Straßenmusik - Markus Behr - E-Book

Straßenmusik E-Book

Markus Behr

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Beschreibung

Sie stehen an einer Weggabelung in ihren Leben: Jonas und Chiara sind auf einer Reise ins Ungewisse nach Amsterdam gelangt. Erst die Konfrontation miteinander zeigt ihnen einen Weg. Jonas' Band steht kurz vor dem Durchbruch. Da wird ihm von seinen Kollegen mitgeteilt, dass er künstlerisch nicht mehr zu ihnen passt und sie sich einen anderen Bassisten gesucht haben. Was also tun? Jonas setzt sich in den Zug und fährt nach Amsterdam. Dort entdeckt er eine einsame Gitarre – und nimmt sie mit. Chiara ist die Besitzerin dieser Gitarre und findet sie zufällig wieder, als Jonas darauf spielt. Immer wieder kreuzen sich nun ihre Wege, bis sie beschließen, gemeinsam Musik zu machen. Mit einigem Erfolg, denn ein Video ihres Auftritts wird zum Youtube-Hit. Und damit beginnt eine Beziehung, die über Höhen und Tiefen hin zu einer echten Freundschaft führt und vor allem beiden hilft, sich dem eigenen Leben zu stellen.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Copyright © 2023 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Frank/AdobeStock

ISBN 978-3-7117-2133-4

eISBN 978-3-7117-5485-1

Informationen über das aktuelle Programm

des Picus Verlags und Veranstaltungen unter

www.picus.at

markus behr

strassen musik

roman

picus verlag wien

Inhalt

Donnerstag, 5. September

Freitag, 6. September

Samstag, 7. September

Sonntag, 8. September

Montag, 9. September

Dienstag, 10. September

Mittwoch, 11. September

Donnerstag, 12. September

Freitag, 13. September

Samstag, 14. September

Montag, 16. September

Mittwoch, 18. September

Samstag, 21. September

Sonntag, 22. September

Donnerstag, 3. Oktober

Freitag, 4. Oktober

Samstag, 11. April

Danksagung

Der Autor

Donnerstag, 5. September

»Dankeschön!«

Kaum hat Jonas die Gitarre der Frau ins Gepäckfach gehievt, schon gibt sie ihm die Hand.

»Hi! Ich bin Chiara.«

»Ich heiße Jonas.«

Noch während er spricht, setzt sie sich hin, um in ihrer Tasche zu kramen, das Klappern der Gegenstände entspricht rhythmisch genau der Bewegung ihrer leicht zerzausten langen Locken. Vermutlich ist sie etwas jünger als er. Jetzt steckt sie sich Kopfhörer in die Ohren und blickt auf ihr Handy. Macht man das neuerdings so? Fremden Leuten im Zug die Hand geben, seinen Namen sagen und ihnen dann keinerlei Beachtung mehr schenken?

Der nächste Halt ist Rheine.

»Entschuldigung, diesen Platz hab ich reserviert«, sagt jemand zu der lockigen Frau.

»Was? Ach so. Tut mir leid.« Es klingt nicht, als ob es ihr wirklich leidtäte. Eher so, als freute sie sich, dass jemand Größeres gleich ihren Rucksack und die Gitarre für sie herunterhebt, worum sie den Mann, der den Platz reserviert hat, auch bittet und was dieser sofort tut, »Selbstverständlich, gern«, sagt er, »Gute Reise noch.« »Danke.« Wieder schaut sie aufs Handy, und schon ist sie weg.

Was will die wohl mit der Gitarre?, fragt sich Jonas.

Chiara wartet im Gang, vor ihr steht der Schaffner und kontrolliert Fahrkarten. Also stellt sie die Gitarre auf den Boden.

Mit sechzehn hat sie zum ersten Mal in einer Fußgängerzone Musik gemacht. Im Januar, bei Schnee und klirrender Kälte. Ihr Vater hat sie damals für verrückt erklärt, zu Unrecht, die Leute gaben schon allein deshalb Geld, weil sie beim Spielen fast eingeschneit wurde. Drei Kinder nötigten ihre Mamas zum Stehenbleiben, wahrscheinlich weil sie so lustig aussah unter dem Schnee, aber auch weil sie nicht nur Eternal Flame und Männer sind Schweine sang, sondern auch das Biene-Maja-Lied. Was ihr Vater nicht wusste: Sie hat das Ganze nur wegen Frau Meiring gemacht. Die wohnte nämlich in der Osnabrücker Altstadt. Frau Meiring fuhr immer mit dem Bus, sie würde genau dort, wo Chiara stand, aussteigen, bis vier Uhr nachmittags war sie in der Schule, das wusste Chiara, wahrscheinlich würde sie gegen halb fünf da sein. Leider kam sie erst um zwanzig nach fünf, da war Chiaras Thermoskanne längst leer, sie hatte manche Lieder schon zum dritten Mal gesungen – es waren nur sechs oder sieben, mehr hatte sie nicht geprobt –, sie fror sich die Finger und Zehen ab und stimmte gerade zum vierten Mal ihre Gitarre nach, ausgerechnet in diesem Moment kam der Bus. Die mittleren Türen öffneten sich wie ein Vorhang für Frau Meiring. Sofort fing Chiara an, Cornflake Girl zu spielen, sie wusste, Frau Meiring fand diese Tori Amos toll, die Gitarre war immer noch nicht perfekt gestimmt, und als Frau Meiring tatsächlich stehen blieb und mit offenem Mund ihre Tasche abstellte, da kam Chiara ins Schwitzen. Vielleicht passiert es jetzt, dachte sie, vielleicht sagt Frau Meiring »Du zitterst ja, du musst dich erst mal aufwärmen« und lädt mich in ihre Wohnung ein. Zu Hause hatte sie sich noch mehr ausgemalt: wie sie in Frau Meirings Badewanne lag und wie sie einander kurz darauf intensiv berührten, so wie der Junge und die Frau in dem Buch aus ihrem Deutschunterricht, Der Vorleser.

»Bravo!«, rief Frau Meiring am Ende des Liedes, sie klatschte, warf zwei Euro in den Korb und flüsterte: »Viel Erfolg noch!«, dann ging sie weiter. Chiara spielte noch drei Lieder und fuhr nach Hause. Immerhin lagen am Schluss zwanzig Euro im Korb. Später, in der Badewanne, gab sie sich wieder ihrem Badetraum hin. Nein, sie hatte nicht wirklich die Erfüllung dieses Traumes erwartet. Ein schönes Gespräch auf dem Sofa, vielleicht eine Berührung der Hände beim Griff nach dem nächsten Keks und sie wäre glücklich gewesen. Stattdessen war sie nun erkältet, lag am Tag darauf mit Fieber im Bett und verpasste die nächste Deutschstunde. Nachts ging das Fieber zurück, dafür kam wieder ein Juckreiz-Schub.

Der Schaffner ist weg, Chiara geht weiter und setzt sich ins Bordrestaurant.

Sie darf nicht mehr über das Ergebnis aus Graz nachgrübeln. Das geht sie im Moment nichts an, besser an Amsterdam denken. Wenn das Ergebnis kommt, dann kommt es eben, entweder ist sie drin oder nicht. Sie wird in Amsterdam auf der Straße spielen, und es werden Leute stehen bleiben. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann.

Jonas denkt an seine eigene Gitarre. Die lag heute Morgen immer noch auf dem Teppich, neben einer leeren Kaffeetasse und den Socken von gestern. Eigentlich wollte er vor der Abfahrt noch aufräumen.

Vorhin ist er zusammengezuckt, nach dem Einsteigen. Da war jemand mit Jeansjacke, ganz vorn im Abteil, er dachte, das wäre Verena. Schon seit Wochen denkt er bei Jeansjacken immer sofort an Verena. Womöglich wird er auch in Amsterdam ständig glauben, Verena zu sehen.

Verena ist bald mit dem Studium fertig, trotzdem wohnt sie noch bei ihren Eltern, darüber lässt sie nicht mit sich reden. Ihr letztes Gespräch ist jetzt drei Wochen her. Jonas hatte sich einen Mittwochabend dafür ausgesucht, mittwochs sind ihre Eltern immer bei einem Tangokurs. Er kam um acht Uhr an und wusste, ihm standen genau zwei Stunden zur Verfügung, um kurz nach zehn würden die Eltern wieder da sein. Wie erwartet zog Verena ihn gleich zu Beginn vor den Fernseher.

»Könntest du den Fernseher ausmachen?«

»Wieso?«

»Ich muss mal mit dir reden.«

Sie schaltete den Ton aus, ließ den Fernseher aber weiterlaufen. Man sah eine Herde von Zebras. Jonas wusste, er würde gleich der Böse sein. Die Geschehnisse der letzten Wochen setzten ihn ins Unrecht. Für sie musste es aussehen, als wäre sie ihm nicht mehr gut genug, jetzt, wo Wunderwerk endlich den Vertrag bei Universal Music Deutschland hatten. Zumal Kasimir, ihr Gitarrist und Sänger, seine Freundin bereits zwei Wochen vorher durch eine deutlich hübschere ausgetauscht hatte, kurz nach dem Auftritt beim Festival im Park. Kasimir hatte ihnen mindestens dreimal erklärt, seine alte Beziehung sei »sowieso schon lange tot« gewesen.

»So. Worüber willst du jetzt reden?«

Sie hatte eine Chipstüte geöffnet und griff hinein.

»Ich wollte mal mit dir reden. Über so ein paar Sachen.«

»Dann red mal.« Wieder griff sie nach den Chips, obwohl sie noch kaute. Die Öffnung der Tüte glich einem großen Fischmaul.

»Ich meine vor allem Sachen, die uns beide betreffen.«

»Ja. Hab ich mir schon gedacht.«

»Was hast du dir gedacht?«

Sie kaute wieder eine Weile, dann sagte sie: »Dass du über uns beide reden willst. Über unsere Beziehung.«

»Warum, findest du auch –«

»Das hab ich nicht gesagt.«

»Na, jedenfalls find ich«, sagte er, »wir haben schon lange nicht mehr so richtig miteinander geredet.«

»Das stimmt doch nicht. Wir reden jeden Tag miteinander.« Sie schüttelte den Kopf, wie jemand, der sich wehrt.

»Aber nicht mehr so wie früher. Vielleicht fällt dir das nicht auf.« Dass er das Gefühl habe, es stimme etwas nicht mehr, sagte Jonas, und dass irgendwas erstarrt sei, leider ging beim Wort »erstarrt« das Stottern wieder los, das »s« wurde zum langen »schschsch«, dann prallte es gegen das »t« wie ein Spechtschnabel gegen Holz, »t-t-t-t«, Verena lächelte mit einem Mal, so wie früher, wenn es unvermittelt über ihn gekommen war, sie wusste ja, er hatte als Kind gestottert, inzwischen passierte es nur noch selten, zum Beispiel, wenn er ihretwegen nervös wurde, was ihr meistens gefiel, nun aber, nach fünf weiteren »t«, schien sie in Apathie zu versinken, Jonas brachte doch noch das Wort »erstarrt« heraus und sprach weiter: dass er den Eindruck habe, auch sie fühle sich nicht mehr richtig wohl bei ihm, jedenfalls nicht mehr so wie früher. »Das ist jetzt kein Vorwurf. Aber das ist für mich irgendwie auch b-b«, bei »blöd« stotterte er aufs Neue, weil es ihn irritierte, weiterhin keine Regung in Verenas Gesicht zu sehen, er hatte eigentlich mit einem Wutausbruch gerechnet, aber nichts passierte, sie nickte nur noch, als wollte sie sagen, dass sie schon Bescheid wusste. Er holte Luft. »Das ist echt kein Vorwurf«, wiederholte er. »Na, jedenfalls glaub ich, es ist das Beste, wir sehen uns erst mal länger nicht.«

Sie saßen eine Weile still da, dann füllten Verenas Augen sich mit Tränen, zumindest nahm er einen Glanz auf ihren Pupillen wahr. Schließlich griff sie nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und guckte auf den schwarzen Bildschirm, so als hätte sie gerade begonnen fernzusehen. Sie sah nacheinander die Fernbedienung, die Bettdecke, auf der sie saß, und das Kissen neben sich an.

»Du meinst, wir reden zu wenig, und deshalb reden wir am besten gar nicht mehr«, sagte sie. »Alles klar. Klingt voll logisch.«

»Na, jedenfalls find ich, so wie jetzt, so geht das nicht weiter. Und deshalb, ach, ich weiß auch nicht.«

Sie begann, in der Zeitschrift auf ihrem Bett zu blättern.

»Möchtest du lieber, dass ich gehe?«

»Wie du willst.«

Sie blätterte weiter. Und schien irgendwas zu lesen. Und blätterte wieder weiter.

»Wann fangt ihr jetzt mit euren Aufnahmen an? In dem Studio?«

»Nächste Woche.«

»Und? Freust du dich?«

War das ein Vorwurf? Nein. Es war eine Frage, wie man sie auch Bekannten stellte, in der Mensa oder so.

»Ich geh dann jetzt am besten.«

Sie ließ das Heft sinken. »Ja. Ist wohl wirklich besser.«

Was las sie da eigentlich? Es war eine Zeitschrift ohne Bilder. Sie klappte das Heft so zu, dass man nur die Rückseite sah.

»Ich bring dich runter.«

Im Flur umarmte sie ihn, nicht fest, aber doch für mehrere Sekunden, beim Öffnen der Tür sah sie kurz in sein Gesicht, wieder glänzte etwas auf ihrer Pupille. Bevor sie die Tür schloss, berührte sie mit dem Finger ihr linkes Augenlid. »Ich melde mich so in –«, sagte er, aber die Tür war geschlossen, bevor er ausreden konnte.

Es war kurz nach neun. Wenigstens musste er nicht befürchten, auf dem Weg zur Haltestelle ihre Eltern zu treffen.

Jonas guckt auf die Uhr. Bald beginnt der erste Wunderwerk-Auftritt ohne ihn am Bass. Es wäre schön, jetzt einzunicken und erst kurz vor Amsterdam wieder wach zu werden.

Chiara sitzt im Bordrestaurant und schaut wieder aufs Handy. Sie hat gestern ein neues Lied aufgenommen, das will sie sich noch mal anhören, vor allem die Stelle beim Refrain, wenn sie »Und das Wasser sinkt nach innen« singt, dazu spielt sie d-Moll, gefolgt von C-Dur und D-Dur, das ist ein cooler Stimmungswechsel, bei dem sie »Aber ich kann neu beginnen« singt. Zuerst findet man die eigene Stimme beim Anhören immer seltsam, das wird zum Glück aber schnell besser, der harte, rhythmische Anschlag der Saiten bei C-Dur groovt total, das findet sie auch jetzt noch, ihr Körper zuckt wieder. Vielleicht sollte sie den Song Judith Holofernes schicken. Chiara und ihre Mutter waren früher große Wir-sind-Helden-Fans. Judith Holofernes hat bestimmt nicht mehr so viel zu tun, die freut sich, die ist nett und wird antworten.

Am anderen Fenster sitzt eine blasse Frau mit Lippenstift gegenüber einem Mann mit Krawatte. Beide essen Suppe. Gehören die zusammen? Auch Frau Meiring trug in der Schule manchmal einen hellen Lippenstift, dadurch glänzte ihr Gesicht noch mehr, wenn sie vorne an der Tafel stand, eine längere Haarsträhne hinters Ohr strich und leise »So, jetzt alle mal herhören« sagte. Chiara sieht sich um, langsam könnte die Bedienung kommen. Frau Meiring war damals, als Chiara in die sechste Klasse kam, ganz neu an der Schule, sofort mochte Chiara die wippenden Haarspitzen und das helle Lachen, was sie allerdings nicht davon abhielt, am Anfang der ersten Deutschstunde den Turnschuh von Deborah Bollmann mit einem Edding zu bemalen. »Das ist jetzt eigentlich nicht die Kunststunde«, meinte Frau Meiring dazu und lachte noch schöner als vorher, aber nur bis Chiara den Turnschuh quer durch die Klasse auf Deborahs Pult warf. »Mach so was noch einmal und du lernst mich ganz anders kennen«, zischte Frau Meiring, Chiara erstarrte, Frau Meiring hob das Kinn und zeigte ihre Zähne, ihr Lippenstift glänzte bedrohlich, dadurch sah sie noch toller aus als vorher, Chiara kam sich mit einem Mal hässlich vor und meldete sich dann in der Stunde andauernd. Frau Meiring nahm sie auch ein paarmal dran und Chiara fühlte sich wieder etwas schöner.

Am liebsten würde sie ihr Notizbuch herausholen und versuchen, die Frau da drüben zu zeichnen. Aber das wäre zu auffällig, sie starrt ja sowieso schon die ganze Zeit rüber. Ihr fällt wieder dieser Typ ein, der eben im Abteil ihre Sachen in die Ablage gehoben hat. Als sie ihm die Hand gab und »Hi! Ich bin Chiara« sagte, da ist er richtig zusammengezuckt, als wäre es eine Gefahr, ihr seinen Namen zu verraten, erst dann hat er gelächelt. Manche Leute machen sich das Leben echt zu schwer.

Jonas hat die letzte halbe Stunde vergeblich versucht, im Reiseführer zu lesen. Um drei spielen Wunderwerk beim Grooving September in Hamburg. Theoretisch könnte er sich das auf seinem Handy angucken. Stattdessen wollte er sich eigentlich ins Lesen versenken und den Auftritt verpassen. Natürlich klappt das nicht.

Zwei Tage nach dem Gespräch mit Verena war die letzte Probe mit Wunderwerk. Schon gleich zu Anfang fühlte sich der E-Bass schwerer an als sonst. Irgendwie machte es mehr Spaß, als man hinterher noch zu Verena gehen konnte, dachte Jonas beim Stimmen der Saiten.

»Einen Moment«, sagte Kasimir, »wir wollen eigentlich noch gar nicht mit dem Spielen anfangen.« Wie es denn erst mal mit ’nem Bier wäre, fragte er, dabei griff er in die Bierkiste und holte sein Feuerzeug raus, wie immer fiel ihm beim Öffnen der Flaschen eine Haarsträhne ins Gesicht. Eigentlich Quatsch, dass ich immer noch den Bass umhängen habe, dachte Jonas, während er sich auf den Teppich hockte. Aber er fühlte sich wohler mit dem Instrument vor seinem Körper. Vielleicht weil die beiden anderen so wenig redeten. André, der Schlagzeuger, klopfte mit einem der Sticks auf seinem Knie herum.

»Wir wollten erst mal über die Situation insgesamt reden«, erklärte Kasimir. André nickte und trommelte weiter auf sein Knie.

»Über die Aufnahme?«, fragte Jonas.

»Nee, noch was anderes. Wir wollten dir halt sagen, es hat sich jetzt noch was Neues ergeben. André und ich haben quasi ’ne neue Formation, mit Malte Schuster zusammen. Ich weiß nicht, kennst du den eigentlich?«

»Nein«, sagte Jonas.

»Na, auf jeden Fall spielt der auch Bass. Und zwar ähnlich geil wie du. Und mit dem haben wir jetzt son paarmal zusammen gespielt, und das würden wir echt gern weitermachen mit dem.«

Jonas sagte nichts.

»Weil, André und ich finden nämlich auch –« Kasimir sah André an, der noch immer mit seinem Drumstick hantierte – »Wir finden«, fuhr Kasimir fort, »es is grad alles sone Art zweischneidiges Schwert, einerseits geht’s gar nicht geiler, jetzt mit dem Album bei Universal und so, aber irgendwie haben wir auch gemerkt, dass die Bandchemie son bisschen, wie soll ich sagen, auf der Stelle tritt.«

Er schien auf eine Reaktion von Jonas zu warten, redete dann, als Jonas nichts antwortete, aber weiter.

»Also, nur zum Beispiel, bei dir, Jonas« – Kasimir schwenkte seine Bierflasche in Jonas’ Richtung, als wollte er ihm zuprosten – »da haben wir das Gefühl – aber das soll jetzt echt kein Vorwurf sein –, wir finden, da war schon mal mehr Groove, nicht nur beim Spielen, sondern insgesamt. Beim Abhängen, beim Spielen, du warst da früher, wie sagt man, präsenter. Du bist ja auch ständig mit deinem Bass-Synthesizer beschäftigt, das bremst total.«

»Oder auf der Bühne«, sagte André, »du stehst manchmal echt ungünstig, direkt vorm Schlagzeug oder so, und merkst das dann gar nicht. Da haben sogar schon manche bei Twitter drüber gelästert.«

»Stimmt«, rief Kasimir, »aber wie gesagt, das ist kein Vorwurf –«

»Kann ja sein«, unterbrach Jonas, »ich hatte auch Stress mit Verena in letzter Zeit, das hat man wahrscheinlich gemerkt, aber das ist vor–«, er wollte »vorbei« sagen, aber beim »b« ging das Stottern wieder los, sofort kam ihm das wie eine gerechte Strafe für den Verrat an Verena vor, Kasimir und André nickten, als könnte das sein Stottern beenden, und Jonas verstummte.

»Na jedenfalls, dieses neue Projekt mit dem Malte«, sagte André und fing wieder mit dem Kniegetrommel an, »das würden Kasimir und ich echt gern weitermachen, quasi als neue Band.«

»Na ja, was heißt neue Band«, sagte Kasimir, »natürlich weiter mit dem Namen Wunderwerk, wir haben ja immer noch den Vertrag bei Universal. Willst du eigentlich noch ’n Bier?«

Tatsächlich hatte Jonas bereits seine Flasche leer getrunken. Und schon reichte ihm Kasimir eine zweite, während er sagte, bei anderen Bands, da laufe das sowieso anders. »Damals bei The Cure, da lief das total krass, da haben die Bandmitglieder immer durch ’nen Anruf vom Management erfahren, dass Robert Smith sie gefeuert hat.«

»Das heißt natürlich nicht, dass wir dich jetzt –«, sagte André.

»Ach was, gefeuert, das ist ja Quatsch, darum geht’s ja gar nicht«, rief Kasimir. »Egal, André und ich haben uns jetzt für das neue Projekt entschieden, und damit leider auch gegen das alte, geht halt nicht anders. Das wissen auch die von Universal schon, aber das wollten wir dir nicht so Robert-Smith-mäßig sagen, und auch nicht per WhatsApp oder so, sondern persönlich. Jetzt sag doch auch mal was.«

Jonas blieb stumm und trank.

»Nee, im Ernst«, sagte Kasimir, »das is uns – also da kann ich auch für André sprechen, denk ich – das is uns schon wichtig zu hören, wie du dazu stehst. Ob das für dich richtig scheiße ist oder doch halbwegs okay.« Er öffnete sich selbst ein neues Bier. »Dass es nicht geil is, weiß ich natürlich auch.«

Und nun merkte Jonas, wie seine Augen sich mit Tränen füllten. Schnell führte er die Flasche wieder zum Mund, ihm stand Verena vor Augen, er hätte gern so wie sie im Schneidersitz auf einem weichen Bett gehockt, nicht auf diesem Teppich, er hätte auch gern auf einen schwarzen Bildschirm gestarrt, stattdessen musste er, nach längerem Trinken, die Flasche wieder absetzen und feststellen, dass bereits eine Träne seine Wange hinunterlief, sofort hielt er das Bier gegen die Wange, zum Glück war es gut gekühlt, er musste sich auf diese Kälte konzentrieren.

»Was soll ich sagen«, flüsterte er, »dann ist es eben so.«

Ich steh also auf der Bühne im Weg rum, dachte er auf dem Weg zur Haltestelle. Solche Bemerkungen kamen manchmal auch von Verena. Kürzlich hatte sie ihn abrupt von der Straße gezogen und »Spinnst du?« gekeift, angeblich hätte ein Bus ihn sonst angefahren, worauf Jonas meinte, er hätte den Bus bestimmt noch rechtzeitig gesehen, auch Verena sei oft mit den Gedanken woanders, vor allem wenn er ihr von den Bandproben erzählte und überhaupt von seiner Musik, darauf antwortete sie nichts, sie senkte nur kurz den Blick und presste die Lippen aufeinander.

Jonas ärgerte sich. Wieso hatte er denen, während sie ihn aus der Band warfen, das mit Verena erzählt, es kam ihm vor, als hätte er sie vor einen Bus gestoßen. »Ich trenn mich sogar von meiner Freundin, damit ihr weiter mit mir spielt!« Wie konnte man so tief sinken.

Ihm fällt ein: Wenn er von der Reise zurückkommt, wird er in seinem Zimmer wieder die Gitarre, die leere Tasse und die Socken auf dem Teppich sehen. Die Sachen bleiben einfach dort liegen und üben sich in Geduld. Genau wie die Uni-Ordner, die lagern weiter im Schrank. Und sie beschweren sich nicht, darüber muss Jonas auf einmal grinsen.

Chiara wird in einem Hostel übernachten. Das Geld hat sie von ihrer Mutter. Natürlich brachte das bissige Kommentare ihrer Schwester Hanna mit sich: »Ach so. Mama bezahlt dafür. Ist ja schön.«

Zuvor hatte Chiara es abgelehnt, bei Hannas Freundin Nadine zu übernachten. Die studiert neuerdings in Amsterdam Jura. Der Vorschlag von Nadine war nett, überhaupt scheint diese Nadine nett zu sein. Aber Chiara sagte Nein. Ihre Schwester wirkte nicht gerade begeistert, als sie von dem Angebot erzählte. Beinahe mürrisch war sie, so ist das immer, wenn sich zwischen Hannas Freundinnen und Chiara ein Kontakt anbahnt.

»Weißt du, ich möchte die Nadine echt nicht stressen«, hat Chiara geantwortet.

Sie will in Amsterdam niemandem mitteilen müssen, wann sie kommt und geht. Schon gar nicht jemandem, der diese Informationen direkt an Hanna weitergibt.

Sie nimmt die Kopfhörer wieder aus den Ohren. Sie will jetzt keine Musik, sie möchte lieber die Frau mit dem blassen Lippenstift sprechen hören. Die Frau isst immer noch Suppe, gemeinsam mit dem Mann im Anzug, der ihr gegenübersitzt. Wobei die Suppe den Lippenstift kein bisschen zu verwischen scheint.

»Ich hab Nadine erzählt, dass du nach Amsterdam fährst«, meinte Hanna, als es um den Vorschlag mit der Unterkunft ging. »Die Nadine ist eine Freundin, die ich sehr schätze. Jemand, auf den ich mich verlassen kann.«

Ein typischer Hanna-Satz war das. Als würde Chiara sich sonst nur mit Heroindealern und Mördern herumtreiben. Und dann noch so ein Spruch: »Ich glaub, das kann funktionieren. Dass du bei Nadine wohnst.« Anscheinend war Nadine so etwas wie chinesisches Porzellan. Und Chiara der Elefant im Porzellanladen. Dabei hat Chiara Nadine letztes Jahr selbst kennengelernt, Nadine lacht viel, mit niedlichen Grübchen in den Wangen, wodurch auch Hanna viel mehr lachte als sonst, das Gespräch zu dritt wurde sogar noch richtig nett, Hanna erzählte, wie sie früher im Dunkeln mit Taschenlampen gespielt hatten, Schattenspiele oder Lichtkegel-Fangen, und zwar am helllichten Tag, das Spiel war im Grunde nur ein vorgeschobener Grund, um schon mittags die Rollläden komplett herunterzulassen.

»Ich hab inzwischen auch ’ne Theorie, warum man das als Kind so toll findet«, hatte Chiara gesagt, »Weil es einem vorkommt, als könnte man mit den Rollläden die Zeit aushebeln. Wenn man mitten am Tag auf einmal alles dunkel macht. Man entscheidet dann selber, wann Tag und Nacht ist.«

»Aber irgendwann kam Papa und hat geschimpft«, meinte Hanna. »Wir sollten nicht bei Sonnenschein im Dunkeln hausen. Und nicht die Batterien verschwenden.«

»Als hätten wir die Taschenlampen für irgendwas anderes brauchen können.« Auf einmal war Chiara glücklich, sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihre Schwester das alles noch so genau wusste. Trotzdem musste sie sich hinterher anzicken lassen. »Du könntest echt mal den Kaugummi rausnehmen, wenn du mit meiner besten Freundin sprichst. Und zwischendurch dein Deo benutzen.«

Die blasse Frau mit dem Lippenstift und ihr Begleiter, der inzwischen seine Suppe aufgegessen hat, reden jetzt über Bilder von Rembrandt. Es wäre schön, mehr Ahnung von Kunst zu haben, denkt Chiara. Endlich kommt die Bedienung, sie bestellt einen Tee.

Jonas’ Smartphone vibriert, es ruft ihn jemand an, auf dem Display steht Kasimir. Er verlässt das Abteil, erst dann drückt er auf »Annehmen«.

»Hallo?« Er steht jetzt im Gang vor der Toilette.

»Hi, ich bin’s, Kasi. Wir sind grade in Hamburg, beim Grooving September. Um drei spielen wir.«

»Ist ja cool.« Vor der verschlossenen Toilettentür steht ein Mann im Anzug, der auf seinem Handy Pflanzen gegen Zombies spielt. Die Zombies grunzen leise.

»Und da wollten wir uns vorher auf jeden Fall noch mal bei dir melden«, sagt Kasimir. »Ist heute unser erster Auftritt mit Malte. Aber du weißt ja, du gehörst immer noch zur Community, ist ja klar. Was machst du denn grade?«

»Ich bin im Zug.«

»Pass auf, wir haben nicht viel Zeit«, sagt Kasimir, »in ’ner Stunde kommt sone Frau vom NDR, die interviewt uns. Und da wollten wir auch was von dir erzählen, wie gesagt, du gehörst doch weiter zur Bandfamilie.«

»Ist ja schön.«

»Na klar, du stehst ja sogar noch als Bassist auf unserer Homepage, und bei Facebook und Instagram. Wobei genau das son kleines Problem aufwirft.«

»Inwiefern?«

Der Mann mit dem Handy atmet tief aus.

»Na ja, die Tante vom NDR hat sich bestimmt online die Besetzung angeguckt, die fragt uns dann gleich, warum wir ’nen neuen Bassisten haben. Und die Zuschauer fragen sich so was ja auch«, sagt Kasimir. »Darum würden wir dazu gern was online stellen, am besten noch vor dem Interview.«

Der Handy-Spieler gibt ein leises Stöhnen von sich. Auf seinem Display erscheinen gerade mehr Zombies, als er abschießen kann.

»Und wir fänden’s echt schön, wenn wir sone Art Abschiedsstatement von dir hätten, das wirkt einfach besser. Und für dich ist das doch auch ’n cooler, würdiger Abschied. Wir posten das nachher zusammen mit dem Foto von der letzten Probe.«

»Das heißt, ich soll jetzt … Soll ich was schreiben?«

»Nein nein, musst du nicht. André hat den Text schon geschrieben, wir wollten dir keine Arbeit machen.«

Jonas sagt nichts.

»Ich reich dich mal an André weiter.«

Nach ein paar Sekunden meldet sich André.

»Hi Jonas! Also bisher geht der Text so: Eine Nachricht von Jonas. Hey Wunderwerk-Follower! Es fällt mir echt schwer, doch ich hab mich entschieden, den Wunderwerk-Bass an den Nagel zu hängen.«

Dem Mann mit dem Handy gelingt es jetzt, mehrere Zombies hintereinander abzuschießen. Das Grunzen der Zombies klingt beklagenswert.

»Ist natürlich schade, denn die letzten Jahre mit der Band waren der absolute Kracher«, liest André weiter. »Allerdings hab ich gemerkt, dass für mich im Moment andere Sachen noch wichtiger sind. Und ich will den Jungs entweder hundertprozentig den Groove geben, den sie verdienen, oder lieber den Stab weiterreichen. Ich freu mich, dass ein so geiler Bassist wie Malte Schuster jetzt meinen Platz einnimmt. Ahoi Wunderwerk! Es war ’ne Megazeit mit euch, und Wunderwerk sind und bleiben ein Feuerwerk, das weiter wunderbar erstrahlen wird. Darauf verwette ich meinen Arsch. Bleibt so cool, wie ihr seid. Euer Jonas.«

Die Toilettentür öffnet sich, eine ältere Frau kommt heraus. Jonas geht zur Seite, der Mann mit dem Handy verschwindet in der Toilette. »Ist doch okay, oder?«, hört Jonas André sagen. »Wenn du willst, kann ich auch noch was ändern.«

Jonas sagt weiterhin nichts.

»Na, ich geb dir mal wieder Kasi. Mach’s gut, Jonas.«

»Wie sieht’s aus?«, fragt Kasimir. »Ich find, André hat das richtig gut geschrieben, der Text sagt genau das aus, was wir bei der letzten Probe besprochen haben, mit der Unkonzentriertheit von dir und den hundert Prozent, die nicht mehr komplett da waren, weißt du? Das ist ja auch voll legitim, dass du dich jetzt mehr auf andere Sachen fokussierst.«

Jonas bleibt stumm.

»Wie gesagt, du gehörst weiter zu unserer Community. Das bringt ja auch der Text rüber.«

»Ihr könnt machen, was ihr wollt«, sagt Jonas.

»Wenn wir was ändern sollen, musst du’s nur sagen.«

»Ihr könnt online stellen, was ihr wollt.«

»Das heißt, du bist einverstanden?«

Jonas schweigt aufs Neue.

»Pass auf, wir müssen echt noch viel vorbereiten. Wir spielen um drei, man kann’s sich auch online angucken. Wir sehen uns ja bestimmt bald wieder, oder? Ciao, Jonas.«

Jonas wendet sich wieder der Tür ins Abteil zu. Noch anderthalb Stunden bis zu dem Auftritt, bei dem er nicht mitspielen wird. Am besten packt er seine Armbanduhr weg. Aber bestimmt wird es schwer, nicht aufs Handy zu gucken.

Wieder sieht Chiara zu der Frau hinüber. Ihr glänzender Mund bewegt sich, ohne in die Breite zu gehen oder sich weit zu öffnen, außerdem schiebt sie manchmal den Unterkiefer nach vorn. So ähnlich hat das auch Frau Meiring gemacht.

Erst in der zehnten Klasse hatte sie wieder Frau Meiring in Deutsch. Da ging es um den Vorleser, auch diesmal benahm Chiara sich gleich in der ersten Stunde schlecht. Max, der sie als Sängerin für seine Doom-Metal-Band haben wollte, spielte ihr auf seinem iPhone eine Probenraumaufnahme vor, bis Chiara laut »Waaas? Das soll ich singen?!« rief, und noch während ihr der Kopfhörer aus dem Ohr fiel, traf sie die kalte Stimme von Frau Meiring: »Chiara, wenn du singen oder quatschen willst, mach das bitte woanders.« Chiara hört jetzt noch die darauf folgende Stille im Raum, sie hat sich genauso gefühlt wie beim ersten Mal, in der sechsten Klasse, aber diesmal wich ihre Scham beim Blick auf Frau Meirings offenen Mund mit dem vorgeschobenen Unterkiefer schon bald einem Prickeln auf der Haut. Und dann fühlte sie dieses Prickeln auch auf den Brustwarzen und sie dachte: Ihr Mund sieht aus wie vor einem Kuss.

Chiara schaut wieder die Frau am Tisch drüben an und spielt ein Spiel, das sie in letzter Zeit öfter spielt. Würde die Geld in meinen Korb tun?

Sie holt tief Luft und fragt: »Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Zucker?«

»Wie bitte?«

»Ich hätte gern Zucker für meinen Tee.«

Die Frau durchsucht ihre Handtasche – warum sollte sie auch Zucker vor sich haben, sie trinkt Wasser –, lang und gewissenhaft, als erfüllte sie eine wichtige Aufgabe. Irgendwann holt sie tatsächlich eine Tüte mit Zucker heraus, darauf steht »Cisco Systems San José«.

»Dankeschön«, flüstert Chiara mit klopfendem Herzen, sie weiß, während sie Zucker in ihren Tee streut, bereits nicht mehr, was sie noch zu den beiden sagen könnte, sie weiß auch nicht, warum sie die Tüte fast komplett leert. Die Frau und der Mann sprechen jetzt wieder über Rembrandt, über ein Bild namens Nachtwache.

Natürlich hätte Chiara auch ihren Vater nach dem Geld für Amsterdam fragen können. Aber der hat vor zwei Wochen schon die Österreichreise bezahlt. Und das Hotel in Graz. Mit der Bemerkung, er finde »diese Unternehmung nicht zwingend notwendig«, auch in Deutschland könne man schließlich viel Sinnvolles studieren, und selbst wenn ihm bewusst sei, dass Chiara sich »bevorzugt mit sich selbst beschäftigt«, müsse es denn auf Biegen und Brechen Psychologie sein? Kurz vor der Fahrt kam dann ein besonders heftiger Juckreiz-Schub. Lag das an der Aufnahmeprüfung? Oder an ihrer Trennung von Merle? Oder an der Wut auf Hanna und ihren Vater? Wahrscheinlich an nichts von all dem. Vielleicht war es einfach nur ein Juckreiz-Schub, nichts weiter. Ihr Vater jedenfalls seufzte wieder viel, wie immer, wenn sie Neurodermitis bekam. Hatte er nicht zwei gesunde Töchter verdient, mit glatter, reiner Haut? So ein Quatsch, hätte Merle gesagt. Das unterstellst du ihm nur, dass er so über dich denkt. Du unterstellst ihm sowieso immer alles Mögliche, genau wie deiner Schwester. Trotzdem war es für Chiara tabu, ihn ein weiteres Mal um Reisegeld zu bitten. Lieber fragte sie ihre Mutter.

Sie trinkt den Tee, der jetzt ungenießbar ist, in sehr kleinen Schlucken und säße am liebsten direkt dieser Frau gegenüber. Sie würde von ihren eigenen Liedern erzählen, der Frau das Handy mit dem neuen Song ans Ohr halten, die Frau würde beim Wechsel von d-Moll zu D-Dur lächelnd nach ihrer Hand greifen und vorsichtig den Ringfinger küssen, mit geschlossenen Augen. Schon wieder diese Tagträume, so wie früher das mit Frau Meiring und der Badewanne. Muss das immer von Neuem losgehen?

Jonas sieht aus dem Fenster. Sie verlassen gerade Utrecht, es ist zehn nach drei. Der Grooving-September-Auftritt ist also schon im Gange. Es hat keinen Sinn, das zu ignorieren, er kann sich sowieso auf nichts anderes konzentrieren, er will auch nicht an Referate oder Prüfungen denken, nicht auf dieser Reise. Er steckt die Kopfhörer in die Ohren und wartet, bis die Website des Festivals geladen ist, dann sieht er die Bühne. Tatsächlich, sie spielen bereits Die Wüste in dir. Er macht das Bild größer, nun kann er sich den neuen Bassisten genauer ansehen: Ganz schön dick ist der. Sein schütteres Haar steht hier und da vom Kopf ab, so, als wäre er gerade erst aufgestanden und hätte sich nicht gekämmt. Ist das wirklich dieser Malte Schuster? Oder mussten sie den kurzfristig durch eine Notlösung ersetzen? Er spielt genau die gleichen Bassläufe wie Jonas, dabei grinst er ständig vor sich hin, bewundernswert selbstverständlich berühren seine Finger die Saiten. Er steht – oder besser: wippt und zappelt – rechts vom Schlagzeug, sein Körper ist ständig in Bewegung, wie macht er das? Und nun erschrickt Jonas: Dieser Malte spielt haargenau das Gleiche wie er, im gleichen Tempo, es wirkt aber fließender, manchmal druckvoller, auch die Gitarre hört sich anders an, so als würde sie das genießen. Jonas macht das Bild kleiner, nun sieht er wieder die ganze Band. Dieser Malte – oder wer immer das ist – grient weiter vor sich hin, Kasimir findet das wohl witzig, er lacht den Bassisten gelegentlich an, das hat er bei Jonas nie gemacht. Nun sieht man das Publikum, ebenfalls lachend, die Stimmung ist großartig. Während Jonas sich fragt, wie lang er sich das noch antun will, sieht er, dass sich der Mann gegenüber zu ihm nach vorn beugt. Er nimmt den Kopfhörer aus dem linken Ohr.

»Könnten Sie das etwas leiser machen?«

»Entschuldigung.«

Es war doch sowieso Quatsch, denkt er, sich das alles in höherer Lautstärke zu geben. Schon wieder vibriert sein Handy. Es ist eine Nachricht seiner Mutter: Viel Erfolg in Hamburg!

Was er darauf antwortet, überlegt er sich besser heute Abend. Vor dem Schlafengehen, wann immer das sein wird.

Chiara hat sich in ein anderes Abteil gesetzt. Sie steckt sich wieder Kopfhörer in die Ohren und hört Esperanza Spalding. Die kennt sie durch ihren Vater. Er findet die toll, seit er weiß, dass sie von Barack Obama zu einem seiner Jazz-Abende ins Weiße Haus eingeladen wurde. Einmal sah sich Chiara diesen Auftritt auf Youtube an, da kam er rein und guckte sehnsüchtig aufs Display. »Gib’s zu, die gefällt dir doch auch, oder?«, meinte sie. »Wie die sich an ihren Kontrabass schmiegt. Und dann die Zahnlücke und dieser Afro.« Sofort sah ihr Vater gequält aus, was nichts heißen muss, er sieht meistens gequält aus, allerdings behauptet Hanna, die Qual sei erst in sein Gesicht getreten, »als Mama ausgezogen ist. Vorher hat er ganz normal geguckt.« Chiara weiß nicht, ob das stimmt. Sie war damals noch zu klein. Manchmal steigert sich die Qual in seinen Mundwinkeln noch durch besondere Anlässe. Zum Beispiel als sie das erste Mal Merle nach Hause brachte. Sie sagte: »Das ist meine Freundin« und umfasste Merles Hüfte. »Womit hab ich das jetzt wieder verdient?«, fragte darauf sein Gesicht. Sie weiß: Ihre Mutter hat sich früher eine WG mit ihrer besten