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Durch Krieg und Vertreibung entwurzelt, muss sich der Autor eingestehen: Es gibt kein Zurück! Eine mitreißende, autobiografische Erzählung über die Suche nach einer neuen Heimat. Erschwert durch Mauerbau, Liebe und auch Eifersucht, erscheint eine Flucht in den Westen immer aussichtsloser. Einblicke in ein abenteuerliches Leben zwischen Beziehung, Fluchtplänen und Stasi. Es ist ein Versuch des Autors durch dieses entblößende Buch die Fesseln seines Traumas zu sprengen.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Theo Richter wurde 1935 in einem schlesischen Dorf unweit von Breslau geboren, erlebte dort eine glückliche Kindheit, bis er nach dem Krieg aus seiner tief verwurzelten Heimat vertrieben wurde. Die elementare Not in den ersten Jahren nach der deportationsartigen Ausweisung und das zerstörte Leipzig boten ihm kein neues Zuhause, sondern verstärkten die Sehnsucht nach seiner dörflichen Heimat.
Nach Abitur und Abschluss des Maschinenbaustudiums in Chemnitz arbeitete er noch einige Jahre in seinem Beruf, bis er sich 1967 mit seiner Frau entschloss, eine neue Heimat in Westdeutschland zu suchen. Er hat sie in Südostbayern gefunden und lebt dort seit 1972.
Meine Heimat
Mauerbau
Urlaub in Bulgarien
Kubareise – eine Möglichkeit
Bärbel und ihr Schulfreund
Eifersuchtsqualen
Liberalere Moralvorstellungen
Fluchtdrama
Ende des Problemurlaubs
Bärbels große Enttäuschung
Türkische Grenze
Gelegenheit, sich zu verlieben
Mutter Elbe
Mein Tauchapparat
Urlaub in Jugoslawien
Mein erstes Auto
Bärbels Studienfreunde
Bärbels Eltern
Der fremde Mann
Besuch mich nicht mehr!
Hell erleuchtetes Gaubenfenster
Warum musste er auch da drüber klettern?
Wollen wir heiraten?
Große Chance
Aussprache
Bleiben wir zusammen?
Fluchtabsicht ad acta?
Im Gefängnis
Persona non grata
Nachts in der Elbe
Wohnung fürs Baby
Entschluss, die DDR zu verlassen
Letzte Nacht
Werden wir durchkommen?
Pause auf der Graswulst-Insel
Dunkles Etwas
Scheinwerfer des Wachbootes
Bootssperre der Grenzsicherung
Im Westen
Oh Schreck – ein DDR-Motorboot
Alles aus!
Kriminalbeamter
Letzter Kuss
Fahrt nach Gießen
Notaufnahmelager
Beerdigung
Meine neue Arbeitsstelle
Stasi-Akte
Mein Vater zu Besuch im Westen
Entführung in die DDR
Wie mich die Stasi einschätzt
Hoffnungswünsche
Aus meinem Kinderparadies vertrieben, aus einem Bauerndorf zwischen Breslau und Riesengebirge. Also nichts Außergewöhnliches! Und doch war dieser Dorfflecken meine Welt. Ich kannte nichts Anderes: Nie woanders geschlafen, nur in meinem Geburtshaus, einem kleinen bäuerlichen Anwesen am Dorfrand. Alle Ersterlebnisse und Erinnerungen an die frühe Kleinkinderzeit sind prägend mit diesem Fleckchen Erde verbunden. Das Kasperletheater in der Spielschule, der Mittagsschlaf, danach das Schaufeln und Baggern im Sandkasten. Bald erweiterte sich mein Horizont. Ich nahm größere Kinder hinter dem Maschendrahtzaun außerhalb des Spielgartens wahr.
Die erste Schulstunde ist mir gegenwärtig: Ein farbenprächtiger Hahn auf der ersten Seite des Lesebuches schreit mir mit weit aufgesperrtem Schnabel ein lang gedehntes Kikeriki...i.…i mit lauter Sütterlin Buchstaben entgegen. Der Unterricht dauerte nur neunzig Minuten, danach die wenigen Hausaufgaben, Mittagessen und Freizeit, Freizeit ... Kartenspielen mit Geschwistern und Freunden aus dem Dorf im Kuhstall, schummrige Höhlen im aufgestapelten Heu bauen, gruselige Geschichten erzählen oder auch einfach austoben. Im Sommer vergnügten wir uns in den vielen aufgelassenen Tonschächten. Jeder versuchte, so schnell wie möglich das Schwimmen zu erlernen. Mit Tauchen machten wir uns mit dem Wasser vertraut, ahmten dem Hund das Schwimmen nach und erreichten anfangs auch mit dem sogenannten Hundstappen das rettende Ufer. Unsere guten Freunde waren sogar bereit, bei kleinen Feldarbeiten mitzuhelfen, wie Disteln stechen, Getreide einfahren oder Kartoffeln lesen. Die Natur und die bäuerlichen Arbeiten bestimmten den Jahresrhythmus. Lediglich die Sonntage und die kirchlichen Feiertage ließen die vielen fleißigen Hände der Erwachsenen ruhen.
Erst die nahende Front im Januar 1945, die letzten Kriegsmonate und die anschließende Vertreibung zerstörten diese heile Kinderwelt elementar und unvorstellbar total. Ich kam mir vor wie ein Vogelkind aus dem warmen Nest geworfen: In eine zerbombte Großstadt vertrieben, zwei schräge Dachkammern, ohne Heizung, ohne Wasseranschluss, ohne Toilette für eine Familie mit sechs Personen, davon drei schulpflichtige Kinder! Keine heimatlichen Freunde mehr und nichts als Hunger, Hunger, Hunger ... Alles war mir fremd: Das Großstadtmilieu, der sächsische Dialekt, die elementare Not, die Schule nach über zwei Jahren Unterrichtsausfall. Wie oft wurde ich wegen des schlesischen Dialektes ausgelacht. Wir klammerten uns an unseren heimatlichen Glauben. Er half uns, unterstützt durch spätere schulische Erfolge nicht den Lebensmut zu verlieren. Trotz der staatlichen Propaganda für die Oder-Neiße-Friedensgrenze gaben wir die Hoffnung und den Wunsch nicht auf, irgendwann unsere schlesische Heimat wiederzusehen.
Nach langen fünfzehn Jahren endlich für zwei Stunden im heimatlichen Beckern! Wie kam es dazu? Ich hatte über das DDR-Reisebüro eine Reise ins schlesische Riesengebirge gebucht, einzig und allein mit dem Ziel, mein Geburtsort Beckern wiederzusehen. Die Reisegruppe setzte sich im Wesentlichen aus Vertriebenen zusammen. Sie hatten alle den gleichen Wunsch zu sehen, was aus ihrer Heimat geworden ist. Das ahnte der polnische Reiseleiter, ein ehemaliger KZ-Häftling. Wir sollten bei ihm unsere Wünsche anmelden. Er helfe uns, den Besuch zu ermöglichen. Es vergingen Tage, ohne etwas zu hören. Endlich fragten wir ihn:
„Dürfen wir unsere Heimatorte besuchen?“
„Ich habe noch keinen Bescheid aus Hirschberg erhalten.“
Nach einer Woche wurden wir ungeduldig.
„Die Erlaubnis erteilt Breslau. Noch keine Antwort“
Wir wurden skeptisch. Die ersten Reiseteilnehmer zweifelten an der Ehrlichkeit seiner Aussage. Sie besuchten ihre nahe gelegenen Heimatorte ohne Erlaubnis mit dem Bus oder Taxi zwischen zwei Mahlzeiten. Unser Kapo, so nannten wir ihn, weil er während seiner KZ-Zeit eine Arbeitsgruppe unter sich hatte, kontrollierte unsere Anwesenheit zu den Tischzeiten. Wer zu spät kam, machte sich bereits verdächtig.
Mein Beckern liegt mindestens sechzig Kilometer östlich vom Riesengebirge. In Richtung Breslau. Auch zwischen zwei Essenszeiten mit dem Taxi nicht erreichbar: Keine Autobahn! Kurvenreiche Gebirgsstraße! Ich glaubte an das Gute im Menschen und fragte nochmals den Kapo:
„Haben Sie schon Antwort aus Breslau?“
„Die Erlaubnis kann nur Warschau geben.“
Tief enttäuscht ergab ich mich der schicksalhaften Antwort. Nur wenige Tage noch bis Reiseende! Wie konnte ich ihm nur so blind vertrauen! Sollte ich es dennoch wagen, mit dem Taxi zu fahren? Zum Mittagessen nicht anwesend zu ein? Leider reicht mein limitiertes Taschengeld nicht aus. Was tun? Ich war sehr verärgert, auf diese Weise behandelt zu werden. Ich suchte Kontakte zu polnischen Menschen. Vielleicht fährt jemand privat in Richtung Breslau und könnte mich mitnehmen. Eines Abends unterhielt ich mich mit der sympathischen Dame an der Rezeption längere Zeit. Da kam Kapo ins Hotel, warf einen prüfenden Blick auf uns und ging auf sein Zimmer. Keine zehn Minuten später erschien ein Polizist an der Rezeption, sprach meine Dame mit ernster Miene auf Polnisch an und verschwand wieder. Die Hotelangestellte nahm das Buch mit der Zimmerbelegung, blätterte verlegen hin und her und tat so, als ob ich nicht da wäre.
„Was ist los?“
Eine abweisende Handbewegung und ein entschuldigender Gesichtsausdruck sagten alles. „Machen wir Schluss?“
Sie nickte und ich ging in mein Zimmer, allein gelassen mit meinem Heimweh. Ich dachte lange nach über die Gefühle unseres Reiseleiters. Er hat zwar nie über seine KZ-Zeit gesprochen. Die Demütigungen und Verletzungen müssen ihm wieder gegenwärtig geworden sein. Allein unsere deutsche Sprache hat ihn wahrscheinlich an die Nazizeit erinnert.
Ich hörte, die letzten zwei Tage der Reise verbringen wir in Breslau. Neue Hoffnung kam auf. Leider zu früh. Kapo begleitete uns im Bus. Unterbringung im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in der Gartenstraße unweit vom Hauptbahnhof. Wir bekamen eine neue Reiseleiterin. Kapo verabschiedete sich von uns. Gott sei Dank!
Jetzt muss schnell gehandelt werden: Für Morgen fünfzehn Uhr am Hauptbahnhof Taxi reserviert. Mein Anzug auf dem Schwarzmarkt verkauft, damit ich das Taxi bezahlen kann. Vormittags die geplante Stadtbesichtigung mitgemacht. Mittagessen und ab ging´s mit dem Taxi über die Autobahn bis Kostenblut, weiter auf der Straße über Berholdsdorf und Gäbersdorf nach meinem geliebten Beckern.
Ich war sehr aufgeregt. Der Fahrer – ein Pole aus Weißrussland. Er sei erst 1956 nach Breslau übergesiedelt. Hat sein Vaterhaus dort verkauft. Vom Geld dieses Taxi gekauft. Ein Pobjeda. Es kam mir alles sehr eigenartig vor. Bin ich in eine Falle des polnischen Sicherheitsdienstes geraten? Die Situation wurde zusehend dramatischer. Er fragte nach dem Ausweis: „Passport?“
Ich hatte kein Einzelvisum, sondern die Gruppe nur ein Sammelvisum. Ich durfte mich von der Gruppe nicht trennen. Ich zeigte ihm meinen DDR-Pass. Er war damit zufrieden. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Anscheinend wollte er sicher sein, mit wem er es zu tun hat. So unterstellte er mir keine bösen Absichten. Ich erinnerte mich: Die Polen aus der Ukraine und Weißrussland wurden bereits 1945 entschädigungslos nach Schlesien vertrieben. Seltsam, dass mein Taxifahrer bleiben durfte. Das machte mich neugierig. Leider verstand er kein Deutsch. Nachdem er meinen Pass gesehen hatte, gab ich mich zu erkennen und fragte ihn auf Russisch:
„Warum durftest du in Weißrussland bleiben?“
„Ich war Partisan. Da durfte ich bleiben.“
Langes Schweigen auf beiden Seiten.
„Besuchst du deine Eltern?“
Seine Frage war mir äußerst peinlich.
„Nein.“
„Onkel? Tante?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
„Nein - Freunde.“
Ich war unsicher, ob ich überhaupt von unseren Polen empfangen werde. Im ungünstigsten Fall jagen sie mich davon. Deshalb meine Ergänzung:
„Ich weiß nicht, ob meine Freunde noch dort wohnen.“
Damit beendeten wir unser Gespräch.
Wir näherten uns dem Nachbardorf. Die innere Erregung stieg und stieg. Was wird mich erwarten? Nur nicht auffallen in meinem Heimatdorf! Auf keinen Fall mit dem Taxi vor unserem Haus halten! Schon allein ein Auto mit Breslauer Kennzeichen im kleinen Bauerndorf ist ungewöhnlich. All die bangen Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Die ersten Häuser, unsere Siedlung und schon hatten wir die Straßengabelung im Dorf erreicht. Ich war total verwirrt. Mir kam alles so nah vor. Als Kind musste ich doch bis zum Bahnhof weit gehen! Und jetzt ein Katzensprung. Auch die Häuser schienen mir kleiner geworden zu sein. Ich musste mein Dorf als Kind verlassen und hatte mit Kinderaugen meine Heimat abgespeichert. Nun kehre ich nach fünfzehn Jahren zurück, nehme Raum und Zeit mit den Augen eines Erwachsenen wahr: Alles kleiner, näher!
Kein Mensch auf der Straße! Wir können unmöglich auf der Straßengabelung stehen bleiben. Also wenden und auf dem Sandweg zu meinem Haus im Abstand von einer halben Länge eines Fußballplatzes halten. Das ging mir spontan durch den Kopf. Ich ging langsamen Schrittes bis zu unserem Hoftor. Was wird mich erwarten? Kein Mensch im Hof zu sehen. Es waren lange, bange Minuten. Endlich erschien eine mir unbekannte junge Frau.
„Ich bin hier geboren.“
Ich sprach sie auf Russisch an. Keine Reaktion! Ich holte von mir ein Kinderfoto aus der Geldbörse heraus und zeigte es ihr. Fragend schaute sie mich an. Inzwischen kam eine der drei älteren Frauen über den Hof. Mit ihnen wohnten wir über ein Jahr gemeinsam in unserem Haus. Sie waren aus Galizien vertrieben worden. Die Frau erkannte mich auf dem Kinderfoto. Ein kurzes Gespräch zwischen Beiden. Die junge Frau holte eine deutsche Frau, die nicht vertrieben wurde. Ein kurzer Blick aufs Kinderfoto:
„Wu kummst denn du ha?“
Mit dieser üblichen Begrüßungsfrage im heimatlichen Dialekt legte sich meine Nervosität.
„ Mit´m Taxe vu Breslau.“
Kein Mensch konnte das schlesisch-deutsche Beckern besser aufleben lassen als unsere allseits geschätzte Liesel Übermuth.
„Du bist aber gruß gewurn!“
Bald erschien Josef auf dem Hof, der Sohn von der ältesten der drei Frauen. Er lud mich ein, ins Haus zu kommen. Die junge Frau folgte ihm. Es stellte sich heraus: Sie war seine Frau. Ich konnte sie natürlich nicht kennen. Damals war sie wie ich noch ein Kind gewesen. Ich blieb im Hausflur stehen und war überrascht. Es hatte sich nichts verändert: Der gleiche Laubenvorbau. Die schwere Haustür mit demselben großen Schlüssel. Der Steinfußboden im Flur. Die Holztreppe nach oben, rotbraun gestrichen. Die Farbe an den Trittstellen abgenutzt wie damals ... Es wurden Kleinkindheitserinnerungen wach. Wenn Weihnachten der Jusuf an der Haustür erschien, floh ich eilig auf allen Vieren die Treppe hoch. Zu klein, um aufrecht hoch zu laufen.
Josef und seine Frau Janka luden mich oben in die gute Stube ein und feierten mit mir Wiedersehen. Sie verstanden meine Gefühlslage. Beide waren aus dem Lemberger Gebiet in der Nähe von Stanislaus vertrieben worden. Sie servierten mir Brot, Ei und Schinken, dazu ein Gläschen Wodka. Ich war sehr, sehr glücklich, so empfangen zu werden. Es gesellte sich der polnische Pfarrer dazu. Bei ihm war ich noch die letzten Monate vor der Vertreibung Ministrant gewesen. Er sprach ein exzellentes Deutsch. Liesel begleitete mich zur Kirche. Das Gotteshaus machte einen gepflegten Eindruck. Die deutschen Grabsteine standen noch, auch der Grabstein der Pflegeeltern meines Vaters. Sogar den Grabhügel meines Bruders Eberhard fand ich neben dem Grab von Regina Klapper nach sechzehn Jahren wieder. Regina ist die Tochter unseres Lehrers und starb an Wundstarrkrampf im Kindesalter. Nachdenklich betrachtete ich die Gräber der früheren und jetzigen Bewohner von Beckern. Sie haben alle nebeneinander auf demselben Friedhof Ruhe und Frieden gefunden.
Mit diesem positiven Gedanken verabschiedete ich mich von Liesel und unseren Polen. Dankte meinem Taxifahrer fürs geduldige Warten. Er brachte mich pünktlich vor dem Abendbrot nach Breslau zurück. Der Sehnsuchtswunsch, mein geliebtes Heimatdorf nach so vielen Jahren wiederzusehen, ist in Erfüllung gegangen. Ob sich aus diesem kurzen Wiedersehen mit den neuen Bewohnern unseres Hauses eine freundschaftliche Verbindung entwickeln kann? Josef und Janka werden Kinder haben wollen, für die Beckern ihre Heimat sein wird. Ich werde doch nicht die in unserem Dorf geborene Generation verdrängen wollen! Nein, auf keinen Fall! Meine nachlassende Rückkehrhoffnung schmerzte mich. Im Innersten wünschte ich mir für die jungen Polen eine ähnlich starke Gefühlsbindung an Beckern, wie ich sie noch heute spüre. Mein Verstand korrigiert mein Wunschdenken. Unser Leben spielte sich hauptsächlich in unserem Dorf ab. Wenige Male im Jahr fuhren wir mit unserer Kutsche ins Übernachbardorf zu Verwandten. Nur an Sonntagnachmittagen zwischen zwei Fütterungszeiten. Oder zwölf Kilometer bis Striegau zum Einkaufen, zum Schuhmacher, Zahnarzt. Das lokale, tief wurzelnde Heimatgefühl wird die neue Generation nicht kennen lernen. Ihr Heimatbegriff wird umfassender, breiter angelegt sein. Allein schon durch ihre Mobilität. Das Verstandesdenken beruhigte mich. Ich war zufrieden und dankbar für den ereignisreichen, gelungenen Tag. Die letzte Nacht in meiner schlesischen Heimat schenkte mir einen erholsamen Schlaf.
Mit einem neuen Gemisch aus Empfindung und Vernunft fuhr ich nach Hause und berichtete meinen Eltern und Geschwistern von unserer verlorenen Heimat. Ich verzichtete auf einen detaillierten Bericht. Es würde sonst meine Eltern zu sehr schmerzen. Sie hatten es sehr schwer, nach dem Ersten Weltkrieg eine Existenz aufzubauen. Nur so viel sei im Telegrammstil berichtet: Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Heirat 1920. Umwandlung des Pferdefuhrunternehmens in eine Landwirtschaft. Fünf Hektar Land gekauft. Großfamilie mit acht Kindern. Krieg und Vertreibung als Ergebnis der Hitler-Stalin-Politik.
Kaum zwanzig Tage zu Hause, da machten die Mächtigen des Ostens das letzte Fenster nach dem Westen am 13. August 1961 zu. Anfänglich zweifelten nicht wenige daran, ob es möglich sei, Westberlin mit zwei Millionen Menschen hermetisch abzuriegeln. Wir wurden eines Besseren belehrt. Es begann eine ideologische Eiszeit, die Welt in zwei Blöcke aufgeteilt. Die Hoffnung, beide Systeme könnten sich aufeinander zu entwickeln, gab ich nicht auf: Der Kapitalismus wird sozialistischer und der Sozialismus kapitalistischer, zumindest marktorientierter. So verspricht es die Konvergenztheorie. Ich glaubte, die sogenannte Industriepreisreform sei der erste Schritt, die Preise den Kosten anzupassen. Dagegen setzte die SED ihre Subventionspolitik weiterhin fort und verletzte eklatant die ökonomischen Gesetze. Ich beschloss, dem System den Rücken zu kehren, eine neue Heimat nach meiner Wahl zu suchen. Unter diesen Gegebenheiten war ich außerstande, in der DDR tief zu verwurzeln. Letztlich ist unsere Familie zwangsvertrieben worden in die damalige russische Zone. Wir äußerten keine Wünsche, wo unser neues Zuhause mal sein sollte. Lange hofften wir, in unsere schlesische Heimat zurückkehren zu dürfen. Nun begann die lange Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.
Die DDR-Staatsmacht war bemüht, so schnell wie möglich Westberlin abzuriegeln. Am Anfang halfen die Kampfgruppen, die Sektorengrenze mit Stacheldraht abzusperren und zu bewachen. Nach und nach lösten Grenztruppen der Nationalen Volksarmee die vormilitärisch ausgebildeten Mannschaften ab. Sie hatten die Grenze nach Westberlin in wenigen Wochen hinreichend abgesichert und mit hohem Personalaufwand gut bewacht. Flüchtlinge, die die Absicht hatten, den Stacheldraht durchzutrennen, stellten die Bewacher bereits im Vorfeld. Natürlich bewachten die Soldaten auch die Wasserwege, die zugleich auch Grenze zwischen Westberlin und DDR bildeten. Anfangs gelang einigen DDR-Bürgern die Flucht über den Teltow-Kanal im Süden Berlins, bis später das Bewachungspersonal verstärkt wurde. Trotzdem glückte einer kleinen Gruppe die Flucht in diesem Abschnitt mit einem Trick. Die Flüchtlinge stellten ein Tonbandgerät mit lautem Hilfeschrei in Kanalnähe auf. Der Wachdienst eilte dorthin, um angeblich den Menschen in einer Notsituation zu helfen. Nun galt kein Zögern. Die Flüchtlinge beobachteten aus ihrem Versteck heraus die weggelaufenen Posten und nutzten den kurzen Augenblick, um an dieser Stelle über den Teltow-Kanal nach Westberlin zu gelangen.
Diese List regte meine Fluchtphantasie an. Ich erinnerte mich an einen Berliner Stadtplan, den mir meine Cousine in Westberlin mal geschenkt hatte. Ich kramte ihn hervor und suchte auf dem Plan nach einem ähnlichen Schlupfloch. Ausgangspunkt war die Wohnung meiner Schwester in Johannisthal. Nur drei S-Bahnstationen nördlich von da befindet sich der Haltepunkt Treptower Park unmittelbar an der Spree. Dort ist es nicht weit bis zur Sektorengrenze. Mein Entschluss stand fest: Bei nächster Gelegenheit besuche ich meine Schwester Elisabeth mit dem Ziel, das Gebiet näher kennen zu lernen. Der Westen unternahm nichts Wirkungsvolles gegen den Mauerbau. Mit preußischer Perfektion führte die SED-Führung den sogenannten antifaschistischen Schutzwall aus. Rigorose Gesetze schüchterten die Menschen ein, beschlossen in wenigen Wochen von der Volkskammer. Man bedenke: Sie ist nicht durch eine demokratische Wahl zustande gekommen, sondern durch Abgabe eines Zettels mit den Namen der Kandidaten. Ohne Wahlmöglichkeit ließ die SED nur solche Vertreter zu, die nichts gegen ihre Politik unternehmen. So wurde im Handumdrehen die Wehrpflicht beschlossen und das Gesetz auf Arbeitsrecht in Arbeitspflicht umgewandelt. Wer den Wehrdienst ablehnte, musste mit einer Gefängnisstrafe bis drei Jahre rechnen. Ostberliner, die bisher in Westberlin gearbeitet hatten, nahmen aus Protest anfangs keine Arbeit an. Lehnten sie weiterhin ab zu arbeiten, drohten ihnen harte Strafen. Die Staatsmacht ging ebenfalls gegen Westfernsehantennen vor. Wer sich widersetzte, soll im Schnellverfahren abgeurteilt worden sein. Die SED musste mit passivem Widerstand rechnen, wie reduzierte Arbeitsleistung, Streiks oder gar Sabotageakte. Sie beschloss im Frühjahr 1962: Angehörige in verantwortlichen Positionen hatten nächtliche Kontrollgänge in allen Betriebsteilen eines volkseigenen Betriebes durchzuführen. So war ich eingeplant, an einem Donnerstag zu Freitag im Mai 1962 nachts in unseren zwei Werken nach dem Rechten zu sehen. Ich schrieb rechtzeitig an meine Schwester Elisabeth, ob ich sie an dem nämlichen Freitag übers Wochenende besuchen könnte. Nach dem Nachtdienst brauchte ich nicht ins Büro. Mir stand also ein verlängertes Wochenende zur Verfügung, um die Umgebung des Treptower Park zu inspizieren. Wenige Tage später erhielt ich ein Telegramm:
„Kommen erwünscht – Elisabeth.“
Warum telegrafiert sie? Eine Karte hätte mich auch noch rechtzeitig erreicht, sagte ich mir. Die Nacht war ruhig in beiden Werken. Ohne besondere Vorkommnisse. Nach einem erholsamen Schlaf bis Mittag schwang ich mich auf meine Jawa und ab ging´s nach Berlin. Das Motorrad hatte mir Elisabeth in Berlin besorgt. In Leipzig oder Chemnitz hätte ich länger darauf warten müssen. Die Ostberliner wurden nicht nur besser bezahlt als die Bevölkerung in der DDR, sondern bisher auch bevorzugt beliefert mit hochwertigen technischen Produkten. Der Staat versuchte, sie bei guter Laune zu halten, um vor dem Mauerbau ein verstärktes Abwandern zu verhindern.
Elisabeth wohnte in Untermiete in der Greifstraße in ruhiger Lage. Ein Zimmer mit Küchen- und Badbenutzung. Am Samstag fuhr ich mit der S-Bahn bis Treptower Park und schlenderte am Spreeufer entlang in Richtung Landwehrkanal. Die Örtlichkeiten hatte ich mir genauestens auf dem alten Stadtplan eingeprägt: Der Landwehrkanal zweigt in zwei Armen von der Spree ab, umschließt die langgezogene Lohmühleninsel und verläuft einarmig weiter nach Westen in Richtung Kreuzberg. Nach dem Stadtplan gehört die Insel zu Westberlin. Ich beabsichtigte, in die Nähe des Landwehrkanals zu kommen. Mich interessierte natürlich besonders der Bereich, wo der Kanal von der Spree abzweigt. Ob zwischen dem Westberliner Kanalarm und der Insel überhaupt eine flache Ausstiegsstelle vorhanden ist. Die Spree ist nämlich in der Stadt auch in diesem Abschnitt beidseitig gefasst in senkrechten Natursteinmauern. Der Flüchtling kann demnach nicht aus dem Wasser kommen. Je mehr ich mich von der S-Bahn entfernte, um so menschenleerer wurde die Straße an diesem Sonnabendmorgen. Ist die Gegend überhaupt noch bewohnt, dachte ich. Alles wie ausgestorben. Kein Mensch auf der Straße. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch bemerkbar. Nur noch wenige hundert Meter bis zum Straßenende. Rechts ein Gebäude, ein paar Bäume. Ich wurde immer unsicherer. Was erwartet mich? Ich bekam Angst, ging aber dennoch langsamen Schrittes weiter. Klar Denken war für mich unmöglich. Endlich sah ich einen Menschen hinter dem Haus vorkommen. Oh Gott, ein junger Mann in olivgrüner Uniform der Nationalen Volksarmee. Wie ein bedingter Reflex schoss es mir durch den Kopf: Hier darfst du nicht weitergehen. Ich hielt inne für einen Moment. Er sah mich etwa aus vierzig Meter Entfernung an, als ob er fragen wollte: Was suchst du hier? Kam aber nicht auf mich zu, sondern blieb stehen, völlig ruhig und unaufgeregt. Meine momentane Starrheit löste sich langsam und ich ging zum S-Bahnhof zurück.
Nach und nach begann ich wieder zu denken. Ich hätte auf ihn zugehen sollen, ihn fragen können: Komme ich hier zum sowjetischen Ehrenmal? Als DDR-Bürger musste ich ja immer den Personalausweis dabeihaben. Ich könnte ihm also zeigen, ich wohne nicht in Berlin, weiß daher nicht, wo das Denkmal für die gefallenen Sowjetsoldaten sei. Ich hätte mich dumm stellen sollen. Ich sei nur in die falsche Richtung gegangen. Weshalb bin ich nicht auf den Grenzer zugegangen? Dann hätte ich einen kurzen Blick auf den Landwehrkanal mit der Insel werfen können, ärgerte ich mich. Ich lebe zwar dreizehn Jahre in diesem Staat, ein gesundes Selbstvertrauen konnte sich aber vor lauter Einschränkungen nicht entwickeln. Bei Entscheidungen hatte ich mich stets zu fragen, ob sie mit der offiziellen Politik übereinstimmen.
Ich schüttelte all die reflektierenden Gedanken ab und fragte mich, was kann ich unternehmen, um Einzelheiten von der Insel zu erkunden. Ich ging gemächlich über die Spreebrücke, rechts daneben die S-Bahnbrücke. Immer wieder wendete ich meinen Kopf nach links flussabwärts. An dieser Stelle ist die Spree recht breit. Man meint, sie sei ein stehendes Gewässer. So gering ist ihre Fließgeschwindigkeit. Die Insel ist von hier aus nicht zu sehen, viel zu weit weg. Ich entschied mich deshalb, nach der Brücke links die Stralauer Allee weiter zu gehen. Unauffällig wendete ich meinen Kopf zur Spree hinüber. Die Hafengebäude zwischen Straße und Fluss gaben ab und zu den Blick zum gegenüberliegenden Ufer frei. Einzelheiten waren nicht erkennbar. Auf den Zäunen und alten Mauern vor dem Hafenbereich entlang der Straße befand sich Stacheldraht, um so ein Überklettern zu verhindern. Der ganze Streifen zwischen Spree und Stralauer Straße machte auf mich einen trostlosen Eindruck, als ob das ganze Hafengebiet stillgelegt worden sei. Kein Mensch zu sehen. Alles dem Verfall preisgegeben. Mir begegneten kaum Fußgänger. Ab und zu ein paar Fahrzeuge auf der Straße. Mit Mühe und Not erahnte ich den einmündenden Landwehrkanal am gegenüberliegenden Ufer, ohne Einzelheiten der Insel zu erkennen. Wie sieht die Uferbefestigung an dieser Stelle aus? Flach- oder Steilufer? Absperrungen? Ohne Fernglas nichts zu erkennen! Ich durfte auf keinen Fall stehen bleiben, um mir wichtige Einzelheiten einzuprägen. Es könnte mich in dieser abgelegenen Gegend doch jemand beobachten.
Ich ging noch ein paar Minuten am Hafen flussabwärts und überlegte: Ist es ratsam, ins abgesicherte Hafengelände einzudringen und von dort über die Spree zur Insel zu schnorcheln? Das Gebiet kann sogar nachts bewacht sein. Zu riskant! Ich entschied, in der Nähe der Spreebrücke meine Flucht zu beginnen. Das ist zwar weiter, aber sicherer. Ich kehrte um. Am gegenüberliegenden Landwehrkanal angekommen, begann ich meine Schritte zu zählen. Hundert, zweihundert ... tausend ... An der Spreebrücke angekommen: Siebzehnhundert Schritte. Ich rechne etwa mit zwölfhundert Metern von der Brücke bis zur Insel. Ein Zuschlag von dreihundert, wenn ich im Treptower Park in die Spree gehe. Das ist mit Flossen und Schnorchel zu schaffen. Für mich keine große Anstrengung. So schlussfolgerte ich. Die Gefahr, der Kanaleingang sei durch Unterwasserhindernisse abgesperrt, schob ich beiseite. Mit diesem konstruktiven Plan kehrte ich zu Elisabeth zurück, ohne ihr ein Wörtchen von meinen Beobachtungen zu erzählen. Den Nachmittag verbrachten wir in entspannter Plauderatmosphäre. Sobald sich die Dunkelheit auf die Stadt senkte, sagte ich ihr:
„Lisbeth, ich fahre nochmals in die Stadt.“
„Du warst doch heute schon unterwegs.“
„Ich möchte Berlin auch bei Nacht kennen lernen. Ich bin nicht lange. Gib mir trotzdem deine Schlüssel mit!“
So verabschiedete ich mich von ihr, fuhr mit der S-Bahn wiederum zum Treptower Park, einzig und allein mit der Absicht, die Spree an dieser Stelle bei Dunkelheit zu betrachten. Eine Flucht kann ich nur bei Nacht riskieren, stand für mich fest. Ohne zu zögern, begab ich mich auf die Spreebrücke. Keine Fußgänger zu sehen. Ich schaute auf die Spree, mein Blick in Richtung Landwehrkanal gerichtet. Hinter mir hin und wieder ein Auto vorüberfahrend. Auf den kleinen Kräuselungen des Flusses spiegelte sich das fahle Licht der Umgebung wider. Die Wasseroberfläche erschien mir recht dunkel, von unzähligen Lichtpunkten unterbrochen. Mit tänzelnden Lichtreflexen bewegte sich die Spree sehr träge Westberlin entgegen. Ich fühlte mich unbeobachtet, innerlich ausgeglichen und genoss die milde Maiennacht. Weit und breit keine zusätzliche Beleuchtung oder gar Scheinwerfer, die die Wasserfläche nach Grenzverletzern absuchten. Fast euphorisch kam mir der Gedanke: Das ist für mich das richtige Plätzchen, nach Westberlin zu kommen. Doch bald gewann mein kritischer Geist wieder die Oberhand. Könnten nächtliche Grenzwächter vom Ufer aus die Bahn meines Schnorchels an der Wasseroberfläche entdecken? Das Schnorchelende ragt wenige Zentimeter aus dem Wasser heraus und verändert verräterisch die schaukelnde Lichtspiegelung, sagte ich mir. Und wie orientiere ich mich? Halte ich die Richtung ein? Ich müsste ab und zu mit der Tauchermaske an die Wasseroberfläche kommen, möglichst in Flussmitte bleiben und erst in Höhe des Landwehrkanals nach links zur Insel schwimmen. Und was ist, falls mich irgendwelche Sperren im Wasser daran hindern? Ich suchte nach Alternativen, um all diese Bedenken beiseite zu schieben. Die Flucht unternehme ich nur bei regnerischem Wetter. Bei Unterwassersperren kehre ich um und ziehe meine Kleidung an, die ich zuvor im Treptower Park versteckt habe. Ist das Flusswasser kalt, schmiere ich meinen Körper mit Fett ein. Außerdem plane ich, aus Neoprenresten einen Kälteschutzanzug puzzleartig zusammen zu kleben. Ich kam zum Ergebnis: Die Spree ist eine gute Fluchtmöglichkeit. Ich will sie nicht jetzt nutzen sondern in ein paar Jahren. Eine gewisse Zeit habe ich noch vor, für diesen nicht geliebten Staat zu arbeiten. Als Dank für das kostenlose Hochschulstudium.
Vor Mitternacht kehrte ich zu Elisabeth zurück. Zufrieden mit meinen Erkundungen schlief ich bald ein. Sonntags fuhr ich mit meiner Jawa nach Aschersleben. Am nächsten Tag saß ich wieder wie üblich im Konstruktionsbüro am Zeichenbrett. Als ich nach Feierabend mein möbliertes Zimmer aufsuchte, empfing mich meine Vermieterin an der Wohnungstür ganz aufgeregt:
„Herr Richter, heute Vormittag waren zwei Männer da. Die haben gefragt, wo sie sind.“
„Was haben Sie da gesagt?“
„Der ist im Werk.“
„Ja und?“
„Dann wollten sie wissen, wo Sie am Wochenende gewesen waren.“
„Was haben Sie da geantwortet?“
„Gehen Sie doch ins Werk! Fragen sie ihn selbst.“
Ich war erstaunt, wie klug sich meine Wirtin mit nahezu achtzig Jahren verhalten hat.
„Sagen Sie ihm nicht, dass wir da waren!“
Mit dieser Bitte verschwanden die beiden jungen Männer. Ganz offensichtlich hatte Elisabeths Telegramm diese Stasiaktion ausgelöst. Es ist demnach kein Gerücht, dass auf der Post eine Person sitzt, die sich von den eingehenden Sendungen eine bestimmte Auswahl vorlegen lässt. Keiner weiß, welche Schreiben unbemerkt geöffnet, kontrolliert und kopiert werden. Die Telegramme werden diesem Kontrolleur anscheinend generell vorgelegt. Das Postgeheimnis gilt also nicht für mögliche Feinde der Gesellschaft. Was hatte Lenin gesagt?
„Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!“
Mein Leben ging wie gewohnt weiter: Früh gegen sieben ins Büro. Fußweg etwa zehn Minuten. Standard Portalhobelmaschine dem Kundenwunsch entsprechend abändern. Das bedeutet, eine gute Idee haben, berechnen, entwerfen und zeichnen lassen. Bei der Endmontage schaute ich schon gern mal in die Werkshalle, ob alles wie vorgesehen gefertigt und montiert worden ist. Als ich mich wenige Tage nach dem Stasibesuch bei meiner Wirtin wieder mal in der Montagehalle aufhielt und nach dem Rechten sah, versuchte ein junger Betriebsingenieur recht freundlich mit mir ins Gespräch zu kommen.
„Es gibt bei der Montage der Maschine für Indien keine großen Probleme“, lobte er mich.
„Das freut mich. Ich habe vernommen, die abgeänderte Bühne an der Traverse sei nicht steif genug.“
„Das stimmt. Wir haben am U-Träger einen zweiten angeschweißt. Der so entstandene Rechteckquerschnitt ist verdrehungssteifer. Die Bühne gibt nicht mehr nach.“
„Danke. Das habt ihr gut gemacht.“
Nach einer Weile fragte er mich:
„Was machst du so am Wochenende?“
Seit wann interessiert er sich für mein Privatleben, dachte ich.
Ich kannte ihn lediglich von der Arbeit. Das Du unter jungen Kollegen war üblich. Ich hatte ihn in meiner Freizeit bisher nie getroffen, erst recht nichts mit ihm unternommen. Ganz offensichtlich hatte ihn die Stasi beauftragt, mich auszuhorchen. „Mit meinem Motorrad mache ich kleine Ausflüge. In die nähere Umgebung. In den Harz.“
Er hörte mir interessiert zu und hoffte, von mir mehr zu erfahren. Er sollte natürlich nicht spüren, ich hätte seine Absicht erkannt. Deshalb ergänzte ich zum Schluss mein Gespräch, aber nur dem Anschein nach bereitwillig.
„Auch besuche ich manchmal meine Eltern in Leipzig. Übers Wochenende.“
Etwa drei Wochen nach meinem Besuch bei Elisabeth hörte ich im Westfernsehen von einer gelungenen Flucht eines Ausflugdampfers der weißen Flotte. Dem Fahrgastschiff gelang es, auf spektakuläre Weise an der Schleuseneinfahrt des Landwehrkanals anzulegen. Die Anlegestelle gehört bereits zu Westberlin. Erst nach der Wende erfuhr ich Einzelheiten aus dem Internet: Unter der S-Bahnbrücke Treptower Park stoppt ein Grenzboot das Schiff. Der Dampfer legt eine Sondergenehmigung zum Osthafen vor, um angeblich dort Transformatoren aufzunehmen. Die Besatzung des Grenzbootes erlaubt die Durchfahrt. Der Dampfer setzt seine Fahrt auf der Spree langsam fort, um dann kurz vor der Einmündung des Landwehrkanals nicht rechts am Osthafen anzulegen, sondern links zur Lohmühleninsel beschleunigt abzubiegen. Das Polizeiboot jagt hinterher. Andere Wachboote folgen. Die Polizei beschießt den Dampfer, der inzwischen an der Westberliner Böschung angelegt hatte. Als Westberliner Polizisten vor den Bug des Wachbootes ins Wasser schießen, dreht es ab. Alle Passagiere, insgesamt dreizehn Personen, darunter ein Baby, bleiben im Westen. Nur der zuvor gefesselte Kapitän und der erste Maschinist kehren nach Ostberlin zurück.
Die Grenzsicherung wird keine Kosten scheuen, um eine Wiederholung der gut vorbereiteten und mit viel Glück gelungenen Flucht in diesem Abschnitt zu verhindern. Davon war ich überzeugt. Wie Recht ich damals hatte, kann man unter DDR Wassersperren dem Internet entnehmen. Die Grenzsicherung baute 1962 einen 430 Meter langen Grenzüberwachungssteg auf 260 Pfählen. Er beginnt gegenüber der Lohmühleninsel und verläuft parallel zum Spreeufer hin zur Stralauer Spreebrücke. Ein 55 Meter langer Zugangssteg verbindet ihn mit dem Treptower Spreeufer. Die Grenzer hatten ein leichtes Spiel, jeden Fluchtversuch vom Steg aus zu verhindern.
Die Flucht über die Spree schlug ich mir aus dem Kopf. Schade, dachte ich. Ich grübelte über andere Möglichkeiten nach. Zum Beispiel über die Ostsee bei Boltenhagen in Richtung Lübecker Bucht. Kann ich mir das zutrauen? Ich verglich die Ostsee mit der Spree. Der Seeweg ist vergleichbar mit einem Marathonlauf und die Spree mit einem Tausendmeterlauf. Ich verwarf die Variante nicht total, habe sie allerdings nicht näher in Erwägung gezogen. Sportlich fühle ich mich. Doch darf ich meine Kondition nicht überschätzen. Intensives Training ist Grundvoraussetzung, so schlussfolgerte ich.
Ich hörte, Flüchtlinge verstecken sich in Interzonenzügen. Westbesucher erzählten mir: Alle möglichen Nischen zwischen Wagendach und Zwischendecke werden geöffnet und überprüft. So kam ich auf die Idee, mich im Tender unter Braunkohlenbriketts zu verkriechen. Ohne zu bedenken, wie ich unbemerkt in den Tender komme, lud ich einen Freund aus Stuttgart nach Leipzig ein und erzählte ihm von meinem Vorhaben. Glücklicherweise reist er mit dem Zug an.
„Wenn du zurückfährst, achte mal darauf, ob die Lok gewechselt wird, bevor der Zug die DDR verlässt.“
„Willst du wirklich nach dem Westen kommen?“
„Nicht sofort. Aber irgendwann später. Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Hier bessert sich nichts.“
Das Thema hatten wir während seines Besuches bereits mehrmals angesprochen. Er meinte: „Andersdenkende sollten dableiben. Sonst ändert sich erst recht nichts.“
„Was können wir schon bewirken? Konnten wir den Mauerbau verhindern? Selbst der Westen hat nichts dagegen unternommen. Wir fühlen uns hier wie eingesperrt. Wie in einem großen Gefängnis.“
Mein langjähriger Freund hatte vielleicht recht, falls man in historischen Dimensionen denkt.
„Die Polen haben hundertfünfzig Jahre warten müssen, bis es für sie wieder einen selbstständigen Staat gab. Ähnlich kann es den Menschen hier ergehen. So lange lebe ich aber nicht.“
Das Thema besprach ich mit ihm, wenn wir allein waren. Ich wollte meine Eltern nicht beunruhigen. Mein Freund erfüllte mir meinen Wunsch.
Er schrieb:
„Bevor wir die DDR verließen, wurde die Lokomotive gegen eine westdeutsche ausgetauscht.“
Ich hörte nicht auf, mir weitere Fluchtalternativen einfallen zu lassen.
Die Menschen in der DDR wollen nicht nur arbeiten, sondern auch reisen. Das sprach sich auch unter den Genossen herum. So bot das staatliche Reisebüro Schiffsfahrten mit der „Freundschaft“ an, zunächst in der Ostsee zu den Bruderländern wie Polen und Sowjetunion. Später sogar vom Schwarzen Meer durch den Bosporus, das Mittelmeer und Gibraltar bis in die Ostsee nach Rostock. Ich interessierte mich für die Schiffsreise und dachte daran, am Bosporus über die Reling ins Meer zu springen. Die „Freundschaft“ legte in keinem kapitalistischen Land an. Man könne die Sehenswürdigkeiten und historischen Stätten vom Schiff aus betrachten, so versprach es der Reiseprospekt. Bevor ich ein Ticket für die begehrte Reise bekam, war sie bereits aus dem Programm gestrichen. Die offizielle Sprachregelung gab an: Wir können die Sicherheit für unsere Reisegäste nicht garantieren. Das heißt, andere sind auf dieser Reise in gleicher Weise geflohen, wie ich es geplant hatte.
Ich verlor eine Fluchtmöglichkeit nach der anderen. Die alles auf Gewalt und Absperrung bedachte Staatsmacht war stärker als mein kleiner Geist, ausgerichtet auf mehr Freiheit für ein selbstbestimmtes Leben. Die Lebenswirklichkeit entspricht nicht meiner Vorstellung. Ich habe zu wenig Möglichkeiten, mein Leben nach meinen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Oder ist es nicht bequemer, die von der Partei vorgegebene Lebensweise anzunehmen? Beruflich und privat. Hier weiß ich, was ich habe: Ein relativ bescheidenes Leben in sozialer Sicherheit. Was mich im Westen erwartet, ist ungewiss. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, sinnierte ich. Sollte ich wirklich meine Eltern, Geschwister und Freunde aufgeben für eine ungewisse Zukunft? Gefängnis oder gar mein Leben riskieren? In mir kamen starke Zweifel auf. Brauche ich in meinem abgesicherten Leben ohne die Gefahr, arbeitslos zu werden, einen gewissen Adrenalinstoß? Ich kann wohl ohne Risiko nicht leben, fragte ich mich ernsthaft. Meine aufgewühlte Seele fand keine Ruhe. Ich erinnere mich an Menschen in meinem Bekanntenkreis, die den Bau der Mauer nicht total ablehnten. So bedauerten Lehr- und Ausbildungskräfte, dass gerade in den Sommermonaten an Wochenenden Tausende junge Menschen nach Abschluss ihrer Ausbildung der DDR über Westberlin den Rücken kehrten. Ein bodenständiger Ingenieur meines Werkes meinte mir gegenüber, die DDR wäre ohne Mauer ausgeblutet.
„Willst du denn, dass dann Chinesen hierherkommen?“
Keiner wagte öffentlich zu erklären, die DDR-Politik sei schuld an der Massenflucht. Tausende Jugoslawen arbeiten in Westdeutschland, kehren nach Jahren in ihre Heimat zurück und bauen sich mit ihrem ersparten Geld eine Existenz auf. Solch eine liberale Wirtschaftspolitik lehnte das Politbüro der SED ab. Oelsner, Schirdewan und Wollweber, die Reformideen vertraten und die Wirtschaftspolitik Ulbrichts kritisierten, wurden 1958 aus dem Politbüro ausgeschlossen und aller Parteiämter entbunden. Wohlgemerkt, sie waren bereits nach dem Ersten Weltkrieg der KPD beigetreten. Also Altkommunisten. Emigrierten wegen der Nazis ins Ausland. Von dort arbeiteten sie gegen Hitler. Ulbricht duldete keine parteiinterne Opposition. Da sollten wir auf Veränderung hoffen, wenn sogar alte Genossen kaltgestellt wurden!
Eines Tages schnappte ich im Büro ein Gespräch zwischen zwei Zeichnerinnen auf.
„Wie geht´s deinem Mann bei der Armee?“
„Stell dir vor, der ist jetzt zur Grenztruppe versetzt worden.“
Mich interessierte das Gespräch sehr stark. Ich wollte aus zuverlässigem Mund erfahren, wie die Stimmung unter den Grenzern und die innerdeutsche Grenze abgesichert ist. Erstaunt war ich, dass gerade ihr Mann an die Grenze abkommandiert worden ist. Ich wusste, sie war keineswegs begeistert von der totalen Absperrung zwischen Ost und West. Bald ergab sich die Gelegenheit, mit ihr ohne andere Zuhörer über dieses Thema zu sprechen.
„Ich habe gehört, Ihr Mann soll die innerdeutsche Grenze bewachen. Wo ist er denn?“
„In Thüringen.“
„Ich nahm an, die nehmen nur ganz zuverlässige Leute.“
„Da haben sie nicht genug.“
Nach einer Weile hakte ich nach.
„Aber warum gerade ihr Mann?“
„Irgendwie haben die Vorgesetzten an seinem ersten Standort erfahren, dass er sehr an unserem Kind hängt. Vielleicht auch, dass wir glücklich verheiratet sind.“
„In jeder Ehe gibt es auch mal Krisen. Hauen da nicht welche ab?“
„Das ist gar nicht so leicht möglich. Die haben immer zu zweit Wache. Und mit wem sie Wache schieben müssen, das erfahren sie vom Vorgesetzten erst kurz davor. Eine Absprache ist da kaum möglich.“
„Würde ihr Mann auch auf Flüchtlinge schießen?“
„Zuerst müssen sie versuchen, den Grenzverletzer festzunehmen. Wenn das nicht mehr geht, haben sie ihn gezielt zu vernichten.“
„Die können doch auch gewollt danebenschießen.“
„Das ist nicht so einfach. Der Vorgesetzte merkt das.“
„Wieso?“
„Die Soldaten müssen bei Übungen gezielt auf menschengroße Figuren schießen. Das Ergebnis wird dokumentiert. Dann stellen sie durch den Vergleich fest: Der hat absichtlich danebengeschossen.“
Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt.
„Ist das schon mal vorgekommen, dass ein Grenzverletzer erschossen wurde?“
„Mein Mann ist noch nicht so lange an der Grenze.“
„Was wäre, wenn ...?“
„Derjenige kriegt Sonderurlaub. Auf Wunsch wird er auch an einen anderen Grenzabschnitt versetzt.“
„Weshalb?“
„Es könnte sich ja unter den Leuten rumgesprochen haben, dass er jemand erschossen hat.“
Während des Gespräches wurde sie zurückhaltender und sorgte sich um ihren Mann.
„Sie brauchen doch keine Angst um ihren Mann haben. Der westdeutsche Zoll hat meines Wissens noch nie geschossen, außer von Westberlin aus.“
„Das meine ich auch nicht.“
Ich merkte, sie wollte nicht über ihre Bedenken sprechen. Da sie aber meine Einstellung zu diesem Thema kannte und mir vertraute, erzählte sie mir abschließend:
„Im Grenzabschnitt meines Mannes sind zwei angetrunkene junge Männer auf die Grenze zu gerannt und haben dabei mit der Pistole mehrmals in die Luft geschossen. Sie hätten genauso gut auf meinen Mann schießen können.“
Ich versuchte, sie zu beruhigen.
„Das war sicherlich eine einmalige unüberlegte Ausnahme. Die sind doch gewiss festgenommen worden.“
„Das stimmt.“
Das Gespräch mit ihr war für mich sehr aufschlussreich. Ich wagte einfach nicht zu fragen, wie die Grenze in seinem Abschnitt abgesichert sei. So viel wusste ich: Vor der eigentlichen Grenze befindet sich eine fünf Kilometer breite Sperrzone. Die darf man nur mit Genehmigung betreten. Ich schlug mir eine Flucht über die westdeutsche Landgrenze aus dem Kopf. Ich muss davon ausgehen, dass sie stark abgesichert ist. Das Risiko, bereits im Sperrgebiet erwischt zu werden, war mir zu groß.
