Stummes Echo - Susan Hill - E-Book

Stummes Echo E-Book

Susan Hill

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Beschreibung

Auf einem Hügel irgendwo im Norden Englands steht ein Haus, vom Wind umtost: der Beacon. Hier sind May, Frank, Colin und Berenice aufgewachsen. Das Leben auf dem Hof war hart, aber die Geschwister hatten es immer gut miteinander. So war es doch, oder? Nur zwei von ihnen ziehen in die Fremde, nach London. May kehrt schon nach ihrem ersten Studienjahr zurück und kümmert sich fortan um ihre Eltern und den Hof. Nur auf dem Beacon fühlt sie sich sicher und geborgen. Frank aber bleibt in der Großstadt, macht Karriere als Journalist und schaut nicht mehr zurück. Bis zu dem Tag, an dem er beschließt, ein Buch über einen Jungen zu schreiben, dessen Kindheit geprägt war von Leid und Gewalt. Und dieser unglückliche Junge war er selbst? Ein Buch über fragile Familienbande und die Brüchigkeit von Erinnerungen, über die unsichtbaren Verletzungen, die uns das Leben zufügt, und die wundersamen Wege, diese zu überwinden.

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Seitenzahl: 151

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Susan Hill

Stummes Echo

Roman

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf

Gatsby

1

May Prime hatte den ganzen Nachmittag in dem Korbstuhl neben dem Bett ihrer Mutter gesessen, bis sie um sieben Uhr plötzlich aufsprang, aus dem Haus lief und in den bewölkten Himmel starrte, weil sie die Sterbende keine Sekunde länger ertragen konnte.

Als sie kurz darauf zurückkehrte, war Bertha tot. Sobald May das Haus betrat, noch bevor sie das Schlafzimmer erreichte, noch bevor sie ihre Mutter sah, wusste sie, dass es passiert war. Sie wusste es, weil auf einmal alles anders war, weil es so still war. Dennoch schnappte sie nach Luft und schlug die Hand vor den Mund, als sie nach unten blickte.

 

Der Hof wurde The Beacon genannt, und sie alle, Colin, Frank, May und Berenice, waren dort zur Welt gekommen und aufgewachsen, aber nur May war geblieben und hatte die letzten siebenundzwanzig Jahre erst mit beiden Eltern und dann, nach dem Tod des Vaters, mit der Mutter dort gelebt.

In der einen Woche hatte der Vater noch geholfen, eine Kuh aus einem Graben zu hieven, in der nächsten waren die meisten Tiere fort gewesen. Bertha Prime hatte einen Nachbarn gebeten, sie zum Markt zu bringen. Nur die Hühner hatten sie behalten.

Dann verpachtete Bertha die Felder. Das Vieh musste nicht mehr gefüttert und morgens und abends gemolken werden, und nachdem Frank ausgezogen war, gab es ohnehin keinen Mann mehr, der das getan hätte. Sonst war das Leben unverändert weitergegangen.

In den 1960er Jahren war es nicht mehr üblich, dass eine unverheiratete Frau als Versicherung gegen die Unbilden des Alters bei ihren Eltern wohnen blieb, und hätte man sie freiheraus gefragt, hätte John und nach John auch Bertha gesagt, dass sie mehr als froh wären, wenn May auszöge, am besten, um zu heiraten, oder zumindest, um sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Sie hatten May nicht darum gebeten, bei ihnen zu bleiben, und es auch nicht von ihr erwartet. Es war einfach so gekommen.

May hätte dasselbe gesagt. Es war einfach so gekommen. »Hat sich so ergeben.« Natürlich war es nicht nur das, aber John und Bertha wussten nicht, was »nicht nur das« war, und May verbarg es lieber. Vielleicht vermutete Bertha etwas, aber wenn, dann sprach sie es nie an.

 

Sie stand in der Tür, die Hand vor dem Mund, und ihre Mutter lag in dem Bett mit dem Eichenrahmen und war tot. Sie war eine Leiche, nicht Bertha, nicht ihre Mutter.

May war bei ihr gewesen, hatte vom Windfang aus zugesehen, als sie ihren toten Vater heimgebracht, nach oben getragen und auf ebendieses Bett gelegt hatten. Sie wusste, wie der Tod aussah, und erkannte die Vollkommenheit der Stille wieder. Dennoch war es erschreckend. Schwankend ging sie durchs Zimmer. Einige Minuten lang konnte sie nicht zum Bett sehen.

2

John und Bertha Prime hatten den Beacon von Johns Eltern übernommen und seit Ende der Dreißiger gemeinsam mit ihnen dort gelebt. Bertha war darauf gefasst gewesen, und genauso war sie auf die harte Arbeit gefasst gewesen. Sie stammte zwar nicht aus einer Farmersfamilie – ihre Eltern hatten den Dorfladen geführt –, aber wer auf dem Beacon lebte, wusste, was das Landleben mit sich brachte. Nur die Großgrundbesitzer hatten Cottages, in die manchmal die Söhne mit ihren neuen Familien zogen. John Primes Vater, der ebenfalls John hieß, war keiner von ihnen.

John und Bertha waren gleich nach der Hochzeit in die Dachkammer gezogen, die ihnen zu Ehren gründlich sauber gemacht und hergerichtet worden war, mit neuen Vorhängen und einer neuen Matratze auf dem alten Bett, aber das war auch schon alles, und am nächsten Morgen war Bertha nach unten gegangen, um mit ihrer neuen Schwiegermutter in der Milchkammer zu arbeiten. Danach kamen die Hühner an die Reihe und dann die Gänse und nach den Gänsen die Bienenstöcke, dann die Küche. So war das Leben auf dem Beacon. Einmal die Woche verbrachte sie einen Nachmittag bei ihren Eltern und half im Laden aus. Anfangs kam es ihr vor, als wäre sie nie weggegangen, aber schon bald änderte sich dieses und jenes, Dinge fanden einen neuen Platz, die Regale wurden neu geordnet, und Bertha fühlte sich bald wie eine Fremde, die nicht wusste, wo was hingehörte.

Im Juli hatten sie geheiratet, und im November hörte sie auf, jede Woche in den Laden zu gehen, und wenn sie doch einmal hinging, bediente sie nicht mehr, weil sie, wie sie sagten, nur im Weg stand und störte, außerdem war sie mit ihrem ersten Kind schwanger.

Das Kind, ein Junge, kam am heißesten Tag des folgenden Sommers zur Welt, als alle verfügbaren Männer und Frauen auf dem Feld waren, und Bertha lag dreizehn Stunden in der Dachkammer in den Wehen und schwitzte. John Prime lebte nur eine halbe Stunde, und das Kind im nächsten Sommer war eine Totgeburt, obwohl es in der Nacht während sintflutartiger Regenfälle geboren wurde, bei denen eine Schlammlawine den Hügel herunterkam und eine halbe Schafherde unter sich begrub.

Ihre Schwiegermutter war nicht herzlos oder unfreundlich, aber da sie selbst drei Kinder verloren hatte, nahm sie solche Dinge als unabwendbar hin und sagte kaum etwas, drängte Bertha aber auch nicht, gleich wieder in der Milchkammer oder der Küche mit anzupacken, sondern ließ ihr die Zeit, die sie brauchte. Aber allein in der Dachkammer zu sitzen oder schweigend über die Straßen und Felder rund um den Beacon zu gehen, ließ sie an den Tod denken, und als sie zum zweiten Mal daran dachte, ins Wasser zu gehen, und sich entsetzt dabei ertappte, wie sie den starken Ast eines Baums betrachtete, kehrte sie wieder zur Arbeit in der Milchkammer und bei den Hühnern zurück.

Ihr Mann John war zwar mitfühlend, aber unbeholfen und verbrachte ohnehin nur wenig Zeit mit ihr, weil es immer zu viel zu tun gab und es nun einmal so war. Nur im Winter, wenn das Wetter schlecht war und es früh dunkel wurde, setzte er sich manchmal mit seinem Vater zu ihr an den Kamin, trank ein Glas Ale und sprach ein wenig mit ihr, allerdings immer bloß über den Hof oder den Zustand der Äcker oder die Preise auf dem Markt. Ein-, zweimal hörten sie Radio, danach wendete sich das Gespräch der Welt draußen zu und den Folgen eines neuen, immer wahrscheinlicheren Kriegs. Aber diese Unterhaltungen waren kurz und verstummten mit dem erlöschenden Feuer, und dann war es an der Zeit, dass die Frauen Brot und Käse auf den Tisch stellten und ein letztes Glas vor dem Zubettgehen einschenkten.

Zwei Tage vor Kriegsausbruch lag Bertha kurz in heftigen Wehen und brachte Colin zur Welt, acht Pfund schwer und strotzend vor Gesundheit. Kaum ein Jahr später wurde Frank geboren. Jetzt waren sie selbst eine Familie und schauten nicht mehr zurück, auch wenn Bertha jedes Ostern und Weihnachten auf den Friedhof ging, um Blumen auf die Kindergräber zu legen. In den Jahren, als sie krank gewesen war und zuerst ans Haus und dann ans Bett gefesselt, hatte May diese Aufgabe übernommen, weil man sie darum bat und weil es schon immer so gemacht worden war, wie so vieles in diesem mit Gewohnheiten und Bräuchen und ein paar wenigen Ritualen angefüllten Leben.

May war im Frühling 1942 in derselben Kammer zur Welt gekommen. Diesmal kamen Berthas Presswehen noch schneller, und sie hätte das Kind beinahe in der Küche und dann auf den letzten Treppenstufen geboren.

May war weder groß noch kräftig, sie war ein dünnes, blasses kümmerliches Baby, das nicht trinken wollte und nicht besonders lebhaft war. Nachdem Berthas Milch versiegt war, war es zu guter Letzt ihre Großmutter, die sie Tag für Tag ein wenig weiterlockte, ihr frische Kuhmilch gab und geduldig mit ihr auf einem Küchenhocker saß, bis sie das Fläschchen leer getrunken hatte. Die beiden Jungen gediehen prächtig und rannten herum.

 

Ihr Leben war bereits hart, und so machte der Krieg es nicht viel schlimmer, in mancher Hinsicht wurde es sogar leichter, weil die Farmen Unterstützung in Gestalt von Kriegsgefangenen und sogar Erntehelferinnen erhielten, auch wenn von Letzteren nie eine auf den Beacon kam. Die Primes hatten mehr zu essen als viele andere – die Männer schossen Kaninchen, und es gab immer Früchte und Pilze, wenn man wusste, wo man sie fand.

May war drei, als ihr Großvater starb, und sie erinnerte sich nur an den Tabakgeruch, der offenbar aus jeder seiner Poren und den Haaren auf seinem Kopf kam und wie ein zusätzlicher Faden in jedes seiner Kleidungsstücke gewebt schien. Als er starb, rückte John Prime an seine Stelle, und das Einzige, was sich änderte, war, dass er jetzt Anordnungen gab, statt ihnen Folge zu leisten. Die Arbeit blieb die gleiche. Allerdings stand nie zur Debatte, dass John und Bertha aus der Dachkammer in das große Schlafzimmer mit dem großen Bett zogen. Falls die Witwe jemals dachte, dass es an ihr war, ihren Platz für die folgende Generation zu räumen, wie es andere in ihrer Lage gedacht und getan hätten, sagte und tat sie jedoch nichts, und so blieb alles beim Alten, und Bertha wagte nicht zu fragen. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis Bertha das große Zimmer und das größte Bett übernahm, und da hatte sie schon vergessen, dass beides einmal so begehrenswert erschienen war. Die Dachkammer war ihrs. In der Dachkammer hatte ihre Ehe begonnen, die Dachkammer war der Rückzugsort der Eheleute, ihre kleine Welt, und sie verließ sie zuletzt nur ungern. Mittlerweile brauchten Colin und Frank jedoch ein größeres Zimmer, und May übernahm ihr altes Zimmer, und so kam es, dass sich alles veränderte und das Leben nach einer kurzen Pause, in der die Matratzen ausgetauscht wurden, weiterging wie gehabt.

Sie hielten Milchkühe und wegen des Fleischs ein paar Rinder, Schafe, Schweine und Hühner und für Weihnachten Gänse und Truthähne. Sie bauten Weizen, Gerste und Kartoffeln an, und weil das Land zum Teil an dem Hügel lag, der sich hinter dem Beacon erhob, und zum Teil in der Flussebene, war die Arbeit nie gleichförmig und gab es immer etwas zu tun. Nach dem Krieg nutzten sie keine Pferde mehr, sondern kauften einen Traktor, und das Melken wurde nach und nach mechanisiert, aber dadurch wurde die Arbeit nicht weniger, und sieben Monate im Jahr war das Wetter an diesem hochgelegenen einsamen Ort gegen sie.

 

May erinnerte sich an ihre Kindheit auf dem Beacon in Bruchstücken, gleich Bildern in einem Album, nur dass die Bilder manchmal von Tönen, einem bestimmten Geruch oder Geschmack begleitet waren. Ein Dorfbewohner hatte seine Enkeltochter Sylvia mitgebracht, und die beiden gleichaltrigen Mädchen waren zum Erdbeerbeet gelaufen und hatten die sonnenwarmen Früchte gegessen, bis ihre Münder rot waren und ihnen der Bauch wehtat. May musste fortan nur das Wort »Erdbeere« lesen oder hören, und sofort war alles wieder gegenwärtig, der Geschmack und Geruch der Beeren, des Strohs, auf dem sie lagen, und der Erde.

Das Ziehen in ihren Waden, nachdem sie den Hügel hinaufgestiegen war, und das beißende Gefühl von Regen und Wind auf ihrem Gesicht.

Der Geruch ihrer Großmutter, als sie alt war. Wegen dieses zugleich fauligen und seltsam süßlichen Geruchs mochte May sich nicht dem Sessel mit der Großmutter nähern oder ihrem Bett.

Zur Schule war sie mit dem Bus gefahren, der am Ende des Weges hielt, aber die Erinnerungen an die Schule selbst waren noch bruchstückhafter. Das Gefühl eines Holzlineals in ihrer Hand, und einmal die Nachricht, dass ein Mädchen aus ihrer Klasse heftig an Masern erkrankt war, und dann die Nachricht, dass das Mädchen tot war.

Die glänzenden grünen Fliesen im Waschraum. Das kalte Wasser, von dem einem die Zähne wehtaten, wenn man es direkt aus dem Hahn trank, statt es erst in die hohle Hand laufen zu lassen und daraus zu trinken.

Zumindest hatte sie keine richtig schlechten Erinnerungen, und das war wichtig. Als sie sich später Schritt für Schritt ihr Leben – und das der anderen – von der fernen Vergangenheit bis in die Gegenwart vergegenwärtigen musste, fiel ihr nichts ein, das mehr als ein vorübergehendes Unwohlsein gewesen wäre, wie es jedes Kind erlebte – Zahnschmerzen oder eine Verbrennung oder Enttäuschung, weil etwas auf später verschoben wurde. Ihr Leben war ereignislos verlaufen, bis sie sechs war und ihre Schwester, das letzte Kind, geboren und auf den Namen Berenice getauft wurde. Ihre Großmutter hätte sie am liebsten Sheila genannt, John Prime wäre alles recht gewesen. Eigentlich wusste keiner genau, wo Bertha den Namen Berenice herhatte.

Von Anfang an hatte May Berenice sklavisch geliebt und behütet, hatte sich bei jeder Gelegenheit über ihre Wiege und ihren Kinderwagen gebeugt, war zu ihr gelaufen, kaum dass sie schrie, was sich, sagten alle, eines Tages rächen würde. Das Kind hatte zufrieden und selbstbezogen gewirkt und später die Aufmerksamkeit seiner Schwester für so selbstverständlich genommen, dass es seinen Charakter verdorben hatte. Aber May hatte weiter geliebt und gedient, und insgeheim war Bertha erleichtert gewesen, nicht noch mehr Arbeit zu haben, ihre Aufmerksamkeit nicht noch weiter aufteilen zu müssen. Schnell hatte sie gemerkt, dass sie May das Baby überlassen konnte.

 

May Prime war gescheit. Das war deutlich geworden, als sie sich einzelne Buchstaben auf der Rückseite der Zeitung, die ihr Vater in Händen hielt, eingeprägt und dieselben Buchstaben in der Familienbibel, im Lagerbuch und in den Büchern aus der Vitrine in der Stube entdeckt hatte. Sie hatte sich Stift und Papier genommen und die verschiedenen Buchstaben so lange miteinander verbunden, bis sie Wörter bildeten, dann ließ sie sich die Wörter vorlesen, flüsterte sie immer wieder vor sich hin und starrte sie an, bis sie ihr Geheimnis preisgaben und May lesen konnte. Das war, bevor sie zur Schule ging, und noch nie hatte es so etwas in der Familie gegeben, auch wenn ihre Großmutter und Bertha Prime im Winter Bücher lasen und ihr Vater jeden Tag nach dem Abendbrot die Zeitung von vorne bis hinten durchging.

Sie hatte gerne gelesen, und später hatte sie die Rechenbücher ihrer Brüder genommen und versucht, die Aufgaben zu lösen, auch wenn sich ihr die Welt der Zahlen weniger leicht erschloss als die der Wörter. In der Stube stand neben der Vitrine mit den Büchern – Shakespeare, Sir Walter Scott, eine Enzyklopädie, ein Wörterbuch, eine Gesundheitsfibel, das Gebetbuch, ein Buch mit Rechentabellen – ein Globus. Manchmal nahm sie den Globus herunter, drehte ihn in seiner Halterung und las laut die Ländernamen.

Als sie dann schließlich mit Colin und Frank in die Schule ging, konnte sie lesen und hatte eine willkürliche Auswahl an Wissensschnipseln im Kopf, die herumwirbelten und sich ständig neu zusammensetzten wie die farbigen Glasstückchen im Kaleidoskop ihres Bruders. Am Schluss fügten sie sich zu einem klaren Bild, auch wenn sich manche als falsch oder unnütz erweisen sollten und andere ganz verloren gingen.

Sie liebte die Schule vom ersten Moment an, als sie die Garderobe betrat und auf einem Pappschild, das in einem kleinen Metallrahmen über einem Haken steckte, ihren Namen las. Ihr Name. Sie liebte den Geruch am Eingang und den anderen Geruch nach Holzstaub im Flur und den nach Kreidestaub und Kindern in den Klassenzimmern, die vom Flur abgingen.

Sie stürzte sich auf die Schulaufgaben. Sie liebte die Lehrbücher, die man ihr aushändigte. Auf der Rückseite des einen standen das Einmaleins, Formeln und Maße, auf anderen waren die größten Flüsse und höchsten Berge der Welt aufgeführt, Könige und Königinnen, wichtige historische Daten und Hauptstädte und Sternbilder. Wie von selbst lernte sie die Listen auswendig, einfach weil sie sie so oft ansah, sie so oft las, dass sie sie beinahe über die Haut aufnahm.

Von Schuljahr zu Schuljahr wurde alles nur noch interessanter, und in den Lehrbüchern gab es nun algebraische und chemische Formeln und französische und lateinische Verben. Zu Beginn jedes neuen Schuljahrs, wenn sie ihren Namen in die Bücher schrieb, war sie ganz aufgeregt angesichts des Wissens und der Aufgaben, die auf sie warteten.

Dabei war sie auch ein umgängliches Mädchen. Sie lernte Seilspringen, Würfelspiele und lustige Reime und hörte sich gegen die Wand gelehnt Geschichten an. Weil sie gut mit dem Ball umgehen konnte, spielte sie Schlagball, allerdings war sie eine linkische Läuferin. Sie konnte höher als alle anderen Mädchen springen und spielte gut genug Blockflöte für das Schulorchester.

Mit sieben freundete sie sich besonders mit einem Mädchen an, das neu an die Schule gekommen war.

Patricia Hoggs Vater war der neue Jagdaufseher auf dem großen Gut auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, und eine Zeit lang hingen May, Patricia Hogg und ein Mädchen namens Geraldine zusammen wie die Kletten. Aber da drei eine zu viel sind, vergraulten May und Patricia Geraldine und waren nur noch zu zweit. Sie saßen nebeneinander, aßen zusammen zu Mittag und gingen gemeinsam ein Stück des Heimwegs. Patricia Hogg las genauso gerne wie May, und im Frühling und Sommer setzten sie sich in der Sonne auf die Mauer oder ins Gras am Ufer, die Röcke über die Knie geschoben, damit ihre Beine braun wurden, und lasen Bücher aus der Leihbücherei.

Patricia war weniger wissbegierig als May und las nur Internatsgeschichten und Märchen, aber sie kamen gut miteinander aus.

Einmal wurde May eingeladen, bei Patricia Hogg im Cottage des Jagdaufsehers zu übernachten, was Bertha in helle Aufregung versetzte, weil seit Menschengedenken kein Prime bei jemandem übernachtet hatte, der nicht ein naher Verwandter war, sodass sie sich den Kopf darüber zerbrach, in welchem Zustand Mays Kleider waren und wie sie sie transportieren könnte und ob sie Geschenke mitbringen sollte.

Schließlich wurde dies genäht und jenes geflickt, alles war sauber, und in einer der Truhen im oberen Stockwerk fand sich eine Segeltuchtasche, in der zwischen Baumwollschlüpfern und weißen Söckchen auch ein Glas Honig und eine in Pergament eingeschlagene selbst geräucherte Speckseite Platz hatten.

Nach Schulschluss war sie mit Patricia Hogg mitgegangen und mit der Segeltuchtasche in der Hand aus dem Tor stolziert. Sie liefen zum anderen Ende des Dorfes, in die entgegengesetzte Richtung zum Beacon, und warteten in der Sonne auf den Bus. Als er kam, war er voll mit Leuten, die vom Markt zurückkehrten, und sie mussten stehen. Sie hielten sich am rissigen Leder der Sitzlehnen fest und schwankten, wenn der Bus um eine Kurve bog. Noch Jahre später erinnerte May sich daran, wie sich das Leder an ihrer Hand angefühlt hatte.