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In 'Synnöve Solbakken' von Björnstjerne Björnson werden wir in die ländliche Idylle Norwegens entführt. Die Geschichte folgt der jungen Synnöve und ihrem Verehrer Thorbjörn, deren Liebe durch gesellschaftliche Konventionen und persönliche Hindernisse auf die Probe gestellt wird. Björnson verwendet eine klare und prägnante Sprache, die die Emotionen und inneren Kämpfe seiner Charaktere einfängt. Dieser Roman spiegelt die Romantik des 19. Jahrhunderts wider und reflektiert die sozialen Normen und Werte seiner Zeit. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Zwischen Licht und Schatten ringt eine junge Liebe um ihren eigenen, aufrechten Weg. Björnstjerne Björnsons Erzählung Synnöve Solbakken entfaltet diese Spannung mit einer Klarheit, die zugleich schlicht und eindringlich wirkt. In einer ländlichen Welt, in der Arbeit, Glaube und Ansehen den Takt vorgeben, begleitet der Text zwei junge Menschen, deren Zuneigung an den Normen ihrer Gemeinschaft gemessen wird. Der Blick des Erzählers ist wohlwollend, aber nicht blind; die Natur erscheint als Bühne und Spiegel innerer Regungen. Schon der Name des Hofes Solbakken ruft eine helle Bildwelt auf, gegen die sich Schatten von Stolz, Furcht und Eigensinn abzeichnen.
Synnöve Solbakken erschien 1857 und gehört zu den sogenannten Bauernerzählungen, mit denen Björnson früh bekannt wurde. Das Werk ist in der norwegischen Provinz angesiedelt, auf Höfen und in Tälern, deren Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens bestimmen. Literarisch verbindet es realistische Beobachtung mit einer leisen, idealisierenden Grundierung, wie sie der nationalromantischen Stimmung der Zeit entspricht. Im Rückblick gilt das Buch als Grundstein seines erzählerischen Œuvres; Björnson wurde später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Wer das Werk heute liest, begegnet einem frühen, aber reifen Beispiel skandinavischer Prosa, das die Formation einer nationalen Literatur sensibel miterzählt.
Im Mittelpunkt stehen zwei Jugendliche aus benachbarten Höfen, deren stille Annäherung sich unter wachsamen Blicken vollzieht. Ihre Herkunft ist ähnlich, doch die häuslichen Prägungen unterscheiden sich: Hier gelten Strenge und Durchsetzung, dort Milde und behutsame Selbstzucht. Aus dieser Differenz erwächst keine melodramatische Intrige, sondern eine Folge alltäglicher Prüfungen, in denen Mut, Geduld und Wahrhaftigkeit gefordert sind. Gerede, Stolz und die Angst vor Gesichtsverlust bilden die unsichtbaren Hindernisse. Die Geschichte setzt mit Begegnungen ein, die mehr andeuten, als sie aussprechen, und lädt dazu ein, die feinen Bewegungen der Gefühle in Gesten und Entscheidungen zu lesen.
Das Leseerlebnis ist von einer ruhigen, zugewandten Erzählstimme geprägt. Ein auktorialer Erzähler führt durch Szenen, die oft wie sorgfältig gesetzte Bilder wirken, mit klarer Syntax, sparsamem Pathos und rhythmischen Naturbeschreibungen. Anklänge an mündliche Erzähltradition und Volksliedton schaffen Nähe, ohne ins Sentimentale zu kippen. Dialoge bleiben knapp und lebensnah, während kleine Beobachtungen – ein Blick, ein Handgriff, eine Wegbiegung – Bedeutungsräume öffnen. Insgesamt herrscht ein heller, ernsthafter Ton, gelegentlich durch Wärme und leise Ironie aufgehellt. Wer langsame, sorgfältige Prosa schätzt, findet hier eine Erzählweise, die Spannung nicht durch Schnelligkeit, sondern durch moralische Nuancen erzeugt.
Zentrale Themen sind Reifung und Selbstbeherrschung, die Kraft der Zuneigung und die Bindungskraft der Gemeinschaft. Das Buch fragt, was Ehre bedeutet, wenn sie gegen Mitgefühl steht, und wie Glauben den Alltag ordnen kann, ohne ihn zu verhärten. Es zeigt, wie männliche Stärke zwischen Schutz und Aggression schwankt und wie weibliche Standhaftigkeit jenseits bloßer Sanftmut als ethische Entschiedenheit erscheint. Arbeit, Musik und Festtage bilden das Gewebe, in dem Charaktere sich bewähren. Die wiederkehrende Bildsprache von Licht und Schatten markiert innere Schwellen: Es geht um die Fähigkeit, den eigenen Schatten zu erkennen und doch dem Hellen treu zu bleiben.
Gerade deshalb bleibt Synnöve Solbakken für heutige Leserinnen und Leser relevant. Die Erzählung spricht über Erwartungen, die Gemeinschaften an junge Menschen stellen, über Scham, Ruf und die Macht von Gerüchten – Phänomene, die soziale Medien nur verstärken. Sie beleuchtet, wie Gewaltbereitschaft als vermeintliche Männlichkeit missverstanden werden kann, und wie Anerkennung anders gewonnen wird: durch Selbstprüfung, Verantwortung und Rücksicht. Zugleich erinnert das Buch daran, wie sehr Landschaften unsere Wahrnehmung prägen und Werte in Arbeit und Nachbarschaft entstehen. Es bietet keine einfachen Rezepte, sondern plausible Situationen, in denen Integrität Schritt für Schritt gelernt werden muss.
Wer diese Erzählung heute aufschlägt, entdeckt kein museales Stück, sondern eine klare, kompakte Prosa, die still fesselnd wirkt. Ihr Reiz liegt in der Verbindung aus anschaulichem Alltag, poetischer Verdichtung und einer Hoffnung, die nicht naiv ist. Synnöve Solbakken zeigt, dass Liebe nicht nur Gefühl, sondern Haltung ist, und dass Gemeinschaft gelingen kann, wenn Menschen lernen, ihr eigenes Maß zu finden. Damit lädt das Buch zu Gesprächen über Verantwortung, Konfliktkultur und Empathie ein – Themen, die jede Zeit neu verhandelt. So bewahrt das Werk seine Frische und erschließt eine Welt, die der unseren näher ist, als sie scheint.
Synnöve Solbakken ist eine frühe Bauern-Erzählung des norwegischen Autors Björnstjerne Björnson, erstmals 1857 veröffentlicht. Das Werk spielt in einer ländlichen Gemeinschaft, deren Werte durch Frömmigkeit, Arbeitsethos und sozialen Rang geformt sind. Zwei Höfe strukturieren das soziale Feld und geben ihm symbolische Konturen: Solbakken, die sonnige Anhöhe, steht für Helligkeit, Ordnung und religiöse Strenge; Granlien, die schattige Talsenke, für trotzige Eigenwilligkeit und naturhafte Kraft. In dieser Konstellation erzählt die Novelle von Annäherung und Widerstand, vom Ringen zwischen Gefühl und Pflicht und von der Frage, ob Charakter sich ändern kann, ohne sein Wesen zu verleugnen.
Im Zentrum stehen Synnöve, die fromme Tochter vom Solbakken, und Torbjörn, der kräftige, stolze Junge aus Granlien. Früh begegnen sie einander bei Feldarbeit, Kirchgang und Dorffesten; Interesse wächst, doch höfische Sitten kennt die Gegend nicht, und Zurückhaltung bestimmt den Ton. Synnöves stiller Ernst und Torbjörns ungebrochene Vitalität bilden eine anziehende, aber riskante Mischung. Die Familien beobachten misstrauisch, denn Herkunft, Temperament und Ruf gelten viel. Was als schlichte Bekanntschaft beginnt, entwickelt sich zu einem Prüfstein: Kann Zuneigung in einem Umfeld bestehen, das moralische Klarheit fordert und Fehltritte schnell ins Gerede bringt?
Mit dem Heranwachsen verschärfen sich Gegensätze. Torbjörn gerät mehr als einmal in Handgreiflichkeiten, verteidigt Ehre und Freunde ungestüm und erwirbt einen zweifelhaften Ruf. Für Synnöves streng religiöse Mutter ist dies Anlass zur Ablehnung; der Vater sieht differenzierter, doch auch er fordert sichtbare Verlässlichkeit. Zwischen Sehnsucht und Selbstbeherrschung lernt Torbjörn, dass bloße Stärke nicht genügt. Die Gemeinschaft verlangt Ruhe, Maß und Verantwortlichkeit. Die Beziehung hängt nun an der Frage, ob er sein Temperament zügeln und Vertrauen aufbauen kann, ohne zu verstellen, wer er ist. Das Dorf schaut zu, urteilt und beschleunigt durch Gerede die inneren Kämpfe.
Ein dramatischer Wendepunkt tritt ein, als ein ausgelassenes Fest in Gewalt umschlägt. Aus Neckereien werden Provokationen, aus Stolz eine riskante Herausforderung, die in einer schweren Verletzung endet. Das Ereignis erschüttert beide Familien und legt die Schwäche eines Ehrbegriffs offen, der Stärke mit Härte verwechselt. Zugleich macht es sichtbar, wie dünn die Trennlinie zwischen Mut und Trotz ist. Die Erfahrung zwingt Torbjörn zur Selbstprüfung und zwingt die Gemeinde, über Schuld, Anlass und Zukunft nachzudenken. Für Synnöve wird die Lage zur Bewährungsprobe zwischen Mitgefühl, Furcht und der Loyalität gegenüber den Regeln ihres Elternhauses.
Es folgt eine Phase der Sammlung und erneuter Ausrichtung. Torbjörn sucht Arbeit, Ordnung und ein Maß an stiller Disziplin, um Vertrauen zurückzugewinnen. Er meidet Versuchungen, trennt sich von fragwürdigen Gefährten und stellt Taten über Worte. Kleine Gesten, verlässliche Routinen und ein wachsamer Umgang mit dem eigenen Zorn sollen zeigen, dass Besserung mehr ist als Reue. Synnöve ringt derweil um ihre Stimme: Sie will weder ihre Überzeugungen aufgeben noch ihr Herz verleugnen. Die Eltern wägen Sicherheit gegen Großmut ab; die Nachbarn prüfen jeden Schritt. Hoffnung entsteht, doch sie bleibt an Bedingungen geknüpft.
In diesem Klima formieren sich Aushandlungen, offen und unausgesprochen. Älteste, Verwandte und Nachbarn wirken als Schiedsrichter, und das religiöse Leben der Gemeinde setzt Maßstäbe für Reue und Neubeginn. Gleichzeitig entstehen neue Spannungen: frühere Kränkungen sind nicht vergessen, und andere Bewerber nutzen die Unsicherheit. Jede Annäherung steht unter Beobachtung, jeder Rückschritt wiegt doppelt. Die Frage, ob Wandel glaubhaft ist, entscheidet sich weniger in großen Gesten als im Beharren auf das Rechte im Alltag. Allmählich zeichnet sich ein Weg ab, doch Hindernisse bleiben, und der Ausgang hängt von Geduld, Einsicht und Vertrauen ab.
Als frühe Bauern-Erzählung zeigt Synnöve Solbakken, wie persönliche Reifung im Spannungsfeld von Glauben, Sitte und sozialem Urteil entsteht. Die Kontraste von Solbakken und Granlien bündeln eine symbolische Dramaturgie von Licht und Schatten, Strenge und Vitalität. Björnstjerne Björnson, späterer Nobelpreisträger, verbindet Milieuschilderung mit einer moralischen Fragestellung: Wie weit trägt Liebe, wenn sie mit Pflicht, Ehrbegriff und der Macht des Geredes konkurriert, und kann Charakter sich durch bewusste Praxis wandeln? Die Novelle wirkt nachhaltig durch ihre nüchterne Hoffnung: Veränderung ist möglich, aber nicht ohne Preis. Wie sie sich hier vollendet, bleibt bis zuletzt offen.
Als Synnöve Solbakken 1857 erschien, befand sich Norwegen im Personalunion mit Schweden (1814–1905) und war überwiegend ländlich geprägt. Das Werk spielt in einem ostnorwegischen Talraum, in dem Großbauernhöfe, Nachbarschaften und die lutherische Staatskirche den Alltag strukturierten. Kirchspiel, Pfarrer, Küster und der örtliche Lensmann bildeten zentrale Institutionen, ebenso die seit 1837 eingeführte kommunale Selbstverwaltung. Konfirmation und Kirchgang waren soziale Fixpunkte, und die Elementarschule der Allmende – seit 1739 verordnet, 1827 neu geordnet – förderte breite Lesekompetenz. Diese Rahmenbedingungen prägten Werte, Erwartungen und Konflikte der Landbevölkerung, zu der Björnson seine Erzählung verortete und aus deren Milieu er Figuren und Situationen bezog.
Die Veröffentlichung fiel in die Hochphase des skandinavischen Nationalromantismus (ca. 1840–1865), der Natur, Bauerntum und Volksdichtung als Träger einer eigenständigen norwegischen Identität inszenierte. Zeitgleich sammelten Asbjørnsen und Moe Märchen (ab 1841), und Maler wie Adolph Tidemand und Hans Gude prägten ikonische Bauern- und Fjordbilder. Im Sprachstreit trat Ivar Aasen mit Grammatik (1848) und Wörterbuch (1850) des Landsmål hervor, während die Dano‑norwegische Schriftsprache dominierte. Björnsons Bauernerzählungen positionieren sich in diesem Feld: Sie rücken den Hof, die Sitten und den Dialektklang des Landlebens ins Zentrum, ohne die kirchlich-moralische Ordnung und soziale Hierarchien auszublenden.
Die dörfliche Gesellschaft wurde von Eigentumsrechten und Hofnachfolge geprägt. Das alte Odelsrecht, das Familien den Vorrang beim Erwerb des angestammten Hofes sichert und nach 1814 im norwegischen Recht fortgeschrieben wurde, strukturierte Heiratsperspektiven und soziale Mobilität. Haushalte organisierten saisonale Arbeit, Almenutzung und Gemeinschaftspflichten, während der Lensmann Ordnung und Abgaben vollzog. Der sonntägliche Kirchweg verband verstreute Siedlungen kulturell. Trotz beginnender Modernisierung – 1854 eröffnete die erste norwegische Eisenbahn zwischen Christiania und Eidsvoll – blieben viele Täler abgeschieden. Das stärkte Nachbarschaftsmoral, Ruf und Ehrbegriffe, die in Konflikten, Festen und Arbeitsgemeinschaften verhandelt wurden und den erzählten Alltag rahmen.
Religiös dominierte die evangelisch-lutherische Kirche das Leben; zugleich wirkten pietistische Strömungen fort, besonders die von Hans Nielsen Hauge angestoßene Laienfrömmigkeit. Nach Aufhebung des Konventikelplakats 1842 durften erbauliche Hausversammlungen legal stattfinden, was Bibellektüre, Gesang und sittliche Selbstprüfung förderte. In ländlichen Gemeinden entzündeten sich Debatten an Tanz, Trinken und Festbräuchen, die einige als Verweltlichung, andere als legitime Geselligkeit sahen. Konfirmation blieb ein sozialer Übergangsritus und Voraussetzung für Dienst und Heirat. Solche Spannungen zwischen Glaubensstrenge und gemeinschaftlichem Vergnügen bilden den religiös‑moralischen Hintergrund, vor dem Figuren handeln und Entscheidungen Gewicht erhalten. Pfarrer intervenierten mit Predigt und Seelsorge, doch die alltägliche Normsetzung lag häufig bei Familienoberhäuptern.
Lesefähigkeit war in Norwegen bereits hoch, getragen von der Katechismuspflicht und der seit 1739 etablierten Allmendeschule, die 1827 reformiert und 1860 weiter ausgebaut wurde. In Bauernstuben kursierten Bibeln, Gesangbücher und Erbauungsschriften; Vorlesen band Familien und Gesinde. Die Idee breiter Volksaufklärung gewann an Boden und erhielt mit der Gründung der ersten norwegischen Volkshochschule in Sagatun 1864 ein sichtbares Symbol. Auch wenn dies nach der Entstehung der Erzählung lag, spiegeln Sprachregister, Sprichwörter und moralische Sentenzen eine Kultur, die Bildung als sittliche Ressource verstand und zugleich an kirchliche und dörfliche Autoritäten gebunden blieb.
Ökonomisch befanden sich viele Regionen im Übergang von Subsistenz und Naturalwirtschaft zu stärkerer Marktanbindung. Holzexporte über Flüsse wie Glomma und Drammenselva, saisonale Almwirtschaft und entstehende Meiereien prägten Einkommen. Norwegische Auswanderung begann 1825 und wuchs ab den 1860er Jahren deutlich, blieb jedoch im Erzählzeitraum eher ein Horizont als unmittelbare Erfahrung. Geselligkeit kreiste um Kirchweihen, Heuarbeit und lokale Feste, bei denen Alkohol ambivalent bewertet wurde. Temperenzideen verbreiteten sich in Skandinavien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts; landesweite norwegische Abstinenzorganisationen entstanden später, doch moralische Appelle gegen Raufereien und Trunksucht waren bereits öffentlich präsent.
Literarisch gehört Synnöve Solbakken zu Björnsons frühen „Bauern‑Erzählungen“, die mit Arne (1858) und En glad Gut (1860) eine programmatische Reihe bilden. Die 1857 veröffentlichte Geschichte machte den jungen Autor im skandinavischen Raum bekannt und trug zu seinem Ruf als Nationenbildner bei; später wurde ihm 1903 der Nobelpreis für Literatur verliehen. In einer Buchkultur, die noch stark von dänischen Verlagen geprägt war, fand das Werk rasch Leser und Übersetzer, besonders im Deutschen und Schwedischen. Im 20. Jahrhundert folgten mehrere skandinavische Verfilmungen, die den Stoff als Teil eines regionalen Kulturkanons weitertrugen und popularisierten.
Vor diesem Hintergrund lässt sich das Buch als zeitgenössischer Kommentar zur Nationenbildung lesen: Es idealisiert bäuerliche Sittlichkeit und Naturnähe, zeigt aber zugleich die Disziplinierungsmechanismen, die Gemeinschaft und Kirche ausüben. Ohne den Ausgang im Detail vorwegzunehmen, kreisen zentrale Episoden um Bewährung, Arbeitsethos und soziale Anerkennung. Damit vermittelt die Erzählung zwischen nationalromantischer Stilisierung und einem nüchternen Blick auf Konflikt, Gewaltprävention und moralische Reform. Sie macht sichtbar, wie sich in der norwegischen Provinz der 1850er Jahre Identität, Glauben und Modernisierung begegnen – und welche Tugenden eine Gesellschaft zur Zukunftsfähigkeit erheben wollte. Zugleich resoniert der Text mit Debatten um Sprache, Schule und Bürgerrechte unter der Union mit Schweden.
In unsern weiten Tälern ragt wohl manchmal eine größere Anhöhe empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen Tag über bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuß der Felsen und auf sonnenärmeren Plätzen wohnen, nennen solche Anhöhe: Solbakken, d.h. Sonnenhügel. Das Mädel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf solchem Sonnenhügel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort blieb der Schnee im Herbst am spätesten liegen und schmolz im Frühling am zeitigsten.
Die Besitzer des Hofes waren Haugianer[1] und wurden »Leser[2]« genannt, weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleißigten, die Bibel zu lesen. Der Mann hieß Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheißen, und sie wurde Synnöv getauft, weil sie nichts ähnlicher Klingendes finden konnten. Aber die Mutter sagte immer »Synnöve«: sie hatte nämlich, als das Kind noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein »mein« hinzuzufügen, und das ging ihr nach dem »e« leichter von der Zunge, gleich viel – als das Mädchen größer wurde, hieß sie bei allen so wie bei ihrer Mutter: Synnöve. Und es gab nur eine Stimme: seit Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mädchen aufgewachsen, wie Synnöve Solbakken[1q]. Schon in ihrem zartesten Alter nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in die Kirche, obgleich Synnöve zunächst nicht mehr verstand, als daß der Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben, – »damit sie sich daran gewöhne«, sagte er; und die Mutter wollte es, »weil keiner wissen könne, wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepaßt würde«. Fing auf dem Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkümmern an, erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnöve geschenkt, und von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte nicht recht daran, aber, »jedenfalls war es ja gleichgültig, wem es gehörte, wenn es nur gedieh«.
Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof, der Granliden, d.i. Tannwald, hieß, weil er mitten in einem großen Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgroßvater des jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft befunden, die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten, und hatte von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwürdiger Samensorten mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im Lauf der Zeit war ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den Tannäpfeln, die wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren, erstand ein dichter Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten beschattete. »Der Holsteinfahrer« hatte Thorbjörn nach seinem Großvater geheißen, und sein ältester Sohn wieder nach seinem Großvater: Sämund, und in der Folge trugen die Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen: Thorbjörn und Sämund – seit schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die Sage, nur immer der in der Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden Glück, und zwar kein »Thorbjörn«. Als dem jetzigen Besitzer Sämund ein Sohn geboren wurde, kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht den Mut, sich gegen den Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind wieder Thorbjörn. Er sann, ob der Junge nicht so erzogen werden könne, daß er um den Stein des Anstoßes, den ihm das Gerede in den Weg gelegt hatte, glatt herumkomme. Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu bemerken, daß der Bengel ein Hitzkopf sei. »Das wollen wir ihm schon austreiben«, sagte Sämund zu seiner Frau, und als Thorbjörn drei Jahr alt war, saß sein Vater manchmal mit der Rute in der Hand bei ihm und zwang ihn, die zerstreuten Holzspäne auf ihren richtigen Platz zu tragen, den Tassenkopf, den er heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze, die er gekniffen hatte, zu streicheln. Währenddessen ging die Mutter meistens aus der Stube.
Sämund wunderte sich sehr, daß er immer mehr an dem Jungen zu verbessern fand, je größer der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen an und nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die Mutter hatte ein großes Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie konnte nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu streicheln und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den Feiertagen, da sie Zeit für einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjörn aber dachte sich, wenn er Prügel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet, oder wenn ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu hauen, womit ihn sein Vater schlug: »Es ist doch merkwürdig, daß ich es so schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!«
Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal, als sie gerade mit dem nassen Heu beschäftigt waren, entfuhr ihm doch eine Frage: »Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und eingebracht, wenn es bei uns noch naß draußen liegt?« – »Weil sie dort mehr Sonne haben als wir.« – Da merkte er zum ersten Male, daß der Sonnenglanz, an dem er sich oft erfreut hatte, für die drüben sei, und er eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er häufiger als früher nach Solbakken hinüber. »Sitz nicht so da und reiße den Mund auf,« sagte der Vater und versetzte ihm einen Puff; »hier müssen alle rackern, die Großen wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen.«
Als Thorbjörn sieben oder acht Jahr alt war, nahm Sämund einen neuen Jungknecht an; er hieß Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon weit in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder schon im Bett, aber wie Thorbjörn am nächsten Morgen am Tisch vor seinem Lesebuch saß, schlug einer die Stubentür mit einem Fußtritt auf, wie ihn Thorbjörn noch nie gehört hatte – und das war Aslak, der nun mit einem großen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem Schwung auf die Diele warf, daß sie nur so herumflogen. Dann hopste er in die Höhe, um den Schnee abzuschütteln, und rief bei jedem Hopser: »Kalt ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Gürtel im Eis steckte!« Der Vater war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen und trug ihn, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. – »Nach was glotzt Du denn?« fragte Aslak den Thorbjörn. »Nach nichts«, sagte der Junge, denn er hatte Angst. »Hast Du schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch gesehen?« – »Ja.« – »Wenn’s Buch zu ist, sind auch ‘ne Menge Hühner um ihn herum, – hast Du das auch schon gesehen?« – »Nein.« – »Na, dann sieh mal nach.« – Der Junge tat’s. – »Schafskopf!« sagte Aslak zu ihm. – Aber von dieser Stunde an hatte keiner soviel Macht über ihn wie Aslak.
»Du kannst gar nichts«, sagte eines Tages Aslak zu Thorbjörn, als der wie gewöhnlich hinter ihm herstapfte. – »Ja, ich kann schon alles bis zur vierten Seite.« – »Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom Troll gehört, der mit dem Mädchen solange tanzte, bis die Sonne aufging, und dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!« So große Kenntnisse hatte Thorbjörn noch nie auf einmal gehört. »Wo war das?« fragte er. – »Wo das war? Das war dort drüben in Solbakken.« – »Hast Du denn schon von dem Mann gehört, der sich dem Teufel für ein paar alte Stiefel verschrieben hat?« – Thorbjörn erstaunte dermaßen, daß er vergaß zu antworten. – »Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der Christenlehre hapert’s noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht mal von Kari Baumrock gehört?« – »Nein«; von der hatte er noch nicht gehört. Und während Aslak nun arbeitete, erzählte er immer schneller von Kari Baumrock, von der Mühle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm festsaß, von den sieben grünen Jungfrauen, die aus Schützenpeters Wade die Haare zupften, während er schlief und gar nicht aufwachen konnte, – und das war alles in Solbakken passiert. – »Lieber Gott, was ist denn heute in den Jungen gefahren?« sagte die Mutter am nächsten Tage, »er kniet schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach Solbakken ‘rüber.« – »Ja, heute strengt er sich an«, sagte der Vater, der seine Glieder reckte und sich den ganzen Sonntag über ausruhte. »Er hat sich mit Synnöve Solbakken versprochen, erzählen die Leute,« meinte Aslak, – »die Leute erzählen ja soviel«, setzte er hinzu. Thorbjörn verstand das nicht recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als Aslak darauf aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank, nahm seinen Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. »Tröste Dich nur mit Gottes Wort,« sagte Aslak, »Du kriegst sie ja doch nicht.«
Gegen Ende der Woche dachte Thorbjörn: nun haben die anderen die Sache vergessen, – und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er schämte sich ein bißchen): »Du, wer ist denn Synnöve Solbakken?« – »Ein kleines Mädchen, dem mal Solbakken gehören wird.« – »Hat sie auch einen Baumrock an?« Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. »Was sagst Du da?« Er merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. »Ein hübscheres Kind hat noch keiner gesehen,« fügte die Mutter hinzu, »und die Hübschheit hat ihr unser Herrgott zum Lohn beschert, weil sie immer artig und brav ist und sehr fleißig beim Lernen.« Nun wußte er’s und konnt’ es beherzigen.
