Sunburn - Chloe Michelle Howarth - E-Book
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Sunburn E-Book

Chloe Michelle Howarth

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Beschreibung

Wenn das, was du fühlst, nicht das ist, was du fühlen sollst


Irland, Anfang der 90er. Lucy fühlt sich fehl am Platz. Familie und Freunde warten nur darauf, dass sie das tut, was alle tun: ihren Freund heiraten und Mutter werden. Während eines langen heißen Sommers fühlt Lucy sich plötzlich zu ihrer Freundin Susannah hingezogen, und sie beginnt zu verstehen, warum sie anders ist. Aus der zarten Verliebtheit wird schnell eine verzweifelte Liebe, die alles infrage stellt, woran Lucy bisher glaubte. Klug und einfühlsam erzählt SUNBURN von der ersten Liebe, den Ängsten, die sie mit sich bringt, und der Realität des Erwachsenwerdens in einer Kleinstadt, in der die Tradition die Menschen fest im Griff hat.

Eindringlich und einfühlsam erzählt dieser Roman von der ersten Liebe und dem Gefühl, nicht richtig sein.

Auf der Shortlist des BRITISH BOOK AWARD 2024 sowie des NERO BOOK AWARD 2023

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

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Danksagung

Über das Buch

Irland, Anfang der 90er. Lucy fühlt sich fehl am Platz. Familie und Freunde warten nur darauf, dass sie das tut, was alle tun: ihren Freund heiraten und Mutter werden. Während eines langen heißen Sommers fühlt Lucy sich plötzlich zu ihrer Freundin Susannah hingezogen, und sie beginnt zu verstehen, warum sie anders ist. Aus der zarten Verliebtheit wird schnell eine verzweifelte Liebe, die alles infrage stellt, woran Lucy bisher glaubte. Klug und einfühlsam erzählt SUNBURN von der ersten Liebe, den Ängsten, die sie mit sich bringt, und der Realität des Erwachsenwerdens in einer Kleinstadt, in der die Tradition die Menschen fest im Griff hat.

Über die Autorin

Chloe Michelle Howarth (1996) wuchs in der ländlichen Gegend von West Cork auf. Sie besuchte das Institut of Art, Design and Technology in Dún Laoghaire, Dublin, wo sie Englisch, Medien- und Kulturwissenschaften studierte. Chloe lebt derzeit in Brighton. SUNBURN ist ihr Debütroman.

Chloe Michelle Howarth

SUNBURN

Roman

Übersetzung aus dem Englischen von Karoline Hippe

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

pola-Verlag

Titel der englischen Originalausgabe:

»Sunburn«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2023 by Chloe Michelle Howarth

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Anne-Marie Wachs, Berlin

Covergestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung einer Gestaltung von © Elsa Mathern

Covermotiv: © mauritius images / Perry Hanson lifestyles / Alamy Stock Photos

Satz und E-Book Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7596-0018-9

Sie finden uns im Internet unter luebbe.deBitte beachten Sie auch: lesejury.de

Für Erin

1

Juni 1989

Die Zeit zwischen Geburt und Schlachtung. Ein neuer Sommer ist angebrochen. Ich verbringe meine Tage mit Warten, darauf, dass etwas passiert. Etwas Großartiges, oder vielleicht sogar etwas Tragisches. Nie passiert irgendwas.

Das Leben auf dem Land ist schwer, wenn es nichts zu tun gibt und man nirgendwohin kann. Im Sommer ist alles noch langsamer, wie ein in die Länge gezogenes Verblassen der Sonne. Fühlt sich nicht jeder Tag in Crossmore so an, in diesem tricky Alter? Uns fehlt die Struktur eines Schultags, dem Ort fehlen die Attraktionen, es gibt nicht viel zu tun, außer im Dorf abzuhängen. Meine Mutter nennt das Herumlungern. Im Sommer scheint sie eine noch tiefere Abneigung gegen mich zu hegen. Ich kann das verstehen. Im Spannungsfeld zwischen meinem neu entdeckten Interesse für Alkohol, der Gefahr eines sich eventuell anbahnenden missglückten Sexversuchs und meinem durch nichts zu lindernden Frust erwarte ich gar nicht, dass sie mich besonders mag. Oft bin ich von mir selbst genauso genervt wie sie. Ja, ich bin in einem tricky Alter.

Vielleicht war meine Mutter wie ich, als sie in meinem Alter war. Vielleicht hat sie einmal den gleichen Nervenkitzel verspürt wie ich, wenn ich mit den Mädchen eine Zigarette teile oder zu spät nach Hause komme. Vielleicht hat sie vergessen, was es heißt, erste flüchtige Einblicke in die Unabhängigkeit zu erhaschen. Diese Einblicke bedeuten mir alles. Mich erwachsen zu fühlen bedeutet mir alles. Ich habe das Gefühl, mich selbst zu spüren, und das ist wichtig, glaube ich. Seit Kurzem will ich wirklich herausfinden, wer ich bin. Es muss doch mehr in mir stecken als Martin Burkes beste Freundin oder eines der Mädchen oder die Tochter der Nolans. Ich bin mir nur noch nicht sicher, was.

Heute sind Martin und ich zusammen ins Dorf gegangen, den langen und unebenen Feldweg entlang. Über Martin und mich wird viel geredet. Wir sind nur Freunde. Obwohl ich davon ausgehe, dass wir irgendwann mehr als das sein werden. Ehrlich gesagt mag ich gar nicht darüber nachdenken. Ich verbringe einfach gern Zeit mit ihm, das ist alles. Mit ihm funktioniere ich viel besser als ohne ihn. Als wir acht Jahre alt waren, meldeten die Burkes Martin von der St. Anne’s National School ab und schickten ihn auf die zwanzig Minuten entfernte St. Andrew’s. Es gab ein paar Probleme zwischen seinem älteren Bruder und einem Lehrer, was seine Eltern nicht noch mal durchmachen wollten. Und weg war er. Hätte nicht gedacht, dass ich sein Fehlen überhaupt bemerken würde. Abgesehen von einer fieberhaften Runde Kussfangen auf dem Schulhof haben wir nie wirklich miteinander gespielt. Dass ich etwas vermissen würde, hätte ich nie erwartet. Aber dann war er weg, und ich vermisste ihn jeden Tag. Ich fühlte mich so außen vor. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich im Dorf bewegen konnte, ohne zu erwarten, dass Martin irgendwo steht und mich anlächelt. Aber als kleines Kind gewöhnt man sich viel leichter an Neues. Ich habe mich an die Leerstelle gewöhnt, die er hinterlassen hat, war schon okay. Schließlich war ich eines von den Mädchen, auch wenn ich keine echten Freundinnen hatte.

Wenn ich ihn an besonders langen Schultagen vermisste, gab ich mich den Tagträumen hin, in denen er und ich am Tag unserer Kommunion heirateten. Unsere Schulen hatten sich für die Kommunion immer zusammengetan, ebenso wie die örtliche Gaelscoil, trotzdem waren wir immer nur dreißig Leute. Ich wusste, dass Martin in seinem Anzug vor dem Altar stehen würde und ich in meinem weißen Kleid, wir würden einfach schon aussehen wie ein Brautpaar. Ich habe mir immer ausgemalt, dass ich ihn küsse, wenn er »Amen« sagt, und dann wären wir verheiratet. Mein simpelster und unbefangenster Traum; ich glaube nicht einmal, dass irgendjemand entsetzt gewesen wäre, hätte ich Martin geküsst. Wahrscheinlich wäre es eher lustig gewesen, ein erinnerungswürdiger Augenblick.

Er bringt mich bis zur Frittenbude, wo die anderen Mädchen schon auf mich warten. Er wird mit den Jungs später dazukommen. Unsere Gangs waren früher nie so getrennt wie jetzt. Aber ungefähr seit dem Zeitpunkt, als Maria Kealy die Jungs als Jungs wahrnahm, spalteten wir uns in zwei Gruppen. Marias Interessen haben großen Einfluss auf die Interessen der Gang, und so kam es, dass plötzlich alle wegen der Jungs wie besessen waren. Würden Martin und ich nicht wie zwei Magneten aneinanderkleben, würden die anderen Mädchen vielleicht nie mit ihnen sprechen. Ich warte immer noch auf den Moment, in dem ich verstehe, was an Jungs so einschüchternd sein soll. Oft finde ich die Mädchen einschüchternder. Bis ich zur Brücke zwischen unseren Gangs wurde, dachte ich, ich sei ein schüchterner Mensch, wandelndes Espenlaub. Jetzt weiß ich, dass ich kein Laub bin, sondern ein starker Ast. Ich bin die Verbindung zwischen Blüte und Borke. Dank der schwachen Herzen der Mädchen habe ich meine eigene Tapferkeit erkannt. Vielleicht bin ich einfach nur nicht so schnell so hingerissen wie die anderen. In letzter Zeit schmelzen sie geradezu dahin, wenn die Jungs in der Nähe sind. Ich hoffe, dass ich nur eine Spätzünderin bin und in ein oder zwei Monaten auch dahinschmelzen werde. Ich hasse es, außen vor zu sein und nicht dasselbe zu fühlen wie alle anderen.

Die Fenster der Frittenbude reichen von der Decke bis zum Boden, und drinnen spielen sie ein und dieselbe Eurodance-CD in Dauerschleife. Ich kann sie schon von draußen sehen. Da ist Maria. Die unendlich schöne Maria, ihr dicht gelocktes Haar, spitze Nase, schlanker, ranker Oberkörper. Die leuchtend blonde Eimear und die nicht ganz so leuchtende flachsblonde Joan. Bernadettes Zähne, die so dringend eine Zahnspange bräuchten, und Patricia, hinter ihrer Camouflage aus Sommersprossen kaum zu erkennen. Und Susannah, die sonnenschöne Susannah, sie hat ihre Jacke auf dem Platz neben sich zusammengefaltet, um ihn für mich freizuhalten. Die Wände sind weißgekachelt, Leuchtstoffröhren an der Decke werfen Schatten auf ihre jungen Gesichter. Die Glocke über der Tür läutet und kündigt mich an. Alle drehen sich zu mir um. Wie würden sie mich jetzt beschreiben? Susannah hebt ihre Jacke aus kamelbraunem Wildleder hoch, und bevor ich irgendeinen Kommentar dazu abgeben kann, sagt sie:

»Vintage.«

Hätte ich mir denken können. Meine Klamotten könnte man auch größtenteils als Vintage bezeichnen. Sie wurden mir von älteren Cousins und Cousinen weitergegeben, einige hat meine Mutter sogar aus ihrer Jugend gerettet. Und doch ist meine Art von Vintage nicht so cool wie die von Susannah. Sie ist dem Rest von uns meilenweit voraus, hat doppelte Ohrlöcher, eine eigene Stereoanlage, und auf sie wartet eine saftige Erbschaft.

Von dem Fraß in der Frittenbude bekommen wir Akne, und trotzdem sind wir ständig hier. Bernadette isst nichts, weil sie nicht mit einem Mund voller Fritten gesehen werden will, wenn die Jungs kommen. Bernadette isst nie, wenn Menschen zugucken. Als ich das letzte Mal gesehen habe, wie sie sich etwas in den Mund steckte, waren wir in der Grundschule. Sie sitzt auf der vordersten Stuhlkante und leckt sich über die Zähne, als wären sie schmutzig. Joan, deren ovales Gesicht vielleicht am schlimmsten von uns allen auf die Pubertät reagiert, stellt eine einfache Frage, die uns in hellen Aufruhr versetzt.

»Gibt’s was Neues von den Debs?«

In diesem Sommer haben uns die Debs mehr beschäftigt als Atmen. Früher hat uns vor allem interessiert, was an diesem Tag so abgehen würde, vielleicht hätten wir im Vorfeld ein bisschen über Ballpaare und Ballkleider gegossipt, aber dieses Jahr haben wir nur ein einziges Thema. Ich weiß echt nicht, warum. Vielleicht, weil es in ein paar Wochen so weit ist, es liegt also etwas in der Luft. Vielleicht, weil die Teilnahme an den Debs immer mehr von einer Fantasie zu einer greifbaren Realität wird. Als Zehntklässlerinnen würden wir nie eingeladen werden, aber ein Mädchen aus der Elften vielleicht, und von den Elftklässlerinnen kennen wir viele. Vielleicht reden wir auch einfach nur gerne über andere Leute.

Marias Schwester Sorcha, eine ziemlich beliebte Elftklässlerin, hat uns den Zugang zu einer Arterie gelegt, durch die Informationen über die Debs fließen, über die älteren Mädchen und all ihre Heldinnentaten. Gossip quillt einfach heraus. Selbst wenn ich nicht zuhören will, bekomme ich alles mit – wer fällt in welchem Fach durch, wer wurde betrogen und wer nimmt Drogen. Sorcha liefert uns höchst intime Details – wir erfahren sogar, dass Laragh Donnolley zum Sportunterricht einen roten BH trägt und die Träger von ihren Schultern rutschen lässt in der Hoffnung, dass es jemand bemerkt. Meine BHs sind alle weiß und aus einem Set. Im Vergleich zu dem, was Laragh trägt, wirken sie kindisch und altmodisch zugleich. Wenn die älteren Girls wüssten, wie wir sie anhimmeln, wenn sie all die intimen Dinge wüssten, die man uns über sie erzählt – mir wäre das so peinlich, dass ich die Schule wechseln müsste. Aber sie vermuten sicher was, so, wie uns die Kinnlade herunterfällt und sich unsere Pupillen vor Ehrfurcht weiten, wenn sie an uns vorbeigehen. Diese Bewunderung ist Teil einer natürlichen Ordnung, da bin ich mir sicher. Das war schon immer so, seit der Grundschule. Eine Nonne hat immer eine von ihnen auf unseren kleinen Schulhof geschickt, um irgendeinen Botengang zu erledigen, und wir haben uns um sie geschart wie Insekten um einen Tropfen Nektar.

Es gibt eine Menge anderes, worüber wir reden könnten, aber wir reden über BHs, Jungs und die Debs. Selbst wenn wir Gefühle haben, die uns bei lebendigem Leibe auffressen und über die wir dringend reden müssten, reden wir nur über solche Dinge. Niemand will die Stimmung verderben. Über Debs-Kleider zu fantasieren ist schöner, als den anderen die eigenen Gefühle mitzuteilen. Schreckliche, glänzende Satinkleider in den knalligsten Farben halten uns davon ab, an unsere Probleme zu denken, ob das nun gut oder schlecht ist. Unsere Traumkleider, die Kleider, die wir für alle anderen aussuchen würden, und die Kleider von früher, die wir gehasst haben. Wir haben alle Infos über bereits feststehende Paare zusammengetragen, und wir verteilen die verbleibenden Jungs der Zwölften unter uns, als hätten wir bei ihnen eine Chance. Eigentlich sollte es uns peinlich sein, in unserem Alter noch solche Fantasien zu haben, aber das ist ein Spiel für uns, unter uns, also ist es irgendwie in Ordnung.

Dates sind immer der schlimmste Teil dieses kollektiven Tagtraums, weil alle guten Jungs schon vergeben sind. Ein einziger falscher Vorschlag genügt, um für immer an einen Typen gebunden zu sein. Eimear sagte einmal leichtfertig, Bernadette würde gut zu Danny O’Neill aus der Stufe über uns passen, nur weil beide Locken und Sommersprossen haben. Vielleicht meinte sie eigentlich, dass sie sich ähnlich sähen, und nicht, dass sie zusammen gut aussehen würden. Diese theoretischen Verkuppelungen können ein Mädchen ein Leben lang heimsuchen. Seit Eimear diesen Vorschlag in den Raum gestellt hat, wird sich jedes Mal, wenn Bernadette einen Typen erwähnt, jemand umdrehen und sagen:

»Aber was ist mit Danny? Der arme Kerl!«

Und seit Kurzem antwortet sie darauf:

»Ja, ich weiß, Danny.«

Sie steht überhaupt nicht auf ihn, aber wir alle wissen, und sie weiß, und er ahnt es bereits, dass sie, sobald endlich der Tag unserer eigenen Debs gekommen ist, zusammen hingehen werden. Es gibt viele dieser Paare, die sich andere zusammen vorstellen können. Martin und ich sind eines davon. Um von mir abzulenken, ziehe ich Bernadette wegen Danny auf.

»Niamh Mc hat angeblich zwei Dates.«

Niamh McNamara, die schillernde Göttin von St. Joseph’s. Ich könnte den ganzen Tag über sie reden, ohne mir dabei albern vorzukommen, es wäre ein Vortrag über Göttlichkeit. Sie ist schöner und reiner als jede andere in Crossmore, sie ist so etwas wie eine Ikone. Von ihren Noten will Sorcha erst gar nicht anfangen, ihre BH-Träger werden wir nie zu Gesicht bekommen; sie ist so dezent, so würdevoll. Die reife, großzügige, intelligente, zuckersüße Niamh, deren englische Cousinen ihr ein Debs-Kleid aus London geschickt haben. Sie ist erst in der elften Klasse, doch die Jungs aus der Zwölften scharen sich bereits um sie.

»Zwei Dates? Schön für sie.«

»Ja, Séan hat sie natürlich zuerst gefragt, aber jetzt hat John anscheinend nachgezogen.«

»Stellt euch nur mal vor, sie geht mit John, wenn sie Séan haben könnte!«

Bernadette lässt mich nicht aus den Augen, während ich esse.

»Dann hätte sie aber echt ein Rad ab.«

»Also, anscheinend wird Niamh sich für John entscheiden.«

Maria ist so cute. Alle mögen sie.

»Als ob!«

Beim Gedanken an Séan O’Sullivan – eins achtundachtzig, Fußballer, ältester von drei Söhnen – geht ein Seufzer um den Tisch.

»Séan könnte mich bitten, mit ihm die Straße zu überqueren – ich würde sterben, ganz zu schweigen, wenn er mich fragt, ob ich mit ihm zu den Debs gehe!«

»Hör bloß auf, er ist so cool!«, sagt Susannah, während sie von ihrem Burger abbeißt und mit offenem Mund kaut. Ich beobachte, wie das Fleisch auf ihrer Zunge zu Matsche wird. Alle lachen. Susannah hat Connections zu älteren Jungs, kennt sie alle wegen ihrer älteren Brüder. Sie verrät die Details dieser Connections nicht, aber sie weiß, wie man mit ihnen redet. Sie weiß, wie man mit allen redet; irgendwie weiß sie immer ganz genau, was alle hören wollen.

»Der arme John.«

»Ja, aber hört ihr nicht zu? Anscheinend hat sie zu beiden ja gesagt!«

»Vielleicht fragt sie noch ein Dritter.«

»Würde mich nicht wundern.«

»Ich hätte sie auch fast gefragt.«

Ich sage das nur im Scherz, aber ich seh schon, wie Patricia daraufhin die Augen verdreht. In ihrer Gegenwart scheine ich nie das Richtige sagen zu können, sie guckt mich immer an, als würde sie mich hassen. Wär mir egal, wenn dem so wäre, denn sie ist die Uninteressanteste und auch nicht so hübsch. Die anderen mögen sie auch nicht, sie haben es alle zugegeben, aber sie stehen nicht dazu. Ich glaube, wir würden auch ohne sie zurechtkommen. Schon vor all dem Unglück, dass Patricia widerfahren ist, war sie nicht besonders nett, aber wir kennen sie schon so lange, dass wir sie nicht abschütteln können. Manchmal ist der einzige Grund, warum man mit einer Person befreundet ist, dass man sie schon lange kennt. Das Band ist nicht besonders stark, und doch ist es unzertrennlich. Patricias Vater ist viel älter als ihre Mutter, er befindet sich im Anfangsstadium der Demenz. Neben der Sorgearbeit für ihren Mann und die kleinen Zwillinge hat Patricias Mutter nicht viel Zeit für sie. Der jüngere Zwilling bekam bei der Geburt nicht genug Sauerstoff, es stand auf der Kippe, ob er überleben würde. Er braucht jetzt sehr viel Pflege, ebenso wie der ältere Zwilling – wie nun mal alle Fünfjährigen. All das bedeutet, dass Patricia zu Hause ein sehr einsames Leben führt. Wenn sie aufs College geht, wird sie ein schlechtes Gewissen haben, ihre Mutter mit so viel Verantwortung alleinzulassen, aber das wird sie nicht davon abhalten fortzugehen. Manchmal erkennt ihr Vater sie schon nicht mehr. Das kommt jetzt immer häufiger vor. Susannah empfindet tiefes Mitleid für sie; manchmal verbringen sie Stunden zusammen, nur sie beide, und führen sehr ernste Gespräche über das Leben mit Halb-Eltern. Ich ertrage Patricia nur, weil sie einen Teil von Susannah versteht, den ich nicht verstehe. Ich will, dass Susannah sich verstanden fühlt. Aber wenn Patricia in der Frittenbude sitzt und mit den Augen rollt, vergesse ich, Mitleid mit ihr zu haben. Vielleicht klingt das kaltschnäuzig, aber ich habe keine Geduld mehr für sie übrig. Alle anderen lachen über meinen Spruch, denn sie finden auch, dass die Chance, auch nur ein wenig Zeit mit Niamh zu verbringen, ein Geschenk des Himmels wäre.

»Ich würde sie fragen, wenn ich neben ihr nicht so hässlich aussehen würde.«

Joan lacht, und alle lachen mit ihr, und ich werde Patricia heute einfach keines Blickes mehr würdigen. Das ist die kleine Strafe, die sie verdient, die sie vielleicht nicht einmal bemerkt. Macht mich das zu einem schrecklichen Menschen? Ich glaube nicht, dass ihre Nöte eine Rechtfertigung dafür sind, mich schlecht zu behandeln. Manchmal frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die Patricia für fies hält oder die sich daran erinnert, dass sie schon immer so fies war. Ich habe nur einen Scherz gemacht, alle anderen denken schon gar nicht mehr dran, aber mich beschäftigt es noch immer. Ich werde jetzt für eine Weile den Mund halten, damit ich nicht noch etwas Dummes sage.

Wie schön es ist, in die Fantasie der Mädchen einzutauchen, während sie über Niamh und ihr Kleid reden und darüber, wie gut Séan zu ihr passen wird. Wie schön, ihnen zuzusehen und zuzuhören und das Gefühl zu haben, eine von ihnen zu sein.

Obwohl mir diese Gespräche ein wohliges Gefühl geben, haben wir sie schon unzählige Male geführt, und ich merke langsam, wie meine Aufmerksamkeit von der Runde abschweift und sich mehr auf Susannahs Mund konzentriert. Das Geplapper der Mädchen ist nur noch das Summen eines Bienenstocks in meinen Ohren, aber ich kann sehr laut hören, wie Susannahs Zähne durch ihr Essen schneiden. Das Schnalzen ihrer Zunge an ihrem Gaumen. Das Sabschen ihrer Spucke, das mit jedem Bissen hundert Dezibel lauter wird. Muss sie wie ein Hund fressen? Meine Wangen röten sich, aber ich mache keine Anstalten, dies zu verbergen, und in einem wilden Moment des Kontrollverlusts – was ich noch nie zuvor erlebt habe – stelle ich mir vor, eine Mikrobe im Rindfleisch zu sein, nach dem ihr Körper verlangt, das er vernichtet, wenn das nur bedeuten würde, dass sie mir auf diese Weise auch nur das kleinste bisschen Aufmerksamkeit schenken würde. Ihr warmer, feuchter Mund.

Was für ein Gedanke! Wie plötzlich und vehement ich ihn denke. Wie heiß meine Wangen sind. Es ergibt total Sinn, in ihrem Mund sein zu wollen, von ihr in Stücke gerissen zu werden; bis ich mich dabei ertappe, das zu wollen, und ich bin schockiert, ich bin angewidert. Ich lache fast über meine eigene Absurdität. Das hat gar nichts mit mir zu tun, das war nur ein abwegiger Gedanke, der mir in den Kopf kam, um mir einen Streich zu spielen. Das war nicht ich, die das gedacht hat. Was für ein komisches Gefühl. Ganz diskret bekreuzige ich mich und hoffe, dass mir vergeben wird, und ich hoffe, dass ich nie wieder etwas so Unerklärliches und Starkes fühle.

»Lucy?«

Ich schaue auf. Sie reden mit mir.

»John oder Séan, habe ich gefragt?«

Gesegnet sei dieses ausgelutschte Thema. Ich könnte ein ganzes Jahr lang weghören und hätte nichts verpasst, wüsste immer noch, wie ich reagieren sollte. Es ist ganz simpel, das hier sind meine Leute, die ganz gespannt darauf warten, was ich sage, mit welchen Worten ich ihre hungrigen Herzen füttere. Ich verstehe diese Mädchen, ich folge dem Muster, alles ist in bester Ordnung. Ich gebe ihnen, was sie wollen.

»Séan. Keine Frage.«

Ihr Gekicher ergießt sich über uns, und ich lasse es über mich ergehen, und als ich Susannah aus vollem Halse lachen sehe, danke ich den Engeln im Himmel, dass sie ihr Essen vorher runtergeschluckt hat.

»Lass das bloß nicht Martin hören.«

Patricia zwinkert mir zu, und ich wünschte, ich hätte dieses Zwinkern nicht zugelassen. Ich brauche einen Moment für mich allein, um zur Besinnung zu kommen. Aber genau jetzt kommt Martin, betritt mit allen Jungs im Schlepptau die Frittenbude. Er sieht mich an, nicht die anderen Mädchen. Was für ein schönes Gefühl. Mein Herz rast, und ich behalte ihn im Auge. Das erdet mich. Das Mädchen hinterm Tresen hasst es, wenn die Jungs kommen. Bernadette setzt sich aufrecht hin. Es geht los.

2

Als ich nach Hause komme, kündigt Granny meine Ankunft lautstark an.

»Da ist ja unser Wechselbalg.«

Das ist ihr kleiner Scherz für mich. Ich glaube, er kommt daher, dass ich mich innerhalb kürzester Zeit vom Kind zur jungen Frau entwickelt habe; vielleicht steckt mehr dahinter, aber ich lass mich davon nicht ärgern. Mutter nötigt mich, mich an den Tisch zu setzen und mit der Familie zu essen, obwohl sie weiß, dass ich schon in der Frittenbude war – eigentlich soll ich mir da nichts kaufen.

»Geldverschwendung und Geschmacksverschwendung«, sagt sie, während sie gedämpftes Gemüse auf meinen Teller häuft. Ich kämpfe mich durch die Karotten und Pastinaken, und sie schaut grinsend zu. Meine perfekte Mutter, eine süße, stechende Honigbiene. Als ich ein kleines Mädchen war, jung und verwirrt, nur eine kleine Fruchtfliege, die unbeholfen durch ihre Küche surrte, bin ich nie von ihrer Seite gewichen. Schon damals verstand ich, dass Liebe Grenzen hat, und ich war mir sicher, dass die Menschen eines Tages keine Liebe mehr für mich übrig haben würden. Ich glaube, bei Mutter ging das los, als ich in der Vorschule war und von Schwester Loretta drei Schläge auf die Hand bekam, weil ich im Schulhof Kussfangen gespielt hatte. Bis dahin äußerte Mutter sich immer so selbstgefällig über mein gutes Benehmen. Auch heute noch mag sie zurückhaltende und beflissene Mädchen. An dem Tag, an dem sie Striemen des Lineals auf meiner Handfläche sah, kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass ich vielleicht doch nicht so ein einfaches Kind sei. Granny sagte, ich müsse etwas Schlimmes getan haben, um das zu verdienen, denn so etwas geschehe nicht ohne guten Grund. Aber die Wahrheit war, dass ich keine Schläge hätte bekommen sollen, weil ich an diesem Tag überhaupt kein Kussfangen spielen wollte. Ohne es zu wollen, habe ich mitgespielt und wurde geküsst. Wie sollte ich ihnen das erklären? Ich konnte vor den Erwachsenen nicht einmal das Wort Kuss aussprechen, geschweige denn die Regeln von Kussfangen erklären. Granny war so enttäuscht von mir, dass sie mir drohte, mir auf die andere Handfläche zu schlagen, bis beide zusammenpassten, aber das war nur eine leere Drohung.

»Ach Love, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut«, sagte Mutter, wie schon so oft, aber zum ersten Mal klang ihr Tonfall müde. Abgesehen davon schickten sie mich nur eine halbe Stunde früher ins Bett, wo ich im frisch bezogenen Bett lag und den Geruch des Waschmittels einatmete. Ich spürte ihre Liebe im Kissenbezug.

In meiner Familie wurde noch nie viel gestritten; wir empfinden Dinge sehr stark, aber wir empfinden sie im Stillen. Unsere tiefsten Emotionen mögen sich in den leisesten Seufzern äußern, nicht mehr. Schweigen sagt eine ganze Menge aus. Die ganze Aufregung muss irgendwo hin; manchmal spüre ich, wie sie unter meiner Haut pulsiert, die nur darauf wartet, aufgestochen zu werden. Eines Tages wird Mutter meiner überdrüssig werden. Das ist keine Sorge oder Vermutung, es ist ein Instinkt. Ihre Zuneigung wird schwinden, und so muss ich all die Liebe, die sie mir gibt, in mich aufsaugen, solange sie noch welche für mich übrighat. Es hat sie nie gestört, dass ich in der Küche so an ihr klebte. Granny hat mir immer gedroht, mich auf die Hintertreppe zu schicken, wenn ich nicht aufhörte, meiner Mutter auf Schritt und Tritt zu folgen.

»Wenn wir dich über Nacht da draußen lassen, wird eine andere Mammy kommen und dich mitnehmen. Dann sind wir den ganzen Ärger los.«

Oftmals öffnete Granny die Tür, zeigte auf die Stufe und zählte langsam bis drei, aber ich wurde nie wirklich ausgesperrt. Mutter hat es nicht zugelassen. Alles, was ich wollte, war ihre Gesellschaft, ich wollte eines der erwachsenen Mädchen sein. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass ich eine Nervensäge war, bis es mir gesagt wurde. Wann immer Granny mir gegenüber ausfallend wurde, hob Mutter mich hoch, setzte mich mit einem leisen Stöhnen auf ihre Hüfte und sagte: »Lucy ist meine kleine Helferin. Keine hilft mir so sehr wie sie! Oh, aber du bist schon viel zu groß, um noch getragen zu werden.«

Trotzdem hob sie mich auf ihren Arm, ohne dass ich sie darum anbetteln musste, und ich nahm an, dass das bedeutete, dass ich nicht weggehen musste. So war das, als ich ein kleines Mädchen war. Ich war in Mutters Nähe immer willkommen. Ich könnte sogar behaupten, wir waren unzertrennlich. Jetzt, wo ich älter werde, ist es egal, ob ich in ihrer Nähe bin oder außer Sichtweite, ich liege schwer in der Luft, ich bin immer in ihren Gedanken, sie kann nicht ohne mich sein, selbst wenn sie sich danach sehnt. Vielleicht habe ich das verdient, vielleicht auch nicht.

Nach dem Abendessen kommt Martin zu mir zum Irischlernen. Letztes Jahr bin ich aus dem Vertiefungskurs in den Grundkurs zurückgefallen, und ich bin immer noch im Rückstand. Da Mutter keinen Nachhilfelehrer bezahlen kann, hat sie Martin angeheuert, damit er mir abends hilft. Er tut, was sie ihm aufträgt. Ist das nicht unerhört? Granny hat immer mal wieder versucht, mir Irisch beizubringen, aber mit ihrer kurzen Lunte hat sie alles nur noch schlimmer gemacht. Martin rauscht nur so durch den Irisch-Vertiefungskurs, mein Pensum schafft er mit links. Im gedämpften, verschlafenen Licht sitzt er neben mir am Küchentisch und tritt mich, wenn er merkt, dass meine Aufmerksamkeit nachlässt. Er gibt sich heute Abend mehr Mühe als sonst, mich am Ball zu halten, denn Mutter kann uns vom Wohnzimmer aus sehen. Aber sie wird nicht lange genug von ihrer Vorabendserie Glenroe aufschauen, um mich beim Tagträumen zu erwischen. Das müsste er doch eigentlich wissen.

Es ist zwar schön, dass er helfen will, aber ich finde nicht, dass dies eine faire Art ist, mir etwas beizubringen. Martin ist das nicht peinlich, er denkt, er zeigt sich von seiner hilfsbereiten Seite, und das scheint ihn glücklich zu machen. Aber mitten im Sommer sehe ich einfach keinen Sinn in Hausaufgaben. Was immer ich jetzt lerne, werde ich im September wieder vergessen haben, darauf wette ich. Dann werde ich wieder im Unterricht sitzen, nicht zuhören und nichts lernen. Ich weiß nicht, warum ich meine Abende so verschwenden soll.

Nachdem er eine Stunde lang sein Bestes gegeben hat, mir Irisch beizubringen, gibt er auf und lässt uns in seinem Heft Hangman spielen. Wie süß von ihm, dass er mir helfen will, wie lustig, dass er glaubt, er könne meine Aufmerksamkeit aufrechterhalten. Ich sitze gern mit ihm am Tisch, während die Abendluft durch das Fenster hereinströmt. Er gibt mir nie das Gefühl, dumm zu sein, wenn ich mit der Schule nicht hinterherkomme. Bei ihm fühle ich mich geerdet. Während ich versuche, herauszufinden, welche Buchstaben in meinem Hangman fehlen, sagt er mir, wie cool er meine neue Jacke findet. Ich mache mir nicht die Mühe, ihm zu erzählen, dass die Jacke, in der er mich heute gesehen hat, Susannah gehört und ich sie nur anprobiert habe. Das Kompliment ist das, was zählt. Ich glaube nicht, dass er sich die Jacke genau angesehen hat, aber er hat definitiv gesehen, wie ich mich darin bewundert habe. Er ist irgendwie aufmerksamer als die Mädchen. Ich möchte, dass er weiß, dass ich seine Aufmerksamkeit zu schätzen weiß, aber ich will es nicht kommentieren müssen.

Als er geht, beobachte ich von der Hintertür aus, wie er durch den Garten auf die dunkle Straße verschwindet und das letzte Gute des Tages mitnimmt. Dann bin ich allein mit meiner Familie. Mutter kommt im Morgenmantel nach unten, um sich eine Schmerztablette zu holen. Etwas an Mutters Anblick in ihrem Nachthemd macht mich nervös. Sie sagt mir, ich solle Ciaráns Lampe ausmachen, wenn ich ins Bett gehe, und lässt mich wieder allein in der Küche zurück. Ich hasse die Stille im schlafenden Haus, besonders nach einem Tag mit meinen Freunden. Die Stille klingelt in meinen Ohren. Ich fühle mich so viel isolierter, als ich wirklich bin. Ich sollte ins Bett gehen, bevor ich mich in endlosen Grübeleien verliere. Ich bleibe an Grannys Tür stehen. Als ich noch kleiner war, ging ich immer in ihr Zimmer, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Ein Teil von mir möchte jetzt zu ihr hineingehen und genau das tun. Stattdessen tapse ich die Treppe hinauf und rede mir ein, dass sie wahrscheinlich sowieso schon schläft. Sosehr ich das Älterwerden auch genieße, fühle ich mich manchmal schuldig und unwohl. Ich putze meine Zähne und schnipse einen Klumpen festgetrockneter Zahnpasta vom Rand des Waschbeckens. Ich weiß nicht, ob es an mir oder am Spiegel liegt, aber mein Gesicht sieht zu langgezogen aus. Bestimmt liegt es an meinen Haaren, diese Länge passt nicht zu meinen Zügen. Ich sollte sie wieder kurz schneiden. Das stand mir gut, war aber nicht besonders feminin. Alle haben lange Haare, die Mädchen, aber auch die Jungs. Ich möchte so aussehen wie sie alle. Ich könnte mich die ganze Nacht im Spiegel betrachten.

Als ich im Bett liege, höre ich Wasser durch die Rohre laufen. Die Zeitschaltuhr schaltet die Heizung ab, und das Haus atmet auf. Der Tag ist vorbei, und wir haben ein paar Stunden Zeit, bevor alles wieder von vorne beginnt.

Obwohl wir nicht darüber sprechen, hatten die anderen ähnlich melancholische Abende wie ich. Patricia kehrte in ein abgedunkeltes Haus zurück, nur der Schein des Fernsehers auf den erschöpften Gesichtern ihrer Eltern ließ sie wissen, dass noch jemand da war. Die Lautstärke war runtergedreht. Das Telefon könnte genauso gut abgeklemmt sein, so selten wie jemand anruft. Eimears Zuhause war erfüllt vom Klagechor ihrer jüngeren Geschwister. Sie weinten, weil sie ins Bad geschickt wurden. Ihre Mutter bekam von alledem nichts mit, als sie nach Hause kam und mit schweren Schritten die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hochstapfte. Als Susannah die steile Auffahrt zu ihrem Zuhause, Croft Hall, hinaufging, sah sie das Auto ihres Vaters im Abendlicht vor dem Anwesen glänzen und hörte die Schreie ihrer Mutter. Als sie das riesige Haus betrat, schlug Catríona die Schlafzimmertür zu, Phil warf etwas Schweres dagegen. Er ist kein großer Mann, aber er versteht es, jedes Gramm seines Gewichts einzusetzen. Normalerweise kommt er nur zu Besuch, wenn Catríona nicht da ist. Die übrige Zeit verbringt er mit seiner neuen Hochglanzfamilie in der Stadt. Susannah machte sich nicht die Mühe, ihn zu fragen, warum er nach Crossmore gekommen war.

»Zeitverschwendung! Geldverschwendung!«, brüllte er, sein Gesicht nahm jedoch einen sanften Ausdruck an, als er Susannah erblickte.

»Hi, Daddy.«

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und sagte: »Hast du schon gegessen, Love? Es ist leider kein Abendessen vorbereitet.«

Sie nickte, und er sagte: »Sehr gut. Warum gehst du nicht gleich ins Bett? Lass uns morgen in die Gärtnerei fahren, bevor ich wieder abreise.«

Er ging zu den Gästezimmern im Erdgeschoss, und da stand sie nun, in einem stillen Haus, genau wie ich.

So vergehen die Tage, und die Abende, die ihnen folgen. Dieser Sommer war so ruhig, irgendwas wird noch explodieren. Sicherlich werden wir nicht mehr lange so weitermachen, quatschen und essen und in unsere enttäuschenden Heime zurückkehren. In unseren getrennten, traurigen Betten denken wir alle aneinander, und obwohl ich es nicht will, denke ich an Susannah, an ihren Mund, daran, wie sie kaut, und ich bete, dass ich morgen nicht mehr daran denken muss.

Wie immer werden meine Gebete nicht erhört, und ich kämpfe mich durch vier Tage intensiver Konzentration auf ihren Kiefer, ihre Schneidezähne, ihren Speichel. Ich wünschte, ich könnte mir das erklären.

Als ich mich endlich mit den Bewegungen ihres Mundes abgefunden habe und denke, gleich wird es vorbeigehen, konfrontiert sie mich mit etwas Neuem, Unerwartetem. Zuerst ist es die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Talg an ihrer fettigen Stirn, dann ist es ihre blaue Pediküre, dann die goldene Eiterkruste an ihrer abgebissenen und entzündeten Nagelhaut.

Bedauerlicherweise ist diese Faszination nicht neu. Susannah ist der Grund dafür, dass ich nicht versucht habe, Martin am Tag unserer Kommunion zu küssen. Inmitten des Trubels aus Elfenbein und Weiß und Orgelmusik sah ich Susannahs blendendes Licht – sie sah aus, als wäre sie in Bleichmittel getaucht worden. Ihr Kleid war das einzige, das nicht von einer Schwester oder einer Cousine geliehen war. Plötzlich war mir schmerzhaft bewusst, dass mein eigenes Kleid gestärkt und umgenäht und so oft in der Familie herumgereicht worden war, dass sich bei nur einer falschen Bewegung alle Nähte hätten auflösen können. Die Hälfte der Messe brannte ich vor Eifersucht, weil Susannah so schillerte. Wie sollte Gott mich als der Kommunion würdig ansehen, wie sollte er mich überhaupt sehen, wenn sie so strahlend neben mir funkelte? Ich erinnere mich, dass sie an diesem Tag ihre Gebete perfekt aufsagte, jede Silbe richtig aussprach, als hätte sie die Worte als Worte verstanden und nicht nur als eine Ansammlung von Lauten, die sie, wie ich, einfach nur auswendig gelernt hatte. Ihr beim Beten zuzusehen war viel fesselnder als das, was Pater McDonagh da mit den Oblaten und dem Wein anstellte. Ich spürte den Teppich der Kommunionbank nicht mehr unter meinen knochigen Knien, spürte nicht den Luftzug in der Kirche. Sie nahm ihre Eucharistie vor mir ein, und ich entschuldigte mich im Stillen bei Jesus für das Downgrade von ihrer Zunge zu meiner. Es war ein Gefühl der tiefen Scham, das ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Die Sache mit Martin war dann das Letzte, woran ich dachte. Unser Kuss. Die Ehe. Mein Interesse an diesen Dingen ist nie wieder mit der gleichen Leidenschaft erwacht. Manchmal wünschte ich, es wäre anders.

Danach, vor der Kirche, wünschte ich Susannah keinen schönen Tag, denn ihr Auftreten, ihre Schönheit und ihre erschreckende Anmut hatten mir den Tag verdorben. Ich war noch nie einem Menschen wie ihr begegnet, vor niemandem sonst hatte ich solche Ehrfurcht. Damals war es am einfachsten, sie einfach nur zu hassen. Das gleiche Gefühl habe ich jetzt, auch wenn es nichts mit Martin zu tun hat. Ich weiß nicht, warum ich mich so schlecht fühle oder warum ich am Tag meiner Kommunion diese Gewissensbisse hatte. Ich weiß nicht, warum ich mich so gut daran erinnere oder das alles so stark empfunden habe. Aber ich bin mir sicher, dass ich meine Gegenwart verstehen werde, wenn ich erst einmal diese Teile meiner Vergangenheit verstanden habe. Und so lasse ich Erinnerungen wie jene kreisen, während sich Faszinationen wie diese entwickeln.

Die ersten Juliwochen vergehen wie im Flug, und als der Tag der Debs gekommen ist, würdige ich die Kleider der anderen kaum eines Blickes. Ich bin zu sehr vom Loch in Susannahs Jeans entzückt, es gibt den Blick auf ihr unrasiertes Knie frei. Schon gut, wahrscheinlich gibt es in jeder Clique eine Freundin, die den anderen überlegen ist, die von allen angehimmelt wird. Ich bin sicher, die anderen Mädchen bewundern Susannah genauso.

Als der September anbricht, höre ich keinen Gossip aus der Schule. In meinem Irischkurs komme ich nicht hinterher. Ich gehe nur noch zur Schule, um Momente mit Susannah einzufangen. Mit jedem kürzer werdenden Tag lese ich mehr in ihre unbewussten Bewegungen hinein. Vielleicht will ich auch einfach keine Erklärung.

Der Oktober beschert mir eine Kapsel mit Kunstblut in ihrem Mund, sie beißt darauf, die Farbe läuft ihr am Kinn herunter, und sie lacht, während wir mit all unseren jüngeren Geschwistern von Haus zu Haus ziehen. Sie sagt, ich sei eine gute Schwester, etwas, das sie zu den anderen Mädchen nicht sagt.

Der Dezember beschert mir ihre blauen Lippen, nachdem sie und Patricia stundenlang in der Ruine eines alten Bauernhauses gesessen haben und trotz der Kälte nicht nach Hause gegangen sind. Hinterher erzählt sie mir, worüber sie und Patricia gesprochen haben. Es wirkt sehr persönlich. Ich bin mir nicht sicher, warum sie mir das alles anvertraut, vor allem, wenn sie sich schon bei Patricia Luft gemacht hat. Susannah erzählt mir in letzter Zeit immer mehr von sich. Ich frage mich, ob Patricia sich darüber ärgert.

Der Februar beschert ihr neuen Metallic-Lipgloss, Phils Art einer Entschuldigung, weil er es am Wochenende nicht nach Hause geschafft hat. Inzwischen verbringen wir unsere Wochenenden gemeinsam, damit sie nicht allein sein muss. Damit ich nicht einen Moment ohne sie sein muss.

Ich bin froh, dass wir so wenig Unterricht zusammen haben. Während sie in den Vertiefungsfächern glänzt, kämpfe ich mich durch die Grundkurse und genieße die kleine Auszeit von ihr. Die Leute erzählen sich, dass sie sich in der Schule nur deshalb so anstrengt, weil sie ihre Eltern beeindrucken will. Das ist nicht fair, und es stimmt auch nicht. Susannah ist sehr klug, sie muss sich nicht anstrengen, und ihre Eltern sind ohnehin nie beeindruckt. Es ist nicht schön, das zuzugeben, denn sie ist meine Freundin, aber wenn wir im selben Kurs sitzen, fühle ich mich so unter Druck gesetzt, mich zu konzentrieren und schlauer zu sein, als ich eigentlich bin, denn ich kann mir nichts Peinlicheres vorstellen, als vor ihr zu versagen. Dass mein Blick ständig von der Tafel abschweift, um zu sehen, was sie tut, macht die Sache auch nicht besser. Ich schiele zu den anderen Mädchen, will wissen, wen sie anstarren, will mich vergewissern, dass ich nicht die Einzige bin, die nicht mehr mitkommt. Meinen Noten würde es vielleicht guttun, wenn ich das Jahr an einer anderen Schule wiederholte, irgendwo, wo Susannah nicht ist.

Den ganzen Herbst über, in den Winter hinein und jetzt im Frühling habe ich mich viel zu sehr mit Susannah und ihrem wunderbaren Mund beschäftigt. Ein Jahr verschwendet, um sie zu beobachten. Das lange Licht des März ist so willkommen, ich muss mich darin reinigen, ich muss darüber hinwegkommen. Ist es falsch, all die Dinge zu bemerken, die sie vom Rest von uns unterscheiden? Sie ist besser, toller, hübscher, allen anderen einfach meilenweit voraus. Es ist doch bestimmt nicht übergriffig, es ist nur ein Jahr des Beobachtens und des Wartens auf etwas Neues, woran ich zerbrechen werde. Es gibt Momente, in denen mir alles zu viel wird, in denen ich es nicht mehr aushalte, in ihrer Nähe zu sein. Aber sie hat etwas an sich, was mich zu ihr hinzieht. Vielleicht ist es der Fakt, dass sie meine Bewunderung kaum wahrzunehmen scheint. Oder die Art und Weise, wie sie mich ärgern und im nächsten Moment meine beste Freundin sein kann, und ich kaum einen Unterschied bemerke. Vielleicht sind es ihre Launen, ihr Leuchten und ihre Schatten, als wäre ihr Herz aus dem sich verändernden Himmel gemacht. Wie erniedrigend es doch ist, wenn ich mich frage, ob ich ihr jemals dasselbe bedeuten werde wie sie mir.

Mein einziger Trost ist Martin. Er ist sieben Monate älter als ich, und sein Haus liegt nur ein paar zerstreute Felder von meinem entfernt. Die Burkes sind so etwas wie unsere Nachbarn. Ursprünglich war seine Nähe zu uns der einzige Grund für unsere Freundschaft. Es ergab Sinn, dass unsere Mütter uns abwechselnd zur Schule brachten, und da seine Geschwister ungefähr so alt sind wie meine, haben sich die Burkes und die Nolans auf ganz natürliche Weise aufeinander abgestimmt. Inzwischen glaube ich, dass ich nicht mehr ohne ihn auskommen könnte. Ich kenne ihn schon zu lange, er ist ein Teil von mir geworden. Seit wir klein waren, war er eine Blaupause seiner beiden älteren Brüder. Sie alle sind blassäugig und spülwasserblond. An seinen Brüdern kann ich ablesen, wie Martin in zwei Jahren und in vier Jahren aussehen wird. Er wird sich nicht groß verändern. Ob es ihn wohl beruhigt zu wissen, dass er immer gut aussehen wird? Mein einziger Blick in die Zukunft sind ein paar zerknitterte Fotos meiner Mutter. Ich versuche, nicht zu viel ans Älterwerden zu denken. Mich so gut es geht auf den Moment zu konzentrieren, in dem ich mich gerade befinde. Das macht die Dinge einfacher.

So wie jetzt, an diesem Abend im März, als Martin und ich in meinem Garten abhängen und ich einen Sliotar gegen seinen Schläger werfe. Das ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, aber ich weiß, wie sehr er Hurling liebt. Als wir jünger waren, habe ich viel Zeit damit verbracht, für ihn im Tor zu stehen oder seine Handpässe abzufangen, Hauptsache, er verbrachte Zeit mit mir. Damals war ich fasziniert von ihm. Ich war von vielen Jungs fasziniert. Im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, dass er, obwohl ich mich weigere, mit ihm zu hurlen, immer noch gerne Zeit mit mir verbringt. Wann immer ich Martin brauche, ist er für mich da. Er weiß, dass ich nicht gerne hurle, also sitzen wir meistens einfach nur da und reden. Aber ich weiß, wie gerne er spielt, und deshalb springe ich ab und zu über meinen Schatten, wenn er mir den Schläger reicht. Er ist nicht wie die anderen Jungs, ich glaube nicht, dass sie sich mit mir unterhalten würden. Die Klebrigkeit der Pubertät liefert uns viele Gesprächsthemen. Wenn wir abends bei mir im Garten reden und spielen, fühle ich mich wie in einem Schwellenbereich. Wir sind Erwachsene und Kinder zugleich. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung. Bei niemandem sonst geht es mir so. Bei den Mädchen habe ich, egal wie wohl ich mich fühle, immer Angst, die Außenseiterin zu sein. In Martins Gegenwart spüre ich diese Angst nicht. In seiner Gegenwart bin ich nie eine Verliererin. Ich muss mich nie beweisen. Er mag mich einfach so, wie ich bin.

Während unserer Kindheit waren wir sehr eng miteinander verbunden. Jetzt, wo wir langsam erwachsen werden, habe ich manchmal das Gefühl, wir würden auseinandergerissen. Ich entferne mich immer mehr von meiner Familie, von meinem Zuhause, von ihm. Die Mädchen und ich kommen uns näher. Susannah und ich kommen uns näher, immer näher. Egal wie gern ich auch Zeit mit Martin verbringen möchte, ich bin irgendwie immerzu bei den Mädchen.

3

März 1990

Die Tage kleckern so zäh vorbei wie halb geschmolzenes Kerzenwachs. In Crossmore ist die Zeit hart und weich zugleich. Manchmal denke ich, dass an diesem Ort die alte und die neue Welt aufeinandertreffen. Einst war Crossmore eine große und wichtige Stadt, erzählt man sich, mit Eisenbahnlinie und brechend vollem Marktplatz. Hier lebten einst viele junge Leute, der Ort hielt Tausende Möglichkeiten für sie bereit. Großeltern und Nonnen schwelgen gerne in Erinnerungen an diese Zeiten, und sie erzählen so schön davon, dass sogar ich, die ich zu dieser Zeit noch nicht am Leben war, mich an diese Version von Crossmore erinnere. In der St. Joseph’s Secondary School hängen zwei Fotografien von diesem alten Crossmore, auf einer ist eine Dampflok mit Waggons voller winkender Fahrgäste abgebildet, die andere zeigt eine Menschenmenge im Zentrum des Dorfes. Dieses Crossmore gehört jetzt der Vergangenheit an. Manchmal frage ich mich, ob der Rest der Welt überhaupt weiß, dass wir noch hier sind.

Es gibt keinen Grund mehr, dem Dorf einen Besuch abzustatten. Züge fahren hier nicht mehr, die Gleise sind von Gras und Wildblumen überwuchert. Der Markt ist in einen anderen Ort verlagert worden. Es gibt mehr Dornenbüsche als Menschen. Bald werden die Bauernhöfe und ihre weiten Äcker um uns herum halbiert und verscherbelt, unter den Kindern der Bauern aufgeteilt und wieder halbiert und verscherbelt, und die Städter werden kommen und das Land aufkaufen und Häuser bauen, um im Sommer, wenn wir einen Besuch wert sind, darin zu wohnen. Ihretwegen wird Crossmore, trotz ihrer Abwesenheit, wieder wichtig sein; ihr Geld wird dafür sorgen, auch wenn wir so tun werden, als wäre es nicht so. Im Moment befinden wir uns in einem Zwischenstadium, der Ort ist ruhig. Die letzte Volkszählung ergab, dass in Crossmore nur 335 Bewohner ihren ständigen Wohnsitz haben, aber als Bewohnerin mit ständigem Wohnsitz muss ich sagen, dass diese Zahl furchtbar hoch klingt. Ich habe das Gefühl, dass es immer dieselben dreißig oder vierzig Leute sind, die sich hier herumtreiben. Das ist eines der wenigen Dinge, bei denen Granny und ich einer Meinung sind.

»Wo die sich wohl alle verstecken!«, sagt sie dann, und ich frage mich manchmal, in welchem Graben oder in welcher Ruine sie kauern und ob sie mich zu sich lassen würden.

Ich nehme an, es ist etwas Schönes, an einem so ruhigen Ort zu leben. Für mich wäre eine Stadt vermutlich ein überwältigender Schmelztiegel. Dad erinnert uns gerne daran, dass in einem so abgelegenen Dörfchen wie Crossmore keine Gefahr eines Bombenanschlags besteht. Hier ist es sicher. Das Dorf ist luftdicht. Hier gibt es nicht viel Platz für wilde Gedanken oder Ambitionen. Das kann ein Trost sein. Wir mögen wohl als einzigartige Individuen auf die Welt gekommen sein, aber das Dorf lässt uns alle zu einer Person verschmelzen. Wir sind abergläubisch, religiös, traditionell, das sind wir. Die Unterschiede zwischen uns sind gering. Ein paar Protestanten unter Katholiken. Ein paar Reiche unter Armen. Leute, die Kinder haben, und ein paar, die keine kriegen können.

Die einzige wirkliche Abweichung von der Normalität in Crossmore ist Catríona O’Shea, Susannahs Mutter. Sie ist die Vagabundin, vor der wir alle zurückschrecken und die wir zugleich bestaunen. Sie lebt in dem Haus, das in Crossmore einem Landsitz am nächsten kommt, ohne Hypothek, ohne offensichtliches Einkommen und ohne Ehemann. Eine feine Dame so weit draußen auf dem Land zu sein ist schon eine komische Sache. Ich frage mich, wie sie mit der Neugier der anderen zurechtkommt. Ihr Leben war schon immer skandalös, was Susannahs Leben trauriger und schillernder macht als das, von dem der Rest von uns je zu träumen wagte.

»Diese O’Sheas sind keine Katholiken«, sagt Mutter, als wären sie und Catríona damit quitt. Wenn ich Catríona mit Mutter und anderen Frauen in Crossmore vergleiche, weiß ich nicht, welches Leben ich erstrebenswerter finde. Was ist schlimmer: außergewöhnlich zu sein oder ganz und gar gewöhnlich? Ich wünschte, mir wäre nie bewusst geworden, dass wir Mädchen irgendwann die Plätze der Frauen einnehmen, die Jungs nahtlos die der Männer, dass wir alle einem Muster folgen. Auch ich sollte diesem Muster folgen, um mich in der wunderbaren Sicherheit zu wiegen, die es bietet. Aber dann sehe ich Catríona, die sich nicht an diese Muster hält. Und was ihr das beschert: ein reges Sozialleben, Glamour ohne Ende. Irgendetwas daran finde ich traurig. Wenn nicht traurig, dann auf jeden Fall beängstigend.

Als ich jünger war, habe ich mir nie vorstellen können, dass jenseits des Horizonts etwas existierte. Dies war die einzige Art von Leben, die für mich jemals einen Sinn ergab. Jetzt frage ich mich, ob ich nicht woanders hingehen könnte, irgendwohin, wo viel los ist, wo keine Dornenbüsche wachsen, an einen Ort mit intakten Eisenbahnschienen, einen Ort, der mehr tut, als nur den Geist seiner einstigen Bedeutsamkeit zu beschwören. Ich stelle mir einen Ort vor, an dem ich schreien kann, ohne gehört zu werden, an dem ich versagen kann, ohne dabei beobachtet zu werden. Ein Ort, an dem meine Bedeutungslosigkeit nicht wehtun würde, weil jeder unbedeutend wäre. An dem Ort, an dem ich jetzt gerade bin, funktioniert das nicht. Hier wird jeder Atemzug gehört, jeder böse Gedanke ist bekannt. Er mag schön anzusehen sein, aber er ist die Hölle, ein süßer, trauriger Traum. Und obwohl ich mir eine Million Orte vorstellen könnte, an denen ich lieber wäre, fürchte ich, dass ich nie den Mut haben werde, Crossmore zu verlassen. Ich fürchte, dass Crossmore zu tief in mir steckt und ich anderswo nicht wüsste, wie ich existieren solle.

Ich weiß, alle sind frustriert, wenn sie fünfzehn sind, aber dieses Wissen mildert meine Frustration nicht. Ich habe das Gefühl, eine Insel zu sein, weit abgelegen von allen anderen. Vielleicht sind wir alle Inseln, weit abgelegen von anderen. Vielleicht fühlt sich auch jeder andere Mensch fremd in seiner Heimat. Ja, vielleicht sind wir alle nur Inseln, so wild und unbarmherzig, voneinander getrennt durch unsere unzähligen Unzulänglichkeiten. Vielleicht gibt es kein Mittel dagegen, und wir können nur lernen, welche Teile von uns wir verleugnen müssen und welche das Tageslicht sehen dürfen.

Unsere Mütter sind zu Hause, unsere Väter bei der Arbeit, auf den Fensterbrettern unserer Küchen stehen Opferkerzen, wir alle haben jede Menge Geschwister, in denen wir uns verlieren können. Äußerlich führen wir alle das gleiche Leben, aber innerlich, das hoffe ich, durchleben alle so viele Krisen wie ich.

Mein Vater ist, wie die meisten Crossmore-Väter, den ganzen Tag auf den Feldern und die ganze Nacht im Bett. Er kommt zum Abendessen heim, glänzt vom Regen und stinkt nach süßem Gärfutter und Schweiß, seine Hände sind geschwollen und selbst nach dem Waschen von grauem Schmutz verklebt. Während er isst, hört er zu und kommentiert alles, was wir ihm vom Tag zu erzählen haben, mit einem Grummeln, und wenn wir zu Bett gegangen sind, spricht er leise mit Mutter über Erwachsenendinge. Sonntags gibt es ein paar Stunden, die er mit uns verbringt, parfümiert und gut gekleidet für die Messe. Wir essen zusammen Mittag, und er nimmt sich Zeit, wippt Baby Padraig auf seinem Knie, und wenn ich ihn besonders vermisst habe, bringe ich ihm Hausaufgaben runter, von denen ich weiß, dass er mir dabei helfen kann, und er hilft mir. So kann ich in seiner Nähe sein. Der Sportplatz ist nur einen kurzen Spaziergang von unserem Haus entfernt, und er geht mit meinen Brüdern runter, um beim Hurling und beim Fußball zuzuschauen. An diesem Ort findet die echte Bindung statt. Ich habe dort nichts zu suchen, also verpasse ich diesen Teil. Sie kommen immer lachend oder mit Kommentaren zum Spiel zurück, können aber nicht erklären, was dort passiert ist, also bleibt es eine Sache unter ihnen. Er ist ein guter Vater; wir scheinen einfach nur aneinander vorbeizuleben. 

Meine Mutter ist, wie die meisten Crossmore-Mütter, den ganzen Tag zu Hause. Sie findet, dass ihr nicht genug gedankt wird. Vielleicht hat sie recht. Obwohl meine Brüder Dad nacheifern, sind sie ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Alle vier haben die gleichen Stupsnasen und sanften Augen, durch die sie enttäuscht wirken, auch wenn sie es nicht sind. Sogar der kleine Padraig fängt langsam an, ihr zu ähneln. Ich glaube nicht, dass ihnen bewusst ist, wie ähnlich sie Mutter sehen, vor allem, weil sie sich so sehr bemühen, alles zu kopieren, was Dad tut, allen voran Tadgh. Er verkörpert alle von Dads Eigenheiten – die Art, wie er ans Telefon geht, wie er steht, wie er scherzt. Selbst wenn Dad irgendwann tot umfällt, wird er noch in Gestalt von Tadgh auf den Feldern arbeiten, solange Tadgh bei uns ist. Tadgh übernimmt das abendliche Melken inzwischen allein, damit Dad Feierabend machen und Nachrichten schauen kann.

Eines Tages wird Tadgh den Hof erben; das ist kein Geheimnis, kein Traum, sondern ein Brauch, den Dad weiterführen will. Ob er will oder nicht, Tadgh wird ein Bauer sein, bis ans Ende seines Lebens.

Das klingt vielleicht so, als wären wir wohlhabend, weil es in unserer Familie Land zu erben gibt, aber unsere Felder sind sehr steinig, und deshalb werden die Kühe nicht so gut gemästet, und deshalb geben sie nicht so viel Milch, wie sie eigentlich sollten. Selbst als Vater verschiedene Bullen zum Decken geholt hat, hat das nichts an der Qualität der Kälber geändert. Das hängt alles mit dem Land zusammen. Jeden Heiligabend erzählt Dad uns die Geschichte, die ihm als Kind erzählt wurde, über die alten Pächter des Hofes, die nach der Hungersnot vom Land vertrieben worden waren. Er sagt, die Tochter dieser Familie habe das Land mit einem Fluch belegt, sodass jeder, der es nach ihr bestelle, daran zugrunde gehen würde. Als die neuen Pächter kamen, Vorfahren meines Vaters von vor vielen Generationen, waren Steine aus der Erde gesprossen und hatten die Felder unnutzbar gemacht. Mutter verlässt den Raum, wenn er diese Geschichte erzählt. Sie glaubt nicht daran, aber trotzdem macht sie ihr Angst.

»Red du nur. Wie soll eine Frau Steine aus der Erde wachsen lassen können?«, ruft sie dann aus der Küche, um Dad zum Schweigen zu bringen, aber sobald sie sich unbeobachtet fühlt, bekreuzigt sie sich.

Ein Fluch hat die Felder wahrscheinlich nicht in eine Steinwüste verwandelt, aber das wäre eine einfache Erklärung für die geringen Erträge des Viehs. Geschichten wie diese wiegen schwer. Selbst wenn niemand wirklich an sie glaubt, werden sie als Tatsache betrachtet. Tadgh wird einen verfluchten Bauernhof erben, der nicht einmal die Hälfte des Geldes einbringt, das er wert wäre, wir sind nicht so wohlhabend, wie es scheint. Ist es nicht praktisch, dass ihm der Beruf, den er sich am meisten wünscht, zu Füßen gelegt wird?

Vielleicht würden Tadgh und ich uns näherstehen, wenn er nicht so viel Zeit auf den Feldern und beim Vieh verbringen würde, aber da es nun mal so ist, weiß ich nicht besonders viel über ihn. Er ist nicht gemein zu mir, aber nett ist er auch nicht. Ich nehme an, es ist schwer, eines von beidem zu sein, wenn man sich so fremd ist. Selbst wenn wir uns beim Abendessen gegenübersitzen, komme ich mir vor wie eine Zumutung. Er behandelt mich eher wie eine Mitbewohnerin, weniger wie eine kleine Schwester. In der Schule verbringt er seine Mittagspause hinter den Hecken bei den Rauchern, und auf dem Klo fragen mich ältere Schülerinnen:

»Stimmt es, dass dein Bruder mit Claire Hayes zusammen ist?«

Der Name des fraglichen Mädchens ändert sich regelmäßig, und ich muss so tun, als wolle ich nicht antworten, weil ich meinem Bruder gegenüber loyal bin, und nicht, weil ich nichts über sein Privatleben weiß. Ich glaube, wenn wir uns mal die Zeit nehmen würden, miteinander zu reden, könnten wir sehr gut miteinander auskommen. Vielleicht wird das passieren, wenn wir älter sind. Im Moment ist er nur Dads Schatten, so wie ich versuche, Mutters Schatten zu sein.

Die Mädchen kommen alle aus Familien wie meiner. Maria ist die vorerst Jüngste der Kealys. Ihre Mutter ist die jüngste von sieben Töchtern, und Maria ist ebenfalls Nummer sieben. Vor langer Zeit hätte sie das zur Heilerin gemacht, aber diese Traditionen bedeuten heute nicht mehr viel. Bei so vielen Töchtern ist es gut möglich, dass Marias Mutter noch einmal einen Sohn haben will. Eimear hat jüngere Schwestern, mit denen wir oft spielen. Manchmal spiele ich so gern mit ihnen, dass ich fürchte, sie machen sich nur über mich lustig, obwohl es eigentlich umgekehrt sein sollte. Susannahs Brüder sind schon längst von zu Hause ausgezogen, obwohl sie beide versprochen haben, sie zu sich zu holen, sobald sie sich irgendwo niedergelassen haben. Sie sind schon seit Jahren weg, sie leben längst woanders, aber Susannah klammert sich immer noch an ihr Versprechen und erinnert uns immer wieder daran.

»Das spielt alles keine Rolle mehr, wenn Damien und Joe mich erst mal zu sich holen«, sagt sie und schiebt damit jegliche Verantwortung von sich. Das ist nur ihre Art, ihre Familie in ihrer Vorstellung zusammenzuhalten, ziemlich harmlos.

Nach mir war bei uns zu Hause erst mal sechs Jahre Ruhe, und dann kam Ciarán, der den Hof immer noch als Spielplatz sieht und mich noch interessant findet. Martin spielt im Junior-Hurling-Team und kommt zu uns in den Garten, um stundenlang mit Ciarán zu trainieren. Dadurch erspielt Martin sich Dads Gunst, und ich habe etwas zu tun. Ich frage mich, ob Ciarán und ich uns immer so gut verstehen werden oder ob er mir irgendwann entwächst und dann nur noch nett zu mir ist, wenn er etwas braucht. Bald wird der Tag kommen, an dem ich zu nichts anderem mehr tauge, als ihm Alkohol zu beschaffen und Geld zu leihen – das ist alles, wozu Tadgh seit letztem Jahr gut ist. Wenn dieser Tag gekommen ist, werde ich mich damit abfinden müssen, denn ich bin die Ältere.