Sturm und Drang -  - E-Book

Sturm und Drang E-Book

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Beschreibung

»Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum!« – Die Dichter des Sturm und Drang waren die ersten Popliteraten der deutschen Literatur. Texte wie Schillers ›Räuber‹ oder Goethes ›Werther‹ zielten direkt auf Herz und Bauch ihrer Leser und Zuschauer und brachten frischen Wind in das so vielschichtige, bis heute prägende Jahrhundert der Aufklärung. – Dieses Lesebuch breitet das gesamte Spektrum des Sturm und Drang aus und macht vor allem deutlich, wie lebendig diese große Epoche der deutschen Literatur bis heute ist.

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Seitenzahl: 810

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Jochen Strobel

Sturm und Drang

Das große Lesebuch

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum!« – Die Dichter des Sturm und Drang waren die ersten Popliteraten der deutschen Literatur. Texte wie Schillers ›Räuber‹ oder Goethes ›Werther‹ zielten direkt auf Herz und Bauch ihrer Leser und Zuschauer und brachten frischen Wind in das so vielschichtige, bis heute prägende Jahrhundert der Aufklärung. – Dieses Lesebuch breitet das gesamte Spektrum des Sturm und Drang aus und macht vor allem deutlich, wie lebendig diese große Epoche der deutschen Literatur bis heute ist.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Originalausgabe

 

Covergestaltung: bilekjaeger, Stuttgart

Abbildung: »Owen Glendower's Oak, near Shrewsbury« © The Bridgeman Art Library

 

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2011

 

Unsere Adresse im Internet:

www.fischerverlage.de

 

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ISBN 978-3-10-400878-3

 

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Inhalt

Einleitung

1. Das Genie

Johann Kaspar Lavater

Physiognomische Fragmente

Johann Gottfried Herder

Shakespear

Johann Gottfried Herder

Journal meiner Reise im Jahr 1769

Johann Wolfgang Goethe

Wanderers Sturmlied

Johann Wolfgang Goethe

Der Adler und die Taube

Johann Wolfgang Goethe

Prometheus

Johann Wolfgang Goethe

Ganymed

2. Der Mensch und sein Herz

Jakob Michael Reinhold Lenz

An das Herz

Friedrich Maximilian Klinger

Sturm und Drang

Friedrich Schiller

Der Verbrecher aus verlorener Ehre

3. Werther-Fieber

Johann Wolfgang Goethe

Die Leiden des jungen Werthers

Johann Wolfgang Goethe

Friedrich Nicolai

Freuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes

Johann Wolfgang Goethe

Freuden des jungen Werthers

Jakob Michael Reinhold Lenz

Der Waldbruder. Ein Pendant zu Werthers Leiden

Johann Wolfgang Goethe

Grabschrift

4. Liebe und Leidenschaft

Johann Wolfgang Goethe

Sesenheimer Lieder

Weitere Friederiken-Lieder

Johann Wolfgang Goethe

Stella

Johann Wolfgang Goethe

Pilgers Morgenlied an Lila

Jakob Michael Reinhold Lenz

Impromptü auf dem Parterre

Jakob Michael Reinhold Lenz

Brief an Sophie von La Roche

Christian Friedrich Daniel Schubart

Winterlied eines schwäbischen Bauerjungen

Christian Friedrich Daniel Schubart

An Fr.

5. »Zurück zur Natur«

Jakob Michael Reinhold Lenz

Die erste Frühlingspromenade

Johann Gottfried Herder

Über die Bildung einer Sprache

Johann Wolfgang Goethe

Ossian-Übersetzungen

Johann Gottfried Herder

Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker

Jakob Michael Reinhold Lenz

Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi

6. Schauriges

Gottfried August Bürger

Lenore

Gottfried August Bürger

Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

Johann Wolfgang Goethe

Der König von Thule

Johann Wolfgang Goethe

Urfaust

7. Alltagsszenen

Johann Wolfgang Goethe

An Schwager Kronos in der Postchaise d. 10 Oktbr 1774

Maler Müller

Das Nusskernen

Johann Wolfgang Goethe

Clavigo

8. Freundschaftskult

Jakob Michael Reinhold Lenz

Brief an Johann Wolfgang Goethe

Brief an Johann Gottfried Herder

Brief an Johann Gottfried Herder

Brief an Johann Gottfried Herder

9. Freiheit und Patriotismus

Johann Wolfgang Goethe

Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand

Jakob Michael Reinhold Lenz

Über Götz von Berlichingen

Jakob Michael Reinhold Lenz

Lied zum teutschen Tanz

Christian Friedrich Daniel Schubart

Der Gefangene

10. Wider die bürgerliche Moral

Gottfried August Bürger

Frau Schnips

Jakob Michael Reinhold Lenz

Der Hofmeister

Friedrich Maximilian Klinger

Das leidende Weib

Jakob Michael Reinhold Lenz

Die Soldaten

Johann Wolfgang Goethe

Hanswursts Hochzeit oder Der Lauf der Welt

Maler Müller

Fausts Leben dramatisiert

11. Kindsmord

Heinrich Leopold Wagner

Die Kindermörderin

Johann Wolfgang Goethe

Urfaust

12. Väter – Söhne – Brüder

Friedrich Maximilian Klinger

Sturm und Drang

Friedrich Schiller

Die Räuber

Friedrich Schiller

Kabale und Liebe

13. Entdeckung der Geschichte

Johann Wolfgang Goethe

Zum Schäkespears Tag

Johann Wolfgang Goethe

Von deutscher Baukunst

Johann Wolfgang Goethe

Dichtung und Wahrheit

14. Soziale Anklage

Johann Wolfgang Goethe

Volkslieder

Johann Heinrich Voß

Die Leibeigenschaft

Johann Anton Leisewitz

Der Besuch um Mitternacht

Johann Anton Leisewitz

Die Pfandung

Johann Anton Leisewitz

Julius von Tarent

Gottfried August Bürger

Der Bauer

Gottfried August Bürger

Apologie

Friedrich Schiller

Kabale und Liebe

15. Göttinger Hainbund

Johann Heinrich Voß

Brief an Ernst Theodor Johann Brückner

Gottfried August Bürger

Brief an Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Bundsgesang

Johann Martin Miller

Deutsches Trinklied

Friedrich Leopold von Stolberg

Die Freiheit

Friedrich Leopold von Stolberg

Mein Vaterland

Friedrich Leopold von Stolberg

Der Harz

Göttinger Hainbund

Brief an Friedrich Gottlieb Klopstock

Jakob Michael Reinhold Lenz

Brief an Heinrich Christian Boie

16. Rückblicke

Johann Wolfgang Goethe

Dichtung und Wahrheit

Johann Wolfgang Goethe

Brief an Friederike Brion

Brief an Johann Gottfried Herder

Brief an Charlotte Buff

Brief an Johann Christian Kestner

Brief an Charlotte Kestner, geb. Buff

Jakob Michael Reinhold Lenz

Pandämonium Germanicum

Jakob Michael Reinhold Lenz

Freundin aus der Wolke

Johann Wolfgang Goethe

Dichtung und Wahrheit

Anhang

Weiterführende Literatur

Quellenverzeichnis

Einleitung

Der ›Sturm und Drang‹ – eine literarische Revolution

I.

Der ›Sturm und Drang‹ ist nur bei oberflächlicher Betrachtung eine literaturgeschichtliche Epoche, wie es deren auch viele andere gibt. Die literarischen (und philosophischen) Texte, die auf uns gekommen sind, sind vielmehr sekundäre Überbleibsel einer ersten, gewiss kurzlebigen und heterogenen deutschen Jugendbewegung, einer sich in einigen wenigen Kreisen ausprägenden Avantgarde gleichgesinnter junger Männer. Die Durchlässigkeit zwischen den Kreisen, die durchaus zeitbedingten Übereinstimmungen in Themen und Programmen, die Homogenität sprachlicher Mittel haben dazu beigetragen, dass dem ›Sturm und Drang‹ epochale Bedeutung zuerkannt wird.

Die ›Stürmer und Dränger‹ – waren sie die »Achtundsechziger« des 18. Jahrhunderts, Revolutionäre ohne Revolution, oder vielmehr: vor der Revolution, die in Frankreich noch zwanzig, in Deutschland noch fast achtzig Jahre auf sich warten ließ?

Bescheinigt man der 68er-Bewegung gern, zwar nicht die intendierten politisch-gesellschaftlichen, doch umso mehr mentale Strukturen langfristig verändert zu haben, so sollte man die Stürmer und Dränger bei insgesamt deutlich geringerer Reichweite zu Lebzeiten doch nicht unterschätzen. Das Kraftgenie, der Selbsthelfer à la Prometheus oder Götz von Berlichingen, der aus sich selbst und seinen Leidenschaften heraus Schaffende wird seit der Literatur der Zeit um 1770 Gemeingut. Hatte die Aufklärung zur Einübung von Affektdämpfung eingeladen, so wird dem Menschen schlechthin – nicht nur dem Adeligen oder auch dem Bürger allein – jetzt das Recht eingeräumt, seine Gefühle rücksichtslos auszuleben. Doch eine ›sexuelle Revolution‹ wie 200 Jahre später blieb noch aus, die Auswirkungen des ›Sturm und Drang‹ gipfelten wohl u. a. in der Anregerfunktion für weitere literarische Jugendbewegungen wie der Frühromantik, kaum 30 Jahre später.

Die bekannteste Kunstfigur der Stürmer und Dränger, Goethes Werther, leidet an unerfüllter Liebe, an sich selbst, ein klein wenig auch an der Gesellschaft – doch ist gerade dieses Leiden lediglich Folge seines Narzissmus. Politischer Protest gegen den zeitgenössischen Adel ist in Goethes Roman noch randständig. Seine soziale Außenseiterposition gewinnt Werther aus seiner extremen Selbstbezogenheit, die mit den sozialen Verpflichtungen des Berufslebens verloren zu gehen droht.

Doch weist die erste deutsche Jugendbewegung andererseits eben doch Kennzeichen späterer Protestbewegungen bis hin zu der Studentenrevolte von 1968 auf: Die Publizistik und teils auch die Literatur im engeren Sinn – nicht selten auch die Literaturkritik – werden zumindest verhalten als politische Waffe eingesetzt. Gesellschaftlich brisante Generationskonflikte und politische Konflikte überlagern einander. Sprach- und Geschichtsphilosophie überdecken allerdings noch demokratische Bestrebungen; ebenso wird eine internationale Ausrichtung der Literatur zugunsten eines wachsenden Patriotismus reduziert. Insbesondere der Göttinger Hain zelebriert im Zeichen Klopstocks eine Vorform deutscher Frankreich-Feindschaft des 19. und 20. Jahrhunderts.

Neuanfänge suchte man damals auf der Bühne, nicht auf der Straße. Der berühmte Augenzeugenbericht von der Uraufführung von Schillers Die Räuber auf dem Nationaltheater in Mannheim 1782 spricht Bände: »Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme. Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!« Der ›Sturm und Drang‹ ist, wie diesem Zitat leicht zu entnehmen ist, eine literarische und zugleich emotionale Revolution, insofern äußere Begebenheiten und die nun mehr und mehr Beachtung findenden inneren Zustände des Menschen durch ein Drittes, den literarischen Text, vermittelt werden. Dies ist der Fall, wenn das bloß Äußerliche einer Begegnung zwischen Werther und Lotte durch den Verweis auf die gemeinsame empfindsame Lektüre transzendiert wird: »Klopstock!« Name und Blicktausch lassen keinen Zweifel mehr daran, dass hier Gefühle im Spiel sind. Umgekehrt wird die emotionale Beziehung des Einzelnen zu seiner Umwelt Voraussetzung und Vehikel seiner ästhetischen Produktion: Werther wäre gern Künstler ganz aus dem Gefühl heraus, würde gern malen und dichten – und bringt doch als depressives Genie nur Zeichnungen und Übersetzungsskizzen zustande. Das Gefühl dominiert sein Leben, nicht die politische Revolte. Damit ist er Prototyp der Sturm-und-Drang-Figuren.

II.

Das Genie ist ein Mensch von herausragender intellektueller oder künstlerischer Begabung. Dem Begriff des Genies werden seit dem mittleren 18. Jahrhundert folgende Bedeutungsmerkmale und verwandte Begriffe zugeordnet: Kreativität, Spontaneität, Originalität, daneben aber auch Unabhängigkeit, Traditionslosigkeit und Unbegreiflichkeit. Dass Dichter sich durch eine besondere Begabung auszeichnen müssen, wird schon in der Antike behauptet. Dem widerspricht die in der Frühen Neuzeit beliebte Textgattung der Poetik durchaus nicht, die ja u. a. die Techniken des Dichtens vorgibt. Immer wieder hat man nach dem rechten Verhältnis von Naturanlage und technischen Fertigkeiten gefragt – bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hat man von einem guten Dichter beides gefordert, Begabung und Ausbildung. Seit der Jahrhundertmitte spricht man nicht nur von »Genie / Ingenium haben«, sondern auch von »Genie sein«. Damit wird das personifizierte Genie zum Persönlichkeitsideal. Im Englischen trägt das Wort genius die Bedeutungsnuance des Göttlichen wie auch die von Entdeckung und naturwissenschaftlicher Erfindung. Bald bleibt nur Einmalig-Unverwechselbares, wenn von Genius die Rede ist. Seit Lessing ist Shakespeare das exemplarische Genie, das »alles bloß der Natur zu danken haben scheinet, und durch die mühsamen Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecket« (so in den Briefen, die neueste Literatur betreffend). Beim jungen Goethe sieht das dann schon anders aus, für ihn ist Shakespeare ein Autor, aus dem »die Natur weissaget«, der also lediglich der Natur verpflichtet ist. Nun ist der Künstler und nur er die Verwirklichung des Prinzips der aus sich selbst heraus schaffenden Subjektivität. Statt vom Individuum spricht man heute auch vom modernen Subjekt, das man sich als aus allen traditionalen Bindungen, insbesondere denen des Glaubens, losgelöst denkt. Das Subjekt ist und schafft autonom, also nach eigener, nicht nach fremder Gesetzlichkeit, nach den Gesetzen der eigenen Individualität. Abweichungen von konventionellen Normen sind damit im Leben des Dichters wie in seinen Werken programmiert und legitimiert. Zum Geniegedanken gehört auch eine Loslösung aus allen sozialen Bindungen, ob das politische sind oder andere. Das Genie ordnet sich also allerhand Obrigkeiten und Gewalten nicht unter, ist aber auch nicht einfach Teil einer Familie, sondern steht allein.

Nun beginnt mit der Genieästhetik eine neue Ära in der Geschichte der Kunsttheorie. Hatte die normative Poetik den Rang der Dichtung durch Autoritäten begründet und durch die Übereinstimmung mit Religion, Gesellschaft und Philosophie verwirklicht, so sieht der ›Sturm und Drang‹ den Rang von Dichtung allein durch die Persönlichkeit des Dichters verkörpert. Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (1737 – 1823), ein Vorläufer der Stürmer und Dränger, hatte schon 1767 geschrieben: »Wo Genie ist, da ist Erfindung, da ist Neuheit, da ist das Original; aber nicht umgekehrt.«

III.

Die Entdeckung Shakespeares in Deutschland geht einher mit dem Wandel von der Normpoetik zur Genieästhetik. Der Aufklärer und Verfasser von Poetiken Johann Christoph Gottsched (1700 – 1766) kritisierte Shakespeares Verstöße gegen die aristotelische Poetik noch heftig, erst Lessing hieß den Geschmack der Engländer (zuungunsten des französischen klassizistischen Trauerspiels) gut und behauptete, »daß das Große, das Schreckliche, das Melancholische, besser auf uns wirkt als das Artige, das Zärtliche, das Verliebte; daß uns die zu große Einfalt mehr ermüde, als die zu große Verwicklung«. Und große Verwicklungen der Handlung hat Shakespeare ja zu bieten.

Johann Gottfried Herders (1744 – 1803) Shakespear-Aufsatz erscheint 1773 zusammen mit Texten Goethes und anderer in einer kleinen Sammlung namens Von Deutscher Art und Kunst. Der Titel erinnert an das nationale Interesse des ›Sturm und Drang‹, das die Abwertung der französischen Literatur mit bedingt. Man hat das Büchlein als die Programmschrift der ›Sturm und Drang‹-Bewegung bezeichnet. Wenn man sich hier auf die Möglichkeiten einer deutschen Nationallliteratur besinnt, so gilt das Englische als germanischen oder »nordischen« Ursprungs und damit als Verwandtes; Shakespeare kann Vorbild einer künftigen deutschen Kunst sein. Berühmt geworden ist vor allem Goethes Beitrag Von deutscher Baukunst über das Straßburger Münster und seinen Baumeister Erwin von Steinbach, doch allen Aufsätzen ist an der Schulung des historischen Sinnes der Leser gelegen. Von historischen Wissenschaften ist man allerdings noch weit entfernt – nicht die nüchterne historische Einordnung eines Baustils oder einer Ausprägung der Gattung Drama ist angezielt, sondern die enthusiastische Feier idealer Kunstwerke. Kunst- und Literaturkritik prägen sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts aus, und eher hierzu als zu einer nüchternen Kunstgeschichtsschreibung sind die Beiträge des Bandes zu zählen. Dennoch entdeckt der ›Sturm und Drang‹ die Geschichte. Organ des zu schulenden historischen Sinnes ist nicht der kritisch zergliedernde und prüfende Verstand, sondern »schnelle Empfindung«, ist der von Natur und Geschichte betroffene Mensch: Herz, Gefühl, die ganze Seele. Allerdings vernachlässigen die Autoren historische Tatsachen – ganz im Sinn der Genieästhetik – gern zugunsten der eigenen Intuitionen.

Shakespeare ist nicht Gegenstand einer historischen Untersuchung, sondern Vorbild für eine künftige deutsche Dichtung. Dabei macht Herder deutlich, dass dichterische Werke aus historischen Bedingungen heraus entstehen und somit veralten können. Auch Shakespeare kann nur fortleben, wenn man die Wiederholung der Lektüre verbindet mit der Erneuerung der verwandelnden schöpferischen Tat, wie es etwa Goethes Götz von Berlichingen verspricht, ein Stück aus Shakespeare’schem Geist.

Was macht für Herder das Eigentümliche von Shakespeares Drama aus? Eine bis zum Äußersten getriebene Individualität, die die komplizierte Verfassung der modernen Welt widerspiegelt und in der jeder Zusammenhang in Einzelheiten verloren zu gehen scheint, trifft sich mit der Zusammenfügung zu einem Ganzen, auch wenn dieser Zusammenhang begrifflich nicht zu fassen ist oder allenfalls als Schicksal, Notwendigkeit, Vorsehung die Individualität des Menschen nur benutzt. Das Zusammenwirken des Einzelnen zum Ganzen wird nicht explizit, sondern findet nur in den dargestellten Ereignissen statt. Das Unnennbare, das erst den sinngebenden Zusammenhang stiftet, gibt die Dichtung, indem sie prägnante Ausschnitte aus der Wirklichkeit realisiert. Herders erklärtes Ziel ist es, »zu erklären, zu fühlen wie er ist, zu nützen, und – wo möglich! – uns Deutschen herzustellen. Trüge dies Blatt dazu etwas bei!«

Die aristotelischen Wirkungen der Tragödie in der Variante Lessings, Furcht und Mitleid, werden auch Shakespeare zugeschrieben: »Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Würkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid!«

Als Ergebnis seiner Shakespeare-Studien verlangt Herder vom Dichter, dass er den Leser in eine Traumwelt mitreißen müsse. Entscheidend sind Dramenhandlung und emotionale Betroffenheit der Zuschauer, die aristotelischen Einheiten der Zeit und des Ortes seien hingegen überflüssig. Wie Shakespeare es vorgelebt hat, verwirft Herder die Gattungsgrenzen zwischen Tragödie und Komödie. Mit Blick auf Shakespeare trägt Herder also zur Auflösung einer normativen Gattungspoetik bei.

Ein aus ideen- und stilgeschichtlicher Sicht bedeutender deutscher Anreger namentlich für Herder ist Johann Georg Hamann (1730 – 1788) mit seinen ästhetischen Schriften Sokratische Denkwürdigkeiten (1759) und Aesthetica in nuce (1762). In dunkler, schwer verständlicher und nur über Assoziationen erschließbarer Prosa plädiert Hamann für einen Neuanfang in der Literatur. Wahre Poesie sei die Muttersprache des menschlichen Geschlechts – und diese Muttersprache des von ihm geforderten sinnlichen und leidenschaftlichen Menschen arbeite mit nichts als Bildern. Die Aufwertung der Leidenschaften, auch der Sexualität, ist für Hamann eine Vorbedingung der Vernunft, bedeutet nicht etwa deren Niederlage. Zugleich besitzt Hamanns Werk noch jenen stark theologischen Hintergrund, der bei seinen Lesern Herder und Goethe bald verschwinden wird.

IV.

Drei Lebensläufe und ihre zeitweiligen Überschneidungen prägen den ›Sturm und Drang‹ in besonderem Maß. Die Universitätsstadt Straßburg ist 1770 jener Ort, an dem sich Herder, Goethe und bald auch der Nachzügler Lenz begegnen und gegenseitig zu Produktivität anregen.

Johann Gottfried Herders Reise 1769 / 70 ist notorisch für die Literaturgeschichte geworden, da er bald schon im Journal meiner Reise im Jahr 1769 nicht etwa seine Erlebnisse und Stimmungen auf dem Weg von Riga nach Dänemark, Frankreich und in die Niederlande festhielt, sondern sich über sich selbst und seine Zukunftspläne im Klaren zu werden versuchte. Der junge Prediger und Literaturkritiker hatte einerseits vor, endlich die Welt zu sehen – und das hieß von Livland aus Westeuropa und das Deutsche Reich. Es kristallisiert sich das Selbstbewusstsein des Genies heraus, das nach einer verlorenen Jugend nun die Welt aus sich selbst heraus neu erschaffen will und sich an der eigenen Entscheidungsfreiheit aufrichtet. ›Aufbruch‹ und ›Reise‹ werden zu Metaphern eines unerhörten geistigen Neuanfangs, zunächst aber einer Revision der bisher betriebenen Studien und des Prediger-Berufs. Herder kommt u. a. nach Paris, Amsterdam und Eutin. Dort wird er Lehrer und Reisebegleiter des Sohnes des Herzogs, lernt auf dem Weg nach Straßburg seine künftige Frau und in Straßburg selbst den fünf Jahre jüngeren Jurastudenten Goethe kennen. In den wenigen Monaten des gemeinsamen Aufenthaltes bringt Herder dem neu gewonnenen Freund seine Säulenheiligen Homer, Pindar und Shakespeare nahe und animiert ihn zum Sammeln von Volksliedern.

Am meisten haben die Leser der ›Sturm und Drang‹-Texte jedoch Goethe und der angebliche biographische Hintergrund seiner frühen Erlebnisdichtung berührt. Unter den zahlreichen Frauen, die Goethes Weg kreuzten, war Friederike Brion eine der ersten. Wie die letzte in der langen Reihe, die 17jährige Ulrike von Levetzow, die den 75jährigen Goethe in Marienbad ihrerseits verschmähte, blieb Friederike zeitlebens unverheiratet. Doch über ihren Tod hinaus – sie starb 1813 im Alter von 61 Jahren – wurde sie Gegenstand fragwürdiger Spekulationen. Wie weit ging die Beziehung zu Goethe? Hat sie gar ein uneheliches Kind zur Welt gebracht? Eine einigermaßen absurde Vermutung! Was stand in den vielleicht 30 Briefen, die Goethe ihr schickte? Es scheint, dass bereits im 19. Jahrhundert seitens der Familie Spuren verwischt wurden. Goethes Briefe sind von der Schwester Sophie Brion verbrannt worden. Auch von Goethe wissen wir nur das, was er überliefert wissen wollte. In Weimar hat Goethe seine gesamte Briefsammlung verbrannt; es liegen uns also auch keine brieflichen Zeugnisse Friederikes an Goethe vor. Anscheinend war diese Informationslücke Grund genug, Goethes Sesenheimer Liebe zum Mythos zu machen und dann auch zu trivialisieren: im frühen 20. Jahrhundert hat Franz Lehár ein Singspiel namens »Friederike« komponiert.

Neugierig macht der Zusammenhang zwischen seinen Texten und seinem Leben, der auf das Neue verweist, das man mit dem ›Sturm und Drang‹, mit der Genieepoche in Verbindung bringt: Literatur entsteht von nun an als Reflex, als Widerspiegelung des Erlebten und der Dichterbiographie. Wie jetzt Originalität als Maßstab an die Literatur angelegt wird, so speist sich das Originelle, Einmalige aus dem einmaligen Erleben, der einmaligen Inspiration des Dichters. Demgegenüber tritt das Variieren von vorgegebenen Mustern zurück, wie wir es aus Poetiken des 17. und des frühen 18. Jahrhunderts kennen.

Goethe war als einundzwanzigjähriger Student der Rechte in Straßburg 1770 zahlreichen intellektuellen Anregungen ausgesetzt, es fehlte zunächst noch die lebensweltliche Anregung, um dichterische Produktivität freizusetzen. Diese Anregung dürfte nun durch die biographisch und psychologisch so schwer zu fassende Person Friederike Brion gekommen sein, die freilich nicht wusste, dass ihr letztlich nichts mehr und nichts weniger beschieden war, als durch ihr Gefühl einem Genie auf die Sprünge zu helfen.

Goethe lernte die drittälteste Tochter des Sesenheimer Dorfpfarrers im Oktober 1770 kennen, als er mit seinem Tischgenossen Weyland unterwegs war, um die mit diesem verwandte Familie zu besuchen. Diese Begegnung machte auf Goethe einen Eindruck, der offenbar die anderen und üblichen sozialen Kontakte, die er in Straßburg pflegte, weit in den Schatten stellte.

Die Sesenheimer Dorfidylle, die Goethe in Dichtung und Wahrheit schildert, hat zumindest zum Teil eine literarische Vorlage, nämlich den empfindsamen Roman Oliver Goldsmiths Der Landpfarrer von Wakefield, den Goethe zum Zeitpunkt seines ersten Besuchs in Sesenheim bereits kannte. Die Erzählung von der ersten Begegnung ist frei erfunden. Wir wissen also nicht, ob Goethes Erleben und Empfinden nicht von Anfang an auch das Nacherleben einer literarischen Phantasie war – sicher ist, dass es sich in einer Reihe von nicht nur für Goethes eigenes Werk, sondern in der Dichtung der Zeit neuartigen Gedichten manifestierte. Auf der anderen Seite läßt sich über Friederikes tatsächliche Haltung nichts Gewisses mehr in Erfahrung bringen. Sie begegnete Goethe, als er einmal noch, 1779, auf der Durchreise nach Sesenheim kam, mit »herzlicher Freundschaft«, doch blieb sie unverheiratet, zog nach dem Tod ihres Vaters in die Pfarrei ihres Bruders und siedelte schließlich um in das Haus ihres Schwagers.

Aus den zuverlässigeren Passagen von Goethes Autobiographie Dichtung und Wahrheit, so der Goethe-Biograph Nicholas Boyle, »ergibt sich das Bild eines selbständigen, tüchtigen, humorvollen, mit beiden Beinen auf der Erde stehenden 18jährigen Mädchens und eines hochintelligenten Studenten der Rechte, der sich beliebt macht durch seine Munterkeit und Hilfsbereitschaft, durch die Märchen von Rittern und Prinzessinnen, die er in kleinem Kreis in der Scheune improvisierte, und durch seine bemerkenswerte Fertigkeit, alle Tischgespräche in Verse zu gießen; wir erhaschen einen Blick auf Namen, die in Rinden geschnitten werden, auf ein Picknick am Rhein, das einem Mückenschwarm zum Opfer fällt.«

Liebe steht als ›Leiden‹ und ›Leidenschaft‹ nun im Spannungsfeld von Erhörung / Erlösung versus Zurückweisung oder Trennung. Der Liebende ist sich der geliebten, ja: der angebeteten Person niemals sicher. Liebe ist damit ein provisorischer, stets aufs Neue emphatisch zu erfühlender Gegenstand geworden – natürlich ist sie immer schon auch ein Thema der Literatur; nun, im 18. Jahrhundert, steht sie im Kontext von Gefühlsüberschwang und Unsicherheit. Zugleich soll sie poetisch artikuliert werden, allerdings nicht als formale Variante eines vorgegebenen Musters, wie es in der Gelegenheitsdichtung der Frühen Neuzeit noch der Fall war, als man eine Hochzeit eben mit einem Hochzeitsgedicht zu feiern hatte. Poesie soll aus dem Innersten des Dichters kommen, aus dem Gefühl heraus – aus sich selbst heraus soll der Dichter ja produktiv werden.

Poetisches Resultat der Friederiken-Affäre sind die sogenannten Sesenheimer Lieder, ein kleines Korpus von zehn Gedichten, erhalten lediglich in einer Abschrift des 19. Jahrhunderts, in der sich Gedichte Goethes mit solchen seines Straßburger Freundes Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 bis 1792) mischen. Zu Lebzeiten veröffentlicht hat Goethe nur einige wenige, zudem in anderer sprachlicher Fassung. Der postumen Publikation liegt eine ›Wallfahrt‹ zugrunde: 1835, drei Jahre nach Goethes Tod, besuchte der Student Heinrich Kruse Sesenheim und Niederbronn, wo Friederikes jüngere Schwester Sophie als Achtzigjährige lebte. Sie zeigte Kruse kleine Papiere von Goethes Hand. Schon Kruse erkannte teils Friederikes Handschrift, man kann davon ausgehen, daß schon ihm nicht nur Originale vorlagen. Allen neueren Editionen liegt Kruses Abschrift zugrunde. Die Zuschreibungen zugunsten Goethes wurden mit stilistischen Untersuchungen, etwa zur Reimtechnik, begründet. Die Datierung ist unsicher, man vermutet, die meisten Gedichte seien in Straßburg entstanden und seien als Briefgedichte an Friederike gerichtet gewesen – in der empfindsamen Briefkultur des 18. Jahrhunderts gibt es das Genre des Briefgedichts, dessen Name schon darauf hinweist, dass zu dieser Zeit das Schreiben eines Privatbriefs oft ganz selbstverständlich mit ästhetischem Anspruch einherging, während umgekehrt das Schreiben eines Gedichts aus dem konkreten Anlaß, aus der Gelegenheit heraus, längst noch üblich war. Wenn man sich die Gedichte aber ansieht und ihre Entstehungsbedingungen berücksichtigt, wird man den Begriff der Erlebnislyrik mit Vorsicht gebrauchen.

Die Geste der Distanz zwischen den Liebenden ist keineswegs selten in den Sesenheimer Liedern und weiteren sogenannten Friederiken-Liedern. Man hat immer wieder betont, dass der Eros eine wesentliche Energiequelle für Goethes poetische Produktivität war. Die, wie es in Dichtung und Wahrheit heißt, »warmen Nächte an der Seite der Geliebten« stimulierten eine bisher nicht gehörte Sprache. Doch die Alltagsseite sah schlicht so aus, dass Goethe wohl allgemein bereits als Verlobter Friederikes gelten musste und er dies auch wusste, dass er folglich bewusst seine Freundin kompromittierte. Einen (heute verlorenen) Abschiedsbrief dürfte er von Frankfurt aus abgeschickt haben. Friederike scheint sich von einer längerwierigen Erkrankung, die sie schon Monate vorher ans Bett gefesselt hatte, lange nicht erholt zu haben, und nach der brieflichen Trennung ging es mit ihr gesundheitlich weiter bergab – allerdings gesundete sie letztlich wieder.

Eine oberflächliche Erklärung für Goethes Verhalten findet sich in Dichtung und Wahrheit: Die Affäre sei eine Schwärmerei gewesen und habe sich verzehrt wie ein Feuerwerk. Eine doch etwas andere Deutung lieferte der Straßburger Freund Lenz, der sich seinerseits unglücklich in Friederike verliebte. Lenz behauptete, Goethe habe Friederike seinem Genius geopfert. Man wird sagen können, Goethe musste vor der Ehe, vor dem bürgerlichen Dasein fliehen, wollte er das Werk schreiben und das Leben führen, in das er sich nun zu stürzen im Begriff war. Im Laufe der Zeit, so Nicholas Boyle, wurden Friederike und ihre literarischen Reinkarnationen bis zum Gretchen zu einem Symbol für alles das, dem Goethe untreu werden musste. Die Sesenheimer Lieder stilisieren bereits diese Untreue, mehr jedenfalls als sie ein vielleicht authentisches Erleben preisgeben. Der menschlich problematische, harte Abschied aus Straßburg markiert den Anfang von Goethes poetischer Schaffenskraft, die zunächst bis zu seinem Wechsel nach Weimar anhält und die ihn all die Werke des ›Sturm und Drang‹ schreiben lässt, die bis heute ein breites Publikum finden.

Der Begriff der »Erlebnisdichtung« sollte heute vor allem auf den geschickten und originellen Umgang des Autors mit Form und mit Sprache bezogen werden. Liebe als Passion, als Leidenschaft, wird im lyrischen Text – nicht etwa in einem narrativen, die Begegnung nacherzählenden Text – so umkreist, dass Erleben und Gefühl dem Leser eindringlich erscheinen. Dies ist neu an der Literatur des Sturm und Drang.

Lenz traf übrigens in Straßburg kurz nach Herders Abreise 1771 ein und lernte Goethe kennen, ehe auch dieser die Stadt im Herbst des Jahres wieder verließ. Lenz galt schon den Zeitgenossen als Exzentriker und Sonderling. Vielleicht hätte man im 19. Jahrhundert von einem Dandy gesprochen. Als Person eckte Lenz an; seine Angriffslust und seine Ungenügsamkeit haben ihm bei den Zeitgenossen wie bei der Nachwelt geschadet. Er ist neben der Kunstfigur Werther der typische ›reale‹ Stürmer und Dränger, immer nah am Absturz. Er folgte kurzzeitig Goethe nach Weimar, machte sich dort aber unbeliebt und lebte fortan verarmt, verkannt und psychisch krank in Moskau, wo er im Elend starb.

V.

Der ›Sturm und Drang‹ ist eine literarische Bewegung der 1770er und frühen 1780er Jahre, zu der man nur einige wenige Autoren und ihre Texte rechnet. Die Personen waren teils eng, teils nur locker miteinander verbunden. Mit Herder, Goethe und Schiller gehören mindestens drei dazu, die sich weiterentwickelten und nicht im ›Sturm und Drang‹ aufgingen. Die Grenzen sind unscharf, da ›Randfiguren‹ mit ähnlicher dichterischer Theorie und / oder Praxis wie Johann Anton Leisewitz (1752 – 1806) zu berücksichtigen sind. Zu den Auswirkungen, nicht zu den Produkten des ›Sturm und Drang‹ im engeren Sinn, rechnet man etwa den ersten psychologischen Roman deutscher Sprache, Karl Philipp Moritz’ (1756 – 1793) Anton Reiser.

Eine ›Bewegung‹ ist durch Gruppenbildung zu lokalisieren und zu datieren. Vor allem in Göttingen und in Straßburg liegen die Zentren des Sturm und Drang. Gründeten mehrere dichtende Studenten in Göttingen den »Hainbund«, so trafen in Straßburg, wie schon ausgeführt, vor allem Goethe, Herder und Lenz aufeinander. Der Göttinger Hainbund wurde 1772 gegründet, von den Mitgliedern ist vielleicht am wichtigsten der spätere Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß (1751 – 1826). Dichterisches Vorbild ist Klopstock, der eine auf der Antike basierende neue deutsche Dichtung, dann aber auch eine auf der germanischen Tradition aufruhende Bardenpoesie begründet hatte – abgelehnt wurde im Hainbund jeglicher französische Einfluss, das Vaterländische spielte als Ideal eine große Rolle. Wichtigstes Publikationsforum ist der von Mitgliedern des Hainbundes begründete Göttinger Musenalmanach. Bei diesem im späten 18. Jahrhundert sehr beliebten Buchtypus handelt es sich um ein jährlich erscheinendes Periodikum, das aus der Kalendertradition hervorgegangen ist. Das kleinformatige Büchlein war meist noch mit einem Kalendarium versehen, doch die Hauptsache bildeten die beigegebenen fiktionalen und nichtfiktionalen Texte, gern Gedichte und kleinere Erzähltexte, manchmal waren Illustrations- und Notenbeilagen dabei. Gedichte waren damals wie heute nur schwer und ohne Gewinn für den Dichter publizierbar – der Musenalmanach bündelte die Gedichte vieler Gleichgesinnter und fand eine bis dahin im Lyrikgeschäft unerhörte Abnehmerzahl.

Auffällig ist der Verschwörungscharakter des Freundschaftsbundes, der mit einer erheblichen Ritualisierung der Kommunikation einherging. Der Verlauf der Treffen war streng geregelt, Bundesjournal und Bundesbuch waren die vorgegebenen Medien für Sitzungsprotokoll und lyrische Produktion, die Mitglieder trugen archaisierende Bardennamen.

In Ansätzen wird in den Gedichten bereits politische Kritik am Adel und an der Leibeigenschaft der Bauern formuliert. Umso verwunderlicher, dass neben Bürgerlichen auch Adelige Mitglieder des Bundes waren. Höhepunkt war der Göttinger Musen-Almanach auf das Jahr 1774, an dem sich zahlreiche der bedeutendsten Dichter der Zeit beteiligten: Neben den Kreis-Mitgliedern Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748 – 1776), den beiden Grafen Christian (1748 – 1821) und Friedrich Leopold von Stolberg (1750 – 1819), Heinrich Christian Boie (1744 – 1806) und Voß waren das Gottfried August Bürger (1747 – 1794), Matthias Claudius (1740 – 1819), Goethe, Herder, Klopstock und Maler Müller (1749 – 1825).

Der Kreis um den Darmstädter Johann Heinrich Merck (1741 – 1791) kann hier nur erwähnt werden. Merck gab 1772 die Frankfurter Gelehrten Anzeigen heraus und zog u. a. Herder und Goethe zur Mitarbeit heran. Texte mit antifeudaler Tendenz entstanden in teils kollektiver Autorschaft.

Ein literatursoziologischer (›Gruppenbildung‹) und ein ästhetikgeschichtlicher Blick auf den ›Sturm und Drang‹ sollten einander ergänzen, da Lenz’ und Heinrich Leopold Wagners (1747 – 1779) Dramen noch erschienen, als Goethe sich in Weimar längst anderen Fragen zuwandte – Ende der 70er Jahre entstand bereits seine Prosa-Iphigenie, die einem neuen Antikebild verpflichtet war. Vollends der junge Schiller, ein Jahrzehnt jünger als die genannten Protagonisten, ist lediglich aufgrund thematischer und sprachlicher Affinitäten, nicht aufgrund eines Gruppenbewusstseins der Strömung zuzuordnen.

VI.

Die wichtigsten Themen, Motive, ästhetischen Prämissen des ›Sturm und Drang‹ sind an der Gliederung des vorliegenden Bandes abzulesen. Die teils in Auszügen abgedruckten Texte des Lesebuches ließen sich meist mehreren Kapiteln zuordnen; erst im Ganzen gelesen vermitteln sie eine Ahnung von der Wucht und der Zögerlichkeit der Stürmer und Dränger, von der Übersetzung überschäumender Emotionalität und skrupulöser Intellektualität in die Sprache.

Von der Hauptrolle des Genies war bereits die Rede; zur anthropologischen Statur gehört die Fokussierung des ganzen Menschen mit Vernunft und Sinnen. Zentrales Symbol für diesen vollständig zu erfassenden Menschen ist das Herz.

Zu einem Bestsellererfolg wurde Goethes 1774 erschienener Erstlingsroman Die Leiden des jungen Werthers. Das unfruchtbare, verzweifelnde Genie Werther scheint schon aufgrund der Erzähltechnik des monoperspektivischen Briefromans als Identifikationsfigur angelegt zu sein. Manchmal ging das so weit, dass sich begeisterte Leser à la Werther ausstaffierten, also zum blauen Frack die gelbe Weste trugen. Unglücklich Liebenden mochte die Lektüre dieses Romans neuen emotionalen Zündstoff liefern, angeblich folgten einige Leser dem Helden freiwillig in den Tod. Mag der Jungautor Goethe sich auch ein Gutteil seiner persönlichen Leiden von der Seele geschrieben haben, so war das Buch doch anders gemeint: Indem die Kunst seit der Erfindung der Genieästhetik autonom zu werden beginnt, trägt sie statt politischer, religiöser Zwecke oder solcher einer praktischen Lebenshilfe ihren Zweck in sich selbst. Die Prämissen einer autonomen Ästhetik wird zwanzig Jahre später, im Gefolge Immanuel Kants, vor allem Goethes Gesprächspartner Friedrich Schiller ausformulieren. Doch schon der Werther ist nur als Kunstwerk, als unerhörte Geschichte von einem fehlgeleiteten oder auch bis zur letzten Konsequenz gehenden Genie zu lesen, nicht als eine Art Erbauungsbuch unter moraldidaktischen Vorzeichen.

Hatte die Aufklärung von der Literatur Lehrhaftigkeit verlangt, so reagierte der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai genau in diesem Sinne auf Goethes Roman. Seine Parodie Freuden des jungen Werthers entwirft die Alternative eines erwachsen werdenden, Narzissmus und Weltschmmerz ablegenden Werther, der zum Ehemann heranreift und feststellt, dass die gleichzeitig befriedigendere und anstrengendere Alternative zum Selbstmord die Einbindung in die bürgerliche Gesellschaft ist, die Einübung in die Rechte und Pflichten des Ehemannes. Nicolai biegt sprachliche und emotionale Gewalt des Stürmers und Drängers Werther zurück in die geordnete Welt eines auf bürgerlicher Tugendhaftigkeit gegründeten Rationalismus mit ein wenig familialer Zärtlichkeit.

Die Unbedingtheit, die Werther vorlebt, scheint die ›romantische Liebe‹ vorwegzunehmen, die auf schwer kontrollierbarer Leidenschaftlichkeit und möglichst auch auf Wechselseitigkeit beruht. Dies genau ist Werthers Problem; er hält an seinem Gefühl fest, als ihm längst klar sein muss, dass Lotte nicht für ihn zur Verfügung steht. Die Liebe als Werther’sche Krankheit zum Tode ist mit einer gehörigen Portion Narzissmus versehen. Erfreut sich Werther der Zweisamkeit nur momentweise, so überlässt er sich seinem sehnsuchtsvollen Selbstgenuss über Monate. Am Ende steht statt der Produktivität des Künstlers, der Werther vergeblich sein will, die Selbstzerstörung.

Voraussetzung für die Orientierung des ›Sturm und Drang‹ an der Natur ist das Denken Jean-Jacques Rousseaus, der im Reigen der Denker des 18. Jahrhunderts derjenige war, welcher eine Kritik an Zivilisation und Fortschrittsoptimismus artikulierte. Natur als menschlicher Urzustand ist für Rousseau ein Idealzustand menschlicher Gleichheit; erst mit der Herausbildung des Privateigentums habe sich Ungleichheit entwickelt. Die Natur ist bei ihm ein Ort ursprünglicher Identität, gleichzeitig ein Ort und ein Zustand der noch nicht domestizierten, noch nicht zivilisierten Leidenschaften. Mit seinem Namen verbindet man generell den Ruf »Zurück zur Natur!« Daran arbeiten sich die Stürmer und Dränger ab. ›Natur‹ verwirklichen sie auch in ihrer Schreibpraxis, ungebändigtes Schreiben heißt etwa auf logische Anordnung im philosophischen Text verzichten, Argumentationsstränge durchbrechen – nicht rational diskutieren, wie es die Aufklärung gelehrt hatte.

In der Genieästhetik wird Poesie plötzlich mit der Natur und ihrer Eigengesetzlichkeit gleichgesetzt. Die Entdeckung der Natur schlechthin, des Charakteristischen und Natürlichen, wird ergänzt durch die einer für natürlich gehaltenen Dichtung. Sexualität und Leidenschaften generell erhalten auch für die Produktion von Literatur Bedeutung, denn wenn die Kunst die Natur nachahmen soll, dann müssen die Leidenschaften als Bestandteile dieser Natur anerkannt und ausgelebt werden. Hamann wandte sich gegen eine blutleere, bloß theoretische Ästhetik, die nur auf die Nachahmung des Schönen in der außermenschlichen Natur abhebt. In die Literatur dringen nun Alltagsszenen ein, in denen auch Protagonisten jenseits von Adel und Bürgertum eine Rolle spielen. Bäuerliches Leben wird dargestellt, ohne dass die Bauern verspottet werden, wie das im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gang und gäbe war.

Naturpoesie ist in einer auf Aufklärung bedachten Welt kaum noch zu finden, man muss sie suchen. Die ursprüngliche Poesie ist aber die des Volkes, namentlich das Volkslied, das allen voran Johann Gottfried Herder sammelt, aufschreibt, veröffentlicht. Doch sind mit dem Begriff der Volkspoesie noch weitere Anliegen verknüpft, etwa die endgültige Durchsetzung der Volkssprache in der Schrift – noch immer ist Latein die Gelehrtensprache, Französisch die Sprache der Vornehmen. Die nationale Haltung im 18. Jahrhundert ist einerseits ein problematischer Vorläufer des dann im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland eskalierenden Chauvinismus. Doch auf der anderen Seite steht das kulturnationale Interesse, sich über die eigene Identität, die eigenen Wurzeln zu verständigen – gerade im Bewusstsein der zeitlichen und damit auch qualitativen Distanz zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart. Einen weiteren bedeutenden Schritt in diese Richtung gingen die Romantiker. Aus der Volkspoesie gewannen die Stürmer und Dränger auch einige ihrer spezifischen Themen wie Liebe, Standesunterschiede, Willkür der Obrigkeit.

Zukunftsweisend war Johann Gottfried Herders unter dem Titel Stimmen der Völker in Liedern erst 1778 / 79 erschienene Volksliedersammlung, ein Unterfangen, dessen Sinn die Aufklärer nicht einsehen konnten, handelte es sich doch aus ihrer Sicht um kindlich-primitive und keinesfalls vorbildliche Texte, die zudem einen besonderen Fehler hatten: Was Autoren wie Herder und Gottfried August Bürger schrieben und adaptierten, war gar nicht so ursprünglich, wie sie selbst behaupteten. Alles Bemühen um Volkspoesie wirkt aus heutiger Sicht konstruiert, denn man unterwarf sich Zugeständnissen an das Publikum und das eigene Verständnis von Poesie, indem man die originären Zeugnisse bearbeitete, anspruchsvoller und damit »künstlicher« machte als man sich selbst und seinen Lesern eingestehen wollte. Goethe sammelte ebenso wie Lenz in Straßburg Volkslieder. Bürger behauptete, man müsse bei Handwerkern, Bauern, Hirten und Jägern auf die Suche gehen.

Wichtiger als diese noch recht spärlichen und zweifelhaften Resultate ist für die Gesamterscheinung des ›Sturm und Drang‹, dass man das ›Volk‹ entdeckte und aufwertete, ja wie Herder sogar idealisierte als »der grosse ehrwürdige Theil des Publicums«. Nicht nur die Aufklärer, auch der Klassiker Schiller wandte sich gegen das Populäre und Popularisierende in der Lyrik, so in einer grundlegenden, berühmt gewordenen Abrechnung mit Bürgers Gedichten. Die Natur dürfe nicht einfach nachgeahmt werden, sie müsse idealisiert werden, so der spätere Schiller, der in seiner Jugend mit den Räubern ein ganz besonderes Kraftgenie auf die Bühne brachte, sich dann aber von seinen ungestümen Gedanken entfernte.

Formal und inhaltlich setzt der ›Sturm und Drang‹ mehrere neue Akzente: Mit Gottfried August Bürgers Lenore erblickt die volksliedhafte (Schauer-)Ballade das Licht der Welt. Angesagt ist eine Sprache, die der mündlichen Umgangssprache mit ihren Ellipsen und Interjektionen, ihren dialektalen Eigenheiten nahekommt. Zum Volkstümlichen gehört das schon erwähnte Patriotische, das etwa schon die Arminius-Dramen des Vorbildes Friedrich Gottlieb Klopstock beherrscht. Hier wie auf manch anderem Gebiet radikalisiert der ›Sturm und Drang‹, was in vorausgehenden Strömungen der Aufklärung bereits entwickelt worden war. Goethes Götz von Berlichingen, hier mit der Vorfassung unter dem Titel Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand vertreten, gemahnt an das Kraftgenie der Frühen Neuzeit, den reichsunmittelbaren Ritter, der eine Alternative zur territorialen und kulturellen Zersplitterung Deutschlands im 18. Jahrhundert verkörperte.

Der selbstbestimmte, nur sich selbst verantwortliche Mensch beginnt die aus einem veräußerlichten Christentum übernommene bürgerliche Moral zu hinterfragen und klagt insbesondere sein Recht auf das Ausleben seiner Sexualität ein. An dieser Thematik hat sich allerdings längst schon ein Ständekonflikt entzündet, ist es doch der politisch uneingeschränkt einflussreiche Adel, der sich traditionell nicht um die Sexualmoral zu scheren braucht. Besonders Lenz brandmarkt in seinen Dramen adelige Verlogenheit und Verdrängungspraktiken im Umgang mit der Sexualität. Wenn es besonders um die Benachteiligung der Frauen geht, gerät immer wieder die wohl drastischste Auswirkung in den Fokus, der Kindsmord.

Der Aufbruch des Einzelnen, der seine ererbten Fesseln abschüttelt, wird typischerweise in genealogische Muster gefasst und als Generations- und Familienkonflikt inszeniert. Wie in Schillers Die Räuber kämpfen unzufriedene Söhne gegen ihre Väter und gegen feindliche Brüder.

Eine Auswahl aus den bekannteren (auto-)biographischen Dokumenten der Protagonisten Goethe und Lenz lässt bei Ersterem an die Neigung denken, den Anspruch der Erlebnisdichtung durch die biographisch-historische Wirklichkeit auch tatsächlich zu beglaubigen. Goethes Autobiographie Dichtung und Wahrheit dient einer Verschränkung beider. Doch während Goethe als Gewinner der Geschichte auch für mehr als ein Jahrhundert die Diskurshoheit erfolgreich für sich beanspruchen konnte, sind die von ihm im Stich gelassenen jungen Frauen – allen voran Friederike Brion – zu stummen Märtyrerinnen und unfreiwilligen Musen stilisiert worden. Und nicht zuletzt Goethe hat dafür gesorgt, das Andenken Lenz’, eines Verlierers der Geschichte, für lange Zeit zu verdunkeln. Ludwig Tiecks Lenz-Ausgabe von 1828 hat dem zunächst kaum abhelfen können. Erst im 20. Jahrhundert begann man diesem künstlerisch produktiven, im Leben gescheiterten Genie gerecht zu werden.

VII.

Eine Rezeptionsgeschichte des ›Sturm und Drang‹ wäre lang und enthielte Texte, deren Bekanntheitsgrad den ihrer Vorbilder zeitweilig übertroffen hat. Georg Büchners Novelle Lenz rückt vier Jahrzehnte nach dessen Tod den zu Lebzeiten erfolglosen Autor ins Zentrum – doch mussten weitere Jahrzehnte vergehen, bis diese an die Moderne heranreichende psychologische Erzählung von Verzweiflung und psychischer Erkrankung des einstigen Genies und Goethe-Freundes das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Unerhört waren im 19. Jahrhundert Sätze wie dieser: »Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.« Die Intensität des Erlebens und Fühlens, die für das Genie so wichtig ist, hat sich zu psychotischen Zuständen gesteigert. Traum oder Wachzustand sind nicht mehr unterscheidbar, ein Selbstmordversuch misslingt. Doch in lichten Augenblicken spricht sich Lenz für eine lebendige, ungeschönte Kunst im Geist Shakespeares aus, eine Kunst, die der menschlichen Natur gerecht wird. Büchner siedelt seinen Lenz an der Schwelle zu dem aus jeder metaphysischen Gewissheit, auch aus der Gewissheit irdischer Liebe herausgerissenen Subjekt der Moderne an. Der Stürmer und Dränger wird damit beinahe zu einem Menschen des 20. Jahrhunderts.

Letzteres trifft auf Ulrich Plenzdorfs rasch populär gewordene Werther-Figur zu DDR-Zeiten natürlich erst recht zu. Edgar Wibeau, Held von Die neuen Leiden des jungen W. (1972), muss nicht so sehr als Liebender gerechtfertigt werden, der sich ausgerechnet eine verheiratete Frau ausgesucht hat, sondern als Individualist in der sozialistischen Gesellschaft – den diese aber bei Licht besehen im Stich gelassen hat, nicht umgekehrt.

Zwei Beispiele von vielen belegen die Aktualität der hier versammelten Texte. Sieht man von ganz wenigen Autoren wie Grimmelshausen oder Lessing ab, so finden sich in der deutschsprachigen Literatur zuerst im ›Sturm und Drang‹ Texte in großer Zahl, die an Sprachgewalt, an Lebensnähe und Lesbarkeit bis heute nichts eingebüßt haben.

Jochen Strobel

1.Das Genie

Johann Kaspar Lavater

Physiognomische Fragmente

GENIE

Was ist Genie? Wer’s nicht ist, kann nicht; und wer’s ist, wird nicht antworten[1]. – Vielleicht kann’s und darf’s einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem’s wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich – hinzublicken.

Was ist Genie? was ist’s nicht? Ist’s bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in seinen Vorstellungen und Begriffen? Ist’s bloß anschauende Erkenntnis? Ist’s bloß richtig sehen und urteilen? viel wirken? ordnen? geben? verbreiten? Ist’s bloß – ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen? zu sehen? zu vergleichen? Ist’s bloß Talent? –

Genie ist Genius.

Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn’s ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktiert oder angegeben hätte, der hat Genie; als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre – ist Genie.

 

Einen reichen oder weisen Freund haben, der uns in jeder Verlegenheit rät, in jeder Not hilft – und selbstreich sein, und andern in jeder Not helfen; selbstweise, andern in jeder Verlegenheit raten zu können – siehe da den Unterschied zwischen Genie sein, und Genie haben.

 

Wo Wirkung, Kraft, Tat, Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht gelehrt werden kann – da ist Genie. Genie – das allererkennbarste und unbeschreiblichste Ding! fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die Liebe.

Der Charakter des Genies und aller Werke und Wirkungen des Genies – ist meines Erachtens – Apparition … Wie Engelserscheinung nicht kömmt – sondern dasteht; nicht weggeht, sondern weg ist; wie Engelserscheinung ins innerste Mark trifft – unsterblich ins Unsterbliche der Menschheit wirkt – und verschwindet, und fortwirkt nach dem Verschwinden – und süße Schauer, und Schreckentränen, und Freudenblässe zurückläßt – So Werk und Wirkung des Genies. –

Genie – propior Deus …

Oder – nenn es, beschreib es, wie du willst – Nenn’s Fruchtbarkeit des Geistes! Unerschöpflichkeit! Quellgeist! Nenn’s Kraft ohne ihresgleichen – Urkraft, kraftvolle Liebe; nenn’s Elastizität der Seele, oder der Sinne und des Nervensystems – die leicht Eindrücke annimmt, und mit einem schnell ingerierten Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt – Nenn’s unentlehnte, natürliche, innerliche Energie der Seele; nenn’s Schöpfungskraft; nenn’s Menge in- und extensiver Seelenkräfte – Sammlung, Konzentrierung aller Naturkräfte; nenn’s lebendige Darstellungskunst; nenn’s Meisterschaft über sich selbst; nenn’s Herrschaft über die Gemüter; nenn’s Wirksamkeit, die immer trifft, nie fehlt in alle ihrem Wirken, Leiden, Lassen, Schweigen, Sprechen; nenn’s Innigkeit, Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen. Nenn’s Zentralgeist, Zentralfeuer, dem nichts widersteht; nenn’s lebendigen und lebendig machenden Geist, der sein Leben fühlt, und leicht und vollkräftig mitteilt; sich in alles hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft – Nenn’s Übermacht über alles, wo es hintritt; nenn’s Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im Gegenwärtigen. Nenn’s tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer Kraft, die das Bedürfnis stillt und sättigt – Nenn’s ungewöhnliche Wirksamkeit durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt und unterhalten! Nenn’s ungewöhnliche Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit glücklicher Überspringung der Mittelverhältnisse zusammenzufassen – oder Ähnlichkeiten, die sich nicht herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen – Nenn’s »Vernunft im schnellsten Flammenstrome der Empfindung und Tätigkeit«. – Nenn’s Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich nicht geben, nicht nachäffen läßt; oder nenn’s schlechtweg nur Erfindungsgabe – oder Instinkt: Nenn’s und beschreib’s, wie du willst und kannst – allemal bleibt das gewiß – das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche – ist Genie – das Inspirationsmäßige ist Genie – hieß bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie – und wird’s heißen, solange Menschen denken und empfinden und reden. Genie blitzt; Genie schafft; veranstaltet nicht; schafft! So wie es selbst nicht veranstaltet werden kann, sondern ist! Genie vereinigt, was niemand vereinigen; trennt, was niemand trennen kann; sieht, und hört und fühlt, und gibt und nimmt – auf eine Weise, deren Unnachahmlichkeit jeder andere sogleich innerlich anerkennen muß – Unnachahmlich und über allen Schein von Nachahmlichkeit erhaben ist das Werk des reinen Genius. Unsterblich ist alles Werk des Genies, wie der Funke Gottes, aus dem es fließt. Über kurz oder lang wird’s erkannt – wird seine Unsterblichkeit gesichert. Über kurz oder lang alles herabgewürdigt, was schwachen Köpfen Genie schien und nicht war; nur Talent; nur gelernt, nur nachgeahmt, nur Faktize war, nicht Geist war aus Geist; nicht quoll aus unlernbarem Drange der Seele; nicht war Kind der Liebe! Abdruck des innern Menschen! Ausgeburt und Ebenbild der verborgensten Kraft! Lauf alle Reihen der Menschen durch, die ganze Nationen und Jahrhunderte mit einer Stimme Genie nannten – oder deren Werke und Wirkungen unsterblich sind und fortleben von Geschlecht zu Geschlecht, und nie zu verkennen, nie auszulöschen sind – wenn noch so viele, noch so stürmende Stürme über sie brausen – Nenn unter allen einen – der nicht gerade um deswillen Genie hieß – und war – weil er Ungelerntes und Unlernbares empfand, sprach, dichtete, gab, schuf! Unnachahmlichkeit ist der Charakter des Genies und seiner Wirkungen, wie aller Werke und Wirkungen Gottes! Unnachahmlichkeit; Momentaneität; Offenbarung; Erscheinung; Gegebenheit, wenn ich so sagen darf! was wohl geahndet, aber nicht gewollt, nicht begehrt werden kann – oder was man hat im Augenblicke des Wollens und Begehrens – ohne zu wissen wie – was gegeben wird – nicht von Menschen; sondern von Gott, oder vom Satan!

 

Millionen Gegenstände der Natur sind, die uns affizieren, unsere Kräfte regen, unsere Liebe anziehen, unserm Glauben Kraft, unserer Hoffnung Flügel geben – Millionen Gegenstände, an denen sich die menschliche Schöpfungskraft üben, in die sich der menschliche Geist hineinwurzeln kann – und so gibt’s auch unzählige Arten von Genieen. Jeder Gegenstand der sichtbaren oder unsichtbaren Welt ist ein Element, worin ein Genie als in seiner Welt, seinem Reiche, weben und schweben, walten und herrschen kann – Eine Welt voll Erscheinungen für das Genie, dem die äußern und innern Sinne zu seiner unmittelbaren Erkennung und Berührung geöffnet sind. Von was Art aber immer ein Genie sein möge; aller Genieen Wesen und Natur ist – Übernatur – Überkunst, Übergelehrsamkeit, Übertalent – Selbstleben! – Sein Weg ist immer Weg des Blitzes, oder des Sturmwindes, oder des Adlers – Man staunt seinem wehenden Schweben nach! hört sein Brausen! sieht seine Herrlichkeit – aber wohin und woher weiß man nicht? und seine Fußstapfen findet man nicht.

Genie! – Tausendmal, und wann mehr als in unserer Aftergeniezeit weggeworfenes Wort – aber der Name bleibt nicht – jeder Hauch des Windes weht ihn weg – jedes kleine Talentmännchen nennt ein noch kleineres Genie – damit dasselbe hinwiederum zu kleinern herabrufe – seht an die Höhe hinan!

 

Der Cherub eilt mit vollen Flügeln

Und überfliegt dich – Libanon!

 

Aber Flieger, Rufer und Stauner – die sich einander wechselsweise hinauf- und herabräucherten, und – ver- genierten – die Sonne geht auf – und wenn sie untergegangen ist – wo seid ihr? – Genieen – Lichter der Welt! Salz der Erde! Substantive in der Grammatik der Menschheit! »Ebenbilder der Gottheit – an Ordnung, Schönheit und unsichtbaren Schöpferskräften! Schätze eures Zeitalters! Sterne im Dunkeln, die durch ihr Wesen erleuchten und scheinen, soviel es die Finsternis aufnimmt!« – Menschengötter! Schöpfer! Zerstörer! Offenbarer der Geheimnisse Gottes und der Menschen! Dolmetscher der Natur! Aussprecher unaussprechlicher Dinge! Propheten! Priester! Könige der Welt … die die Gottheit organisiert und gebildet hat – zu offenbaren durch sie sich selbst und ihre Schöpfungskraft und Weisheit und Huld – Offenbarer der Majestät aller Dinge, und ihres Verhältnisses zum ewigen Quell und Ziel aller Dinge: Genieen – von euch reden wir! euch fragen wir – hat euch die Gottheit bezeichnet – und wie? – wie hat sie euch bezeichnet? – eure Gestalt? eure Züge? eure Miene? … Gebärde? Was ist’s, das euch auszeichnet vor allen Sterblichen, die an eurer Rechten und Linken vorbeigehen – Bezeichnet seid ihr, so wahr ihr seid! wo nur immer das Zeichen Gottes zu finden sein möge …

 

Der Mann mit Mondstrahl im Gesicht,

Wird’s suchen und wird’s finden. –

 

Natur versteht die Natur, und Genie ahndet das Genie. Blick des Künstlers faßt den Künstlerblick, wie Schwärmer den Schwärmer anzieht – Vor aller Vergleichung, vor allem Räsonnement, aller Überlegung fühlt das Genie die Nähe des Genies; sie erkennen sich, sobald sie sich sehen, entweder durch kräftige Anziehung oder mächtige Zurückstoßung. Dies gehört zur Natur der Genieen, was zur Natur des Magnets gehört, mit dem einen Pol anzuziehen, mit dem andern zurückzustoßen. Dennoch gibt’s bestimmte und unbestimmbare, lehr- und lernbare Kennzeichen von verschiedenen Hauptklassen von Genieen. – Ohne mir anzumaßen, nur die wichtigsten bestimmen zu können, oder alle zu kennen, will ich das wenige sagen, was ich hierüber bemerkt habe.

 

Es gibt eine Menge Stirnen und Umrisse, von denen sich mit Sicherheit behaupten läßt – »Sie sind durchaus nicht für Genieen gebaut.« – Von folgenden vier Umrissen ist keiner des Genies fähig – Stumpfheit in hohem Grade – Schlaffheit – ohne alle Spannung respuiert alle Genialität. 1. duldete was in Nasenspitze und Kinn – wenn’s die Stirne zuließe.

Von dieser innern Ungenialität scheint auch folgender Umriß zu sein.

Hinwiederum gibt’s solche Umrisse und Stirnen, von denen man sagen kann: Hier kann Genie wohnen und wirken; die Natur protestiert wenigstens nicht dagegen. Von dieser Art ist nachstehendes Köpfchen.

Sodann gibt’s Umrisse und Stirnen, von denen sich sagen läßt: Hier ist Genie, oder es ist nirgends – aber auch wieder Geniestirnen, die, allein betrachtet, sich nicht als solche verraten würden. Bei allen, allen aber, die in irgendeinem Fache nach aller Menschen Urteil Genieen waren, fand ich den Ordensstern im Auge – und zwar einerseits im Blicke, im Feuer, Licht, oder Saft des Auges – wovon unten, vornehmlich aber im Profilumrisse des obern Augenlids. Wo mir sonst keine Spur einleuchtete, fand ich sie wenigstens hier allemal entscheidend. Ich habe einen Menschen nicht gesehen, wenn ich diesen Zug nicht gesehen habe – und ist dieser Zug für Genie entscheidend, mag alles andere unentscheidend sein. Wenn ich nicht Zeit oder Gelegenheit habe einen Menschen physiognomisch durch und durch zu studieren, so bemerke ich mir vorerst wenigstens nur diesen Umriß – und sowenig ich mir sonst anmaße, von jungen Kindern bestimmt und keck zu urteilen, so getraue ich mir doch hieraus die Hauptsumme ihrer Verstandesfähigkeiten bisweilen ziemlich richtig angeben zu können. Und gerade dieser Zug ist wieder einer, der von den meisten Zeichnern beinahe durchaus vernachlässigt wird; daher sich so selten aus Porträten auf die Originale ganz sicher schließen läßt, auch wenn die Porträte sehr ähnlich scheinen.

Wenn’s wahr ist, was ich bis dahin immer wahr befunden habe, daß Genie, als Genie sieht, ohne zu beobachten – das heißt, ohne sehen zu wollen; daß ihm zu sehen gegeben wird – daß es seine tiefsten, richtigsten Bemerkungen im Vorbeifluge macht, ob sie gleich nachher der Verstand läutern und ins reine bringen kann – daß es nicht sucht, sondern findet; so wie’s (wie gesagt) nicht kömmt, sondern da ist; nicht weggeht, sondern weg ist – daß weder Verstand allein, so groß er sein mag – noch Imagination allein, so lebhaft sie sein mag, Genie ist; daß Blick Genie ist – die Seele in den Blick konzentriert, Blitzblick der schnellgespannten Seele – so ließe sich vielleicht schon a priori erwarten – Hier zeigt sich das Genie, wenn es sich irgendwo zeigen muß. Nicht daß es sich da allein zeige! Nicht daß es nicht in allen Muskeln und Nerven Sitz und Stimme habe! Nicht daß es nicht in jeder Ader zucke und spucke … Ich sage nur – es zeigt sich nirgends, es ist nicht vorhanden, wenn es sich da nicht zeigt – Nicht, daß nicht Übung und feiner Beobachtungsgeist dazu gehöre, die so oft so erstaunlich nah aneinandergrenzenden Schweifungen dieses Umrisses zu unterscheiden – Wirklich große Zeichner, die sich nicht ganz besonders geübt haben, diese feinen Unterschiede zu bemerken, sind hierin ganz unzuverlässig. Ich werde in den physiognomischen Linien, wenn einmal einige meiner Zeichner Blick und Sinn dafür mehr werden gebildet haben – genauere Bestimmungen dieser Art vorlegen. – Hier nur einige Proben.

Die hier eingedruckte Tatel von 8 Augen im Profile mag meine Gedanken einigermaßen sichtbar machen. Unter allen ist kein außerordentliches Genie – keines von einem Dummkopf. Von keinem wollt ich mit ganzer Gewißheit, so wie sie mir hier erscheinen, behaupten – Ein großes Genie! als von 3. und 5. aber Genie von sehr verschiedener Art. 3. Ein schnelles, kraftvolles Tatgenie. 5. Ein Empfindungsgenie.

1. Ist sicherlich kein Genie.

2. Etwas mehr Verstand – aber zu wenig Energie zur Genialität.

4. Könnte allenfalls von einem schnellen Kopfe sein; hat aber nicht die mindeste entscheidende Spur von Kraft. Nur in dem vorhängenden Teile des obern Augenlids ist etwas, das uns verbietet, dies Auge einem Dummkopf zuzuschreiben.

6. Ist Genie empfänglich; aber weder eines sehr feinen, noch sehr erhabenen – auch wird kein Genius sich da etablieren – hält höchstens Nachtquartier, oder macht einen kurzen Ehrenbesuch.

7. Hat etwas Genialisches, und hätte mehr, wenn der Winkel hinten etwas weniger spitz wäre.

8. Ebenso verdorben durch Vernachlässigung des hintern Teiles. Oben am obern Augenlid a gehört sich bei solchen Augen eine scharfe Vertiefung, welche dieses ohne das nicht gemeine Auge zum Genieadel würde erhoben haben.

Nachstehende zwei Augen, so gering die Verschiedenheit ist, sind in Absicht auf Genie wesentlich verschieden.

A ist durchaus ungenialisch. B nicht ganz; und warum nicht? bloß um einiger kaum merkbarer Verschiedenheiten willen – die kleine Vertiefung oben und der abgerundete Winkel hinten – geben ihm schon Funken von Genie. Dies ist nicht Effatum ins Blaue hinaus. Es ist Bemerkung, die jeder, dem Auge und Sinn gegeben ist, selbst machen kann.

Hier noch zwo Karikaturen von Voltaire. In beiden ist Genius wetterleuchtender Schalkheit; man bemerke aber den kleinen Unterschied in b von a, so wird man gleich gestehen müssen – hier ist noch mehr Kraft und Salz – hier wird das Wetterleuchten treffender Blitz.

Noch etwas von dem Auge des Genies, das sich nicht wohl zeichnen läßt – das aber nicht allen Genieen gemein, wenigstens nicht an allen spürbar ist. Das ist nicht nur das Treffende, Blitzende, das sich aus der Zeichnung des Auges ergeben mag – sondern das Ausfließende, wenn ich so sagen darf. Sei’s nun wirkliche Emanation, wie Licht aus Licht, oder sei’s nur Bewegung der Materie des Elementes, die licht, magnetisch, elektrisch, oder wie sie will, heißt – das Auge des Genies, des gesalbten Gottes, scheint – Ausflüsse zu haben, die auf andre Augen physisch und unmittelbar wirken. – Ich rede nicht von Ausflüssen, welche die Gestalt der genialischen Menschen haben sollen! So was träumte ich mir nie! Ich bestimme die Natur dieser Ausflüsse auf keine Weise. Nur von einer Erfahrungssache rede ich, die beinahe zum Sprichworte geworden ist, von einer Erfahrungssache, die kein Mensch einen Augenblick bezweifeln kann, der einen Unterschied der Farben zugibt. Wie jeder Körper das Licht auf eine ihm eigene Art zurückwirft, die etwas von der Natur dieses Körpers, wo nicht an sich hat, doch ausdrückt – so gibt jedes Auge dem Lichtstrahl, der von ihm ausgeht, eine eigene Direktion und Vibration; – das Auge des Genies gibt ihm eine solche – die spürbarere Sensation auf jedes Auge macht, als jedes ungenialische Auge. Von dieser Art Augen sind, aus ihren Porträten zu schließen, z. E. die vom Kardinal Retz, van Dyck, Raffael. Der Blick des Genies in seiner höchsten Treffenheit, wenn ich so sagen darf, ist – beinahe wunderwirkend – unwiderstehlich, allanerkannt, göttlich – Ihm beugen sich die Knie, ihm schlagen sich die Augen nieder – ihm gehorchen – wie einer Gottheit – alle, die er trifft. Durch diesen Blick voll allempfindbarer Überlegenheit, »wie Rousseau so wohl sagt, verwandeln wahre Genieen die andern in sich selbst. Ihre Macht ist in einem weiten Umfange geschäftig, innerhalb dessen man ihnen nicht widerstehen kann; kaum lernt man sie kennen, so gelüstet es uns sie nachzuahmen; und in ihrer Hoheit ziehen sie alles, was sie umringt, zu sich hinauf.«

 

Das wahre, volle, ganze Genie, das Licht bringt, wohin es seinen Blick wirft; Meister ist, wo sich sein Fuß hinsetzt; das Eden und Wüsten vor sich oder hinter sich zurückläßt – das anzieht, wenn’s anziehen, zurückstößt, wenn’s zurückstoßen will – das kann, was es will, und nur das will, was es kann; das nie sich kleiner fühlt, als wenn’s am größten ist, weil es noch unendlich höhere Welten voll Genieen und Kräften und Wirkungen über sich findet – je höher es sich hinaufschwingt, nur um soviel höhere Höhen entdeckt – das Genie, gewurzelt in die Erde wie Nebukadnezars Traumbaum, und unter dessen weit verbreiteten Ästen alle Tiere des Feldes, schattendürstend sich lagern – Das Genie, das immer emporstrebt, wenn tausend Widerkräfte an ihm heraufkrabbeln, es nach der Erde herunterzureißen; das den Schmeichler zu Boden blitzt, den Verächter verachtet – ins Bubengelächter – mit der Bonhomie eines Reichen, den man arm lügt, hineinlächelt – Das Genie, das über alles herrscht, wie Daniels heilige Wächter schnellen vollendenden Ratschluß über alles gibt – Das Urgenie, dessen Denken – Anschauen, dessen Empfindung – Tat, dessen Tat unwidertreiblich und unaustilgbar ist: – das hat seinen Hauptausdruck, und das Siegel Gottes – nicht im obern Teil der Stirne – nicht im Blick und Augausdruck allein – sondern vornehmlich in einer breiten, jedoch über dem Sattel etwas gerundeten, gedrängten, etwas vorgebogenen Nasenwurzel, »da wohnen« (nach dem vortrefflichen Ausdruck eines neuerlichen Schriftstellers, den man mit mir zu verwechseln mir die höchst unverdiente Ehre antat), »da wohnen fürchterliche Leiden, verschlungen in die Riesenkraft, die sie trägt, und überwindet – eingewurzelte Festigkeit und Fülle des Geistes.«

 

Doch habe ich auch große allanerkannte Genieen ohne dies Zeichen, ja mit den schwächsten Nasenwurzeln gesehen. Aber ihre Genialität war auch von jener wesentlich verschieden. So mächtig und stark sie waren – ihre Stärke war nicht innerlich fester gewurzelter Zustand; war nur hohe Gespanntheit. Diese waren allemal sinnlicher, reizbarer, und von einer gewissen Seite schwächer, weibischer; hatten mehr ruhigen Verstand, Vernunft, Abstraktionsgabe, Zergliederungsfähigkeit – verbreiteten sich mehr – hatten mehr Imagination, mehr Liebe, mehr Empfindung, mehr Vernunft, als Geist; mehr Reizbarkeit als Kraft – zogen mehr an, als sie zurückstießen.

 

Intensive Genieen, die auf einen Punkt mächtig wirken, sind stärker geknocht, haben festeres Fleisch, sind schwerer und einfacher in ihren Bewegungen, haben festere Stirnknoten, und perpendikulärere Stirnen, als –

Extensive Genieen, die auf weiten Umfang wirken. Diese sind zarter, länglichter, luftiger, lockerer gebildet, haben zurückgehende Stirnen usf.

Alle Genieen des Sehens, Empfindens, Handelns, alle Genieen in der Welt, glaube ich, lassen sich überhaupt unter drei Klassen bringen – Genieen des Details; Genieen fürs Ganze; Genieen für beides.

1) Inspirationsähnlicher Sinn, unnachahmliche Kraft fürs Kleine, Abgesonderte – Genie fürs Detail – gemeiniglich Künstlergenie genannt; – (Hamiltons Papillion und Eydexe – und Tenners Köpfe machen es kennbar) hat seinen Adelsbrief im Scharfblick – größtenteils in dem hineingeschobenen obern Augenlid und der Intension eines unanziehenden – ausflußlosen, nur einem Raubvogel gleich herausholenden Blickes, und kleinlichen, scharfgezeichneten Gesichtszügen – Sehet Augsburger und Nürnberger Maler und Künstler die Menge.

2) Inspirationsähnlicher Sinn und unnachahmliche Kraft für ganze Felder, ganze Tableaux, ganze Massen – Genie fürs Große – mit Vorbeigehung, Verachtung des kleinen Details – hat sein Zeichen in größern Gesichtsteilen, und weniger kleinlichen Zügen – wie Rubens – van Dyck.

3) Inspirationsähnlicher Sinn und unnachahmliche Kraft fürs Große und Kleine zugleich – Ganzer Natursinn