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Beschreibung

Drei Menschen, zwei Männer und eine Frau, ihre Kindheit ist geprägt von der Nachkriegszeit in Deutschland. Getrieben von den rapiden Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts suchen sie ihren Platz in der Welt. In den sechziger Jahren kreuzen sich ihre Wege, bis jeder allein loszieht, auf der Suche nach Erfolg, Anerkennung und Geborgenheit. Dabei entsteht das Porträt einer globalen Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr sicher ist.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Then you better start swimmin’ or you’ll sink like a stone For the times they are a-changin’.

Bob Dylan

Für die Guten unter den Starken ist nichts so anziehend wie sich auf die Seite der Schwachen zu schlagen.

Zu diesem Roman

Drei Menschen, zwei Männer und eine Frau, ihre Kindheit ist geprägt von der Nachkriegszeit in Deutschland. Getrieben von den rapiden Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts suchen sie ihren Platz in der Welt. In den sechziger Jahren kreuzen sich ihre Wege, bis jeder allein loszieht, auf der Suche nach Erfolg, Anerkennung und Geborgenheit. Dabei entsteht das Porträt einer globalen Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr sicher ist.

Eckhard Polzer, geboren 1943 in der Tschechoslowakei, wuchs in Deutschland auf. Er arbeitete in den USA, Asien und Afrika. Seit 2003 ist Polzer freier Schriftsteller und lebt in München. Er hat mehrere Romane und Kurzgeschichten geschrieben.

Für Susans dauerhafte Unterstützung und Konrad Franke, der mir zu einem bewussten Schreiben verhalf.

Inhaltsverzeichnis

Im Koma

Prag

In Bayern

Freundschaft

Carla

Aufbruch

Trennung

Entscheidung

Neubeginn

Neuland

Rückkehr

Lukas

Verlust

Klarheit

Im Montgelas Keller

Klarheit

Kongo

Versöhnung

Ein Haus auf Ibiza

Im Koma

Vorsichtig steuert Lukas Born den Wagen zum Seiteneingang des Klinikums. Der Schnee am Randstein zeigt Spuren von Hundepisse und hat längst die Farbe von Zink angenommen. Warum Leute ihre Tiere mit in ein Krankenhaus nehmen, wo sie dann ihren Dreck abladen, denkt er, sucht eine trockene Stelle, verschließt das Auto und springt aufs Trottoir. Gut, denkt er, keine Schneeränder, keine nassen Füße.

Carla wäre von der Putzfrau bewusstlos in ihrem Haus auf Ibiza gefunden worden, hatte Simon gesagt. Der Notarzt konnte nur eine tiefe Ohnmacht feststellen. Sie hätten sie nach Deutschland gebracht, nach München-Großhadern, dort läge sie seit Tagen im Koma.

„Wenn du sie noch einmal sehen willst, solltest du kommen“, meinte Simon.

Um einen lebenden Leichnam zu sehen, dachte Lukas im ersten Moment, sagte dann aber ein paar Termine ab, und buchte den nächsten Flieger nach München. Dabei fragte er sich die ganze Zeit, welchen Sinn es hatte Carla beim Sterben zuzusehen. Wenn sie unbedingt wollte, sollte man sie gehen lassen, dachte er.

Vor Jahren, als er mit Carla nach Bali geflogen war, um dort Simon zu treffen, wollten sie eigentlich nur reden und die Wärme genießen. Die Hütten am Strand, das Essen, alles war gut, aber sie merkten schnell, dass sie sich eigentlich nichts mehr zu sagen hatten. Manchmal saßen sie einfach nur da, drei ältere Menschen, die sich fragten, was sie je verbunden hatte.

Dabei hätte es Vieles gegeben, das er sie fragen wollte. Warum es nach Indien nicht mehr geklappt hatte zwischen ihnen. Warum sie erneut nach Pondicherry gegangen und dann doch wieder zurück nach Deutschland gekommen war, in ein Land, das ihr nichts bedeutete. Und ob sie nun wirklich mit denen zusammengearbeitet hatte, die Leute umbrachten, weil sie glaubten, dadurch den verhassten Staat aus den Angeln heben zu können. Aber er hatte nicht gefragt. Sie sprachen lieber über seine Karriere, seine Zeit in den USA, in Afrika.

Simon hatte von ihrer Tour auf dem Zaire erzählt. Keine Spur von Herz der Finsternis, wie einen Gaudi-Trip hatte er es dargestellt, dabei wäre er ums Haar ertrunken, als er auf den versifften Planken ausrutschte und in den Fluss fiel.

Carla sprach kaum über sich, als gäbe es Zeiten, in denen sie nicht gelebt hatte. Erst nach dem Attentat brach es aus ihr hervor, als hätte der Terror eine Tür in ihr geöffnet, die sie glaubte für immer verschlossen zu haben.

In Kuta konnten sie nicht länger bleiben. Simon hatte es plötzlich sehr eilig gehabt wegzukommen, und auch Carla schien es nicht zu bedauern, früher als geplant zurück zu fliegen. Am Frankfurter Flughafen verabschiedeten sie sich mit einem Kuss, zwei Menschen auf der Durchreise, er auf dem Weg nach Berlin, sie nach München. Seither hatte er nichts mehr von ihr gehört.

Am Telefon sagte Simon auch, dass die Ärzte von einem Unfall ausgingen. Natürlich, was sonst. Warum hätte sie sich umbringen sollen, wenn sie gerade ein Ticket nach München gekauft hatte.

Wie kann er das wissen, dachte Lukas, kann er Gedanken lesen? Haben Menschen im Koma überhaupt noch Gedanken? Warum hat das Krankenhaus nicht mich angerufen, ich war jahrelang mit ihr zusammen, wollte sie heiraten?

Als er das Klinikum betritt, erreicht er Simon auf dem Handy. „Ich bin auf der Besucherstraße, wo genau liegt Carla?“

„In der Neurochirurgie, Bereich D, im zehnten Stock, Zimmer 106. Ich hatte dich noch nicht erwartet.“

„Ich hab einen früheren Flieger gekriegt. - Neurochirurgie? Warum das? Ein Gehirnschlag?“

„Nein, aber sie wollen alles durchchecken.“

Während er die Besucherstraße entlang geht beginnt es zu regnen. Dicke Tropfen prasseln frontal gegen die Scheibe und werden in schrägen Bahnen nach unten gedrückt. Carla hat Regen nie gemocht, denkt er, sie hat vieles nicht gemocht, am wenigsten, jemand ausgeliefert zu sein.

Sein Mobiltelefon klingelt und Simons Stimme reißt ihn aus den Gedanken: „Wo bist du jetzt?“

„In Richtung Block D. Ist die reinste Fabrik hier.“

„Ja, aber sie scheinen zu wissen, was sie tun. Carla ist jetzt ansprechbar, sagen die Ärzte. Noch etwas desorientiert, aber ansonsten klar. Sie hat nach dir gefragt. Nimm den Aufzug in den zweiten Stock. Wenn du rauskommst, liegt rechts der Eingang zur Intensivstation.“

„Ich bin gleich dort.“

„Glaubst du, sie hat es selbst getan?“, fragt Lukas, noch bevor er Simon umarmt.

„Keine Ahnung, ich konnte sie nicht fragen.“

„Egal, sie würde es vermutlich sowieso nicht sagen. - Wie geht es dir? Du musst völlig fertig sein.“

„Müde bin ich“, sagt Simon mit der Andeutung eines Lächelns.

Lukas sieht die schwarzen Augenringe, die tiefen Furchen um den Mund. Die grauen, verwuschelten Haare, die sich bereits lichten, nimmt er nur flüchtig wahr. Alt ist er geworden, mein Freund, denkt er. „Wie lange bist du schon bei ihr?“

„Seit fünf Tagen. Nachdem sie sie hier eingeliefert hatten fanden sie meine Nummer in ihrem Geldbeutel. Anfangs wollten sie mich wieder wegschicken, aber ich wollte nicht, dass sie aufwacht und keiner ist da. Es war immer ihr Albtraum, allein sterben zu müssen.“

Lukas zieht die Augenbrauen hoch, als könne er dadurch besser erkennen, was Simon sagen will. Eine Bewegung, die er sich angewöhnt hat, seit die Lider begannen seine Augen zu verschatten. Mir hat sie das nie erzählt, denkt er. „Wann ist sie aufgewacht?“

„Gerade eben, ich hab dich gleich angerufen. Anfangs dachte ich, sie wäre völlig normal, aber dann begann sie zu halluzinieren. Sie spricht von Bali und sie spricht von dir.“

„Vielleicht hat sie das Attentat doch nicht so leicht verkraftet. Sie hat geschossen, und jetzt kommt alles wieder hoch.“

Simon fährt sich durch die halblangen Locken, als gäben sie ihm Halt. „Die Ärzte vermuten auch, dass es mit ihrem Unterbewusstsein zu tun hat“, sagt er schließlich. „Wenigstens ist sie jetzt wach. Anscheinend bringst du ihr Glück.“ Er denkt an den Tag, als er Carla erstmals richtig wahrnahm. Sie spielte die Hauptrolle in ‚Maria Stuart’. Ein Stück, das die Theatergruppe ihrer Schule aufführte. Sie war in der Klasse unter ihm und hatte bis dahin nicht für ihn existiert. Es war im November 1971, dem Jahr, als er zusammen mit Lukas das Abitur machte. Seine Familie war vor drei Jahren, im Prager Frühling, nach Deutschland umgesiedelt. Es dauerte, bis er sich nicht mehr wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte. Nur die Musik und Lukas halfen ihm über die Runden.

In der zwölften Klasse gab Carla eine berührende Maria Stuart, voller Kraft, keine von Elisabeth verfolgte Heilige. Einfach nur eine starke Frau. Nach der Vorstellung bewunderte er Carla mit der Inbrunst des Achtzehnjährigen, obwohl er wusste, dass die Tochter des Richters für ihn, den jüdischen Adoptivsohn zweier in Deutschland gestrandeter Tschechen, unerreichbar war. So dachte er, bis Carla sein Saxofonspiel hörte und begann in seiner Band zu singen. Er liebte ihre helle, klare Stimme, die sich eigentlich nicht für Jazz eignete, aber trotzdem gut bei den Leuten ankam. Doch dann entschied sie sich für Lukas.

„Was grinst du so dämlich?“, fragt Lukas.

„Ich hab an die Zeit gedacht, als sie in meiner Band sang. Ist lange her. Jetzt frage ich mich, wie nahe sie dem Tod ist.“

Nahe, was heißt das, denkt Lukas, der nur mit halbem Ohr zugehört hat. Und was ist das, der Tod? Erlösung, Befreiung, Abschied? Etwas, das dich in den Arm nimmt und hinüber trägt, wo immer das sein mag? Ihn berechenbar machen, wäre nicht schlecht, aber er ist nun mal keine Ware, die man kauft wie ein Buch, das man eigentlich lesen will, und es lässt, bis es total verstaubt ist. Und fast immer kommt er ungelegen, oder lässt sich Zeit, wenn er wirklich gebraucht wird. „Wie lange bist du schon bei ihr?“, fragt er erneut, als hätte er vergessen, dieselbe Frage schon einmal gestellt zu haben.

„Seit fünf Tagen, ich glaube, das habe ich schon gesagt.

„Und ich habe es schon gefragt.“ Lukas klingt verärgert wegen seiner Unaufmerksamkeit.

„Die Ärzte reden nicht wirklich mit mir, machen nur so Andeutungen, als wäre ich ein Idiot. Vielleicht hast du mehr Glück. Es könnte ein epileptischer Anfall gewesen sein.“

„Hat sie ihre Medikamente genommen?“

„Keine Ahnung.“

„Warst du bei ihr, als sie zu Bewusstsein kam?“

„Nein, ich war kurz draußen, eine rauchen“, sagt Simon, dem die Fragerei auf die Nerven geht.

Doch Lukas merkt es gar nicht, so konzentriert überlegt er. Das graue Stoppelhaar bräuchte dringend einen Friseur, die Ringe unter den Augen liegen tief unter der zerfurchten Stirn. „Wo liegt sie, gleich hier?“

„Ja, geh rein, ich komme später dazu.“

Als Lukas an Carlas Bett tritt, dreht sie den Kopf und sieht ihn an, als hätte sie ihn längst erwartet.

„Was machst du denn? Was ist passiert?“, fragt er.

Ganz langsam schüttelt sie den Kopf, ohne anzudeuten, was sie meint. „Bring mich hier raus, bitte, ich bin gefesselt“, sagt sie leise.

„Sie wollen dir nur helfen. Weißt du, was passiert ist?“

„Ich kann mich an nichts erinnern. All die Schläuche, die Kabel.“

„Sie halten dich am Leben.“

„Aber ich will das nicht. Ich wollte weg. Vielleicht hatte ich genug, es gibt so Tage. Ich kann mich nicht erinnern.“

Genug von was?, denkt Lukas. Raus aus ihrem verqueren Leben, hinein in ein anderes, neues, es wäre ihr zuzutrauen. Auf Bali hat sie vom Buddhismus geschwärmt, da soll es das geben. „Hast du es deshalb getan?“

„Was? Bitte bring mich hier raus.“

Prag

Während der Wintermonate sind die Proteste abgeklungen, doch jetzt, da die Tage länger und wärmer werden, brechen sie mit Gewalt wieder aus. Simon Osterholt ist dabei, als sie den Wenzelsplatz besetzen. Er geht zu den Sit-ins an der Universität, obwohl er mit seinen fünfzehn Jahren eigentlich noch zu jung ist, um sich einzumischen. Er liebt die lautstarken Aufmärsche, die Umarmungen fremder Menschen, die Debatten auf offener Straße. Zeitungen erscheinen neu, mit anderen Wörtern, als die der üblichen Propaganda. Sie erzählen Geschichten von Gefangenen, die in Reisebussen zur Bergung von Brennelementen transportiert werden, keiner vor Strahlung geschützt.

Die Leute wachen auf und Simon genießt das Gefühl von Freiheit. Es stört ihn nicht, dass die Lage in der Stadt eskaliert.

Eines Abends, Simon und seine Freunde haben lange auf den Straßen gestanden und Parolen gegen die Russen gebrüllt, hört er seine Eltern im Gespräch. Er ist müde und will eigentlich sofort zu Bett.

„Er ist so anders als wir, voller Wut und Kälte. Es macht mir Angst, dass er nicht zuvor mit dir geredet hat“, sagt die Mutter. Erschrocken stellt Simon fest, dass sie über ihn sprechen.

„Warum sollte er?“ Der Vater klingt nicht sonderlich beunruhigt. „Er ist fünfzehn und weiß, was draußen abläuft. Wenn er nur zusehen würde, hätten wir alles falsch gemacht, Vera.“

„Ihr wart euch so nah. Manchmal habe ich mich richtig ausgeschlossen gefühlt. Weißt du noch, wie oft ihr beide in den Park gegangen seid, um Fußball zu spielen. Ihr kamt jedesmal völlig verschwitzt nach Hause.“

„Er war gut.“ Stolz schwingt in der Stimme des Vaters. „Aber dann fand er die Musik. Vielleicht hätte ich ihm diese Jazz-Platte nicht schenken dürfen. Die Politik kommt zu früh für ihn, aber ich kann ihn nicht zurückhalten. Die Straße zieht ihn an, das macht mir Sorgen. Wenn Gewalt ausbricht, wie sechsundfünfzig in Ungarn, wo eine Menge Blut floss, kann er darin umkommen.“

„Versuch trotzdem, ihn zurückzuhalten, Karl. Ich will ihn nicht verlieren, nicht schon jetzt. Glaubst du, wir sollten ihm sagen, dass wir ihn adoptiert haben?“

„Noch nicht, Vera, er würde es nicht verstehen. Vermutlich würde genau das passieren, was wir befürchten. Meine Vergangenheit….“

„Er ist erst fünfzehn“, wiederholt sie.

„Wenn die Russen einmarschieren, müssen wir weg“, folgt Karl seinen eigenen Gedanken. „Sie werden Fragen stellen. Ich hoffe, du weißt das.“

„Wo sollen wir hin?“

„Warum fragst du überhaupt? Nach Deutschland natürlich, wir sind Deutsche.“

„Und fangen dort von vorne an? In unserem Alter, Karl, ich habe Angst.“

„Die Tschechen werden uns nicht in Ruhe lassen. Du hast Recht, es wird schwer werden, aber wir haben keine Wahl.“

Simon kann ihnen nicht länger zuhören, er will sie sofort zur Rede stellen, lässt es aber. Adoptiert, pulsiert es durch seinen Kopf, ich habe es geahnt, denkt er. Aber warum wollen sie nicht mit mir reden? Was verbergen sie sonst noch?

Leise schleicht er in sein Zimmer und verschließt die Tür.

Nachdem Ludvik Vaculik sein Manifest der zweitausend Worte veröffentlicht hat, hoffen die Menschen auf den Straßen Prags, dass das Tauwetter unumkehrbar ist. Doch dann fliegt Alexander Dubcek immer häufiger nach Moskau, und Ende Juli verstärkt die Sowjetunion ihre Truppen an den Grenzen zur Tschechoslowakei. Zwei Divisionen mit Panzern, Artillerie und Raketen werden verlegt. Im ganzen Ostblock mehren sich die Anzeichen, dass sich etwas zusammenbraut.

Simon ist Klarinettist in einer Jazzband, die während des Prager Frühlings wie Unkraut aus dem Boden schießen, als hätten alle nur darauf gewartet etwas Sonne abzukriegen. Wenn er auf die Bühne tritt, den Bass und das Schlagzeug in den Gliedern spürt, fühlt er sich geborgen. Die Eltern interessieren ihn nur noch am Rand.

Als er nach einer langen Probe nach Hause kommt, hört er den Nachrichtensprecher aus dem Wohnzimmer. Er will sich möglichst wortlos in sein Zimmer stehlen, doch der Vater schaltet das Radio aus und sagt: „Bitte Simon, setz dich für einen Moment zu uns, wir müssen reden.“

„Über was?“

„Über dich, über uns.“

Simon setzt sich auf die ausgeblasste Couch neben die Mutter. Er spürt den schäbigen Samt des Zierkissens auf den Fingerspitzen, als er es zur Seite legt. Er will nicht reden und blickt nur stumm auf seine Schuhspitzen. „Ihr wollt mir erzählen, dass ich nicht euer Sohn bin, oder?“, sagt er schließlich.

„Woher weißt du das?“, fragt Vera entsetzt.

„Schon lange. Vor einiger Zeit habt ihr über mich gesprochen, als wäre ich ein Gegenstand, der nicht mehr so recht zum Mobiliar passt. Ist schon eine Weile her. Ich war früher nach Hause gekommen und ihr habt mich nicht bemerkt.“

Karl schüttelt den Kopf. „Deshalb also“, sagt er, nachdem er lange seinen Sohn betrachtet hat. „Mobiliar! Haben wir dich je schlecht behandelt, dass du so etwas denkst? Wir haben uns gewundert, weshalb du kaum noch mit uns gesprochen hast. Zuerst dachten wir, du hältst uns für reaktionär. Dass du nicht gutheißt, wie wir über Dubcek reden. Dabei dachten wir, dass du eigentlich spüren müsstest, wie sehr wir die Reformen herbeisehnen. Schließlich gaben wir der Musik die Schuld, weil wir sie dir ausreden wollten. Warum bist du so verschlossen?“

„Warum ich? Ihr habt mich doch die ganze Zeit im Unklaren gelassen.“

„Er hat Recht, Karl, wir hätten es ihm längst sagen müssen.“

„Und warum haben wir es nicht getan?“, fragt Karl gereizt.

Doch Vera lässt sich nicht beirren. „Für uns spielt es keine Rolle, Simon, ob du unser leiblicher Sohn bist, oder das Kind einer Anderen.“

„Einmal“, sagt Karl, „bin ich dir nachgegangen, weil ich mir Sorgen um dich machte, aber als ich sah, wie besonnen du warst, war ich stolz auf dich.“ Er räuspert sich und sieht gespannt auf Simon, als erwarte er eine Reaktion. Doch Simon blickt nur weiter auf seine Schuhe. „Ich war kaum älter als du, als die Nazis in Prag einmarschierten“, fährt Karl fort. „Wir waren eine Gruppe junger Arbeiter, und bildeten uns ein, wir könnten uns dagegen stemmen. Einige wurden sofort erschossen, andere sind in den Händen der Gestapo gelandet. Sie sind nie mehr aufgetaucht.“

Karl blickt auf seine Frau, die fast unmerklich den Kopf schüttelt. „Er will wissen, wer seine Eltern sind“, sagt sie leise. „Nicht, welche Heldentaten ihr vollbracht habt.“

„Ich will ihm nur ein Gefühl für die damalige Zeit geben. Aber du hast Recht“, entschuldigt sich Karl.

„Ihr redet schon wieder, als gäbe es mich gar nicht“, sagt Simon.

Vera atmet tief ein, ihr ist anzusehen, wie schwer es ihr fällt darüber zu reden. „Gut, du sollst wissen, wie es damals war, als wir dich zu uns nahmen. - Deine Eltern waren Kommunisten, wie wir. Wir waren gemeinsam im Untergrund und haben uns gegenseitig gestützt.“

Was redet sie, denkt Simon, Nazis, Untergrund. Sie halten mich für blöd. Doch als er die Mutter ansieht, merkt er, wie ernst es ihr ist.

„Du glaubst uns nicht“, sagt Vera, „du denkst, wir haben dir all die Jahre etwas vorgemacht.“

„Habt ihr doch auch“, sagt Simon trotzig.

Karl schluckt ein paarmal, bevor er stockend zu sprechen beginnt: „Wir hatten Angst um dich, Simon. Dass sie dich uns wegnehmen und ins Heim stecken könnten, nur weil irgendeiner anfängt in unserer Vergangenheit zu rühren.“

„Ich dachte, ihr seid Kommunisten“, sagt Simon.

„Ja, waren wir auch, aber der Kommunismus, wie er heute gelebt wird, hat mit unseren Idealen nichts zu tun. Nach dem Krieg haben wir die Russen mit offenen Armen empfangen. Kommunisten können mit Kommunisten, dachten wir, aber wir wurden schrecklich enttäuscht. Moskau hat uns sein System übergestülpt. Alles, was uns während der deutschen Besatzung hoffen ließ, zählte nichts. Es begann der Kalte Krieg und wir waren hinter dem Eisernen Vorhang gefangen. Es gab keine Sympathien für Deutsche in einer Tschechoslowakei, die von den Deutschen vergewaltigt worden war.“ Karl hört einfach auf, überwältigt von der Erinnerung.

Vera wartet, dass er fortfährt, doch als er beharrlich schweigt, sagt sie: „Deine leibliche Mutter, Simon, hieß Olga, sie war Tschechin und hat mit deinem Vater in derselben Brigade gekämpft, wie wir auch. Dein Vater heißt Asher Landau, er ist Jude und wollte, dass du überlebst, falls er es nicht schaffen sollte.“

Sie war Tschechin, denkt Simon, also lebt sie nicht mehr. Warum sonst die Vergangenheit. Und Vater…? Was wollte er schaffen?

„Olga und Asher wollten heiraten“, fährt Vera fort. „Aber erst nach dem Krieg. Wir wussten, wenn sie einen von uns erwischen, dürfen wir nicht reden. Und aus irgendeinem Grund dachten deine Eltern, sie würden die Folter nicht ertragen, wenn sie verheiratet wären.“ Ein Lachen bricht aus ihr hervor, als fände sie den Gedanken immer noch absurd. „Karl und ich wussten, dass sie uns sofort hinrichten würden, wenn uns die Gestapo zu fassen kriegte. Deutsche Kommunisten wurden rigoroser verfolgt, als manche Juden“, sagt sie, und kommt gleich wieder auf Simons Eltern zurück. „Olga war die einzige in der Brigade, die uns wirklich traute. Es sind nicht die Deutschen, die wir bekämpfen, sagte sie, es sind die Nazis. Sie besaß eine wunderschöne Stimme und war ein Büchernarr, wie ich. Wie sehr wir das Ende dieses Kriegs herbeisehnten.“ Sie sieht, wie Simon mit verschränkten Armen aus dem Fenster starrt, und auf einmal bricht sie in Tränen aus.

„Der Krieg war doch längst vorbei, als ich dreiundfünfzig geboren wurde“, sagt Simon kalt, als hielte er das Gerede für vorgeschoben. Er hat den ganzen Tag gegen den bevorstehenden Einmarsch der Russen protestiert und dann mit der Band geübt. Es ging nicht gut und jetzt fühlt er sich entsetzlich müde. Ist mir doch egal, ob ich adoptiert bin und was mit Vater geschah, denkt er. Sie sollen mich nur endlich schlafen lassen.

„Ja, aber in den Köpfen ging er noch weiter“, lässt sich Vera nicht beirren. „Olga ist kurz nach deiner Geburt gestorben. Sie bekam Kindbettfieber, die Infektion breitete sich aus und innerhalb weniger Tage war sie tot. Asher hat das nicht verkraftet. Er dachte, wir hätten das Unglück gepachtet, und wollte nur noch weg. Als Jude konnte er das auch, aber wir Deutsche trugen das Stigma von Kriegsverbrechern, und niemand interessierte sich dafür, dass wir dagegen gekämpft hatten. - Während Olgas Schwangerschaft hatten wir einen Plan geschmiedet. Asher sollte sich nach Israel durchschlagen, und euch beide nachholen. Aber als deine Mutter starb, dauerte es eine Weile, bis er wieder klar denken konnte. Danach wollte er trotzdem gehen und dich allein aufziehen, nur mitnehmen konnte er dich nicht gleich, du warst zu klein. So haben wir dich zu uns genommen. Als er sich nicht mehr meldete, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn zu finden, aber vergeblich. - Mit zwei haben wir dich adoptiert, aber schon vorher bist du unser Sohn geworden. Wir brauchten kein Papier, um dich zu lieben“, sagt sie und nimmt Simon in die Arme.

„Wie hieß mein Vater mit Nachnamen?“, fragt Simon, nachdem er sich aus ihrer Umarmung befreit hat. „Du hast es gesagt, aber ich hab’s nicht verstanden.“

„Landau“, sagt Karl. „Asher Landau.“

In Bayern

Simon hasst die Schule. Er ist schmächtig für seine fünfzehn Jahre. Die langen braunen Locken lassen ihn wie ein Mädchen aussehen. Er spricht mit schwerem tschechischen Akzent, vermisst die Stadt, und seine Band.

Obwohl er ein guter Schüler ist, hindert ihn das mangelhafte Deutsch durchzustarten. Freunde besitzt er keine, nur mit Lukas Born, einem Späteinsteiger wie er, hätte er gerne mehr Kontakt.

Ein dicklicher Aufschneider in der Klasse, macht ihm das Leben schwer. Anfangs hat er den Kerl nicht ernst genommen, doch als sich herumspricht, dass Simon Jude ist, werden die Angriffe verletzender. Simon weiß, dass er sich wehren muss, er wartet nur noch auf den richtigen Moment.

Eines Tages stehen drei Mann nach dem Unterricht im Tor der Schule und warten auf ihn. Ignorieren kann er sie nicht mehr, als der dicke Sprücheklopfer sein Rad festhält und ihn verdammtes Judenschwein nennt.

Simon stellt das Rad an die Mauer und fragt nach, was er gesagt hat. Als der Kerl nur dreckig grinst, tritt er ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. Als Simon gehen will, fallen die anderen über ihn her. Sie schlagen auf ihn ein, und als er zu Boden geht, treten sie mit den Stiefeln nach seinem Kopf.

Wie eine Meute wilder Hunde, denkt Simon, als er mit den Armen den Kopf zu schützen versucht.

„Lasst ihn in Ruhe“, hört er die Stimme Lukas Borns, wie aus weiter Ferne. „Ganz schön mutig, drei gegen einen.“ Lukas klingt ganz ruhig. Er lehnt den Rucksack mit den Büchern an die Schulmauer, schiebt die Kerle auseinander und stellt sich über Simon, sodass sie ihn nicht weiter treten können.

Lukas ist älter als die meisten in der Klasse, weil er zuvor eine Lehre als Automechaniker gemacht hat. Erst als er ein Stipendium für Hochbegabte erhielt, konnte er aufs Gymnasium wechseln. Den Dicken überragt er um einen Kopf.

„Halt du dich da raus“, keucht der Dicke, die Stimme nahe am Überschnappen, und versucht ihn wegzuschieben. Ohne Vorwarnung stößt ihm Lukas die Faust in den Magen. Der Dicke kippt nach vorne, fällt auf die Knie und kommt schreiend neben Simon zum Liegen.

„Pass auf, Lukas, der eine hat ein Messer“, ruft Simon.

Lukas wendet sich den beiden anderen zu, öffnet die Arme, als wolle er ihnen gleich die Köpfe zusammenschlagen. Doch als sie abwinken, dem Dicken auf die Beine helfen und sich verdrücken, ruft er ihnen hinterher: „Lasst Simon in Ruhe, sonst kriegt ihr es mit mir zu tun.“ Dann beugt er sich zu Simon. „Die haben dich ganz schön zugerichtet. Ich hatte nicht gedacht, dass sie soweit gehen würden.“ Er reicht Simon die Hand und hilft ihm hoch. „Du siehst ziemlich lädiert aus.“

Simon lehnt sich an die Mauer neben dem Tor und befühlt seinen Kopf. „Den Fettsack allein hätte ich geschafft, aber drei. Danke, dass du mir geholfen hast.“ Vorsichtig tastet er seinen Körper ab.

„Du hättest sie ignorieren sollen.“

„Ging nicht mehr. Der Dicke hat mich einen Drecksjuden genannt.“

„Dreckiges Judenschwein genau. Aber wie kommt er überhaupt darauf, deine Eltern sind doch Deutsche, oder?“

„Ja, aber ich bin adoptiert.“

Lukas nickt, ohne weiter darauf einzugehen. „Der Tritt ans Schienbein war schon ganz gut“, lacht er. „Jetzt wasch dich erst mal, aber pass auf, dass du keinem Lehrer über den Weg läufst, sonst will der womöglich wissen, was passiert ist.“

Simon reckt den Kopf nach vorne, dreht ihn in alle Richtungen und stellt erleichtert fest, dass es nur die Schmerzen im Gesicht sind, die ihm zu schaffen machen. Anscheinend ist nichts gebrochen, denkt er. Eine Wolke über ihm formt sich zum mächtigen Kopf eines Riesen und verwandelt sich im Vorüberziehen in einen lang gestreckten Hasen. „Du hast sofort zugeschlagen“, sagt er zögernd.

„Hätte ich ihn vorher um Erlaubnis fragen sollen?“, lacht Lukas. „Überraschung ist alles, habe ich gelesen.“

„Hm, ich könnte das nicht.“

„Du könntest, aber du willst nicht.“

„Ich hab in Prag demonstriert. Ich bin kein Feigling.“

„In der Menge, das ist etwas anderes. Hast du dort zugeschlagen?“

„Nein, die Polizei war bewaffnet. - Wart auf mich, ich komme gleich wieder.“

Als Simon mit gewaschenem Gesicht zurückkommt, presst er ein blutiges Taschentuch auf die geplatzte Augenbraue. „Ist es tief?“

„Nein, wird bald aufhören zu bluten. Soll ich auch deinen Rucksack nehmen? Wie fühlen sich die Rippen an, die haben ganz schön zugeschlagen.“

„Es geht schon. Den Rucksack pack ich auf den Gepäckträger.“

„Du wirst den Dicken fordern müssen, sonst lassen sie dich nie in Ruhe“, sagt Lukas, als sie sich auf den Weg machen.

Simon stöhnt, das Fahrrad schieben macht ihm zu schaffen, aber er will sich keine Blöße geben. Fordern, denkt er, und spürt, wie die Angst in ihm hochsteigt. „Was meinst du mit fordern?“, fragt er.

„Wenn du es nicht tust, werden sie sagen, ich hätte dich rausgehauen. Ohne mich wärst du ein Feigling, wie sie es immer schon gesagt haben.“

„Sie waren zu dritt.“

„Ja, deshalb musst du auch den Dicken allein packen. Ich pass auf, dass sich die anderen raushalten. Am besten gleich nächste Woche, dann entsteht erst gar kein Geschwätz darüber, wer Schuld ist. Soll ich es ausmachen?“

Unschlüssig befühlt Simon die noch blutende Braue. Lukas hat recht, denkt er, sonst hört es nie auf. „Ok, mach’s.“

Lukas, ist das Ergebnis einer Beziehung der Mutter mit einem traumatisierten Kriegsheimkehrer, die nicht lange hielt. Nach dem Krieg hatte es sie auf einen Bauernhof verschlagen, ohne Mann, der gefallen war, mit zwei kleinen Kindern. Dort verhungerten sie wenigstens nicht, aber es dauerte, bis sie sich nicht mehr wie nutzloses Treibgut fühlten. Lukas genoss die Freiheit, die ihm der Bauer ließ, der ihn wie seinen eigenen Sohn behandelte. Früh morgens, wenn sie gemeinsam aufs Feld zogen, umgeben vom Geruch des frisch geschnittenen Grases, dem Glitzern der aufgehenden Sonne im Tau, redeten sie wenig. Er half dem Bauern die Sense zu schärfen, den Pferden das Zaumzeug umzulegen und die Maulwurfsfallen zu leeren. Er lernte viel an der Seite des ruhigen, auf seine Weise selbstsicheren Mannes. Gleichzeitig spürte Lukas, dass er mehr brauchte als das einfache Leben. Er wollte Erklärungen für das, was mit seiner Familie passiert war. Erklärungen, die ihm der Bauer nicht geben konnte.

Lukas vermisste den Vater, den die Albträume vertrieben hatten. Später, wenn er wissen wollte, wie es im Krieg gewesen war, setzten die Männer fast immer einen abweisenden Blick auf, als wäre das Thema tabu. Er konnte nur vermuten, dass die Schreckensbilder in ihrem Innern keinen Platz für die Fragen eines neugierigen Jungen ließen.

Es waren die fünfziger Jahre in Deutschland, wo jede Hand beim Wiederaufbau gebraucht wurde. Also kamen die alten Richter wieder zu Ehren, und urteilten, als wäre nichts gewesen. Und die Herren von der Gestapo, die sich reinwaschen konnten, gingen zum Nachrichtendienst, weil sie ja wussten, wie so etwas funktionierte. Lukas berührte das kaum, doch in ihm wuchs das Bedürfnis, es einem Phantom, dem verlorenen Vater, recht zu machen. Und als Simon beschimpft und verprügelt wurde, blieb ihm nichts anderes übrig als ihm beizuspringen. Der Vater, dachte Lukas, hätte es gut geheißen.

Während sich Simon lange zurückhielt, blühte Lukas am Gymnasium auf. Er wurde schnell der Erste, akademisch, aber vor allem sportlich. Er rannte schneller, sprang höher und war fast immer der Letzte, der im Völkerball vom Feld musste. Nur im Fußball war ihm Simon überlegen.

Als Simon erwähnte, dass er Jude sei, fragte Lukas die Mutter, was es daran auszusetzen gäbe. Sie reagierte zuerst abweisend, doch dann erzählte sie vom Krieg, der ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte. Dabei sprach sie auch über das Verbrechen, das die Deutschen an den Juden begangen hatten.

Eine Woche nach der Prügelei betritt Simon den kleinen Flecken Gras hinter der Bahnhofshalle, der sich mehr schlecht als recht im Schatten der Buchen gehalten hat. Der Dicke, seine Freunde und einige andere aus der Klasse, warten bereits auf ihn. Die meisten sind überzeugt, dass es ein Leichtes für den Dicken ist, Simon zu besiegen.

„Na Osterholt, willst du gleich aufgeben, oder muss ich dich erst richtig vermöbeln. Diesmal kommt dir keiner zu Hilfe.“ Prahlt der Dicke.

„Fettsäcke brauchen anscheinend solche Sprüche. Wer hatte denn beim letzten mal die Unterstützung, drei gegen einen, da lässt sich leicht krähen“, erwidert Simon, zieht sich die Jacke aus und legt sie gefaltet auf den Boden. Die Stimme klingt nicht ganz so fest, wie er es sich gewünscht hätte.

„Er will nicht, dass sie schmutzig wird“, brüllt einer der Umstehenden, indem er auf die Jacke zeigt.

„Genug“, sagt Lukas. „Diesmal geht es eins gegen eins. Wenn dem Dicken einer zu Hilfe kommt“, seine Stimme wird drohend, „kriegt er es mit mir zu tun.“

Ich hoffe, ich enttäusche ihn nicht, denkt Simon, als er sich in Position bringt. Plötzlich sieht er das Flackern in den Augen des Dicken. Er hat Angst, denkt er verblüfft.

Sie haben verabredet, dass Lukas das Zeichen gibt, doch ohne Vorwarnung stürzt der Dicke los. Simon bleibt nichts anderes übrig, als seitlich wegzutauchen, das Bein des Dicken mit Schwung nach oben zu reißen, dass der Kerl wie ein nasser Sack zu Boden kracht. „Er hat mir das Bein gebrochen“, quiekt der Dicke. Doch Simon lässt nicht locker. Er presst das Gesicht des Dicken in den Staub, schnappt einen Arm und dreht ihn mit Wucht auf den Rücken, bis der Dicke vor Wut mit den Beinen auf den Boden trommelt.

„Seht ihr“, sagt Lukas, nachdem er den Kampf für beendet erklärt hat. „So geht’s, wenn man den Mund zu voll nimmt. Wäre gut, wenn einige Leute ihre blöden Sprüche sein lassen, könnte ihnen sonst ähnlich ergeht.“ Dabei zeigt er auf den Dicken, der sich langsam aufrappelt.

Ab da sind Lukas und Simon unzertrennlich, dabei scheinen sie gar nicht zusammenzupassen. Lukas hat sich dem Sport verschrieben und Simon der Musik. Er wechselt von der Klarinette zum Saxofon und gründet eine Dixi-Band. Als Leadsängerin wählt er Carla Herder, eine Schülerin aus der Klasse unter ihnen.

Lukas glaubt, dass Simon in sie verliebt ist, denn nach der Aufführung der Maria Stuart im Schultheater hat er für eine Weile von nichts anderem gesprochen, als von der Kraft, die eine siebzehnjährige auf die Bretter zauberte. Die Bretter, sagte er, als wäre es nicht die mit Girlanden verzierte Aula gewesen.

Im Frühjahr vor dem Abitur gewinnt Lukas die Landesmeisterschaft im Weitsprung. Zur Siegesfeier sind Simon und Carla gekommen, um zu gratulieren. Wie Paradiesvögel ragen sie aus der Schar der Gratulanten heraus. Simon hat zugelegt, ist aber immer noch einen Kopf kleiner als Lukas und viel schmaler in den Schultern. Sein langer schwarzer Mantel, der breitkrempige Hut, der nur widerwillig die braunen Locken verdeckt, lassen ihn wie einen Bohemien aussehen.

Carla, die blonden Haare zum Turban hochgesteckt, in Cowboystiefeln und bodenlangem braunem Mantel, lässt sich bewundern. Alle kennen sie wegen ihrer Rolle in der Band.

„Wie war’s bei euch gestern Abend?“, fragt Lukas.

„Gut, wir wurden bezahlt. Wir haben eine neue Posaune, er war fantastisch, trotzdem haben sie uns ausgepfiffen. Ich glaube sie verstehen unsere Musik nicht. Landeier eben. Ich vermisse Prag.“ Simon klingt arrogant, als stünde er über den Niederungen des Dorflebens. Lässig rückt er den Hut zurecht.

Angeber, denkt Lukas, macht er nur wegen Carla. „Wie sieht euer Abend aus?“

„Wir spielen auf einer Hochzeit. Wird wahrscheinlich furchtbar, Polka und Walzer, rauschende Birken und so, aber das Geld ist gut. In der Rose, komm doch vorbei.“

„Später vielleicht, auf ein Bier. Ich muss noch etwas arbeiten. Wie geht’s euch beim Lernen?“

„So, so. Carla hilft mir in Deutsch. Manchmal schlafe ich ein, dann weckt sie mich wieder.“

„Zu viele Nächte in Kneipen“, sagt Lukas, während Carla verträumt lächelt.

„Er schafft es“, sagt sie. „Ein Einserabitur wird es aber wohl nicht werden. Wäre ja auch unter seiner Würde gewesen.“

„Der große Klassenkämpfer, hoch die roten Fahnen und nichts wie hinein in die Schlacht“, sagt Lukas sarkastisch.

„Klassenkämpfer“, zuckt Simon mit den Schultern. „Pfeif drauf, ich kriege mein Papier, das ist alles was zählt. Freust du dich schon auf die Olympiade?“

„Ja, sehr. Du auch? Aber du kannst ja kaum Fußball von Leichtathletik unterscheiden“, lacht Lukas.

„Es reicht, um die Goldmedaillen zu zählen.“ Verächtlich bläst Simon die Luft durch die Nase. „Vater will mir einen Käfer schenken, wenn ich das Abitur schaffe. Gebraucht, aber immerhin. Er meint, er wäre richtig stolz auf mich, weil er nicht mehr geglaubt hatte, dass ich je abschließen würde. Und dann im ersten Anlauf, wenn nicht in den letzten Prüfungen noch alles daneben geht.“

„Hey, ist ja fantastisch. Und was machst du mit dem Auto?“

„Rumfahren natürlich, was sonst. Du kannst auch fahren. Ich spiele den Fahrlehrer, wenn du willst.“

Freundschaft

Die Aula summt, der Geruch von Bohnerwachs und Schweiß liegt in der Luft. Stühle, eng aufgereiht und ineinander verschlungen, winden sich durch die Halle, die normalerweise vom Gebrüll der Turner widerhallt. Der Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In den ersten beiden Stuhlreihen sitzen die Eltern der Abiturienten. Fast alle haben sich festlich gekleidet, nur Simon ist in seiner alten, abgeschabten Cordhose gekommen.

Lukas überfliegt zum wiederholten mal seine Rede, die er gleich halten wird. Ihm ist flau im Magen. Als er Klassensprecher wurde, hatte er nicht an die Rede gedacht, sonst hätte er es gelassen. Schon als kleiner Junge sträubte er sich, vor einer größeren Menge zu reden. Mehr als drei Personen waren bereits einer zu viel gewesen. Die Vorstellung ein Gedicht aufsagen zu müssen, hatte ihn in Panik versetzt, und jetzt, Minuten vor der Abschlussrede, versucht er hektisch die feuchten Hände trocken zu reiben.

Er liest die ersten Worte der Ansprache, die Hände zittern: Das Leben der Menschen auf Erden zählt man nach Tagen und Jahren. Heitere und trübe Tage wechseln oft wie das Wetter …, warum ausgerechnet auf Erden, wo sonst sollen sie sein, denkt er. Ich kann das jetzt nicht mehr ändern, in zehn Minuten bin ich dran. Es gibt aber Tage, die den Meilensteinen einer Straße gleichen. Auch wir wandeln auf einer Straße, unserem Lebensweg, und die Meilensteine darauf sind bedeutende Ereignisse, die uns für immer prägen…. Er steckt den Zettel in die Jackentasche des Anzugs, den ihm die Mutter eigens für den Anlass gekauft hat, und stellt sich ans Fenster. Draußen springen Erstklässler einem Ball hinterher, bis sie von einem Frater vom Hof gescheucht werden. Sie haben alles noch vor sich, denkt Lukas, und nimmt die Rede wieder zur Hand. Die heutige Abschlussfeier ist für meine Klassenkameraden und für mich