Verbotene Ferien - Theo Richter - E-Book

Verbotene Ferien E-Book

Theo Richter

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Beschreibung

Nach dem Krieg ist nichts mehr, wie es war. Als Kind zwangsumgesiedelt, erlebt der Autor eine aufgezwungene Heimat, die von Not, Hunger und Verlust geprägt ist. Doch inmitten von Trümmern und Mangel bleibt ihm der christliche Glaube als unsichtbarer Anker, der Hoffnung und Halt schenkt. Dank der Unterstützung kirchlicher Organisationen aus den Diözesen Bamberg, Augsburg, Hildesheim und Würzburg kann er in den Sommerferien immer wieder in den Westen reisen - heimlich, oft über die Grenze, und voller Abenteuer, die zwischen Mut, Improvisation und Menschlichkeit spielen.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Alles war weg – Nur der Glaube blieb

Sommerferien 1947

Unterstützt durch Bistümer Bamberg und Augsburg

Sommerferien 1948

Unterstützt durch Bistum Hildesheim

Sommerferien 1949

Unterstützt durch Bistümer Hildesheim, Bamberg und Augsburg

Sommerferien 1950

Unterstützt durch Bistum Würzburg

Sommerferien 1951

Unterstützt durch Verwandte und Heimatfreunde

Alles war weg – Nur der Glaube blieb

Wir sind vor etwa einem halben Jahr aus unserer schlesischen Heimat nach Leipzig vertrieben worden. Eigentlich hofften wir, in Schlesien bleiben zu dürfen. Unser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung. So wurden wir so ziemlich als Letzte November 1946 aus unserem geliebten Heimatdorf Beckern rausgeschmissen und kamen nicht wie gewünscht nach Westdeutschland, sondern wurden ohne Wahlmöglichkeiten zwangsweise nach Leipzig transportiert. Nach wochenlangem Lagerleben bekamen wir zwei nicht heizbare, schräge Dachkammern ohne Wasseranschluss und Toilette in Leipzig - Großzschocher zugewiesen. Da musste unsere Familie mit sechs Personen kampieren, meine Eltern, meine erwachsene Schwester Cilchen und drei schulpflichtige Kinder. Uns quälte Hunger und Kälte. Zudem bereitete uns die Schule übergroße Probleme nach mehr als zwei Jahren ohne Unterricht, isoliert von allen schlesischen Freunden in einer zerbombten Großstadt.

Cilchen und meine Eltern bemühten sich in unserer Not, wieder heimzukehren. Sie stellten einen Antrag am Konsulat – ohne Erfolg. In ihrer Verzweiflung schrieben sie einen Brief an den polnischen Pfarrer in unserem Heimatdorf mit der Bitte, wieder heimkommen zu dürfen. Er war sehr deutschfreundlich und sprach auch ein einwandfreies Deutsch. Mein Bruder und ich waren seine Messdiener gewesen. Leider erhielten wir keine Antwort.

Uns ist alles genommen worden, beklagten wir. – Nein, doch nicht. Wir behielten unseren christlichen Glauben und sprachen weiterhin unseren schlesischen Dialekt in der Familie. In der Schule lachten uns die sächsischen Kinder aus. Wir bemühten uns, hochdeutsch zu sprechen. Aber die schlesische Sprachfärbung war nicht zu unterdrücken. Dadurch lernten wir in der Schule andere vertriebene Kinder kennen, auch Flüchtlinge, die im Krieg vor der heranrückenden Roten Armee ihr Zuhause verlassen hatten. Wir trafen uns im Religionsunterricht nachmittags in der Schule. Doch das wurde bald untersagt. Wir mussten in kirchliche Einrichtungen ausweichen. Trotz allem blieben wir unserem heimatlichen Glauben treu. Er gab uns Trost und war zugleich Hilfe, die widerliche Notzeit zu ertragen. Unser Religionsunterricht fand nun im letzten Haus vom Stadtteil Großzschocher statt, das der Katholischen Kirche gehört, benachbart ausgedehnte Auenwiesen, der Körnerwald und dahinter der Elsterfluss. Hier konnten wir der Großstadtwüste entfliehen und ein Stück Natur in uns aufsaugen. Mein Bruder Werner und ich durchstöberten den Wald, suchten nicht nur nach Beeren sondern entdeckten auf Bäumen auch Vogelnester. In einem fütterten die Krähen ihren Nachwuchs. Wir brachten die jungen Krähen nach Hause. Endlich konnten wir uns mal satt essen. Die Lebensmittel auf Marken waren äußerst knapp rationiert. Cilchen brachte manchmal als Kellnerin ein paar rohe Kartoffelschalen mit nach Hause. Unsere Mutter kochte sie, drehte sie durch den Fleischwolf und bereitete daraus für uns eine Suppe. Werner und ich stritten uns, wer den Fleischwolf auseinander nehmen und sauber auslecken durfte. Die extreme Hungerrealität mag unseren Nestraub verzeihen.

Noch ein paar Sätze zu unserem Religionslehrer Kaplan Jammers. Er betreut die Katholiken von Großzschocher und Knauthein, die alle zur großen Pfarrgemeinde »Liebfrauen« in Plagwitz gehören. Geleitet wird das Pfarramt von einem Pfarrer. Ihm stehen mehrere Kapläne zur Seite. Die Priester dieser Pfarrgemeinde bezeichnen sich als Oratorianer, eine Weltpriestervereinigung. Ihr Ziel ist, den Glauben verständlich und lebensnah mitzuteilen. So trat damals bereits das Kirchenlatein in den Hintergrund und der Gottesdienst wurde weitestgehend in deutsch abgehalten. Für die Oratorianer war die sexuelle Aufklärung im Religionsunterricht eine Selbstverständlichkeit.

Ich erhielt sogar ein kleines Buch mit Zeichnungen über den Geburtsvorgang. Als ein Lehrer in der Schule das Büchlein mal entdeckte und anschaute, gab er es mir alsbald mit einem entrüsteten Gesichtsausdruck zurück. Mit Genugtuung stellte ich damals fest: Die Oratorianer waren ihrer Zeit weit voraus.

Sommerferien 1947

Unterstützt durch Bistümer Bamberg und Augsburg

Im gleichen Haus, in dem wir unsere Religionsstunde erhielten, nämlich in der Dieskaustraße 297, kamen etwa gleichaltrige Jungen zur Gruppenstunde zusammen. Unser Leiter Günther Birken aus Oberschlesien, ein paar Jahre älter als wir, sprach nicht nur interessante Themen mit uns durch, sondern wir durften uns mit ihm auf den Auenwiesen und vor dem Körnerdenkmal am Waldrand sportlich austoben. Wir waren etwa zehn Jungs im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren, alle aus dem ostdeutschen Raum vertrieben.

Auf dem Foto sind die meisten unserer Gruppe vor dem Hauseingang in der Dieskaustraße von rechts zu sehen: Heinz Stenzel, Helmut Axmann, Hans Kraft, Hans Czekalla, Werner Richter, Horst Stellmacher, Günther Dudek und Theo Richter.

Die großen Schulferien nahten. Günther erzählte uns, die Pfarrei beabsichtige, für Schüler und Jugendliche einen Ferienaufenthalt in Bayern zu organisieren. Bayern, für mich und Werner ein unbekanntes Land. Durch den langen Schulausfall von mehr als zwei Jahren hatten wir noch keine einzige Stunde Erdkundeunterricht gehabt. Nur so viel wussten wir: Amerikanische Zone. Wie kommen wir dahin? Schwarz über die Grenze? Von unseren Eltern erfuhren wir mehr – katholisches Land. Vielleicht werdet ihr sogar eingeladen. Und für wie lange? Fragt Günther doch mal.

In unserer nächsten Gruppenstunde erfuhren wir mehr: Etwa drei Wochen im Juli zu Beginn der Sommerferien. Ein Zeltlager bei einer Burg. Nicht weit weg von der Zonengrenze. Unterkunft und Verpflegung frei, Einladung von einer bayerischen Diözese. Werner und ich zeigten Interesse. Aber wie kommen wir dorthin? – Wir hatten keine Ahnung. Die Neuigkeiten besprachen wir mit unseren Eltern. Sie waren sehr aufgeschlossen. Sie meinten, da haben wir für zwei Kinder weniger zu sorgen. Und die Lebensmittelkarten geben wir für diese Zeit nicht zurück. So haben wir endlich mal etwas zum Zusetzen.

»Meldet euch an! Fragt aber noch, wie ihr dahin kommt?«, war ihre Meinung.

Günther das nächst mal:

»Mit der Reichsbahn von Leipzig Hauptbahnhof nach Saalfeld, umsteigen nach Probstzella und von dort schwarz über die Grenze. Die Fahrkarte nach Probstzella hin und zurück müsst ihr selber kaufen. Damit die Züge nicht zu voll werden, braucht ihr noch eine Genehmigung. Die besorge ich euch. Sonst bekommt ihr kein Ticket. «

Cilchen nähte uns schnell noch einen Rucksack aus festem Stoff. Er bestand aus einem großen Beutel mit zwei angenähten Trägern, die Öffnung des Rucksacks zum Zubinden. Darin verstauten wir beide unsere Sachen. Ich hatte noch eine nicht all zu große Umhängetasche aus Kunststoff. In ihr brachte ich meine Toilettensachen unter, was zu essen und anderen Kleinkram. Wir trafen uns mit Günther Anfang Juli auf dem Hauptbahnhof. Seine Reisegruppe bestand aus etwas mehr als zwanzig Personen. Die meisten waren älter als Werner und ich, schon aus der Schule. Der Bahnsteig nach Saalfeld voller Menschen. Bei Einfahrt des Zuges stürmten die Menschenmassen in den Zug, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Unsere Gruppe freute sich, wenigstens bequeme Stehplätze erhalten zu haben. Das änderte sich bald. Auf jedem Haltebahnhof erkämpften sich weitere Leute einen Stehplatz, bis man zum Schluss so eng aneinander gedrängt war, dass man mehr das Gefühl hatte, zwischen Menschen zusammengepfercht zu hängen als zu stehen. Das Atmen fiel uns merklich schwer.

Die Fahrt verzögerte sich mehr und mehr, nicht nur durch nachkriegsbedingte Langsamfahrstrecken sondern auch, weil Gegenzüge abgewartet werden mussten. Die Sowjetunion hatte nämlich das zweite Gleis als Reparationsleistung demontieren lassen. Weshalb erwähne ich diese Umstände so detailliert? Wir bekamen in Saalfeld den Anschlusszug nach Probstzella nicht mehr. Die Gruppe entschied, zu Fuß nach Probstzella zu gehen. Als ich hörte, etwa 30 Kilometer, war ich äußerst enttäuscht. Werde ich das schaffen? Ich war absolut der Jüngste in der Gruppe. In wenigen Tagen werde ich erst zwölf. Ich bin quasi als Anhängsel meines zwei Jahre älteren Bruders in diese Jugendgruppe mit hinein geschlüpft. Trotz Mangelernährung fühlte ich mich körperlich einigermaßen fit. Doch weit gehen, das war nicht gerade meine Stärke. Den Rucksack für uns beide trägt ja mein Bruder. Das muss ich schon schaffen, sagte ich mir.

In der Stadt blieb die Gruppe schön zusammen. Sobald wir die letzten Häuser hinter uns gelassen hatten, drehten die Großen auf und erhöhten das Tempo. Der Abstand wurde größer und größer. Sie wurden aufgefordert, auf uns zu warten, um uns aufzuschließen zu lassen. Wir marschierten in einem flachen Tal auf der Autostraße in Richtung Probstzella, unweit daneben die Eisenbahnschienen.

An Autoverkehr kann ich mich nicht erinnern. Der Tag verabschiedete sich. Es begann zu dämmern. Die Großen in der Gruppe wurden unruhig.

»Wir wollen doch noch in der Nacht über der Grenze sein. Das schaffen wir aber nicht, wenn wir immer wieder warten müssen«. erklärten sie logischerweise.

Mit dem stichhaltigen Argument ließen wir sie ziehen. Die Schüler lösten sich von der Gruppe. Günther führte die Nachhut. Über uns ein wolkenloser, klarer Sternenhimmel, zu beiden Seiten der Straße Nacht verhüllter Wald. Wir ließen an uns den Mithaltestress abgleiten und reduzierten das Tempo. Trotz müder Beine bestaunte ich in der Stille der Nacht die unzähligen, glitzernden Sterne. In diesem entspannten Zustand sprach mich Werner an:

»Mir wird der Rucksack zu schwer. Jetzt musst du ihn tragen.« »Ich spüre auch meine Beine«, gab ich abweisend zur Antwort. »Im Rucksack sind auch deine Sachen drin, nicht nur meine.«

Ich tat so, als ob ich sein Argument überhört hätte und reagierte nicht. Da sprach mich Günther an. Anscheinend hatte er unsere Unterhaltung mitbekommen.

»Du Theo, ihr beide könnt euch doch abwechseln. Da wird der große Rucksack keinem zu schwer.«

Ich stimmte Günthers Vorschlag, im versöhnlichem Ton vorgetragen, zu und übernahm den Rucksack. Es muss bereits nach Mitternacht gewesen sein. Unsere Schritte wurden merklich kürzer. Wir schleppten uns erschöpft langsam weiter. Das stundenlange, gequälte Stehen im Zug, der ungewohnte, lange Nachtmarsch mit Gepäck hatten uns ausgelaugt. Günther stellte sich der Realität und entschied:

»Bis an die Grenze ist es noch zu weit. Beim nächsten Bahnhof brechen wir den Marsch ab und fahren am Tage mit dem nächsten Zug weiter.«

Niemand widersprach ihm. Hoffentlich ist es bis zum Bahnhof nicht mehr so weit, dachten alle, ohne es auszusprechen. Nach etwa einer viertel Stunde entdeckten wir außerhalb einer Ortchaft den ersehnten Bahnhof auf der rechten Straßenseite. Das kleine Bahnhofsgebäude verschlossen. Es war mehr ein Haltepunkt ohne Rangiergleise. Zwischen Bahngleis und Straße eine Wiese, auf der wir uns ausruhten. Ich schlief total erschöpft ein. Im Morgengrauen weckten mich meine Freunde ganz aufgeregt:

»Aufstehen, aufstehen – Zug kommt!«, schrien sie mich an.

Ich noch schlaftrunken, rannte zum Gleis, blieb am zweiten Schienenstrang mit dem Fuß hängen und fiel mit dem Bauch auf die erhöhte Bahnsteigkante. Der Sturz löste einen sehr schmerzhaften Magenkrampf aus. Ich war nicht fähig aufzustehen und fürchtete, vom Zug überrollt zu werden. Ängstlich schaute ich nach dem Zug, sah aber keinen kommen und wälzte mich auf den Bahnsteig hoch. Günther sah mein Krampf verzerrtes Gesicht und tröstete mich mitfühlend.

»Der Krampf löst sich nach paar Minuten. Dann ist der Schmerz vorbei.«

Recht hatte er gehabt. Aber ein Zug aus Richtung Saalfeld ist nicht angekommen. Entweder haben die Schienen ein Rangiergeräusch von weit her übertragen oder meine Freunde haben sich getäuscht. In der Tat kam der erwartete Zug erst im Laufe des Vormittags an und brachte uns ohne großes Gedränge im Wagen noch vor der Mittagszeit bis Probstzella. Dort angekommen gingen wir bis zum Ortsausgang in Richtung Grenze. Nach dem letzten Haus verließen wir die Talstraße nach Bayern und benutzten einen Waldweg, der sich links neben der Straße am Hang hoch schlängelt. Noch bevor wir in den Wald reinkamen, schlug Günther vor:

»Hier machen wir erst mal eine Pause. Da könnt ihr was essen und trinken.«

Alle wunderten sich, nach so kurzer Zeit eine Verschnaufpause einzulegen, ohne dass einer widersprach. Wir setzten uns am Rasenabhang nieder. Es war windstill, die Sonne schien, eine wohlige Wärme umgab uns und der Sommerduft stieg zu uns empor. Während wir unsere Brote muffelten, überholte uns ein junges Pärchen und fragte:

»Wollt ihr nicht auch rüber gehen?«

»Jetzt stärken wir uns – danach«, gab Günther etwas missmutig den neugierigen Zweien zur Antwort.

Nach etwa zwanzig Minuten brachen wir auf, kamen bald auf dem ansteigenden Weg in den Wald und wen sahen wir da? Das Pärchen und zwei Grenzpolizisten. Wie erstarrt blieben wir stehen, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen.

»Hier ist Grenzgebiet. Da dürft ihr nicht weiter«, informierte uns einer der Grenzer im Befehlston.

Ich bin unsicher, was Günther ihm daraufhin sagte. Mit gefangen, mit gehangen mussten wir und das Pärchen der Polizei folgen. Sie bogen den nächsten Waldweg links ein und führten uns wie Gefangene in einem weiten Bogen im Gegenuhrzeigersinn um Probstzella. Ich weiß nicht, wie lange der erzwungene Marsch dauerte, mehr als eine Stunde oder gar zwei. Werner trug die ganze Strecke unseren gemeinsamen Rucksack, ich lediglich die Umhängetasche und tippelte als Letzter der Gefangenenschar hinterher. Da sprach mich Günther im verhaltenen Ton an:

»Du Theo, hast du noch etwas Platz in deiner Umhängetasche?«

Ich machte sie auf und ließ ihn reinschauen.

»Darf ich dir noch was Flaches reinschieben?«

Er zeigte mir ein kleines Päckchen mit Folie umwickelt.

»Da drin ist ein Ausweis und andere Unterlagen von Westberlin. Das dürfen sie nicht sehen, wenn sie mich filzen. Dich als Kleinster ohne Rucksack werden sie kaum kontrollieren.«

Etwas unsicher verstaute ich seine Papiere in meiner Tasche. Weiter wanderten wir an saftigen Wiesen entlang und durch aufgelockerte Waldflächen. Eigentlich hätten wir die liebliche, sonnendurchflutete Mittelgebirgslandschaft mit Aussicht auf den Ort im Talkessel genießen können, wenn nicht die Ungewissheit gewesen wäre, was die Polizei mit uns vorhat. In der Zentrale der Grenzpolizei angekommen, holten sie Günther zum Verhör ins Büro. Wir durften draußen warten. Nach nichtlanger Zeit kam er raus mit einem nicht zerknirschten Gesichtsausdruck und sagte uns mit einem Augenzwinkern:

»Wir dürfen hier bleiben. Ein Grenzpolizist begleitet uns ein Stück und zeigt uns, wo wir zelten dürfen, damit wir uns nicht wieder ins Grenzgebiet verlaufen.«

Wir verstanden sofort Günthers listiges Verhalten beim Verhör, ohne nachzubohren. Ein junger Polizist führte uns um den Talkessel von Probstzella und zeigte auf den gegenüber liegenden, bewaldeten Kamm:

»Da drüben dürft ihr nicht zelten. Auf dem Höhenzug verläuft die Grenze.«

»Wird die Grenze dort auch nachts bewacht?«, fragte Günther geschickt unseren Begleiter.

»Nein, nachts nicht mehr«, meinte er uns völlig vertrauend. Bald verabschiedete sich unsere angenehme Begleitung von uns und wir atmeten auf, diese nicht vorausgesehene Hürde überwunden zu haben. Gemächlich wanderten wir weiter. Keiner dachte ans Zelten. Unsere Augen suchten an der bewaldeten Bergkette einen Einschnitt, an dem wir die Grenze ohne zu große Anstrengung überwinden könnten. Keiner sprach darüber, aber jeder hatte den gleichen Wunschgedanken. Als wir an einer Wiese, beidseitig geschützt von zwei kleinen Hügeln, vorüber kamen, schlug Günther vor:

»Hier bleiben wir. Sonst entfernen wir uns zu weit von der Eisenbahn. Und der Hang zur Grenze hoch wird hier nicht mehr flacher.«

Wir machten es uns auf dem saftigen Grün gemütlich. Die Abendsonne wärmte uns noch ein klein wenig mit ihren Strahlen. Freier Blick zum Höhenzug mit der Grenze am Kamm verlaufend! Die unverdächtige Entfernung bis zum Fuße des Anstieges mindestens ein Kilometer, auf keinen Fall zu nahe am Grenzverlauf, damit wir nicht noch mal Schwierigkeiten mit der Grenzpolizei erhalten.

Bei Günther löste sich nach und nach die Anspannung des Tages. Er begann zu plaudern:

»Ihr habt euch sicherlich gewundert, warum ich am Ortsende von Probstzella schon eine Esspause vorgeschlagen habe nach so einem kurzen Marsch.«

»Da waren wir überrascht.«

»Ich wusste doch, dass die Grenzpolizei nach jedem Zug dort auf die Grenzgänger wartet und bald wieder verschwindet.«

»Und warum sind sie diesmal noch dageblieben?«, fragten wir gespannt.

»Die wollten schon gehen. Da hat das Pärchen ihnen gesagt, da kämen noch welche nach.«

»So eine Gemeinheit. Aber woher weißt du das? Wer hat dir das erzählt? Doch nicht die Zwei!«

»Natürlich nicht. Einer der zwei Polizisten hat mir das anvertraut auf dem langen Marsch zur Polizeizentrale.«

»Wenn das verdammte Pärchen nicht gewesen wäre, hätten wir heute schon in Bayern sein können«, meinten wir ärgerlich.

»Wie war überhaupt dein Verhör? Erzähl doch mal!«

»Der meinte, wir wollten über die Grenze. Da hab ich ihm gesagt: Wir sind eine Gruppe der Katholische Jugend, der FDJ angeschlossen und wollen hier in der schönen Gegend zelten.«

»Hat er dir das geglaubt?«

»Eben nicht. Als ich ihm aber sagte, dass wir nicht wissen konnten, wo hier die Grenze verläuft, wurde er nachdenklich und hat mir versprochen, jemand mitzuschicken, damit wir uns nicht noch mal verlaufen,«

»Günther, das hast du gut hingekriegt,« lobten wir ihn alle.

»Übrigens, dass die Katholischen Jugend der FDJ angeschlossen ist, hat mir der Chef der Grenzpolizei sogar geglaubt, obwohl es so was gar nicht gibt«, bekundete Günther genüsslich.

Inzwischen hatte sich die Sonne von uns verabschiedet. Jeder aß und trank noch etwas vom Mitgebrachten. Die Dämmerung hüllte die Landschaft ins Grau. Die Stille des Talkessels ließ uns nach dem nervenaufreibenden Tag zur Ruhe kommen. Ein jeder wartete noch auf Günthers Plan, wie wir in der Nacht über die Grenze kommen.

»Jungs, gegen Mitternacht brechen wir auf. Bis dahin kann jeder versuchen, etwas zu schlafen. Holt aber eure Decken aus dem Rucksack. Sonst wird euch zu kalt.«

Nach einem Moment des Nachdenkens wurde er konkreter:

»Von hier aus gehen wir auf dem kürzesten Weg zum bewaldeten Grenzhang und versuchen dort im Wald bis zum Kamm hochzukommen. Einen Weg sollten wir vorsichtshalber nicht benutzen.«

Nach eine Weile bemerkte er noch:

»Ruht euch jetzt gut aus! Sonst wird euch der Nachtmarsch zu anstrengend.«

Ich wurde aus tiefstem Schlaf rausgerissen. Bereits die zweite Nacht mit hohem Schlafdefizit! Alsbald steuerte die kleine Gruppe von weniger als zehn Personen über Wiesengelände auf den dunklen Wald zu, ohne jemandem zu begegnen. Am Hang angekommen atmeten wir auf – hoher Baumbestand, kein Unterholz, kein Gestrüpp. Lediglich über die hervorstehenden Wurzeln stolperten wir ab und an. Wir reduzierten unser Tempo und kamen nur langsam voran, insbesondere dann, wenn die Bäume dichter standen und die Unebenheiten auf dem Waldboden in der Nacht nicht zu sehen waren. Ich erinnere mich an sehr steile Stellen, die wir nur auf allen Vieren kletternd überwanden.

Plötzlich erschraken wir – rechts von uns wiederholte Trittgeräusche, ein Zertreten von dürren Ästchen. Wir blieben wie erstarrt stehen und verhielten uns total ruhig, Das ist kein Wild, das muss ein Mensch sein, waren wir uns einig. Möglicherweise eine Grenzbewachung! – Die kämpft sich doch nicht durchs Unterholz! Wir verharrten so etwa fünf Minuten, ohne ein Wort zu sagen und setzten erst dann unseren Anstieg fort, als sich das Geknackse mehr und mehr von uns entfernte. Wir waren uns einig: Das ist einer, der wie wir nach dem Westen will. Bald merkten wir, den steilsten Anstieg am Hang hinter uns gelassen zu haben. Der Baumbestand aufgelockerter, der Waldboden und seine Stolperunebenheiten besser erkennbar, wodurch wir im normalen Wandertempo voran kamen. Bevor wir ganz oben waren, begann sich die Nacht zu verabschieden und der Himmel im Osten erhellte sich zusehend. In wenigen Gehminuten erreichten wir die flach auslaufende Bergkuppe. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Überglücklich marschierten wir runter zur nächsten Bahnstation in Richtung Ludwigsburg. Günther kaufte uns einen Gruppenfahrschein der Deutschen Reichsbahn nach Ebermannstadt bei Forchheim. Wohl gemerkt, damals existierte noch die Reichsmark und sowohl im Osten als auch im Westen konnte man mit ihr bezahlen. Unser Ziel Burg Feuerstein, benachbart zu Ebermannstadt im Fränkischen. Auf dem Burggelände ein großes Zeltlager. Hier trafen wir wieder die Jugendlichen unserer Gruppe, die nachts bis Probstzella marschierten und vor dem Morgengrauen ohne Zwischenfälle die Grenze überwanden.

Nach wenigen Tagen berichtete Günther, die Diözese Augsburg lade fünf Jugendliche aus Leipzig ein, ihre Ferien in Alpennähe zu verbringen. Ob er die Teilnehmer selbst ausgewählt hat oder wir uns melden durften, da verlässt mich die Erinnerung. Die fünf Jungs fuhren gleich am nächsten Tag mit dem Zug nach Augsburg und zwar zwei Jugendliche der Pfarrgemeinde aus Leipzig-Reudnitz und drei aus Großzschocher, nämlich Werner, ich und Koschka. Das war sein Spitzname. Den richtigen Namen habe ich leider vergessen. Er wohnte unweit von Sankt Josef und gehörte auch zu Günthers Jugendgruppe. An die Fahrt erinnere ich mich recht gut: Personenzug mit Dampflokomotive, zusammengestellt aus alten Waggons, Einstieg am beidseitigen Ende des Wagens über Außentreppe. Wir kamen sehr schleppend vorwärts bei nicht wenigen Zwischenstopps und Langsamfahrstecken. Es gab keine freien Sitzplätze, dagegen konnten wir bequem stehen. Das überaus herrliche Sommerwetter und die gemächliche Fahrweise verführte uns dazu, auf der vorletzte Stufe der Außentreppe platz zu nehmen. Wir erfreuten uns so an den Sonnenstrahlen, dem angenehmen Fahrtwind und der wunderschönen, vorbeiziehenden bayerischen Landschaft. Am späten Nachmittag in Augsburg angekommen, wusste unser großer Blonde aus Reudnitz Bescheid, dass wir uns im Diözesanhaus neben dem Dom zu melden hatten. Leider weiß ich nicht mehr seinen Namen. Er war etwa sechzehn und ab nun unser Organisator und Wortführer. Ich nehme an, Günther hat ihn dazu ausgewählt. Er war schließlich der Älteste von uns. Wir freuten uns natürlich über seine Bereitschaft. Ich will ihn Hans nennen, gewissermaßen als Pseudonym. Keiner hätte es besser machen können. Nicht nur Bayern war uns fremd sondern vieles andere ebenso. Am nächsten Tag erhielten wir Fahrkarten nach Memmingen.

»Vergesst nicht in Buchloe umzusteigen«, schärfte uns die Büroangestellte ein.

Auch diesen Ort hörten wir alle das erste Mal in unserem Leben. Sie muss es unserem verdutzten Gesichtsausdruck angesehen haben. Deshalb wiederholte sie mit Betonung auf den Ort:

»In Buchloe, nicht vergessen!«