Vaterschaftstest - Markus Behr - E-Book

Vaterschaftstest E-Book

Markus Behr

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Beschreibung

Zu Beginn der Sommerferien erhält der Lehrer Fabian Weinert einen Anruf: Zwei Mädchen namens Ronja und Leonie, sechzehn Jahre alt und eineiige Zwillinge, wollen ihn unbedingt treffen. Die beiden wurden nach der Geburt adoptiert und glauben, in ihm ihren leiblichen Vater gefunden zu haben. Fabian, überaus sympathisch, aber auch reichlich verkorkst, ist einigermaßen irritiert – denn zu seinem Leidwesen ist er mit Mitte dreißig immer noch Jungfrau. Jedenfalls dachte er das bisher. Bei einem ersten Treffen eröffnen ihm die Zwillinge den komplexen Sachverhalt. Angeblich ist die biologische Mutter sich ihrer Sache ganz sicher. Fabian aber hat ihren Namen noch nie gehört. Auf der Suche nach der Wahrheit passiert so allerhand. Er nimmt Kontakt zu seinen früheren Mitschülern auf, meldet sich übungshalber für eine »Kuschelparty« an, besucht das Wohnzimmerkonzert »seiner Töchter« und fährt schließlich mit ihnen zu ihrer Mutter nach Basel … Ein kurzweiliges Debüt, ein bisschen tragisch und meistens komisch. Ein großes Lesevergnügen!

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2019

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E-Book-Ausgabe 2019

© 2019 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung Julie August unter Verwendung einer Grafik © Irina Krivoruchko / Shutterstock. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 9783803142658

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 2816 4

www.wagenbach.de

| 1 |

Frau Goncalvez hatte Fabian eine Liste mitgegeben. Die Überschrift lautete:

Angenehme Aktivitäten

Danach wurden hundert Tätigkeiten aufgezählt. Bis zum nächsten Mal sollte er hinter jede ein Plus-Zeichen, einen Kringel oder ein Minus-Zeichen machen. Zum Beispiel stand da:

Zähneputzen

Das gefiel Fabian, darauf musste man erst einmal kommen. Normalerweise lief er beim Zähneputzen durch die Wohnung, immer wieder tropfte dabei Zahnpasta aufs Parkett, manchmal auch auf den Teppich. Nun hieß es also stattdessen: Vor dem Waschbecken stehen bleiben und das Zähneputzen bewusst genießen! Ein bisschen klang das, wie wenn einem Kind gesagt wurde, es solle beim Essen stillsitzen. Aber immerhin mochte Fabian den Geschmack der Zahnpasta, und das gleichmäßige Schrubben der Bürste hatte einen lässigen Rhythmus. Frau Goncalvez würde, wenn er ihr das morgen erzählte, amüsiert lächeln und nicken. Fabian spuckte den Schaum aus, ließ Wasser durch seinen Mund laufen und sah in den Spiegel.

In den Spiegel gucken

stand nicht auf der Liste, dabei machten das bestimmt viele Leute gern. War das Licht über dem Spiegelschrank eingeschaltet, sah man relativ klar die feinen Linien unter den Augen, aber das war nicht schlimm, je länger man sich betrachtete, umso größer oder zumindest ausdrucksvoller erschienen einem die Augen selbst, die dünnen Falten drumherum verloren an Bedeutung. Fabian fand: Er könnte noch länger in den Spiegel gucken und die Zeit verstreichen lassen. Vielleicht gehörte diese Tätigkeit also auf eine Liste angenehmer Aktivitäten, die man rechtzeitig beenden sollte. Es war schon kurz nach zehn, Fabian war noch nicht mal angezogen, und bis elf musste er eingekauft und das Frühstück vorbereitet haben.

Nach Socken suchen

gehörte eher auf eine Liste unangenehmer Aktivitäten. Erst nach mehreren Minuten fand er in dem Klamottenhügel zwischen Bett und Kleiderschrank zwei schwarze, etwa gleich lange Strümpfe, die er anzog, ohne sie genauer zu untersuchen. Er musste jetzt los.

An dem dicken kahlgeschorenen Nachbarn vorbeigehen, während er am Fenster steht und raucht

war eine anstrengende Aktivität. Und zwar unabhängig davon, ob man den Nachbarn grüßte oder nicht. Etwa jedes dritte Mal, wenn Fabian hier entlangging, sah er den Nachbarn mit Zigarette am offenen Fenster stehen. Wenn der Nachbar nicht rauchte, spielte er bei geschlossenem Fenster beeindruckend virtuos Geige. Beim Rauchen sah er dagegen aus wie ein Sträfling in einem Stummfilm, der seinen nächsten Ausbruchsversuch plant.

Fabian grüßen müssen

gehörte für den Nachbarn offenbar auf die Liste unangenehmer Aktivitäten. Äußerst kurz und kaum erkennbar erwiderte er auch heute Fabians Lächeln und Kopfnicken, dann zog er an seiner Kippe und starrte ins Leere, wie zuvor.

Im Supermarkt stand die Frau, die zusammen mit ihrem Freund zwei Etagen unter ihm wohnte. Ihr Blick war versunken in eine Tiefkühltruhe. Kurz nachdem Fabian eingezogen war, hatte sie sich bei ihm beschwert wegen der Zigarettenkippen, die von seinem Fenster aus auf ihrem Balkon gelandet waren. Fabian hatte am Abend davor vergessen, seinem Freund Uwe eine Untertasse aufs Fensterbrett zu stellen, an den Balkon der Nachbarn hatte er erst recht nicht gedacht. Ohne weiteres Nachdenken ging er in den Gang zwischen Brot- und Süßigkeitenregal, der lag außerhalb ihres Blickfelds. Sofort ärgerte er sich. Wieso tat er das? Die Nachbarin war nett. Er mochte die Art, wie sie gesagt hatte: »Und das ist wirklich eklig, wir hängen da ja auch unsere Wäsche auf.« Leise und etwas verlegen klang das, natürlich hatte sie recht, es war Fabian extrem peinlich gewesen. Er stand vor dem Brotregal herum, obwohl er längst Brot in seinem Korb hatte, völlig albern war das, er musste jetzt endlich zu ihr hingehen. In diesem Moment klingelte sein Smartphone.

Im Display sah er, dass da jemand eigentlich seine Festnetznummer anrief. Uwe hatte neulich darauf bestanden, ihm zu zeigen, wie man die Anrufe auf sein Handy umleitete, was für ein Quatsch, das machte alles nur komplizierter.

»Hallo«, sagte Fabian.

»Hallo«, sagte eine leise Frauenstimme. Oder war es ein Kind?

»Spreche ich mit Fabian Weinert?«

»Ja.«

»Hier ist – also nein«, unterbrach sich die Stimme, »hier sind Ronja und Leonie Specht. Wir müssen mal, also wir würden gern mit Ihnen sprechen.«

»Aha.« War das ein Streich von seinen Schülerinnen? Man hörte, wie eine zweite Stimme im Hintergrund leise lachte, die erste Stimme zischte: »Hey, lass das mal.«

»Was wollten Sie mir denn sagen?«, fragte Fabian.

»Also … das ist jetzt irgendwie blöd«, sagte die erste Stimme, nun ebenfalls lachend. »Sie sind grade unterwegs, oder?«

»Ja.«

»Ach so.« Schon wieder Gekicher, mehrere Sekunden vergingen. »Ich hatte eigentlich die Festnetznummer angerufen.«

»Das weiß ich«, sagte Fabian, »aber die Anrufe werden umgeleitet.« Warum erklärte er überhaupt so viel?

»O.k.«, sagte die Frau, »dann rufen wir besser wieder an, wenn Sie zuhause sind.« Sie hatte sich wieder halbwegs im Griff, das Lachen hielt sie nicht mehr vom Sprechen ab. »Wann soll ich denn am besten anrufen?«

»Ich steh grad im Supermarkt«, sagte Fabian. »In einer halben Stunde bin ich spätestens zuhause.«

»Gut, dann rufen wir gleich wieder an. Vielen Dank. Und bis nachher.«

»Bis nachher.«

Fabian steckte sein Handy in die Tasche. Sie würden also anrufen, während er Besuch hatte, na toll. Er sah, dass die Nachbarin vor ihm stand, nicht direkt vor seiner Nase, aber kaum drei Meter entfernt, am Anfang des Gangs.

»Ach hallo«, sagte sie.

»Hallo.«

Theoretisch könnten das auch die Freundinnen von Einbrechern gewesen sein, die herausfinden wollten, bis wann bei ihm die Luft rein war, und weil er von einer kompletten halben Stunde gesprochen hatte, ermutigte er die Bande zum sofortigen Aufbrechen und Leerräumen seiner Wohnung. Die Nachbarin lächelte ihn immer noch an, dabei zog sie ihre Lippen so weit auseinander, dass die Augen sich zu sehr verengten, um noch am Ausdruck des Lächelns beteiligt zu sein, Fabian war enttäuscht, dies war genau die Art von Lächeln, die er nicht mochte, weil es starr und unehrlich aussah, und schon wandte sie ihm den Rücken zu und ging weiter, in Richtung Kasse. Sie hat bestimmt grade wenig Zeit, dachte er. Wenn sie gleich zuhause ankam, würde sie womöglich vor der Haustür die Einbrecher treffen. Im Grunde sollte man aufs Einkaufen verzichten und sofort gehen, aber wenn die Nachbarin sah, wie er den Supermarkt ohne Einkauf verließ, würde sie ihn für bescheuert halten, und es war ja auch wirklich Quatsch davonzustürmen, nur weil irgendwer ihn auf dem Handy anrief, erst recht, wenn man Brötchen und Marmelade brauchte, weil gleich Besuch zum Frühstück kam. Trotzdem: besser zügig die Brötchen kaufen und nicht viel mehr, und dann direkt nach Hause.

Eine Viertelstunde später war Fabian erleichtert: Seine Wohnungstür war unversehrt.

| 2 |

Ihm blieben noch zehn Minuten, um Kaffee zu kochen und in der Küche den Frühstückstisch zu decken. Gleich kamen Norah und Tom.

Gäste haben

war eine aufregende, dabei aber angenehme Aktivität. Etwas, das Fabian gern noch öfter gehabt hätte.

Letzte Vorbereitungen kurz vor Ankunft der Gäste treffen

war dagegen etwas, das ihn immer nervös machte, also war er froh, als um kurz vor elf endlich die Kaffeemaschine schnorchelte.

Falls diese komischen Mädchen gleich wieder anriefen, würde er nicht rangehen.

Um zehn nach elf klingelte es, und Norah kam allein die Treppe hoch.

»Tom wollte noch schwimmen gehen, der kommt aber nach.«

Norah kaute ständig Kaugummi, ihr Lächeln war meistens ein bisschen spöttisch, aber nicht böse, eher so, als würde sie einem verschwörerisch zuzwinkern. Womöglich kam der Eindruck des Spöttischen auch nur durch die Kaubewegung der Lippen. Sie legte den rechten Arm um Fabian, leider beugte er sich im gleichen Moment so weit nach vorn, dass sie seinem Kopf ausweichen musste, erst dann umarmten sie sich richtig. In der Küche zog sie ihre Strickjacke aus und hängte sie über den Stuhl, nun saß sie da in einem schulterfreien Top, was durchaus zur heutigen Hitze passte. Aber selbst im Winter entblößte sie häufig ihre Schultern, die für eine Frau ungewöhnlich muskulös waren, und zog oft, sobald sie in einem geheizten Raum saß, ihre Strickjacke oder ihren Pullover aus. Ist das cool und hip oder doch leicht exhibitionistisch?, hatte Fabian sich schon manchmal in dem Amateur-Theater, aus dem er sie kannte, gefragt und sich dabei ertappt, dass er sie viel öfter ansah als die anderen, ohne zu wissen, ob das an ihrem Gesicht mit den kecken hellblauen Augen und den sich kontinuierlich bewegenden Lippen lag oder doch nur am Schlüsselreiz der nackten Schultern. Wahrscheinlich war es gut für Fabian, dass er nie in den gleichen Stücken mitspielte wie sie, sonst hätte er sich bestimmt in sie verliebt, er sah sie aber nur bei den Ensembletreffen und bei Premierenfeiern, und irgendwann war er überrascht gewesen, als sie ihn spontan zu sich einlud. Seitdem trafen sie sich manchmal, um über Bücher und Filme zu quatschen. Tom war immer dabei.

»Entschuldige, ich bin grad etwas neben der Spur«, sagte Norah und lächelte verlegen, nachdem sie ihn, obwohl die Milchdose direkt vor ihrer Nase stand, um Milch für ihren Kaffee gebeten hatte. »Vorhin hat meine Mutter angerufen. Sie hat mal wieder Depressionen.«

»Oh. Das tut mir leid.«

Am besten wäre es, dachte Fabian, wenn jetzt Tom anrufen und ihr mitteilen würde, dass er nach dem Schwimmen zu erschöpft zum gemeinsamen Frühstücken sei. Dann könnte ein längeres Gespräch entstehen, bei dem Fabian sich irgendwann trauen würde, Norah von Frau Goncalvez zu erzählen. Seitdem er zu Frau Goncalvez ging, gab es zwei Gruppen von Menschen für ihn: diejenigen, die nichts davon zu wissen brauchten – dazu gehörten fast alle männlichen Bekannten –, und diejenigen, denen er gern davon erzählt hätte.

»Und ich konnte ihr gar nichts richtig Passendes antworten«, sagte Norah, »weil ich selber noch so geschafft war von gestern.« Wieder ein verlegenes Lächeln. »Ich war gestern mit fünf Kindern in der Stadt unterwegs, alle schwerstbehindert. Danach brauch ich eigentlich ne Woche Urlaub.«

In diesem Moment klingelte im Wohnzimmer das Telefon, Fabian stand auf und ging hin.

»Hallo, hier sind noch mal Ronja und Leonie Specht.«

Erst jetzt fiel ihm ein, dass er eigentlich nicht hatte rangehen wollen.

»Sind Sie jetzt zuhause?«

»Ja, bin ich. Aber ich hab grade Besuch.«

»Ach so. Sollen wir uns später wieder melden?«

»Ja.« Fabian überlegte. »Oder nein. Sagen Sie einfach, was Sie von mir wollen.« Er sprach leise. War die Küchentür offen?

»Also, es ist so«, sagte die Stimme. »Wir würden uns gern mit Ihnen treffen. Dann können wir Ihnen das erklären.«

Fabian sagte nichts.

»Wir sind wahrscheinlich mit Ihnen verwandt.«

Jetzt tuschelte die Stimme wieder kurz mit einer anderen Stimme, die antwortete etwas Unverständliches. Die erste Stimme sagte leise: »Nein, jetzt nicht«, und dann zu ihm: »Kennen Sie die Eisdiele gegenüber von der Hauptpost?«

»Ja, klar.«

Es klingelte an der Tür. Er nahm den Hörer mit in den Flur, und als Tom im Türrahmen erschien, war Fabian mit Ronja und Leonie Specht zum Eisessen verabredet, für Dienstag, vier Uhr nachmittags.

»Das klingt wie ein Enkeltrick«, meinte er in der Küche zu Norah und Tom, »vielleicht haben die mich verarscht und wollen Geld.«

»Dann würden sie sich doch nicht mit dir treffen«, entgegnete Norah.

»Die haben gemerkt, dass ich noch nicht senil genug bin, um gleich am Telefon abgezockt zu werden.«

»Ich würd sowas sowieso nicht machen«, sagte Tom. »Ich würd mich nicht mit irgendwelchen Gören treffen, die mich am Telefon belabern.«

»Na, das ist ja Quatsch«, sagte Norah, »man kann ruhig erst mal gucken.« Tom sah irritiert aus, sagte aber nichts. Er lehnte mit seiner Tasse in der Hand an der Spüle und setzte sich nicht, warum auch immer.

»Ach ja«, sagte Norah, »ich hatte ja grade von dem Ausflug mit den Kindern gestern erzählt.« Sie seien alle, wie gesagt, schwerstbehindert und deshalb kaum im Zaum zu halten. »Die fangen zum Beispiel plötzlich an, sich selber mit der Hand ins Gesicht zu schlagen«, sagte sie und fügte, weil Fabian sie fragend ansah, hinzu: »Die können ja sonst nicht viel mit sich anfangen. Darum hauen sie sich ins Gesicht, um sich selber zu spüren.«

»Das ist irgendwie interessant«, bemerkte Fabian. »Eigentlich tun die das Gleiche wie wir.«

Tom sah verständnislos aus, Norah neugierig.

»Inwiefern?«, fragte sie.

»Na ja«, meinte Fabian, »es ist doch im Grunde kein Unterschied, ob man zum Beispiel Theater spielt oder in seinem Job Karriere macht oder …«, er stockte einen Moment, »oder ob man sich küsst und Sex hat«, sofort ärgerte er sich über die Sprechpause, er fühlte sich bei solchen Sätzen immer wie ein Hochstapler, aber egal, »oder ob man sich einfach nur mit der Hand ins Gesicht haut. Man spürt dadurch stärker, dass man selber da ist.«

Norah nickte.

»Versteh ich nicht«, sagte Tom, »warum ist arbeiten das Gleiche, wie wenn ich mir mit der Hand ins Gesicht haue?«

»Ach, Fabian meint das doch anders«, sagte Norah, worauf Tom nervös lachte, dann könne man ja gleich alles mit allem vergleichen, rief er, klar, natürlich fühle auch er sich oft besser durch seine Arbeit, »aber doch nur, weil ich die Arbeit mit anderen zusammen mache, weil es da Austausch gibt.«

Norah griff nach der Müslipackung und betrachtete die Haferflocken und Nüsse.

»Und weil ich weiß«, sagte Tom, »dass die Arbeit auch für andere sinnvoll ist.«

Norah drehte die Packung um und schien mit Interesse das Etikett auf der Rückseite zu lesen.

»Ich versteh auch echt nicht, was das mit Sex zu tun haben soll«, sagte Tom. »Wenn schon, dann doch eher mit Selbstbefriedigung.«

»Aber Sex ist doch auch Selbstbefriedigung!«, antwortete Norah, als wiederhole sie etwas hinlänglich Bekanntes. »Also nein, nicht Selbstbefriedigung, aber das macht man doch auch, um sich selber zu spüren.«

Tom sah verblüfft aus. »Es geht doch darum, den Partner zu spüren.«

»Aber dadurch spürt man doch auch sich selber«, rief Norah und stellte die Packung zurück.

»Und der Partner ist egal, oder wie?« Toms Ton wurde ungewohnt scharf. »Weil es ja nur darum geht, wie nennt ihr das, dass man sich selber spürt.«

»Sag mal, warum setzt du dich eigentlich nicht endlich mal hin?«

Tom setzte sich und atmete tief aus.

»Mal was ganz anderes«, sagte Norah zu Fabian. »Fährst du jetzt eigentlich auch in Urlaub?«

Diese Frage hatte Fabian befürchtet.

»Weiß ich noch nicht.«

Inzwischen streichelte Norah Toms Hand, wie eine Mutter, die ihrem Kind zu verstehen gibt, dass es tapfer ist und nach dem Einkaufen einen Lolli bekommt.

Allein sein, nachdem die Gäste gegangen sind

war eigentlich etwas Schönes. Heute leider nicht. Fabian räumte das Geschirr in die Spülmaschine und wusste nicht, warum er sich mulmig fühlte. Das Gespräch war zum Schluss ins Stocken geraten, auch Fabian hatte irgendwann nichts mehr zu erzählen, seit gestern waren Sommerferien, aber in seinem Kalender standen nur wenige Termine. Norah und Tom hatten dann angefangen, über ihr Wochenende zu reden, lakonisch, aber immerhin einträchtig, sie fuhren heute noch zu Norahs Bruder und dessen Familie, Fabian wusste, dieses Gesprächsthema war der Übergang zum Aufbruch.

Es war jetzt viertel nach eins, er bekam langsam Hunger, er hatte vorhin kaum etwas gegessen. Also ging er zu dem Griechen-Imbiss neben dem Supermarkt. Zwei Frauen in seinem Alter kamen ihm entgegen, eine davon rauchte und gestikulierte fröhlich mit ihrer Zigarette herum, dann nahm sie ihre Freundin in den Arm, vielleicht waren die beiden ein Paar? Eine lesbische Frau hat’s gut, dachte Fabian nicht zum ersten Mal, sie kann mit einer Frau zusammen sein, ohne den Mann spielen zu müssen und ohne die Person zu sein, die später bei den Kindern für das Donnerwetter zuständig ist. Und auf jeden Fall, fand er, wäre es schön, mal mit einem Frauenpaar befreundet zu sein, nicht immer nur mit Frau-Mann-Paaren. Wenn man sich mit Norah und Tom traf, halbierte sich die Freude ja doch irgendwie. Wäre Norah dagegen lesbisch und würde er sich mit ihr und ihrer Freundin treffen, dann würde sich die Freude bestimmt verdoppeln.

Beim Griechen an der Theke sprach ein älterer Mann angeregt mit der Besitzerin, einer Frau um die fünfzig mit Brille und Pferdeschwanz, die lachte und das Geplauder offenbar genoss. Eine junge Frau brachte zwei Männern in Anzügen ihre Schnitzel, sie lächelte dabei, ohne etwas zu sagen, mit geschlossenem Mund. Diese junge Bedienung war fast immer hier. Mit dem gleichen Lächeln sah sie jedes Mal auch Fabian an, immer wirkte sie ernst, wenn nicht sogar traurig, dabei konnte man sie geradezu als Schönheit bezeichnen mit ihren dunklen Haaren und Augen, der zierlichen Nase und dem sanften Blick. Fabian vermutete, dass sie die Tochter der Besitzerin war. Er empfand einen leichten Groll, es kam ihm vor, als ob die Mutter ihre Tochter hier gefangen hielt und als Lockmittel für die Kunden benutzte. Später, als Fabian saß, wechselte die Junge einige Sätze mit einer älteren Dame, die ein gelähmtes Augenlid hatte, beide Frauen lachten. Fabian musste an das Gekicher der Mädchen vorhin am Telefon denken. Auf einmal kam ihm wieder ein Satz in den Sinn, den die gesagt hatten:

Wir sind wahrscheinlich mit Ihnen verwandt.

Im selben Moment wurde er von der Sonne geblendet, so dass er nur noch die Umrisse der älteren Frau und der Tochter erkennen konnte, und plötzlich dachte er: Wieso soll das ein Enkeltrick sein? Er blinzelte in das grelle Licht und spürte die Wärme auf seinen Wangen, die Sonnenstrahlen und der Satz Wir sind wahrscheinlich mit Ihnen verwandt verbanden sich zu einer Art Mantel, das Licht hielt die Umgebung auf Abstand, und Fabian war auf einmal sicher, dass ihn übermorgen etwas Nettes erwartete, was immer das auch hieß, mit Ihnen verwandt, bestimmt erwartete ihn auch sonst in diesen Ferien noch Freundliches, immerhin waren die Ferien eine lange Zeit, und als die traurige Tochter ihm sein Essen brachte und dabei ihr Lächeln lächelte, das diesmal gar nicht gezwungen wirkte, sondern so, als reagiere sie auf sein eigenes Lächeln, da hatte er mit einem Mal richtig großen Hunger.

| 3 |

Es war zwölf Minuten vor vier, als Fabian am Dienstag von mehreren Regentropfen hintereinander getroffen wurde, also war es wohl das Beste, schon hineinzugehen, was sollte er länger hier im Regen auf und ab laufen.

Die Eisdiele war gut besucht. Mit Fabian zusammen kamen noch weitere Leute herein. Zum Glück fand er schnell einen Tisch mit drei freien Stühlen, er setzte sich, hängte seine Jacke über den zweiten Stuhl und stellte seine Tasche auf den dritten, zwei auffällig geschminkte Frauen sahen ihn fragend an, guckten dann auf die belegten Stühle und gingen an ihm vorbei. Hoffentlich waren Ronja und Leonie Specht wenigstens pünktlich. Allein dasitzen und in die Gegend starren war sowieso blöd, es war jetzt acht Minuten vor vier, also machte er sein Smartphone an und ging noch einmal kurz auf die Seite, die er seit einigen Tagen öfter zuhause anguckte: www.kuschelparty.de

Auf mehreren Fotos sah man Leute mit ganz oder halb verdeckten Gesichtern, sie lagen einander umarmend auf Matratzen. Diese Kuschelparty fand einmal monatlich in einem Kölner Kulturzentrum statt, in einer Gruppe von maximal dreißig Leuten könne man dort gemeinsam kuscheln, hieß es, ohne Küssen und sexuelle Berührungen, erfahrene Kuscheltrainer leiteten das Ganze an. Der nächste Termin war in vier Wochen.

Bestimmt wäre das eine gute Übung. Frau Goncalvez würde jubeln, wenn er dort hinginge. Und die Ferien waren genau die richtige Gelegenheit für so was. Andererseits stand Fabian schon hier, im Eiscafé, ein nervös machendes Treffen bevor, er wollte sich doch auch erholen. Irgendwann in den nächsten Tagen würde er noch mal darüber nachdenken.

Er schlug die Karte auf und starrte die glänzenden Eisbecher an. Vielleicht wurde er versetzt, vielleicht war er nur hergekommen, um herumzusitzen und blöd zu gucken. Aber immerhin hatte auch Frau Goncalvez gestern gesagt, er sollte auf jeden Fall zu dieser Verabredung gehen, er bräuchte den beiden Frauen ja nicht gleich seinen Pass oder seine Kontovollmacht zu geben. Dabei hatte sie gegrinst, als wüsste sie mehr als er.

Jetzt war es schon fünf nach vier. War der Kontakt zu diesen kichernden Mädchen ein therapeutischer Trick von Frau Goncalvez, hatte sie das irgendwie eingefädelt? War es ein Deal zwischen ihr und einer Horde Psychologiestudenten, die ihn jetzt von draußen filmten? Und wie sahen diese Mädchen überhaupt aus? Er hatte ihnen gesagt, dass er selbst beim Treffen eine Brille und ein kariertes Hemd tragen wollte. Fast hätte er vorhin vergessen, dieses Hemd anzuziehen.

»Entschuldigen Sie«, sagte eine Frauenstimme.

Fabian guckte hoch und sah in ein lächelndes Gesicht mit Brille.

»Sie sind bestimmt Fabian Weinert, oder?«

Direkt daneben sah er ein weiteres Gesicht mit Brille, ebenfalls lächelnd. Es war die gleiche Brille. Es war sogar beinahe das gleiche Lächeln, das gleiche Gesicht, zumindest ein sehr ähnliches, hellbraune Augen unter einem hellbraunen Seitenscheitel, zierliche Nase und relativ schmale Lippen.

»Ja, genau. Und ihr seid Ronja und Leonie Specht?«

»Das sind wir!«

»O.k. Ja, dann setzt euch doch.«

Die beiden hängten ihre Anoraks über die Stühle, Fabian sah, dass die eine zusammengeknotete Haare hatte, während das Haar der anderen kurz war, das war ihm beim ersten Blick in ihre Gesichter gar nicht aufgefallen, ihre Köpfe sahen von vorn fast gleich aus. Die Bezeichnung »Frauen« erschien Fabian nicht wirklich passend, »Mädchen« kam ihm angemessener vor, wie alt waren die wohl?

Sie saßen nun und sahen ihn gespannt an, immer noch schmunzelnd, als erwarteten sie eine Vorführung. Die Oberlippe der rechts Sitzenden begann zu zucken. Irgendwie waren ihre Gesichter doch leicht unterschiedlich, allerdings wusste er nicht, woran das lag. Beide trugen hellblaue Jeanshemden, die Rechte hatte einen Button auf ihrem Hemd, darauf stand etwas, das er nicht lesen konnte, erst »Die« und dann ein längeres, krakelig hingeschriebenes Wort. Er sah noch einmal die Brillen an, es war wirklich das gleiche Modell, so hellbraun wie ihre Augen und eckig. Die links Sitzende legte ihr Handy auf den Tisch und ließ Fabian dabei nur ganz kurz aus den Augen.

»Ähm … seid ihr Zwillinge?«

Beide nickten, die rechts Sitzende etwas schneller als die links Sitzende, die Oberlippe der Rechten zuckte immer noch.

»Eineiig oder zweieiig?«

»Eineiig«, sagte zuerst die Linke und dann die Rechte.

»Ich frag nur, weil manchmal sehen ja auch zweieiige Zwillinge total ähnlich aus.«

Die rechts Sitzende sah kurz die links Sitzende an und sagte zu Fabian: »Kann sein«, die links Sitzende nickte.

»Äh … nervt euch das, wenn man so was fragt?«

Beide schüttelten lächelnd den Kopf. Jetzt fing auch das Knie der Rechten zu zittern an.

»O.k.«, sagte er. »Das ist gut.« Wenn ihr schon eineiige Zwillinge seid, dachte er, warum tragt ihr dann auch noch die gleichen Hemden und Brillen? Wollten Zwillinge sich nicht voneinander abgrenzen? Und warum war die eine so nervös?

»Wollt ihr erst mal in die Eiskarte gucken?«, fragte er.

Jetzt sah die Rechte erstaunt aus, der Vorschlag schien sie aus dem Konzept zu bringen, sie sah die andere fragend an. Die Linke nickte, dann sagte die Rechte zu Fabian: »Ja, ist gut.« Sie griffen nach den Eiskarten auf dem Tisch, schlugen sie auf und hielten sie wie Schutzschilde vor ihre Gesichter, gelegentlich wechselten sie ein paar Worte, so leise, dass Fabian nichts verstand. Das Knie der Rechten hatte sich beruhigt.

»Ihr habt jetzt auch Ferien, oder, ihr geht doch noch zur Schule?«

Sie senkten die Karten, nun konnte er wieder ihre Augen sehen und kurz darauf auch ihre Nasenspitzen. »Ja, genau«, sagte die Linke, »sagen Sie mal …« Sie sah kurz zur Rechten hinüber und meinte dann: »Wollen Sie uns eigentlich gar nichts fragen?«

»Ja …«, sagte Fabian. »Wer von euch ist eigentlich wer?«

»Ich bin Ronja«, sagte die Linke, »ich bin Leonie«, sagte die Rechte, beide legten langsam die Karten auf den Tisch.

»Und sonst wollen Sie uns nichts fragen?«, sagte Ronja. »Zum Beispiel …« Sie sah erst Leonie an, dann wieder Fabian und fuhr fort: »Zum Beispiel, warum wir uns mit Ihnen treffen wollten?«

»Oder woher wir Sie kennen?«, sagte Leonie.

»Ihr habt ja schon gesagt, ihr seid mit mir verwandt.«

Jetzt stand die Bedienung an ihrem Tisch, eine leicht übergewichtige Frau mit Reibeisenstimme, sie fragte nach den Bestellungen und sah die Mädchen an wie eine Jahrmarktsattraktion. Sie wollten sich einen Becher mit einem langen italienischen Namen teilen, Fabian selbst bestellte Spaghetti-Eis und hatte den Eindruck, dass die Frau ihn misstrauisch ansah. Dann flüsterte Leonie wieder Ronja etwas zu, Ronja nickte und sagte: »Ja, ist gut«, und dann zu Fabian: »Also, wir würden gern mal kurz zusammen rausgehen, auch wenn das vielleicht blöd klingt. Wir sind gleich wieder da.«

»Ja, klar«, sagte Fabian.

»Nimmst du deinen Schirm mit?«, fragte Ronja und griff nach dem Handy auf dem Tisch, Leonie nickte, dann waren sie weg.

Zehn Minuten später saß er immer noch allein da und hatte, während das Eis der Zwillinge vor sich hinschmolz, seinen Eisbecher fast leergegessen. Bestimmt kamen die nicht wieder. Die Bedienung würde komisch gucken, wenn er gleich nicht nur sein eigenes Eis, sondern auch die verwaiste Pfütze im Becher gegenüber bezahlte, Fabian würde vergeblich nach einer Erklärung suchen. ›Sie brauchen sich überhaupt nicht zu erklären!‹, hätte Frau Goncalvez jetzt gesagt. Dann sah er, wie die Eingangstür aufging und beide wieder hereinkamen. Leonie, die mit den kurzen Haaren, ging hinter Ronja her und redete auf sie ein, worauf Ronja nur kurz antwortete.

»Tut uns wirklich leid«, sagte Ronja. Beide sahen das flüssige Eis an, als befände es sich in seinem normalen Zustand, und setzten sich wieder.

»O.k.«, meinte Fabian nach einer Weile, »ihr wolltet mir ja sagen, woher ihr mich kennt.«

»Ja«, sagte Leonie und guckte Ronja an.

»Das ist ganz schön kompliziert zu erklären«, sagte Ronja und hob den Löffel. »Also, wir waren neulich zusammen in der Schweiz.«

»Genau«, sagte Leonie, ihre Lippe zitterte schon wieder. Jetzt konnte Fabian endlich erkennen, was auf ihrem Button stand: Die Prinzessinnen. Bestimmt ein Bandname.

»Ach so. In der Schweiz.«

»Na ja«, sagte Ronja, »wir haben da unsere leibliche Mutter getroffen.« Leonie nickte bestätigend. Dann rührte sie mit ihrem Löffel im Eis herum, als wäre es eine warme Suppe.

»Ah ja«, hörte Fabian sich sagen.

»Also das heißt«, erklärte Leonie, »wir haben unsere leibliche Mutter da zum ersten Mal getroffen.«

»Ach so«, sagte Fabian noch einmal. »Heißt das …?«

»Wir haben Adoptiveltern«, sagte Ronja.

»Seid ihr gleich nach der Geburt adoptiert worden?«

»Ja, mehr oder weniger.« Ronja erzählte, ihre Adoptiveltern seien damals sogar von der Zeitschrift Eltern interviewt worden, weil nur ganz selten Zwillingspaare kurz nach der Geburt adoptiert würden. »Na, jedenfalls haben wir jetzt Kontakt zu unserer richtigen Mutter aufgenommen, über das Jugendamt. Wir sind im März sechzehn geworden. Vorher durften wir das noch nicht.«

»Und dann haben wir sie neulich besucht«, sagte Leonie.

Fabian nickte, ein beklommenes Gefühl legte sich auf seinen Bauch.

Auf einmal fragte Ronja: »Sie haben doch mal Theater gespielt, oder?«

»Ja.« Fabian war überrascht. »Mach ich jetzt auch noch. Und früher an der Uni, und in der Schule.«

»Amphitryon von Heinrich von Kleist«, sagte Ronja wie ein Kind, das stolz ist, einen Satz in einer Fremdsprache richtig ausgesprochen zu haben.

»Genau. In der zwölften Klasse.«

»Sie haben den Diener gespielt, Sosias«, sagte Leonie.

»Und Sie sind am Anfang mit so ner Laterne auf die Bühne gekommen.«

»Genau!«, sagte Fabian. »Das heißt, nein, ich bin ganz hinten reingekommen, im Zuschauerraum, und dann zur Bühne gegangen.« Die beiden wussten also Sachen, an die er selbst ewig nicht gedacht hatte. Der laute, überraschende Auftritt hatte jedes Mal für Lacher gesorgt, danach bestritt Sosias, der Diener des Feldherrn Amphitryon, die ersten zehn Minuten solo, indem er den direkt um ihn herum sitzenden Zuschauern erzählte, wie schlimm es war, nachts allein durch die Dunkelheit zu laufen.

Die Zwillinge nickten und lächelten wieder.