiobs Frau, deren einziger Rat an ihn lautete, Gott zu verfluchen und zu sterben. Ich dachte, ich wollte sterben.
Ich war tief unglücklich, und wenn man, wie Kierkegaard sagt, tief unglücklich ist und die absolute Erbärmlichkeit des Lebens erkennt, wenn man sagen kann: Für mich hat das Leben keinen Wert, und es auch meint, dann kann man sich für das Christentum entscheiden, damit kann man anfangen. Man muss sich an einem Paradox kreuzigen lassen. Man muss die Vernunft aufgeben.
Ich hörte Kathleen Ferrier mit ihrer überirdischen Altstimme aus Orfeo ed Euridice singen.
Was ist mir das Leben ohne dich?
Was bleibt, wenn du tot bist?
Was ist das Leben, das Leben ohne dich?
Was ist das Leben ohne meinen Liebsten?
Im Orpheus-Mythos betört und tröstet der große Sänger mit seiner Musik nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch die wilden Tiere. Als seine Eurydike stirbt, singt er allen in der Oberwelt sein Leid vor, kann sie aber nicht zurückrufen und beschließt deshalb, sie unter den Toten zu suchen. Natürlich nimmt das Ganze kein gutes Ende, wenn auch auf etwas untypische Weise.
Die schöne Kathleen starb mit einundvierzig, Glenn mit einundfünfzig Jahren. Mein Verstand sagte: Du hast nicht viel aus deinem Leben gemacht. Denk nur, was diese beiden hätten erreichen können, wenn sie weitergelebt hätten. Du kannst nicht einmal dein eigenes Haustier davon abhalten, dich in Stücke zu reißen, oder wie nennt man sie jetzt, Haustiere, Gefährten …
Es gab keinen Trost. Hawk war mein Trost gewesen.
Als das Telefon klingelte und ich abnahm, sagte eine Frauenstimme: Ihr Tier ist ab sechzehn Uhr zur Abholung bereit. Als ich beim Silver Trails ankam, wurde ich zu einem Gebäude mit einem nicht gerade unauffälligen Schornstein geführt. Ich solle mit Michael sprechen, hieß es. Aber Michael war nicht da. Michael?, rief ich. In der Ferne hörte ich einen Rasenmäher und, von den Rasenmähergeräuschen übertönt, das Bellen der noch lebenden Hunde.
Ich betrat das Gebäude, in dem es zwei Räume gab, an die, offen wie eine Garage, ein noch größerer Raum anschloss. Dort stand eine kurze, tunnelähnliche Vorrichtung – der Verbrennungsofen. Ich sah zwanzig volle und verschnürte schwarze Müllsäcke, daneben lag ein einzelner schlanker, goldgelber Hund. Es war ein großer Hund, der mit abgewandtem Gesicht dalag. Er sah gesund aus und noch nicht so alt. Eines seiner Ohren war auf sanfte, traurige Weise nach hinten geklappt. Ich ging nach draußen und stand einfach nur da. Ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen. Schließlich kam der Rasenmäher näher, der Junge namens Michael saß darauf. Ich bin gekommen, um die sterblichen Überreste meines Hundes abzuholen, sagte ich. Er heißt Hawk. Der Junge ging mit mir hinein, schloss aber die Tür zum großen Raum. Er zog einen Vorhang von einer der Wände zurück, und dahinter reihten sich auf Regalen Dutzende kleiner schwarzer Papiertüten von der Sorte, die normalerweise irgendein schönes Mitbringsel aus einer Boutique enthält. An jeder Tüte klebte ein Etikett mit der Aufschrift trail’s end und dem Namen eines Hundes sowie dem Namen des Besitzers. Drinnen steckte eine blau-weiße Dose mit einem orientalisch anmutenden Motiv von schwalbenähnlichen Vögeln im Flug. Der Junge und ich suchten die Regale nach der richtigen Tüte ab. Da ist er, sagte ich. Der Junge zeigte auf eine andere Tüte. Hier gibt’s noch einen Hawk, sagte er. Er verzog das Gesicht zu einer seltsamen, halb lächelnden Grimasse. Er hatte Gras im Haar und auf seinem T-Shirt. Das ist mein Hawk, sagte ich. Da steht auch mein Name drauf. Ich deutete auf das Regal. So viele!, sagte ich. Hier sind ja so viele!
Ach, an manchen Tagen sind alle vier Regale voll, sagte der Junge.
Zu Hause saß ich auf der Veranda und schraubte mit großer Mühe den Deckel der albern verzierten Dose ab. Ich musste ein Messer benutzen. Obendrauf lag Watte, darunter ein Plastikbeutel mit gemahlenen Knochen. Hawks Asche wog mehr als die meiner Mutter oder meines Vaters. Am Ende sind wir alle allein, nicht wahr, mein Schatz, sagte ich.
Und dann, nach einer Weile, mein kleiner Traum.
