Wie vom Blitz getroffen - Martin Schwander - E-Book

Wie vom Blitz getroffen E-Book

Martin Schwander

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Beschreibung

Seit Mike sechs Richtige im Lotto hatte, ist sein Leben nicht mehr dasselbe. Geld verändert und das erfährt er von Tag zu Tag, leider nicht nur zum Guten. Seine beruflichen Tätigkeiten wechseln und die Beziehungen werden auf die Probe gestellt. In seiner Not versucht er verzweifelt, Halt zu finden.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Martin Schwander ist 1987 in Bern geboren und aufgewachsen. Er hat die pädagogische Hochschule in Bern abgeschlossen und ist als Lehrperson auf der Sekundarstufe 1 tätig. Die Literatur fasziniert ihn schon seit längerer Zeit.

Nebst dem Lehrberuf gehört das Tanzen zu seiner Leidenschaft. Seit vielen Jahren praktiziert und unterrichtet er Breakdance.

„Oft erlebe ich die deutsche Sprache in der Literatur als relativ humorlos. Dieses Empfinden gab mir den Anstoss das vorliegende Drama zu schreiben, welches einen ernsten Sachverhalt auf eine humorvolle Art unterhaltsam darstellen soll.“

Das vorliegende Buch ist ein Roman. Handlungen und Hauptfiguren sind frei erfunden. Die Ähnlichkeit zu realen Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig. Zudem sind jegliche Angaben und Zahlen weder empirisch überprüft noch statistisch bewiesen, sondern dienen lediglich der Unterhaltung im Rahmen dieses Romans.

Gewidmet an alle, die es interessiert. Und an Kolibris.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Ausblick

Once upon a crime: Mike Moser

Teil 1

Die Elfe

Teil 2

Der Kommissar und sein Gehilfe

Der Ehemann

Der Krufax

Der Rethewar

Der Barthlox

Die Arbeitskollegin

Die Vyrie

Die Daeny

Der Täter

Abspann

Danksagung

1

Mit dem metallischen Glanz seines Gefieders ist der Kolibri nicht nur schön anzusehen, sondern er ist durch seine Fähigkeiten auch ein sehr aussergewöhnlicher Vogel. Je nach Gattung wird er zwischen 6 und 25 cm lang, inklusive Schwanz und Schnabel. Bis heute wurden über 100 Gattungen mit mehr als 330 – 340 Arten gezählt.

Als Wirbeltier gehört er der Klasse der Vögel und der Ordnung der Seglervögel an. Allerdings ist er das einzige Tier der Familie der Kolibris, was unschwer am selben Namen zu erkennen ist. Der Name Kolibri stammt übrigens aus dem Französischen, wo er erstmals im 18. Jahrhundert aufgetaucht war. Es wird jedoch vermutet, dass er seinen Ursprung aus einer karibischen Sprache hat. Sowohl die Herkunft wie auch die Bedeutung des Worts „Kolibri“ sind noch nicht geklärt.

Im Bezug auf die Körperlänge ist der Kolibri der schnellste Flieger unter allen Vögeln. Er schafft 385 Körperlängen pro Minute. Dazu verhelfen ihm seine Flügel, mit denen er 40 – 50 Schläge pro Sekunde machen kann. Das erlaubt ihm, an Ort und Stelle fliegen zu können. Was mich aber am Kolibri am meisten erstaunt, ist dass er nicht laufen kann. Durch seine kräftigen Flügel ist er ein hervorragender Spitzensportler in der Luft, doch am Boden sind seine Beine zu schwach, um sein Gewicht tragen zu können. Mit dieser Geschichte hat der Kolibri nicht das Geringste zu tun, doch ich finde diese Informationen äusserst spannend.

An dem Tag, an dem die Geschichte anfing, ass ich einen Döner Kebab zu Mittag. Ich weiss das noch genau, weil ich vergessen hatte zu frühstücken und mein Magen um 11 Uhr laut knurrte, sodass mich mein Tischnachbar im Call Center darauf ansprach.

Als dann endlich Mittagszeit war, eilte ich freudig zur Dönerbude, bestellte euphorisch meinen Imbiss, bekam ihn ein wenig später überreicht und biss genüsslich hinein. Doch wie die Welt so ist, spielt sie einem immer einen Streich und das meistens schon bei den kleinen Dingen im Leben. Ich biss hinein, die Cocktailsauce drang durch ein Loch an der Seite des Fladenbrots heraus und landete auf meinem weissen T-Shirt. Als wären zwei Löcher oben und unten nicht genug, musste das Fladenbrot an der Seite auch noch eins haben. Ungefähr wie dieses Mittagessen verläuft diese Geschichte.

Aus dem kleinen Lautsprecher an der Wand zu meiner Linken trällerte ein längst verstaubter Popsong.

„… I close my eyes and fantasise…“

Die 80er feierten wohl gerade ihr Comeback. Mein Tag war definitiv gelaufen. Das dachte ich jedenfalls.

2

Zurück im Call Center erwartete mich eine neue Liste mit Namen, die ich anrufen musste, um zu fragen, wie das Wohlbefinden in einem Fahrstuhl so sei. Ja genau, ich bin einer der mühsamen Anrufer, die Sie mit Fragen zu unnötigen Themen belästigt.

„Und was für Gefühle kommen in Ihnen auf, wenn der Fahrstuhl hochfährt?“

„Stellen Sie sich nun vor, der Fahrstuhl fährt nicht in den 3., sondern in den 12. Stock. Empfinden Sie etwas anderes?“

Wenn ich das nicht jeden Tag machen würde, könnte ich die Fragen eventuell mit Humor nehmen, aber irgendwann in der Routine des Alltags vergeht einem der Witz.

„Finden Sie die Abfalleimer in der Innenstadt gross genug?“

„Essen Sie manchmal mit ihrem Haustier aus demselben Gefäss?“

„Fühlen Sie sich oftmals genauso leer wie Ihr Kühlschrank?“

Die Fragen mussten jedes Mal nach einer vorgegebenen Reihenfolge vorgelesen werden. Auf diese Weise können die Forscher des Bundesamts neue Statistiken erheben. Nicht, dass die Erkenntnisse jemanden interessieren würden, doch das fast doppelt so hohe Gehalt machte die Forscher zu unseren Vorgesetzten.

Wir waren ein kleines Team mit nur sechs Call-Agents (Die Bezeichnung ist viel zu aufregend für die eigentliche Tätigkeit. In Zukunft nenne ich mich des Nervenkitzels wegen Agent Mike). Mit Karl und Ben verstand ich mich gut, wirklich befreundet waren wir jedoch nicht. Die anderen zwei männlichen Agents Pascal und Oliver waren richtige Schnarchtüten.

Als ich vom Mittag zurückkam, war das Erste, das mein Tischnachbar Pascal sagte:

„Ist das da ein Fleck auf deinem T-Shirt?“

„Nein, das ist ein Original Miró.“

Ihm fiel mein Sarkasmus nicht auf.

„Ach so …“, murmelte er nur und dann ging er wieder. Ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn er gefragt hätte, ob die Erde wirklich rund sei und meine Antwort, dass neueste Studien zeigten, dass sie wahrscheinlich dreieckig ist, kein Misstrauen ausgelöst hätte. Kopfschüttelnd lief ich an meinen Arbeitsplatz.

3

Nach vier Stunden langweiliger Fragen und einem trockenen Hals verliess ich das Call Center pünktlich um 17 Uhr. Im Bus rief mich meine Freundin an, die nichts Besseres zu tun hatte, als mich mit ihren Fragen in eine Diskussionsfalle zu locken.

„Schatz, findest du mich attraktiv?“

Da hat Mann schon von vornherein verloren.

„Ja Schatz, du bist die schönste Frau auf der Welt.“

„Das sagst du jetzt bestimmt nur so. Ich glaube dir nicht.“

Wie wäre es denn mit:

„Ich finde dich durchschnittlich schön, aber das ist mir egal, denn ich finde deinen Charakter ganz akzeptabel und wir haben guten Sex.“

Ich war zum Scheitern verurteilt. Nach 17 Minuten konnte ich das Telefonat zu einem Abschluss bringen, was aber sicherlich noch ein Nachspiel haben würde. Die restliche Fahrt verlief ruhig.

Zuhause nahm ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich vor den Fernseher auf die Couch. Ich war ziemlich erschöpft von dem Tag. Müde drückte ich auf der Fernbedienung einige Knöpfe.

Von Reality-Shows über Vor-Abend-Serien kam alles, was mich nicht interessierte. Im Anschluss an die Nachrichten wurden noch die Lottozahlen gezogen, ich hatte sechs Richtige, stellte auf einen Spielfilm um, trank das dritte Bier leer, ging Zähne putzen und fiel in mein Bett. Zwei Minuten später schlief ich bereits tief und fest.

4

Irgendwo hatte ich gehört, dass die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden ungefähr 176 Mal grösser war, als im Lotto den Jackpot zu knacken. Im Vergleich zum Lottogewinn ist selbst die Gefahr, beim Hosenanziehen einen Unfall zu haben, 1‘400 Mal wahrscheinlicher. Dennoch hatte ich das Glück, sechs Richtige zu haben. Als ich am Morgen aufstand, nahm ich dieses freudige Ereignis jedoch noch nicht bewusst wahr. Ich wusste aber, dass etwas anders war.

Es regnete, ich verschlief meinen Wecker und als ich dann wach wurde, musste ich einen neuen Rekord im Anziehen aufstellen, um rechtzeitig den Bus zu erwischen. Den Schirm hatte ich natürlich vergessen mitzunehmen. Pünktlich aber durchnässt kam ich schliesslich im Call Center an. Ich verabscheute Morgen wie diese. Eigentlich verabscheute ich Morgen generell.

Meine Laune hellte sich erst auf, als eine Stunde später Lynn ins Büro kam. Sie war das sechste Mitglied (oder müsste es Mitgliedin heissen?) in unserem Team und die einzige Frau in der gesamten Abteilung. Lynn war umwerfend. Im Gegensatz zu mir kam sie auf die Minute eine Stunde zu spät, doch man verzieh ihr, weil es jedes Mal wie in einem 90er Hollywoodblockbuster ablief.

Der Fahrstuhl öffnete sich und bevor man sie sah, nahm man bereits ihr Parfüm wahr. Die Absatzschuhe ertönten. Gleich darauf war sie schon zu sehen. Ihr blondes Haar wehte im Wind (von wo auch immer der Wind im Büro plötzlich herkam) und die Zeit schien still zu stehen.

Lynn trug einen schwarzen engen Rock, der bis über die Knie reichte, dazu passende, schwarze Absatzschuhe und eine weisse Bluse. Das Besondere war augenfällig die Bluse. Sie war vorne komplett zugeknöpft, sodass man sie dort überhaupt nicht öffnen konnte. Um sie zu öffnen, müsste man an den Reissverschluss auf der Rückseite kommen.

Kurz fragte ich mich, wie sie sich die Bluse alleine angezogen hatte, aber als mir der Gedanke kam, dass sie vielleicht männliche Hilfe gehabt haben könnte, verdrängte ich meine Fantasien wieder.

Lynn war einfach perfekt. Sie hatte Stil und schien, soweit ich es beurteilen konnte, nett zu sein, aber so genau wusste ich das nicht, denn ich musste zugeben, häufig hatte ich noch nicht mit ihr gesprochen. Jedenfalls ist es uns allen ein Rätsel, wieso eine Frau mit Klasse wie sie in einem Call Center arbeitete. Die Theorien reichten von „sie hatte eine Wette verloren“ bis zu „der Chef gibt ihr ein extrahohes Gehalt“. Es wird ebenfalls erzählt, dass sie Nymphomanin war und deshalb gerne von männlichen Kollegen umgeben war. Für Letzteres hatte sie jedoch bei weitem zu wenig Sex im Büro. Ich wusste das. Ich war ja ebenfalls die ganze Zeit hier im selben Büro mit ihr.

Nichtsdestotrotz trug Lynn wesentlich dazu bei, dass die Zeit schneller vorbeiging. Ab dem Mittag erhellte sich der Himmel und die Sonne schien sogar zeitweise durch die Fenster. Von den Strahlen angeschienen, glänzte ihr Haar noch mehr, als es sonst schon tat. Was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht hatte? Keine Ahnung mehr.

5

Kurz vor dem offiziellen Feierabend konnte auch Lynn mich nicht mehr im Büro halten und so verliess ich das Gebäude in Richtung Busstation. Der Bus kam, ich stieg ein und mit mir der Buskontrolleur. Nicht, dass ich ihn nicht schon an der Haltestelle bemerkt hätte, doch ich hatte trotzdem keine Lust, mein Ticket zu zeigen.

Widerwillig suchte ich in meiner Hosentasche und nahm das verlangte Ticket hervor. Was ich dem Buskontrolleur entgegenstreckte, war aber nicht das Ticket, sondern das Lotterielos. Mist, das Lotterielos hatte ich ganz vergessen.

Am Bahnhof lief ich zum nächsten Kiosk. Die Verkäuferin schaute mich mit grossen Augen an, die nun auch nicht so bezaubernd waren, da sie schätzungsweise 55-jährig war. Sie gratulierte mir und sagte, dass ich mich direkt an die Lotterie wenden müsse. Solch grosse Summen könne sie nicht auszahlen. Als hätte die Verkäuferin gerade 37 Millionen flüssig in ihrer Kasse. Ja genau, 37 Millionen gross war der Jackpot, den ich geknackt hatte. Wie viel Geld das war, konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen. Schon bald aber würde ich es wohl herausfinden.

6

Am Abend traf ich mich mit meiner durchschnittlich-hübschen Freundin Hanna. Sie kam zu mir. Zusammen sassen wir auf meinem Sofa und schauten „Stranger Things“. Ich beschloss, ihr noch nichts von meinem Glück zu sagen. Wir tranken Wein, schauten auf den Bildschirm, sprachen nur das Nötigste miteinander und etwas nach Mitternacht entschieden wir, dass wir müde genug waren, um ins Bett zu gehen.

Ich putzte mir die Zähne. Ich hasste es, mir die Zähne zu putzen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, spülte ich mir anschliessend noch den Mund mit der ätzend-grünen Flüssigkeit. Ich hasste Mundspülungen noch mehr als das Zähneputzen. Den Würgereflex konnte ich gerade knapp unterdrücken.

Die Alltagskleider tauschte ich gegen ein Nachtshirt, legte mich ins Bett und atmete langsam ein und aus, während ich auf Hanna wartete. Die Mischung aus Wein und Mundspülung törnte mich irgendwie an. Hanna legte sich ins Bett, schaltete das Licht aus und wir hatten Gute-Nacht-Sex. 37 Millionen und Sex, was für ein Tag.

7

Als ich gegen Mittag aufstand, war Hanna bereits gegangen. Es war Samstag und sie hatte Frühschicht. Das kam mir gerade recht. Auf diese Weise konnte ich in Ruhe duschen und mich anziehen.

Es regnete noch immer. Ohne Frühstück aber mit Schirm verliess ich die Wohnung. Mit dem Bus fuhr ich in die Innenstadt. Was ich genau wollte, wusste ich nicht. Als ich drei Stunden und 40 Minuten später nach Hause kam, hatte ich jedenfalls ein neues Sony TV-System mit Dolby-Surround bestellt. Dazu kaufte ich noch ein Sixpack Bier, das ich auf den Küchentisch stellte.

Als es dunkel wurde, bekam ich Hunger. Ich griff zu meinem Smartphone. Ich hatte Lust auf Asiatisch, endete jedoch wie gewohnt bei meinem Italiener. Im Fernseher liefen die üblichen Samstagabend-Familienshows. Mir war langweilig. Ich stellte auf Netflix. Da ich „Stranger Things“ nicht weiterschauen durfte, weil Hanna sonst sauer auf mich wäre, musste ich etwas Anderes suchen.

„Das ist UNSERE Serie.“

Ich hörte ihre Stimme schon in meinem Kopf.

Weil ich mich nicht entscheiden konnte, klickte ich irgendwann einfach irgendetwas an. Konnte man durch Langeweile sterben? Ich war auf jeden Fall auf dem besten Weg das herauszufinden. Da erinnerte ich mich an das Sixpack auf dem Küchentisch. Der Abend wurde dadurch nicht weniger langweilig, aber wenigstens etwas erträglicher. Jedenfalls das, was ich davon noch wusste.

Nach zwei Aspirin und einer grossen Tasse schwarzen Kaffee fühlte ich mich am nächsten Morgen einigermassen überlebensfähig. Ich schaute zum Fenster raus. Der Regen dauerte weiterhin an. Im Wohnzimmer lief der Fernseher nach wie vor und eine leere Flasche Wein lag am Boden. Ich stellte den Fernseher aus.

In der Küche suchte ich nach etwas Essbarem. Es dauerte nicht lange, bis ich auf eine angefangene Tüte Chips stiess. Wann ich diese geöffnet hatte, war mir jedoch unklar. Es musste dienstags oder mittwochs gewesen sein. Ich tippte auf Mittwoch, nahm eine Handvoll Chips und stopfte sie mir in den Mund. Bon Appetit.

8

Am Nachmittag machte ich einen Spaziergang. Die frische Luft tat mir gut und ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Durch die Strassen schlendernd kam ich schliesslich an einen Wald. Schon als Kind war ich immer gerne in den Wald gegangen.

„Pass auf Mike“, schrie meine Mutter mir meistens noch hinterher.

Obwohl ich die Bedeutung dieser Worte verstanden hatte, hatten sie selten ihren Zweck erfüllt. Meistens kam ich mit verdreckten oder sogar zerrissenen Kleidern zurück.

Auch wenn ich mittlerweile erwachsen war und gelernt hatte, meine Kleidung sauber und unversehrt zu halten, ging ich noch immer gerne in den Wald. Was sollte ich bloss mit 37 Millionen anstellen? Was bedeutete das überhaupt, 37 Millionen zu besitzen?

In meinem Leben fehlte eigentlich nichts. Hauptsächlich deshalb, weil ich bald einen neuen Fernseher geliefert bekam. Das Neueste vom Neuesten. Sollte ich mir eine neue Wohnung suchen? Oder gleich ein eigenes Haus kaufen? Ich wusste es nicht. Mein Leben war im Grossen und Ganzen gut, so wie es war. Daran wollte ich auch so schnell nichts ändern. Ich hatte eine liebevolle Freundin, einen festen Job und ein Hobby.

Ich bemerkte, dass es aufgehört hatte zu regnen und zog die Regenjacke aus. Ich begann zu rennen. Fast eine Stunde später war ich dem Joggers High verdächtig nahe und beschloss, mich auf den Rückweg zu machen.

Der Weg führte mich an einer Pizzeria vorbei. Mein Magen knurrte, denn ich hatte heute noch nichts Nahrhaftes gegessen. Ich bestellte eine Pizza proscutto e funghi. Hatte ich nicht schon gestern Pizza? Ich wusste es nicht mehr.

Die Pizza war ganz in Ordnung. Der Boden war etwas zu weich und es hätte mehr Pilze drauf haben können, doch ansonsten schmeckte sie nicht schlecht. Die Pilze waren frisch und nicht aus der Dose. Das war das wichtigste Kriterium. Wie konnte man auch nur Dosenpilze für eine Pizza verwenden? Oder wie konnte man überhaupt auf die Idee kommen, Dosenpilze für irgendetwas zu verwenden? Der Unterschied ist gravierend. Nicht nur der Geschmack ist viel intensiver, sondern auch die Konsistenz beim Kauen. Dennoch verwenden viele Pizzerien nicht die frischen. Als Pizzaiolo würde ich natürlich mit der Haltbarkeit argumentieren, aber dieses Argument zählt für mich als Kunde nicht wirklich.

Ein Bus fuhr mich wieder nach Hause. Vor dem Haus im kleinen Vorgarten traf ich den halbsenilen Herrn Klause aus dem Erdgeschoss an, der gerade im Garten die Blumen goss. Wir grüssten uns stumm mit einem nicht sichtbaren Nicken.

In der Wohnung zog ich meine Schuhe aus, tauschte meine Jeans gegen eine Trainingshose und lief in die Küche. Mit einer Packung Kekse ging ich ins Wohnzimmer, trat in eine herumliegende Pizzaschachtel (Ich hatte gestern also doch Pizza!) und warf mich aufs Sofa vor den Fernseher.

9

Am Montag war Ben zurück im Call Center. Er hatte zwei Wochen Urlaub gehabt und sein Teint war nun nicht mehr Milchschokolade, sondern Zartbitter. Es war schön, ihn wieder zu sehen. Nachdem er mich informiert hatte, wie gross die Drinks, wie überteuert das Essen und wie gutaussehend die Frauen waren, im Durchschnitt eine Acht auf einer Skala von eins bis zehn, wurde dann doch noch etwas gearbeitet.

Ich erhielt eine neue Liste mit Fragen und Anweisungen. Wie immer mussten die Anweisungen genauestens befolgt werden. Auf drei langen Seiten war festgehalten, wie wichtig die Studie war und dass man die Fragen in derselben Reihenfolge mit den exakt gleichen Wörtern wie auf dem Fragebogen vorzulesen hat. Der Bund erhob diesmal eine Studie über die Küchenverhältnisse am Arbeitsplatz.

„Wie gross schätzen Sie ungefähr die Mikrowelle?“

„Ich würde sagen normale Grösse.“

„Wären Sie so freundlich eine Schätzung abzugeben?“

„In Metern?“

„Hat denn die Mikrowelle Meter?“

„Nein, wäre das nicht etwas gross für eine Mikrowelle?“

„Ich denke schon.“

„Sie denken schon? Sie sind doch Experte? Sagen Sie mir, ist eine Mikrowelle mit Metergrösse nicht etwas gross?“

„Doch, das nehme ich an, aber ich bin kein Mikrowellenexperte. Ich arbeite lediglich für das Bundesamt für Statistik.“

Ich kreuzte 40cm x 30cm x 30cm für den Innenraum an.

10

Montagabend war Hanna-Abend. Ich ging zu ihr. Sie musste montags nie arbeiten und wartete deshalb schon bei sich zuhause. Ich erzählte ihr von der neuen Studie über die Küchenverhältnisse am Arbeitsplatz. Hanna hörte interessiert zu. Wie sie das auch immer anstellen mochte, das Interesse schien echt zu sein. Dafür hatte sie meine grösste Achtung.

Ich war müde von der Arbeit und beschloss, ein Bad zu nehmen. Im Badezimmer liess ich das Badewasser in die Wanne ein. Nach einigen Sekunden begann das Wasser warm zu werden, bis ich meine Hand schliesslich zurückziehen und die Temperatur kälter einstellen musste, weil es zu heiss war.

Ich zog meine Kleider aus. Sachte stieg ich ins warme Wasser. Mein Körper musste sich noch etwas an die Temperatur gewöhnen. Nach einer Weile ging es jedoch schon wesentlich besser. Ich lag in der Wanne, atmete langsam ein und aus und fühlte mich gut. Meine Augen schlossen sich. Ich hatte 37 Millionen gewonnen.

11

Irgendwann musste ich es Hanna sagen. Wann genau der richtige Zeitpunkt dafür war, wusste ich nicht, doch ich führte sie am Tag darauf in ein edles Restaurant aus. Bereits bei der Reservation bestellte ich unsere Menüs. Das sollte mir einen ungestörten Moment für die erfreuliche Botschaft verschaffen.

Bei der Vorspeise schaute mich Hanna erwartungsvoll an, also platzte ich mit den Neuigkeiten heraus. Sie hatte wohl bemerkt, dass etwas los war, denn wir gingen selten Essen und wenn, dann nicht an einem Arbeitstag. Zudem war das Restaurant weit über meiner Gehaltsklasse.

Aufgeregt erzählte ich ihr vom Lottoschein, von der Kioskverkäuferin und der Gewinnbestätigung der Lotteriegesellschaft. Sie freute sich, aber sie schien dem Ganzen nicht recht zu trauen. Dennoch feierten wir mit Champagner und Sex, jedoch nur eines davon im Restaurant.

12

Wie fühlt man sich wohl mit 37 Millionen auf dem Bankkonto? Ich jedenfalls fühlte mich nicht besonders. Als ich im Büro ankam, zitierte mich mein Chef zu sich und bestätigte mir auch gleich, dass ich nichts Besonderes war.

Ungefähr einmal pro Woche musste mein Chef seiner schlechten Laune freien Lauf lassen und holte sich jeweils einen Mitarbeiter (männlich, natürlich nie Lynn) ins Büro. Uns kam es ein wenig wie russisches Roulette vor. Man wusste nie, wer an der Reihe war. Diesmal hatte ich das Vergnügen.

Als ich aus dem Büro des Chefs kam, sah mich Karl mit einem bemitleidenden Gesichtsausdruck an. Was für eine Arschgeige. Ich meinte Karl, nicht den Chef. Obwohl den ebenfalls. Genau genommen meinte ich beide. Ich lief am Schreibtisch von Lynn vorbei. Sie blickte auf und sagte nur trocken:

„ Der Chef?“

„Ja, der Chef“.

Dieses Gespräch war das Highlight meines Tages.

13

Es dauerte keinen Monat, bis der Gewinn auf meinem Konto war. Dazwischen lagen einige Telefonate und unzählige Formulare, die mir den Alltag erschwerten. Im Büro nahm alles seinen gewohnten Lauf, was ich momentan begrüsste, denn für zusätzlichen Stress hätte ich in dieser Zeit keine Nerven gehabt.

Das Opfer in den darauffolgenden Wochen würde Ben sein und das würde in nächster Zeit sicherlich so bleiben. Meiner Einschätzung nach könnte es noch Monate dauern, bis sich das ändert. Der Grund war folgender ...

Der Chef hatte uns versammelt, um ein neues Projekt vorzustellen. Er hatte sogar eine Power Point Präsentation gemacht, was er lieber hätte sein lassen sollen. Auf einer seiner Folien hatte er „Dämon“ statt „Damen“ geschrieben. Er hatte das „a“ mit dem „ä“ und das „e“ mit dem „o“ vertauscht. Die Verwechslungsgefahr sei hoch, flüsterte Ben Karl daraufhin grinsend zu, leider so laut, dass es der ganze Saal hörte. Nun grinsten alle.

Das Unglück war aber nicht gewesen, dass der Chef mitbekommen hatte, was Ben gesagt hatte, obwohl das bestimmt schon genug Schaden angerichtet hätte, sondern dass er deswegen seinen Sprechtext vergessen hatte und hochrot anlief. In der peinlichen Stille konnten wir alle unser Lachen kaum unterdrücken, was das Desaster komplett machte. Bloss nicht den Boss anschauen, denn sonst könnte ich das Lachen nicht mehr zurückhalten. Doch wohin sollte ich sonst schauen?

Einzig Lynn verzog keine Miene, was verständlich war. Ihre Distanziertheit machte sie nur noch attraktiver. In diesem Moment schien sie unnahbarer und zugleich anziehender als sonst. Ich hatte also die Wahl, Lynn anzustarren, was sie bestimmt bemerken würde, oder den Chef auszulachen. Ich entschied mich für das kleinere Übel, den Chef.

14

Hanna half mir mit den ganzen Papieren. Der formelle Krimskrams lag mir nicht. Ich hatte keine Ahnung, was ich wo unterschreiben und wohin retournieren musste. Ohne Hanna wären die Formulare wochenlang herumgelegen, weil ich keine Lust dazu hatte, aber irgendwie musste ich mein TV-System ja bezahlen, das inzwischen angekommen war. Mit den neuen Möglichkeiten machte „Stranger Things“ noch mehr Spass. Besonders der Ton mit seinem voluminösen Bass war aufregend.

Die Tage und „Stranger Things“ vergingen wie im Flug. Nach der Arbeit und dem formellen Krimskrams war ich jeweils sehr erschöpft. Selbst das Warten auf neue Dokumente, Antwortmails oder dann schlussendlich das Geld war ermüdend. Ich vegetierte währenddessen meistens mit einem Bier in der Hand auf dem Sofa.

Hanna, die sich zwar ebenfalls erschöpft fühlte, konnte mit der Müdigkeit wesentlich besser umgehen. Sie half mir durch die Tage, indem sie mir Kugelschreiber reichte, die Lautstärke des Fernsehers managte, etwas Essbares herzauberte oder mich konstruktiv anschrie, damit ich vorwärts kam. Ab und zu holte sie mir auch ein Bier oder kraulte mich am Rücken. Diese Gesten schätzte ich sehr.

Als das Geld dann endlich auf meinem Konto ankam und ich alle staatlichen Abgaben bezahlt hatte, fühlte ich mich wie ein Bauer im Mittelalter. Viel schuften, damit ich den Grossteil wieder abgeben konnte. Zugegeben, ein millionenschwerer Bauer. Die Steuern waren allerdings riesig.

Unsere Freude konnte das hingegen nicht trüben. Wir entschieden uns, im kleinen Kreis zu feiern, sprich Hanna und ich. Wir bestellten gutes Essen, was wir die letzten zwei Tage bereits getan hatten, und tranken noch besseren Wein. Dazu schauten wir selbstverständlich „Stranger Things“.

Da wir sehr müde waren, genügte das unserer Vorstellung von einer Feier. Schliesslich schliefen wir weintrinkend ein. Morgens um zwei Uhr wurden wir auf dem Sofa wach. Im Halbschlaf schleppten wir uns ins Bett, wo wir unsere Träume fortsetzten.

15

Plötzlich weckte mich ein schrilles Geräusch. Ich drehte mich zur Seite und schaute auf den Wecker. Es war 12 Minuten nach neun. Ich sollte bereits seit einer Stunde wach sein, doch selbst dann wäre ich noch eineinhalb Stunden zu spät.

Mein Kopf brummte. Ich drehte mich zurück und schlief wieder ein. Ah ja stimmt, wir hatten zum Abschluss des Vortages ein oder zwei Flaschen Wein getrunken. Es waren drei, um genau zu sein, die sich aber anfühlten wie mindestens vier. Nicht das ich wüsste, wie sich vier Flaschen Wein anfühlten.