Streuner - Manuel Charisius - E-Book

Streuner E-Book

Manuel Charisius

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Beschreibung

Sieben Reiche. Sieben Könige. Den Streuner erwarten Intrigen, Liebe, Magie und spektakuläre Abenteuer ... Das Land der Sieben Königreiche ist in Aufruhr: Der König des Nordens wurde ermordet! Für Wolf vom Volk der Streuner – halb Mensch, halb Tier – ist das noch kein Grund zur Aufregung. Doch als er zufällig ein Gespräch der Verschwörer mit anhört, muss er erkennen, dass alle sieben Reiche von Lesh-Tanár in großer Gefahr schweben. Zusammen mit drei anderen Streunern beschließt Wolf, den Attentätern das Handwerk zu legen. Für die tapferen Streuner beginnt das Abenteuer ihres Lebens ...

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Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel Elements,
einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2010 by Manuel Charisius
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
PrologDas geheime TreffenVerratDer neue AnführerNach Téan HuEinsame ReiseNächtlicher AngriffIn der FalleLacríma von TáegaranDas Schicksal des GeneralsDer Feind schlägt zuPelzjägerVirbis′ VermächtnisDoppeltes SpielBlutzollFreund oder Feind?Der König des OstensIm GefängnisturmOrtswechselzauberAllein gegen den SchnitterEin Treffen unter StaatsmännernDie letzte SchlachtEin neuer Tag
Meine Geschichte beginnt in unvordenklicher Zeit, als das Land noch ein Meer und die Bergspitzen Inseln waren; sie beginnt, bevor die Menschen Erwachten, bevor die Elben Wussten und sogar bevor wir Streuner den Tod kennenlernten.
(aus den Elegien Soŋurds, Kaput II, Vers 73 – 75)
Prolog
Eine scharfe Klinge glitt über die Kehle des Königs.
»Deine Hand zittert, Símiuk.«
»Verzeihen Sie, Majestät.«
»Pass auf, dass du mich nicht schneidest.«
»Ich bin vorsichtig, Majestät.« Símiuk ergriff die Klinge an beiden Seiten und zog sie ein paarmal sorgsam über einige besonders hartnäckige Stoppeln.
König Gerániuk beobachtete ihn prüfend.
»Wie lange bist du nun schon mein Barbier? Dreiundzwanzig Jahre, nicht?«
»Im Winter werden es vierundzwanzig, Majestät.«
»Und nie ist dabei Blut geflossen. Sieh zu, dass das so bleibt
– in deinem eigenen Interesse.«
»Machen Sie sich keine Sorgen, Majestät. Ich habe Erfahrung.« »Warum zitterst du dann so?«
»Mit Verlaub, Majestät, es fiele mir leichter, Ihnen den Bart zu schaben, wenn Sie dabei nicht ständig sprechen würden.«
»Gib dir Mühe. Wenn ich heute Mittag die Senatoren empfange, muss mein Äußeres tadellos sein.«
Sorgfältig reinigte Símiuk sein Messer in der Wasserschüssel, trat hinter den König und setzte die Klinge erneut an.
»Wissen Sie, was sich die oberste Köchin speziell für den Empfang der Senatoren als Nachtisch hat einfallen lassen?«, fragte er, um den König abzulenken.
»Spann mich nicht auf die Folter, Símiuk.«
Der Barbier zögerte einen Augenblick.
»Eigentlich hat mich die Köchin um strengstes Stillschweigen gebeten«, sagte er bedächtig, während er sich auf die Führung der Klinge konzentrierte. »Aber andererseits … wie könnte ich Ihnen etwas verheimlichen? Als Diener muss ich Ihnen bekanntlich stets die Wahrheit sagen.«
»Eben. Erzähl schon.«
»Sehen Sie die Zwillingsgipfel?« Mit dem Messer deutete Símiuk aus dem offenen Fenster, vor dem sich der König jeden Morgen von ihm hoffähig machen ließ.
König Gerániuk schielte aus seiner liegenden Position über seine Nase hinweg nach draußen. Die beiden schneebedeckten Berggipfel, die der Barbier meinte, gleißten in der Ferne unter den Strahlen der Morgensonne.
»Stellen Sie sich vor, Majestät …« Verschwörerisch senkte Símiuk die Stimme. »In den Palastküchen bilden sie gerade die Zwillingsgipfel maßstabsgetreu nach – in Form einer Meringentorte, die so riesenhaft ist, dass ein halbes Dutzend Köche sie später auf Rollen in die Empfangshalle wird fahren müssen!«
»Tatsächlich?«
»Ja, Majestät. Aber ich bitte Sie inständig: Wenn es so weit ist, lassen Sie sich nicht anmerken, dass Sie das alles schon von mir wussten!«
Ein kühler Wind wehte durch das Fenster herein.
»Das kommt darauf an, ob du dich heute früh gut um mich kümmerst«, entgegnete der König. »Mach schneller, sonst hole ich mir noch einen Schnupfen.«
Símiuk wollte etwas erwidern, doch ein Diener trat ein.
»Ihre Majestät! Ich bitte vielmals um Vergebung – die oberste Köchin schickt mich. Símiuk soll sofort zu ihr kommen, es sei dringend.«
»Zur Hölle mit dir!«, fuhr der König ihn an. »Símiuk ist mein Barbier, und er ist beschäftigt!«
»Mit Verlaub, Majestät«, beharrte der Diener, »ich fürchte, eine Hofdame steht unmittelbar vor der Niederkunft. Die Hebamme ist ohnmächtig geworden, heißt es, und wer außer dem Barbier soll sie vertreten?«
Símiuk zuckte die Achseln und schaute, die erhobene Klinge in der Hand, König Gerániuk fragend an.
»Es eilt, Majestät!«, sagte der Diener. »Ich bitte wirklich vielmals um Ver…«
»Halt die Klappe!« Der König machte eine wedelnde
Handbewegung. »Meinetwegen geh, Símiuk, aber gib mir vorher ein Trockentuch und meine Felldecke herüber. Hilf dem armen Wurm auf diese elende Welt und komm danach sofort zurück, verstanden?«
Der Barbier nickte, reichte dem König das Gewünschte und entledigte sich des Messers und seiner Schürze. Mit einer flüchtigen Verbeugung traten er und der Diener ab. Die raschen Schritte der beiden verklangen.
König Gerániuk mochte der Herrscher des hohen Nordens sein; die Herrscherin, die hier selbst im Sommer ebenso viel Macht besaß wie er, trug den Namen Kälte. Vor ihr schützte er sich nun mit der Decke aus edlem weißem Eisfuchsfell. Dann nahm er eine bequemere Lage ein und wischte sich den Seifenschaum aus dem Gesicht.
Bestünde nicht die große Hoffnung, dass die Hofdame seinen langerwarteten Sohn und einstigen Thronerben auf die Welt brachte, hätte der König seinen Barbier niemals gehen lassen. Hoffentlich dauerte der Wurf nicht allzu lange. In Gedanken verfluchte er die oberste Köchin – und die Hebamme. Wenn die Torte so gut war, wie Símiuk versprach, würden die nichtsnutzigen Weiber mit fünf Stockhieben davonkommen.
Ansonsten würden es jeweils zwanzig werden.
Wieder ging ein leichter Wind durchs Fenster. Irgendjemand musste in einem entfernten Korridor eine Tür geöffnet haben.
Fröstelnd zog der König sich ganz unter die Felldecke zurück. Vermaledeite Diener, was mussten sie jetzt auch durch den Palast latschen. Auf einmal hörte er Schritte hinter sich. Er setzte eine verdrossene Miene auf.
»Símiuk? Das wurde aber auch Zeit. Mach mich gefälligst fertig, damit ich das Tagesgeschäft beginnen kann.«
»Mach ich gerne, dich fertig!«, erwiderte eine seltsam raue, kehlige Stimme unmittelbar hinter ihm. Sie gehörte keinesfalls Símiuk.
Empört wollte der König sich umdrehen. Im selben Augenblick packte ihn eine Hand am Schopf und hielt ihn eisern auf dem Barbierstuhl fest. Ein Gesicht wie das eines Raubtiers erschien in seinem Blickfeld, mit spitzen Ohren, geifernden Lefzen und scharfen Reißzähnen.
König Gerániuk wollte um Hilfe schreien, doch zu spät. Blitzschnell zückte das Wesen ein gekrümmtes Messer und vollführte damit eine ruckartige Bewegung.
Der König fühlte, wie sich mit der Klinge ein flammender Schmerz quer durch seinen Hals zog, und sein eigenes Blut ergoss sich wie ein heißer Strom über seine Brust. Mit einem gurgelnden Röcheln trat und schlug er verzweifelt nach seinem Angreifer, doch das Raubtierwesen hatte sich unerreichbar hinter dem Barbierstuhl verschanzt und beide Arme fest um den Oberkörper des Königs geschlungen, so dass er nicht loskam. Wilde Panik übermannte König Gerániuk. Er bemerkte kaum noch, wie sein Licht allmählich erlosch.
Wenig später kam Símiuk zurück und wollte beim Eintreten melden, dass die Nachricht unerklärlicherweise falsch gewesen sei; Hebamme, Hofdame und Neugeborenes waren wohlauf und hatten seiner Hilfe nicht bedurft. Auf seine Frage hin hatte ihm die Köchin nur sagen können, dass ein junger Streunerbote ihr die Bitte um Hilfe übermittelt habe.
Die Worte blieben Símiuk im Halse stecken, als er das Unheil sah, das ihn erwartete. Der Barbierstuhl mit dem erschlafften Körper des Königs und der besudelten Felldecke darauf stand in einer riesigen Lache dunkelroten, in der kalten Morgenluft dampfenden Blutes. Mit dem hineingetauchten Barbierpinsel hatte jemand einen einzigen Buchstaben an die Wand geschmiert: S.
Das entschuldigende Lächeln, das Símiuk aufgesetzt hatte, gefror. Eine Weile schwieg er. Dann schrie er, ohne dass es menschlich klang. Allerdings rief sein Schreien die gesamte Dienerschaft, einen Teil des Hofstaates und den Scharfrichter auf den Plan. Das Gnadengesuch der obersten Köchin wurde
Das geheime Treffen
Tiefe Nacht lag über den Dächern Tanárs. Eine fette Ratte huschte an einer Mauer entlang und verschwand schließlich hinter einer Regentonne. Sekunden später kam sie wieder hervor und reckte Schnauze und Vorderpfoten neugierig in die Höhe.
Der verlockende Duft bereitliegender Nahrung zog sich wie ein süßlicher Faden durch die schwüle Luft bis zu ihrer Nase – ein Stück verwesenden Fleisches, Schinken oder Speck vielleicht.
Mit ein bisschen Glück befand sich die Köstlichkeit diesseits des Flusses.
Die Ratte setzte sich in Bewegung und folgte zielstrebig dem betörenden Geruch, wobei sie ab und zu innehielt und auf verdächtige Laute achtete. Ihre Nase führte sie über den Steg, der am Wasser entlanglief, bis zum Nachbarhaus, einer Spelunke, aus der gedämpft Musik und die Stimmen ausgelassen feiernder Gäste drangen. Die Ratte wurde vorsichtiger, verharrte regungslos auf der Stelle, um dann hastig loszutrippeln. Im Inneren des Wirtshauses ertönte ein dumpfer Knall, die Musik brach ab, und zornige Rufe wurden laut. Die Ratte hielt an, legte den Kopf schief und wartete. Dem Geruch nach musste sie ihrer Beute ganz nahe sein. Die Verlockung war stärker als die Vorsicht. Sie hastete weiter. Glas splitterte, der Wirt fluchte wüst, und die Ratte nutzte den Lärm dazu, die letzten paar Schritte unbemerkt hinter sich zu bringen.
Endlich berührte die Spitze ihrer Schnauze das ersehnte Stück grünschillernden, von Fliegen umschwirrten Speck – da geschahen zwei Dinge zugleich. Mit einem leisen Klicken löste sich der Bügel der Falle und brach der Ratte das Genick, während die Tür des Gasthauses aufflog und an die Außenmauer des Gebäudes krachte.
Unter triumphierenden Rufen zerrten drei Gäste einen vierten, der sich unbeholfen zu wehren versuchte, an Armen und Beinen nach draußen. Zwei von ihnen packten jeweils einen Arm und der dritte die Beine, dann hoben sie ihn wie einen Sack Mehl in die Höhe, holten Schwung und ließen los. Ihr Opfer segelte quer über den hölzernen Steg und fiel platschend ins Wasser.
Sie lachten grölend, klatschten sich gegenseitig in die Hände und kehrten gleich darauf ins Haus zurück. Die Tür wurde geschlossen, die Stimmen beruhigten sich, und die Musik dudelte weiter.
Der Unglückliche, den man an die Luft gesetzt hatte, war kein guter Schwimmer. Er tauchte in der schmutzigen Brühe unter, kam wieder empor und prustete, als ihm das Dreckwasser in den Mund schwappte. Er bemühte sich, den Kopf über Wasser zu halten, und paddelte wild mit Armen und Beinen in Richtung des rettenden Ufers. Die Strömung trieb ihn im Kreis herum. Er streckte die Arme aus und pflügte mit den Beinen umso verbissener durch das Wasser, bis er endlich glitschiges Holz zu fassen bekam. Krampfhaft hielt er sich fest, schnappte nach Luft und erklomm dann die Streben. Schwerfällig zog er sich auf den Laufsteg hinauf, wo er einen Momentlang auf allen vieren verharrte und sich würgend für seinen Übermut verwünschte. Nach fast einer halben Gallone Wein hätte er sich nicht auch noch auf ein Trinkspiel einlassen dürfen.
Geschieht mir recht, dass ich verloren habe. Aber das zahl ich ihnen heim.
Ihm brummte der Schädel. Das sudelige Starkbier, das der Wirt des Heulenden Elends ausschenkte, war ihm schon mehr als einmal sauer aufgestoßen. Aber Schwarzfell Streuner von Tanár, genannt Wolf, konnte Herausforderungen wie diese grundsätzlich nicht ablehnen.
Um wieder trocken zu werden, schüttelte er sich ausgiebig. Die Bewegung begann mit dem Kopf, setzte sich über Schultern, Rumpf und Hüften fort und lief in den Schenkeln aus, so dass das brackige Wasser des Kanals nach allen Seiten wegspritzte. Dann richtete Wolf sich langsam auf.
Seinesgleichen bewegten sich auf zwei Beinen fort, auch wenn sie schneller vorankamen, wenn sie die Arme zu Hilfe nahmen. Doch warum anderen in etwas nachstehen, selbst wenn jene vielleicht mehr Übung darin hatten? So zum Beispiel die Menschen. Sie fanden den zweibeinigen Gang der Streuner unbeholfen, nannten ihn Staksen oder Watscheln – zumindest wenn sie glaubten, unter sich zu sein. Ein aufgerichteter Streuner war einen guten Kopf größer als jeder hochgewachsene Mensch und fast doppelt so stark.
Wolf wankte den Steg entlang. Seine Blase drückte. An der Stelle, wo die Kehrstraße auf das Flussufer stieß, schlug er mit angewinkeltem Bein sein Wasser ab und machte sich dann auf den Weg in die Stadtmitte.
Tanár, Hauptstadt der Zentralregion und Sitz des Königs der Mitte, dampfte unter der Hitze eines viel zu langen Sommers.
Der neunte Mond ging zu Ende, doch aus Kellern und Gossen drang der Gestank von Kot und verwesendem Abfall und blieb über den Häusern hängen, als hätte jemand eine riesige Käseglocke über die Stadt gestülpt. Kein Lüftchen regte sich.
Die nächtliche Stille, die nur ab und zu von entferntem Hundegebell durchbrochen wurde, hatte etwas Bedrückendes.
Tagsüber erweckte die Stadt jedoch kaum mehr Vertrauen. Die Bewohner hetzten durch die Straßen, sprachen wenig und warfen einander misstrauische Blicke zu. Wer herumlungerte und Löcher in die Luft starrte, galt rasch als Tagedieb oder gar als Spitzel. Das Leben in Tanár hatte sich eben zum Schlechten verändert, seit die Kunde vom Tod des Nordkönigs die Stadt erreicht hatte.
Verdammt, dachte Wolf, während er vergeblich versuchte, beim Gehen nicht ständig hin und her zu schwanken. Das nächste Mal werde ich diese Angeber in eine Partie Taks verwickeln.
In seinem Gesicht machte sich ein rachsüchtiges Grinsen breit. Er malte sich aus, wie seine Gegner am Ende um Gnade winseln würden, wenn er sie dank seines Glücks beim Kartenspiel um ihren letzten Groschen brächte. Wenn sie dann immer noch nicht kapierten, wer hier das Sagen hatte, würde er handfestere Argumente vorbringen müssen. Nichts anderes hatten sie verdient, die drei aufgeblasenen Kerle aus Orilac, die vor einigen Tagen zum ersten Mal im Heulenden Elend aufgetaucht waren und nichts Besseres zu tun gehabt hatten, als mit ihren angeblichen Reiseabenteuern zu prahlen und ihn zu provozieren. Natürlich – sie waren Streuner, genau wie er, und damit Angehörige eines rauen, wettbewerbsfreudigen Volkes. Wolf konnte sich nicht erinnern, jemals eine Gelegenheit ausgelassen zu haben, sich mit seinesgleichen zu messen.
Er erreichte eine Kreuzung mit einem Brunnen und trank gierig, um den Brand in seiner Kehle zu löschen. Dann griff er nach dem bereitstehenden Eimer, tauchte ihn in den Trog und schüttete sich das kalte Wasser über den ganzen Körper. Erst als Wolf den Gestank des Flusswassers einigermaßen los war, schüttelte er sich erneut und ging weiter.
In diesem Stadtviertel kannte er sich nicht allzu gut aus. Gewöhnlich bestieg er in Ost-Tanár, wo er wohnte, eine der Treibgondeln, die tagsüber in Kolonnen den Fluss hinunterfuhren. So erreichte er seine Arbeitsstelle, eine Zimmerei in Zweieich, und kam auch leicht in entferntere Gegenden der Stadt. Der Rückweg war fast immer derselbe:
Entweder fuhr er auf einem Schleppkahn den Fluss hinauf oder ging zu Fuß bis zur Marktstraße, wo er notfalls noch etwas einkaufen konnte, dann über die Triumphbrücke und die Prachtstraße entlang bis zum Stadtrand. Nun aber war er ziemlich genau in der entgegengesetzten Richtung unterwegs. Aber warum eigentlich nicht?, dachte er unternehmungslustig. Schließlich habe ich morgen frei.
Das kam ihm zupass, denn es musste sehr spät sein. Er hatte das Gasthaus zum Heulenden Elend erst kurz vor Mitternacht betreten. In den Fenstern weniger Häuser war noch Licht, aber die meisten Bewohner Tanárs schliefen längst. Auch die Straße war unbeleuchtet, doch vom diesigen Nachthimmel schien der fast volle Mond auf die Stadt herab. Eine Weile folgte Wolf seinem eigenen langen Schatten.
Schon wieder nach Axthill, dachte er. Ob sie mich erwartet? Axthill war einer der ältesten Stadtteile und lag im Nordwesten Tanárs. Dort lebten fast ausschließlich Menschen, ein paar wenige Scherenschrecken und keine Streuner. Bis auf einen. Vielleicht konnte er den Rest der Nacht bei Lúpa verbringen.
Das Gelände stieg ein wenig an, und die Häuser rückten zusehends von der Straße ab. Schließlich mündete die Straße auf einen halbkreisförmigen Platz, dessen nördlich gelegene gerade Kante ein kunstvoll geschwungenes Geländer beschloss. In der Mitte des Platzes stand eine Steinsäule, auf der ein bronzener Greif thronte, das Wahrzeichen Tanárs. Das Regenwasser, das der Figur an den Augenwinkeln heruntergelaufen war, hatte eine grünliche Patina hinterlassen. Es sah aus, als weinte sie.
Wolf kannte den Ort. Vor vielen Jahrhunderten hatte Tanár hier aufgehört; heute grenzten an die teilweise noch sichtbare Linie der einstigen Mauer, jenseits des alten Verteidigungswalls, große, später hinzugekommene Viertel.
Dieser Platz war der klägliche Rest eines von zwölf Wachtürmen, die früher die Mauer verstärkt hatten und von denen inzwischen kaum mehr als die Fundamente übrig waren.
Er trat an das Geländer. Bei Tag bot sich einem hier eine herrliche Sicht über die Altstadt, wobei die Königsburg, das Parlamentsgebäude und die Verwaltungstürme besonders ins Auge stachen. Jetzt, in der Dunkelheit, sah man nur die Pracht- und die Königsstraße, die sich im Zentrum der Stadt kreuzten und deren Verlauf Tausende brennender Öllampen markierten. Alles andere verschwamm schemenhaft im Mondlicht.
Von der Altstadt wehte eine schwache Brise herüber, der sich Wolf dankbar entgegenreckte. Er atmete tief durch. Die ungewöhnliche Hitze in diesem Jahr machte allen Bewohnern der Stadt zu schaffen, doch seinesgleichen wohl am meisten.
Streuner konnten ihr Fell nicht einfach ablegen wie die Menschen ihre Hemden. Dafür waren sie aber auch niemals nackt wie sie.
Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, schaute auf die Altstadt hinab und wunderte sich darüber, dass die Lichter der beiden großen Straßen vor seinen Augen einen trägen Tanz aufführten.
Verflixtes Bier …
Er blickte zum Himmel hinauf. Die Mondgöttin tanzte nicht, hatte aber scheinbar eine Zwillingsschwester bekommen. Wolf verrenkte die Augen und gab sich alle Mühe, doch er schaffte es nicht, die beiden Monde zu einem einzigen zusammenzufügen. Warum sich nicht eine Weile irgendwo niederlassen und warten, bis die Folgen des Trinkgelages ein wenig abgeklungen waren? Entschlossen schwang er sich über das Geländer und kletterte ein Stück den Fels hinab.
Die Trümmer des alten Verteidigungswalls waren von Nesseln und kleinen Sträuchern überwuchert. Wolf erreichte eine Nische, über der sich eine junge Birke in alte Mauerreste krallte.
Dort ließ er sich nieder und betrachtete eine Weile den Himmel. Vielleicht sollte er ein Lied singen, wie es seine Artgenossen auf dem Lande noch regelmäßig zu tun pflegten. Die Lieder der Streuner hatten selten Worte, was gerade die Menschen oftmals befremdete. Doch hier, mehrere Steinwürfe vom nächsten Haus entfernt, war er ungestört. Was sollte er singen? Ein nie zuvor gehörtes Loblied auf die Mondgöttin? Ja, das war sicher eine gute Idee. Er holte Luft.
»Pst«, machte jemand über ihm.
Wie alle Streuner hatte Wolf äußerst scharfe Ohren. Er wusste sofort, aus welcher Richtung und Entfernung die Stimme kam.
Jemand stand am Geländer des Wachturmfundaments, ein Stück links von der Stelle, die direkt über ihm lag.
»Pst«, machte der Unbekannte erneut.
Ob man ihn beim Abstieg beobachtet hatte? Sollte er Antwort geben, sich womöglich rechtfertigen?
»Die Parole«, flüsterte von oben eine weitere Stimme, was ihm die Entscheidung ersparte. Offenbar gaben sich hier zwei Soldaten ein nächtliches Stelldichein. Wolf war selber einmal Soldat gewesen; Parolen und Rangordnungen waren ihm von damals bestens vertraut.
»Wir haben einen schönen Neumond«, sagte der Besitzer der ersten Stimme, vermutlich ein Mensch, in leierndem Tonfall. »Aber die Sonne steht im Zeichen des Schnitters«, gab der zweite zurück.
Was für eine seltsame Parole, dachte Wolf irritiert. Das konnten keine Soldaten sein. Er reckte die Nase und schnüffelte, so leise er konnte, doch vergeblich. Der leichte Wind aus der anderen Richtung machte es ihm unmöglich, die individuellen Gerüche der beiden Flüsternden wahrzunehmen.
»Müssen äußerst vorsichtig sein«, zischte derjenige, der zuletzt gesprochen hatte. »Ist in Aufruhr, das ganze Land, seit der ersten Mission. Wird deshalb länger leben als ursprünglich geplant, der König des Westens.«
Wolf horchte angespannt. Mit seiner etwas harscheren Aussprache mochte der Besitzer der Stimme ein Streuner sein. Seine merkwürdige Art, Sätze zu bilden, war Wolf allerdings vollkommen fremd.
Der andere lachte leise. »Aber nicht zu lange. Der Schnitter hat ja mit dem Aufruhr gerechnet! In der Zwischenzeit darf unter keinen Umständen ein Thronfolger für den Nordkönig bestimmt werden.«
»Wird nicht passieren. Mahlen langsam, die Ratsmühlen in Hauraro. Sind traditionelle Regeln zu befolgen, außerdem. Der Trauermonat, Kandidatenwahl, Senatsempfehlungen und so weiter. Ist Winter, bis ein Thronfolger vorgeschlagen werden kann. Und längst Geschichte, der Westkönig.«
»Hauraro«, sagte der Erste, und Wolf konnte förmlich sein Grinsen hören. »Wie ist es dort gelaufen?«
»Blendend.« Der Gefragte senkte die Stimme, bis sie kaum mehr als ein Flüstern war. Wolf verstand trotzdem jedes Wort. »Hast sie ja gehört, die Boten. War aber gar nicht so leicht, das alles. Musste improvisieren. Hab es hinterlassen, sein Zeichen, mit Blut an der Wand, wie er es wollte, der Schnitter. Hätte natürlich auch unbemerkt verschwinden können.«
Wolf glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Entweder hatte er diesmal eindeutig zu viel getrunken und sein Verstand spielte ihm einen Streich – oder er belauschte hier zwei Mörder. Die Mörder des Königs des Nordens!
»Was hatte Seine Majestät zu sagen?«, fragte der Erste mit vor Hohn triefender Stimme.
»Nicht viel. Wie denn auch? War schreckensbleich und brachte nichts heraus, keinen Ton. Wusste bestimmt, dass es das Letzte war, was er lebend zu sehen bekäme, mein Messer. Kam erst auf die Idee zu schreien, als ich loslegte mit der Arbeit. Hatte da aber schon keine Kehle mehr, der König. Hat geblutet wie ein Schwein und geröchelt und sich Zeit gelassen mit dem Sterben. Gab eine Mordssauerei. Nehme lieber wieder den Draht, nächstes Mal.«
Wolf hatte Mühe, sein aufgeregtes Keuchen zu unterdrücken.
»Wie du willst. Es ist spät …« Ein Rascheln ließ vermuten, dass der Erste seinen Mantel durchsuchte. »Hier, nimm. Das sind die Pläne des Palasts des Westens. Mit besten Grüßen vom Schnitter persönlich. Die Bezahlung erfolgt auf dem üblichen Weg.«
»Und hoffentlich pünktlich!«, brummte der andere unwirsch.
»Können Verzögerungen nicht ausstehen, ich und meine Leute. Solltet euch dieses Mal mehr Mühe geben. Wollen den Schnitter endlich persönlich treffen, meine Leute. Wann …«
»Überlasst das ihm selbst!«, unterbrach ihn der Erste scharf. »Du und deine Leute, ihr müsst euch so lange gedulden, bis er ein Treffen für notwendig befindet. Wenn alles läuft wie geplant, könnte das schon kurz nach der zweiten Mission der Fall sein. Wenn nicht, oder wenn ihr nicht spurt …«
Ein abruptes metallisches Zischen, als wäre eine Klinge aus der Scheide gerissen worden, schnitt ihm das Wort ab.
»Siehste das hier?«, stieß der andere in kaum unterdrückter Wut hervor. »Ist der Nordkönig dran verreckt. Hätte kein Problem, es nochmal einzusetzen, gegen freche Lakaien!« »Schon gut«, wehrte der Bedrohte eingeschüchtert ab, »also voraussichtlich nach der zweiten Mission. Vergiss die verabredete Strategie nicht. Hylándia soll untergehen. Wenn der Westen erst einmal sein Heer gegen den Süden mobilisiert, werden unsere Aktivitäten weniger auffallen.«
Wolf hörte, wie das Messer weggesteckt wurde.
»Wir treffen uns also in zwanzig Tagen in Téan Hu. Du und deine Leute, ihr solltet für uns leicht zu erkennen sein.
Wartet auf die übliche Nachricht bezüglich des Versammlungsortes und verhaltet euch bis dahin ruhig. Wenn der Plan des Schnitters gewissenhaft und ohne dumme Fragen ausgeführt wird, dann …«
»Alle sechs Könige«, fiel ihm der Zweite ins Wort. »Ist verdammt hochgegriffen, nicht?«
»Alle sieben«, wurde er verbessert. »Auch die Tage des Königs der Mitte sind gezählt. Ihn beseitigt der Schnitter persönlich, ganz am Schluss. Und dann bricht endlich ein neues Zeitalter an … Aber es ist spät. Nimm die Kehrstraße. Ich gehe kurz nach dir.«
»Es lebe der Schnitter«, murmelten sie gemeinsam, dann hörte Wolf, wie sich einer der beiden mit zügigen Schritten entfernte. Er spürte, dass der andere Verschwörer noch eine Weile am Geländer stehen blieb. Wolf bemühte sich, zwischen den Zweigen der Birke hindurch einen deutlichen Blick auf ihn zu werfen. Alles, was er sah, war eine dunkle Gestalt, deren Gesicht er unter einer tief heruntergezogenen Kapuze nicht erkennen konnte. Dann plötzlich war sie verschwunden, und Wolf blieb allein in seinem Versteck zurück. Er fröstelte.
Die Gasthäuser in Axthill hatten noch geöffnet. In der Goldenen Scheune, einer verrauchten Stube im Süden des Stadtteils, würfelten die Gäste um die Wette. Die Gewinner johlten beim Einstreichen ihrer Münzen, nur um sie gleich darauf für mehr Bier oder die Dienste sie anfeuernder Huren auszugeben. Und es wurde getrunken, dass die Wirtin kaum mit dem Ausschenken nachkam.
Niemand beachtete den schwarzen Streuner, der allein an einem Tisch abseits saß und in die Flamme der vor ihm stehenden Öllampe starrte. Wolf sah und hörte nicht, was um ihn herum vorging. Ihm war, als stünde für ihn die Zeit still, während die der Außenwelt mit doppelter Geschwindigkeit ablief:
Blicke, Gestalten, Worte flogen an ihm vorbei, ohne in seiner Wahrnehmung Kontur anzunehmen. Alles wurde verdrängt von zwei Stimmen, die sich seiner Erinnerung deutlich eingebrannt hatten.
Dann bricht endlich ein neues Zeitalter an, hallten ihm die Worte durch den Kopf. In zwanzig Tagen in Téan Hu …Wenn der Westen erst einmal sein Heer mobilisiert … geblutet wie ein Schwein … Die Sonne steht im Zeichen des Schnitters … Königsmörder! Seine Hände umklammerten den Becher Branntwein, den er sich bestellt hatte. Er spürte kaum, wie sich dabei die Nägel in sein Fleisch bohrten. Ein neues Zeitalter – sie hatten vor, die Herrschenden aller sieben Reiche Lesh-Tanárs umzubringen, den König der Mitte zuletzt. Wolf kannte sogar den Namen ihres Anführers. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Ihm schwindelte, wenn er daran dachte, was geschehen mochte, wenn die Verschwörer davon erfuhren … »Alle sechs Könige!«, triumphierte jemand lautstark hinter ihm, und Gelächter brandete auf.
Wolf fuhr herum, als hätte ihn eine Hornisse gestochen. Dabei fiel sein Becher um, und der Branntwein floss über den ganzen Tisch.
»Alle sieben!«, durchdrang eine hohe, dünne Stimme das Durcheinander. Die Männer verstummten überrascht. Eine Scherenschrecke vom Nebentisch erhob sich. Anklagend deutete sie auf einen Würfel, der offenbar auf den Boden gefallen war, und wandte sich an ihren Spielpartner. »Seht ihr? Alle sieben Könige. Du hast verloren, Bashan.«
Für einen Moment herrschte Stille, dann brach ein Tumult aus, als die Umstehenden von dem unglücklichen Verlierer ihre Einsätze zurückforderten. Wolf verstand – hier wurde die Würfelvariante von Sieben Könige gespielt. Ein amüsanter Zeitvertreib, vorausgesetzt, man verfügte über genügend Kleingeld.
»Gestattet Ihr, dass ich mich zu Euch setze?«, riss ihn die unverkennbare Stimme der Scherenschrecke aus seinen Gedanken. Sie war an seinen Tisch gekommen und betrachtete ihn neugierig.
»Ich spiele nicht«, brummte Wolf abwesend. Die Münzen in seinen Taschen sparte er sich lieber für ein Bier auf.
»Ich hab auch genug«, erwiderte die Schrecke, während sie vergnügt ihren Gewinn verstaute. »Mir ist nach Plaudern zumute. Streunern begegnet man nicht oft in Axthill. Wartet, ich hole uns etwas zu trinken.«
Sie kam mit zwei Bechern zurück und stellte einen vor Wolf auf den Tisch.
»Ich dachte, Ihr bleibt sicher bei Eurem Branntwein? Wohl bekomm′s.«
Wolf nickte anerkennend. Obwohl das Zeug in der Kehle brannte, genehmigte er es sich in großzügigen Schlucken. Dabei musterte er die Scherenschrecke. Wie immer war es ihm unmöglich zu bestimmen, ob er ein männliches oder ein weibliches Exemplar vor sich hatte. Scherenschrecken sahen alle gleich aus, und weder der Klang ihrer Stimmen noch ihr leicht stechender Geruch ließ eine Unterscheidung nach Geschlechtern zu.
»Ich heiße Rikkulin«, sagte sein Gesprächspartner und nippte kurz an dem Becher, den er beständig von einer seiner vier vielgliedrigen Hände an die nächste weiterreichte. »Und – hm, ein guter Tropfen – wie lautet Euer Name, wenn ich fragen darf?«
Dem Namen nach musste Rikkulin männlich sein. Wie alle Scherenschrecken hatte er entfernte Ähnlichkeit mit einer Vogelscheuche, der eine geöffnete Schere verkehrtherum auf der Nase saß. Scherenschrecken trugen Brillen, die ihre Augen ins Überdimensionale vergrößerten; die »Klingen«, die von ihrer Nase aus weit nach unten abstanden, waren in Wirklichkeit lange Schnurrbärte. Scherenschrecken gingen aufrecht und wedelten mit ihren vier Armen unablässig in der Gegend herum. Ihre Haut war fahl und spärlich von stracken schwarzen Härchen bewachsen, ähnlich dem Körper einer großen Spinne.
Dank ihrer dürren, insektenhaften Gestalt gab es keine Lücke, durch die sie nicht hindurchpassten, und bei aller Zerbrechlichkeit sagte man ihnen ungeahnte Körperkräfte nach. Da sie keine Farben unterscheiden konnten, kleideten sie sich in abenteuerlich zusammengewürfelte Stoffe. Nicht so Rikkulin: Er trug ein dunkelblaues Gewand, ein himmelblaues Halstuch und einen azurblauen Hut auf dem Kopf.
»Nun, Ihr müsst es mir nicht sagen. Dass Streuner für gewöhnlich eher wortkarger Natur sind, weiß ich schon länger – genauso übrigens, dass sie dem nächsten Becher niemals abgeneigt sind.« Er lächelte und prostete Wolf erneut zu. »Ich hoffe, das Zeug schmeckt Euch wenigstens. Geht aufs Haus. Ich habe heute Abend so viel Geld erspielt, dass Frau Wirtin sich veranlasst sah, einen auszugeben, um ihre Gäste bei Laune zu halten. Die nächste Runde werde ich dann selber bezahlen, um meinerseits Frau Wirtin bei Laune zu halten. Nicht dass sie mir noch Hausverbot erteilt. Schade übrigens, dass Ihr nicht auch eine Partie wagen wolltet. Mein Triumph am Schluss hat selbst Euch überrascht, nicht wahr? Ich meine das mit den sieben Königen auf einen Streich – das hat vor mir noch keiner geschafft, nicht einmal der legendäre Würfelspieler Raffazin Scherenschreck von Tanár.«
»Ich habe …«, begann Wolf.
»… kein Geld, das sieht man«, fiel ihm Rikkulin lächelnd ins Wort. »Aber macht Euch deswegen keine Sorgen. Ich lade Euch ein, und während Ihr Euch stärkt, können wir einfach weiterplaudern. Ihr seid ein fabelhafter Gesprächspartner. Wusstet Ihr, dass Streuner zu den verständigsten Wesen überhaupt gehören? Nein? Das muss Euch nicht peinlich sein – kaum jemand weiß das. Dabei vollzieht sich die weitgehend unerforschte Streunerkommunikation dank dreier wesentlicher, kritischer Faktoren: Ihr unbeirrbares Schweigen bricht erst einmal das Eis; ihre phänomenale Trinkfestigkeit gewährleistet eine lange, angeregte Gesprächsphase; und ihre großen, spitzen, nach vorne gerichteten Ohren signalisieren ihrem Gegenüber stete Bereitschaft, Neues aufzunehmen.«
Ratlos schüttete Wolf den dritten Becher Branntwein in sich hinein.
»Ein Streunerkopf ist nie voll, sozusagen«, dozierte Rikkulin und zwirbelte seinen Schnurrbart, »genauso wenig wie sein Magen übrigens. Daneben gibt es natürlich noch ein paar weitere wichtige Voraussetzungen, die Streuner zu unverzichtbaren Gesprächsteilnehmern machen. So zum Beispiel ihr liebenswert verständnisloser Blick – womit ich natürlich keineswegs sagen möchte, dass Ihr mich nicht versteht, aber auch Eure Augen haben etwas Treues, Einfühlsames, was beispielsweise uns Scherenschrecken, aber auch den Menschen, im Laufe der Zeit abhanden gekommen sein muss …«
Was für ein verfluchter Schwätzer, dachte Wolf entnervt, während er den fünften Becher an seine Lippen führte. Nur gut für ihn, dass er bei all diesem Gebrabbel über Streuner und ihren treuen Blick nicht das Wort Hund in den Mund nimmt. Er leerte den Branntwein in einem Zug, knallte den Becher auf den Tisch und grinste Rikkulin mordlüstern an.
»Schmeckt gut, was?«, unterbrach dieser seinen eigenen Redeschwall. »Wartet, ich werde Frau Wirtin Bescheid geben, dass sie Euch noch mehr bringen soll. Freut Euch nur ungeniert über sämtlichen Nachschub, ich genieße es, wenn mir jemand wie Ihr … Aber – aber wo wollt Ihr denn hin?«
Wolf war aufgestanden, um der Wirtin zu sagen, dass es genug sei. Doch der Boden schwankte so sehr unter seinen Füßen, dass er sich rasch wieder setzte.
»Gut so, mein Freund. Es ist ohnehin zu spät, um noch auszugehen. In diesen unwägbaren Zeiten kann man nie wissen, was für Gelichter sich in den Straßen herumtreibt, zumal so spät in der Nacht. Und obwohl es heißt, Streuner seien mutig und wehrhaft, möchte ich es doch nicht verantworten, dass Ihr Euch meinetwegen in Gefahr begebt. Versteht Ihr?«
Rikkulins Worte drangen zwar an seine Ohren, doch ihr Sinn erschloss sich Wolf nicht mehr. Nach dem siebten Becher Branntwein fühlte es sich an, als schwankte sogar der Stuhl, auf dem er saß. Rikkulin schien sich in undurchsichtige Schleier gehüllt zu haben. Was immer die Scherenschrecke sagte, mischte sich mit den anderen Geräuschen in der Schenke zu einem undefinierbaren Rauschen.
Bis Wolf beschloss, selbst das Wort zu ergreifen. Da schwieg Rikkulin und hörte hinter Schleiern und Brille äußerst aufmerksam zu. Das Nächste, was Wolf wusste, war, dass er den Becher und sein Gleichgewicht verlor. In jener Nacht war es auch das Letzte.
Er erwachte an hämmernden Schmerzen in seinem Schädel. Helles Licht durchflutete den Raum. Er drehte sich auf den Bauch. Der Untergrund fühlte sich viel weicher an als sein eigenes Strohlager in Ost-Tanár. Ein berauschender Duft nach gebratenem Speck und Röstkáwha stieg ihm in die Nase. Sein Magen knurrte. Er wusste, dass er nicht mehr einschlafen würde.
Aber wo war er?
Wolf richtete sich auf und sah sich um. Er befand sich immer noch in Axthill – in einer wohlvertrauten Dachkammer.
Wie bin ich hierhergekommen? Ratlos kratzte er sich am Kinn, dann streckte er sich ausgiebig. Sowohl sein Kopf als auch der widerlich saure Geschmack, der ihm auf der Zunge lag, gemahnten ihn an die Fehltritte der vergangenen Nacht; von der kolossalen Gedächtnislücke ganz zu schweigen. Durch die beiden Giebelfenster fielen die Strahlen einer hoch am Himmel stehenden Sonne.
»Guten Morgen«, sagte eine Stimme, deren Klang ihn stets von neuem zu betören verstand.
Er blickte zur Tür. Seine Gastgeberin war eingetreten. Sie trug ein hellgrünes Gewand, das eindeutig nicht für sie, sondern für eine Menschenfrau gemacht war. Die Farbe passte irgendwie gut zu ihrem rotbraunen Fell.
»Gut geschlafen?« Sie musterte ihn mit belustigtem Funkeln in den Augen.
»Wie spät ist es?«, fragte er gähnend.
»Fast Mittag. Wie wär′s mit Frühstück?«
»Wann bin ich hergekommen? Und wie?«
»Das Wann vergessen wir mal lieber«, erwiderte Lúpa. »Eine Scherenschrecke namens Rikkulin hat dich hergebracht. Er redete in einem fort. Ich konnte ihm nicht einmal klarmachen, dass ich dich kenne. Es wäre ein Wunder, wenn er überhaupt gehört hat, dass ich ›Gute Nacht‹ sagte, als er wieder ging.« »Hat er Geld verlangt?«
»Wolf! Was soll das Verhör? Reicht es dir nicht zu wissen, dass du die Nacht an meiner Brust geschnarcht hast und leider zu betrunken warst, um es zu bemerken?«
Er schwieg betreten.
»Also? Hast du keinen Hunger?« Lachend verschwand Lúpa in der Küche. Sein Blick hing an ihren Schultern. Ihr Gang war von nahezu menschlicher Geradlinigkeit. Er kratzte sich unter der linken Achsel, erhob sich und schlurfte ihr hinterher.
»Ich habe nicht viel Zeit«, sagte sie entschuldigend. »Unten warten schon die nächsten drei Kranken auf mich. Setz dich.« »Ohne Begrüßung?«
»Wir kennen uns doch schon so lange, Wolf.«
»Gerade deshalb sollten wir nicht darauf verzichten.« Sie seufzte, hielt jedoch bereitwillig inne, um seinem Wunsch nachzukommen.
Als Streuner schätzte Wolf die traditionelle Begrüßung seines Volkes, bei der man sich für einen Augenblick mit den Nasenspitzen berührte, sich des lebendigen Atems des jeweils anderen vergewisserte und seine persönliche Duftnote erschnupperte. Die Begrüßung der Menschen – sie packten sich gegenseitig beim Unterarm – oder der Scherenschrecken – die einander mit den Fingerspitzen die rechte Seite des Schnurrbarts zwirbelten – kamen ihm dagegen sinnlos und heuchlerisch vor.
Lúpa ließ ihm Zeit. Er erkannte ihren Duft sofort. Das Kecke, Direkte, Verspielte darin. Vor allem das Weibliche. Er wich zur Seite aus und schnupperte an ihrer Wange. Sie schnaubte leise. Mit beiden Armen umfasste er ihre Hüfte und drückte seine Nase zärtlich in das dichte Fell an der Seite ihres Halses. Unter der Berührung sträubte es sich, und Lúpa legte genießerisch die Ohren an. Tief sog er ihren Duft ein. Sie hatte extra für ihn Rosenharz aufgelegt, ein teures Öl, das die Menschen für ihre Frauen her stellten.
»Danke für die Aufnahme eines Gestrandeten«, flüsterte er. »So poetisch heute?« Lúpa lachte wieder und entwand sich seinem Griff. »Der viele Branntwein muss deinen Geist beflügelt haben. Lass es dir schmecken.«
Auf dem kleinen Holztisch standen neben zwei tönernen Gedecken die Eisenpfanne mit dem gebratenen Speck und eine Schüssel mit Fladenbroten, Obst und hartgekochten Eiern. Mit einer anmutig fließenden Bewegung goss Lúpa schwarzen, würzig duftenden Káwha in die beiden Becher.
»Wenn′s nur der Branntwein gewesen wäre …«, brummte Wolf und nahm Platz, obwohl das Frühstück seinetwegen ruhig noch hätte warten können. Er verspürte eine ganz andere Art von Hunger, jetzt, wo er bei Lúpa war. Wenigstens war der Káwha brühheiß und sehr stark, genau wie er ihn mochte. Das Zeug half gegen die Kopfschmerzen.
»Sag bloß, du warst nicht den ganzen Abend in der Goldenen Scheune?«, fragte sie, nachdem sie die Kanne weggestellt hatte.
»Das hätte ich mir wohl kaum leisten können«, gab er kauend zurück. »Nein, davor war ich da, wo ich immer bin.«
»Du hast mir nie verraten, wo das genau ist.«
»Ist ja auch nicht wichtig.«
»Und wen du dort triffst, weiß ich auch nicht.«
»Keine Streuner, falls du das denkst. Ich meine, keine Streunerinnen.«
Sie musterte ihn eindringlich, dann sagte sie mit plötzlich sehr weicher Stimme: »Versprich mir, dass du es mir irgendwann sagst. Stell dir vor, es geht dir einmal wieder wie gestern Nacht, ich meine, dass du Hilfe brauchst, und ich weiß nicht, wo du …«
»Es ging mir noch nie wie gestern Nacht«, sagte er lauter als nötig, »und das wird es auch nie mehr!«
Lúpa schlug die Augen nieder und biss geräuschvoll in einen Flaumapfel.
»Ich wollte eigentlich gar nicht in die Goldene Scheune«, fuhr er in versöhnlichem Tonfall fort. »Aber auf dem Weg zu dir … habe ich etwas sehr Merkwürdiges er lebt. Das konnte ich nicht so einfach weg stecken.« Flüchtig bemerkte er Lúpas fragenden Blick. »Ich kann dir nicht davon erzählen. Es ist furchtbar … und …«
»Ach, Wolf«, unterbrach sie ihn, »seit gestern bist du ein Jahr älter …« Der Blick ihrer hellbraunen Augen ruhte liebevoll auf ihm. »Aber du bist deshalb nicht klüger als zuvor.«
Achtundzwanzig, na und?, dachte er. Aber wenn die beiden am Wachturm mich entdeckt hätten …
Laut sagte er: »Du verstehst mich nicht. Ich habe zufällig … erfahren, dass bald ein neues, schreckliches Zeitalter anbrechen wird. Eins, das mit Blut erkämpft und mit Frieden und Freiheit bezahlt werden wird. Und ich bin der Einzige, der davon weiß. Es …«
»Wolf«, sagte Lúpa leise, doch selbst ein Flüstern hätte gereicht, um ihn verstummen zu lassen.
»Du glaubst mir nicht?«
»Wie könnte ich? Du warst völlig betrunken.«
Abrupt sprang Wolf auf und trat ans Fenster. Er spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Unten im Brunnenhof spielten drei Menschenkinder mit einem jungen Hund. Ihre ausgelassenen Rufe und das Gekläff des Welpen drangen zu ihnen herauf.
»Siehst du sie? In Tanár können die Kinder fast überall auf den Straßen spielen. Wir leben in Frieden. Noch. Du weißt, was vor zehn Tagen aus Hauraro berichtet wurde.«
Lúpa, die zu ihm ans Fenster gekommen war, nickte. »Der Nordkönig ist gestorben.«
»Er ist nicht einfach gestorben. Man hat ihn umgebracht!«
»Sein Barbier soll es gewesen sein.«
»Er war es aber nicht!«
»Was macht das schon? Bald wird in Hauraro ein Nachfolger auf dem Thron sitzen. Das Gerede wird sich legen, und die Unsicherheit auch.«
Verrat
Auf dem Heimweg nahm Wolf sich vor, Lúpa alles zu erzählen, sobald er mit ihr und dem Mond alleine wäre. Doch jetzt musste er erst einmal zu Hause nach dem Rechten sehen. Er ging durch die Straßen von Axthill und fühlte sich fehl am Platze.
Streuner sah man hier selten, und obwohl man sie aus anderen Teilen Tanárs kannte, weckte ihr Anblick bei vielen Misstrauen und sogar Angst. Zwar hatten Wolfs Artgenossen viel mit den Menschen gemein. Sie diskutierten, arbeiteten, lachten, liebten oder frönten dem Bier und den Spielkarten. Aber ihr Äußeres zeugte von wilder Urtümlichkeit, von Stärke und unberechenbarer Kampfeslust. Dies war vor allem ihrem Fell zu verdanken, aber auch ihren Füßen, die starke Ähnlichkeit mit Bärentatzen hatten; ihren fellbewachsenen Händen mit krallenartigen Nägeln an den Fingern; dem buschigen Schwanz, dessen vermeintlich unkontrollierte Bewegungen die meisten Menschen nicht zu deuten wussten; und nicht zuletzt dem Kopf, der aussah wie der eines Wolfes oder wilden Hundes, mit aufgestellten Ohren, langgezogener Schnauze, spärlichen Schnurrhaaren und einem Maul, das vier spitze Reißzähne und dahinter lange Reihen weiterer scharfer Kauwerkzeuge beherbergte.
Die wenigsten Streuner trugen Stiefel oder Handschuhe.
Männliche Streuner hatten außer ihrem Fell meist nichts als schlichte, über den Knien endende Lederhosen am Leib.
Streunerinnen trugen gern lange Gewänder aus Leinen oder Seide. Bleckte ein Streuner die Zähne, ließ man ihn besser in Ruhe. Fing er an zu knurren, fürchteten sich die meisten bis ins Mark. War er außerdem bewaffnet und hatte Grund dazu, wütend zu sein, so brachten sie sich vorsichtshalber in Sicherheit.
Viele Streuner wurden Soldaten; man sagte ihnen nach, ohne Skrupel oder Reue zu kämpfen und zu töten. Ansonsten verrichteten sie meist grobe Arbeiten, waren Schlosser, Mechaniker, Schmiede, Kutscher, Stallknechte, Tischler, Schiffer, Heizer oder Bauarbeiter. Wolf hatte in seiner militärischen Ausbildung viel gelernt, was er nicht missen wollte, war jedoch erst durch seine Tätigkeit als Tischler mit seiner Berufung und ihren Auswirkungen auf sein Leben ins Reine gekommen.
Außerdem ging er ausgesprochen gern mit Holz um. Ins Sägen und Hobeln, Schleifen und Ausdübeln, Fügen und Verleimen konnte er sich stundenlang vertiefen, zumal ohne dabei viel reden zu müssen oder ständig angeherrscht zu werden. Wenn dann Stuhl, Tisch, Regal oder Truhe, bisweilen auch größere Dinge wie ein Satz Streben oder Dachbalken, fertig waren, erfüllte ihn stets ein Gefühl satter Zufriedenheit. Von seinem Fleiß zeugten die Schwielen an seinen Händen.
Er erreichte den alten Verteidigungswall. Je weiter man in Richtung des Herzens von Tanár – des königlichen Palastes mit seiner Messingkuppel – vorstieß, desto wuchtiger und prächtiger wurden die Bauwerke. Die wenigen Bäume, die es hier noch gab, wurzelten in durch Eisenketten abgezäunten Kiesbetten. Hier wohnten die wohlhabendsten und einflussreichsten Bürger Tanárs: Senatoren, Grundbesitzer, Bauherren, Skriptoren, Landvermesser, Parlamentarier und Gelehrte aller Disziplinen.
Wolf ging nördlich am Königspalast vorbei. Wie immer patrouillierten Dutzende von Wachen das Gelände. Ihre Zahl war seit dem Tod des Nordkönigs auf das Doppelte aufgestockt worden. Sie machten sich einen Spaß daraus, Passanten zu kontrollieren, was auf eine demütigende Befragung und Durchsuchung hinauslief. Streuner und Scherenschrecken ließen die Wachen zwar gewöhnlich in Ruhe, aber man gab ihnen besser keinen Grund, Verdacht zu schöpfen – wie der ältliche Mensch, der gerade halbnackt Liegestütze machen musste, umringt von einer Gruppe lachender Soldaten, die derweil mit ihren Waffen sein Gewand zerfetzten.
Wolf erreichte die Prachtstraße und folgte ihr nach Osten. Wie immer herrschte hier reges Treiben. In beiden Richtungen waren unzählige Pferdekutschen, Sänften und Fußgänger unterwegs.
Eselskarren transportierten Waren, manche auch, wie er an ihrem öden Geruch erkannte, abgedeckten Unrat. Lärm brandete auf ihn ein. Er legte die Ohren an, was die Geräusche nur bedingt dämpfte.
Wird Zeit, dass ich heimkomme, dachte er.
Ost-Tanár, das war seine Heimat. Hier hatte er bald eine neue Bleibe gefunden, nachdem er von zu Hause fortgegangen war.
Vierzehn Jahre war das her. Seither lebte er in der kleinen Holzhütte am Stadtrand, die er sich damals mit Hilfe einiger Freunde gezimmert und nach und nach wohnlich eingerichtet hatte.
Er liebte diese Hütte, obwohl sie ihm im Laufe der Jahre etwas zu klein geworden war. Er liebte ihre Lage, selbst wenn an heißen Sommerabenden Schwärme von Stechmücken aus dem östlichen Sumpfland blutsaugend über das ganze Viertel herfielen. Er liebte das Knarren der alten Balken, wenn der Nachtwind über Ost-Tanár hinwegfegte, den Duft des Holzes und den seines Lagers.
Zu schade, dass Lúpa all dem rein gar nichts abgewinnen konnte! Ihr waren die Hütte zu eng und das Lager zu stachelig, und sie hasste Mücken und knarrende Balken. Dabei stammte sie aus Ost-Tanár und kannte die meisten von Wolfs Nachbarn.
In zu vielen Dingen unterschied sie sich aber wohl von ihnen.
Nur deshalb konnte sie schon in jungen Jahren fortgegangen sein, um allein in Axthill zu wohnen und bei einem Heiler in die Lehre zu gehen, der sie zunächst verspottet hatte, als sie ihm ihr Anliegen vortrug. Eine Streunerin, die sich um Menschenfrauen kümmern wollte? Hatte man so etwas schon gehört! Doch als er sie voller Häme anwies, ihm versuchsweise einen Kräuterverband anzulegen, überzeugte ihn Lúpa, dass ihre geschickten, sanften Finger für den Heilberuf wie geschaffen waren. Sie wurde seine beste Schülerin. Kurz bevor er vor einigen Jahren gestorben war, hatte er sie zu seiner Nachfolgerin ernannt. Heute strömten die reichen Bürgerinnen Axthills in Scharen zu ihr – vielleicht, weil sie einer Streunerin gegenüber weniger Scham empfanden.
»Wie geht′s deinem Mädchen?«, wollte Graubart, Wolfs nächster Nachbar, wissen, kaum dass er ihn nasenreibend begrüßt hatte. Graubart war ein schmächtiger Streuner mit struppigem Fell, der vielleicht sechzig Jahre auf dem Buckel hatte. Er pflegte oft vor seiner Hütte zu sitzen, seit er nicht mehr in der Eisengießerei arbeitete. Sein Atem wies stets eine fischige Note auf, die Wolf mit den Jahren als Teil der Vertrautheit Ost-Tanárs zu schätzen gelernt hatte.
»Gut«, sagte er.
»Hat sie nach mir gefragt?«
»Ja«, log Wolf. »Sie wollte wissen, wie die Fische beißen, nachdem ich ihr erzählt habe, dass du neuerdings so gerne angelst.«
Graubarts Augen funkelten. »Du Schlingel. Ich kenne doch unsere kleine Lúpa von früher. Nichts interessiert sie weniger als Ackerbau, Viehzucht oder Fische!« Er lachte und räusperte sich zugleich.
»Hast Recht. Ich wollte dir eine Freude machen.«
»Dafür hast du dir dein Abendessen verdient. Ich hab dir geräucherte Saiblinge mitgebracht, sie hängen an deiner Tür.
Und auch einen Schluck Wein, den ich dir schon gestern geben wollte, aber du warst ja den ganzen Tag unterwegs. Lass es dir schmecken.«
Wolf freute sich mehr, als er zeigen konnte.
»Wenn es dich nicht gäbe …!«
»Dann gäbe es eben jemand anderen. Nun geh schon, du hast bestimmt Hunger. Und schlaf gut! Du musst ja morgen wieder arbeiten, während ich nur hier sitzen und die Stunden zählen kann.« Er klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter.
Nicht nur altersmäßig hätte Graubart sein Vater sein können, überlegte Wolf gedankenverloren, als er es sich in seiner eigenen Hütte bequem gemacht hatte. Seit jeher legte sein Nachbar eine geradezu rührende Fürsorge an den Tag. Graubarts Familie hatte sich in alle Winde zerstreut; bestimmt fühlte er sich einsam. Lúpa hatte irgendwann einmal erzählt, die Mutter seiner Kinder habe ihn schon vor Jahren verlassen.
Hoffentlich geht es mir nicht auch einmal so, dachte er und nahm sich vor, alles dafür zu tun, dass Lúpa niemals einen Grund hätte, ihn zu verstoßen. Was wohl die Zukunft bringen mag? Während er Sauerbrot und unzählige Fische von dem Bündel in sich hineinstopfte, das Graubart ihm überlassen hatte, hing er diesem Gedanken eine Weile nach – bis ihm das belauschte Gespräch der letzten Nacht wieder in den Sinn kam.
Wer wohl dieser Schnitter war – ob er womöglich aus Tanár stammte, in der Stadt wohnte und tagsüber, wie jeder andere auch, unauffällig einer normalen Arbeit nachging? Und wie viele Untergebene mochte er haben, die nur auf seinen Befehl warteten, loszuschlagen und das neue Zeitalter einzuläuten? Unwillkürlich malte sich Wolf das Unheil aus, das nach dem Tod des letzten Königs, König Durban des Achtzehnten, über Tanár hereinbrechen würde. Der Schnitter würde seine gesamte Streitmacht aufbieten, um die Stadt und das ganze Land zu unterjochen. Ihm verging der Appetit. Mit dem Tod des Königs der Mitte würde eine Epoche beginnen, in der es keine Regeln, kein Mitgefühl und keine Sicherheit mehr gab. Flüsse würden austrocknen, Felder verdorren und ganze Ernten ausbleiben. Einhellig warnten die Gelehrten vor solchen Szenarien, wobei sie sich auf einflussreiche Historiker beriefen, die behaupteten, die Verbindung von Wohlstand und Frieden in Lesh-Tanár mit dem Blühen und Gedeihen der Königsfamilien nachgewiesen zu haben.
Wer konnte wissen, was dran war an solchen Prophezeiungen der Gelehrten, kluger Männer, die ihr Leben der Wissenschaft verschrieben hatten? Selbst wenn sie nicht Recht behalten sollten, wäre bestimmt nirgends mehr ein friedliches Zusammenleben möglich, wenn der Schnitter erst sein Ziel erreichte.
Nein, so weit konnte, so weit durfte Wolf es nicht kommen lassen. Er war schließlich der unentdeckte Mitwisser, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war. Seine Pflicht war es, all das Grässliche, was seiner Stadt und dem ganzen Land bevorstand, zu verhindern. Ihm war eine Idee gekommen. Er würde darüber schlafen und sie am nächsten Tag in die Tat umsetzen. Alles andere konnte warten. Er musste den Plan des Schnitters vereiteln, die sechs verbliebenen Könige retten und Lesh-Tanár vor dem Chaos bewahren.
Er hatte einen bedrückenden Traum. Schwarze, leere Fensterhöhlen starrten ihn an, während er auf den Palast zuschritt. Das Tor stand offen, und Wolf konnte den Schnitter hineingehen sehen. Verzweifelt versuchte er zu rennen, ihn einzuholen, doch seine Füße schienen festzustecken wie in dem saugenden Schlick am Flussufer, in den er als Welpe einmal geraten war. Er würde zu spät kommen. Tanár würde untergehen. Mit aller Gewalt riss er seine Füße aus dem Schlamm, doch als er sie frei bekommen hatte, stand der Palast in Flammen. Im nächsten Augenblick war er selbst der Schnitter und schlich durch die brennenden Flure hinauf in den Thronsaal, den Griff des blutigen Messers fest umklammert, um seine letzte Mission zu erfüllen …
Er erwachte schweißgebadet. Es war noch dunkel. Keuchend stand er auf, öffnete die Tür und genoss einige Atemzüge lang die frische Nachtluft. Graubart und seine anderen Nachbarn schliefen noch, doch irgendwo in der Nähe krähte ein Hahn.
Wolf brauchte kein deutlicheres Signal. Er schnappte sich frische Beinkleider und ein Handtuch und ging zum Brunnen, um sich ausgiebig zu waschen. Das kalte Wasser, das aus der schnabelförmigen Öffnung schoss, war wunderbar erfrischend.
Zuletzt sperrte er den Rachen auf, spülte Zunge und Zähne und trank, so viel er konnte. Als er fertig war, rieb er sich das Fell trocken, schüttelte sich sorgfältig und schlüpfte in die Hose.
Noch bevor es dämmerte, hatte Wolf wieder seine Hütte erreicht. Die Lederstiefel, die er vor Jahren erstanden hatte, um sie in der Kaserne zu tragen, passten ihm noch wie angegossen. Er bürstete den Staub ab und bedauerte, dass er seine Soldatenuniform und sein Schwert damals nicht auch behalten hatte. Jetzt hätte er beides gut gebrauchen können.
Schließlich stellte er sich vor die halb blind gewordene Messingplatte, die auf Lúpas Drängen hin einmal angeschafft worden war.
Ja, so habe ich eine Chance, dachte er zufrieden, während er sein Spiegelbild kritisch musterte. Durch das Waschen hatte sich sein Fell gleichmäßig aufgeplustert. Seine braunen Augen blitzten wach und entschlossen. Er fletschte die Zähne. Auch sie blitzten, weiß und scharf. Er spannte die Armmuskeln und ballte die Fäuste. Ja, damit würde er die Wachen vor dem Palast überzeugen und Hauptmann Rówans Gedächtnis notfalls auf die Sprünge helfen können.
Wolf machte sich keine Illusionen hinsichtlich seiner Aussichten darauf, als Normalbürger Zutritt zum Palast zu erhalten oder gar zum König vorgelassen zu werden. Aber er wusste, wie die Palastwache normalerweise mit Randalierern verfuhr: Sie wurden festgenommen und Hauptmann Rówan vorgeführt, der sie für den Rest des Tages in den Kerker sperrte. Wolf hatte natürlich nicht vor, im Kerker zu landen, schließlich kannte Rówan ihn von früher. Sein alter Vorgesetzter war ein wichtiger Teil seines gewagten Plans. Ihn zu treffen war fast so aussichtslos, wie eine Audienz beim König zu erbitten. Wolf würde sich buchstäblich zu ihm durchschlagen müssen.
Noch vor Sonnenaufgang erreichte er die Triumphbrücke. Seine Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster unnatürlich laut wider. So früh am Morgen waren die Straßen Tanárs wie leergefegt. Er begegnete kaum jemandem außer zwei menschlichen Bettlern, die ihm aus dem Weg gingen, einem Nachtwächter, der mit dem Löschen der Öllampen beschäftigt war, und einer Scherenschrecke, die unterhalb der Brücke ihre Angeln ausgeworfen hatte.
Die Marktstraße war ein wenig belebter: Hier bauten die Verkäufer bereits ihre Stände auf. Eine Querstraße weiter sah Wolf einen Mann, der einen Karren mit unförmigen und offenbar recht schweren Säcken belud, die er mit Kalk bedeckte. Er wandte den Blick von dem Totengräber ab und beeilte sich weiterzugehen.
Als er den östlichsten Verwaltungsturm erreicht hatte, schickte die Sonne ihr erstes trübes Morgenlicht über die Dächer. Es war diesig, Wolf konnte den herannahenden Regen riechen. Bald erreichte er den Großen Platz. Der Klang seiner Schritte wurde seltsam hohl, als er die Marmorplatten betrat, die das gesamte Areal im Herzen der Hauptstadt bedeckten. Wolf wandte sich nach links.
Vor dem südlich gelegenen, erhöhten Eingangsportal des Palasts befand sich ein riesiger Springbrunnen. Das Wasser der Fontäne ergoss sich über mehrere, nach unten größer werdende Schalen.
Über den Platz verteilt standen steinerne Kübel mit fremdartigen Nadelgewächsen, die das ganze Jahr über leuchtend rote Blüten trugen.
Der Palast war asymmetrisch angelegt. Von außen sprang die Kuppel des hinteren Teils ins Auge, auf deren Spitze eine rote Fahne mit dem Greif wehte. Davor befand sich das hufeisenförmige Hauptgebäude mit seiner prächtigen, mehrstöckigen Fassade und dem perlmuttbesetzten Eingangsportal in der Mitte. Rechts davon stand ein klobiger quadratischer Wachturm, auf der linken Seite zog sich die Mauer mit dem eisenbeschlagenen Rundbogentor entlang, hinter dem der Palastgarten lag.
Beherzt steuerte Wolf auf die erste Treppe zum Palastportal zu. Selbst zu so früher Stunde war der Große Platz voller Wachen. Sie trugen dunkle Hemden mit dem Wappen Tanárs auf der Brust; das schwarze Leder ihrer Hosen und Stiefel glänzte wie blankpoliert. Ihre Bewaffnung bestand aus Schlagstöcken, Kurzschwertern und Reitsporen. Diejenigen, die direkt vor den Toren oder an der Palastmauer postiert waren, trugen Helme und Lanzen.
Viel zu tun gab es anscheinend nicht; manche Wachen gähnten gelangweilt. Doch der gestiefelte Streuner, der hier nichts zu suchen hatte, war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Wolf war kaum um den Springbrunnen herumgegangen, da bauten sich vor ihm auch schon zwei der Wachhabenden auf.
»Nun, wohin so eilig, Herr Streuner?«, begann der eine und blickte ihn aus hellen, stechenden Augen unfreundlich an. Sein schwitzender Körper war selbst auf fünf Schritte Entfernung deutlich zu riechen. »Hast du den Weg verloren oder bist du nur so am … Herumstreunen?«
»Ich habe den Weg nicht verloren«, erwiderte Wolf und dehnte knackend seine Schultern. »Ich weiß genau, wo ich hin will.« »Dann hast du dir eine denkbar schlechte Route ausgesucht«, sagte der zweite Wachmann. »Das hier ist Sperrgebiet!«
»Sperrgebiet oder nicht, ich muss hier durch. Und du, Gefreitengroßmaul, wirst mich nicht aufhalten. Bring mich am besten gleich zu Hauptmann Rówan, es sei denn, du hast Lust auf eine blutige Nase.«
Die beiden Männer warfen sich einen warnenden Blick zu.
»Troll dich lieber, du verlauster Bettvorleger, wenn du nicht den restlichen Tag im Burgverlies verbringen willst!«, herrschte der erste ihn an. »Hau ab, worauf wartest du?« Ein paar andere Wachen waren auf die Auseinandersetzung aufmerksam geworden.
»Darauf, dass du dich entschuldigst, du Stinktier«, entgegnete Wolf. »Ich habe nämlich eine wichtige Botschaft für den König, die nicht warten kann.«
Hinter den beiden Wachleuten näherten sich ein paar ihrer Kameraden, die Hände locker auf die Griffe ihrer Schlagstöcke gelegt.
»Der König könnte jemanden wie dich höchstens als Vorkoster gebrauchen«, erwiderte der erste Wachmann. »Das ist es doch, was ihr Streuner am besten könnt: Fressen und Saufen!« Gelächter.
»Ruhig, Männer«, rief der zweite Wachmann, der sich breitbeinig hingestellt hatte. »Wir wollen doch niemanden grundlos zornig machen.« An Wolf gewandt, fuhr er mit einer höhnischen Verbeugung fort: »Du hast also eine Botschaft für den König, edler Fremder? Wie lautet sie?«
»Sie lautet: In jedem Schweinestall herrscht süßer Wohlgeruch im Vergleich zum Schlafsaal der Palastwache!«
»Was bildest du dir eigentlich ein, Freundchen?«, rief der erste Wachmann wütend und drückte Wolf die flache Hand vor die Brust.
Er reagierte blitzschnell, packte das Handgelenk und drehte es mit einem Ruck nach außen. Der Wachmann krümmte sich vor Schmerz und rief seine Kameraden zu Hilfe. Gleichzeitig stürmte der zweite auf Wolf zu, ohne auf den Kinnhaken vorbereitet zu sein, der ihn auf halbem Wege niederstreckte. »Schwächlinge!«, rief Wolf grimmig, während drei andere Wachleute sich ihm näherten.
Behende kletterte er auf den Rand der untersten Springbrunnenschale und tauchte beide Hände in das kalte Wasser. Der erste Angreifer bekam den Schwall ins Gesicht, der zweite hatte weniger Glück: Wolfs Stiefelkappe traf ihn hart am Schlüsselbein. Er kippte zur Seite weg und krachte der Länge nach auf den Marmorboden.
Wolf lachte bellend und balancierte auf dem Rand der Schale außer Reichweite von fünf weiteren Wachleuten. Aber dann sah er, dass zwei von der anderen Seite direkt auf ihn zuliefen und sich rechts und links fast ein Dutzend mit gezogenen Schlagstöcken im Laufschritt dem Brunnen näherten. Er war umzingelt.
Wolf duckte sich, klappte den Rachen auf – und sprang den beiden Wachen vor ihm wie ein Raubtier entgegen. Sie knickten um wie Bäume im Sturm, und er war über ihnen …
Da traf ihn ein harter Gegenstand im Rücken. Fauchend vor Schmerz bäumte er sich auf. Der nächste Schlag war auf seinen Hinterkopf gerichtet. Für Sekundenbruchteile erhaschte sein Blick hinter den Köpfen unzähliger Wachen die Mauer des Palastgartens. Im Schatten des Torbogens stand eine Gestalt – in eine schwarze Kutte mit Kapuze gehüllt, schien sie das Geschehen auf dem Platz aufmerksam zu verfolgen.
Ihm blieb keine Zeit, sich über die Erscheinung Gedanken zu machen. Ein dumpfer Schmerz, sein Blickfeld verschwamm, und er fiel in allumfassende Dunkelheit.
»… auf dem Großen Platz randaliert … nicht bekannt … fünf Verletzte … nein, Herr Hauptmann … Kerker …«
Das Gespräch nahm in seinem Geist keine klare Form an, obwohl er das Gefühl hatte, jedes Wort würde ihm einzeln in den Schädel gehämmert. Er lag auf dem Bauch. Der Geruch von kaltem poliertem Stein drang ihm in die Nase. Sein Kopf pulsierte vor Schmerz.
Er stöhnte und versuchte sich aufzurappeln. Gleißendes Sonnenlicht fiel durch ein hohes Glasfenster und lastete gnadenlos auf seinen überreizten Sinnen.
»Er kommt zu sich«, sagte jemand.
Zwei Streunersoldaten kamen anmarschiert, packten ihn bei den Armen und rissen ihn unsanft auf die Füße. Jetzt erst sah Wolf, wo er sich befand. Man hatte ihn in den Palast gebracht. Zum Hauptmann. Dieser stand mit dem Rücken zu ihm vor dem großen Fenster. Sein Plan war aufgegangen!
»Aupmann Ówan«, sagte Wolf. Seine Zunge wollte ihm nicht recht gehorchen.
»Schweigen Sie.«
»Aupmann …«
Der Hauptmann wandte sich um.
Wolf erstarrte. Der Mensch, der da vor ihm stand, war zweifellos ein Hauptmann, aber er hieß nicht Rówan. Schlimmer noch, Wolf hatte ihn nie zuvor gesehen! Wie konnte das sein? »Wo ist Hauptmann Rówan?«, fragte er. Zum Glück ließen sich die Worte endlich wieder leichter formen.
»Schweigen Sie«, sagte der Fremde erneut. »Die Wachen berichten mir, dass Sie sie vor dem Palast grundlos …«
»Ich muss sofort Hauptmann Rówan sprechen«, fiel Wolf ihm ins Wort. »Er kennt mich. Ich bin Obergefreiter Wolf von Tanár.
Ich habe lange unter ihm gedient. Wo ist er?«
»Noch ein Wort, und Sie landen ohne Anhörung im Kerker«, sagte Rówans Amtskollege kühl.
»Sagt Hauptmann Rówan, dass ich …«
»Bringt ihn weg.«
»Lasst mich los!«, protestierte Wolf.
Die Tür öffnete sich.
»Was ist hier los?«
Wolf atmete auf. Die Stimme war ihm vertraut.
»Ein Randalierer«, sagte der Mann am Fenster. »Wir bringen ihn in den Palasthof zur Exekution.«
»Lasst die dummen Scherze«, fuhr Rówan seinen Kollegen an.
Sein Blick fiel auf den Gefangenen. »Obergefreiter Wolf! Zum Gruße. Lange nicht gesehen.«
»Zum Gruße, Hauptmann«, erwiderte Wolf und zwang sich zu einem verschmitzten Lächeln.
»Lasst ihn los.«
Die beiden Soldaten zogen sich in den Hintergrund zurück.
»Obergefreiter Wolf, eine grundlegende Tatsache ist an Euch vorbeigegangen.«
»Der Tod des Nordkönigs ist nicht an mir vorbeigegangen.«
»Ich spreche nicht vom Nordkönig. Sondern davon, dass ich kein Hauptmann mehr bin.«
Wolf sah ihn verdutzt an.
»Gestatten: General Rówan.« Er beugte sich ein wenig vor.
Nach Wolfs Erfahrung war Rówan einer der wenigen Menschen, die gewohnt waren, Streuner nach deren Sitte zu begrüßen. Den Lebensatem seines alten Vorgesetzten zu teilen weckte Erinnerungen in Wolf, die ihn wehmütig stimmten. Unangenehm und peinlich war ihm dagegen, dass der General gleich darauf entschlossen Wolfs Handgelenk packte und nach Menschenart schüttelte.
»So viel zum offiziellen Teil«, sagte Rówan dann zufrieden.