Syltleuchten - Sibylle Narberhaus - E-Book

Syltleuchten E-Book

Sibylle Narberhaus

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Beschreibung

Gerade als der Frühling auf der Insel Sylt Einzug hält, bedrohen immer wieder Feuer die beschauliche Inselidylle. Auch das Leben von Anna Bergmann verläuft alles andere als friedlich. Ihr ehemaliger Freund steht plötzlich vor der Tür und bittet sie um Hilfe. Kurz darauf ist Anna wie vom Erdboden verschluckt. Als die Feuerwehr zu einem weiteren Brand gerufen wird, macht sie eine schreckliche Entdeckung. Um wen handelt es sich bei der verbrannten Frauenleiche? Ein spannender Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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Sibylle Narberhaus

Syltleuchten

Kriminalroman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Martina Berg / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5322-9

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Eine dumpfe Detonation riss die Gäste, Bewohner und Anwohner des Dorfhotels in Rantum in der Nacht aus dem Schlaf. Ein heller Feuerschein war am nächtlichen Himmel von Sylt zu erkennen. Gleich darauf durchbrach das Heulen einer Sirene die bis vor Kurzem friedliche Stille. Nur wenige Minuten später rasten mehrere Einsatzwagen der örtlichen Feuerwehr mit Blaulicht und Martinshorn an die Brandstelle, wo die Feuerwehrleute umgehend mit den Löscharbeiten begannen. In einigen Fenstern der weitläufigen Hotelanlage brannte Licht. Menschen waren zu erkennen, die das Spektakel von dort aus gebannt verfolgten. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr hatten alle Hände voll zu tun, das lodernde Feuer unter Kontrolle zu bringen. Die Anwohner und Gäste wurden aufgrund der starken Rauchentwicklung über Lautsprecherdurchsagen dazu aufgefordert, Türen und Fenster geschlossen zu halten und nach Möglichkeit nicht ins Freie zu gehen. Immer wieder entfachte der plötzlich einsetzende Westwind das Feuer von Neuem, das mit seiner zerstörerischen Kraft wütete und meterhohe Flammen emporschlagen ließ. Ein stechender Brandgeruch durchzog die Luft. Obwohl es dunkel war, konnte man trotz allem die schwarze Qualmwolke erkennen, die sich säulenartig in den Nachthimmel schraubte. Mittlerweile war neben der Feuerwehr die Polizei an der Brandstelle eingetroffen.

»Was brennt denn da? Das beißt ja richtig in der Nase«, sagte einer der beiden Polizisten, als sie aus ihrem Wagen ausstiegen, und hielt sich schützend eine Hand vor Mund und Nase.

»Keine Ahnung, aber das riecht extrem nach Kunststoff. Das Feuer kommt von der ›Sylt Quelle‹. Wahrscheinlich brennen die leeren Getränkekästen, die dort gelagert werden«, erwiderte der Kollege und sah in die Richtung, aus der der schwarze Rauch zu ihnen herüberkam.

Die Beamten hatten ihren Wagen quer über die gesamte Fahrbahn abgestellt, damit niemand unbefugt dichter an das Feuer heranfahren und sich in Gefahr bringen konnte. Außerdem wurde dadurch verhindert, dass Unbefugte den Weg für weitere Rettungsfahrzeuge blockierten. Ein zweiter Streifenwagen war in der Zwischenzeit eingetroffen. Die Kollegen riegelten eine weitere Zufahrt zur Brandstelle weiträumig ab. Ein älterer Herr, der trotz der späten Stunde seinen Hund ausführte, wurde von der Polizei aufgefordert, unverzüglich umzudrehen und nach Hause zu gehen.

»Bitte verlassen Sie diesen Bereich«, forderte ihn einer der Polizisten auf.

»Was ist denn los?«, wollte der Mann wissen und sah an dem Beamten vorbei zu der Stelle, wo die Feuerwehrleute versuchten, dem Feuer Herr zu werden.

»Es brennt, mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen. Bitte gehen Sie zurück. Es ist nicht gerade gesund, die Dämpfe einzuatmen, außerdem behindern Sie die Rettungsmaßnahmen.«

»Aber ich mache doch gar nichts. Und ich kann sehr wohl auf mich selbst aufpassen, junger Mann«, entgegnete der ältere Herr in entrüstetem Tonfall.

»Das glaube ich Ihnen gerne, trotzdem fordere ich Sie zum letzten Mal auf, sich unverzüglich aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Bitte, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte der Polizist.

Die Verärgerung in seiner Stimme war nicht zu überhören. Immer wieder gab es Leute, die erst lange diskutieren mussten, bevor sie das taten, worum man sie gebeten hatte. So auch in diesem Fall. Das machte die Arbeit nicht leichter – und freundlich musste man auch bleiben. Endlich drehte sich der Mann um und trat widerwillig mit seinem Hund den Rückzug an. Er murmelte irgendetwas vor sich hin, was der Beamte aber nicht verstand und auch nicht böse darüber war.

»Na, der wollte wohl nicht so einfach gehen, was?«, fragte der zweite Beamte seinen Kollegen mit schelmischem Grinsen.

»Nein, aber letztendlich hat er es doch eingesehen«, seufzte dieser.

»Das ist der zweite Brand in kurzer Zeit«, erwiderte der andere Polizeibeamte.

Sein Kollege nickte zustimmend.

»Ja, glücklicherweise ist auch dieses Mal niemand verletzt worden. Jedenfalls haben die Jungs von der Feuerwehr bislang nichts entdecken können. Wieder nur ein reiner Sachschaden. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.«

»Ich frage mich nur, warum jemand leere Getränkekisten anzündet. Was bezweckt man damit? Das macht überhaupt keinen Sinn. Ist es die bloße Lust am Zerstören? Oder der Anblick des Feuers? Letzte Woche war es ein Müllcontainer auf dem Gelände einer Bäckerei im Gewerbegebiet von Tinnum, der gebrannt hat. Wo steckt der Sinn?«

Sein Kollege zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung! Eine Erklärung habe ich dafür nicht. Anderswo sind es Strohballen, die angezündet werden. Aber wie es aussieht, liegt es nicht in der Absicht der Brandstifter, jemanden zu verletzen. Wenn der Brand gelöscht ist, wissen wir vielleicht mehr. Ich halte es mittlerweile nicht mehr für reinen Zufall. Vermutlich hat jemand kräftig nachgeholfen. Was immer ihn oder sie dazu veranlasst haben mag. Ich hoffe, wir finden es bald heraus. Du, ich glaube, da drüben wird unser Typ verlangt«, sagte er und deutete zu den Feuerwehrleuten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. »Lass uns zu den Kollegen von der Feuerwehr gehen. Vielleicht haben sie einen ersten Hinweis.«

Mit diesen Worten gingen die beiden Polizeibeamten zu einem der Einsatzkräfte der Feuerwehr, der sie zu sich winkte.

Kapitel 2

»Volker, das Telefon klingelt!«, rief Maria Bergmann aus der Küche in den Flur. »Gehst du bitte ran? Ich kann gerade nicht weg. Volker? Hast du mich gehört?«

»Ja, ich gehe ja schon«, antwortete ihr Mann knurrig. »Du brauchst nicht so zu schreien, ich bin schließlich nicht schwerhörig.«

Er setzte die Brille ab, erhob sich von seinem Stuhl und ging zum Telefon, das neben dem Wohnzimmerfenster auf der Anrichte stand. Seine Frau wusch sich schnell die Hände, die vom Apfelschälen ganz klebrig waren. Am Nachmittag sollten Freunde zu Besuch kommen, und sie wollte ihren berühmten Apfelstrudel backen. Sie bereitete ihn nach einem alten Familienrezept zu, das sie von ihrer Großmutter hatte. Während sie die Äpfel viertelte, das Kerngehäuse sorgfältig entfernte, sie schälte und anschließend in dünne Spalten schnitt, wanderten ihre Gedanken zu ihrer Tochter Anna. Sie wohnte seit Kurzem auf der nordfriesischen Insel Sylt, dem nördlichsten Fleckchen von Deutschland. Seit ihrem Umzug waren zwar erst einige Monate vergangen, aber Maria Bergmann vermisste ihre Tochter bereits jetzt sehr. Anna hatte den größten Teil ihres bisherigen Lebens in Hannover verbracht. Nicht weit von ihren Eltern entfernt, hatte sie vor knapp zwei Jahren eine kleine Eigentumswohnung erworben. Eigentlich war sie gerade dabei gewesen, die Wohnung zu verschönern, da kam alles anders, und sie zog nach Sylt. Auch wenn Maria Anna nicht ständig sah, so wusste sie doch, dass sie ganz in ihrer Nähe war. Sie hätte sie jederzeit sehen können. Und heute hätte sie ihr schnell einen frischen Apfelstrudel vorbeigebracht. Anna aß ihn so gerne, am liebsten warm aus dem Ofen mit einem Klecks frischer Schlagsahne. Sie seufzte bei dem Gedanken an ihre Tochter. Natürlich war Anna mit fast 30 Jahren längst erwachsen und lebte ihr eigenes Leben, in das sie sich als Mutter nicht einmischen wollte. Aber dennoch fiel es Maria Bergmann schwerer, ihr einziges Kind loszulassen, als sie es sich manchmal eingestehen wollte. Die gewohnte Nähe fehlte ihr. Zwischen ihnen lagen nun mehr als 300 Kilometer.

»Bergmann«, hörte sie ihren Mann Volker sagen, als er das Gespräch annahm und somit das Klingeln verstummte.

Am Telefon sprach er immer lauter als gewöhnlich. Seine Mutter war mit der Zeit zunehmend schwerhöriger geworden, da hatte er es sich angewöhnt, beim Telefonieren lauter zu sprechen, damit er nicht immer alles zweimal sagen musste. Marias Schwiegermutter war zwar mittlerweile verstorben, aber Volker hatte das laute Sprechen beibehalten. Daher konnte Maria ihn selbst in der Küche noch gut verstehen. Sie verteilte die Apfelspalten in der Mitte des vorbereiteten, hauchdünn ausgerollten Teiges, streute Rosinen, eine Mischung aus Zimt und Zucker und zuletzt die gehobelten Mandeln darüber. Anschließend verschloss sie alles mit den überstehenden Teigrändern, bis die gesamte Füllung vom Teig bedeckt wurde. Als Nächstes bepinselte sie den Strudel mit flüssiger Butter, damit er später von außen goldbraun und schön knusprig wurde. Dann schob sie das Blech mit dem Apfelstrudel in den vorgeheizten Backofen und stellte die Uhr am Ofen auf die entsprechende Backzeit ein. Jetzt spülte sie sich erneut die Finger unter fließendem Wasser ab. Sie ging neugierig ins Wohnzimmer und wischte sich auf dem Weg dorthin die nassen Finger an ihrer Schürze trocken. Fragend sah sie ihren Mann an, während er telefonierte. Aber er war so auf das Telefonat konzentriert, dass er ihr keine Beachtung schenkte. Sie lehnte sich gegen den Sessel und wartete geduldig ab. Dabei zupfte sie mit den Fingern einige kleine Fussel von der Lehne. Gestern hatte sie einen Pullover aus Angorawolle getragen, und der hatte ganz offensichtlich seine Spuren auf dem Möbelstück hinterlassen. Das konnte man im Tageslicht deutlich erkennen, denn gestern Abend war es ihr nicht aufgefallen.

»Das war die Praxis von unserem Hausarzt«, erklärte ihr Mann Volker und stellte das Telefon auf die Basisstation, ehe Maria fragen konnte.

»Und? Was haben sie gesagt? Es ist doch nichts Schlimmes, oder Volker? Das Telefonat hat so lange gedauert.«

»Nein, ich musste zwischendurch kurz warten. Sie haben mir mitgeteilt, dass meine Blutwerte absolut in Ordnung sind. Und so ein anderer bestimmter Wert auch, die Sprechstundenhilfe hat es mir alles genau vorgelesen, aber ich habe vergessen, was es war. Jedenfalls kannst du ganz beruhigt sein, Maria, es ist alles im grünen Bereich, kein Grund zur Besorgnis. Ich wäre ausgesprochen fit für mein Alter, meinte sie. Was immer sie mir damit sagen wollte.« Er runzelte im Nachhinein die Stirn.

Seine Frau hörte ihm aufmerksam zu.

»Na, Gott sei Dank. Brauchst du keine Medikamente mehr nehmen?«, wollte sie wissen.

»Meine Tabletten muss ich trotzdem weiternehmen, das hat damit nichts zu tun. Das neue Rezept ist fertig, und ich kann es jederzeit abholen. Ich werde mich gleich auf den Weg machen. Sonst ist es später im Feierabendverkehr überall so voll. Außerdem kriegen wir nachher Besuch, da kann ich nicht weg. Brauchst du etwas aus der Apotheke oder sonst irgendetwas von unterwegs?«

»Nein, aber du kannst auf dem Rückweg bei der Post halten und die da einwerfen.«

Sie deutete auf zwei Briefe, die mit einer Briefmarke versehen auf der Kommode im Flur lagen.

»Kann ich machen. Du brauchst sonst wirklich nichts?«

»Nicht, dass ich wüsste. Im Moment fällt mir jedenfalls nichts weiter ein«, erwiderte seine Frau und dachte angestrengt nach. Dabei runzelte sie die Stirn. »Für heute Nachmittag habe ich eigentlich alles, und morgen muss ich sowieso einkaufen.«

»Gut, dann bin ich bald zurück. Wenn dir etwas einfallen sollte, kannst du mich auf meinem Handy erreichen. Vielleicht fahre ich auf dem Weg zum Tanken. Kommt darauf an, wie günstig das Benzin ist. Abends ist es meistens billiger.«

Mit diesen Worten zog er seine Jacke an, griff nach den Briefen auf der Kommode und dem Autoschlüssel daneben und verließ das Haus. Gerade als die Haustür hinter ihm ins Schloss gefallen war, klingelte erneut das Telefon. Maria Bergmann war gerade im Begriff, in die Küche zu gehen. Sie machte kehrt und ging zielstrebig ins Wohnzimmer, wo sie nach dem Telefonhörer griff. Wer kann das sein, überlegte sie auf dem Weg dorthin. Vielleicht war es ihre Tochter Anna.

»Bergmann!«, flötete sie daher fröhlich ins Telefon.

Sie war erleichtert darüber, dass Volkers Blutuntersuchung ohne Befund war. Ein mulmiges Gefühl hatte sie im Vorfeld doch gehabt, weil man nie wusste, was bei diesen Untersuchungen herauskam. Dabei war sie kein ängstlicher oder pessimistischer Mensch, der stets mit dem Schlimmsten rechnete. Umso mehr freute sie sich über das gute Ergebnis. Da hatte sich die Umstellung auf cholesterinarme Ernährung gelohnt. Sie hatte eigens dafür ein spezielles Kochbuch angeschafft und streng nach den darin vorgeschriebenen Angaben gekocht. Nicht selten dem Protest von Volker zum Trotz, der das Ganze für völlig überzogen hielt. Er wäre bislang auch ohne diesen Schnickschnack über 60 Jahre alt geworden, hatte er stolz verkündet. Aber letztendlich konnte sie ihn davon überzeugen, dass es besser für ihn sei, denn er hatte ja die schlechten Blutwerte gehabt.

»Hallo, Maria, hier ist Marcus. Ich hoffe, ich störe dich nicht bei etwas Wichtigem«, meldete sich eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

»Marcus!«, antwortete Maria Bergmann nach einer kurzen Pause. Vor Schreck wäre ihr beinahe das Mobilteil des Telefons aus der Hand gefallen. Sie konnte ihre Überraschung über diesen unerwarteten Anruf kaum verbergen. »Mit dir habe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht gerechnet.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.« Er lachte künstlich. »Es ist lange her, dass wir uns gesprochen haben.«

»Über zwei Jahre, in der Tat. Was verschafft mir die Ehre? Anna ist jedenfalls nicht da, falls du mit ihr sprechen wolltest.« Maria hatte sich gefasst und zügelte bewusst ihre Freundlichkeit auf ein geringes Maß.

»Das weiß ich. Ich habe gehört, dass sie nicht mehr in Hannover wohnt. Neulich habe ich eine ehemalige Kollegin von ihr in der Stadt getroffen. Wir haben uns kurz unterhalten, und da erwähnte sie, dass Anna ihr ihre Wohnung vermietet hat.«

»Richtig, Anna wohnt nicht mehr in Hannover. Außerdem glaube ich nicht, dass sie mit dir sprechen würde, selbst wenn sie noch hier wäre«, sagte Maria mit fester Stimme, während sie vor dem großen Fenster im Wohnzimmer auf und ab ging wie ein Tier in einem Käfig.

Sie blickte dabei in den Garten, der langsam aus seinem Winterschlaf erwachte. Es war Ende März. Der Winter mit seinem vielen Schnee hatte längst das Feld geräumt, und der Frühling hielt mit aller Macht Einzug. Die Tage wurden spürbar länger, und nachts war es nicht mehr so bitterkalt. Hier und dort waren die ersten zaghaften Triebe der Tulpen zu erkennen, die sich in sattem Grün aus dem Boden gen Himmel reckten. Die Krokusse waren dagegen fast verblüht. Ihre bunten Blütenblätter hingen bereits schlapp herunter. Ihr Anblick war erbärmlich und traurig zugleich. Nur spätere Sorten erstrahlten noch in ihrer ganzen Pracht und erfreuten das Auge des Betrachters mit ihren kräftig leuchtenden Farben. Die Büsche und Bäume hatten teilweise dicke Knospen, die nur darauf warteten, von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen wachgeküsst zu werden. Rundherum erwachte alles zu neuem Leben. Eine Amsel war gerade dabei, mit ihrem gelben Schnabel in dem Beet an der Terrasse herumzustochern. Der Vogel hatte Glück, dass Volker nicht zu Hause war. Er hätte das Tier sicherlich verscheucht, da es den ganzen Rindenmulch aus dem Beet auf die Steine der Terrasse schleuderte und er anschließend alles zurück ins Beet fegen musste. Darüber konnte er sich jedes Mal furchtbar aufregen.

»Ja, es tut mir schrecklich leid, wie damals alles gelaufen ist«, fuhr Marcus fort und riss Maria aus ihren Gedanken. »Anna ist so eine wunderbare Frau. Ich war wirklich ein Idiot. Das ist mir erst viel zu spät bewusst geworden. Wenn ich die Zeit doch nur zurückdrehen könnte! Ich würde heute so vieles anders machen, das kannst du mir glauben.«

»Marcus«, unterbrach Maria ihn energisch, »was willst du? Warum rufst du an? Doch bestimmt nicht, weil dir langweilig ist und du mit deiner ehemaligen Fast-Schwiegermutter über die Vergangenheit plaudern willst oder über verpasste Chancen, die du sowieso nicht mehr beeinflussen kannst.«

»Ach, ich habe neulich ein paar Sachen aufgeräumt, und da ist mir eine Schachtel mit Briefen, Fotos und diversen Kleinigkeiten in die Hände gefallen. Sie gehört Anna. Ich wollte sie nicht wegwerfen und dachte, sie würde die Sachen bestimmt gerne zurück haben. Solche Erinnerungsstücke waren ihr in der Vergangenheit immer sehr wichtig gewesen«, sagte Marcus mit leicht wehmütigem Ton in der Stimme.

»Du kannst die Sachen gerne bei Gelegenheit bei uns vorbeibringen. Unsere Adresse kennst du, die hat sich nicht geändert. Ich gebe Anna die Sachen, wenn wir sie das nächste Mal sehen.«

»Prinzipiell wäre das kein Problem, aber ich bräuchte darüber hinaus dringend eine Unterschrift von Anna.« Maria Bergmann kräuselte skeptisch die Stirn. »Es geht um eine Versicherung, die wir damals zusammen abgeschlossen haben«, fuhr Marcus fort. »Eigentlich keine große Sache, aber es gibt eine Frist, die in Kürze abläuft. Die habe ich verschlafen, um ehrlich zu sein, und deshalb drängt die Zeit.« Er lachte verlegen. »Deshalb würde ich Anna gerne alles so schnell wie möglich auf dem Postweg zukommen lassen. Könntest du mir ihre neue Adresse geben? Danach werde ich sie nicht belästigen, versprochen. Und euch auch nicht.«

Maria Bergmann zögerte einen Moment lang und überlegte, ehe sie antwortete. Wenn es wirklich nur um diese eine Unterschrift ging, würde Anna sicherlich nichts einzuwenden haben, wenn sie Marcus die neue Anschrift gab. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter Ärger bekam, nur weil sie ihretwegen diese Unterschrift nicht fristgerecht leisten konnte. Sie wusste zwar nicht, wie wichtig diese Versicherung war, aber Volker war bei solchen Dingen sehr korrekt. Und danach gehörten die alten Geschichten endgültig der Vergangenheit an, das hatte Marcus ihr eben versprochen.

»In Ordnung. Aber das ist wirklich das letzte Mal, dass ich dir einen Gefallen tue. Ich möchte nicht, dass Anna Ärger bekommt. Also, hast du etwas zu schreiben?«

Kapitel 3

Pepper lief bellend zur Haustür, als ein Auto in der Einfahrt vor dem Haus hielt. Ich stand gerade in der Küche und bereitete mir eine Tasse grünen Tee zu. Beim Blick aus dem Fenster sah ich, dass es Nick war, der mit seinem Wagen von der Arbeit gekommen war. Ich ging den gläsernen Gang, die Verbindung zwischen der Küche und der Diele, entlang und öffnete ihm die Haustür. Die Küche befand sich in einem Nebengebäude des Hauses, das vor einigen Jahren von dem Vorbesitzer komplett saniert und aufwendig umgebaut worden war. Das gesamte Gebäude war ursprünglich ein alter Bauernhof gewesen. Auf Nicks Gesicht erschien ein Lächeln, als er mich im Türrahmen erblickte. Pepper lief ihm schwanzwedelnd entgegen und empfing sein Herrchen voller Freude.

»Hallo, Sweety«, begrüßte Nick mich und gab mir einen Kuss.

»Hallo, Nick! Wie war dein Tag?«, fragte ich und schloss hinter ihm die Tür.

»Ganz normal, keine besonderen Vorkommnisse. Ich konnte endlich mal Papierkram erledigen. Da hatte sich einiges angesammelt. Dazu komme ich sonst kaum während der regulären Arbeitszeit. Aber noch ist es einigermaßen ruhig auf der Insel.«

»Stimmt. Das ändert sich spätestens nächste Woche, wenn die Osterferien in den meisten Bundesländern beginnen. Dann füllt es sich hier schlagartig. Britta hat mir neulich erzählt, dass ihr Hotel über Ostern komplett ausgebucht ist.«

»Kann ich mir gut vorstellen. Aber das bedeutet auch, dass endlich wieder Frühling ist, die Tage länger werden und die Insel Farbe bekommt. Diese kargen, farblosen Bäume und Sträucher kann man langsam nicht mehr sehen. Wie war dein Tag?«, wollte er wissen und hängte seine Jacke an die Garderobe.

Pepper war mittlerweile kurz im Wohnzimmer verschwunden und kam mit einem Hundespielzeug in der Schnauze zurück, das er aus seinem Körbchen unter der Treppe geholt hatte. Er legte es Nick direkt vor die Füße. Nick streichelte den Hund und kickte das Spielzeug mit der Fußspitze weg. Es rutschte einige Meter über die glatten Fliesen. Pepper fand es großartig und jagte sofort hinterher.

»Erfolgreich«, beantwortete ich Nicks Frage. »Komm mit in die Küche. Ich mache mir gerade einen Tee, dann erzähle ich dir alles ausführlich.«

Nick folgte mir in die Küche. Pepper lief uns neugierig hinterher, sein Spielzeug fest in der Schnauze.

»Magst du einen Kaffee?«, fragte ich Nick, während ich den Teefilter aus meiner Tasse entfernte.

Nick hatte für meine Teeleidenschaft nicht viel übrig. Er trank lieber Kaffee. Obwohl er auf Sylt geboren wurde, hatte er fast sein ganzes bisheriges Leben in Kanada verbracht. Sein Vater war Kanadier, seine Mutter eine waschechte Sylterin. Irgendwann hatten seine Eltern beschlossen, Sylt den Rücken zu kehren und nach Kanada zu gehen. Nicks Vater zog es zurück in seine Heimat. Nicks Mutter besaß aber noch ihr Elternhaus auf der Insel, in dem Nicks Schwester Jill lebte. Allerdings arbeitete sie zurzeit für drei Monate auf dem Festland in der Nähe von Flensburg. Nach einem schweren Schicksalsschlag war Nick vor fast drei Jahren aus Kanada auf die Insel Sylt zurückgekehrt und wollte einen Neustart wagen. Er war Polizist und arbeitete auf dem Westerländer Revier.

»Gerne«, sagte er und setzte sich auf einen der Stühle an dem großen Tisch.

Dann lockerte er mit einer Hand die Krawatte und öffnete die obersten Knöpfe seines Uniformhemdes. Ich nahm einen Becher aus dem Küchenschrank über der Spüle, stellte ihn unter den Kaffeeautomaten und drückte die entsprechende Taste. Die Maschine begann mit einem leisen Surren, die Kaffeebohnen zu mahlen. Dann floss der heiße Kaffee langsam in die Tasse und verströmte dabei einen angenehmen Duft. Ich liebte diesen Geruch. Selbst trank ich wenig Kaffee, da ich ihn nicht sehr gut vertrug. Nur ganz selten ließ ich mich dazu hinreißen, einen Espresso zu trinken, beispielsweise nach einem guten und reichhaltigen Essen.

»Jetzt erzähl schon, Anna. Ich bin sehr gespannt. Was war los heute?«, drängte mich Nick und sah mich erwartungsvoll an.

»Ich habe heute meinen ersten Auftrag erhalten! Die komplette Neuanlage eines Gartens. Der Vertrag ist unterschrieben, ich habe ihn vorhin zurückgemailt«, sagte ich stolz und konnte meine Freude darüber nicht zurückhalten.

»Das ist ja super! Ich gratuliere dir! Siehst du, dann hat es gar nicht lange gedauert, bis du deinen ersten Auftrag bekommen hast. Wo und bei wem wirst du den Garten gestalten?«

»Bei einem Ehepaar in Kampen. Die beiden haben dort ein bebautes Grundstück gekauft, das alte Haus abreißen lassen und bauen jetzt neu.«

»Hey, gleich an der teuersten Adresse vor Ort. Respekt! Aber das klingt vielversprechend! Der Trend ist also ungebrochen, dass Grundstücke vererbt und sofort verkauft werden. Die alten Häuser werden meistens abgerissen, um an gleicher Stelle neue zu errichten. Die Grundstücke sind es, die in erster Linie interessant und vor allem sehr wertvoll sind. Auf jeden Fall freue ich mich riesig für dich. Komm her!«

Ich ging mit dem Kaffeebecher in der Hand auf Nick zu, nachdem ich etwas Milch hineingegeben hatte, und stellte ihn vor ihm auf dem Tisch ab. Nick umfasste meine Taille mit beiden Händen und zog mich auf seinen Schoß.

»Ist es ein richtig großer Auftrag?«, wollte er wissen und trank einen Schluck Kaffee.

»Ja, das Grundstück hat knapp 1.500 Quadratmeter. Das ist ganz ordentlich. Vielleicht bekomme ich auch den Auftrag für die andere Hälfte. Darauf soll ein weiteres Haus gebaut werden. Soweit ich weiß, ist dieser Teil aber noch nicht verkauft. Früher war es ein Grundstück mit einer Gesamtfläche von 2.500 Quadratmetern.«

Ich hatte mich als Landschaftsarchitektin selbstständig gemacht und gerade erst vor ein paar Wochen mein eigenes Büro eröffnet. Dabei arbeitete ich eng mit einem ansässigen Gartenbaubetrieb zusammen. Mein Leben hatte sich seit dem vergangenen Winter kurz vor Weihnachten völlig verändert. Damals hatte ich meine beste Freundin Britta Hansen besucht, die seit vielen Jahren mit ihrem Mann Jan und den Zwillingen Tim und Ben in Rantum auf Sylt lebte. Britta und Jan führten auf Sylt ein sehr schönes und beliebtes Hotel, den Syltstern, den Jan von seinen Eltern übernommen hatte. Es lag am Rande von Westerland in Strandnähe. Britta kannte ich seit meinem ersten Schultag. Nach der gemeinsamen Schulzeit hatten sich unsere Wege getrennt, allerdings nur in räumlicher Hinsicht, denn wir blieben weiterhin in engem Kontakt. Letztes Jahr hatte sie mich Anfang Dezember dazu überredet, sie auf Sylt zu besuchen. Da ich zu dieser Zeit sowieso gerade Urlaub hatte, nahm ich ihr Angebot gerne an. Eine Auszeit hatte ich sehr gut gebrauchen können. Gleich nach meiner Ankunft auf der Insel war ich zufällig Nick begegnet und hatte mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Zunächst sah es allerdings so aus, als ob er meine Zuneigung nicht erwidern würde, doch das änderte sich. Insgesamt war es eine aufregende Zeit gewesen, denn ich hatte durch einen Zufall ein Haus auf Sylt geerbt. Doch diese Erbschaft hielt nicht nur angenehme Überraschungen für uns bereit. Ich konnte es manchmal noch immer nicht begreifen, was uns in diesem Zusammenhang alles widerfahren war. Jetzt wohnten Nick und ich seit über drei Monaten in diesem Haus und fühlten uns sehr wohl. Mittlerweile hatten wir einen vierbeinigen Mitbewohner, Pepper, unseren schwarzen Labradormischling mit weißer Pfote, der fester Bestandteil unseres Lebens geworden war. Er war etwas mehr als ein halbes Jahr alt und hatte eine Menge Flausen im Kopf. Jedenfalls konnten wir uns über Langeweile nicht beklagen, denn er hielt uns ordentlich auf Trab.

»Wie bist du überhaupt an den Auftrag gekommen?«, fragte mich Nick und holte mich aus meinen Erinnerungen.

»Bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen ehemaligen Patienten von Frank. Er hatte ihm von seinem Vorhaben erzählt, und Frank hat mich gleich weiterempfohlen«, erklärte ich.

»Aha, Frank also«, sagte Nick und verzog den Mund.

»Ach, Nick, sei nicht eifersüchtig«, neckte ich ihn, nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn zärtlich auf den Mund.

Doktor Frank Gustafson war ein guter Freund von Brittas Mann Jan und arbeitete auf der Insel als leitender Oberarzt im Westerländer Krankenhaus. Ich hatte ihn ebenfalls im vergangenen Jahr bei Britta und Jan kennengelernt und war einmal mit ihm ausgegangen. Zu dieser Zeit war ich allerdings noch nicht mit Nick zusammen. Frank war Porschefahrer, ledig, gut aussehend, erfolgreich und äußerst charmant, wenn es um das weibliche Geschlecht ging. Wie ich fand, trafen einige dieser Attribute ebenso auf Nick zu, doch da war viel mehr, weshalb ich Nick liebte. Frank war in keiner Weise eine Konkurrenz. Trotzdem freute ich mich jedes Mal, wenn bei Nick ein Funken Eifersucht aufblitzte, wenn von Frank die Rede war. Die beiden Männer waren nicht die engsten Freunde, würden es vermutlich nie werden, begegneten sich aber mit gegenseitigem Respekt. Frank war sich bewusst, dass er bei mir gegen Nick sowieso keine Chance hatte.

»Ich bin nicht eifersüchtig, nur wachsam«, rechtfertigte Nick sich und sah mir tief in die Augen. »So, ich gehe mich duschen und umziehen.«

Er griff nach seiner Tasse und trank den Rest seines Kaffees in einem Zug aus. Dann stand er auf.

»Ich will nachher mit Pepper eine Runde drehen. Begleitest du uns?«, fragte ich ihn, bevor er eine Etage höher im Bad verschwand.

»Ja, klar. Ich habe heute nichts mehr vor.«

Während Nick nach oben ins Schlafzimmer ging, stellte ich unsere benutzten Tassen in den Geschirrspüler und verließ anschließend die Küche, gefolgt von Pepper. Gerade, als ich in der Diele war, klingelte das Telefon im Wohnzimmer. Ich lief dorthin und nahm das Gespräch entgegen.

»Hallo, mein Kind!«, hörte ich meine Mutter sagen, nachdem ich mich gemeldet hatte.

»Hallo, Mama! Wie geht es dir?«

»Mir geht es gut, danke. Ich hoffe, bei euch ist alles in Ordnung?«

»Ja, alles bestens«, beantwortete ich ihre Frage. »Was gibt es Neues?«

Eigentlich hatte meine Mutter erst vor ein paar Tagen angerufen, daher war ich verwundert, dass sie sich nach so kurzer Zeit erneut meldete. Öfter als einmal pro Woche telefonierten wir in der Regel nicht, es sei denn, es gab etwas Dringendes.

»Sieht es bei euch auch schon nach Frühling aus? Hier kommen überall die Tulpen durch. Jetzt fehlen noch ein paar warme Tage, und die ersten Sträucher bekommen Blätter. Das wird aber auch langsam Zeit nach diesem endlosen kalten Winter. Ich kann es kaum erwarten.«

»Ja«, erwiderte ich kurz.

Doch ehe ich mehr sagen konnte, fuhr meine Mutter fort: »Papa war neulich beim Arzt. Heute hat er das Ergebnis der Blutuntersuchung bekommen. Es ist alles in Ordnung. Sein Cholesterinwert ist viel besser geworden. Wir haben doch unsere Ernährung umgestellt, hatte ich dir ja erzählt. Du weißt, die Sache mit dem neuen Kochbuch. Papa wollte mir erst nicht glauben, dass das was bringt. Jetzt hat es sich bestätigt. Und heute Nachmittag haben uns die Schreibers zum Kaffee besucht. Henriette und Günter waren vier Wochen auf den Kanarischen Inseln und sind letztes Wochenende wiedergekommen. Sie haben eine Menge Fotos mitgebracht. Mir schwirrt noch der Kopf. Günter hatte alles auf so einem tragbaren Computer dabei. So einen hast du doch auch, zum Aufklappen.«

»Ja, Mama, einen Laptop.«

»Genau, Günter ist doch so ein Technikfreak. Henriette sagt, er macht nichts mehr ohne dieses Ding. Wir sind da nicht so modern. Jedenfalls hat es ihnen dort sehr gut gefallen. Sie meinten, wir sollten das unbedingt auch in Betracht ziehen. Besonders in dieser trüben Jahreszeit wäre das Balsam für die Seele. Aber du kennst ja deinen Vater, den kriege ich nie lange von Zuhause weg. Außerdem steigt er ungern in ein Flugzeug. Ich hatte übrigens Apfelstrudel gemacht. Den magst du doch auch gerne. Wenn du nicht so weit weg wohnen würdest, hätte ich für dich auch einen gemacht. Henriette hat er jedenfalls sehr gut geschmeckt. Sie wollte sogar das Rezept haben, obwohl sie sehr selten selber backt.«

Meine Mutter war in ihrer Berichterstattung kaum zu bremsen. Ich fragte mich, wie sie so schnell reden konnte, ohne dabei viel Luft holen zu müssen. Und dann diese abrupten Themensprünge. Was kam wohl als Nächstes?

»Ja, Mama, das ist alles sehr interessant, aber du rufst doch nicht an, um mir das alles zu erzählen, oder?«, fragte ich vorsichtig. »Das hätte auch Zeit gehabt.«

Ich ahnte, dass meine Mutter mir zwar irgendetwas mitteilen wollte, aber gleichzeitig nicht mit der Sprache herausrücken wollte. Eine böse Vorahnung beschlich mich, vermutlich wurde es gleich unangenehm.

»Stimmt, Anna, das ist nicht der eigentliche Grund meines Anrufes.« Sie räusperte sich. »Heute Mittag hatte ich einen Anruf. Du kommst sicher nicht von alleine drauf. Du wirst bestimmt nicht begeistert sein, wenn ich es dir sage.«

»Mama! Sag endlich bitte, warum du anrufst! So schlimm wird es schon nicht sein.«

Langsam war ich mit meiner Geduld am Ende.

»Marcus hat heute Vormittag bei uns angerufen. Dein Vater war gerade unterwegs zum Arzt und anschließend zur Apotheke«, sagte sie und machte eine Pause, um meine Reaktion abzuwarten.

»Marcus?«, wiederholte ich, um ganz sicher zu gehen, dass ich mich nicht verhört hatte. »Und was wollte er?«, fragte ich und ahnte nichts Gutes.

Marcus und ich waren lange Zeit ein Paar gewesen, wollten heiraten und eine Familie gründen. Doch eines Tages hatte ich ihn mit einer anderen Frau in unserem Bett überrascht. Daraufhin hatte ich mich sofort von ihm getrennt und war aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Es war nicht das erste und einzige Mal gewesen, dass er mich betrogen hatte, aber das Maß war voll. Ich war nicht mehr gewillt, ihm diese ›Versehen‹, wie er sie nannte, zu verzeihen. Daher wunderte es mich umso mehr, dass er sich ausgerechnet bei meinen Eltern meldete, da ich seit fast zwei Jahren keinen Kontakt zu ihm hatte. Unsere Wege hatten sich endgültig getrennt, und es gab nichts mehr zu sagen. In meinem Leben gab es nicht die kleinste Nische mehr für ihn. Ich hatte lange genug unter der Trennung gelitten und damit abgeschlossen.

»Er wollte dir einige Dinge zukommen lassen, die er beim Aufräumen gefunden hat. Und irgendeine Unterschrift braucht er von dir. Dabei geht es um eine Versicherung, hat er gesagt«, berichtete meine Mutter.

»Hm«, erwiderte ich skeptisch, »ich kann mich nicht erinnern, um welche Versicherung es sich handeln könnte. Wir hatten damals alles gekündigt, was wir zusammen abgeschlossen hatten. Naja, er kann euch die Sachen bei Gelegenheit vorbeibringen. Dann könnt ihr sie mir das nächste Mal mitbringen, wenn ihr nach Sylt kommt.«

»Es schien aber sehr dringend zu sein. Er hat von einer Frist gesprochen, die bald endet. Daher habe ich ihm deine Adresse gegeben, damit er dir das Dokument so schnell wie möglich schicken kann.« Meine Mutter senkte schuldbewusst ihre Stimme.

»Wie bitte? Ach, Mama! Wieso hast du das gemacht? Es geht ihn nichts an, wo ich lebe. Das sollte er gar nicht unbedingt wissen.«

»Es tut mir leid, Anna«, entschuldigte sich meine Mutter kleinlaut. »Ich wollte doch nur, dass du keinen Ärger wegen dieser Frist bekommst. War vielleicht doch keine so gute Idee, oder?«, fügte sie beschämt hinzu.

»Nein, Mama, war es wirklich nicht«, sagte ich leicht verärgert, »aber jetzt ist es sowieso zu spät. Mach dir keine Vorwürfe, er wird schon nicht gleich persönlich vor der Tür stehen. Du hast ihm aber hoffentlich nicht erzählt, dass ich ein riesiges Haus geerbt habe, oder? Mama?«

»Nein, natürlich nicht, was denkst du von mir. Ich habe ihm lediglich erzählt, dass du auf Sylt wohnst und es dir sehr gut geht. Und, dass du einen sehr netten Freund hast. Das ist schließlich kein Geheimnis, oder? Das konnte ich doch ruhig erzählen.«

»Nein, natürlich ist es kein Geheimnis, aber mehr muss er nicht wissen.« Ich seufzte. »Dann kann ich mich wohl darauf einstellen, dass ich demnächst Post von Marcus bekomme. Also, Mama, dann grüß mal Papa von uns und bis bald«, sagte ich und blickte in Richtung der Treppe, die Nick in diesem Moment herunterkam.

Einige der alten Holzstufen knarrten, wenn man sie betrat. Nick hatte seine Polizeiuniform gegen Freizeitkleidung getauscht und war frisch geduscht. Er zog fragend die Augenbrauen hoch, als er mich mit dem Hörer am Ohr sah. Aber ich winkte nur beruhigend ab und schüttelte leicht den Kopf.

»Ja, mein Kind. Grüße auch an Nick und Pepper natürlich. Marcus wird schon nichts Unangenehmes schicken. Mach dir nicht so viele Gedanken.«

Mit diesen Worten legte meine Mutter auf. Ich atmete schwerfällig aus.

»Was ist los?«, wollte Nick wissen und kam auf mich zu. »Ist etwas passiert?«

»Ach, das war meine Mutter. Sie hatte heute einen Anruf von Marcus. Du weißt, mein Exfreund. Sie hat ihm dummerweise unsere Adresse gegeben, weil er angeblich dringend eine Unterschrift in einer Versicherungsangelegenheit von mir benötigt. Keine Ahnung, worum es geht«, erwiderte ich und legte meine Arme um seinen Hals.

Er roch betörend gut nach seinem Duschgel, und sein fast schwarzes Haar war noch nass.

»Versicherung?«, fragte Nick misstrauisch.

»Warten wir es ab. Ich laufe ihm bestimmt nicht nach. So, kommst du mit?«, lenkte ich vom Thema ab und versuchte, mir mein Unbehagen in dieser Angelegenheit nicht anmerken zu lassen.

»Ja. Ich bin startklar. Meinetwegen kann es losgehen.«

Wir zogen uns Schuhe und Jacken an und legten Pepper sein Halsband an. Dann verließen wir alle drei das Haus und liefen einen der schmalen Feldwege entlang, die überall rund um Morsum herum angelegt waren. Der Himmel hatte sich zwischenzeitlich bezogen, und es wehte ein lebendiger Westwind. Wenn man bewusst einatmete, konnte man einen Hauch von Frühling spüren. Die letzten hartnäckigen Schneereste waren aus den Entwässerungsgräben, die rechts und links des Weges verliefen, verschwunden. In zwei Tagen war der 1. April, und Ostern rückte immer näher. Die Zeit war so schnell vergangen, seit ich mit Nick zusammen auf Sylt lebte. Aber ich bereute keine einzige Sekunde. Schon immer hegte ich den Wunsch, eines Tages auf dieser Insel leben zu können. Dass es tatsächlich dazu kommen würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Und jetzt kam es mir vor, als wenn ich schon ewig hier leben würde. Man hatte das Gefühl, dass das Biikebrennen am 21. Februar gerade erst hinter uns lag. Dort wurden alljährlich große Haufen aus Zweigen, ausgedienten Weihnachtsbäumen und Stroh aufgeschichtet und anschließend angezündet, um so den Winter zu vertreiben. Früher diente dieser Brauch vor allem dazu, die Seeleute zu verabschieden, die im Frühjahr hinaus aufs Meer fuhren. Heutzutage war es nicht nur ein alljährliches Ritual für die Insulaner, sondern lockte unzählige Touristen an. Im Anschluss an den Besuch der Feuer, die an verschiedenen Plätzen auf der Insel loderten, ging man in eines der vielen Restaurants zum herzhaften Grünkohlessen. Nick und ich hatten uns mit Freunden getroffen und waren ebenfalls in einem Restaurant zum Essen eingekehrt. Ich hatte zuvor noch nie an einem Biikebrennen teilgenommen und war begeistert, denn es war ein rundum schöner Abend gewesen.

»Denkst du oft an Marcus?«, fragte Nick plötzlich, während wir nebeneinander hergingen.

Pepper lief einige Meter vor uns und hielt die Nase dicht über dem Boden, um alles zu beschnüffeln, was ihm in den Weg kam. Manchmal bremste er mitten im Lauf ruckartig und lief einen halben Meter zurück, als ob er etwas übersehen hatte und auch diese Stelle kontrolliert werden musste. Ich konnte meine Überraschung über Nicks Frage nicht verbergen.

»Nein, überhaupt nicht. Wie kommst du darauf?«

»Nur so«, erwiderte Nick und wandte seinen Blick zum Horizont.

Ich blieb stehen, hielt ihn am Ärmel und blickte Nick direkt in seine schönen dunklen Augen, als er mich ansah. Das war es unter anderem damals gewesen, was mich sofort an ihm fasziniert hatte. Diese Augen.

»Marcus gehört der Vergangenheit an und zwar sehr lange. Ich denke nicht an ihn und empfinde nichts mehr für ihn. Beruhigt dich das?«

»Schon gut. Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten«, sagte Nick. »Ich liebe dich, Anna.«

Dann gab er mir einen Kuss.

»Ich liebe dich auch. Sehr sogar. Schließlich heiraten wir dieses Jahr. So, und nun lass uns umdrehen. Für heute hat Pepper ausreichend Auslauf gehabt. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe Hunger!«

Ich griff nach Nicks Hand, und wir traten den Rückweg an.

Kapitel 4

Am nächsten Morgen, nachdem wir gemeinsam gefrühstückt hatten und Nick zur Arbeit gefahren war, machte ich mich mit Pepper auf den Weg. Ich wollte mir das Grundstück meiner ersten Auftraggeber in Kampen ansehen. Dort wurde zwar am Haus gebaut, aber es konnte nicht schaden, wenn ich mir ein grobes Bild machen würde, wie der Garten im Verhältnis zum Haus geplant war. Bislang waren mir nur wenige Details bekannt. Bei der Gestaltung war es nicht unerheblich zu wissen, wie die Nachbargrundstücke gelegen und gestaltet waren. Schließlich sollte alles zueinander passen und sich gefällig ins Landschaftsbild einfügen. Das Grundstück grenzte unmittelbar an eine freie Heidefläche, daher wollte ich die Übergänge nicht zu abrupt und hart, sondern fließend gestalten. Zäune im klassischen Stil, wie man es vom Festland her kannte, gab es auf Sylt selten. Meistens waren die Grundstücke von einem Steinwall umgeben, der sogenannten Sylter Mauer, oder sie waren überhaupt nicht eingezäunt. Die Sylter Mauer war meistens mit Heckenrosen oder kleinen Kiefernbüschen bepflanzt.

Ich fuhr mit meinem Wagen die Hauptstraße in Morsum entlang nach Archsum und weiter in Richtung Keitum. Als ich den Bahnübergang kurz vor Keitum erreicht hatte, schaltete die Ampel auf Rot und die Bahnschranken schlossen sich. Ich hielt direkt an dritter Stelle hinter einem anderen Auto und stellte den Motor ab. Nach höchstens einer Minute Wartezeit fuhr ein Autozug aus Richtung Niebüll mit lautem Scheppern an uns vorbei. Er war mit wenigen Pkw und einigen Kleintransportern besetzt. Für die vielen Urlauber, die täglich auf die Insel kamen, war es zu früh am Morgen. Der große Ansturm begann um die Mittagszeit, da erst dann die allermeisten Fahrzeuge in Niebüll an der Verladestation ankamen. Schließlich kamen die Gäste aus ganz Deutschland und hatten dementsprechend oft eine lange Anreise. Ab und zu sah man Wagen mit Kennzeichen aus der Schweiz, Frankreich und sogar Italien auf der Insel herumfahren. Ich sah im Rückspiegel, dass Pepper neugierig aus dem Fenster der Heckscheibe blickte, um zu prüfen, warum wir hielten. Während der Fahrt war von ihm meistens nichts zu sehen oder zu hören, und er tauchte erst auf, wenn sich die Geschwindigkeit verlangsamte oder das Auto zum Stehen kam. Behäbig öffneten sich die Schranken, die rote Warnleuchte erlosch, und die ersten Fahrzeuge rollten über den Bahnübergang. Ich beschloss, die Route nach Kampen über Munkmarsch und Braderup zu nehmen und bog entsprechend an der nächsten Abzweigung nach rechts ab. Damit wollte ich dem morgendlichen Berufsverkehr in und um Westerland herum entgehen. Außerdem gefiel mir die Strecke an der Wattseite der Insel entlang besser. Man konnte das Meer und dazwischen Weide- und Heidelandschaft sehen. Auf einigen Wiesen standen große Wasserlachen, die langsam versickerten. Bald würden hier Rinder und Schafe weiden. Der vergangene Winter hatte viel Schnee gebracht, was eher ungewöhnlich für die Nordseeküste war. Ich hatte es trotzdem sehr genossen, denn ich liebte schneereiche und kalte Winter. An der Nordsee rief eine verschneite Landschaft einen ganz besonderen Zauber hervor. Die verschneiten reetgedeckten Häuser wirkten besonders hübsch und behaglich und strahlten eine friedliche Ruhe aus. Man hatte das Gefühl, dass der Trubel und die Hektik völlig an ihnen abprallen würden. Auch der verschneite Strand war ein einmaliger Anblick und ließ mein Herz jedes Mal höher schlagen. An der Wattseite hatten sich in diesem Winter durch die lang anhaltende Kälte dicke Eisschollen gebildet und die Landschaft erstarren lassen. Am späten Nachmittag wurde alles von der untergehenden Sonne in ein bizarres rötliches Licht getaucht. Ich konnte mich an diesem Anblick gar nicht satt sehen. Doch jetzt Ende März war der Winter vorbei. Die Insel erwachte zu neuem Leben und wurde in zartes Grün gehüllt. Auf dem Deich und den Wiesen wurden die ersten Lämmer geboren und staksten auf ihren wackeligen Beinen ihren Müttern hinterher.