Suche nach einer besseren Welt - Jürgen Staab - E-Book

Suche nach einer besseren Welt E-Book

Jürgen Staab

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Beschreibung

Friedrich Nietzsche im Lichte der aktuellen Herausforderungen anlässlich seines 125. Todesjahrs neu interpretiert. Versetzen wir Nietzsche in unsere Lebenswirklichkeit, verbunden mit Wachstumswahn und Übernutzung der Erde, und hören ihm zu. Wie hat sich Nietzsches kranke 'Thier' Mensch auf unserem Planeten eingerichtet? Wie verbindet sich auf Nietzsches Spuren die Ökologie mit der Philosophie zur Ökosophie? Welchen Weg weist uns Nietzsches Metaphysik für unser Überleben auf dem Planeten? Dieses Buch richtet sich als postmortale Empfehlung an Bürger und Entscheider außerhalb gängiger Pfade. Folgen Sie mir, Nietzsche endlich hundert Jahre nach seinem Ableben, verstehen zu lernen.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Teil I

1. Das kranke System

Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit /

Finanzwesen, Gesundheit, Digitalisierung /

Staatsverfassungen /

Wachstumswahn, Übernutzung

2. Das kranke „Thier“

Religiosität /

Gewalt /

Dummheit /

Gier /

Krankheit /

Hass /

Lüge

Teil II

3. Nietzsche 1.0

Biografie /

Werk

4. Nietzsche 2.0

Philosophisches Weiterdenken /

Ökosophische Spekulationen

Teil III

5. Synthese Teil I und Teil II.

6. Die Folgen

Was sollen wir tun? /

„Leitfaden“

7. Ausblick / Metaphysisches

Epilog

Für meinen Sohn Elias und der Bewegung „Fridays for Future“, die auch noch später mit ihren Familien eine lebenswerte Umwelt vorfinden sollen.

In Gedenken an Dr. Georg Werckmeister und Felix Müller, zwei Ökopioniere und Freunde, die beide 2015 leider viel zu früh verstorben sind. Ebenso in Gedenken an den genialen Erfinder und Freund Christoph H. Blömer, der 2020 verstarb. Ihre Gedanken gehen nicht verloren....

Ein besonderer Dank gilt Frau Dr. Ariane ten Hagen / Eppstein und ihrem Philosophiekreis für viele dort entwickelten tieferen Einsichten.

Und schließlich danke ich meiner Freundin Melanie für den geduldigen Umgang mit meinen Monologen.

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) gilt als das „größte Ausstrahlungsphänomen der Geistesgeschichte“.

Gottfried Benn, 19501

Vorwort

Wir sind Klima-Quietisten2 geworden, da viele von uns annehmen, dass es schon auch so immer weitergehen wird.

Der 2022 verstorbene französische Philosoph Bruno Latour hat bereits in einer seiner letzten Schriften 2018 kommentiert: „Trumps Hintermänner haben beschlossen, Amerika noch ein paar Jahre träumen zu lassen, um die Landung und Erdung zu verhindern und die übrigen Länder mit in den Abgrund zu reißen – womöglich für immer.“3

Eine „Trump-Periode“ kostet mittlerweile 0,1 Grad mehr menschengemachte Klimaerwärmung. Jetzt schon liegen wir oberhalb der noch einigermaßen steuerbaren 1,5 Grad-Erderwärmung. Und der weltweit größte Rückversicherer, Münchener Rück konstatiert in einer Bilanz für das Jahr 2024, dass Wirbelstürme, schwere Gewitter und Überflutungen weltweit Schäden von 320 Milliarden Dollar angerichtet haben. Damit knapp zwölf Prozent mehr als 2023 und drittteuerstes Jahr seit 1980. Und Vorstandsmitglied Blunck begründet die großen Schäden mit dem Klimawandel. So sei der Einfluss des Klimawandels bei 26 von 29 untersuchten Ereignissen nachweisbar. 4

Während ich das Vorwort schreibe, tobt eine große Feuerkatastrophe in Los Angeles mit einem Schaden von ca. 130 Milliarden Dollar – bisher.

Viele Bürger fragen sich: Was kann man tun?

Ich selbst bin in Europa und habe allein schon, weil ich in einer reichen Gesellschaft lebe, einen hohen CO2-Abdruck. Trotzdem versuche ich mit meinen bescheidenen Mitteln, etwas zur Verbesserung beziehungsweise zur Verringerung des Klimawandels beizutragen. So habe ich mit Kollegen vor 15 Jahren eine Energiegenossenschaft gegründet, die, bis dato über gut 500 Mitglieder finanziert, eigene Windräder und größere Photovoltaikanlagen betreibt und damit rechnerisch den Strombedarf einer Kleinstadt generiert.

Daneben habe ich 2011 die erste Monografie über Energiegenossenschaften im deutschsprachigen Raum verfasst, die, mit einem Geleitwort von dem ehemaligen Fernsehjournalisten und Buchautor Dr. Franz Alt, in bisher vier Auflagen erschienen ist.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Friedrich Nietzsche. Und zusammen mit dem polnischen Philosophen Krzystof Michalski (1948 – 2013) bin ich davon überzeugt, dass Philosophie untrennbar mit Verantwortung verknüpft ist.5

Zwar bin ich ausgebildeter Diplom-Volkswirt und habe jahrelang im Bankenbereich internationaler Unternehmensberatungen gearbeitet, bevor ich mich anderen Themen im Nachhaltigkeitsbereich zuwandte. Trotzdem nehme ich für mich in Anspruch, was Paul Feyerabend in seinem 1975 herausgegebenen Klassiker „Wider den Methodenzwang“6 beschrieben hat. Erkenntnisfortschritt kann häufig dort entstehen, wo Forscher herkömmliche, anerkannte Methoden bewusst oder unbewusst verlassen oder verletzen. Und kann man Wissenschaft nicht auch vorantreiben, indem man von unbestätigten oder sogar absurden Hypothesen ausgeht? Und vielleicht fördert nur ein solcher Ansatz Daten zutage, welche die althergebrachten Thesen erschüttern?7

Und welch besseren Philosophen kann man für die Forschung heranziehen als es der Historiker Kurt Breysig in seiner Gedenkrede nach Nietzsches Tod ausdrückte, er sei „ein Führer zu einer neuen Zukunft der Menschheit gewesen, ein Mann, der seiner Bedeutung nach nur mit Buddha, Zarathustra und Jesus Christus zu vergleichen“ sei.8

Von der ersten Idee zum Buch bis zur Erstellung habe ich wieder einmal von 2022 bis 2025 gut drei Jahre gebraucht. Und sicherlich wird es weitere Bücher von mir geben, sofern mir nicht die Themen ausgehen…

Gerne stehe ich auch wieder für Fragen, Kritik und Anregungen zur Verfügung.

Eppstein im Taunus, 12. Januar 2025

Teil I

Kapitel 1

Das kranke System

Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit /

Finanzwesen, Gesundheit, Digitalisierung /

Staatsverfassungen /

Wachstumswahn, Übernutzung9

„Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.

Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Anaconda Verlag GmbH, Köln 2005, S. 11

„Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel zu spüren bekommt, und die letzte, die ihn noch aufhalten kann“, Barack Obama10

Im Jahre 1972 hatte Co-Autor Dennis Meadows in der Studie mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ bereits nicht nur über die Zukunft der Umwelt prognostiziert, sondern auch menschliches Verhalten analysiert.

Der menschengemachte Klimawandel wurde bereits vor über 50 Jahren in die Öffentlichkeit getragen. Neben den bekannten Ursachen und ihrer Abhilfe durch den Umbau unserer Energiesysteme und einer grundlegenden Revision unseres Wirtschaftens steht sich der Mensch dabei weitestgehend selbst im Wege.

Wie wir es erreichen können, dass der Mensch doch noch in diesen und auch weiteren Fragen umsteuern kann, darum soll es in diesem Buch gehen.

Dennis Meadows äußerte sich in DIE ZEIT vom 6. Oktober 2022 das letzte Mal über den menschengemachten Klimawandel.11

Warum?

Meadows: „Mit acht Milliarden Menschen auf dem Planeten in seinem heruntergekommenen Zustand, dazu mit unseren Zielen von Gleichheit und Wohlstand, gibt es keine realistischen und attraktiven Szenarios. Darin liegt ja meine Frustration. Und deshalb ist dies auch mein letztes Interview über die Grenzen des Wachstums.“12

Meine Generation, ich bin 1967 geboren, hatte das Glück, in einer Zeit zu leben, die für die weißen, reichen Länder phänomenal war. Auch nach Meadows geht diese Zeit vorbei13, denn irgendwann fehle das Kapital, um das Wachstum aufrechtzuerhalten, und ab einem gewissen Punkt höre das Wachstum dann auf. In dieser Phase seien wir jetzt, auch wenn das noch zugedeckt würde von aktuellen Fragen.

Die Klimawissenschaftler rechnen daher für die Zukunft weltweit mit bislang unvorstellbaren Hungersnöten. Die möglichen Folgen ließ bereits ein Blick auf die Jahre 2010 und 2011 erahnen. Damals litt Russland, drittgrößter Getreideexporteur der Welt, unter einer Hitzewelle. Trockenheit und Flächenbrände vernichteten rund 30 Prozent der Weizenernte. Die Regierung erließ ein Ausfuhrverbot und der Weltmarktpreis schoss in die Höhe. In den Monaten darauf kam es in zahlreichen afrikanischen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens zu Unruhen, weil Lebensmittel für viele Menschen plötzlich zu teuer wurden.14 Und heute, während ich diese Zeilen im Februar 2024 schreibe, tobt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, beides Länder, die über sehr fruchtbares Land verfügen. Leidtragende sind insbesondere viele afrikanische Länder, was auch deren Zurückhaltung in der Verurteilung Russlands erklärt.

So haben sich die Zahlen der Hungernden gerade zu Zeiten der Corona-Pandemie wieder stark erhöht. Circa jeder zehnte Erdenbürger hat aktuell nicht genug zu essen. Und eigentlich wollte die Welt den Hunger bis 2030 besiegt haben. Als jüngste Ursache der Ernährungskrise standen zu Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine in der deutschen Öffentlichkeit vor allem Bilder von festgesetzten Frachtern mit Getreide aus der Ukraine. Dabei ist Moskaus Machtspiel mit dem Getreide nur ein Verstärker des schon länger bestehenden Problems. Denn Waffengewalt ist laut dem Welternährungsprogramm das größte Hindernis im Kampf gegen den Hunger, denn fast 60 Prozent der Hungernden leben in Kriegsregionen, Syrien, Jemen, Sudan, Äthiopien und Afghanistan.15

Weitere Ursachen des Nahrungsmangels sind die ungerechte Verteilung und die Verschwendung von Lebensmitteln. Zuletzt hat die Corona-Pandemie Transportwege blockiert und verhindert, dass die Bauern ihre Erzeugnisse zu den Märkten bringen oder Saatgut kaufen konnten. Und Rückschläge gibt es auch in dem Bemühen, die Kleinbauern in globale Lieferketten zu integrieren. Damit wurde durch Pandemie und Ukrainekrieg überdeutlich, wie bedrohlich hoch die Abhängigkeit vieler Länder vom Import weniger Grundnahrungs- und auch Düngemittel ist.16

Auch die Ursachen des Bürgerkriegs in Syrien liegen im fortschreitenden Klimawandel begründet. Zwischen 2006 und 2011 herrschte dort auf dem Land eine große Dürre. Dies hatte zur Folge, dass die Landbevölkerung ihr Heil in den Städten suchten. Dort gab es aber auch keine Arbeit, so dass – zusammen mit dem aufkommenden arabischen Frühling – die Bevölkerung gegen die Diktatur aufbegehrte. Daraufhin wurden viele Menschen verhaftet, gefoltert und getötet. Diese Unruhe hat sich dann bis auf fast ganz Syrien ausgebreitet. Daher sind die Syrer die vermutlich ersten Klimaflüchtlinge in großer Zahl!17

Insbesondere viele Agrarwissenschaftler gehen davon aus, dass aufgrund der weltweiten Degradation der Böden nur noch 30 bis 50 Ernten in nennenswerter Höhe möglich sind.

Ein „Day Zero“ beschreibt die Situation, wenn ein Landstrich oder noch schlimmer, eine Großstadt den ersten Tag erlebt, zu dem kein Wasser mehr verfügbar ist.

Weltweit beobachtet und beschrieben hat diese Situation der britische Umweltjournalist Tim Smedley in „Die Grosse Trockenheit“.18 So stehen beispielsweise die Menschen im afrikanischen Burkina Faso 72 Stunden an einem Brunnen an. Ihr Leben dreht sich nur noch um einen Wasserzugang.19

Ich selbst entstamme einem kleinen Spessartdorf im Main-Kinzig-Kreis, eigentlich zwischen dem hessischen Spessart und dem Vogelsberg gelegen. Da die Stadt Frankfurt schon viele Jahrzehnte mittels Brunnen sehr viel Wasser insbesondere aus dem Vogelsberg abpumpt, können Betreiber kleiner Wasserkraftwerke aufgrund der damit verbundenen geringeren Fließmenge beim Oberflächenwasser diese nicht mehr auskömmlich betreiben. Ein Betreiber hatte mir daher vor circa fünf Jahren einmal einen kleinen Beratungsauftrag zum Generieren von Fördermitteln gegeben. Meine Aufgabe war, ein Gutachten mit zu finanzieren, dass die Umgebung dieser Brunnen analysiert. Nach vielen Anrufen bei Ämtern aber auch beim zuständigen Regierungspräsidium in Darmstadt hatte ich immer wieder die Auskunft erhalten, dass die Zuständigen für Oberflächenwasser und Grundwasser unterschiedliche Behörden und damit auch unterschiedliche Personen waren. So ging mein Beratungsauftrag gänzlich dafür drauf, dass ich sowohl den Wasserversorgern wie auch Behörden, die die Fördermitteltöpfe bewachten, immer wieder erklären musste, wie Oberflächenwasser und Grundwasser miteinander zusammenhängen. Und tatsächlich konnte ich es Jahre später in dem bereits erwähnten populärwissenschaftlichen Buch von Tim Smedley in vielen Beispielen nachlesen. So gibt es sogar nach Smedley - in seinem Heimatland Großbritannien beobachtet - eine Formel für den Zusammenhang von Oberflächen- zu Grundwasser: Ein 10 prozentiger höherer Grundwasserspiegel oberhalb der Talsohle entspricht 25 Prozent mehr Wasser im Fluss. Und die in den Neunziger Jahren verbreitete Auffassung, dass es keine Belege für einen Zusammenhang zwischen der Grundwasserentnahme und den niedrigen Durchflussmengen gebe, bezeichnet der zuständige Wissenschaftler als „totalen Stuss“.20

Jedenfalls wird die Wasserentnahme der Großstadt Frankfurt weiterhin für starke Veränderungen nicht nur der Fließmenge der dortigen Flüsse sondern auch zu damit verbundenen Veränderungen oder Schädigungen der Flora und Fauna auf dem ehemaligen Vulkankegel Vogelsberg führen. Ausgetrocknete und nicht mehr bestellbare Felder sind die Folge verbunden mit vertrockneten Bäumen und Aussterben der Fische in den Fließgewässern. Mein Auftraggeber, der neben den kleinen Wasserkraftwerken auch Windmühlen betreibt, ist mittlerweile verstorben. Die regionale Presse hat sich neuerdings mit meinen damaligen Themen befasst, Lösungen sind nicht in Sicht...

Neben dem direkten Wasserverbrauch macht in den Industrieländern aber der importierte Wasserverbrauch einen viel höheren Wert aus. Dieser Mehrverbrauch ist wesentlich höher als der Verbrauch in den jeweiligen Ländern.

Während der Apfel (200 Gramm) für 140 Liter Wasser zu haben ist, sind für die Tasse Kaffee (12 Gramm gemahlene Bohnen) bereits 252 Liter fällig. Das Rindersteak (ebenfalls 200 Gramm) muss aber mit sage und schreibe 3098 Liter Wasser herangezüchtet werden.21

Daher macht das Wasser aus der Leitung, das wir zuhause verbrauchen - zum Beispiel fürs Duschen, Kochen und Putzen - nur ein Prozent unseres tatsächlichen Wasserabdrucks aus.22

Und wenn man sich noch vorstellt, dass viele unserer Lebensmittel in Entwicklungs- oder Schwellenländern hergestellt werden, die noch viel stärker als in dem - immer noch - recht regenreichen Nordeuropa unter Trockenheit leiden, dann wird einem die Brisanz mit den Folgen wie Migrationsbewegungen aus diesen Ländern schnell klar.

Und aufgrund des durch die Klimakrise zu erwartenden Meeresspiegelanstieges werden darüber hinaus unübersichtliche Wanderungsbewegungen einsetzen, ganze Staaten werden so im Meer und Chaos versinken. Nachlesbar war diese Prognose bereits 2008 in dem Buch des Soziologen Harald Welzer, „Klimakriege“.23

Eine neuere Zusammenstellung mit den Folgen des Klimawandels findet sich in dem 2019 in New York erschienenen Buch „The Uninhabitable Earth - Life after Warming“, von David Wallace-Wells.

Neben einem umfassenden Umbau der fossilen Energiesysteme wie auch der fossilen Industrie hin zu erneuerbaren Energien, was sehr rasch geschehen muss, sollten auch insbesondere die Menschen in den Industrieländern ihre Heiz- und Mobilitätsaktivitäten überprüfen. Dabei verweisen viele Bewohner der Industrieländer auf den starken Bevölkerungsanstieg speziell im subsaharischen Afrika. Tatsächlich haben aber die Industrieländer USA, China und Deutschland laut einer Übersicht in DIE ZEIT einen Anteil aller CO2-Emmisionen von 1751 bis 2021 von anteilig 24,29 Prozent, 14,36 und 5,37 Prozent. Ein großes Land wie Indien mit seinen rund 1,5 Milliarden Einwohner hat mit 3,29 Prozent einen vergleichsweise niedrigen CO2-Ausstoss im Zeitverlauf. 24

Allerdings wird das Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass die Emissionen noch stark anwachsen müssten. Denn die Kinderrate würde zwar mit steigendem Wohlstand speziell in den afrikanischen Staaten geringer. Aber der steigende Wohlstand würde wiederum den CO2-Abdruck der Menschen in diesen Ländern erhöhen. Dieses Dilemma lässt sich meines Erachtens nur so auflösen, dass sowohl in den Industrieländern wie auch den Entwicklungs- und Schwellenländern sofort der CO2-Ausstoß stark eingedämmt werden müsste. So hätte ein afrikanisches Land mit einer fast nicht vorhandenen Stromverteilinfrastruktur die Chance, sofort - gerade im ländlichen Bereich - sogenannte Inselsysteme zu etablieren, die auf Wind- und Sonnenbasis ergänzt mit Speichern ohne ein größeres Verteilnetz über viele Hundert Kilometer auskommen könnte.

Wer dabei allerdings dabei den Bau neuer Atomkraftwerke in Betracht ziehen sollte, muss erkennen, dass Atomkraft laut des sogar eher konservativen Magazins FOCUS mit Abstand (34 Cent je Kilowattstunde) die teuerste Stromerzeugungsform darstellt. Vergleichsweise günstig ist Strom aus Windkraft Onshore und Photovoltaik mit sechs beziehungsweise neun Cent die Kilowattstunde.25

Einen ehemaliger Atommanager von Siemens, der mir gut bekannte Gerhard Eckert, der es wissen müsste, hat in seiner sehr interessanten Autobiografie in seinem langen Berufsweg als Ingenieur von 1965 bis 1998 die Atomenergie fasziniert und auch gleichzeitig frustriert. Nach seiner Ansicht hat dafür, dass die Atomenergie einst in vielen Ländern als herausragender Weg für deren Stromversorgung angesehen wurde, nur eine phänomenal kurze Epoche angehalten. Nach seiner Einschätzung hat die Atomenergie keine Chance mehr, nennenswert zur Energieversorgung der Welt beizutragen, seitdem die großen Risiken zunächst nach dem Störfall in Harrisburg, spätestens aber nach der Katastrophe in Tschernobyl, weltweit jedermann und nicht mehr nur Fachleuten bewusstwurden. Und es hätte eigentlich des noch katastrophaleren Unfalls 2011 in den Reaktorblöcken von Fukushima in Japan gar nicht mehr bedurft. Weltweit sei unabhängig von diesen Unglücksfällen obendrein noch kein Weg gefunden worden, die tausenden Tonnen radioaktiven Abfalls sicher zu lagern. Wenn schließlich doch Lagerstätten eingerichtet würden, müssten sich unsere Nachfahren noch viele Generationen lang um den atomaren Müll kümmern, weil dieser radioaktiv strahlt und immer noch ungewünscht Energie in Form von Wärme abgebe, die die Umwelt aufheize.26

Ebenso möchte sich Gerhard Eckert nicht vertieft mit der zunehmenden Gefahr terroristischer Angriffe auf die digitalen Sicherheitssysteme der Atomkraftwerke auseinandersetzen. Denn ob es gelänge, jenes Risiko mit genügender Sicherheit auszuschließen, könne man daran abschätzen, wie verlässlich feindliche Eingriffe in andere Zweige der digitalen Welt heute und künftig abgewehrt werden können. Dabei seien die älteren und nicht modernisierten Kraftwerke, was merkwürdig klänge, deswegen gegen Cyberangriffe weniger gefährdet.27

Dabei wisse Gerhard Eckert, dass es in all den Ländern, die sich von der Kernenergie abhängig gemacht haben, schwerfällt, diesen Gedankengängen zu folgen. Vor allem Frankreich, aber auch China und Japan, die nicht unerheblich von Atomenergie abhängig seien. In der freien Wirtschaft würden neue Projekte aber daran scheitern, dass sie wegen der hohen Stromerzeugungskosten aus „theoretisch sicherer und klimafreundlicher“ Atomenergie den Wettbewerb mit dem regenerativ erzeugten Strom bereits verloren hätten.28 Doch werden noch vereinzelt Atomkraftwerke gebaut, wie das mittlerweile von dem französischen Unternehmen Areva allein fertiggebaute Atomkraftwerk in Finnland. Die Eckdaten dieses desaströsen Projekts lauten: geplante Kosten von drei Milliarden Euro, Bauzeit fünf Jahre.29 Tatsächlich ist das Atomkraftwerk mit zwölf Jahren Verspätung im April 2023 in Betrieb gegangen. Gekostet hat die Anlage elf Milliarden Euro und es gilt als der stärkste Atommeiler in Europa mit 1.600 Megawatt. Finnland ist jedoch das erste Land, das mit einer Endlagersuche erfolgreich war. Es liegt unter der Halbinsel Olkiluoto. Weltweit gibt es noch kein einziges nutzbares Endlager für den gefährlichen Nachlass der Kernkraftwerke. In Deutschland läuft die Suche nach einem Standort in der Anfangsphase. Und die Schweiz hat sich beispielsweise bereits auf einen Standort nahe der deutschen Grenze weitgehend festgelegt.30

Aber diese auch im atomaren Bereich zentralistischen Konzernstrukturen mit Großkraftwerken und einigen wenigen starken Leitungen passen nicht zu einer dezentralen und digitalen Erneuerbare-Energien-Welt.31

Sollten wir den Klimawandel weltweit nicht in den Griff bekommen, drohen Missernten, Mega-Hurrikans und damit verbunden die bereits beschriebenen Flüchtlingsströme von riesigem Ausmaß. Diese Folgen werden auch Deutschland treffen. Und es stellt sich die Frage, ob auch wir 2050 eigentlich noch genügend zu essen haben werden. Klimawissenschaftler rechnen für die Zukunft mit bislang unvorstellbaren Hungersnöten. Für die großen „Kornkammern“, die unter anderem im Mittleren Westen der USA und in Osteuropa liegen, sind insbesondere die zu erwartenden längeren Hitzewellen und die damit verbundene Trockenheit ein hochgradiges Risiko.32

Um die oben aufgeführten Entwicklungen abzuschätzen, hat sich ein neuer Bereich in der Wissenschaft entwickelt, die sogenannte Zuordnungswissenschaft, oder Attribution Science. Die deutsche Physikerin Friederike Otto zählt zu einer Handvoll Wissenschaftlern weltweit, die in Echtzeit berechnen können, wie viel Klimawandel in unserem Wetter steckt.33

Die Zuordnungswissenschaft, die hauptsächlich physische Daten auswertet, simuliert den Verlauf von Katastrophen, indem sie so tut, als hätte es den Klimawandel nicht gegeben. Die Differenz der Schäden mit Berücksichtigung einer Welt ohne menschengemachten Klimawandel im Vergleich zu den tatsächlich entstandenen Schäden lässt dann auf den Einfluss des menschengemachten Klimawandels in bestimmten Weltgegenden mit bestimmten eingetretenen Schäden erkennen.

In ihrem 2023 erschienenen Buch „Klimaungerechtigkeit“ schreibt Otto, dass jedes Zehntel Grad globaler Erwärmung zu immer größeren Schäden und Verlusten führt, aber wer diese spürt und wie, hänge nur zu einem geringen Teil vom Wetter und Klima ab.34 Und wer Extremwetterereignisse erforscht, schaue wie durch ein Brennglas auf Gesellschaften. Allein das Feld der Klimawissenschaften sei von weißen Männern dominiert, und heute führe die Vernachlässigung der Mehrheit der Weltbevölkerung dazu, dass genau diese auch am stärksten unter der Klimakrise leide.35 Und wie viele Menschenleben, wie viele Korallenriffe, wie viele Insekten lassen wir uns die kurzfristige Weiternutzung vergleichsweise billiger fossiler Brennstoffe im Globalen Norden noch kosten? Denn je reicher wir sind und je privilegierter wir leben, desto weniger anfällig sind wir für die physischen Folgen der Erderwärmung. So, wie die Covid-Pandemie soziale Probleme verschärfte, so vertieft der Klimawandel die existierende Ungleichheit bis hin zu Konflikten und Krieg. Und in der Summe macht der Klimawandel vor allem eins: Er beschneidet grundlegende Rechte, wie das Recht auf Leben und Freiheit, das Recht zur Freizügigkeit, das Recht auf Eigentum und auf soziale Sicherheit, das Recht auf Wohlfahrt und nicht zuletzt die Freiheit des Kulturlebens. All dies sind universell gültige Menschenrechte.36

Neben der Gefahr von Hitzewellen, Überflutungen, Stürmen und sonstigen Katastrophen ist global jeder sechste Todesfall durch Verschmutzung - beispielsweise Luft- und Bleiverschmutzung - mitverursacht. Autos haben wohl eine Lobby, unsere Lungen nicht.37

Hierbei sollte ebenfalls der verbrecherische Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nicht unerwähnt bleiben, der neben den menschlichen Katastrophen auch Verbrechen gegen die Natur beinhaltet. Dabei könnte der Krieg in der Ukraine der erste sein, in dem Umweltverbrechen nahezu vollständig erfasst werden. Denn bisher sind einige der wichtigsten Ökosysteme des Planeten stark durch Kampfeinsätze beeinträchtigt worden. So sind allein von 1950 bis 2000 weltweit mehr als 80 Prozent der größten bewaffneten Konflikte in Biodiversitäts-Hotspots vonstattengegangen. Kriege zerstören neben Leben auch Lebensräume.38

Die ukrainische Regierung schätzt allein die Umweltschäden durch die Zerstörung des Nowa-Kachowka-Staudamms auf knapp 1,4 Milliarden Euro. Tonnenweise floss Öl in den Fluss Dnipro und Landminen trieben bis ins Schwarze Meer.39 Aber da es keine Grenze für Umweltvergehen und deren Auswirkungen gibt, wird sich auch Europa mit den Folgen auseinanderzusetzen haben.

Eine der größten Auswirkungen des Ukrainekriegs hatten die Angriffe auf Kraftwerke, Fabriken und Chemikalienlager. Dies hat dazu geführt, dass gefährliche Schadstoffe und giftige Chemikalien freigesetzt wurden, die Wasser, Boden und Luft verpesten und damit eine Gefahr für die menschliche Gesundheit und Umwelt beinhalten. Außerdem sind zehntausende Hektar Wald verbrannt, Kiefern, Espen, Birken, Eichen und Fichten. Neben dem Verlust dieser Bäume bedeutet das circa 470.000 Tonnen CO2, die in die Atmosphäre gelangt sind. Und die wissenschaftliche Mitarbeiterin aus der Ukraine, Maria Fedoruk, die als ökologische Ökonomin beim Forschungs- und Transferzentrum Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement das Projekt „Ukraine-Nature“ in Hamburg-Bergedorf betreut, spricht von „Verbrechen“, weil sie davon überzeugt ist, dass die russische Armee gezielt die Natur zerstört, um Menschen die Lebensgrundlage zu rauben. Im Krieg, weil sie dann keine Pilze, keine Beeren und kein Feuerholz mehr sammeln können. Und nach dem Krieg, weil sie nicht dorthin zurückkehren, wo nicht mal mehr ein Baum steht, wo in verseuchter Erde nichts mehr wachsen und niemand mehr Wasser trinken kann.40

Angesichts der anstehenden zu lösenden Probleme macht dieser sinnlose Krieg nur fassungslos und traurig. Und während ich diese Zeilen schreibe, überlegt man in den westlichen Ländern, USA und Europa, ob man eingefrorene Vermögenswerte Russlands der Ukraine zur Verfügung stellen soll. Meiner Ansicht nach eine völlig richtige Entscheidung, um neben der Verteidigungsfähigkeit auch Sorge zu tragen, dass die Ukraine genügend Geldmittel erhält, um die beispiellosen Schäden, man spricht von bis dato circa 500 Milliarden Euro, zumindest in Teilen wieder beheben zu können.

Der ein oder andere Wissenschaftler geht davon aus, dass bei der Triple-Krise Artensterben, Klimawandel und Pandemien der bereits beschriebene Klimawandel noch harmlos gegenüber dem flächendeckenden Artensterben erscheint. Natürlich hängt Alles mit Allem zusammen. Aber das Albert Einstein zugesprochene Zitat, "wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr"41, ist durchaus jetzt schon, obwohl die Biene unter Artenschutz steht, in vielen Ländern spürbar.

Bereits 1963 warnte Rachel Carson in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ davor, dass wir unserem Planeten großen Schaden zufügen. Carson würde verzweifeln, wenn sie heute sähe, dass es noch viel schlimmer geworden ist, als sie es vorhergesehen hatte. Lebensräume von Insekten, Heuwiesen, Sumpfgebiete, Heideland und tropische Wälder wurden in großem Maßstab niedergebrannt, kaputt gepflügt oder von Bulldozern platt gewalzt. Pestizide und Düngemittel, die Carson schon damals erwähnte, sind noch viel stärker eingesetzt, und weltweit geraten dabei alljährlich drei Millionen Tonnen Pestizide in die Umwelt. Einige dieser neu angewandten Pestizide sind tausendfach toxischer als sämtliche Schädlingsbekämpfungsmittel, die es zu Carsons Lebzeiten gab. Die Bodenqualität hat sich verschlechtert, Flüsse ersticken im Schlick und wurden mit Chemikalien verseucht.42

Wenn die kleinen Krabbler fehlen, ist das Wohl der gesamten Menschheit bedroht, weil die Insekten unsere Nutzpflanzen bestäuben, Dung, Laub und Leichen kompostieren, den Boden gesund erhalten, Schädlinge vertilgen und vieles mehr. Und zahllose größere Tiere wie etwa Vögel, Fische und Frösche ernähren sich von Insekten.43 So haben wir auch deswegen seit 1800 etwa 80 Prozent der heimischen Vögel verloren, nachdem auch 80 Prozent der bei uns heimischen Insekten bereits verschwunden waren, rechnen uns Experten vor. Dabei ist die biologische Vielfalt schon heute auf knapp 60 Prozent der Erdoberfläche so geschrumpft, dass die Ökosysteme nicht mehr richtig funktionieren können.44

Auch wir sind eine Spezies, wir sind Primaten, und damit evolutionäre Erben einer sehr speziellen Gruppe von Säugetieren, die ebenso vom Ende der Dinosaurier profitiert haben dürfte wie von globalen Umweltveränderungen zu Beginn der Erdneuzeit. Und als Verwandtschaft zu den Nagern gehören wir zu den großen Erfolgsgeschichten in der Welt der Säugetiere. Und zu diesen heimlichen Herrschern gehören vor allem Mäuse und Ratten, die uns evolutiv durchaus nahestehen und uns einmal beerben könnten. Und als Kinder der Kreidezeit erhielten nach dem Meteoriteneinschlag vor circa 65 Millionen Jahren im Schatten der Dinosaurier lebenden Säugetiere ihre evolutive Chance. Und das Nächtliche ihrer Lebensweise hat ohne Zweifel dazu beigetragen, das viele Säugetiere die Katastrophe überlebten; anders als viele der unmittelbar vom Sonnenlicht abhängigen Reptilien. Denn tatsächlich begannen die Säugetiere erst nachaktiv zu werden, nachdem die Dinosaurier verschwunden waren.45

Die Wiege für diese ungeschwänzten Affen war, nachdem sie sich von den geschwänzten Altweltaffen getrennt hatten, in den Wäldern. Und vor circa 30 Millionen Jahren haben sich aus diesen Menschenartigen, aus denen sich schließlich neben den Gibbons und unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen wie Orang-Utan, Gorilla und Schimpanse letztlich auch die Vorfahren des Menschen entwickelt.46

Kein Zweifel, wir sind nicht mehr als ein nackter Affe.47