Sünden und Böcke - Bernhard Schwarz - E-Book

Sünden und Böcke E-Book

Bernhard Schwarz

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Beschreibung

"Sünden und Böcke" spielt in einem mitteleuropäischen Land. Zum Umfeld gehören Medien, Ministerien, Marketingstrategien. Die Zeit ist die Gegenwart. Dem Titel entsprechend geht es um Verfehlungen, also Sünden, und um Menschen, denen solche Verfehlungen - zu Recht oder zu Unrecht - in die Schuhe geschoben werden, also um Sündenböcke. Die Welt ist ja bekanntlich schlecht. Und insbesondere die Politik. Hört und liest man jeden Tag. So auch in dieser Geschichte: Eine teure Maschine zur Verbesserung der Abfallentsorgung ist in eine zentralasiatische Diktatur geliefert worden, und wahrscheinlich ist dabei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Politiker und Politikberater sind ins Visier der kritischen Presse geraten. Für die Medien und einzelne Mitarbeiter ist das auch eine Chance, sich zu profilieren. Beteiligte Unternehmen und Politiker haben Interesse, dass nicht alles ans Tageslicht kommt. Die Öffentlichkeit bekommt wieder einmal ein Bild vermittelt, das den gängigen Vorurteilen entspricht. Aber sollte das Bild trügen? Gibt es nicht nur Gute und Böse auf den jeweils richtigen Seiten? Die Wahrheit hat einen schillernden Glanz, wenn sie von verschiedenen Seiten angestrahlt wird. Und überhaupt: Man darf nicht alles so ernst nehmen.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alle Personen und Ereignisse, die in diesem Roman vorkommen, sind frei erfunden.

Es gibt keine konkreten Vorbilder, die im realen Leben tatsächlich vorkommen oder vorgekommen sind.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

1

Er ist eben kein Profi, dachte die junge Frau. Seit Minuten hielt sie nun schon die Taschenlampe auf das Türschloss, und der vor ihr kauernde junge Mann im schwarzen Laufanzug mit Kapuze bemühte sich eher ungeschickt, mit verschiedenen Werkzeugen die Türe zu öffnen. Kratzende Geräusche förderten nicht gerade die Coolness der beiden und schon gar nicht diejenige des Dritten, der abwartend am Türstock lehnte und besorgt das dunkle Stiegenhaus unter ihnen beobachtete.

„Pscht!“ machte er plötzlich. Das Kratzen hörte auf. Fragend schaute der lernende Türöffner auf den Verursacher des Zischlautes. „Ich hab` was gehört!“, flüsterte dieser entschuldigend. Alle drei starrten einige Sekunden lang in die Finsternis. Nichts. Es war alles still. Außer dem fahlen Dunkelblau vom Gangfenster war auch nichts zu sehen, was einem ordentlichen Einbrecher Sorgen hätte machen können.

„Mach` die Taschenlampe wieder an“, hauchte der Arbeitende zu dem weiblichen Mitglied der Einbrechertruppe. Die hatte sofort bei „Pscht!“ ausgeknipst und getraute sich von alleine nicht, wieder anzuknipsen. Weiter ging das Herumwerken. Eine Nagelfeile, ein Draht, ein Dosenöffner, mehrere Schraubenschlüssel, spitze Messer und Ersatzschlüssel waren im Einsatz. Aber diese blöde Türe wollte nicht aufgehen. Sicherheitsschlösser waren also doch mehr Wert, als dies bei diversen Analysen von angeblichen Experten behauptet wurde. Manche wenigstens.

„Hör’ auf“, sagte der Beobachter unvermittelt. Natürlich im Flüsterton. Er hatte einige Meter links von der Türe ein Gangfenster entdeckt. Alte Häuser haben Gangfenster. Auch nach noch so teuren Renovierungen werden diese Gangfenster meistens nicht zugemauert. Sie werden neu gestaltet, damit sie möglichst altmodisch aussehen. Das ist schick. Nur Sachen, die 50 Jahre alt sind, werden belächelt und entfernt. Bei einem Alter von 100 Jahren ist das Ganze interessant und kulturell wertvoll.

Und dieses Gangfenster hatte eine Oberlichte, also einen abgetrennten Fensterteil am oberen Rand, und diese Oberlichte war – gekippt!

Natürlich, im Sommer. Teure Sicherheitsschlösser machen, und dann das Gangfenster offen lassen. Sauber. Lauter Trotteln.

Der Beobachter hatte seinen visuellen Schatteneindruck in der Dunkelheit durch Tasten erhärtet. Durch Handbewegungen und Zeichen informierte er seine beiden Mitstreiter von der neuen Situation.

„Helft`s mir hinauf“, sagte er leise, aber viel lauter als zuletzt. Die Entdeckung hatte sein Selbstbewusstsein und jenes der Truppe gestärkt. Es war nicht allzu schwer, das gekippte Fenster mit einem Schraubenschlüssel aus seiner Verankerung zu lösen und dann nach unten zu drücken. Allerdings ergab das ein unschönes Geräusch.

„Nicht so laut!“. Fast schrie das der verhinderte Aufbrecher der Türe dem eigentlich nur als EDV–Experten mitgenommenen Dritten zu. Er war ein wenig beleidigt, dass seine Aufgabe, nämlich die Verschaffung des Zugangs zum Büro „Think Kuchar Tank“, nun vom dritten Mann übernommen worden war.

Ob der Lärm, den das nach unten gedrückte Fenster und der verhaltene Entsetzensschrei gemacht hatten, das Unternehmen gefährden würde? Die drei dachten, dass die Leute um halb drei Uhr früh schlafen sollten, und zwar so tief, dass sie eigentlich durch die beiden kurzen Geräusche nicht aufwachen dürften. Und wenn doch – dann sollten sie gleich wieder einschlafen, als Christenmenschen, die wissen, was sich gehört. Also machten die Einschleicher weiter. Da sie alle jung und sportlich waren, wurden der Kletterakt zur Oberlichte, das Durchzwängen durch die Öffnung und der anschließende Abstieg in die Wohnung, die nun als Büro diente, kein echtes Problem.

So, nun waren sie also drinnen. Die Frau richtete die Taschenlampe in das Zimmer und stellte fest, dass sie in der Küche gelandet waren. Natürlich. Wo sonst. Langsam tasteten sie sich weiter. Ein eigenartiges Gefühl, in einer total finsteren Wohnung herumzugehen. Man kommt sich vor wie in einer Höhle, tausend Meter unter dem Erdboden. Oder in einem Bergwerk. Außerdem glaubt man, dass hinter jeder Ecke der Mörder lauert.

Welcher Mörder?

Sie waren es ja, die widerrechtlich in eine Wohnung eingedrungen sind. Und diese Wohnung war ein Büro, also gab es keine Anwesenden zu dieser Zeit. Hoffentlich. Und wenn wer hier übernachtete? Einfach so? Weil ihn oder sie der jeweilige Partner hinausgeworfen hatte? Keine Geschichten erfinden bitte. Wir haben ohnehin so viel Zeit vertan mit an der Türe. Jetzt wird es bald licht. Höchste Zeit, um den eigentlichen Zweck des Einbruchs zu erfüllen.

Der Computer war bald gefunden. Der zuständige Experte, der mit der Entdeckung des Gangfensters, setzte sich an den PC, schaltete ein. Die beiden anderen schauten gespannt zu, wie er diverse Versuche unternahm, in ein Programm einzusteigen. Aber es dürfte hier alles sehr gut gesichert worden sein. Nur keine Panik. Es gibt ja Methoden, um in fremde Dateien zu kommen, auch wenn sie gesichert sind. Schlüssel zur Entschlüsselung von Passwörtern und Benutzercodes.

Klapp, klapp. Endlos schien das Geräusch der Tastatur die stillen Büroräume zu erfüllen.

„Können wir etwas tun?“, fragte die Taschenlampenhalterin.

„Nein. Bitte gebt mir ein bisschen Zeit.“

Der dritte Partner fühlte sich völlig unnütz bei diesem Vorhaben, nach der Pleite mit der Öffnung der Türe. Und so hatte er angegeben damit, in der Planungsphase. Fast genauso wie der Computerfreak, der sich nun vergeblich bemühte, irgendwo hineinzukommen in das System der Firma TKT. So hatte früher ein beliebtes Spiel geheißen, das nun einen anderen, viel moderneren Namen trägt. Oder war es DKT gewesen, wie das Spiel früher geheißen hatte? Egal. Jetzt nannte dieser alte Sack namens Max Kuchar sein unnötiges Unternehmen in der Abkürzungsform jedenfalls TKT.

„ThinkKucharTank“ – das war ja direkt zum Lachen, das mit „think tank“. Ein unfähiger Schnösel war er, der Herr Kuchar, der unschuldige Kunden ausnahm, die wegen irgendwelcher Beziehungen bei ihm Aufträge landen mussten. Aber ein ordentliches Passwortsystem schien er zu haben. Sonst würde dieser komische Mensch da vor ihm schon etwas öffnen haben können. Eigentlich freute es den Beobachter ja, dass der da auch offensichtlich unfähig war in seiner behaupteten, um nicht zu sagen angegebenen Profession. Der konnte fremde PC`s ebenso wenig öffnen wie er selbst vorhin ein fremdes Schloss. Schon blöd. Aber wenigstens war er nicht der einzige Versager heute Nacht.

„Ich schau` mir die Papierkörbe und die Schreibtische an“, sagte die Partnerin der beiden Experten nach einer Weile des ergebnislosen Zusehens. „Das Licht vom PC muss dir ja reichen“. Sie durchstreifte mit der Taschenlampe die drei Zimmer des kleinen Büros und nahm herumliegendes beschriftetes Papier mit, das auf den Schreibtischen lag, und stopfte es in eine Sporttasche. Sie probierte alle Schreibtischläden. Waren alle zu, mit Ausnahme der Fächer für unbeschriftetes Papier und Büroutensilien. Den Versuch, eine Lade aufzubrechen, gab sie bald wieder auf. Aber beim Kopierer fand sie einen Stoß von Unterlagen, der nach dem Kopieren offensichtlich dort vergessen worden war. Sie nahm ihn mit. Vielleicht war das ja etwas Interessantes.

Das war eindeutig ein Lichtschein in dem Büro gewesen, den der aufmerksame Nachbar da von seiner Wohnung aus über das Fenster zum Hof gesehen hatte. Das Haus ging im Hof im rechten Winkel um die Ecke, und daher konnte man in die andere Wohnung sehen, ohne sich aus dem Fenster beugen und ohne Verrenkungen machen zu müssen. Was er da schon alles gesehen hatte, vor allem im Winter, wenn schon am Nachmittag Licht brannte! Vorhänge hatten sie keine in dem Büro dieses verdächtigen Herrn Kuchar. Na ja, so toll war es auch wieder nicht gewesen mit der Aussicht. Ein längerer Kuss war vielleicht bemerkenswert zwischen zwei Mitarbeitern – Mann und Frau zum Glück, sonst hätte ihn als Beobachter der Schlag getroffen. Aber dann hatten sie nicht weiter gemacht. Schade. Und natürlich jede Menge Privattätigkeiten während der Arbeitszeit, wie Zeitung lesen, telefonieren – offenkundig nicht dienstlich, weil gelacht wurde und die Gespräche oft kein Ende nahmen. Einmal hatte er sogar einen Diebstahl beobachtet. Hatte doch tatsächlich ein Mitarbeiter der Firma Druckerpatronen eingesteckt. Kurz hatte er sogar überlegt, den Herrn Kuchar vom Diebstahl zu informieren. Als Bürgerpflicht sozusagen, obwohl er den Kuchar nicht leiden konnte. Aber darauf darf man nicht schauen, wenn ein Dienst an der Gesellschaft geleistet wird. Sympathie und Antipathie sind dann zweitrangig, dachte er. Aber dann hatte er den Kuchar doch nicht abgepasst bei der Tür, wenn er wie gewöhnlich so gegen 10 Uhr ins Büro kam. 10 Uhr! Das sagt schon alles über diesen Menschen. Was macht der so lange zu Hause? Jedenfalls fürchtete der Nachbar dann im letzten Moment, dass sich Kuchar zwar bedanken würde wegen der Ausforschung des Diebes, aber dann Vorhänge oder gar Jalousien anbringen lassen würde. Hatte wahrscheinlich genug zu verbergen, so sah der auf alle Fälle aus. Zahlt sich also nicht aus, eine gute Tat zu vollbringen für solche Leute.

Jetzt aber war sich der Nachbar sicher, handeln zu müssen. Schon vor einer halben Stunde hatte ihn Lärm am Gang aufgeweckt. Er war an die siebzig und hatte eine beträchtliche Leibesfülle. Wenn ihn in der Nacht noch der Hunger übermannte und er sich aus dem Eiskasten mit diversen Köstlichkeiten versorgte, schlief er immer sehr schlecht. Keine Rose ohne Dornen. Ob er schon wach gewesen war, als er das Krachen der Fensterscharniere der Oberlichte gehört hatte, oder ob er durch dieses Krachen wach geworden war, konnte er nicht mehr sicher sagen. An Schlaf war jedenfalls ab nun nicht mehr zu denken. Schnaufend verließ er das Bett und horchte zunächst an der Eingangstüre. Da kam ihm zu Bewusstsein, dass die Verantwortung für die Sicherheit im letzten Stock dieses Hauses allein bei ihm lag. Natürlich war in der Nacht niemand im Büro, und seine Frau hatte ihn schon vor vielen Jahren verlassen. Damals war er noch nicht einmal in Pension gewesen. Blödes Weib. Hätte viel erben können. Aber das war eine andere Geschichte. Im letzten Stock gab es jedenfalls nur diese beiden Wohnungen – das Büro Kuchars und seine eigene - , und im vorletzten Stock konnte man sich auf niemanden verlassen. Junge Leute, denen alles egal war. Außerdem waren die Räume in diesem alten Haus so hoch, dass es schon schwierig war, etwas von dort zu hören. Nur ich kümmere mich also um den letzten Stock, dachte er beim Lauschen. Aber es war kaum mehr etwas zu hören seit dem metallischen Krachen. Und durch das Guckloch konnte er keine Veränderung an der Wohnungstüre des Büros feststellen.

So getraute er sich nicht, wegen des Krachers die Polizei zu rufen. Er hatte schlechte Erfahrungen in solchen Situationen gemacht. Man wird noch als Querulant behandelt, wenn sie nichts finden. Anstatt dass sie froh sind, jemanden wie ihn zu haben. Doch er beobachtete zum Glück die Hoffenster, und nach einiger Zeit sah er glasklar diesen sich bewegenden Lichtschein, der von einer Taschenlampe stammen musste. Nun hielt ihn nichts mehr. Keuchend tappte er in der Finsternis zum Telefon – aus taktischen Gründen, um die Einbrecher in der Nebenwohnung nicht zu warnen, vermied er es, Licht aufzudrehen – und wählte die Nummer der Polizei.

„Hat er noch immer nichts gefunden?“, flüsterte die weibliche Stimme dem jungen Mann zu, der hinter dem Computerspezialisten saß. Der wirkte zunehmend hektisch und verzweifelt, was aus den fallweise herausgezischten Flüchen und der sehr fahrigen Bedienung der Tastatur und der Maus zu schließen war.

„Willst du suchen, Superfrau?“, fragte er bissig zurück. Er hatte natürlich gehört, was sie geflüstert hatte. Er sprach zwar leise, aber man konnte die Verärgerung hören.

„So etwas habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Verdammtes Zeug. Ich komm` nirgends rein. Wie verhext.“

„Wie lange sollen wir noch da bleiben?“

Jetzt hatte auch der Einbruchspezialist die Vorsicht aufgegeben und fragte mit fast normaler Lautstärke.

„Pscht!“, wies die Frau beide zurecht. „Seid`s wahnsinnig?“, fragte sie flüsternd. Aber auch ihr war klar, dass sie nicht die ganze Nacht hier verbringen konnten. Um diese Jahreszeit zeigten sich um halb vier die ersten rötlichen Streifen am Horizont, und es waren nur mehr wenige Minuten bis dahin.

Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür.

„Polizei! Ist da jemand?“

Die drei waren so entsetzt, dass sie einige Sekunden lang weder in der Lage waren, einen Gedanken zu fassen, noch einen Körperteil zu bewegen.

Die weibliche Stimme fasste sich zuerst und flüsterte ihren Gefährten zu, dass sie im letzten Zimmer eine Türe zu einem Balkon gesehen hatte, und dass sie ihr dorthin folgen sollten. Sie lief voran. Der am Computer sitzende Bursche hatte zwar zuerst bei sich gedacht, na lassen wir uns halt festnehmen. Aber dann wurde ihm bewusst, dass die beiden anderen in ihrer Position nicht riskieren konnten, ertappt zu werden. Zwei Karrieren wären zu Ende gewesen, abgesehen vom Skandal. Bei ihm wäre es mit einer bedingten Strafe erledigt gewesen, und so arg schien ihm das nicht. Aber allein dableiben kam natürlich nicht in Frage, und so riss er geistesgegenwärtig noch ein mit einem USB-Kabel verbundenes Zubehör aus dem PC – wahrscheinlich eine externe Festplatte, wie er richtig vermutetet – und folgte den beiden anderen durch zwei Zimmer auf einen kleinen Balkon. Kühle Abendluft empfing die Abenteurer. Tatsächlich, man sah schon den ersten Lichtschein, und der offenbarte einen Fluchtweg. Der Nachteil war nur, dass dieser über die Dächer führte.

Aber zum Glück hatten die Rauchfangkehrer in der Bauordnung durchgesetzt, dass zumindest bei Dach-Neubauten ordentliche Gehwege über die Dächer angelegt werden müssen. Damit man bequem zu den Rauchfängen kommt, die von Zeit zu Zeit zu kontrollieren sind. Und da es in dieser Gegend relativ viele Dachausbauten gab – wie fast überall in der Stadt – , war es gar nicht so schwer, vom kleinen Balkon wegzukommen. Sicher, eine kleine Kletterübung war erforderlich, um auf das Dach über den Balkon zu kommen. Aber das war für die drei kein Problem. Und dann ging es irgendwie weiter. Das weibliche Mitglied der Einbrecherbande hatte die Führung übernommen, die beiden Männer folgten ihr voll Vertrauen. Sie hielt Ausschau nach einem Abgang von einem Dach in ein Stiegenhaus. Denn über einen anderen Balkon wieder in eine Wohnung einzusteigen – nein, das reichte wohl für heute. Sie waren ja keine berufsmäßigen Einbrecher.

Aber so leicht war das gar nicht mit den guten alten Dachtreppen oder Dachfenstern, die auf einen Dachboden und dann ins Stiegenhaus führten. Protzige Dachterrassen dominierten die Umgebung. Es wäre zwar nicht schwer gewesen, eine offene Tür oder ein offenes Fenster auf einer solchen Terrasse zu finden, aber wer weiß, was und wer dahinter wartete?

Endlich, beim dritten oder vierten Dach gab es keinen Ausbau, sondern einen normalen Dachboden. Darauf deutete jedenfalls ein kleines altmodisches Fenster hin. Hinter so etwas wohnte man nicht. Blöd nur, dass es zu diesem Fenster keinen Fußweg auf dem Dach gab. Man musste also auf dem Dach balancieren, wenn man hinkommen wollte. Seiltanzen hatten die drei aber nicht gelernt. Unschlüssig schauten sie vom bequemen Flachdach des Nachbarhauses, das mit einigen Bäumchen in Betongeschirren geschmückt war und offenbar auch zum Sonnenbaden verwendet werden konnte, auf das Fenster im ziemlich abschüssigen Dach der Rettung hin.

„Traust du dich?“, fragte die Expeditionsleiterin den hinter ihr stehenden Burschen.

„Schaut sehr schräg aus“, antwortete der, um nicht nein sagen zu müssen.

„Siehst du eine andere Möglichkeit, runter zu kommen?“, wandte sie ein. Sie hatte schön langsam genug davon, immer die Entscheidungen treffen zu müssen. Zugegeben, das Ganze war ihre Idee gewesen, aber zumindest ihr Kollege mit den selbst deklarierten Türöffnungskenntnissen hätte mehr tun können für das gemeinsame Projekt.

Nach einigem Hin und Her erklärte sich der Computerfachmann dazu bereit, zum Fenster zu kriechen und zu versuchen, dieses zu öffnen. Er legte sich bäuchlings aufs Dach und rutschte in langsamen Bewegungen wie eine Schnecke, allerdings nach der Seite und nicht der Länge nach, Richtung Fenster. Die beiden anderen schauten interessiert zu. Jetzt war es schon ganz schön hell. Zeit, vom Dach herunter zu kommen. Wenn jemand in aller Früh Leute am Dach sieht, ruft er normalerweise die Polizei. Die war allerdings ohnehin schon da. Zwei Wachorgane suchten in dem Moment, als sich die sich seitwärts bewegende menschliche Schnecke dem ominösen Fenster näherte, vom Balkon des Büros der Firma TKT aus mit Argusaugen die benachbarten Dächer ab. Ihr Pech, dass sich die Einbrecher auf der anderen Seite der Dächer in der Häuserreihe befanden und daher nicht entdeckt werden konnten.

Ein splitterndes metallisches Geräusch unterbrach die frühmorgendliche Stille.

„Sie sind auf der anderen Seite!“, rief einer der Polizisten. „Schnell, nach unten und passen wir sie bei einem Haustor ab!“. Die Polizeiaktion legte den Rückwärtsgang ein.

Während dessen war es dem Einbrecher gelungen, das Fenster mit einem Metallmeißel aufzubrechen, und ohne abzustürzen konnte er den Zugang zum Dachboden öffnen. Das Geräusch war der Preis für diesen Erfolg. Der Polizist hatte den ersten Satz so laut gesagt, dass ihn die beiden am Flachdach Wartenden hören und verstehen konnten. Als es dem Trio dann gelungen war, über das Dach zur Öffnung zu kriechen, und als auch die versperrte Dachbodentüre aufgebrochen worden war und sie im Stiegenhaus eines Altbaus standen, waren sie sich dessen bewusst, dass sie in die Arme der Polizei laufen würden, wenn sie nun auf schnellstem Weg das Haus verließen.

Also gingen sie ganz vorsichtig hinunter bis in den Keller. So ein Glück! Es gab am Ende des verzweigten Untergeschoßes in einer Nische ein leeres Kellerabteil, mit offener Türe. Das weibliche Bandenmitglied wies ihren beiden Mitstreitern mit der Taschenlampe den Weg hinein und schloss die Türe. Jetzt kam es darauf an, ob jemand entdeckte, dass kein Schloss an der Türe hängte. Sie versteckten sich im leeren Kellerabteil und fürchteten sich in der Finsternis. Kurze Zeit später war deutlich zu hören, wie die Polizisten den Gang und den Beginn des Kellers durchsuchten und in ihre Richtung riefen: „Ist da jemand? Kommen sie heraus!“. Aber die Wachorgane fanden die recht gut verborgene Nische mit dem notdürftig verschlossenen Abteil nicht.

Etwa eine halbe Stunde, nachdem die Polizisten den Keller wieder verlassen hatten, getraute sich der verhinderte Türöffner die anderen zu fragen: „Wie lange sollen wir denn hier bleiben? Ich muss ins Büro.“

„Gut dass du mich erinnerst. Ich werde anrufen und mich im Büro entschuldigen. Und du machst dann das Gleiche!“

„Aber wie lange noch?“

„Ich glaube nicht, dass sie einen Wachdienst da gelassen haben“, meinte der mutige Öffner des Dachbodenfensters.

„Gehen wir!“

„Nein!“, protestierte die Frau, die im schwülen Keller die Trainingsjacke ausgezogen hatte und nun im T–Shirt dasaß.

„Das ist zu riskant. Mit dem rechnen sie ja, dass wir jetzt rauskommen. Ich möchte nicht meine ganze Zukunft aufs Spiel setzen, weil wir jetzt nicht genug Geduld haben.“

„Willst du den Rest deines Lebens hier verbringen?“ fragte ihr Nachbar leicht angeödet.

„Zu Mittag“, gab sie zurück. „Dann geben sie vielleicht auf.“

„Blödsinn“, mischte sich der Dritte ein. „In einer Stunde gehe ich“.

„Das wirst du nicht, du Dolm!“, wurde sie ausfällig. „Eine Weile musst du noch aushalten. Sonst sitzt du noch viel länger.“

Die Stille danach bedeutete keineswegs Zustimmung, aber es war allen so angstvoll und verzweifelt zu Mute, dass eine entschiedene Vorgabe durch die Leiterin des Vorhabens fast als Erleichterung empfunden wurde.

Nach einer Weile begann sie über die Zeit nach der erfolgreichen Flucht nachzudenken: „Was hast du eigentlich da mitgenommen?“, fragte sie den Computerspezialisten.

„Die externe Festplatte natürlich“, antwortete er.

„Und wann kannst du mir sagen, was drauf ist?“

„Ich muss mich erst ausschlafen, wenn wir hier rauskommen“

„Morgen?“

„Ok“

„Ruf mich so bald wie möglich an. Und dann kriegst du von mir auch das Geld.“

„Kann ich das nicht schon jetzt haben?“

„Glaubst du, ich hab’ das hier mit? Außerdem hast du eine Anzahlung bekommen.“

Er wusste, dass seine Intervention chancenlos war.

„Wenn du was Interessantes findest auf der Festplatte, dann gibt’s noch einen Zuschlag“, meinte sie versöhnlich.

„Wie lange soll ich denn noch hier warten?“ nörgelte der Beamte in sein Handy. Er saß in einem Auto der Zivilstreife und hatte die Aufgabe, vier oder fünf Haustore zu beobachten und sofort Alarm zu schlagen und Ausweisleistungen zu verlangen, wenn verdächtige Gestalten herauskommen sollten. „Ich weiß doch gar nicht, wie derjenige ausschaut, der da gestern Nacht in Nummer 17 eingebrochen sein soll.“ Das Handy am anderen Ende der Leitung schien anderer Meinung zu sein. Als Polizist mit zahlreichen kriminalistischen Schulungen müsste man jemanden, der in eine Wohnung eingebrochen, über Hausdächer geklettert und dann stundenlang irgendwo versteckt gewesen ist, auch ohne Personenbeschreibung erkennen, wenn er ein Haus verlässt, sagte der Vorgesetzte. Der Beobachter war wiederum der Meinung, dass es viel gescheiter wäre, die Keller der in Frage kommenden Häuser noch einmal und diesmal genauer zu durchsuchen. Die Polizeistreife hat das wahrscheinlich nur sehr oberflächlich gemacht, wie immer. „Und wenn sie sich nicht versteckt haben, dann sind sie schon lang über alle Berge. Über einen Hinterhof oder so. Und alle, die ein Haus verlassen, können wir doch nicht zur Ausweisleistung auffordern!“

Als er den letzten Satz sagte, verließ eine hübsche junge Frau mit T–Shirt und eng anliegenden Leggings das Haus Nummer 11. Der Beamte begutachtete ausführlich ihre zarten, aber doch sehr anziehenden Formen und seufzte leise. Die ist sicher harmlos, dachte er bei sich. Einbrecher sind meistens Männer aus Osteuropa. Und diese da war kein Mann und sah sehr inländisch aus. So blieb er sitzen und unterließ die unangenehme Aufgabe, die Passantin zur Ausweisleistung und zu einer Begründung für den Aufenthalt im Haus aufzufordern, so wie er es bei Männern in den letzten Stunden oft gemacht hatte.

„Na gut“, sagte die Stimme im Handy. „Jetzt ist es schon halb Zwölf. Kommen Sie halt wieder in die Wachstube. Einsatz beendet.“ Der Kommandant dachte daran, dass der Eigentümer des Büros, in das eingebrochen worden war, einen sehr diffusen Eindruck bei der Einvernahme hinterlassen hatte. Es sei ohnehin nichts weggekommen, und das Gangfenster werde die Versicherung schon ersetzen. Kostet kein Haus. Na ja, dann dürfen sich diese feinen Leute eben nicht wundern, wenn die Aufklärungsquote für Einbruchdiebstähle gering ist. Die Polizei hat ja wirklich anderes zu tun als Leute zu finden, die gar nichts gestohlen haben.

Die beiden jungen Männer, die kurz nach der Abfahrt der Zivilstreife kurz hintereinander das Haus Nummer 11 verließen, blickten verstört um sich und begannen nach wenigen Metern schnell zu gehen beziehungsweise langsam zu laufen. Sie wären ein Fressen für den Beamten gewesen, wenn er noch da gewesen wäre.

2

Der Lärm in dem Lokal war das einzige Störende an der Location. Ansonsten war alles nach dem neuesten Geschmack eingerichtet: Moderne Kunst an den Wänden, geschmackvolles Design der Möbel, zweckmäßige und nicht zu enge Anordnung der Tische. Das Servierpersonal wirkte ausgesucht, nicht nur im Hinblick auf seine beruflichen Fähigkeiten, das Aussehen und die Kleidung der männlichen und weiblichen Beschäftigten brachte auch einen beträchtlichen Erotikfaktor ins Geschäft. Und – last not least – waren die Speisen und Getränke zwar sauteuer, aber supercool und urgut.

Trotzdem - gemütlich ist anders, dachte Exminister Alfred Mell, als er einer brünetten Serviererin mit langen Haaren und süßem Popo nachblickte. Er musste nämlich im Raucherteil des Lokals sitzen, und da stank es erbärmlich. Seine Tischpartnerin hatte nach der Begrüßung neben ihm gegenüber Platz genommen und saugte intensiv den Zigarettenrauch ein. Sie versuchte, den Qualm über ihren Gesprächspartner hinweg zu blasen, und begann das Gespräch mit Selbstkritik wegen ihres Lasters der Nikotinsucht.

„Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, wann ich aufhöre“, sagte sie. „Aber der Druck in der Redaktion wird immer ärger. Und nach dem Stress muss ich mich dann belohnen. Was hat man denn sonst an angenehmen Dingen zu erwarten?“ Sie lächelte und rechnete damit, verführerisch und anzüglich zu wirken.

„Und wie wollen Sie dann aufhören“, fragte Fredi, wie er von seinen wenigen Freunden genannt wurde, nicht sehr interessiert und überhaupt nicht angeturnt durch die Raucherin.

„Im Urlaub. Und zwar fahre ich zu einem Seminar. Ein Entwöhnungsseminar. Der Seminarleiter hat schon zwei Freundinnen von mir das Rauchen abgewöhnt.“

Fredi lachte kurz auf. Es war eindeutig ein zynisches Lachen. „Ja, solche Gurus haben ganz außergewöhnliche Fähigkeiten. Aber sie haben ihren Preis.“

„Das schon. Aber wenn man zusammenrechnet, dann amortisiert sich das in wenigen Monaten. Ich meine, weil man dann keine Kosten für Zigaretten hat. Haben Sie nie geraucht?“

„Doch, früher. Aber ich glaube nicht, dass Sie mich deswegen sprechen wollten, Frau … „ Fredi hatte den Namen zwar nicht vergessen, aber er wollte, dass sie ihn für völlig unaufgeregt hielt, trotz der Bitte einer Redakteurin um ein Hintergrundgespräch über seine politische Vergangenheit.

„Lona Kern. Da ist meine Karte. Natürlich, bitte um Entschuldigung. Ich will Ihre Zeit nicht überbeanspruchen.“ Sie machte eine kurze Pause und dämpfte die Zigarette aus. „Ich schreibe für den Durchblick, also ich meine die Wochenzeitung <Durchblick>“.

„Schöner Name. Vermittelt den Eindruck, als habe man den absoluten Durchblick. Relativ anspruchsvoll“. Jetzt war es Fredi, der Smalltalk einsetzte, um seine Gesprächspartnerin nicht zu verärgern.

Lona begann relativ kompliziert zu erklären, dass sie in der Zeitung von Zeit zu Zeit Hintergrundreportagen bringen über Leute, die bis vor kurzem in den Öffentlichkeit gestanden sind und diese Öffentlichkeit dann mehr oder weniger plötzlich verlassen haben. „Was wurde eigentlich aus …“, hieße die Serie, origineller Weise. Na, und da seien sie in der Redaktion auf Alfred Mell gekommen, den einst mächtigen Minister der derzeitigen Regierung, der dann – völlig gegen alle Erwartungen – seinen Hut genommen hatte und nun als relativ unbedeutender Manager eines mittelgroßen Unternehmens mit Beteiligungen verschiedener öffentlicher Hände arbeitete.

Die Bestellungen wurden im Rekordtempo serviert. Dafür war das Lokal bekannt. Wahrscheinlich hatten sie mehr Leute in der Küche und in der Schank als andere vergleichbare Gastwirtschaften, und das sorgte für den guten Ruf vor allem bei business people. Aber auch die Bobos (wie intellektuelle Schnösel genannt wurden, abgekürzt für Bohemian Bourgeois) schätzten es nicht, wenn sie lange auf das Essen warten mussten. Immerhin hatten sie genug Geld, um die rasche Erfüllung all ihrer Wünsche erwarten zu können, auch wenn man ihnen das nicht ansehen sollte, und auch wenn sie es meistens nicht so eilig hatten wie die Rechtsanwälte, Wirtschaftstreuhänder und Zeitungsleute, die das Lokal außer ihnen bevölkerten.

Während des Essens hatten Lona und Fredi ausreichend Zeit, um das jeweilige Gegenüber zu beobachten und sich Gedanken darüber zu machen, was man nach dem Essen reden oder fragen sollte.

Lona kam zu dem Schluss, dass ihr der Typ da eigentlich sehr unsympathisch war. Man sah ihm den Zynismus und die eingebildete Überlegenheit aus mehreren Dutzend Kilometern Entfernung an. Das allein wäre es aber noch nicht gewesen. Dazu kam noch die Beleidigtheit und die Verachtung für alle, die ihn bei seinem seinerzeitigen kometenhaften Aufstieg in der Politik und den Klatschspalten nicht unterstützt hatten, oder die gar seinen noch schnelleren, geradezu affenartigen Absturz in das Nirwana eines unbedeutenden Unternehmens mit Häme und Schadenfreude kommentiert hatten. Also hasste er fast die gesamte ihm bekannte Menschheit, und so behandelte er sie auch. Dieser Ruf ging ihm jedenfalls voraus, und die ersten Wortwechsel an diesem lauschigen Abend hatten – wie meistens – alle Vorurteile bestätigt.

Was will denn diese Ziege, dachte sich Fredi, als er eine gegrillte Hühnerkeule abnagte. Hatten sie nicht genug damit, ihn verfolgt und gedemütigt zu haben. Nicht einmal besonders hübsch war diese Journalistin da vor ihm. So eine ehrgeizige Furie, die mit Skandalgeschichten Karriere machen will. Total humorlos, offensichtlich. Sonst hätte sie nicht mit einem so abgelutschten Thema wie dem Rauchen angefangen, und sie würde zu ihren Schwächen stehen. Aber selber pofeln und die Welt verbessern wollen, was heißt verbessern – retten wollen sie alle die Welt, retten – das Letzte. Er wollte das Gespräch so bald als möglich beenden, bevor es eigentlich richtig begonnen hatte.

„Sehr nett ist das hier“, sagte Fredi nach einer Weile. „Ich gehe ja nicht oft in diese In–Lokale. Sollte man aber tun. Schon um zu sehen, wie die Schickeria heutzutage lebt.“

Jetzt geht`s los, dachte Lona. Ich muss die Themenführerschaft in diesem Gespräch bekommen, sonst frustet er mich total nieder, und ich hab` nicht einmal eine Glosse für die Ausgabe in der nächsten Woche.

„Was halten Sie eigentlich von Ihrem Nachfolger?“

Mit dieser Frage hatte er gerechnet. So etwas Phantasieloses. Unfähig, in Wirklichkeit. Und so etwas erklärt den unschuldigen Menschen die Welt.

Routiniert ließ er wohlgesetzte Sätze über die Kontinuierlichkeit in der Politik los, und darüber, dass es immer nur um die Sache gehe und nicht um Personen. Lona schrieb eifrig mit, war sich aber dessen bewusst, dass sie diesen Mist ihren Lesern nicht zumuten konnte, und schon gar nicht ihrem Chefredakteur. Sie schrieb ja nicht für die Bezirkszeitung, sondern für ein anspruchsvolles politisches Magazin. Aber die Frage war ja nur der Opener gewesen. So dumm war sie auch wieder nicht, um ganz banales Geschwafel zu produzieren. Sie wollte ihn ein wenig in Sicherheit wiegen.

Vorsichtig versuchte sie, sich dem Kern des Gespräches zu nähern, so wie es ihrer Meinung nach verlaufen sollte. Fragen über einzelne Sachthemen, die damals in sein Ressort gehört haben, über das Verhältnis der Politik zu den Medien und der Medien zur Politik sollten die Peripherie abdecken und versuchen ihm vorzugaukeln, es gehe wirklich um grundsätzliche Fragen, sozusagen um ein Vermächtnis des nunmehr elder statesman an die Nachwelt, oder – wer weiß? – an die künftig Mächtigen in diesem Land, zu denen unter Umständen ja auch wieder Herr Mell gehören könnte, rein theoretisch natürlich.

Gab es eigentlich Journalisten – männlich oder weiblich war ganz egal – , die er nicht verachtete? Schwer zu sagen. Man soll nicht alle in einen Topf werfen. Aber 99 Prozent hatten sicher keine Ahnung von dem, was sie schrieben, produzierten nichts außer Vorurteilen und erwiesen so der Demokratie einen schlechten Dienst, oder – im besten Fall – gar keinen. Davon war Fredi zutiefst überzeugt. Deshalb reagierte er auf eine Frage seiner Gesprächspartnerin, die darauf abzielte, ob es ihm leid täte, nicht mehr in der Öffentlichkeit zu stehen, eher emotional.

„Also das ist sicher eine der angenehmsten Nebenwirkungen meines derzeitigen Lebens. Kaum mehr Interviews, nicht mehr ununterbrochen im Rampenlicht. Das genieße ich richtig. Können Sie mir glauben.“

„Aber viele suchen doch die Nähe zu den Medien. Sie waren doch auch sehr oft bei Society–Events, und ein dort beliebter Interviewpartner.“

„Sag’ ich ja. Das musste ich damals, gehörte zum Geschäft. Aber gerne hab’ ich es nicht getan.“

„Hat aber nicht so gewirkt, damals. Sie schienen den Rummel zu genießen.“ Ein wenig provozieren wollte sie schon. Immerhin war es langsam Zeit, zu jenem Thema vorzustoßen, das wirklich eine Geschichte zu werden versprach. Aber ein Zwischenschritt schien ihr noch notwendig.

Er hatte gegen ihre letzte Behauptung heftig protestiert. Man müsse in der politischen Branche meistens Dinge machen, die man gar nicht wolle. Nur wenige seien so geil auf die Öffentlichkeit, dass es ihnen Spaß mache, ihr Bild in der Zeitung zu sehen.

„Manchmal haben die Medien die Pflicht, politische Missstände aufzudecken. Wie stehen Sie heute dazu, mit etwas Abstand zur Tagespolitik?“

„Die Medien sind nicht daran interessiert, Missstände aufzudecken oder gar abzustellen. Sie wollen nur ihre Auflagen erhöhen und dem Land den Eindruck vermitteln, dass alles Mist ist, was mit Politik zu tun hat.“

Er wirkte auf sie immer ekeliger, obwohl er nun über seinen Zynismus hinaus Gefühle zeigte und sie im Allgemeinen von Männern, denen man Betroffenheit anmerkte, eher angezogen wurde. Das war ein Fehler für eine politische Journalistin, das wusste sie schon. Aber hier in diesem Fall bewirkte es für sie eher das Gegenteil von Sympathie, als er nur mühsam seinen aufkommenden Ärger verdecken konnte.

Vorsicht, dachte er, während er ihr die Antwort gab. Jetzt nur nicht aufregen. Sie hatte seinen Nerv getroffen. Die Gefahr einer Überreaktion war nicht zu unterschätzen.

Lona hakte ziemlich direkt nach: „Glauben Sie wirklich, dass man Politiker ohne Kontrolle durch die Öffentlichkeit agieren lassen sollte?“

„Das habe ich nicht gesagt. Kontrolle muss sein, natürlich. Aber durch Leute, die sich auskennen, und die keine eigenen Interessen haben.“

„Und die Medien kennen sich nicht aus?“

„Meistens nicht. Anwesende natürlich ausgenommen.“

„Natürlich, ja.“ Sie lachte etwas gequält. „Aber ich bin nicht beleidigt, wenn Sie mir richtig die Meinung sagen.“

„Ich werde mich hüten. Sonst komme ich ja bei Ihnen in eine Schatulle mit der Aufschrift BÖSE. Und dann habe ich ausgeschissen bis zur nächsten Eiszeit.“

Er liebte die Fäkalsprache nicht. Aber ganz selten entschlüpfte ihm ein derartiger Ausdruck, ohne dass er es wollte.

„Was müssten wir tun, um Ihren Ansprüchen zu genügen? So gescheit wie die Politiker können wir natürlich nicht sein, sonst wären wir ja nicht darauf angewiesen, über die Dinge nur zu berichten.“

Er wollte sich nicht darauf einlassen, das Bild eines idealen Journalisten zu zeichnen. Er zählte nur einige Kriterien auf, die er für guten Journalismus hielt, und die darin gipfelten, dass nicht immer so getan werden sollte, als ob alle Probleme einfach zu lösen wären, und als ob die Regierenden alle Idioten seien.

„Sind Sie ein nachtragender Mensch?“, fragte sie, scheinbar unverfänglich und verständnisvoll lächelnd. Sie wollte auf seine Journalistenschelte nicht eingehen, spürte aber tiefe Verletztheit, die wahrscheinlich aus Erfahrungen aus seiner früheren politischen Tätigkeit herrührte.

„Wahrscheinlich bin ich zu dünnhäutig für das politische Geschäft. Nachtragend würde ich nicht sagen.“

„Aber Sie waren doch sehr betroffen damals, wegen der THETA – Geschichte.“

Jetzt war das Wort gefallen. Lange genug hatte sie zugewartet. Aber irgendwann musste sie ja versuchen, die Story anzusprechen, weswegen sie sich diesen ganzen Abend angetan hatte.

Eine Weile lang saßen die beiden ganz still im Lokal, das um sie herum dröhnte vor Musik, vor Lachen und dem aufgedrehten Geschwätz der Schickeria. Dann stand Fredi Mell, der Ex – Minister, wortlos auf, und warf seine Serviette auf den Tisch.

„War das eine Einladung der Zeitung?“, fragte er äußerlich ruhig. „Wenn nicht, gehe ich nämlich die Rechnung bezahlen. Jedenfalls möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Es war sehr nett.“ Die Tonlosigkeit seiner Stimme war für jene, die Fredi kannten, ein sicheres Zeichen für die Mühe, mit der er einen Tobsuchtsanfall vermied. Eiserne Disziplin, das war es, was ihn davor zurückhielt, unangenehm aufzufallen, nicht nur in diesem Lokal.

Lona war ebenfalls aufgestanden. Sie versuchte, seine Hand anzufassen, was er ziemlich schroff zurückwies.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht verärgern. Bleiben Sie noch ein bisschen. Ich bitte Sie.“

„Es war nicht ausgemacht, dass Sie mich zu dieser so genannten Affäre befragen. Wenn Sie das wollen, bitteschön.

Nur nehme ich dann meinen Anwalt mit.“

„Warum regen Sie sich so auf?“

„Sie kennen mich nicht, wenn ich mich aufrege. Also, war das eine Einladung der Zeitung?“

„Natürlich. Aber wenn Sie hier nicht mit mir reden wollen, können wir auch bei mir einen Kaffee nehmen. Ich wohne gleich fünf Minuten von hier entfernt.“

Nun setzte sich Fredi wieder, nahm die Serviette vom Tisch, bewegte sie leicht in seiner Hand wie einen Fächer, und lächelte.

„So viel ist Ihnen eine Information zu THETA wert?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich meinte einen Kaffee.“

Sie war sich plötzlich dessen bewusst geworden, dass man ihren letzten Versuch, das Gespräch zu retten, als Einladung zum Sex missverstehen konnte. So hatte sie es aber gar nicht gemeint. Was mache ich jetzt, wenn er das nicht ernst gemeinte Angebot annimmt, dachte sie blitzschnell.

Die Sorge war aber unnötig gewesen.

„Vielleicht geht das bei einem anderen. Schön langsam verstehe ich, wie manche Journalistinnen zu ihren Informationen kommen.“

Jetzt stand er wieder auf, viel selbstbewusster als vorher.

„Danke für das Abendessen. Auf Wiedersehen.“ Rasch verließ er das Lokal.

Lona blieb noch eine Weile etwas verdattert im Lokal sitzen. Na, das muss ja eine ganz große Geschichte sein, wenn der so nervös reagiert, dachte sie. Dann rief sie ihren Lieblingskollegen an, den Kurt Einspieler, Kulturredakteur beim <Durchblick>. Sie erzählte ihm die Geschichte ihres verunglückten Abend–Dates und fragte ihn, was das seiner Meinung nach bedeuten konnte. Nach einigen Fragen und Berichten waren sich beide einig, dass hinter der THETA–Geschichte mehr stecken musste. Was sie immer schon vermutet hatte. Kurt bestärkte sie in ihrem Eindruck und gab ihr das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Nur – wie konnte sie weiterkommen? Er gab ihr einige Tipps, und sie vereinbarten, das Gespräch am kommenden Tag weiterzuführen, am besten vor der Redaktionssitzung.

Fast hätte sie vergessen, die Zeche zu bezahlen. Die Kellnerin musste sie erinnern, als Lona schon das Lokal verlassen wollte. „Der Herr hat nicht bezahlt!“. Gott, wie war das peinlich. Natürlich konnte sie nicht die Karte für Spesen verwenden, weil sie ihrem Chef ja gar nicht gesagt hatte, dass sie mit dem Ex–Minister Mell Abendessen gehen wollte. Also zahlte sie mit der eigenen Karte. Ob sie das dann morgen verrechnen konnte, wusste sie noch nicht. Egal.

Als Lona dann das Lokal endlich verließ, stand Alfred Mell noch immer drei Häuser entfernt in einem Hauseingang und telefonierte. Zum Glück konnte ihn Lona nicht erkennen, als sie auf der anderen Straßenseite vorüberging. Es war ja unvorsichtig von ihm, so nahe beim Lokal zu telefonieren. Aber länger hätte er es nicht ausgehalten. Es musste heraus. Und dann war da auch niemand zu erreichen aus dem Kreis jener Personen, denen er unbedingt von dem Gespräch berichten musste. Endlich, bei der neunten Handynummer, die er aus der Gruppe „Politik – vertraulich“ eingespeichert hatte, meldete sich eine weibliche Stimme. Es war Gina Bursik, die Büroleiterin seines Nachfolgers im Ministerium. Er kannte sie zwar kaum, aber da ihm der jetzige Minister ihre Nummer gegeben hatte mit dem Hinweis, er könne mit ihr alles besprechen, fasste er rasch Vertrauen.

„Ich muss unbedingt mit Ihrem Chef sprechen, sofort.“

„Tut mir leid, Herr Minister, das wird heute nicht mehr gehen.“ Den Titel „Minister“ verlor man nicht. Alfred Mell war drei Jahre lang Minister gewesen und vor einem halben Jahr zurückgetreten, aber von gewissen Leuten würde er sicher bis an sein Lebensende mit Minister angeredet werden. Gleichgültig, was noch passieren würde.

Wo er denn sei. Im Theater. Und dann? Privat. Na sehen Sie, dann werde ich mit ihm reden. Er wird aber sein Handy nicht mehr aufdrehen. Das gibt’s? Bei ihm schon. Ich hätte mir das nicht leisten können. Der Kanzler hätte mich hinausgeschmissen. Na ja, bei ihm toleriert er es. Schweinerei. Und wenn das Land untergeht? Morgen früh ist er dann wieder erreichbar.

Natürlich wusste Fredi, dass er von dieser Gina nach Strich und Faden angelogen worden war. Wahrscheinlich hatte er früher seinen Mitarbeitern auch solche Aufträge gegeben, wenn unwichtige Leute zu nachtschlafener Zeit mit ihm hatten telefonieren wollen. Irgendwie muss man sich ja schützen vor Idioten. Jetzt gehörte er selber zu dieser Kategorie der Unwichtigen und der Idioten. So schnell kann das gehen. Blöderweise hatte er die private Festnetznummer und auch die geheime, wirklich private Handynummer seines Nachfolgers nicht eingespeichert. Also musste er versuchen, dieser Tussi, die er da um 10 Uhr abends noch im Büro aufgestöbert hatte, die Dringlichkeit seines Anliegens klarzumachen.

„Hören Sie, es geht um THETA.“

Keine Reaktion.

„Sie kennen doch die Geschichte.“

„Kann man sagen.“

„Wieso?“

„War doch wochenlang in den Zeitungen.“

„Ach ja.“

Jetzt merkte Fredi erst, wie konfus er war. Er versuchte, sich zusammenzunehmen.

„Ich hatte eben ein Gespräch mit einer Journalistin, die eine Geschichte über diese abgestandene Sache schreiben will. Wir müssen uns absprechen.“

„Na ja, dann tun wir das jetzt. Was werden Sie den Medien sagen?“

Gina versuchte, den offenbar etwas aufgeregten Anrufer zur Sachlichkeit zu führen.

„Ich? Nichts werde ich sagen. Ich bin ja nicht verrückt. Sie hat mich sogar in ihre Wohnung eingeladen. Zum Kaffee! Haha. Habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Ist das heute üblich?“

Der war ja ganz schön daneben. Welche Leute man früher zu Ministern gemacht hatte, war schon sagenhaft. Dann durfte man sich über gar nichts wundern.

„Also das ist sicher das Beste. Wenn Sie nichts sagen, meine ich. Wir werden auch nichts sagen. Durchtauchen. Die Schildkröte machen, Kopf einziehen und abwarten. Ok?“

„Ja. Aber Ihren Chef muss ich trotzdem sprechen.“

„Natürlich. Morgen.“

„Dann Gute Nacht.“

„Ebenfalls. Danke für Ihren Anruf.“

„Entschuldigung, Chef. Störe ich?“

Der Minister war eben im Begriffe, seiner Frau den Büstenhalter aufzumachen, als eine seiner besten Mitarbeiterinnen kurz vor Mitternacht auf der absolut privaten Handynummer anrief. Nur vier Personen kannten diese Nummer, der Kanzler eingeschlossen.

„Schon. Aber ich nehme an, es ist dringend.“

Seinen Plan, nach längerer Zeit wieder einmal mit seiner Frau zu schlafen, konnte er aufgeben, das wusste er sofort.

„Glaub` schon. Du weißt ja, wir haben seit einigen Tagen Hinweise darauf, dass die THETA–Sache wieder aufkocht. Und vor ein bis zwei Stunden hat Ihr Vorgänger, dieser Mell, angerufen, und ganz aufgeregt von einem Gespräch mit einer Journalistin zu diesem Thema berichtet.“

„Gottogott. Dieses Ekel. Was hat er denn von sich gegeben?“

„Er sagt, nichts. Aber die Journalistin hat ihm angeblich angeboten, mit ihm ins Bett zu gehen, wenn er etwas ausplaudert. Und er schien ein bisschen verwirrt zu sein. Manche Männer sind da unberechenbar. Ich weiß ja nicht, wie die ausschaut.“

Er ignorierte ihre allgemeine abfällige Bemerkung über Männer. So waren sie eben, die selbstbewussten Damen.

Sagen Sachen, die man sich eigentlich nur denken sollte.

„Soll ich ihn anrufen?“

„Könnte nichts schaden. Spätestens morgen früh.“

„Hat es so lange Zeit?“

„Also wenn er dieser Schlampe schon etwas erzählt hat, was nicht gut für uns ist, dann kann man eh nichts mehr machen. Dann hätte er aber nicht angerufen. Aber morgen früh wäre gut. Vielleicht wenn du im Auto bist.“

Büroleiterinnen waren mit ihren Chefs nicht immer per Du, aber im vorliegenden Fall hatte sich das fast von selbst ergeben, nach vielen gemeinsam bei Sitzungen durchwachten Nächten.

„Jaja, mache ich.“ Eine kleine Pause diente dazu, seiner Gattin durch Gesten klarzumachen, dass das Vorspiel beendet war, ehe es noch richtig begonnen hatte.

„Sag‘ mir bitte, Gina, hat er damals persönlich Geld genommen von dieser Firma, damit die Sache vertuscht wird, oder hat er es nur im Interesse der Republik getan?“

„Da sind wir uns eben nicht sicher. Darum geht es ja auch bei unseren eigenen Recherchen. Er hat immer behauptet nein, und er habe die interne Untersuchung über die unerlaubte Exportförderung nur deswegen niedergeschlagen, weil er die Reputation des Landes in der Öffentlichkeit nicht aufs Spiel setzen wollte. Angeblich wollte er durch die Vertuschung verhindern, dass wir auf die Liste korrupter Staaten kommen.“

„So ein Blödsinn. Wir sind doch nicht korrupt.“

„Ein ehemaliger Manager von der THETA behauptet in einem Interview, Politiker haben Geld genommen.“

„Ich weiß. Sehr dumm, gerade jetzt, vor der Wahl.“

„Wahlen sind immer.“