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In Russland verschwinden Dutzende Atombomben, die so klein sind, dass sie in einen Koffer passen. Der Terrorist Waylon McCabe will sie zeitgleich in den Metropolen der Welt zünden. Nur ein Mensch hat McCabe je zu Gesicht bekommen und könnte ihn stoppen: Samuel Carver, Berufskiller. Das Problem: Carver lebt seit Jahren in einem Sanatorium. Er hat den Verstand verloren ...
Treffsicherer Action-Thriller für Fans von James Bond, Jason Bourne, Clive Cussler oder Lee Child.
Samuel Carvers nächster Auftrag: Assassin.
beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Tom Cain bei beTHRILLED
Über dieses Buch
Über den Autor
Titel
Impressum
Vorwort: Das sind die Tatsachen ...
Prolog: März 1993
1
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3
Fünf Jahre später: Januar 1998
Februar
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Karfreitag
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Karsamstag
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Ostersonntag
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Danksagung
Die Samuel-Carver-Reihe:
Band 1: Target
Band 2: Survivor
Band 3: Assassin
Band 4: Collateral
Band 5: Collapse
In Russland verschwinden Dutzende Atombomben, die so klein sind, dass sie in einen Koffer passen. Der Terrorist Waylon McCabe will sie zeitgleich in den Metropolen der Welt zünden. Nur ein Mensch hat McCabe je zu Gesicht bekommen und könnte ihn stoppen: Samuel Carver, Berufskiller. Das Problem: Carver lebt seit Jahren in einem Sanatorium. Er hat den Verstand verloren ...
beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung!
Tom Cain ist Journalist und wurde für seine Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet. Er hat jahrzehntelang für bekannte Zeitungen und Zeitschriften in den USA und Großbritannien geschrieben und als investigativer Journalist über Finanzskandale an der Wall Street berichtet. In seinen Action-Thrillern um den fiktiven ehemaligen Geheimagenten Samuel Carver kombiniert er packende Spannung mit realen Ereignissen wie den Tod von Prinzessin Diana oder die Finanzkrise um die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers.
Tom Cain
Survivor
Thriller
Aus dem Englischen von Angela Koonen
Digitale Erstausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2008 by Tom Cain
Titel der englischen Originalausgabe: »The Survivor«
Originalverlag: Bantam Press
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2009/2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Guter Punkt GmbH Co. KG
unter Verwendung von Motiven © OSTILL/iStock/Getty Images Plus; aga7ta/iStock/Getty Images Plus; alptraum/iStock/Getty Images Plus; Vladimir18/iStock/Getty Images Plus;
eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 978-3-7517-1749-6
www.be-thrilled.de
www.lesejury.de
Am 6. September 1997 wurde die Prinzessin von Wales auf einer Insel im Oval Lake bei Althorp, ihrem Heimatort, zu Grabe getragen.
Am 7. September 1997 trat General Alexander Lebed, vormals Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation unter Präsident Jelzin, im amerikanischen Fernsehen in der abendlichen Nachrichtensendung 60 Minutes auf. Er enthüllte, dass seine Regierung über den Verbleib vieler leichter Kernwaffen, auch Kofferatombomben genannt, nicht mehr Bescheid wisse.
»Von vermutlich zweihundertfünfzig Waffen sind über hundert nicht mehr im Besitz der russischen Streitkräfte«, sagte Lebed. »Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich weiß nicht, ob sie vernichtet wurden oder ob sie irgendwo lagern, ob sie verkauft oder gestohlen wurden. Ich weiß es nicht.«
Am 23. Februar 1998 veröffentlichte Osama bin Laden in der in London erscheinenden Zeitung Al-Quds Al-Arabi eine Kriegserklärung gegen die, wie er es nannte, »Allianz der Kreuzzügler und Zionisten«. Bin Laden erklärte darin: »Die Verbrechen und Sünden der Amerikaner sind eine eindeutige Kriegserklärung an Gott, seinen Boten und die Muslime ... Auf dieser Grundlage und in Übereinstimmung mit Gottes Ordnung geben wir für alle Muslime folgende Fatwa heraus: Die Entscheidung, die Amerikaner und ihre Verbündeten – zivile und militärische – zu töten, ist die Pflicht eines jeden Muslim, und er kann es in jedem Land tun, wo es möglich ist.«
Am 20. Oktober 1999 schloss das FBI das Projekt Megiddo ab, eine Langzeituntersuchung über christlich-fundamentalistische Sekten, die »glauben, das Jahr 2000 werde das Ende der Welt einleiten, und die bereit sind, zu dessen Herbeiführung Gewaltakte zu begehen«. In dem Abschnitt über »Weltuntergangssekten« steht, dass »viele Extremisten sich als religiöse Märtyrer verstehen, deren Pflicht es ist, die kommenden Kämpfe gegen Satan zu initiieren oder daran teilzunehmen«. Der Bericht stellt ebenfalls fest, es gebe »in der Christenheit keinen Konsens über das genaue Datum, an dem der Weltuntergang stattfinden wird. Jedoch besteht in vielen rechtsgerichteten religiösen Gruppen die einheitliche Überzeugung, dass er naht«.
So weit die Tatsachen.
Alles andere in diesem Buch ist reine Fiktion.
Der Flughafenmechaniker war gut eins achtzig groß, und der Körper in dem Overall und der wattierten Schlechtwetterweste war schlank und athletisch. Die tiefe Falte, die seine kräftige dunkle Stirn teilte, deutete entschlossene Zielstrebigkeit an, und seine klaren grünen Augen drückten eine ruhige, kühle Intelligenz aus. Über den kurzen braunen Haaren trug er eine wollene Strickmütze. Die untere Gesichtshälfte verbarg sich hinter einem Bart.
Er hatte ein Schild an der Brust. Darauf stand der Name Steve Lundin.
Das Schild war falsch. Der richtige Name des Mechanikers war Samuel Carver.
In dem Hangar blickte niemand auf, als Carver an dem Geschäftsflugzeug die hintere Einstiegsluke öffnete und sich in den Wartungsschacht hinaufzog, um die übliche Inspektion vor einem Abflug durchzuführen.
Dieser Teil des Rumpfs war während des Flugs nicht erreichbar. Niemand würde eingreifen können, falls dort etwas passierte. Womit man allerdings auch nicht rechnete. Er war mit hässlichen, aber zweckmäßigen Dingen ausgefüllt, wie der Keller eines Gebäudes. Da waren zum Beispiel haufenweise Kabelbäume und Hydraulikleitungen, die Höhen- und Seitenruder bedienten, der Hydraulikspeicher, aus dem die Flüssigkeit durch das System gepumpt wurde, die Rohre, die die heiße Luft von den Motoren in die Heizanlage transportierten. Nichts davon war besonders interessant oder im Geringsten aufregend, es sei denn natürlich, etwas funktionierte nicht.
Es waren die Heißluftrohre, an die Carver heranwollte. Sie waren mit einer dicken silberfarbenen Verkleidung umwickelt, die mit Plastikklammern zusammengehalten wurde, und bildeten mittels Ventilen und Verzweigungen ein Netz, das einem häuslichen Wasserleitungssystem ziemlich ähnlich war. Er machte sich an den Plomben zu schaffen und lockerte die Verbindungen, damit die heiße Luft entweichen konnte. Die Stelle war kaum eine Handbreit vom Hydraulikspeicher entfernt.
Als Carver die Luke hinter sich geschlossen hatte und wegging, war das Schicksal des Flugzeugs besiegelt.
In der Passagierlounge lief ein Fernseher. Der CNN-Reporter, der vor einer ausgebrannten Kirche stand, hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
»Wir können Ihnen nicht zeigen, wie es in diesem rauchenden Leichenhaus hinter mir aussieht«, sagte er, und ein starkes Mitgefühl färbte seinen irischen Akzent. »Der Anblick ist zu schrecklich. Da liegen die verkohlten und verstümmelten Leichen von vierhundert unschuldigen Frauen und Kindern. Überall riecht es nach verbranntem Fleisch.
Während westliche Politiker den Blick von dieser unbedeutenden Ecke Westafrikas abwenden, hat sich der seit zehn Jahren andauernde Bürgerkrieg in einen Völkermord verwandelt. Die Rebellen, die diesen brutalen Feldzug inszenieren, sind besser ausgebildet und ausgerüstet als je zuvor. Die Anführer beweisen ein Maß an Organisation und strategischer Planung, das man bisher von ihnen nicht kannte. Irgendwie und irgendwoher haben diese gnadenlosen Mörder neue Mittel und neue Sachkenntnis erlangt. Und während die wenigen Überlebenden des Dorfs ihre Angehörigen unter den Toten suchen, stellt sich eine Frage: Wer sind die Unterstützer der Rebellen? Denn wer immer sie sind und aus welchen Gründen sie das tun, sie haben das Blut eines ganzen Volks an den Händen.«
»Scheiße, der Junge ist ein verwichster Komiker!«
Waylon McCabe schlug sich auf den Oberschenkel und sah die anderen drei Männer in dem Raum an. Die meiste Zeit blickten seine harten, heimtückischen Augen aus Schlitzen zwischen den Runzeln seiner ledrigen Haut hervor, die sich permanent gegen die unbarmherzige Sonne seiner Heimat Texas zusammenzuknittern schien. Jetzt, wo er mit seinen Leuten ein bisschen entspannte, machte er die Augen etwas weiter auf.
»Mann, der heult bestimmt gleich los, nur um zu zeigen, wie betroffen er ist. Dabei möchte ich wetten, dass ihm der Haufen toter Nigger genauso am Arsch vorbeigeht wie mir. Der denkt doch nur an sich, an die Preise, die er einheimsen kann, weil er so ein Menschenfreund ist – he, der könnte fast mehr Geld aus diesem Krieg rausschlagen als ich.«
»Also, das bezweifle ich aber, Boss«, sagte einer der anderen und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Molson Canadian.
»Na, ich weiß nicht, Clete«, widersprach McCabe grinsend. »Sicher, meine Diamanten werden sich besser verkaufen. Aber du musst die Kosten sehen. Der braucht nicht für Waffen, Munition und Ausbilder für diese Eingeborenen zu blechen ... Wirf mir mal 'n Bier rüber, bevor ich verdurste.«
McCabe war weit über sechzig, aber trotz seines faltigen Gesichts war er zäher und hatte mehr Energie als viele Männer, die nur halb so alt waren wie er. Die vergangenen drei Tage hatte er am Nordufer des Yukon und im nordwestlichen Yukon-Territorium verbracht. Von dort bis zum Nordpol gab es praktisch nur noch Eis. Jetzt saß er in einem Privatraum im Terminal des Mike Zubko Airports bei Inuvik und wartete auf das Flugzeug, das ihn heimbringen würde.
Er versuchte zu entscheiden, ob er seinem Gefühl folgen sollte, dass es in der Region beträchtliche Ölvorkommen gab. Alle großen Ölgesellschaften hatten sich aus der Gegend zurückgezogen. Öl war billig, die Förderung teuer, und die hiesigen Eskimos – Waylon McCabe würde sie ganz bestimmt nicht Inuit nennen, und wenn sie deswegen beleidigt waren, konnten sie ihn mal am Arsch lecken – wurden allmählich anmaßend, weil ihre Stammesgebiete geplündert wurden. Nach Meinung der Ölgesellschaften war das den Ärger nicht wert.
McCabe sah sich auf der Welt um, wo das ganze Öl war und wo der ganze Ärger war, und er stellte fest, wo das eine war, war auch das andere. Früher oder später waren die Vorräte zwischen den Turbanträgern im Nahen Osten und den Kommunisten in Südamerika bedroht. In der Zwischenzeit gab es Milliarden Chinesen und Inder, die Autos kauften und Fabriken bauten, sodass die Nachfrage nur steigen konnte. Steigende Nachfrage und unsichere Versorgung bedeuteten hochschnellende Preise, und bei den Ölfeldern, die jetzt als unbedeutend galten, würde sich die Ausbeutung plötzlich lohnen. Wen würde es dann noch kratzen, was ein Haufen Robbenjäger davon hielt? Ein paar Scheine in die richtigen Hände gedrückt, und das Problem war gelöst. Und wer sich weigern würde, das Geld anzunehmen, würde bald feststellen, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte.
Es klopfte an der Tür, und Carver kam herein. Sein sonst so lässiger Gang war verschwunden. Stattdessen benahm er sich vorsichtig und wirkte zögerlich und nervös. Es schien, als fühlte er sich unwohl in Gegenwart eines so reichen und mächtigen Mannes wie McCabe.
»Der Flieger ist durchgecheckt, aufgetankt und startbereit«, sagte er. »Nehmen Sie 's mir nicht übel, Sir, wenn ich das sage, aber Sie sollten sich besser gleich auf den Weg machen. Ein Unwetter zieht auf.«
McCabe nahm das mit einem schroffen Nicken zur Kenntnis und ließ den Mann wieder gehen.
Carver blieb kurz in der Tür stehen, was niemand bemerkte oder bemerkenswert fand.
»Guten Flug, Sir«, sagte er.
Das Flugzeug sollte die Route von Inuvik nach Calgary nehmen, das im Südosten lag, drei Stunden und vierzehnhundert Meilen weit weg, von denen die meisten durch gebirgige Wildnis führten.
In dem Augenblick, als die Motoren gestartet wurden, begann die Luft aus dem Rohr zu entweichen. Temperatur und Druck stiegen an. Die Hitze wurde direkt auf den Hydraulikspeicher gerichtet, der mit sehr empfindlicher, leicht entzündlicher Flüssigkeit gefüllt war. Während die Minuten vergingen und das Flugzeug über dem Selwyngebirge bis zu seiner Flughöhe von etwa dreißigtausend Fuß stieg, wurde die Flüssigkeit immer heißer. Als es etwa vierzig Minuten von Inuvik entfernt war, erreichte die Temperatur einen kritischen Punkt, und der Speicher platzte mit einer Wucht, die das ganze Heck erschütterte. Die Außenhaut war stark genug, um dem Druck standzuhalten, aber von der brennenden Flüssigkeit aus suchten sich die Flammen gierig Nahrung in der Plastikummantelung der Kabel, in den Leitungssystemen, in der Verkleidung der Luftrohre – in jedem brennbaren Material.
Durch das Dröhnen der Motoren und die ständigen Luftturbulenzen war die Explosion im Passagierraum weder zu hören noch zu spüren. Das Erste, was dem Piloten auffiel, war das Aufblinken der Warnleuchte. Im hinteren Wartungsschacht musste ein Feuer ausgebrochen sein. Sein nächster Gedanke war, dass er nichts tun konnte, um es zu löschen. Von da an blieben ihm maximal sieben oder acht Minuten, bis sich die Flammen durch das Steuerungssystem zum Seiten- und Höhenruder durchgefressen haben würden.
Als McCabes Jet vom Boden abhob, stieg Carver in den drei Jahre alten Ford F-250 Pick-up Heavy Duty, den er vor zwei Wochen in Skagway in Alaska bar gekauft hatte, und fuhr zur nächsten Tankstelle. Im Waschraum rasierte er sich Steve Lundins Bart ab und zog den Overall aus. Draußen warf er ihn in einen Müllcontainer. Dann wendete er nach Süden und nahm den Dempster Highway. Nach kurzer Zeit hörte der Asphalt auf. Während der nächsten vierhundertfünfzig Meilen, die über den Polarkreis, durch zwei Zeitzonen, über fünf Flüsse und quer durch mehrere Gebirge führten, würde er nur Schiefer und Kies unter den Rädern haben.
Solche Dinge bekam man in Inuvit erzählt, da die überwältigende Größe des Gebiets und die unglaubliche Einsamkeit der ganze Stolz der Region waren. Das Yukon-Territorium allein war fast so groß wie Spanien, wurde aber nur von dreißigtausend Menschen bewohnt. Gegen die angrenzenden Nordwest-Territorien war Yukon jedoch so beeindruckend wie ein Vorstadtgarten. Die vierzigtausend Einwohner waren über eine Fläche verteilt, die größer war als Spanien, Frankreich, Holland, Belgien und England zusammen.
Carver hörte nur zu gern diesen prahlerischen Reden zu. Er mochte Fakten. Er fand ihre Verlässlichkeit beruhigend. In einer Welt voller Kompromisse, Betrügereien und unberechenbarer Emotionen stellten sie nicht verhandelbare Größen dar. Sie lenkten ihn von den Gedanken ab, die an seinem Gewissen nagten, wenn er sich vorstellte, wie die anderen Leute in dem Flugzeug zusammen mit Waylon McCabe sterben würden. Carver war an das Prinzip des Kollateralschadens gewöhnt. Er sah ein, dass mit den Schuldigen oft auch Unschuldige sterben mussten. Er verstand auch die Rechnung, wonach es besser war, wenn eine Hand voll Menschen bei einem Flugzeugabsturz starben, als wenn Hunderttausende bei einem Völkermord ausgelöscht wurden. Er konnte sich sogar einreden, dass die Leute, die für Waylon McCabe arbeiteten, wahrscheinlich wussten, was er tat und welchen Gewinn er damit machte. Aber für Carver hieß das nicht, dass er sich bei dem Ganzen wohlfühlen musste.
Seine geheimen Auftraggeber, die sich das Konsortium nannten, wären über seine prinzipiellen Bedenken nicht erfreut gewesen. Sie betrachteten sich als moralische Wächter in einer unmoralischen Welt, die jedes Unrecht bestraften, vor dem Politiker und Polizisten kapitulierten, weil ihnen durch Gesetze die Hände gebunden waren. Die McCabe-Sache war Carvers dritter Auftrag gewesen. Er war Offizier der Royal Marines gewesen, beim Special Boat Service, einer absoluten Elitetruppe, und hatte aus Abscheu vor der Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen den Dienst quittiert. Die Diktatoren, gegen die er und seine Männer gekämpft hatten, waren noch an der Macht. Die Terroristen wurden wie Staatsmänner behandelt. Die Drogen-, Waffen- und Menschenhändler waren für ihr Tun nicht bestraft worden.
Er konnte einen Menschen von Angesicht zu Angesicht töten, mit einer Schusswaffe, mit einem Messer oder mit bloßen Händen. Doch seine Auftraggeber bevorzugten feinere Methoden, die sich problemlos abstreiten ließen. Darum lieferte Carver ihnen Unfälle wie diesen, den er soeben für Waylon McCabe vorbereitet hatte.
Der Pilot hatte die Motoren abgeschaltet, um die Ausbreitung des Feuers zu verlangsamen. Das einzige Geräusch war das schaurige Rauschen der Luft draußen. Die Stewardess, die auf ihrem Klappsitz saß, biss sich auf die Lippen und gab sich alle Mühe, ihre aufwallende Angst zu unterdrücken, was ihr aufgrund der Ausbildung und ihres beruflichen Stolzes so gerade eben gelang. Sie strich sich mit knappen, beiläufigen Handbewegungen den Rock glatt, sodass man meinen konnte, sie sei sich dessen kaum bewusst. Doch da sie die ganze Passagierkabine überblicken konnte, sah sie als Erste den Rauch, der sich durch Lüftungsschlitze, Boden- und Wandfugen hereinwand wie eine geisterhafte Schlangenplage. Der Rauch war schmutzig gelb und braun durchsetzt, ein Chemikaliencocktail, den die brennenden Materialien im Heck absonderten. Nach und nach fingen die Passagiere an zu husten und zu würgen.
»Sauerstoffmasken ...!«, krächzte die Stewardess. Sie zwang das Wort zwischen zwei mühsamen Atemzügen hervor, während sie mit den Fäusten gegen die Tür des Cockpits hämmerte. Der Kopilot drehte den Kopf, roch den Rauch und drückte sofort auf den Schalter, der die Klappen über den Passagiersitzen öffnete und die Atemmasken herausfallen ließ. Dann legte die Crew sich die Masken an. Sie funktionierten gut. Die Passagiere hatten nicht so viel Glück.
Es gab sechs Sitze in der Kabine, dazu den Klappsitz des Flugbegleiters, also insgesamt sieben Masken. Eine fiel überhaupt nicht aus ihrem Fach, zwei andere fielen heraus, gaben aber keinen Sauerstoff ab. Blieben noch vier Masken für fünf Leute, und so begann eine wilde Jagd auf die zwei leeren Sitze.
Die Maske der Stewardess funktionierte, auch die von McCabe. Er hatte eine Menge Mist eingeatmet, bis er das Ding aufgesetzt hatte, aber schließlich atmete er süßen reinen Sauerstoff, und das Würgen in seiner Brust ließ nach.
Drei Männer hasteten schreiend und hustend durch den dichter werdenden Rauch und suchten verzweifelt nach einer Stelle mit sauberer Luft. Einer konnte sich durch Tritte und Stöße einen Sitz mit funktionierender Sauerstoffmaske erobern. Ein anderer sank unter der Wirkung des Rauchs in die Knie und tat seine letzten Atemzüge, dann brach er im Gang tot zusammen.
Der Dritte hatte endlich eine funktionierende Maske gefunden, doch sein Gehirn schien den Fingern nicht mehr die nötigen Befehle erteilen zu können, denn er fummelte nutzlos an den elastischen Riemen, ohne sie sich über den Kopf ziehen zu können. Dann hustete er so heftig, dass er Blut spuckte und roter Schaum aus seinem Mund quoll. Schließlich keuchte er nur noch, und dann bewegte auch er sich nicht mehr.
Derweil fiel das Flugzeug dem Boden entgegen, der Wind heulte und rüttelte an dem Rumpf, die Kabel, die die Höhenruder steuerten, wurden vom Feuer verzehrt.
Die Crew war zu beschäftigt, um Angst zu haben. Draußen war kaum ein Licht zu sehen. Die Berge, die sie im Sinkflug überquerten, waren nur als schwarze Silhouetten zu erkennen, die sich vor dem dunkelblauen Horizont abzeichneten. Das Flugzeug war jetzt siebentausend Fuß über dem Meeresspiegel, knapp fünftausend Fuß über dem tiefsten Punkt der Region, was ihnen höchstens zehn Meilen Spielraum gab, und es ging immer weiter nach unten. Sie ließen den gesamten Treibstoff ab, um das Gewicht zu verringern und das Feuer einzudämmen. Sie hatten das Fahrwerk ausgeklappt. Sie brauchten nur noch einen Landeplatz. Dann wurde ein einzelner schwacher Lichtschein von einer Eisfläche reflektiert, und sie erkannten vor sich einen zugefrorenen See.
Er sah aus wie eine riesige Brille. Zwei große, freie Flächen an beiden Enden bildeten die Gläser, die ein gebogener Kanal miteinander verband. Genau in der Mitte des westlich gelegenen Sees befand sich eine Insel. Doch sie flogen noch zu hoch und würden darüber hinausschießen.
Der Pilot brummte eine Reihe von Kraftausdrücken in seine Atemmaske und führte das Flugzeug in den Sturzflug. Er hatte eigentlich in einem flachen Gleitflug hinunterkommen wollen. Jetzt musste er wie ein Sturzbomber zu dem See hinunterschießen, im letzten Moment hochziehen und beten, dass die Leitungen den Zug aushielten.
Das Flugzeug sauste auf den See zu, bis im Blickfeld des Cockpits nur noch Eis zu sehen war.
Jetzt waren sie über der ersten runden Seefläche und noch fünfhundert Fuß hoch. Der Pilot zog mit einem Ruck den Steuerknüppel zurück, damit sich die Höhenruder hoben, und riss den Jet aus dem Sturzflug.
Im hinteren Wartungsschacht waren die Kabel, die den Piloten mit den Ruderflächen verbanden, bis auf die Drahtstränge verbrannt, und die Forderung nach mehr Hub erhöhte deren Spannung.
Die Nase wollte nicht hochkommen. So würden sie ins Eis krachen.
Die Drähte fingen an, sich aufzudröseln.
Das Eis war nur noch hundert Fuß unter ihnen.
Und dann endlich hob sich der Jet aus dem Sturzflug, und der Winkel wurde flacher. Genau in diesem Augenblick rissen die letzten Kabelstränge durch, das Höhenruder war nicht mehr zu steuern, und das Flugzeug fiel die letzten fünfzig Fuß in einer dramatischen Bauchlandung auf die Eisdecke, sodass das Fahrgestell brach und der Rumpf wie ein Eishockeypuck über den See schlitterte.
Irgendwie fand es einen Weg über den gekrümmten Verbindungskanal zwischen den beiden Seehälften. Die Wucht des Aufpralls hatte die Stewardess von ihrem Klappsitz katapultiert, sodass sie ohne Sauerstoffmaske hilflos zwischen den Sitzen entlang durch die Kabine flog, bis sie gegen die Rückwand schlug und reglos am Boden liegen blieb.
Waylon McCabe dachte nur ans eigene Überleben. Er war heil am Boden angekommen, und das nahm er als gutes Zeichen.
Dann stieß die Spitze der linken Tragfläche gegen die felsige Oberfläche der Insel, die aus dem See ragte. Der Flügel wurde weggeschoren, und das Flugzeug drehte sich dadurch in eine andere Richtung.
In der Mitte einer kleinen Bucht stieß es ans Ufer, preschte den vereisten Strand hinauf, bis der Backbordflügel gegen einen Felsbrocken stieß und abriss, sodass der Rumpf wie ein Pfeil zwischen Felsblöcken und Bäumen hindurchschoss, wo er eine breite Schneise in den tiefen Schnee zog und junge Bäume niederwalzte. Schließlich prallte er frontal gegen eine dicke alte Kiefer.
Der Aufprall erfolgte nicht genau in der Mitte, sondern auf der Seite des Piloten. Der wurde zerquetscht wie eine Fliege an der Windschutzscheibe, als seine Hälfte des Cockpits zusammengedrückt und der Rumpf ein Stück weit aufgerissen wurde. McCabes letzter noch lebender Begleiter wurde mit seinem Sitz nach draußen geschleudert und zwanzig Meter entfernt von einem Ast aufgespießt.
Der letzte noch unbeschädigte Teil des Flugzeugs prallte von einem Felsen ab. Die verbliebene Cockpithälfte brach ab und riss den Kopiloten mit, während das größte Stück der Passagierkabine auseinanderknickte wie ein trockener Zweig. Der letzte Rauch entwich in die eiskalte Luft. Und Waylon McCabe sank auf seinem Sitz zusammen. Er war bewusstlos, aber er war am Leben.
Samuel Carvers Zimmer hatte eine Hunderttausenddollaraussicht über das Wasser zu den schneebedeckten Gipfeln, die sich in dicht geschlossenen Reihen jenseits des südlichen Ufers erhoben. Während die Berge fest und unveränderlich erschienen, zeigte der Himmel darüber Licht-, Farb- und Stimmungsvariationen und verdunkelte die herrliche Landschaft, um sie im nächsten Augenblick wieder in Licht zu tauchen. An klaren Tagen konnte man an diesem Fenster stehen und bis zum Mont Blanc sehen. Es war, als brauchte man nur die Hand auszustrecken und könnte die schwarzen Adern berühren.
Aber Carver stand nicht am Fenster. Nachdem er über so viele Menschen den Tod gebracht hatte, war er nun zu einem Leben im Dämmerzustand verdammt, gefangen in einer einsamen Hölle. Er lag im Bett, zusammengekrümmt wie ein Fötus. Das Zimmer war beheizt, doch er zog vor Kälte die Schultern hoch. Es war still, aber er drückte sich die Handflächen auf die Ohren und krallte die Finger in die Haare am Hinterkopf. Das Licht war gedämpft, doch er kniff die Augen fest zu, als würde er geblendet.
Dann begann er sich zu bewegen. Mit einem Ruck streckte er den Rücken, bog ihn durch, warf den Kopf aufs Kissen, riss den Mund auf, um leise zu stöhnen, während seine Arme und Beine zuckten. Das Zucken wurde wilder, das Stöhnen lauter. Bald hatte es sich zu einem Schrei gesteigert.
»Wach auf, wach auf!«
Aleksandra Petrowa fasste ihn bei den Schultern und schüttelte ihn sanft, um ihn aus den Fängen des Albtraums zu befreien. Weil er schon seit Monaten nicht mehr aktiv war, fühlte sich sein Körper kraftlos und schlaff an. Sein Gesicht war runder geworden, die Züge hatten an Schärfe verloren, da die Knochen hinter der aufgeschwemmten Haut verschwanden. Seine Augen waren gerötet und voller Angst.
Die Schreie verebbten und gingen in ein wirres, halb bewusstes Gemurmel über. Dann, als er wach wurde, war alles wie immer: Er richtete sich halb auf, sah sich panisch nach allen Seiten um, entspannte sich langsam wieder und ließ sich auf das Kissen sinken, während sie ihm die Hand streichelte und ihn beruhigte. Schließlich, wie eine mühsame Reaktion, versuchte er ein Lächeln und ein leises Hallo.
Und dann noch ein Wort: »Aliks.«
So hatte Carver sie in den Tagen genannt, die sie zusammen verbracht hatten, bevor er in die Privatklinik am Genfer See eingewiesen worden war. Es war ein Zeichen, dass er sie erkannte und dass er für ihre Gesellschaft dankbar war, wenn er sich auch nicht erinnern konnte, was sie ihm einmal bedeutet hatte. Allerdings wusste er auch nicht, wer Samuel Carver wirklich war, was er getan und was andere ihm angetan hatten.
»Wieder der gleiche Traum?«, fragte sie.
Er kniff einen Augenblick lang die Augen zu, wie um die letzten Fragmente des Schreckens aus dem Kopf zu drängen, dann antwortete er: »Nicht der gleiche Traum, aber das gleiche Ende, wie immer.«
»Kannst du dich diesmal erinnern, was am Anfang des Traums passiert?«
Carver überlegte eine Weile.
»Ich weiß es nicht«, sagte er. Er klang gleichgültig, als würde er die Wichtigkeit der Frage nicht verstehen.
»Versuch es«, beharrte Aliks.
Carver verzog vor Anstrengung das Gesicht.
»Ich war Soldat«, sagte er. »Es wurde gekämpft, in der Wüste ... Dann veränderte sich alles.«
»Wahrscheinlich hast du von etwas geträumt, das du erlebt hast. Du bist früher Soldat gewesen.«
»Ich weiß«, sagte er. »Das hast du mir schon erzählt. Das weiß ich noch.«
Er sah sie an, sein Blick bat um Zustimmung. Zum x-ten Mal versuchte sie sich einzureden, dass der Mann, den sie liebte, noch irgendwo da drinnen war. Sie stellte sich vor, wie die Leere aus seinen Augen verschwand und die leidenschaftliche Schärfe in seinen Blick zurückkehrte, die sie bei ihrer ersten Begegnung gesehen hatte. Sie dachte an die unerwartete Zärtlichkeit in den heimlichen Stunden ihres Beisammenseins, wo sie die Welt draußen ausgesperrt hatten.
Sie waren beide in Paris gewesen, in der Nacht des 31. August 1997, um an demselben Auftrag zu arbeiten. Carver hatte am Ende des Alma-Tunnels gestanden und auf einen Wagen gewartet. Sie hatte als Sozius auf einem Motorrad gesessen und mit der Kamera Blitzlichter auf den Mercedes abgeschossen, um den Mann hinterm Steuer zu noch höherer Geschwindigkeit anzutreiben und ihn dem Tod von Carvers Hand entgegenzuhetzen.
Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie eine Pistole auf ihn gerichtet. Innerhalb von Sekunden hatte er sie auf den Asphalt gedrückt und ihr sein Knie ins Kreuz gestemmt. Eine halbe Stunde später war sie ihm in ein Haus gefolgt, von dem sie wusste, dass er es mit Sprengladungen bestückt hatte und dass sie jeden Moment hochgehen würden, und sie hatte voll und ganz auf seine Fähigkeit vertraut, sie beide lebend wieder hinauszubringen.
Jetzt waren sie in der Schweiz, fast fünf Monate später, zwei Menschen, denen ein schrecklicher Gewaltakt aufgezwungen worden war und die in den wenigen kostbaren Augenblicken gemeinsamen Friedens einen Funken Hoffnung fanden, nicht nur auf Liebe, sondern auch auf ein wenig Erlösung.
Denn Aliks hatte ihre eigenen Geheimnisse. Auf ihrer Reise aus einer der düsteren Provinzen der Sowjetunion in den protzigen Luxus des postkommunistischen Moskau hatte auch sie ihrer Seele geschadet. Wie Carver sehnte sie sich nach Entkommen. Stattdessen klebte die Vergangenheit an ihr, genauso wie an ihm. Sie hatte einen bitteren Preis von ihr gefordert, eine Nacht voller Folter und Blutvergießen, wo Carver so furchtbaren Qualen ausgesetzt war, dass seine Persönlichkeit aus den Verankerungen gerissen wurde. Seine Erinnerungen waren so tief vergraben, dass man sie nicht einfach wieder an die Oberfläche holen konnte.
Aliks hatte sich sogar schon gefragt, ob sie ihn wirklich noch liebte. Wie konnte man einen Menschen lieben, der nicht mehr wusste, wer man war oder was man ihm bedeutet hatte? Sie war sich sicher, dass sie Samuel Carver einmal geliebt hatte. Sie würde ihn immer noch lieben, wenn er bei ihr wäre. Aber war dieser Mann dort auf dem Bett noch Samuel Carver? War er überhaupt noch ein Mann?
Sie beschäftigte sich mit seinen Kissen, schüttelte sie auf, verteilte sie neu, gab vor, es ihm bequem zu machen, aber eigentlich wollte sie sich von dieser Grübelei ablenken und von dem Schuldgefühl, das in ihr hochkam, weil sie diese Überlegungen überhaupt angestellt hatte.
Hinter ihr räusperte sich jemand diskret.
In der Tür stand ein Mann in dunkelgrauem Anzug und Krawatte, die ein so dezentes Muster hatte, dass es fast nicht zu sehen war.
»Kommen Sie bitte«, sagte er.
»Guten Tag, Monsieur Marchand«, sagte Aliks. Sie strengte sich an, sich gerade hinzusetzen und so heiter zu lächeln, wie es ihr trotz Müdigkeit und Anspannung nur möglich war.
Sie sprach Französisch. Das war immerhin ein positiver Aspekt der letzten paar Monate. Sie beherrschte eine dritte Sprache außer Russisch und Englisch, das sie vor zehn Jahren beim KGB gelernt hatte. Dort war sie auch ausgebildet worden, jeden Mann, den sie wollte, für sich zu gewinnen, doch Marchand gab sich immun gegen das, was von ihren alten Kräften noch übrig war. Er war der Leiter der Finanzabteilung der Klinik. Sein einziges Interesse galt den Bilanzen.
»Hätten Sie einen Moment Zeit für mich, Mademoiselle Petrowa?«, fragte er, wobei es ihm gelang, seine ölig servile Höflichkeit mit dem unmissverständlichen Anflug einer Drohung zu versehen. Er wartete, bis sie ihm auf den Flur gefolgt war und Carver sie nicht mehr hören konnte, dann redete er weiter.
»Es geht um Monsieur Carvers Rechnung. Der Betrag für den vergangenen Monat ist bald überfällig. Ich nehme an, da besteht kein Problem. Sie sollten jedoch wissen, dass die Klinik eine Behandlung prinzipiell abbricht, wenn ein Patient seine Rechnung nicht begleichen kann.«
»Ich verstehe das vollkommen«, sagte Aliks. »Das ist kein Problem. Die Rechnung wird beglichen.«
Marchand nickte knapp und ging. Aliks sah hinter ihm her. Erst als er um die Ecke gebogen war, ging sie wieder hinein. Sie ließ sich in den Besuchersessel fallen und stützte den Kopf in beide Hände.
Irgendwo hatte Carver ein Vermögen, die Gewinne aus seinem tödlichen Gewerbe, die auf einem anonymen ausländischen Bankkonto oder in Bankschließfächern versteckt waren. Davon konnte man Marchand noch jahrelang zufriedenstellen, aber nur Carver selbst wusste, wo das Geld war. Und im Augenblick war ihm nicht bewusst, dass es überhaupt existierte.
Immerhin hatte er noch einen Wohltäter. Thor Larsson, der große, dünne Norweger mit den Rastalocken, Carvers Technik- und Computerfachmann und sein engster Freund, hatte Aliks in Carvers Wohnung gelassen. Er hatte die Sanatoriumsrechnungen von dem Honorar bezahlt, das er von Carver bekommen hatte. Aber sein Geld ging zur Neige, und er konnte ihr nichts mehr geben.
Aliks hätte liebend gern etwas dazu beigetragen, aber sie hatte keinen gültigen Ausweis und weder eine Arbeits- noch eine Aufenthaltserlaubnis und somit auch nicht die Möglichkeit, an einen anständigen Job heranzukommen. Zumindest die Tage verbrachte sie an Carvers Seite. Nachts arbeitete sie als Kellnerin in einem schäbigen Bierkeller, dessen Besitzer angesichts der Schweizer Arbeitsbestimmungen nur zu gern ein Auge zudrückte, wenn er willige Einwanderinnen billig beschäftigen konnte. Wie er den jungen Frauen gern entgegenhielt, gab es in der Schweiz keinen gesetzlichen Mindestlohn. Aliks konnte zwar mit den Trinkgeldern über die Runden kommen, aber sie konnte nicht hoffen, Carvers Rechnungen davon zu bezahlen. Nicht solange sie nur als Kellnerin arbeitete.
Lew Jussow war zweiundfünfzig Jahre alt. Westliche Augen hätten ihn jedoch mindestens zehn Jahre älter geschätzt. Er rauchte zu viele filterlose Zigaretten und trank zu viel billigen Wodka. Seine Einraumwohnung war im Sommer stickig und im Winter ungeheizt. Von den Wänden blätterte die Farbe ab, die Fensterrahmen verrotteten. Aber Jussow war nicht schlimmer dran als jeder andere im 12. GUMO.
Den Arbeitern im 12. Glawnoje Uprawlenije Ministerstwo Oborony, in der Zentrale des Verteidigungsministeriums, ging es wie allen Beschäftigten in diesem einst mächtigen Staat. Ihre Löhne waren kläglich, wenn sie überhaupt ausgezahlt wurden. Ihre Lebensbedingungen wurden mit jedem Tag schlechter. In einer Zweigstelle des 12. GUMO war das Personal vor Kurzem in einen Hungerstreik getreten. Es forderte das Geld und die Zulagen, die der Staat seit Monaten schuldig blieb. Sogar die Offiziere begehrten schon auf, weil sie sich ohne Zweitbeschäftigung nicht mehr über Wasser halten könnten.
Die Unzufriedenheit war aus einem sehr einfachen Grund von großer Bedeutung. Das 12. GUMO war für die Verwaltung, Lagerung, Bewachung und Sicherheit von Russlands Kernwaffen verantwortlich. Wenn dessen Beschäftigte in Wut gerieten, konnten sie ernsthafte Probleme verursachen. Und bei Lew Jussow war Wut an der Tagesordnung.
Nach einem Leben im Dienst des Vaterlands war er kaum mehr als eine bessere Archivkraft, saß hinter einem Schalter in einem Provinzdepot und prüfte ein- und ausgehende Papiere, nahm Befehle von Offizieren entgegen, die nicht besser dran waren als er, oder – was noch schlimmer war – von ihren aufgeblasenen Ordonnanzen. Er wusste, dass er in ihren Augen nur ein namenloser alter Kuli war, ein unwichtiger Funktionär, dessen Macht sich darin erschöpfte, dass er seine Kooperation verweigern konnte. Aber diese Macht schöpfte Jussow voll aus.
Wehe, wenn ein Antrag nicht genau so gestellt wurde, wie es die Vorschriften verlangten, oder wenn das Formular nicht korrekt ausgefüllt war. Sein Einfallsreichtum, was Pingeligkeiten, Behinderungen und Gemeinheiten anging, war legendär. Niemand stieg in Jussows düsteres, fensterloses Kellerreich hinunter, wenn es sich vermeiden ließ. Niemand suchte seine Gesellschaft oder grüßte ihn. Und als Alexander Lebed ins amerikanische Fernsehen ging, um über vermisste Kernwaffen zu sprechen und damit im 12. GUMO ein panisches Bemühen auslöste, den eigenen Arsch zu retten, weil die höheren Beamten sich verzweifelt bemühten herauszufinden, ob diese Bomben existierten und, wenn ja, was daraus geworden war (bevor sie die Verantwortung so weit und so schnell wie möglich von sich wegschoben), wurde Lew Jussow auch von niemandem gefragt, ob er in den langen Aktenregalen, die sich hinter ihm ins Dunkle erstreckten, darüber Aktenbelege habe.
Dass er hierbei übergangen wurde, war nur ein weiterer Tropfen Galle in den See seiner Verbitterung. Je mehr er ignoriert wurde, desto mehr dachte er über die Schriftstücke nach, die über seinen Tisch gegangen waren und die er als seinen kostbarsten und bestgehüteten Besitz ansah. Etwas nagte in seinem Hinterkopf, eine verschwommene Erinnerung an einen Computerausdruck, der vor vielen Jahren bei ihm gelandet war, als die Hälfte der ehrgeizigen jungen Schnösel, die ihn jetzt herumkommandierten, noch kurze Hosen anhatten. Der Ausdruck enthielt eine Flut von Zahlen und steckte zusammengefaltet in einem braunen Umschlag. Dieses Aktenstück hatte keinen Namen, nur eine Kennziffer. Es gab auch keine Angaben zum Inhalt. Der Mann, der es ihm gegeben hatte, hatte behauptet, nicht zu wissen, worum es sich dabei handelte – nur ein Stück vom umfangreichen bürokratischen Treibgut, das in seiner Abteilung angeschwemmt worden sei.
Vier Monate verstrichen mit verstohlener, aber unendlich geduldiger Suche, dann fand Jussow den Umschlag. Er trug die Aufschrift »Streng geheim« und das Amtszeichen des 12. GUMO mit dem Eingangsdatum.
Jussow holte den Computerausdruck heraus. Das Papier war dünn, die Nadeldruckertinte zu hellgrau verblasst, doch er konnte die hundertsiebenundzwanzig Posten noch erkennen, die vertikal auf sechs Seiten aufgelistet waren. Jeder Posten bestand aus drei Ziffernfolgen. Die ersten zwei bestanden aus zehn oder elf Zeichen, unterteilt in Dreiergruppen durch Grad-, Minuten- und Sekundenzeichen. Die dritte Ziffernfolge bestand aus acht Zeichen in einer durchgängigen Sequenz. Ein vollständiger Posten sah so aus: 49º 24 minuž 29.0161 sekuž 94º 21 minuž 31.047 sekuž 99875495.
Lew Jussow hatte sein ganzes Arbeitsleben im 12. GUMO verbracht. Die ersten zwei Ziffernfolgen waren leicht zu verstehen. Er wusste, wann er einen Satz Koordinaten vor sich hatte. Normalerweise wurde damit ein Angriffsziel angegeben, das entweder angepeilt wurde oder schon getroffen worden war. Aber wenn diese Zahlen nun keine Angriffsziele, sondern Lagerorte bezeichneten? Die verschwundenen Waffen, von denen Lebed gesprochen hatte, konnte man wegtragen. Sie mussten irgendwohin gebracht worden sein. Wohin – das verrieten vielleicht diese Zahlen.
Was die letzten acht Ziffern betraf, so vermutete Jussow, dass sie einen Code zum Scharfmachen enthielten. Er wusste, dass keine Kernwaffe, egal ob eine Interkontinentalrakete oder eine einzelne Granate, ohne spezifischen Code gezündet werden konnte. Diese Nummer gab die korrekte Kombination für die einzelne Bombe an.
Spät in der Nacht, seine Hand schloss sich um eine halb leere Flasche, dachte Jussow über die Bedeutung seines Fundes nach. Wenn er mit der Funktion dieser Nummern recht hatte, dann waren sie der Ausweg aus seiner Scheißwohnung und aus seinem Scheißjob, dann war er diese Scheißkerle los, mit denen er hier zusammenarbeiten musste.
Irgendwo würde irgendjemand ein Vermögen für diese Liste zahlen. Denn wer sie hatte und damit das Werkzeug, um an die Bomben zu gelangen, der hatte die Welt in der Hand.
Krieg in der Wüste hieß Hitze, Schweiß und erstickende Staubwolken. Aber das war nur tagsüber. Nachts war es wie im Winter. Carver fühlte sich wie tiefgefroren. Ihm war noch nie so kalt gewesen, und sein Zähneklappern war lauter als das Scharren der Spaten, mit dem die Männer im Sand gruben.
Von Carvers Platz aus sahen die Löcher wie schwarze Flecken in der graublauen Weite der sternenbeschienenen Wüste aus.
Es waren sieben, so groß und so tief wie ein Grab, das auf den Sarg wartet. Aber vielleicht sah so auch ein Goldgräberfeld aus, wenn die ersten Schürfer gekommen waren und angefangen hatten, nach ihrem Vermögen zu buddeln. Carver und seine Männer schürften ebenfalls, aber nach dem Glasfaserkabel, das irgendwo unter ihren Füßen im Boden verlief und über das der irakische Diktator mit seinen Truppen Kontakt hielt.
Für Carvers Team vom Special Boat Service waren zwei Stunden Arbeit vorgesehen, um diese Verbindung zu kappen. Es blieben noch fünfzehn Minuten, aber von einem Kabel war noch immer nichts zu sehen.
Carver schüttelte frustriert den Kopf. Sie hatten nur noch Zeit, um ein weiteres Loch zu graben. Er versuchte gerade, zu ermitteln, wo man es ansetzen sollte, als es eine riesige Explosion gab, die wie ein weißes Rauschen in seinen Ohren knisterte und knackte. Er konnte gerade noch eine Stimme hören, die von dem Geräusch fast verschluckt wurde: »Wir haben Gesellschaft, Boss. Zwei Kompanien motorisierte Infanterie kommen genau auf uns zu.«
»Glauben Sie, dass sie uns gesehen haben?«, fragte Carver.
Schon rannte er zum Wachposten, um selbst nachzusehen, aber der Boden schien weicher geworden zu sein, er saugte an seinen Füßen wie Treibsand. Er kam viel zu langsam voran. Er würde nicht mehr rechtzeitig hinkommen. Inzwischen wurde das Rauschen in seinen Ohren immer lauter. Er wollte sich die Kopfhörer herunterreißen, aber da hörte er schon wieder die Stimme des Wachpostens. »Sie haben Mörser. Jetzt geht's los ...«
In die Stille der Wüste platzten mehrere ferne Donnerschläge und das Fauchen wie von aufsteigenden Feuerwerksraketen. Ein paar Sekunden später gingen Magnesiumleuchtfallschirme über der Landezone auf, die Carver in die Augen stachen, und überzogen die fünfzig Fuß langen Chinooks mit ihrem grellweißen Licht, wie ein nacktes Liebespaar, das vom wütenden Gatten überrascht wird.
Jetzt schlugen im gesamten Landegebiet Mörsergranaten ein, und Schüsse krachten durch die Nachtluft. Carver hörte eine andere Stimme, die eines der Hubschrauberpiloten, dem die nervöse Anspannung deutlich anzuhören war. »Wir stehen hier wie die Pappclowns in der Wurfbude. Ich werfe den Rotor an. Besser, Sie bringen Ihre Männer schnell an Bord.«
Carver fing an, Befehle zu erteilen. Er schrie in sein Intercom, doch er war offenbar nicht zu hören, denn die Männer bewegten sich nicht. Obwohl sich die Rotorblätter mit Höchstgeschwindigkeit drehten, hoben die Chinooks nicht vom Boden ab, und plötzlich war die ganze Landezone voller Iraker. Carver begriff nicht, warum sie so schnell aufgetaucht waren oder wieso sie Russisch mit ihm redeten. Er meinte, ihre Gesichter zu kennen, aber sie verschwammen immer wieder vor seinen Augen. Er zog den Abzug seiner Maschinenpistole durch, aber keine Kugel kam heraus, obwohl das Magazin voll war.
Irgendwas stimmte nicht. So sollte das nicht ablaufen. Die Chinooks sollten mit seinen Männern an Bord abheben. Dann sollten die Sprengsätze losgehen und das Kabel zerreißen, um den drohenden Schlamassel in letzter Sekunde in einen Triumph zu verwandeln. Aber nichts von dem passierte, weil seine Männer alle verschwunden waren und er allein mit den Russen war, und die schleppten ihn durch eine Tür in einen Raum, wo ein Holzfeuer im Kamin brannte. Und er hatte auch seine Kampfausrüstung gar nicht mehr an, er war sogar vollkommen nackt, bis auf den schwarzen Nylongürtel um seine Taille.
Vor ihm saß ein Mann in einem Sessel und neben ihm eine schöne Frau in einem silbernen Kleid. Carver schrie der Frau zu, sie solle ihm helfen, aber auch sie konnte ihn nicht hören. Und auch das war verkehrt, weil sie ihn doch liebte. Aber sie liebte ihn gar nicht. Stattdessen lachte sie ihn aus, und die Männer ringsherum auch, und jetzt sah ihn die Frau mit einem ganz anderen Gesicht an, das grausam verzerrt war und voller Hass, und sie schrie: »Drück auf den Knopf! Drück auf den Knopf! Ich will, dass er leidet!«
Das Gelächter wurde noch lauter, und einer der Männer zeigte mit einem kleinen schwarzen Kasten auf Carver, sein Finger schwebte über einem einzelnen weißen Knopf. Und plötzlich wurde Carver von Angst überwältigt, die in seinen Eingeweiden wühlte und ihn auf die Knie warf, sodass er um Gnade flehte. Sein Flehen kam nur als wortloses Wimmern heraus, weil er wusste, was jetzt kam – dasselbe, was immer kam, wenn der Mann mit dem Kasten auf den Knopf drückte.
Der Finger bewegte sich. Die Qual begann von Neuem.
»Sie müssen mir ermöglichen, ihm zu helfen.«
Dr. Karlheinz Geisel war der Psychiater, der mit Carvers Fall befasst war. Er wandte sich vom Bett seines Patienten ab, der sich stöhnend hin und her wälzte, und sprach mit Aliks in einem mitfühlenden Ton, ohne dass er seine Enttäuschung verbergen konnte.
»Kommen Sie«, sagte er und führte sie durch die Klinik in sein Besprechungszimmer.
»Was soll ich tun?«, fragte sie, sobald er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
Geisel antwortete erst, als sie beide Platz genommen hatten. »Sie kennen die Antwort. Sie müssen mir genau sagen, was mit ihm passiert ist. Wie soll ich ihm sonst die beste Behandlung geben?«
Aliks schwieg. Sie schaute weg und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Schließlich wandte sie sich wieder dem Arzt zu und sah ihm in die Augen.
Geisel wusste aus Erfahrung, welche Auswirkungen es auf Menschen hatte, wenn ihre Angehörigen an einer ernsten Krankheit litten. Miss Petrowa war von der monatelangen Sorge und Ungewissheit völlig erschöpft. Ihr Gesicht war schmaler geworden, sie wirkte verhärmt. Der Teint war blass, die Haut trocken und ungepflegt. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen. Aber, mein Gott, unter was für Augen, dachte er.
Sie waren der reine Himmel, doch als er genauer hinsah – aus rein medizinischem Interesse, wie er sich sagte –, bemerkte er eine leichte Asymmetrie. Ein Lid war ein bisschen schwerer als das andere, und die Pupillen waren geringfügig dezentriert. Diese Unvollkommenheit in einem ansonsten makellosen Gesicht – ihre Lippen waren voll, die Wangenknochen betont, die Nase war gerade und elegant – trug eher zu ihrer Schönheit bei, als dass sie sie schmälerte. Ohne diesen Makel wäre sie einfach nur sehr hübsch. Mit diesem Makel war sie faszinierend.
»Ich verstehe das«, sagte sie. »Aber ich kann nicht darüber sprechen ...«
»Ich will ganz offen sein«, erwiderte er und wappnete sich innerlich. »Seit Monaten lehnen Sie meine Bitte ab. Wenn Mr Carver eine Hoffnung auf Heilung haben soll, muss ich die Informationen bekommen, die ich für die Behandlung brauche. Sie müssen wissen, dass ich es absolut gewohnt bin, mit Patienten umzugehen, die auf äußerste Diskretion angewiesen sind. Was Sie mir erzählen, wird kein anderer erfahren. Aber ich muss es wissen.«
»Wenn ich das tue, können Sie es dann möglich machen, dass es ihm besser geht?«, fragte sie.
»Nein, das kann ich nicht versprechen. Aber ich kann Ihnen etwas anderes versprechen: Wenn Sie es mir nicht erzählen, werde ich ihm nicht helfen können. Je länger Sie schweigen, desto sicherer ist, dass Mr Carver in diesem Zustand bleiben wird.«
»Ich versuche nur, ihn zu schützen.«
Der Satz war kaum mehr als ein Flüstern. Damit wollte sie sich selbst genauso überzeugen wie ihn. Ihre Not war so groß, dass Geisel unwillkürlich die Hand ausstrecken und sie trösten wollte. Aber sein berufliches Ego wusste, dass er nichts tun oder sagen durfte. Sie brauchte den Freiraum, damit sie selbst zu einer Entscheidung kommen konnte.
Der Zeitpunkt für dieses Gespräch war jedoch kein Zufall. Er wusste, dass Marchand sie gestern angesprochen hatte, und ihm war sofort klar gewesen, was das hieß. Carvers Rechnungen waren nicht bezahlt worden. Wenn es dabei blieb, wäre der Patient gezwungen zu gehen. Also tickte jetzt die Uhr bis zu Carvers Entlassung, und das machte eine erfolgreiche Behandlung umso dringlicher.
Aliks hatte Mühe, sich der Unausweichlichkeit ihrer Situation zu verschließen. Schließlich kam sie zu einer Entscheidung.
»Also gut«, sagte sie. »Ich werde es Ihnen erzählen ... Ich war auf der Flucht vor einem Mann, einem Russen. Er war sehr reich, sehr mächtig.«
»War?«, fragte Geisel.
Aliks ignorierte die Unterbrechung und die Bedeutung seiner Frage. »Er hat seine Leute hinter mir hergeschickt, damit sie mich zurückholen. Carver ... Samuel fand heraus, wo ich war, und kam mir zu Hilfe. Es war in Gstaad. Er hoffte, dass er mich gegen gewisse Informationen austauschen könnte. Der Mann, der mich entführen ließ, hatte gar nicht die Absicht, auf das Geschäft einzugehen. Seine Männer schnappten sich Samuel und ...«
Es fiel ihr offenbar schwer, den Satz zu beenden.
»Er wurde misshandelt?«, fragte Geisel.
»Ja. Sie haben ihn ausgezogen, ihm die Augen verbunden, die Hände gefesselt. Dann ... Entschuldigen Sie ...«
Sie wartete, bis sie sich wieder gefasst hatte, blinzelte ein paar Mal und räusperte sich.
»Entschuldigung«, sagte sie noch einmal.
»Was wollten Sie sagen?«
Als Aliks weiterredete, klang sie ruhig und sachlich. »Sie legten ihm einen Gürtel um. Der war mit einer Fernbedienung verbunden. Wenn man auf den Knopf drückte, bekam er einen Elektroschock, einen sehr starken. Er brach zusammen und hatte keine Kontrolle mehr über sich. Ich war dabei, als sie das gemacht haben, vor meinen Füßen, um ihn zu demütigen.«
»Wie oft?«
»Drei oder vier Mal bestimmt, vielleicht noch öfter, nachdem ich nicht mehr dabei war.«
»War das alles?«
»Nein, das war erst der Anfang. Danach haben sie ihn in einen Raum gebracht und auf einem Stuhl festgeschnallt. Der Raum war weiß gestrichen, Decke, Fußboden, Wände, alles war weiß. Und es war sehr kalt darin. Sie haben ihn mit einem Lederriemen geknebelt. Sie haben ihm die Lider festgeklebt, sodass er die Augen nicht zumachen konnte, nicht einmal mehr blinzeln. Sie setzten ihm Kopfhörer auf. Dann schalteten sie ein grelles Licht ein, das ihm direkt in die Augen schien. Und durch die Kopfhörer drang Lärm, ganz laut und ohne Unterbrechung. So habe ich ihn gefunden. Fast vier Stunden lang hatte er so zugebracht ...«
»Ich verstehe ...«, murmelte Geisel nachdenklich. Die Geschichte war entsetzlich, aber er versuchte, eine Reaktion, die Mitgefühl zeigte, zu unterdrücken. In dieser Situation, in seinem Behandlungszimmer, durfte er das nur als Information betrachten, die es ihm ermöglichte, eine genauere Diagnose zu erstellen. Erst am Abend, wenn er zu Hause mit einem Drink in der Hand dasaß, war es ihm gestattet, Carvers Tortur emotional zu betrachten.
»Jetzt begreife ich die Angst, die ihn verzehrt«, fuhr er fort. »Sein Verstand hat die Folterungen ausgeblendet, aber sein Unterbewusstsein fürchtet die Wiederholung. Da ist eine Stelle in Ihrer Geschichte, die mich verwirrt. Wenn er an den Stuhl gefesselt war und sich nicht bewegen konnte, wie ist er dann entkommen?«
»Ich habe ihn losgeschnitten«, sagte Aliks.
»Aber da war doch dieser Mann, von dem Sie erzählt haben, und die Leute, die ihm unterstanden ...«
»Ja.«
»Wie konnten Sie ...?«
»Ich bin nicht Ihr Patient«, sagte Aliks, »und das ist kein offizielles Verhör.«
»Das ist richtig ... Aber bei einer Frau und so vielen Männern bin ich sicher, dass es ein Akt der Selbstverteidigung war, was auch immer Sie getan haben.«
»Ganz recht. So muss es gewesen sein.«
Geisel nickte gedankenverloren, während er verdaute, was er soeben gehört hatte.
»Da ist noch etwas«, sagte Aliks.
»Ja?«
»Ich möchte, dass Sie verstehen, was für ein Mann er war, bevor ... vor alldem.«
Einen Moment lang suchte sie nach den passenden Worten. Dabei fiel ihr der Abend in Paris ein, und sie schaute weg, blickte ins Leere und richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen.
»Als ich Samuel Carver zum ersten Mal begegnet bin, habe ich versucht, ihn zu töten. Nicht einmal eine Stunde später bin ich mit ihm in eine Wohnung gegangen. Wir wussten beide, dass dort Sprengladungen versteckt waren, die so eingestellt waren, dass sie nach dreißig Sekunden explodieren. Aber ich bin mit ihm hineingegangen, weil ich ihm voll und ganz vertraut habe, dass er mich sicher von dort wegbringt, und ich wollte bei ihm sein ...«
Aliks blickte den Psychiater kurz an und sah wieder weg. Fast sprach sie mit sich selbst, als sie sagte: »Ich möchte wieder bei ihm sein.«
»Ich verstehe«, meinte Geisel. »Und danke, Miss Petrowa. Ich weiß, wie schwer es ist, so schmerzhafte Erinnerungen heraufzubeschwören.«
Er stand auf und hielt ihr die Hand hin, worauf sie sich erhob. Sie schüttelten sich die Hand, doch dann ließ er sie nicht los, sondern sah sie an, als wäre sie seine Patientin.
»Auch Sie haben ein traumatisches Erlebnis hinter sich«, sagte er. »Sie werden mit jemandem darüber sprechen müssen. Wenn Sie eine Beratung vereinbaren wollen, bitte zögern Sie nicht.« Er lächelte. »Dann werden Sie meine Patientin sein und können so offen sprechen, wie Sie möchten.«
»Danke, Dr. Geisel. Ich werde darüber nachdenken. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, Samuel wird bald aufwachen, und dann muss ich da sein.«
Weit weg, irgendwo in Russland, saß Lew Jussow im Club Kabul, einer schmuddeligen Bar, und versuchte, Bagrat Baladze, einem schnurrbärtigen dunkelhäutigen Psychopathen von Anfang dreißig in einem fettglänzenden Anzug die Bedeutung eines scheinbar wertlosen Computerausdrucks mit lauter Zahlen nahezubringen. Bei dem Lärm in der Bar und der großen Menge Wodka, die beide schon getrunken hatten, war das nicht einfach, besonders weil Jussow nicht bereit war zu sagen, wo er das Papier verwahrte, bevor Bagrat dem Geschäft zugestimmt hatte.
»Wie kann ich für etwas bezahlen, das ich kein einziges Mal gesehen habe?«, hielt Bagrat ihm entgegen.
»Wenn du es gesehen hättest, was würdest du mir dafür zahlen?«
»Fünftausend US-Dollar.«
Jussow hatte auf mehr gehofft. Er wusste, die Liste würde Millionen wert sein, wenn sie in die richtigen Hände gelangte. Doch in einem Land, wo die amerikanische Währung viel mehr wert war als die eigene, waren fünftausend Dollar mehr, als man in zehn Jahren verdienen konnte.
»Zehntausend«, sagte er.
»Verschwende nicht meine Zeit, alter Mann«, sagte Bagrat und stand auf. »Du hast gefragt, was ich zahlen würde. Jetzt weißt du es. Schieb's dir in den Hintern, wenn du nicht interessiert bist.«
»Schon gut, schon gut!«, blaffte Jussow, der sah, wie sein Jackpot sich in Luft auflöste. »Fünftausend.«
»Seht ihr?« Bagrat drehte sich zu seinen Handlangern um. »Er hat die Weisheit des Alters.« Er setzte sich wieder hin und zog ein Bündel Bares aus der Jackentasche. Das legte er zwischen sich und Jussow auf den Tisch.
»Hier ist das Geld. Wo ist die Liste?«
Jussow griff hinter seinen Rücken und zog den Umschlag aus seiner Hose hervor, machte ihn auf und nahm die Liste heraus.
»Hier«, sagte er. »Zuerst der Breitengrad und der Längengrad, dann der Code zum Scharfmachen. Mit den Waffen auf diesem Papier kannst du einen Weltkrieg gewinnen.«
Bagrat dachte über diesen Vorschlag nach, dann nickte er. »Gut, abgemacht. Nimm dein Geld.«
Er schob das Bündel Scheine zu Jussow hinüber, der es begierig an sich nahm und damit verriet, wie verzweifelt er war. Es sah aus, als wollte er zugreifen, bevor der Gangster es sich anders überlegte. Aber Bagrat legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Kein Grund zur Eile«, sagte er. »Ich habe einiges zu erledigen, aber du solltest bleiben und feiern. Amüsier dich ... Das geht aufs Haus.«
Bagrat nahm den Umschlag und stand auf. Im Gehen rief er dem Barmann zu: »Bring Wodka für meinen Freund ... den besonderen, verstanden? Den besten.«
Samogan, Mondschein-Wodka, ist ein gesundheitsschädlicher Schnaps, der in ganz Russland illegal hergestellt wird. Auf der Liste der Inhaltsstoffe stehen (unter anderem) medizinische Desinfektionsmittel, Bremsflüssigkeit, Feuerzeugbenzin, billiges Rasierwasser und sogar Schwefelsäure. Tausende sind im Lauf der Zeit daran gestorben, viele sind erblindet und an einem Leberleiden erkrankt, sodass die Ärzte und Leichenbeschauer nicht im Geringsten überrascht sind, wenn ihnen wieder so ein Fall begegnet.
Bagrat Baladze hatte zweimal überlegt und eine besonders üble Ladung Samogan nicht weggeworfen, die er von einem örtlichen Schwarzbrenner erworben hatte, auch wenn niemand das hochgiftige Zeug kaufte, nicht einmal die ganz verzweifelten Säufer. Er kam auf den Gedanken, dass er über eine ideale Mordwaffe gestolpert war.
Als Jussow nach einer ausgetrunkenen Flasche zusammengebrochen war, wurde er zu einem wartenden Wagen getragen, der zu einer stillen Seitenstraße in der Nähe seiner Wohnung fuhr. Die Dollars wurden ihm abgenommen, dann wurde er aus dem Wagen gezogen und auf den Bürgersteig gelegt. Am Morgen danach, als die Leiche der Polizei gemeldet worden war, wurde Jussow ins Leichenschauhaus gebracht. Die Leichenschau war nicht einmal oberflächlich zu nennen. Es wurde keine polizeiliche Untersuchung eingeleitet. Der Tod eines unbedeutenden Säufers war bestimmt nicht von Bedeutung.
In den Büros des 12. GUMO wurde Jussows Hinscheiden mehr gefeiert als betrauert. Sein Posten wurde von einem neuen, jüngeren und kooperativeren Angestellten übernommen.
Der wusste nicht, dass es eine gewisse Akte überhaupt gegeben hatte, geschweige denn, dass sie an einen ehrgeizigen Gangster verkauft worden war, der gerade darüber nachdachte, wie er sie einsetzen könnte, um auf der kriminellen Leiter nach oben ein paar Sprossen zu überspringen. Baladze wusste, es gab Mittelsmänner, die darauf spezialisiert waren, Geschäfte einzufädeln zwischen Besitzern russischer Waffen – konventioneller, chemischer, biologischer oder atomarer Bauart – und reichen Käufern, die sie dringend benötigten. Nun war es seine Aufgabe, einen zu finden, ohne dabei andere, mächtigere Verbrecher auf seine Ware aufmerksam zu machen. Wenn sich das herumspräche, würden sie ihn so schnell ausschalten, wie er sich Jussow vom Hals geschafft hatte.
Also begann Baladze, Erkundigungen einzuholen. Und die Welt machte den ersten blinden Schritt auf der Straße ihres Untergangs.
Den zweiten Schritt auf dieser tödlichen Straße machte Waylon McCabe in einem überfüllten Stadion in der Innenstadt von Houston, Texas.
Als man ihn damals, vor fünf Jahren, zu dem Rettungshubschrauber hinaufgezogen hatte, war er von grellem Licht geblendet, und um ihn war ein lautes Flattern wie von Millionen Engelsflügeln. Die ersten Worte, die er hörte, kamen von einem Sanitäter: »Es ist ein Wunder, dass Sie noch am Leben sind.«
Das sagten auch die Ärzte, nachdem man ihn in das nächste Krankenhaus geflogen hatte. Die Nachrichtenreporter, die das bescheidene Gebäude belagerten, sein Anwalt und sein Finanzdirektor, die von der Firmenzentrale in San Antonio angereist kamen, die Stewardess, die ihn auf dem Heimflug nach Texas umsorgte – alle sprachen von einem Wunder.
Während der Tage und Wochen, die dem Absturz folgten, als er über seine unglaubliche Rettung nachdachte, wuchs in ihm die Überzeugung, dass sein Überleben kein Wunder im üblichen, alltäglichen Sinne war, sondern buchstäblich ein wirkliches Wunder. Der Herr hatte ihn errettet und ihm ein neues Leben geschenkt. Er fühlte sich genötigt, sein Leben danach zu richten.
Die folgenden Jahre hatten es gut mit ihm gemeint. Sein Image hatte sich verändert. Vorbei war es mit den Vorwürfen wegen brutaler Geschäftspraktiken, Politikerbestechung und Umweltzerstörung. Inzwischen wurde er als Philanthrop bejubelt, als Initiator einer millionenschweren wohltätigen Schenkung und als Mann mit festen religiösen Grundsätzen. In dem offiziellen Bericht der kanadischen Luftfahrtbehörde war der Absturz als Unfall eingestuft worden. Aber McCabe hatte das keine Sekunde lang geglaubt. Da hatte ihn jemand erledigen wollen, und er hätte es beinahe geschafft.
Er wettete, dass es dieser Mechaniker war – Lundin hatte auf dem Namensschild gestanden –, der in die Lounge gekommen war und ihn praktisch aufgefordert hatte, gleich an Bord zu gehen. McCabe war schon oft in Inuvik gewesen, aber diesen Mechaniker hatte er dort nie gesehen. Und er würde ihn wahrscheinlich auch nicht mehr sehen. Das war schade.
Er hätte dem Mann gern die Hand geschüttelt.
Sein Attentäter hatte ihn zu dem gemacht, was er heute war. Nur leider hatten sechs andere Menschen sterben müssen, damit er gerettet werden konnte, aber wenn das Gottes Plan war, dann war es nicht an ihm, daran zu zweifeln.
Wie mehrere zehn Millionen andere Mitbürger glaubte er nun daran, dass Gottes Auserwählte von der Erde direkt in den Himmel entrückt wurden. Denn was war seine Rettung gewesen, wenn nicht ein Augenblick der Entrückung? In jüngster Zeit hatte sich dieser Glaube durch gewisse Ereignisse in seinem Leben nahezu in Besessenheit verwandelt. Und so hatte er sich denen angeschlossen, die zu Tausenden von den Kirchen im Süden zu der mächtigen Arena gekommen waren, um den großen Verkünder der Entrückung zu hören: Reverend Ezekiel Ray. Und als der große, zweihundertköpfige Chor in langen goldvioletten Gewändern die Eingangshymne beendet hatte und sich setzte, erwartete McCabe die Predigt mit derselben Erregung wie alle anderen.
Von der vordersten Sitzreihe aus ging der Applaus wie eine Welle durch die Zuschauermenge und nahm an Lautstärke und Inbrunst zu. Innerhalb von Sekunden war jeder von seinem Platz aufgesprungen, klatschte, jubelte und schrie seinen Beifall dem stämmigen, kämpferischen Mann im strengen schwarzen Anzug zu, der mit seiner im Scheinwerferlicht glänzenden silbernen Haartolle dem Podium in der Bühnenmitte zustrebte.
Wie jeder große Entertainer stand Ray eine Weile still da und nahm den Applaus entgegen, wartete bis zu seinem letzten Crescendo, dann beugte er den Kopf, faltete die Hände und murmelte die Worte des neunzehnten Psalms: »Lass dir wohlgefallen die Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens, o Herr, mein Fels und Erlöser.«
Die Gemeinde antwortete mit einem leisen Amen. Wieder ließ der Prediger die Stille anwachsen, behielt die Pose der Kontemplation bei, um sich ganz plötzlich aufzurichten und ein Lächeln an den Tag zu legen, das die zwei gigantischen Videobildschirme rechts und links der Bühne aufleuchten ließ.
»Meine Freunde«, begann er mit einer kräftigen, wohltönenden Stimme, die die Autorität eines Staatsmannes vermittelte, die aber gerade so viel von dem schleppenden Akzent West Virginias beibehielt, dass die Zuhörer wussten, er hatte seine Wurzeln nicht vergessen. »Ich bringe euch die freudige Nachricht von der Wiederkunft unseres Erlösers! Das ist eine triumphale Neuigkeit für alle Brüder und Schwestern in Christus, aber es ist auch eine Nachricht des Schmerzes und des Todes und der ewigen Qual für jene, die sich von Christus abgewandt haben, für die Ungläubigen, die den Herrn verspotten und in Sünde schwelgen und die den Versuchungen des Antichrists nachgeben.
