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Realität und Wahnsinn trennen manchmal nur eine feine Linie. Mike versucht verzweifelt, seine schreckliche Tat zu vergessen und sein Leben in den Griff zu bekommen. Dabei muss er allerdings sein Alkoholproblem und seine inneren Dämonen bezwingen. Und dann gibt es da noch einen Goldfisch namens Frank.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Martin Schwander ist 1987 in Bern geboren und aufgewachsen. Er hat die pädagogische Hochschule in Bern abgeschlossen und ist als Lehrperson auf der Sekundarstufe 1 tätig. Die Literatur fasziniert ihn schon seit längerer Zeit.
Nebst dem Lehrberuf gehört das Tanzen zu seiner Leidenschaft. Seit vielen Jahren praktiziert und unterrichtet er Breakdance.
„Oft erlebe ich die deutsche Sprache in der Literatur als relativ humorlos. Dieses Empfinden gab mir den Anstoss das vorliegende Drama zu schreiben, welches einen ernsten Sachverhalt auf eine humorvolle Art unterhaltsam darstellen soll.“
Das vorliegende Buch ist ein Roman. Handlungen und Hauptfiguren sind frei erfunden. Die Ähnlichkeit zu realen Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig. Zudemsind jegliche Angaben und Zahlen weder empirisch überprüft noch statistisch bewiesen, sondern dienen lediglichder Unterhaltung im Rahmendieses Romans.
Der Blitz hatte tief eingeschlagen und bis heute Spuren hinterlassen.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Habt ihr schon einmal versucht, euch unter der laufenden Dusche abzutrocknen? Ich ebenso wenig, doch ungefähr auf die Weise verläuft diese Geschichte. Beschissen. So sehr man auch mit dem Frottiertuch reibt, man wird nicht trocken. Die Situation war von Beginn weg ausweglos und wurde zunehmend schlimmer.
Aber starten wir am Anfang.
Am Boden des Wohnzimmers meines doppelstöckigen Hauses sass ich und war verzweifelt. Ich konnte nicht mehr klar denken.
Mit dem Rücken an das Sofa abgestützt starrte ich den schwarzen Bildschirm des Fernsehers an. Es war ein qualitativ gutes Modell, doch ich war gerade in meinem eigenen Film gefangen.
Vor mir lag eine halbvolle Flasche Whiskey. Zu Beginn des Abends war sie noch ungeöffnet gewesen. Vor dem Whiskey hatte ich allerdings bereits einige Biere, zwei Shots Wodka und eine Flasche Wein gehabt. Und das hatte ich lediglich zum Einstimmen getrunken, bevor die zwei Gläser Grappa gefolgt waren, die dem Whiskey vorausgegangen waren. Ich war allein mit meinen Gedanken und hatte niemanden. Ich seufzte und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Mein Leben musste sich ändern.
Einst hatte ich einen Job, eine Freundin und ein geregeltes Leben gehabt. Ich war Angestellter in einem Call Center gewesen. Ein langweiliger Job, doch immerhin hatte ich Freunde gehabt. Jetzt aber gab es niemanden mehr, bei dem ich mich hätte melden können, mit dem ich mich hätte treffen können oder mit dem ich mich hätte unterhalten können. Ich war allein.
Alles hatte sich mit dem Lottogewinn vor zweieinhalb Jahren geändert. Es war mir vorgekommen, als hätte ein Engel mich angehört und einen Goldesel über mich ausgeschüttet gehabt. 37 Millionen hatte ich gewonnen. Und auch wenn ich einiges davon hatte versteuern müssen, war ein schönes Sümmchen übrig geblieben.
Mit dem Geld waren dann die Versuchungen gekommen, denen ich natürlich nicht hatte widerstehen können. Dadurch hatte ich meine Freundin verloren, hatte vieles vom Geld für unnötige, materielle Besitztümer ausgegeben und hatte eine inzwischen Konkurs gegangene Firma gegründet. Das Einzige, was davon noch da war, war ein Teil des Geldes und einige dieser überflüssigen Güter.
Wenn ich mir den Rest des Geldes geschickt einteilen würde, könnte ich es mir leisten, bis ans Ende meines Lebens nicht mehr arbeiten zu müssen. Doch genau das war das Problem. Schluss mit dem Luxus, der mich ins Verderben gestürzt und mit dem Leben, das mich ins Unglück geleitet hatte. Ich brauchte wieder Strukturen in meinem Leben. Ich sehnte mich nach einem normalen Alltag und einem geordneten Tagesablauf. Am meisten allerdings sehnte ich mich nach Freunden.
Zu einem normalen Leben gehörte ein regulärer Job. Zuerst musste ich aber mit meinem bisherigen Leben abschliessen und mein viel zu grosses, luxuriöses Haus verkaufen. In diesem Haus ist zu viel passiert. Zu viele negative Erinnerungen waren hier entstanden, die mich an einem Neuanfang hinderten. Das Haus musste ich zwingend loswerden.
Irgendwann nachdem ich den Whiskey geleert hatte, schlief ich ein. Gewöhnlich erinnerte ich mich nie an meine Träume, doch diesmal tat ich es. Ich träumte davon, auf einer Party zu sein und alle Gäste waren nur wegen mir da. Wir assen, tranken, feierten und hatten eine gute Zeit.
Drei brasilianische Frauen zwinkerten mir vom anderen Ende des Dancefloors zu und ich lief zu ihnen rüber, um mit ihnen zu tanzen, aber als ich sie ansprechen wollte, waren sie plötzlich weg. Ich drehte mich um, doch sie waren nirgends mehr zu sehen. Weil sie nicht mehr auffindbar waren, lief ich zur Bar. In dem Moment, als ich mich dem Barkeeper zuwandte, war auch dieser verschwunden.
Dasselbe geschah mit allen anderen Gästen. Wen immer ich ansprechen wollte, war plötzlich weg. Ich war auf der Party meines Lebens und dennoch schien alles unerreichbar.
Es kam mir wie ein Rätsel vor, das ich lösen musste. Irgendetwas musste ich tun oder herausfinden, damit mich die anderen Gäste wahrnahmen, nur leider fand ich nicht heraus was.
Ich wachte schweissgebadet auf. Es war bereits am frühen Nachmittag und noch nicht zu spät, um dem Immobilienmakler meines Vertrauens einen Besuch abzustatten.
Ich duschte, zog meinen Kilt an und wollte in Richtung Garage laufen, als ich mich im Spiegel sah. Das Spiegelbild sah erbärmlich aus. In Wirklichkeit war ich viel attraktiver. Das musste wohl ein alter Spiegel sein.
Der Spiegel brachte mich jedenfalls dazu, den Kilt gegen eine Jeans zu tauschen. Ich verstand nicht, wie ich ihn jemals hatte elegant oder sexy finden können. Der ausgezogene Kilt landete sogleich im Mülleimer.
Ich zog mir eine grau-schwarze Hose an, die ich natürlich mit dem passenden Veston kombinieren musste. Das hiess, ich musste wiederum ein anderes Hemd anziehen, das zum Veston passte, der mit der grau-schwarzen Hose getragen werden konnte. Wir lebten in einer komplizierten Zeit. Endlich war ich aufbruchbereit.
Mit meinem Aston Martin war ich in einer knappen halben Stunde beim Immobilienbüro. Der Makler schien nicht überrascht mich zu sehen. Nach allem, was im Haus vorgefallen war, erhielt ich nur gerade ein Viertel des ursprünglichen Kaufpreises. Ich hatte zwar mehr erwartet, konnte es ihm aber nicht verübeln. Zudem sah man mir wahrscheinlich meine Verzweiflung an meinem Gesichtsausdruck an, was den Verkaufspreis nicht gerade hochtrieb.
Immerhin war das Immobilienbüro bereit, das Haus zurückzukaufen. Das war das Wichtigste. Ich willigte ein und war froh, in einem Monat nichts mehr mit dem Haus zu tun zu haben.
Genau einen Monat hatte ich nun Zeit, das Haus zu räumen und mir eine neue Bleibe zu suchen. Ein erster wichtiger Schritt in Richtung meines neuen Lebens war getan. Ich fühlte mich nach feiern.
Mit dem Aston Martin fuhr ich ins Zentrum. In einer Bar trank ich einige Biere. Ich fragte mich, ob ich im falschen Pub gelandet war oder wo denn die ganzen Leute dienstags um sechs ihre Cocktails und Whiskeys schlürften. Ah ja Whiskey, das hörte sich gut an. Ich bestellte einen und als ich zwei Stunden später immer noch auf demselben Stuhl sass und das Glas abermals leer war, kam der Barkeeper zu mir rüber. Mit den Worten „Was auch immer dir widerfahren ist, der geht aufs Haus“ ersetzte er das leere durch ein volles Whiskeyglas. Er war mir sympathisch.
Den Sympathiebonus verspielte er jedoch etwas später gleich wieder, als er mich aus der Bar warf. Dabei wollte ich lediglich einennetten Abend haben und mir einige Drinks genehmigen. Der Grund für den Rauswurf?
Wie konnte ich wissen, dass sich das Pissoir nicht hinter den Spielautomaten befand? Das hätte wirklich jedem passieren können. Jedem.
Wie auch immer, ich wollte zu meinem Aston Martin und nach Hause, aber ich konnte ihn nirgends finden. Erfolglos lief ich suchend die Strasse rauf und runter. Ich schaute sogar hinter den Bäumen und unter den geparkten Autos nach, doch da war er nicht. Ich fragte sogar einige Passanten, die mich aber nur verwirrt anschauten. War ich überhaupt mit dem Auto gekommen? Hmm... eine schwierige Frage.
Mit einem Mal war ich mir unsicher, ob ich mit dem Wagen, dem öffentlichen Verkehr oder dem Taxi gekommen war. Vielleicht ja mit keinem davon. Vielleicht hatte ich mich ja hierher gebeamt. Ich musste lachen. Immerhin wusste ich in meinem Zustand noch, dass beamen unrealistisch und nicht möglich war.
Ich schaute besser nochmals hinter den Strassenbäumen nach.
Bevor ich komplett wach wurde, lag ich etwa eine halbe Stunde im Halbschlaf, doch dann bemerkte ich schnell, dass ich mich in einer mir unbekannten Umgebung befand. Der von der Sonne angeschienene Kronleuchter blendete mich. Stöhnend drehte ich mich ab und schaute mich um.
Das Zimmer war klein, der Fernseher kleiner und der Kühlschrank am kleinsten.
Daran bemerkte ich, dass es keines meiner Zimmer war. Ich befand mich demnach nicht in meinem Haus. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wessen Haus das war.
In guter Sherlock Holmes-Manier begann ich den Fall „Fremdes Zimmer“ zu untersuchen. Da ich noch alle Kleider an hatte, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich keinen Geschlechtsverkehr gehabt hatte und folglich bei keiner Frau zuhause war. Die logische Schlussfolgerung wäre somit, dass ich bei einem Mann zuhause wäre, was aber mehr Fragen aufwarf, als beantwortete.
Da ich meine Kleider inklusive Schuhe noch immer an hatte, konnte ich gleich vor die Tür treten. Praktisch. Ein langer Flur mit einem Teppichboden erwartete mich vor dem Zimmer.
Durch den sterilen Geruch wurde mir sofort klar, dass ich in einem Hotel war. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
An der Rezeption sagte man mir, dass ein Taxi mich hierher gebracht hatte. Der Barkeeper hatte mich nach Barschluss auf der Strasse liegend im Halbschlaf gefunden und ein Taxi gerufen. Er war wohl doch nicht so ein übler Kerl.
Während ich in der Lobby auf ein Taxi wartete, das mich wieder zurück zur Bar brachte, trank ich ein stilles Wasser, welches wahrscheinlich nur aufgrund des hohen Alkoholgehalts so schweigsam war. Das Taxi kam 20 Minuten später und ich stieg ein. Auf diese Weise gelangte ich zurück zur Bar und dadurch zum Barkeeper, der nicht schlecht staunte, als ich ihm eine Hunderternote über den Tresen zuschob. Zum Dank erhielt ich dafür ein Frühstücksbier gegen 11.30 Uhr vor dem Mittag.
Das Bier und ich fuhren gemeinsam Arm in Arm mit dem Aston Martin nachhause, der übrigens gleich um die Ecke stand. Wie ich den hatte übersehen können, war mir ein Rätsel.
Lässig an die Hauswand gelehnt, schien er elegant in seinem grau-blau. Ich war froh, dass ich ihn wieder hatte. Von allem Luxus, den ich mir mit dem Lottogewinn gekauft hatte, war mein Auto das Gut, an dem ich am meisten hing.
Ich bekam Hunger, also schnappte ich mir Pfeil und Bogen und ging in den Wald, um zu jagen. Nein natürlich nicht. Mit dem Wagen fuhr ich zu einer Pizzeria. Wie üblich wollte ich eine Pizza prosciutto e funghi bestellen. Da ich mein Haus verkauft und ein Neuanfang begonnen hatte, fühlte ich mich gut. Ich fühlte mich nach einer Abwechslung. Aus diesem Grund bestellte ich die Pizza prosciutto e funghi ohne funghi. So sehr ich die frischen Pilze auch mochte, diesmal verzichtete mein neues, besseres Ich darauf.
Die Pizza liess ich mir in einem Karton geben, damit ich sie nach Hause nehmen konnte. In meinem Heimkino ass ich sie genüsslich, während ich die neuste Staffel „Stranger Things“ schaute.
Da der Nachmittag bereits begonnen hatte, machte es keinen Sinn mehr, einen weiteren Schritt meines neuen Lebens in Angriff zu nehmen. Und da wie gerade erwähnt bereits Nachmittag war, gönnte ich mir noch einige Biere, bis ich gegen Ende der dritten Folge einschlief und auf diese Weise den Tag am frühen Abend beendete.
Als ich aufwachte, war es dunkel draussen. Es hätte mitten in der Nacht oder bereits früh am Morgen sein können. Ich hatte keine Ahnung, welche Uhrzeit es wahr. Ich wusste aber, dass ich Hunger hatte.
Glücklicherweise waren in der Kartonschachtel neben mir noch zwei kalte Pizzastücke. Diese verschlang ich gierig. Der grösste Hunger war damit gestillt, doch mein Magen war damit noch nicht zufrieden. Er wollte mehr, weshalb ich aufstand und in die Küche lief.
Das Haus war leer. Alles war dunkel und schien überflüssig. So viel Platz und nichts davon wurde wirklich gebraucht. Hie und da warfen einige Möbelstücke oder Dekorationsgegenstände Schatten, die unheimlich die Leere der Flure füllten. Das Gefühl, das in mir aufkam, gefiel mir ganz und gar nicht. Ein Unbehagen entstand in der Magengegend, wo vorher mein Hungergefühl gewesen war.
Ich schaute um mich, aber niemand war da. Ich war alleine. Zögernd glitt mein Blick den Flur entlang und zur Treppe, die ins Obergeschoss führte. Da fiel mir wieder ein, was vor eineinhalb Jahren geschehen war. Mir wurde schlecht. Zeitweise konnte ich das schreckliche Ereignis verdrängen, doch es holte mich immer wieder ein.
Meine Schritte beschleunigten sich. In der Küche angekommen, schnappte ich mir eine Tüte Chips und einige Biere. Sofort drehte ich mich um und schaute wieder in den leeren Flur.
Zu meiner Einsamkeit gesellte sich nun das Bewusstsein, wie klein und unwichtig ich eigentlich war. Das Haus bot viel Platz für grosse und mächtige Gegenstände, wodurch ich mich noch kleiner fühlte.
Wäre das Haus gefüllt mit Leuten, wäre alles anders. Es bräuchte nicht einmal viele Leute. Eine einzige Person würde reichen. Eine Person, mit der ich mich unterhalten und Lachen könnte und deren Stimme die Stille durchbrechen würde.
Weil ich aber alleine war, konzentrierte ich mich auf mein Bier. Und mit Bier meinte ich ebenfalls Whiskey, Gin und Wein, die alle im Verlaufe des Abends dazukamen.
Mit den Alkoholflaschen verzog ich mich wieder zurück in das Kino. Das grosse Bild und der laute Ton liessen meine Einsamkeit etwas in den Hintergrund rücken. Der zunehmende Alkohol jedoch machte die Gefühle des Alleinseins wieder stärker. Und je stärker sie wurden, desto mehr trank ich. Ein Teufelskreis mit vielen Ecken.
Kurz dachte ich daran, Drogen zu nehmen, doch ich hatte geschworen, nie wieder welche zu nehmen. Diese Zeiten lagen hinter mir. Die Versuchung wäre in diesem Moment aber gross gewesen. Zum Glück war mein Haus unterdessen drogenfrei.
Um meine Gedanken abzulenken und mich aufzuheitern, erstellte ich eine Liste mit Dingen, die Spass machten, aber irgendwie doch nicht. So ganz hat es mit dem Aufheitern dann wohl doch nicht geklappt. Folgende Tätigkeiten haben es auf meine Liste geschafft:
1. In eine Zitrone beissen
2. Grossmutters selbstgestrickte Socken zu Weihnachten
3. Zu harte Basler Läckerli
4. Adele hören und vor Emotionen weinen müssen, im Zug
5. Nur mit der Badehose bekleidet in den Schnee springen
6. Sich aus Versehen in den Finger schneiden und in ein Haifischbecken hüpfen
Na gut, das Letzte gehörte vielleicht nicht auf die Liste. Ansonsten fand ich sie recht akkurat.
Weiter bin ich nicht gekommen.
Irgendwann fiel ich in einen komatösen, traumlosen Schlaf. Der nächste Tag würde bestimmt besser werden.
Der nächste Tag wurde wirklich besser. Ich wachte auf und fühlte mich gut. Vielleicht trug das sonnige Wetter seinen Teil bei, doch ich war motiviert, die nächsten Schritte meines neuen Lebens in Angriff zu nehmen. Da ich vorgestern bereits mein Haus verkauft hatte, kam ich zu den nächsten zwei Massnahmen. Entweder ich suchte einen Job, eine neue Wohnung oder ein neues Haus.
Aus logischen Gründen entschied ich mich für die Haussuche. Einerseits, weil ich ein neues Dach über dem Kopf brauchte und die Zeit drängte und andererseits, weil ich gerade keine Lust hatte, einen Job zu suchen. Hauptsächlich weil ich gerade überhaupt keine Lust auf die Jobsuche hatte.
Ich trank zur Abwechslung ein Glas Orangensaft, das ich zuerst im Supermarkt kaufen musste, und begann direkt 45 Minuten später mit der Suche meines neuen Heims. Das Internet zeigte mir verschiedene Angebote, von Häusern über Wohnungen, egal ob zum Kaufen oder Mieten. Mir war beides recht, Geld hatte ich genug. Ich wollte einfach weg von hier.
Eines der einzigen Kriterien war, dass die neue Unterkunft in Stadtnähe lag. Mit der Stadt fühlte ich mich verbunden. In ihrer Nähe wollte ich bleiben.
Aus den Anzeigen wurde ich nicht recht schlau. Ich brauchte ein Immobilienbüro, welches die guten Angebote für mich herausfilterte. Dasselbe Unternehmen wie beim letzten Mal wollte ich jedoch nicht, da sie mich mit dem Haus abgezockt haben. Ich hätte viel mehr Geld für mein Haus bekommen sollen.
Im Internet kam ich auf die Immobilien AG Humming, die mir einen professionellen Eindruck zu machen schien. Sofort machte ich mich auf den Weg dorthin. Die AG hatte ihr Büro gleich im Zentrum, was mir sehr gelegen kam. Ich parkte auf den zugehörigen Plätzen und betrat das Büro. Es war steril und modern eingerichtet, ähnlich wie das letzte Immobilienbüro, das ich besuchte. Vielleicht war das ja branchenüblich. Naja, mir soll‘s egal sein.
Ein Maulwurf empfing mich mit einem gekünstelten, freundlichen Lächeln und einer übergrossen Brille auf seiner spitzen Nase. Er war schlank, trug einen schwarzen Anzug und hatte eine Halbglatze. Ich lächelte nicht weniger gekünstelt zurück. Der Maulwurf hiess mit Namen Herr Mosbach.
Herr Mosbach zeigte mir einige schöne Immobilien und nach seiner Beratung war ich entschlossen, eher eine Wohnung zu nehmen.
Wir vereinbarten drei Besichtigungstermine für Eigentumswohnungen in den nächsten zwei Wochen. Der Erste davon war bereits morgen.
Damit war ich vorerst zufrieden. Wir verabschiedeten uns, der Maulwurf verzog sich in seinen Hügel und ich lief zu meinem Aston Martin.
Es war mitten am Nachmittag und ich musste den Rest des Tages füllen. Ich hatte keine Lust, nachhause zu gehen, zurück in die Einsamkeit meines grossen Hauses. Zudem knurrte mein Magen. Im Zentrum stellte ich meinen Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz ab. Die Hungersnot drängte mich zum Besucheiner Take Away-Bude. Zur Auswahl standen diverse herkömmliche Snacks und Imbisse. Der Hotdog war mir jedoch gerade wurst, weshalb ich mich für einen Kebab im Taschenbrot entschied. Im Taschenbrot war die Chance kleiner, dass die Sauce heraustropfte, schlimmstenfalls noch auf mein Outfit. Damit hatte ich schlechte Erfahrungen gemacht.
Der Kebab schmeckte mir. Das letzte Mal, als ich Kebab hatte, war bereits eine Weile her.
Und weil er mir so schmeckte, kaufte ich mir gerade nochmals einen, auch wenn ich ihn nach der Hälfte wegwarf.
Da ich den Tag füllen musste, ging ich ins Kino. Zur Abwechslung jedoch nicht in mein Eigenes, sondern in eines in der Nähe. Wie der Film hiess, wusste ich nicht mehr, aber die Zeit verstrich und das war die Hauptsache.
Nachdem der Film fertig war, lief ich aus dem Saal. Vor dem Eingang stand ein junges Paar, das sich an den Händen hielt. Sie waren offensichtlich frisch verliebt. Sie standen einander gegenüber und strahlten sich gegenseitig an. Was sie zueinander sagten, war ungefähr Folgendes:
„Clarissa du bist wunderschön.“
„Danke Clark. Du auch. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch. Lass uns gemeinsam ans Ende der Welt gehen.“
„Mit dir gehe ich überall hin, mein Zuckerbärchen.“
„Ich fühle mich, als wären wir eins.“
„Das ist, weil wir seelenverwandt sind, Zuckerbärchen.“
„Ja, das muss es sein, Honigmäulchen.“
„Lass uns eine Familie gründen.“
„Und dazu kaufen wir noch einen Hund, drei Katzen, zwei Wüstenspringmäuse und fünf Leguane.“
„Ich liebe Leguane, Zuckerbärchen.“
„ Und ich liebe dich, Honigmäulchen.“
Vielleicht war ihr Gespräch nicht exakt so verlaufen, aber sie küssten und umarmten sich. Es sah aus, als schienen sie nicht wahrzunehmen, was um sie herum passierte. Es war zum Kotzen. Sie waren in ihrer eigenen kleinen, rosaroten Welt, was mich deprimierte. Ich wollte auch so eine Welt haben. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle übergeben. Stattdessen fuhr ich nachhause und trank eine Flasche Wein auf ex. Danach übergab ich mich wirklich.
Wenn ich könnte, würde ich die Flascheauf der Stelle heiraten. Sie hatte mich noch nie enttäuscht. Nicht so wie meine Ex-Freundinnen. Ich brauchte mehr davon. Also von dem Wein, nicht von den Ex-Freundinnen.
Irgendwann zwischen Wein und Depression, begannen Tränen meine Wangen runter zu kullern. Das war eine Überraschung. Wieso konnte ich mir selbst nicht genau erklären. Das letzte Mal, als ich geweint hatte, war, als mir meine Mutter mit 15 meine PlayStation weggenommen hatte. Sie war wütend gewesen, weil ich gesagt hatte, ihr Essen schmecke nach fermentierter Ameisenscheisse. Dabei wusste ich ja nicht einmal selbst, wie fermentierte Ameisenscheisse schmeckte, aber es war mir halt so rausgerutscht. An den genauen Grund für meine Wut erinnerte ich mich nicht mehr.
War wohl wieder einmal unzufrieden mit der Welt gewesen.
Meine Mutter nahm meinen verbalen Ausrutscher jedenfalls sehr persönlich, was auch irgendwie verständlich war, worauf sie mir die PlayStation weggenommen hatte. Ab da wurde es dann für mich sehr emotional.
Jedenfalls wieder zurück ins Jetzt. Ich gab mein Bestes, in kürzester Zeit möglichst viel zu trinken. Das klappte nicht schlecht. Noch vor Mitternacht war ich sternhagelvoll und schlief im Wohnzimmer auf dem kuscheligen Perserteppich ein.
Im Eilgang schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besichtigung. Die Wohnung war sauber. Ansonsten hatte ich nicht viel Gutes an ihr auszusetzen. Der Balkon war viel zu klein, die Küche war viel zu klein, die Zimmer waren viel zu klein und das Bad war ebenfalls viel zu klein. Insgesamt war die Wohnung ganz akzeptabel, aber ich war mir wohl aufgrund meines Hauses einen erheblich grösseren Standard gewohnt.
Der Immobilienmakler, dessen Namen ich nicht mehr wusste, gab sein Bestes, jedoch vergeblich. Ich war nicht in Stimmung für eine Wohnungsbesichtigung und schon gar nicht auf eine Wohnung dieser Grösse, weshalb ich beschloss, mir einen Spass aus der Besichtigung zu machen. Er hatte keine Chance.
Das Bad ist halt nicht vergleichbar mit einem Pool, meinte er. Und auf die Frage, wo denn das Entspannungszimmer sei, blickte er unsicher zum Fenster raus. Zuerst wusste erwohl nicht, wie er darauf antworten soll, dann entschloss er sich, so zu tun, als hätte er die Frage nicht gehört. Ein nicht übler Schachzug.
Bei der nächsten Frage konfrontierte ich ihn dann direkt, damit ich seinen Gesichtsausdruck sehen konnte. Wenn ich die Wohnung richtig einschätzte, hatte sie keinen Kinosaal.
Wieso mir denn eine minderwertige Wohnung wie diese gezeigt werde?
Es war ganz amüsant. Zumindest für mich. Nach einer halben Stunde hatte ich aber genug Spass gehabt und beendete die Spielchen. Der namenlose Makler war sichtlich erleichtert.
Auch wenn ich eine Wohnung benötigte, die erst beste musste ich nicht nehmen. Zumal zwei weitere Besichtigungstermine vereinbart waren und ich ausserdem genügend Geld besass, um notfalls eine Zeit lang im Hotel zu leben. Ich hatte demnach keinen Stress, weswegen ich erstmals shoppen ging.
