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Seit 2008 ist Systemische Therapie wissenschaftlich und seit Ende 2018 sozialrechtlich anerkannt. Nur ein eher kleiner Teil der aktuell systemtherapeutisch weitergebildeten psychosozialen Fachkräfte wird als approbierte/-r Psychotherapeut/-in Zugang zum Gesundheitswesen finden. In zahlreichen Gebieten der Sozialen Arbeit und angrenzenden Kontexten wird der systemische Ansatz jedoch schon lange genutzt und geschätzt. Obwohl diese Arbeitskontexte häufig keinen primär therapeutischen Auftrag verfolgen, sind dort systemtherapeutisches Wissen und Handeln hoch relevant. Was kann und darf auch in diesen Kontexten in Zukunft Systemische Therapie jenseits des Heilauftrags sein? Welche Unterscheidungen müssen zukünftig getroffen werden? Welche eigenen Konzepte obliegen der Systemischen Therapie jenseits von Approbation und Heilauftrag? Das Buch beleuchtet 14 unterschiedliche Praxisfelder aus systemtherapeutischer Perspektive und gibt grundlegende Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Die Autorinnen und Autoren sind Mathias Berg, Jörg Breiholz, Benjamin Bulgay, Reinert Hanswille, Michaela Herchenhan, Dina Hollmann, Susanne Kiepke-Ziemes, Mathias Klasen, Rudolf Klein, Martina Kruse, Tanja Kuhnert, Tom Levold, Wolfgang Loth, Marion Ludwig, Martina Nassenstein, Matthias Ochs, Claudia Schiffmann, Herta Schindler, Cornelia Schmellenkamp, Rainer Schwing, Julia Strecker, Barbara Welle, Joachim Wenzel, Jan V. Wirth und Renate Zwicker-Pelzer.
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Seitenzahl: 581
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Tanja Kuhnert / Mathias Berg (Hg.)
Systemtherapeutische Perspektivenin der Sozialen Arbeit und verwandten Kontexten
Mit einem Vorwort von Rainer Schwing
Mit 22 Abbildungen und 11 Tabellen
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Tereks/shutterstock.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99472-7
Rainer Schwing
Vorwort
Mathias Berg und Tanja Kuhnert
Einführung: Systemisch denken, therapeutisch handeln – jenseits von Approbation und Heilauftrag
I Grundlagen
Einleitung zu Teil I
Matthias Ochs
Fließende Übergänge: Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Beratung, Systemischer Therapie und Psychotherapie – oder wie man sich die Zähne ausbeißen kann und zu guter Letzt beim Zen landet
Joachim Wenzel
Rechtliche Einordnung Systemischer Therapie jenseits des Heilauftrags in Abgrenzung zu heilkundlicher Psychotherapie
Jan V. Wirth
Soziale Arbeit und Systemische Therapie – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
II Systemische Therapie in der Sozialen Arbeit
Einleitung zu Teil II
Mathias Berg und Wolfgang Loth
Systemische Kinder-, Paar- und Familientherapie im Feld der Erziehungsberatung
Mathias Klasen und Claudia Schiffmann
Aufsuchende Familientherapie – eine Hilfeform für die Arbeit mit Familien in besonderen Lebenslagen
Dina Hollmann und Cornelia Schmellenkamp
Stationäre Jugendhilfe – Hilfe zur Erziehung und Inobhutnahme: Sozialpädagogik und Systemische Therapie Hand in Hand
Marion Ludwig
Systemische Therapie im Rahmen des Therapeutischen Einzel- und Gruppenwohnens für psychisch beeinträchtigte, wohnungslose Menschen
Herta Schindler
Systemtherapeutische Biografiearbeit im Pflegekinder- und Adoptionsbereich
Martina Nassenstein
Komplexität in sich verändernden Systemen: Schwangerschafts- und Familienberatung
Barbara Welle und Jörg Breiholz
»Papa, sag dem Chef, du hast genug gearbeitet, und komm nach Hause!« Systemische Therapie mit Straffälligen und deren Familien
Tanja Kuhnert
Mittendrin statt nur dabei – systemtherapeutisches Arbeiten im Kontext des ambulant betreuten Wohnens
Benjamin Bulgay
Systemisch-therapeutische Aspekte in der Arbeit mit migrierten und geflüchteten Menschen
III Systemische Therapie in verwandten Kontexten
Einleitung zu Teil III
Renate Zwicker-Pelzer
Systemische Beratung und Familientherapie im Kontext von Pflege und Angehörigenarbeit
Rudolf Klein
Systemische Suchtberatung und Suchttherapie
Susanne Kiepke-Ziemes
Systemische Beratung und Therapie in der Hospizarbeit und Palliativversorgung
Martina Kruse und Michaela Herchenhan
Systemtherapeutische Perspektiven in den Frühen Hilfen: Sichtweisen, Haltung und Methoden – Chancen und Grenzen
Julia Strecker
Systemische Seelsorge als Systemische Therapie: Schuld und Scham
IV Diskussion
Einleitung zu Teil IV
Reinert Hanswille
Wie viel Störungswissen ist nötig in den unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungsformaten im Verfahren Systemische Therapie? Ein Plädoyer für Unterschiede, die einen Unterschied machen
Tom Levold
Systemische Therapie für unterschiedliche Kontexte und Systeme – ein transdisziplinärer, multiprofessioneller und kompetenzorientierter Ausblick
Reinert Hanswille
Unterschiede befruchten die »systemische Welt«
Die Autorinnen und Autoren
Abkürzungsverzeichnis
Rainer Schwing
Vorwort
Dies ist ein wichtiges Buch, ein facettenreicher und fundierter Beitrag zu einer unerlässlichen Diskussion, die uns auf vielen verschiedenen Ebenen in den nächsten Jahren beschäftigen wird.
In seinem Gedicht »Wahrnehmung« prägte Bertolt Brecht den viel zitierten Satz: »Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen« (Brecht, 1949/1993, S. 205). Die Anerkennung der Systemischen Therapie war ein langer Weg durch ein stattliches Gebirge, vom ersten Anlauf mit einer Expertise 1998 über die berufsrechtliche Anerkennung 2008 bis zur sozialrechtlichen Anerkennung im November 2018 galt es viele steile Anstiege, Bergpässe und überraschende Abgründe zu überwinden. Nun liegt sie vor und die Systemische Therapie ist auf dem Weg, als Richtlinienverfahren in die psychotherapeutische Versorgung Eingang zu erhalten. Das ist ein großartiger Erfolg, in den viele Menschen unglaublich viel Arbeit und Herzblut investiert haben. Und wir dürfen uns freuen, denn damit wird auch die psychotherapeutische Versorgung deutlich verbessert, wenn Klienten nicht nur als Einzelne behandelt, sondern in ihrem Lebensumfeld gesehen werden, und wenn Menschen aus diesem Lebensumfeld einbezogen werden. Dass damit nicht nur den »Patienten« gedient ist, haben u. a. die Forschungen von Russell Crane (z. B. Crane u. Christenson, 2013) gezeigt. Er konnte durch umfangreiche Auswertungen von Versicherungsdaten nachweisen, dass die Gesundheitskosten nach familientherapeutischen Behandlungen in den Folgejahren nicht nur bei den Patienten sanken, sondern auch bei den mitbehandelten Angehörigen.
Die Mühen der Ebenen erleben nun viele Kolleginnen und Kollegen ganz praktisch und konkret, denn bei der Einführung eines neuen Therapieverfahrens gibt es unzählige umfangreiche Gestaltungsaufgaben, große und kleine. Von dem Entwerfen der Curricula und der Einrichtung von Ausbildungsprogrammen über die Formulierung von Prüfungsfragen für die Approbationsprüfung bis hin zur Platzierung geeigneter Wissenschaftler/-innen in den Universitäten gibt es nun mehr als genug zu tun.
Aber die Ebenen bieten auch noch andere Mühen und Herausforderungen. Ich sehe vor allem zwei große Bereiche, die unserer Achtsamkeit bedürfen:
–Der erste betrifft die Frage, was die Anerkennung für die Arbeit Hunderter systemischer Therapeutinnen (bzw. Therapeuten) bedeutet, die außerhalb der etablierten Heilkunde jahrzehntelang erfolgreiche und engagierte Arbeit geleistet haben. Dürfen sie sich noch systemische Therapeutinnen nennen? Und vor allem, was wird aus ihrer Arbeit?
–Der zweite Bereich ist die Aus- und Weiterbildung. Was bisher die Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung auszeichnete, steht nun infrage: Das berufsübergreifende, interdisziplinäre Lernen, in dem sich Fachkräfte aus unterschiedlichen Berufen und in unterschiedlichen Arbeitsfeldern begegnen. Das hat dazu beigetragen, nicht in Zünften zu denken und sich abzugrenzen, sondern Ideen zu entwickeln, welche Möglichkeiten Fachkräfte mit anderen beruflichen Kompetenzfeldern für die gemeinsame Arbeit bieten. Und es förderte auch die Institutionsübergreifende Kooperation durch gemeinsames Lernen. Das ist gefährdet und darin stecken inhaltliche Probleme und auch ganz praktische personelle Herausforderungen. Und andererseits gibt es eine Menge Chancen!
Aber erst einmal zum ersten Punkt: Es gibt wahrscheinlich Tausende von Buch- und Artikelseiten zu der Frage, was Systemische Therapie und Beratung unterscheidet, und wie Coaching oder Supervision in dieser Begriffslandschaft zu platzieren seien. Selbstverständlich sind solche Diskussionen wichtig – zur Begriffsklärung, Orientierung und Einordnung verschiedener Hilfeformen in sozialrechtliche Versorgungssysteme.
In der systemischen Tradition wurde jedoch zu recht immer wieder darauf verwiesen, dass die Grenzen fließend sind. Etliche Beiträge dieses Buchs stellen diese Diskussion dar und liefern wertvolle Orientierung. Das ist nicht nur eine konzeptionelle Frage der Abgrenzung, sondern auch eine ganz pragmatische. Denn auf der einen Seite werden beispielsweise durch gute Pädagogik und Sozialarbeit Veränderungsprozesse angestoßen, die sich in Tiefe und Nachhaltigkeit oft nicht von psychotherapeutisch impulsierten Veränderungen unterscheiden und die ganz eindeutig heilende Wirkung entfalten. Darüber hinaus ist für viele Klientinnen und Klienten der Rahmen klassischer Psychotherapie unpassend. Das regelmäßige therapeutische Gespräch mit 50 Minuten Dauer im Praxisraum ist sicher nicht die einzige Form, Menschen zu relevanten Veränderungen einzuladen und tiefgreifenden Entwicklungen anzuregen. Aufgrund meiner Praxis mit gesellschaftlichen Randgruppen und Jugendlichen habe ich vielfach gesehen, wie andere Settings oft besser dazu beigetragen haben, dass sich die Klientinnen und Klienten entspannen und auf die Arbeit an ihren Themen einlassen. Da entfaltet manchmal das 20-minütige »Tür- und Angelgespräch« mehr Wirkung als längere therapeutische Sitzungen.
Genau hier ist das Arbeitsfeld systemischer Therapie angesiedelt, z. B. in der Jugendhilfe, Sozialpsychiatrie, Pädagogik. Hier erreicht sie mit ihrer Arbeit Menschen, die unter zum Teil massiven Beeinträchtigungen leiden, die aber von der klassischen Psychotherapie nur wenig erfolgreich angesprochen werden. Über die Gründe ist andernorts schon lange und kompetent diskutiert worden. Angefangen von der YAVIS-Diskussion – die traditionelle Therapie bevorzuge den Typ »Young, Attractive, Verbal, Intelligent, Successful« –, die William Schofield 1964 mit einer provokanten Veröffentlichung startete (Schofield, 1964/2019), bis hin zu den Befunden, dass Probleme wie komplizierte Anmeldeprozeduren und lange Wartezeiten den Zugang von beispielsweise Psychosepatienten zur Psychotherapie erschweren. Nur etwa 7 % schwer beeinträchtigter Psychosepatienten hatten in einer Untersuchung »jemals seit Beginn ihrer Erkrankung eine Psychotherapie erhalten« (Lambert u. a., 2014, S. 258).
Diese Menschen tauchen nun in den anderen Systemen auf, als Eltern in Schulen, als Klienten in Schuldnerberatungen, in der Jugendhilfe, in betreuten Wohnformen, in der Straffälligenhilfe, in Frühen Hilfen, um nur einige zu nennen. Das Buch ist voll von solchen Arbeitsfeldern, in denen auch weiterhin gut ausgebildete systemische Therapeutinnen gebraucht werden, die eben nicht Psychotherapie vor Ort anbieten, sondern ihr systemtherapeutisches Knowhow einbringen, um die Arbeit in diesen Systemen so zu gestalten, dass sie den betroffenen Klienten stabilisierende und entwicklungsfördernde Bedingungen bieten können.
Der zweite Punkt betrifft die systemische Aus- und Weiterbildung. Hier wird es interessante Dynamiken geben, die jetzt schon absehbar sind. Ich möchte einige mögliche Szenarien skizzieren. Viele Ausbildungsinstitute – auch tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Institute werden systemische Ausbildungen anbieten. Denn Befragungen zeigen, dass eine große Anzahl der Psychologiestudierenden eine systemische Ausbildung präferieren. Es wird eine hohe Nachfrage an kompetenten Lehrenden mit Approbation geben, davon gibt es nicht so viele. Das wirft die Frage auf, ob alle Ausbildungsgänge mit gut qualifizierten systemisch Lehrenden oder gar mit DGSF/SG-Lehrenden besetzt werden können. Wer wird diese Ausbildungsinstitute, die sich dann möglicherweise mit Lehrenden ohne DGSF/SG-Ausbildung behelfen, fachlich vertreten? Werden diese die Deutungshoheit und die Qualitätsstandards der DGSF oder der SG akzeptieren oder eigene Verbandsstrukturen gründen? In DGSF und SG sind bis jetzt alle systemisch aus- und weitergebildeten Fachkräfte gemeinsam organisiert. Lässt sich das halten oder wird eine Zunft systemischer Psychotherapeuten entstehen, die sich von den anderen Berufsgruppen abgrenzt? Vorurteile werden durch Grenzen erzeugt und chronifiziert, sie werden abgebaut durch gemeinsames Lernen und gemeinsames Arbeiten. Gemeinsame Lernorte könnten weniger werden zugunsten professionsspezifischer Lernorte.
Die ganz pragmatische Sorge eines Institutsleiters: Werden bei der nun ruckartigen Bedarfssteigerung an systemisch Lehrenden in Psychotherapieausbildungen die approbierten Kolleginnen und Kollegen weiterhin für die Lehre in anderen Instituten zur Verfügung stehen oder mit bedauerndem Blick auf volle Terminkalender absagen? Sowohl was Lernorte als auch was den Wissenstransfer zwischen den »Zünften« angeht, besteht großer Handlungsbedarf, denn das ist immer eine hohe Qualität der bisherigen systemischen Weiterbildungen gewesen und diese Qualität braucht es natürlich noch weiter und sogar immer dringlicher.
Menschen – manche – lieben Schubladen. Sie sorgen für Ordnung, und es sieht aufgeräumt aus. Depressionen sind etwas anderes als Angst, Diabetes ist etwas anderes als Bluthochdruck. Beratung ist etwas anderes als Therapie.
Bei genauerem Hinsehen werden manche Unterscheidungen fragwürdig. Es finden sich starke Überlappungen, manchmal gibt es gemeinsame Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen. Trennschärfe lässt sich nicht immer so gut herstellen. Sind diese Unterscheidungen nützlich? Klar, irgendwie müssen wir uns ja zurechtfinden. Sind Sie aber immer der Weisheit letzter Schluss?
Besonders fragwürdig wird dies bei komplexen Systemen. In der Welt trivialer Dinge ist alles noch einfach: Die Unterschiede zwischen einem Messer und einem Messbecher, zwischen einem Auto und einem Automaten, zwischen einem Stuhl und einem Lehrstuhl sind offensichtlich. Bei komplexen Systemen wird das um einiges komplexer, und klar umgrenzte Begriffe sind oft historisch gewachsene, vage Beschreibungen einer eben komplexen Vielfalt, die aus einer bestimmten Perspektive einige der beobachteten Phänomene bündeln. Und die sich fragen lassen müssen, warum gerade diese Bündelung die sinnvollste sein soll und ob es nicht andere gibt.
Beispielsweise sind Schlaganfälle und Diabetes zwei klar unterschiedene Entitäten; phänomenologisch und von den Therapieansätzen. Beide sind andererseits Ausdruck eines gewachsenen Lebensstils und auch dadurch beeinflussbar. Interventionen bezüglich Ernährung, Bewegung, Stressmanagement erzielen in etlichen Studien und Metastudien bei beiden ähnliche Effektstärken wie pharmakologische Behandlungsstrategien. Neuere Forschungen zeigen beispielsweise Verbindungen zwischen Depression, entzündlichen Prozessen und dem Mikrobiom. Die letzten beiden haben ihrerseits viel mit Ernährung zu tun. Wie wäre es, wenn wir andere Bündelungen vornehmen und z. B. 10 % der krankheitsspezifischen Forschungsmittel in den Bereich Lebensstil investieren? Menschen zur Veränderung ihrer Lebensstile anzuregen, ist eine anspruchsvolle und bisher selten gelehrte Kunst mit hohem heilenden Potenzial.
Wenn wir heute wissen, dass regelmäßige Bewegung bei mittleren Depressionen ähnlich hilfreich ist wie Psychotherapie oder Pharmakotherapie, dass Mannschaftssport erheblich dazu beiträgt, die Folgen traumatisierender Kindheitserlebnisse (Adverse Child Events) zu lindern, dass soziale Unterstützung entscheidend zur Resilienzbildung beiträgt und der stärkste protektive Faktor für psychische und organische Gesundheit ist, dass Ernährung das Alzheimerrisiko drastisch senken kann, dann gilt es, Grenzräume zu überschreiten und in interdisziplinäre Kooperation zu investieren. Gut angeleitete Gruppenaktivitäten in der Natur oder Kochevents mit leckeren Ergebnissen, ein regelmäßiges Müttertreffen oder gemeinsame Aktivitäten in der Gemeinde können ähnliche Effekte entfalten wie eine gute Psychotherapie. Hierfür wird es eine Menge systemischer Therapeutinnen und Therapeuten brauchen, die aus der sozialen Arbeit und der Pädagogik kommen und helfen können, auch für stark verstörte Menschen gute und Halt gebende Rahmenbedingungen herzustellen und entsprechende Aktivitäten zu planen und durchzuführen. Sie bringen genau das Wissen mit, wie solche Angebote gestaltet werden, sie benötigen auch therapeutisches Wissen, um verantwortlich und effektiv handeln zu können.
Es ist ein großer Fortschritt, dass die systemische Psychotherapie nun zu den Richtlinienverfahren zählt und Klientinnen und Klienten auch diese Behandlungsoption offensteht. Systemische Beratung und Therapie zeichnete sich bisher dadurch aus, dass sie die künstliche Trennung zwischen Individuen aufhob und das Umfeld miteinbezog: Familienangehörige, Freunde, Nachbarn, die Cliquen der Jugendlichen.
Es wird auch weiter darum gehen, künstliche Trennungen zu überwinden. Was wir benötigen, neben den sinnvollen Abgrenzungen, ist viel mehr Kooperation, die auch strukturell abgesichert werden muss. Wir brauchen integrierte Zentren, in denen Fachkräfte aus den Bereichen Psychotherapie, Ernährungslehre, Sozialarbeit, Medizin, Pädagogik, Bewegung etc. ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsam Patienten auf ihrem Heilungs- und Entwicklungsweg unterstützen. Solche Arbeitsformen werden den bestehenden und kommenden komplexen Aufgaben besser gerecht als isolierte Behandlungspraxen.
Das ist eine Vision und gleichzeitig in vielen Projekten bereits gelebte und sehr erfolgreiche Realität. Wer wäre für diese Aufgabe besser prädestiniert als systemische Therapeutinnen und Psychotherapeuten mit ihrem Know-how, das Umfeld ihrer Klienten mit ins Bild zu nehmen und integrierend zu handeln? Ich wünsche diesem Buch, dass es viele Lesende findet, dass es Diskussion und Kooperation anregt und dass es dazu beiträgt, die Bedeutung systemischer Therapie in den vielfältigen Handlungsfeldern zu unterstreichen.
Literatur
Brecht, B. (1949/1993). Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 15: Gedichte 5. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Crane, R. D., Christenson, J. D. (2013). Costs of treating depression with individual versus family therapy. Journal of Marital and Family Therapy, 39 (4), 457–469.
Lambert, M. u. a. (2014). Integrierte Versorgung von Patienten mit psychotischen Erkrankungen nach dem Hamburger Modell: Teil 1. Rationalen, Behandlungsmodell und Ergebnisse der Vorstudie. Psychiatrische Praxis, 41 (5), 257–265.
Schofield, W. (1964/2019). Psychotherapy: The purchase of friendship. London/New York: Routledge.
Mathias Berg und Tanja Kuhnert
Einführung: Systemisch denken, therapeutisch handeln – jenseits von Approbation und Heilauftrag
Systemische Therapie ist, wie z. B. die Verhaltenstherapie und die Psychoanalyse auch, in Deutschland ein Verfahren der heilkundlichen Psychotherapie. Zur Ausübung der Heilkunde auf dem Gebiet der Psychotherapie bedarf es grundsätzlich der Approbation als Psychotherapeut/-in.1 So könnte eine aktuelle Beschreibung der momentanen Diskussion und Situation der Systemischen Therapie lauten – so klar und einleuchtend, so unmissverständlich. Wieso dann ein Buch über Systemische Therapie jenseits des Heilauftrags? Erscheint diese Verbindung unter oben genannten Vorzeichen nicht geradezu disparat? Impliziert der Begriff der Therapie nicht eben, dass es sich, von einer Erkrankung oder einem Leiden ausgehend, um eine kurative Maßnahme mit Aussicht auf Heilung oder Linderung handelt?
Ein anderes Szenario: In den 1950er und 1960er Jahren etablierte sich, ausgehend von den USA, eine damals neue Form der therapeutischen Behandlung – die Familientherapie (von Schlippe u. Schweitzer, 2012, S. 33). Die ihr zugrundeliegenden Ideen, dass niemand allein krank und der eigentliche Patient die Familie ist (Richter, 1972) bzw. dass »das Tun des Einen« »das Tun des Anderen« ist (Stierlin, 1976), gab es bereits zuvor, jedoch erst mit der Familientherapie wurden diese Erkenntnisse in spezifische Interventionsformen gegossen, die sich eigenständig weiterentwickelten. Die bedeutsamste Entwicklung in diesem Sinne war sicherlich das Aufkommen der systemischen Perspektive innerhalb der Familientherapie und in der Folge ein Wechsel zur Kybernetik zweiter Ordnung (Dell u. Goolishian, 1981). Das systemische Paradigma in der Psychotherapie war damit geboren und somit auch die systemische (Familien-)Therapie, die sich seit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre überall in Deutschland zu verbreiten begann. Wie andere psychotherapeutische Ansätze zu dieser Zeit wurde systemische (Familien-)Therapie dabei im Wesentlichen in unabhängigen Instituten gelehrt, die sich bald zu ersten Dachverbänden zusammenschlossen oder diesen beitraten und verbindliche Qualitätsmerkmale sowie Richtlinien für die Aus- und Weiterbildung festlegten.
Systemische (Familien-)Therapeutinnen und Therapeuten bringen seit gut vierzig Jahren ihr Wissen und ihre Expertise in unterschiedliche Arbeitsfelder des Sozial- und Gesundheitssektors ein. Viele dieser Kontexte, insbesondere die Soziale Arbeit, profitieren von der systemischen Sichtweise und dem therapeutischen Know-how, dass systemische Therapeutinnen in anderen Arbeitsbereichen – neben der psychotherapeutischen (Heil-)Behandlung – anwenden. Systemische Therapie und zuvor die Familientherapie waren sowohl in ihrer Anwendung als auch in ihrer Ausbildung bislang kaum auf eine psychotherapeutische Behandlungssituation im Behandlungszimmer bzw. der Klinik begrenzt, sondern – kontextoffen – auch und gerade in sozialpädagogischen Feldern zu Hause. Insbesondere in der Beratungstätigkeit, der gesamten Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, aber auch der Arbeit mit psychisch- und suchtkranken Menschen fand und findet die systemtherapeutische Perspektive bis heute großen Anklang (Berg, 2019; Klein, 2014; Ritscher, 2005).
Doch wie legitimiert sich (system-)therapeutisches Handeln in der Sozialen Arbeit? Was ist Sinn und Ziel von Systemischer Therapie in diesen sozialen Arbeitsfeldern, wenn es nicht in erster Linie einen Auftrag zur »Heilung psychischer Störungen« gibt? Oder ist Systemische Therapie in sozialpädagogischen und angrenzenden Arbeitsfeldern schlicht immerzu als Systemische Beratung zu bezeichnen?
Systemische Therapie in primär nichtheilkundlichen Kontexten
Es wäre vermessen, hier abschließende Antworten auf diese Fragen geben zu wollen, jedoch verfolgt das Buch den Anspruch, den manchmal etwas diffus wirkenden Ort Systemischer Therapie jenseits des Heilauftrags konkreter als bisher geschehen auszuleuchten. Ob systemtherapeutische Leistungen von ihren Erbringern überhaupt als »therapeutisch« bezeichnet werden dürfen, hängt dabei stark vom jeweiligen Arbeitskontext und dessen immanenten Gesetzen und Gepflogenheiten ab. Ist das noch pädagogisch oder schon therapeutisch? Immer noch Beratung oder bereits Therapie? In den seltensten Fällen ist die therapeutische Behandlung primäre Aufgabe der Systemischen Therapeuten in diesen Arbeitsfeldern. Dennoch sind therapeutische Leistungen in vielen Bereichen, wie z. B. den Hilfen zur Erziehung, häufig impliziert (exemplarisch in diesem Band: Berg u. Loth). Dabei stehen diese nicht für sich allein, sondern sind im Zusammenhang mit anderen pädagogischen, sozialarbeiterischen, beratenden, betreuenden, integrierenden, seelsorgerischen, pflegerischen, präventiven und rehabilitativen Interventionen zu sehen. Das Ziel Systemischer Therapie im nichtheilkundlichen Sektor ist insofern immer an der Funktion und den Zielvorstellungen des jeweiligen Arbeitskontextes ausgerichtet. Konkret bedeutet dies z. B., dass systemtherapeutische Angebote und Interventionen dabei unterstützen können, den Selbstwert und die Selbstständigkeit von delinquent gewordenen Jugendlichen in einer stationären Wohneinrichtung zu stärken, die Integrationsfähigkeit von Eltern mit Migrations- und/oder Fluchterfahrungen zu befördern oder an einer nachhaltigeren Rehabilitation von straffällig gewordenen Menschen zu arbeiten.
Die Klinische Sozialarbeit bezeichnet Menschen in solchen und vergleichbaren Situationen, die vielfach dringend therapeutische Hilfe benötigen, jedoch selten den Weg in psychotherapeutische Praxen schaffen, als »›hard-to-reach‹-Klientel« (Pauls, 2013, S. 24). In diesem Sinne begreift Klinische Sozialarbeit die »psychosoziale Behandlung« von Menschen in unterschiedlichen Notlagen auch als elementaren Teil einer fachlich spezialisierten Sozialen Arbeit. Systemische Therapie wäre in dieser Lesart ein legitimiertes Verfahren in sozialarbeiterischen Tätigkeitsfeldern, welches neben einer gesundheitlichen Komponente auf die soziale Dimension ihrer Adressatinnen und Adressaten abzielt (Lammel u. Pauls, 2017; Ningel, 2011). Die Anwendung systemtherapeutischer Intervention im nichtheilkundlichen Feld bezieht sich in der Regel demnach auf einen Aspekt gesellschaftlichen Lebens, wie z. B. Erziehung, Familie, Ehe, Interkulturalität, Frauengleichstellung oder Alkohol und Drogen. Das Angebot ist insofern diesen gesellschaftlichen Teilbereichen zugeordnet, während Systemische Therapie als Verfahren der heilkundlichen Psychotherapie sich ausschließlich im Bereich der Gesundheits- bzw. Krankenversorgung abspielt und aus dieser Perspektive unterschiedliche Lebensaspekte tangiert (Berg, 2019).
Gesundheitsförderung: biopsychosozial
Neben der Verankerung Systemischer Therapie in der Sozialen Arbeit und Pädagogik, dem Einzug in die psychotherapeutische Versorgung im Jahr 2018 sowie einer immer weiter schreitenden Verbreitung im arbeitsweltlichen Kontext durch Supervision, Coaching sowie Organisationsberatung und -entwicklung erlangt systemisches Handeln und systemische Theorie auch in anderen verwandten Arbeitsfeldern immer mehr Verbreitung (z. B. Levold u. Wirsching, 2016, S. 421 f.; von Schlippe u. Schweitzer, 2012, S. 78 f.).
Schweitzer und von Schlippe stellen fest: »Es gibt nur wenige Bereiche psychotherapeutischer Tätigkeit, in denen es so sehr darum geht, Wissen aus verschiedenen Bereichen zusammenzuführen wie die Arbeit im Kontext körperlicher, vor allem chronischer und lebensbedrohender Krankheiten. Hier wird neben psychotherapeutischem auch somatisches und soziales Wissen, Kompetenz und Erfahrung verlangt. Krankheit, besonders, wenn sie lange andauert, kann zu einem signifikanten Bestandteil familiärer Interaktion (und nicht nur familiärer) werden« (Schweitzer u. von Schlippe, 2006, S. 336).
Die gewählte Beschreibung macht insbesondere für Arbeitsfelder der psychosozialen Gesundheitsversorgung deutlich, wie komplex bisweilen Arbeit in der Pflege, im Hospiz, mit Suchtkranken oder der Seelsorge betrachtet werden kann. In den Frühen Hilfen als Schnittstelle zwischen Sozial- und Gesundheitswesen liegt der Fokus auf der Unterstützung und Versorgung von schwangeren Frauen, Müttern, (werdenden) Vätern sowie ungeborenen und neugeborenen Kindern, also in der Regel »gesunden« Menschen, was diesen Kontext wesentlich von Krankenpflege und Palliativversorgung unterscheidet. Jedoch eint diese Arbeitsbereiche die Konfrontation mit Geburt, Krankheit oder Tod – Herausforderungen, die Menschen mit den relevantesten Lebensthemen in Kontakt bringen:
–Anfang und Neubeginn, Zugehörigkeit, Schaffung von Familiensystemen;
–Krankheit, Einschränkung, Abhängigkeit, Verlust von Lebensvisionen, Ohnmacht und Schicksal;
–Beendigung des Lebens, Endlichkeit, Abschied und Tod, Verlust und Trauer;
–die Frage nach dem Sinn des Lebens, der Zugehörigkeit zur Familie, Partnerschaft und (Leistungs-)Gesellschaft;
–der Umgang mit Normen und Werten in Erziehung und Familie, der Umgang mit starken Emotionen im Sozialgefüge, die Ritualgestaltung, Lebensführung, Ausgestaltung und Bedeutung von (familiären) Rollenmustern, das Eingebundensein des Menschen.
Die Vielschichtigkeit dieser Themen macht deutlich, dass es hier unterschiedlicher Betrachtungsweisen und damit sowohl Interdisziplinarität als auch einer systemischen Perspektive bedarf, um Menschen hilfreiche Unterstützung anbieten zu können. Möglicherweise erklärt diese Komplexität, dass systemisches Denken und Handeln schon lange (Schweitzer u. von Schlippe, 2006; Altmeyer u. Kröger, 2003; Altmeyer u. Hendrischke, 2012) und aktuell immer mehr Eingang findet in die Fort- und Weiterbildung von Hebammen, Kinderkrankenpflegenden (Nationales Zentrum Frühe Hilfen, 2019), allgemeinmedizinischen Pflegekräften (Geyer, Rose u. Zwicker-Pelzer, 2011), Medizinerinnen und Medizinern (Altmeyer u. Hendrischke, 2012) sowie weiteren beteiligten Berufsgruppen in der Gesundheitsversorgung.
Damit führt die Weiterentwicklung der systemtherapeutischen Arbeit an Schnittstellen des Sozial- und Gesundheitswesens und in multiprofessionellen Teams der medizinischen Versorgung wieder zurück an die Ursprünge der Entwicklung systemischer und familientherapeutischer Konzepte: Altmeyer und Hendrischke (2012, S. 13 f.) nennen Vorläufer zu Ende des 19. Jahrhunderts, wo bereits Sozialarbeitende, Pflegekräfte und Ärzte erste familienmedizinische Konzepte entwickelten. Um 1928 entstand in Großbritannien das erste Gesundheitszentrum (Peckham-Experiment) und 1937 wurde in den USA im Rahmen des Macy-Projekts die Wirkung von Krankheit auf Familien untersucht. In den Folgejahrzehnten wurden zahlreiche Konzepte und Projekte von Therapieangeboten für Familien mit erkrankten Mitgliedern entwickelt. Schon in den 1940er und 1950er Jahren wurden Überlegungen zum Zusammenhang von Entstehung und Chronifizierung der Schizophrenie und familiären Mustern angestellt. Dann tauchten erst wieder in den 1970er und 1980er Jahren familientherapeutische Ansätze für die Arbeit mit Familien mit erkrankten Mitgliedern auf: So beschäftigte sich Weakland mit der »Familiensomatik« (Altmeyer u. Kröger, 2003, S. 17) und später u. a. auch Stierlin und seine Gruppe mit Karzinompatientinnen und -patienten (Altmeyer u. Hendrischke, 2012) sowie Essstörungen (Weber u. Stierlin, 1989).
Auch Theologinnen und Seelsorger befassen sich mit systemtheoretischen Implikationen und deren Bedeutung für ihre Begleitung von Menschen in Krisen (Emlein, 2017; Morgenthaler, 2019; Schröder, 2015; Riedel-Pfäfflin u. Strecker, 2018). Die spirituelle Rahmung von therapeutischen Prozessen kann zu einer Auseinandersetzung auf neuen Ebenen führen und so auch eine Annäherung an existenzielle Themen und ihre Integration ermöglichen. Hier steht der Mensch mit seinem spirituellen Sein und dem Bedürfnis nach Verortung und Zugehörigkeit in einem sinnhaften, bedeutsamen Kontext im Fokus. Systemisch-spirituelle Herangehensweisen bieten dabei eine alternative Rahmung und Dichte an, die für manches existenzielle Thema die (einzige) Form ist, um sich in Zukunft wieder sicher und zugehörig fühlen zu können.
Zwei (oder mehr) unterschiedliche Systemische Therapien?
Dass die Unterscheidung zwischen einer Systemischen Therapie als sogenanntes Richtlinienverfahren der Psychotherapie und einer Systemischen Therapie innerhalb des Sozialwesens und den daran angrenzenden Bereichen gezogen wird, ist relativ neu. Dies hängt vor allem mit der erfolgten wissenschaftlichen, berufs- wie sozialrechtlichen Anerkennung des systemischen Therapieverfahrens zusammen (von Sydow, Beher, Retzlaff u. Schweitzer, 2007; Baumann et. al., 2019). Letzteres ermöglicht es, neue Ausbildungsgänge in Systemischer (Psycho-)Therapie zu entwickeln, die mit einer Approbationsprüfung enden und so den Zugang zur kassenfinanzierten Psychotherapie für Systemische Therapeutinnen ebnen (in diesem Band: Hanswille; Levold).
Zuvor wurden Systemische Therapeuten fast ausschließlich an Aus- und Weiterbildungsinstituten in rund dreijährigen Weiterbildungsgängen qualifiziert und über einen der maßgeblichen Dachverbände DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) oder SG (Systemische Gesellschaft) nach deren Richtlinien zertifiziert. Diese Form der Weiterbildung in Systemischer Therapie existiert nach wie vor in Deutschland – sie steht nun allerdings neben einer Ausbildung in Systemischer (Psycho-)Therapie, die zur Approbation führt. Da die Möglichkeit einer Approbationsausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) in Deutschland erst seit wenigen Jahren besteht, sind die meisten Systemischen Therapeutinnen und Therapeuten im Jahr 2020 Personen, die eine Weiterbildung nach den Richtlinien der Dachgesellschaften absolviert haben. Darunter befinden sich unterschiedlichste Berufsgruppen sowohl aus dem heilkundlichen wie dem nichtheilkundlichen Sektor, aus dem Gesundheitswesen, dem Sozialwesen, dem Bildungs- und Wissenschaftsbereich und vielen weiteren Kontexten, in denen sie systemtherapeutisch tätig werden können.
Diese Sozialarbeiterinnen, Pädagogen, Psychologinnen, aber auch Mediziner und weitere Professionen lernten in ihren Weiterbildungsseminaren einen therapeutischen Ansatz kennen, der es aus seiner Entwicklungsgeschichte (Familientherapie) und seiner Erkenntnistheorie (Systemtheorien) heraus vorsah, Störungen und Symptome von Einzelnen zu kontextualisieren, zu dekonstruieren, zu verflüssigen und als interaktionelle, häufig interpersonelle Prozesse wahrzunehmen. Über eine konsequente Ressourcen- und Lösungsorientierung, so eine handlungsleitende Idee der Systemischen Therapie, können dann in vergleichsweise wenigen Sitzungen therapeutische Prozesse angestoßen werden – häufig jenseits einer linear-kausalen Behandlung der vorherrschenden psychischen Störung. Sowohl personelle Settings als auch die Frequenz der therapeutischen Sitzungen sind im systemischen Ansatz äußerst flexibel. Dies und auch gerade die Therapie mehrerer Personen, wie Paare oder Familien, in längeren Abständen von vier bis fünf Wochen, gehören zum »Markenkern« des Verfahrens.
Jenseits der stärker formalisierten kassenfinanzierten Psychotherapie zeigen sich diese und weitere hier ungenannte Aspekte als absolute Stärke der Systemischen Therapie. Im medizinorientierten System der heilkundlichen Behandlung psychischer Erkrankungen steht zu erwarten, dass die Systemische Therapie beim »Andocken an neue Ordnungsprinzipien« Anpassungsleistungen wird vollbringen müssen. Sichtbar wird dies u. a. an der derzeitigen Orientierung an psychischen Störungen und ihrer systemischen Behandlung (z. B. die Buchreihe »Störungen systemisch behandeln« im Carl-Auer Verlag; Lieb, 2014).
Neben diesen unbedingt sinnvollen Ergänzungen und Weiterentwicklungen Systemischer Therapie stellt sich die Frage, wie die zuvor angesprochenen Qualitätsmerkmale des systemtherapeutischen Ansatzes im nichtheilkundlichen Sektor aufrechterhalten werden, wenn dieser sich aktuell und in den kommenden Jahren stärker »störungsspezifisch« ausrichtet. Auch im Sozialwesen und den angrenzenden nichtklinischen Kontexten hat es Systemische Therapie mit sozialen, emotionalen, materiellen und demzufolge auch psychischen Problemkonstellationen zu tun. Die Bewältigung dieser vielfach biopsychosozialen Probleme geschieht heute durch Systemische Therapeutinnen und Therapeuten, die jenseits eines gesetzlichen Auftrags der Heilbehandlung arbeiten – als Fachkräfte in Beratungsstellen, in der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendhilfe, mit Pflegekindern, mit wohnungslosen oder zugewanderten Menschen, mit Straffälligen, in der Suchthilfe, in der Pflege oder Angehörigenarbeit, in Hospizen, in den Frühen Hilfen oder der Seelsorge.
Das Buch hat sich zur Aufgabe gemacht, all jene Kontexte beispielhaft für die Vielfalt systemtherapeutischer Arbeit zu beleuchten. Systemtherapeutische Arbeit, eingebettet in formalisierte Beratung, aufsuchende Begleitung, Betreuung und andere Formen der Hilfe und Unterstützung. Dabei hatten wir als Herausgeberin und Herausgeber nicht im Sinn, weder zwei oder mehrere unterschiedliche Formen Systemischer Therapie zu segregieren noch andere Vorgehensweisen Sozialer Arbeit als unbedeutender darzustellen. Wir möchten dagegen die Bedeutung systemtherapeutischer Arbeit in nichtheilkundlichen Kontexten herausstellen und deren Wirksamkeit für die Unterstützung von Menschen in belasteten Lebenssituationen betonen. Das Buch möchte Praktikern in unterschiedlichen, bisher wenig bis gar nicht systemisch beleuchteten Arbeitsfeldern dazu Impulse für die eigene Arbeit zur Verfügung stellen und zu einer selbstbewussten Haltung in den jeweiligen Kontexten ermutigen.
Aufgrund dieser handlungsleitenden Idee beginnt der Band im ersten Teil mit eher grundlegenden Beiträgen, welche die Verbindungen und Differenzierungen zwischen Systemischer Beratung, Therapie und Psychotherapie sowie Sozialer Arbeit aus verschiedenen Perspektiven ausloten.
Im zweiten und dritten Teil stehen dagegen 14 Praxisfelder im Fokus (neun in der Sozialen Arbeit, fünf in verwandten Bereichen), unterschiedliche Arbeitskontexte, in denen Systemische Therapie – mal offensichtlicher, mal versteckter – beheimatet ist oder es zumindest sein kann. Beispielhaft zeigen diese Beiträge die Varianz und den Reichtum des systemtherapeutischen Ansatzes jenseits der heilkundlichen Psychotherapie. Antworten auf relevante Fragen, beispielsweise was im jeweiligen Arbeitskontext Therapie ausmacht und was speziell eine systemische Herangehensweise dabei auszeichnet oder welchen Herausforderungen die Autorinnen und Autoren in ihrer Tätigkeit begegnen und wie sich konkret systemtherapeutische Fallarbeit gestaltet, werden dabei skizziert.
Der vierte und letzte Buchabschnitt wendet sich einer Diskussion zu, die aus unserer Sicht in der Entstehung dieses Bands eine dauerhafte Resonanz erzeugte. Dabei geht es einerseits um eine mögliche Unterscheidung zwischen heilkundlich tätigen, approbierten Systemischen Therapeutinnen und nichtheilkundlich arbeitenden Systemikern hinsichtlich ihrer störungsspezifischen Kompetenzen. Andererseits wird damit ein Dissens deutlich, inwiefern das systemische Paradigma andere Modelle von Krankheit und Gesundheit adaptieren oder kritisch hinterfragen sollte bzw. letztlich seine systemische Identität preisgibt. Dem kritischen Ausblick in eine denkbare Zukunft der Systemischen Therapie folgt zum Abschluss des Buchs eine Gegenrede, die sich gegen eine Entwertung der sozialrechtlichen Anerkennung des systemischen Therapieverfahrens als Heilkunde wendet.
Als Herausgeberin und Herausgeber sowie als Systemische Therapeuten hoffen wir, dass die Zukunft der Systemischen Therapie sich weiterhin in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit – und über Soziale Arbeit hinaus – wiederfindet. Denn jenseits von Deutungs-, Behandlungs- und Hoheitsansprüchen kann es nur darum gehen, dass die Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Professionalität des systemischen Ansatzes auch nach der Etablierung der Systemischen Therapie als psychotherapeutisches Verfahren in der Heilkunde erhalten bleibt: eine Systemische Therapie jenseits des Heilauftrags – orientiert an der Nichttrivialität und dem Eigensinn des Einzelfalls, an Kontexten, Bedarfen und Auftragslagen.
Literatur
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1Ebenso besteht in Deutschland die Möglichkeit, Psychotherapie in eingeschränktem Maße im Rahmen des Heilpraktikergesetzes (HeilprG) auszuüben (z. B. Wenzel in diesem Band). Im vorliegenden Text werden abwechselnd die männliche und weibliche Schreibweise angewandt. Im Sinne der gendersensiblen Sprache sind alle Geschlechtsidentitäten mit eingeschlossen.
I
Grundlagen
Einleitung zu Teil I
Systemische Therapie oder doch Systemische Psychotherapie? Unter einem sehr weit gestellten Fokus können beide Begriffe als spezielle Formen von systemischer Beratung bzw. systemischer Konsultation verstanden werden. Dennoch werden die Termini Beratung, Therapie und Psychotherapie üblicherweise in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Kontexten verwendet. So wird in vielen Feldern der Sozialen Arbeit (psychosoziale) Beratung angeboten, während Psychotherapie insbesondere als Angebot der gesundheitlichen Versorgung, z.B. in niedergelassenen Praxen, Behandlungszentren oder in psychiatrischen Kliniken in Erscheinung tritt. Gibt es zwischen diesen Interventionen überhaupt valide Differenzierungen, und wenn ja, wie könnten hier sinnvolle Unterscheidungen getroffen werden? Wie sehen die rechtlichen Grundlagen zur Verwendung von systemtherapeutischen Maßnahmen diesseits und jenseits einer Heilbehandlung aus? Und wie verhält sich die Soziale Arbeit ganz grundsätzlich zur Systemischen Therapie?
Im Teil Grundlagen werden diese Fragekomplexe und von ihnen abgeleitete Themenstränge in drei Beiträgen näher betrachtet. Die hier präsentierten, wissenschaftlich angelegten »Erkundungen« führen in dieser Weise Differenzierungen ein, die es erlauben, Systemische Therapie abseits einer spezifischen Heilkunde präziser zu umreißen. Sie zeigen – insofern ganz systemisch – ebenso auf, dass Begrifflichkeiten in verschiedenen Kontexten abweichende Bedeutungen haben können, unterschiedlich verstanden werden und mit vielschichtigem Sinn und vielschichtigen Funktionen belegt sein können.
Matthias Ochs skizziert dabei metaphernreich die wesentlichen Differenzierungen und Verschränkungen von Beratung, Therapie und Psychotherapie und zeigt die ganze Komplexität in diesem Feld der »fließenden Übergänge«. Im Beitrag von Joachim Wenzel werden die aktuellen juristischen Rahmenbedingungen der Systemischen Therapie in Deutschland dargelegt und konsequent von heilkundlicher Tätigkeit abgegrenzt. Jan V. Wirth befasst sich mithilfe von sieben professions- und handlungsfeldübergreifenden Merkmalen des systemischen Arbeitens mit Gemeinsamkeiten und Trennendem hinsichtlich Sozialer Arbeit und Systemischer Therapie.
Matthias Ochs
Fließende Übergänge: Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Beratung, Systemischer Therapie und Psychotherapie – oder wie man sich die Zähne ausbeißen kann und zu guter Letzt beim Zen landet
Von Wespennestern, Stacheldrahtzäunen und Beißverlusten – anstelle einer Einführung
Zunächst angenehm fachlich herausgefordert – im Nachhinein betrachtet aber vielleicht ein wenig naiv, gar leichtfertig – habe ich die Anfrage angenommen, »eine grundlegende und wissenschaftliche Darlegung der Definitionen von Systemischer Beratung – Systemischer Therapie/Familientherapie – Systemischer Psychotherapie« vorzunehmen. Nun könnte angenommen werden, dass dies doch gar nicht so schwer sein kann: Man nehme etwa einschlägige, aktuelle systemische Lehrbücher, zitiere die dort getätigten Definitionen zum Gegenstandsbereich, produziere noch ein wenig Prosa um selbige herum, und »Aus ist die Maus«!
Doch ich musste feststellen, während ich die Gefilde rund um den Gegenstandsbereich erkundete, dass diese Annahme reichlich grün hinter den Ohren war: Denn das Gebiet ist morastig, man kann also schnell ausrutschen, allenthalben kann man in Fallen tappen, in Wespennester stechen oder sich an Stacheldrahtzäunen verletzen – dabei hat schon Thiersch (2007, S. 119) darauf hingewiesen, dass es sich bei der Bestimmung von Beratung und (Psycho-) Therapie um ein »eigenes und heikles Problem« handelt und dass »dieses Verhältnis bis heute nicht geklärt ist« (auch De la Motte, 2015, S. 23). Es spannen sich nämlich selbst bei nur minimaler Vertiefung sofort eine Vielzahl an neuralgischen Themenfeldern und -komplexen sowie Fragen auf – von denen hier nur einige wenige lediglich angeschnitten werden können. So reihe ich mich also mit den folgenden Ausführungen in den Reigen derjenigen mit Zahnproblemen ein, denn »das »Verhältnis von ›Psychotherapie und Beratung‹ ist ein prekäres Thema – an dem sich schon viele die Zähne ausgebissen haben« (Nestmann, 2002, S. 402).
Defining Beratung …
Sollte nicht zunächst geklärt werden, was überhaupt unter Beratung, Therapie und Psychotherapie zu verstehen ist, bevor sich dem Zusatzadjektiv »systemisch« zugewendet wird? Plausible Idee, irgendwie! Beginnen wir also mit der Klärung, wie »Beratung« definiert werden kann – trotz der Warnung von Engel (2003, S. 216), dass »der Begriff Beratung aufgrund der Breite seiner möglichen Bedeutungsinhalte ein ›problematischer Begriff‹ [bleibt], der in der Vergangenheit Missverständnisse erzeugt hat und auch gegenwärtig weit davon entfernt ist, ein einfacher oder gar eindeutiger Begriff zu sein«. Hierfür bietet sich an, bei der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB), Dachorganisation von Ende 2019 immerhin 23 Verbänden, die mit Beratung zu tun haben, »vorbeizuschauen« – und tatsächlich wird man dort fündig: Denn sie formuliert auf ihrer Webseite ihr Beratungsverständnis, das »unterschiedlichste Professionen, Tätigkeitsfelder, Aufgaben, Konzepte und Interventionsformen« verbindet. Eine knappe, griffige Definition, die für das Unterfangen hier so praktisch wäre, sucht man in dem fünfseitigen Papier (aktualisiert am 27.11.20191) jedoch vergeblich – was aufgrund der »Offenheit für Vielfalt und Diversität« (Nestmann, Sickendiek u. Engel, 2004, Bd. 1, S. 29) des Gegenstandsbereichs Beratung vielleicht auch nicht erwartbar ist.2 Dafür erfährt man etwa, dass Beratung sich an Menschen- und Grundrechten sowie Partizipation und Gerechtigkeit orientiert, sich »sowohl auf Personen und Gruppen in ihren lebens- und arbeitsweltlichen Bezügen als auch auf Organisationen beziehen« und zudem »Ressourcen aktivierend, gesundheitsfördernd, präventiv, kurativ oder rehabilitativ ausgerichtet sein« kann. Sie unterscheidet sich aber »durch die reflexive Einbettung in die Lebenswelt und Arbeitswelt der Ratsuchenden von reiner Informationsvermittlung und etabliert sich als eigenständiges Handlungsfeld neben etwa Rechtsberatung oder Psychotherapie (als heilkundliche Behandlung entsprechend PsychThG und HPG)«. Des Weiteren werden in dem Papier Tätigkeitsfelder und Aufgabenbereiche von Beratung näher gekennzeichnet, der Beratungsprozess skizziert, Beratungsbeziehung und -ethik knapp erläutert sowie einige Worte verloren zur Qualifikation von Beratenden und zur Qualitätssicherung von Beratung.
Puh, breit, breit, das Beratungsverständnis hier – und gleichzeitig doch auch Informatives enthaltend für unser Vorhaben! Wir haben es schriftlich: Beratung unterscheidet sich (aus Sicht der DGfB) von Psychotherapie. Und wir bekommen zum anderen erste Ideen zu möglichen Unterschieden/Gemeinsamkeiten von Beratung und Therapie: Psychotherapie bezieht sich etwa nicht auf Organisationen, Beratung kann dies aber schon (Mir ist jedenfalls kein Psychotherapieverständnis bekannt, dass Organisationen direkt adressieren würde – indirekt als Kontext psychotherapeutischer Diskurse selbstverständlich aber schon). Ob allerdings die für Beratung postulierte sozialwissenschaftliche und interdisziplinäre Fundierung als Distinktionsmerkmal zur Psychotherapie fungieren kann? Da stechen wir etwa in eines dieser angedeuteten Wespennester. Denn ob Psychotherapie sich vor allem aus der (vermeintlichen) »Königsdisziplin« (Klinische) Psychologie speist oder auf einem breiten natur-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Verständnis fußt3, darüber wurde und wird sich bis zur jetzigen Sekunde etwa im Rahmen von »Psychotherapiegesetzen« sowohl national als auch auf europäischer Ebene vortrefflich intensiv und teils unversöhnlich gestritten (z. B. Hein u. Hentze, 2007; Kesselring, 2015; Erismann, 2019). Mit der Novellierung des Psychotherapeutengesetzes in Deutschland, das ein universitäres Studium der Psychotherapiewissenschaften vorsieht, hat sich ein schwerpunktmäßig psychologisches Psychotherapieverständnis mit wenigen bis keinen interdisziplinären sowie sozialwissenschaftlichen Anteilen jedenfalls durchgesetzt – und auch unter Systemikern wird bis zur jetzigen Sekunde teils heftig darüber gestritten, ob diese Entwicklung nun zu begrüßen ist oder nicht.4 Einig hingegen dürften sich systemische Psychotherapeutinnen darüber sein, dass auch sie selbstredend eine »reflexive Einbettung in die Lebenswelt und Arbeitswelt« (eben die sozialen Kontexte, quasi dem Kerngeschäft systemischer Psychotherapie), wie das die DGfB für Beratung beschreibt, ihrer Patientinnen und Patienten vornehmen und diesen Aspekt dementsprechend als Trennmerkmal zu (systemischer) Beratung zurückweisen würden.
Wissen wir nun, was Beratung zunächst grundsätzlich – ohne das Wiewort systemisch – ist? Wir nähern uns jedenfalls an, irgendwie. Fragen wir noch den deutschen »Beratungspapst« Frank Nestmann nach seiner Definition von Beratung: »Beratung ist eine vielgestaltige, sich ständig verändernde und durch viele interne und externe Einflussfaktoren bestimmte professionelle Hilfeform. Sie unterstützt in variantenreichen Formen bei der Bewältigung von Entscheidungsanforderungen, Problemen und Krisen und bei der Gestaltung individueller und sozialer Lebensstile und Lebensgeschichten« (Nestmann, Engel u. Sickendiek, 2004, Bd. 2, S. 599). Knapp, präzise und gehaltvoll, immerhin! Und was ist bezüglich angesprochener »Probleme und Krisen«, wenn diese seelischer Natur sind? Klar, so könnte aus dieser Definition abgeleitet werden: Bei der Bewältigung solcher Probleme und Krisen kann (psychosoziale) Beratung gut helfen – nicht aber bezüglich Diagnostik und Heilen psychischer Erkrankungen, da lassen wir Beraterinnen und Berater dann die Finger von.
Okay, nachvollziehbar irgendwie: Beratung hilft auch bei psychischen Krisen und Problemen; zumindest die psychosoziale Beratung – oder die berufliche Beratung vielleicht auch (ein bisschen)? Ups – und schon sind wir in einem weiteren sumpfigen Gebiet zum Gegenstandsbereich gelandet: Welche Formen und Formate von Beratung lassen sich denn sinnvollerweise unterscheiden und subsumieren? Einigkeit scheint sich entwickelt zu haben, dass verschiedene Formen psychosozialer und beruflicher Beratung in den Blick zu nehmen sind (Schubert, Rohr u. Zwicker-Pelzer, 2019). Aber: Was ist mit Supervision, Mediation und Coaching? Diese Formate wurden bisher hier noch gar nicht erwähnt: Müssen sie nicht zwingend auch Berücksichtigung finden im Kontext von Überlegungen zu Gemeinsamkeiten/Unterschieden von (systemischer) Beratung/Therapie/Psychotherapie? Denn auch in der Supervision können psychische Probleme, Krisen und Störungen Gegenstand der Reflexion sein. Zudem wissen wir, dass Coachees überzufällig häufig an psychischen Störungen leiden (Möller, 2018). Diesbezüglich haben Schubert et al. (2019) meines Erachtens eine elegante Lösung gefunden: Sie subsumieren Supervision, Mediation und Coaching flugs als »spezielle Beratungsformate«.
Wir haben Nestmann schon erwähnt, aber noch nicht John McLeod, der andere »Beratungspapst« – und zwar mit gutem Grunde. Denn mit dem Beratungsprofessor aus dem schottischen Dundee verlassen wir den deutschsprachigen Raum und begeben uns auf internationales Terrain – was die Sache, um die es uns hier geht, nicht einfacher, sondern komplizierter macht! So findet man etwa, was sicherlich dem ein oder anderen schon aufgefallen ist (vor allem dann, wenn ein Text zum Gegenstandsbereich auf Englisch zu verfassen ist und in diesem Zusammenhang das Wort »Beratung« übersetzt werden muss), zwei unterschiedliche Schreibweisen der Übersetzung von Beratung, nämlich »counseling« und »counselling«. Im britischen Kontext wird eher die Schreibweise »counselling« verwendet, während im US-amerikanischen Bereich eher von »counseling« die Rede ist. Das wäre ja an sich nicht tragisch, doch verbinden sich mit den unterschiedlichen Schreibweisen auch differente Beratungsverständnisse: »Die internationale Diskussion unterscheidet zwischen Counseling mit ›l‹ und Counselling mit ›ll‹. Counselling ist in England gebräuchlich und dort stark psychologisch und therapeutisch orientiert; es zeigt eine große Nähe zu Therapie, Medizin und Psychologie. Counseling hingegen ist in Amerika gebräuchlich und wird getragen von einem breiteren psychosozial angelegten Verständnis; psychologische, organisationsentwicklerische, sozialarbeiterische und pädagogische Arbeitsfelder sind darin enthalten« (Schubert et al., 2019, S. 16). Und was ist nun mit dem erwähnten McLeod? Er schreibt, dass »die Definition des Begriffs Beratung nicht so einfach« ist (McLeod, 2004, S. 28). Dem können wir uns nach den bisherigen Überlegungen natürlich gut anschließen.
Wer zudem Beratung, genauer »psychosoziale Beratung«, sagt, sagt in der Regel auch »Soziale Arbeit«; denn vor allem im Kontext der angewandten Wissenschaft »Soziale Arbeit« findet Beratung und psychosoziale Beratung schwerpunktmäßig statt. Nun ist aber auch das Verhältnis zwischen psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit kein einfaches: Ist Beratung »nur« eine von mehreren Methoden (wie etwa Gemeinwesenarbeit, soziale Gruppenarbeit oder Bildungsarbeit: z. B. Wendt, 2015) und Aufgaben (wie etwa Intervention, Vertretung oder Beschaffung: z. B. Lüssi, 1995) Sozialer Arbeit oder ist sie sehr viel mehr eine Art Meta- oder Querschnittsmethode (Seibert, 1978)? Auch hierin können Expertinnen und Experten der Sozialen Arbeit streiten wie die Kesselflicker. Zudem gibt es in Sozialer Arbeit teils das Bemühen, (soziale) Beratung fein zu säubern von allem Psychologischen und Psychotherapeutischen, um klar zu machen: Sozialarbeiterinnen, gerade auch dann, wenn sie beraten, sind keine »kleinen« Psychologinnen und Psychotherapeutinnen.5 Das Gespenst, das hier umgeht, heißt »Therapeutisierung Sozialer Arbeit« – was es aus Sicht mancher, sehr geschätzter Kollegen unbedingt gilt, zu vermeiden. Nestmann (1982) spricht gar von einem expliziten »Abwehrkampf gegen eine befürchtete ›Psychologisierung‹ der Disziplin«.6
Defining Psychotherapie …
Verlassen wir jedoch nun (nur für einen Moment) den Beratungsbereich (der ja, wie wir eben gelernt haben, zumindest in England mit Psychotherapeutischem fast schon amalgamiert erscheint) und wenden uns der Psychotherapie zu, die (vermeintlich) leichter zu greifen ist – (gleichwohl betont auch Borg-Laufs, 1998, S. 240, die »inhärente Diversität und Widersprüchlichkeit psychotherapeutischer Praxis«): Denn wir haben ja ein Psychotherapeutengesetz (und eben kein Beratungsgesetz7), genauer ein brandaktuelles Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung, in dem in § 1 Abs. 2 und 3 folgende Definition zu finden ist: »Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie im Sinne dieses Gesetzes ist jede mittels wissenschaftlich geprüfter und anerkannter psychotherapeutischer Verfahren berufs- oder geschäftsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. Im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung ist eine somatische Abklärung herbeizuführen. Psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung oder Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben, gehören nicht zur Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie. Neben der Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie tragen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten durch Beratung, Prävention und Rehabilitation zur Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung bei.« Wow! Psychotherapeuten therapieren nicht nur, sie beraten also auch. Das heißt, nach Lesart des Psychotherapeutengesetzes ist Beratung Teil von Psychotherapie?
Und wer »Psychotherapie« sagt, der muss eigentlich ein Eigenschaftswörtchen ergänzen: Denn Psychotherapie gibt es nicht einfach nur so oder »allgemein« – noch nicht oder auch nie (auch bezüglich dieses Themenfeldes gibt es bekanntlich Friktionen, antagonistische Positionierung und Machtkämpfe) –, sondern immer nur als Vertiefungsgebiet. Auch wenn aktuell wieder die Fantasie einer »allgemeinen Psychotherapie« (Grawe, 1995), die sich kompetenzorientiert, evidenzbasiert und »klinisch rein« aus (allgemein)psychologischer Empirie ableiten lässt, neue Blüten treibt (Rief, 2019). In Deutschland sind diese Vertiefungsgebiete bekanntlich die wissenschaftlich anerkannten Verfahren psychoanalytische und tiefenpsychologische (zusammengefasst als psychodynamische), behaviorale und systemische Psychotherapie.8
Zudem muss, wer Psychotherapie sagt, kennzeichnen, welche Art von Psychotherapeut-/in gemeint ist. In Deutschland gibt es bekanntlich Psychotherapeutinnen mit sehr unterschiedlichen und diversen Qualifikationswegen bezüglich Qualität und Quantität – und damit zusammenhängend, rechtlichen Grundlagen dafür, psychotherapeutisch tätig sein zu dürfen: ärztliche, heilpraktische, psychologische und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen. Dieser »bunte Bauchladen« an Psychotherapeuten führt dazu, dass auf der einen Seite z. B. die teure und umfangreiche Ausbildung zur psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Deutschland den Ruf eingebracht hat, »Weltmeister in Psychotherapie« zu sein – es gibt international wenige Qualifikationen, die so hochwertig und aufwendig sind, wie jene zu PP (Psychologischer Psychotherapeut) und KJP (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut). Auf der anderen Seite existieren Heilpraktiker-/innen, eingeschränkt auf das Gebiet Psychotherapie, die neben den wissenschaftlich anerkannten Formen jede Form von Psychotherapie, auch Aroma- oder Lichttherapie, anwenden dürfen.9 Zudem: Gerade was die beiden letztgenannten Berufe (PP und KJP) angeht, ist durch die aktuelle Novellierung des Psychotherapeutengesetzes – wieder einmal – vieles im Flusse.
Beratung und Psychotherapie – a fatal attraction?!
Diese Zusammenhänge führen uns unweigerlich zum Verhältnis von Psychotherapie und Beratung. Nestmann (2002) unterscheidet hierbei fünf herrschende Vorstellungen bezüglich dieses Verhältnisses. Es empfiehlt sich, einmal für sich selbst zu prüfen – quasi als kleines Quiz zwischendurch, damit einem beim Lesen nicht zu langweilig wird –, welchem Modell man eher anhängt (siehe Abbildung 1).
Und nun die große Jackpotfrage: Welches Modell impliziert das oben zitierte Psychotherapeutengesetz? Ein Verhältnis kann zudem gekennzeichnet werden durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wobei nicht suggeriert werden soll, dass diese fein säuberlich getrennt und kategorisiert werden können, nach dem Motto: die Gemeinsamkeiten in das eine Töpfchen, die Unterschiede in das andere. Denn, wie Boeger (2013, S. 15) treffend feststellt, ist »die Abgrenzung zwischen psychosozialer Beratung und Psychotherapie nicht einfach und erscheint teilweise widersprüchlich«. Zudem wird bei der Thematisierung dieses Verhältnisses gern etwa von »schwimmenden Grenzen« gesprochen.
Wo soll angefangen werden hinsichtlich Vergleichskriterien und -aspekten zu Beratung und Therapie? Man könnte bei jenen Aspekten beginnen, die unsere postfaktische, postdemokratische und postmoderne Zeit überstrahlen, dominieren und einrahmen wie Big Brother in »1984«: Das wären das Gesetz und das Geld.
Abbildung 1: Verhältnis von Psychotherapie und Beratung – die fünf Hauptvorstellungen (Nestmann, 2002, S. 403)
Alles, was Recht (und Gesetz) ist …
Die Frankfurter Professorin für Politische Theorie, Ingeborg Maus (2018), diagnostiziert Justiz als neues Über-Ich der Gesellschaft, das in die Leerstelle stößt, welche die »vaterlose Gesellschaft« (Mitscherlich, 1973) produziert hat. Das mag kultur- und gesellschaftspsychoanalytisch betrachtet ein Grund dafür sein, dass quasi »alle Nase lang« und »wegen jedem Pieps« auch im Kontext von Beratung, Therapie und Psychotherapie das Verlangen nach »juristischer Abklärung« entsteht und artikuliert wird. Der rechtliche Rahmen von Psychotherapie wird definiert etwa durch Berufs-, Sozial-, Patienten- oder Heilpraktikerrecht (siehe den Beitrag von Wenzel in diesem Band). Von diesen Kautelen der Verrechtlichung sind Beratung und ihre Formate, wie Supervision und Coaching, befreit10, auch wenn sie natürlich nicht im rechtsfreien Raum operieren bzw. operieren dürfen. Aber sie sind bisher nicht in gleichem Maße wie Psychotherapie dem unterworfen, was ein anderer großer Frankfurter, nämlich Jürgen Habermas (1981), die »Kolonialisierung« der Lebenswelten durch eben Verrechtlichung und Bürokratisierung nannte. Und sind nicht auch Beratung, Therapie und Psychotherapie in gewisser Weise »lebensweltliche Interaktionszusammenhänge«?
»It’s the economy, stupid«
Überlegungen zum »Primat des Ökonomischen« oder des »Siegeszuges des Neoliberalismus bzw. Kapitalismus« mögen zu Allgemeinplatzphrasen verkommen sein – nichtsdestotrotz gilt mehr denn je ein Slogan des Wahlkampfs von Bill Clinton 1992: »It’s the economy, stupid«. Also, direkt gefragt: Verdienen Psychotherapeutinnen mehr Geld als Berater? Stimmt, oder stimmt nicht? Tatsächlich wird nach meiner persönlichen Erfahrung allgemeinhin geglaubt, dem sei so. Verlässliche Zahlen gibt es hierzu meines Wissens nicht – nur so viel: Psychotherapeuten (nicht die heilpraktischen) verfügen über eine Qualifikation auf Facharztniveau, rangieren aber auf der Gehaltsrankingliste der Fachärzte ganz unten, weit abgeschlagen (Bühring, 2013). Zudem: Viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten arbeiten nicht Vollzeit. In einigen Landespsychotherapeutenkammern wird der Kammerbeitrag im Verhältnis zum Jahreseinkommen berechnet – manch einer würde sich wundern, wie vergleichsweise niedrig Selbiges doch ausfällt. Im Gegensatz dazu: Manche systemische Kolleginnen, die als Supervisorinnen oder Coaches unterwegs sind, verdienen nach meiner Erfahrungsevidenz locker das Zwei- bis Dreifache dieses Jahreseinkommens. Zusammengefasst: Der Verdienst kann nicht gut als Distinktionsmerkmal herhalten.
»It’s the economy, stupid«, Teil 2: Qualifikation
Mit dem Verdienst gekoppelt – und zudem Geld kostend – sind Ausbildung und Qualifikation.11 Also bleiben wir nochmals bei »It’s the economy, stupid« und fragen: Was kostet es, sich als Psychotherapeutin oder Berater zu qualifizieren? Das hängt natürlich sehr von der Art der psychotherapeutischen (eine Ausbildung) und beraterischen Qualifikation (eine Weiterbildung) ab, Pi mal Daumen kann aber gesagt werden, dass erstere vier- bis fünfmal so teuer ist wie zweitere. Diese höheren Kosten sind, wie bereits oben angedeutet, verbunden sowohl mit einem quantitativen und qualitativen »Mehr« an Qualifizierung bezüglich inhaltlich-fachlicher als auch juristischer Aspekte. Aber: Es gibt auch Beraterinnen, die viel Geld in verschiedene Weiterbildungen stecken und somit ebenfalls hoch qualifiziert sind. Und wir alle wissen, entweder aus persönlicher Erfahrung oder von Freunden und Bekannten, dass es auch schlechte Psychotherapeutinnen und -therapeuten gibt: Qualifikation und Kompetenz sind nicht automatisch hoch miteinander korreliert.
Was hat einen »schlechteren Namen«? Who is giving whom a bad name?
Einen Schritt weiter: Mit Ausbildung und Qualifikation in Resonanz stehend, erscheinen Status und Ansehen. Hier hat, professionssoziologisch betrachtet, Psychotherapie aufgrund der Nähe zur Medizin zunächst einmal »die Nase vorn«: Knoll (2010) spricht von drei »Handlungsproblemfeldern«, die sich in der Gesellschaft entwickelt haben und für welche ein Bedarf bestehe, von Spezialisten (Professionen) mit entsprechenden einzigartigen Kompetenzen gedeckt zu werden: »Wahrheitsfindung, Konsensbeschaffung und Therapieleistung«. Als Antwort auf diese definierten Handlungsproblemfelder etablierten sich im Laufe der Jahrhunderte die »stolzen Professionen« des Pfarrers, Richters und Arztes. Für weitere Berufsgruppen, die nach gesellschaftlichem Aufstieg im Rahmen von Professionalisierung strebten, bedeutet dies, dass sie sich mit ihren Kompetenzen eindeutig einem der drei Handlungsproblemfelder zuordnen lassen und in diesem eine für die Gesamtgesellschaft bedeutsame Leistung erbringen müssen (S. 19): Die Heilkunde »Psychotherapie« ordnet sich geschmeidig wohl welcher »stolzen Profession« zu? Eben! Und da können Beratung, Coaching und Supervision mit berufs- und fachverbandlichen Aktivitäten in Richtung stärkerer Professionalisierung, Akademisierung und Richtlinienorientierung strampeln, wie sie wollen – eine »stolze Profession« im obigen Sinne werden sie nie und nimmer.
Allerdings: Die Professionssoziologie zeichnet gleichzeitig ein alarmierendes Bild der Psychotherapie: »Ihr gelingt die Professionalisierung nur unvollständig, ihre gesellschaftliche Funktion und Legitimität muss sich infrage stellen lassen, Wissenschaft und die eigene Klientel bedrängen das professionelle Selbstverständnis und das tägliche Handeln wird paradox« (Thom u. Ochs, 2013, S. 382). Wenn Psychotherapeutinnen und -therapeuten in dieser Gemengelage an ihrem Arbeitsauftrag oder der Gültigkeit ihres Fachwissens zweifeln, diagnostiziert die Soziologie den »Typus des postmodernen Professionellen«.
Dennoch: Schon Buddha wusste bekanntlich »It’s your mind that creates the world« – also: Alles Ansichtssache. Soziale Arbeit und mit ihr (psychosoziale) Beratung könnte auch angesehen werden als deutlich »cooler« und »hipper« im Vergleich zu den tradierten Old-School-Professionen. Die in der Sozialen Arbeit angesiedelte psychosoziale Beratung überschreitet im Bestreben nach Professionalisierung die bisherigen Grenzen und entwickelt somit einen völlig neuen Professionstypus, nämlich den der Zusammenführung von Therapieleistung und Konsensbeschaffung (Knoll, 2010). Kleve (2000) spricht bekanntlich von der Identitätslosigkeit und Ambivalenz der postmodernen Profession der Sozialen Arbeit. Zudem mögen etwa Jugendliche, Angestellte oder Führungskräfte viel eher – wenn es denn sein muss – in Beratung, Supervision oder Coaching gehen denn in Psychotherapie. Jugendliche haben manchmal bereits schlechte Erfahrungen mit »Therapie« gemacht12, nicht aber mit »Beratung«. Wenn eine Kollegin von Einzelsupervision berichtet, dann hört sich das irgendwie interessant und nicht so verdächtig pathologisch wie Psychotherapie an, und eine Führungskraft ohne Coachingerfahrung handelt fast schon fahrlässig.13
Of Mice and Men: von Patientinnen, Klienten, Adressatinnen, Kunden und Nutzerinnen
Kundenorientierung stellt regelrecht eine Wesenheit systemischen Arbeitens dar und wurde deshalb innerhalb der Systematisierung praxeologischen Grundorientierungen systemischen Arbeitens als eigenständiger Strang (Auftrags- und Kundenorientierung) konzeptualisiert (Ochs, 2013, 2020). Systemiker/-innen mögen es nämlich nicht, ihr Gegenüber zu »behandeln«, als Patienten »zu stigmatisieren« sowie zu »klientifizieren«. Dies hängt u. a. mit erkenntnistheoretischen Erwägungen zusammen: Aus Sicht der Systemtheorie sind lebende komplexe Systeme – wie Menschen, Familien und Teams – nicht anders zu denken als autonom, selbstorganisiert und eben »kundig für sich selbst« (Hargens, 2012). Und aus Sicht des Konstruktivismus hat kein Mensch einen privilegierteren, objektiveren Zugang zur Wirklichkeit als ein anderer Mensch – deshalb ist quasi epistemologisch nur Kommunikation auf Augenhöhe möglich. Unabhängig, ob wir uns in Kontexten der systemischen Beratung, Systemischen Therapie oder systemischen Psychotherapie befinden – Auftrags- und Kundenorientierung, verstanden als Orientierung, welche das Gegenüber als kundigen Menschen (Hargens, 2015, S. 27 ff.) bezüglich der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen respektiert, würdigt und ernst nimmt, eint als Handlungsperspektive all diese Kontexte.
Diese löbliche Perspektive zum humanen Gegenüber als kundigem Menschen kann aber natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Begriffe »Auftrag« und »Kunde« vor allem in betriebswirtschaftlichen und Dienstleistungszusammenhängen vorzufinden und mit solchen assoziiert werden. Mit der auftrags- und kundenorientierten Grundorientierung systemischen Arbeitens soll aber dezidiert nicht, das sei nochmals betont, der Ökonomisierung psychosozialer Verhältnisse und Tätigkeiten das Wort geredet (Ochs u. Lemme, 1998) und dem Menschenbild des homo oeconomicus, innerhalb welchem hilfsbedürftige kranke Menschen zu kompetenten Kunden metamorphisieren, die aus der lustigen, bunten Warenwelt von Gesundheitsangeboten kundig und kompetent das passende für sich auswählen, Vorschub geleistet werden. Vergleichbare Diskurse werden um den Begriff des Nutzers/der Nutzerin beraterischer/(psycho)therapeutischer Dienstleistungen geführt.
Dies soll vor allem aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage der Bezeichnung unseres humanen Gegenübers – und ein Allgemeinplatz der Systemik lautet ja, dass Sprache Wirklichkeit erzeugt –, gerade im Zusammenhang mit der Frage des Verhältnisses zwischen Psychotherapie und Beratung kontrovers diskutiert wird. Linden (2016, S. 279) argumentiert etwa, dass es wichtig sei, zwischen Patienten und Klienten zu unterscheiden: »Die einen werden behandelt, die anderen beraten. In der Psychotherapie hat der Therapeut eine Garantenpflicht […], muss Verantwortung für den Patienten übernehmen und ggf. auch Therapieziele verfolgen, die den aktuellen Vorstellungen des Patienten widersprechen, wie z. B. bei Sucht-, Psychosekranken, narzisstischen Persönlichkeitsstörungen oder Pädophilie.« Ähnlich Reichel (2016, S. 14): »Bestimmte psychische Zustände erfordern manchmal eine Intervention, die die Selbstbestimmung der Klienten/Patienten einschränkt, um sie nicht zu überfordern. Ich bezeichne das als Behandlungscharakter, wenn die Arbeit zeitweise von direktiven Anweisungen bestimmt ist, wie etwa ›Legen Sie sich hier hin!‹, ›Atmen Sie mal tief durch!‹, ›Sie dürfen jetzt nicht ins Auto steigen!‹, und so weiter. In solchen Fällen ist natürlich vorauszusetzen, dass jemand weiß, was er tut und bewirkt, und für solche Situationen sind Berater in der Regel nicht ausgebildet.«
Alles Beziehung – oder was?!
Egal, ob es Patient, Klientin oder Kunde bezeichnet, wir benötigen irgend- wie ein Gegenüber (auch online), damit eine Veranstaltung wie Beratung oder Psychotherapie überhaupt stattfinden kann – und zu diesem Gegenüber bauen wir nolens volens irgendwie eine Beziehung auf. Damit wären wir bei dem berühmten »Lambert-Kuchen« angelangt, der bekanntlich, als Kuchen- oder auch Kreisdiagramm dargestellt, vier Faktoren als grundlegend für Veränderungsprozesse in Beratung und (Psycho-)Therapie postuliert (Lambert, 1992; Hubble, Duncan u. Miller, 1999, S. 8 ff.):
–Klienten-/extratherapeutische Faktoren (40 %) (z. B. Durchhaltevermögen des Klienten, Glaube, soziales Eingebundensein, eine unterstützende Großmutter, eigenes Verantwortungsbewusstsein, eine neue Arbeitsstelle, einen erfolgreichen Tag gehabt zu haben etc.),
–Placebo/Hoffnung/Erfolgserwartungen (15 %),
–Modelle/Techniken (z. B. lösungsorientiertes oder dialogisch-systemisches Vorgehen, Skalierungsfrage, Genogramm, Skulpturarbeit) 15 % und
–zuallerletzt mit fetten 30 %: Beziehungsfaktoren (z. B. Wohlwollen, Einfühlungsvermögen, Wärme, Akzeptanz, gegenseitige Bestätigung, Unterstützung geben Risiken einzugehen, Lebenserfahrung, Weisheit; auch Lambert u. Kleinstäuber, 2016).
Auch wenn dieser Lambert-Kuchen im Kontext der Psychotherapieforschung nicht völlig unumstritten ist14, so stellt er doch eine konzeptionelle und empirische Basis dafür dar, das Beziehungsgeschehen wichtig zu nehmen. Viele Studierende führen dementsprechend den Aspekt einer tragfähigen Beziehung als wesentliche Gemeinsamkeit zwischen Beratung und Therapie an15, wobei aber bei ihnen der Aspekt der Ungleichheit, des diskursiven Machtgefälles der beraterischen/therapeutischen Beziehung (z. B. Miller u. Rose, 1994) nicht »hintenrunterfällt«.16
Auch wenn sich diese Forschung zu allgemeinen und spezifischen Wirkfaktoren vor allem im Kontext von Psychotherapie realisiert (hat), so wird sie in der Regel auf Beratung übertragen – mit gutem Grund: »Der größte Anteil der Therapiewirkung ist somit durch Klientenfaktoren und die Lebenssituation der Klienten bedingt – und der letztgenannte Einflussbereich ist ein genuines Feld von psychosozialer Beratung« (Schubert et al., 2019, S. 184). Schubert und Kollegen gehen aber noch einen Schritt weiter: »Anders als eine Richtlinienpsychotherapie, die stärker die intrapsychischen Aspekte bei Klienten fokussiert, begreift psychosoziale Beratung Klienten in ihrer komplexen Lebenslage, den zwischenmenschlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Einbindungen wie auch in ihren sozialökologischen und sozioökonomischen Bedingungen und Strukturen« (S. 184). Das mag, wie hier schon mehrmals festgestellt, für andere Psychotherapieverfahren gelten, aber eben nicht für systemische Psychotherapie – die den soziokulturellen Kontext von Patienten immer im Blick hat!
Miscellaneous etc.
Viele, viele unterschiedliche Facetten, diverse Themenfelder und heterogene Überlegungen wurden schon beackert bzw. getätigt zur Frage der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Psychotherapie und Beratung, ohne dass dies zu einem einheitlichen Kanon oder Ähnlichem bezüglich des Gegenstandsbereichs geführt hätte. Im Folgenden werden einige Aspekte dieser Vielheit eher launisch skizziert und diskutiert:
History revisited
Schon bezüglich historischer Wurzeln lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen. Warschburger (2009) stellt fest, dass sich professionelle Beratung aus Psychotherapie, Erziehung, Ehrenamt, Pädagogik und Sozialpädagogik entwickelt habe, Psychotherapie hingegen sei stärker mit der Medizin verbunden.
Andererseits besteht Einigkeit darüber, dass Psychotherapie und (psycho) soziale Beratung gemeinsame historische Entwicklungen durchlaufen haben (z. B. McNeill, 1951; McLeod, 2014; Schubert, 2015). Psychosoziale Beratung und Psychotherapie haben sich seit den 1960er Jahren gegenseitig stimuliert und befruchtet (Nestmann, 2008). So profitierten und profitieren Sozialarbeitende von (psycho)therapeutischen Weiterbildungsangeboten – ein Phänomen, das »sich fast selbstverständlich entwickelt hat« (Neumann-Mehring u. Peter, 1978, S. 151; auch Beushausen, 2014b). »Die häufigste Form der Fort- und Weiterbildung von Sozialen ArbeiterInnen in psychosozialen Interventionen, ja die häufigste Form der Fort- und Weiterbildung von Sozialen ArbeiterInnen überhaupt, ist seit Jahren und Jahrzehnten die in Familientherapie. Unter ›Familientherapie‹ sind hier auch all jene Fort- und Weiterbildungen verstanden, die gegebenenfalls unter ›systemisch‹ laufen« (Heekerens, 2016, S. 78). Auf der anderen Seite profitierte und profitiert gerade systemische Familien-/Psychotherapie von Sozialer Arbeit, denn viele Pioniere des systemischen Ansatzes waren Sozialarbeiter/-innen (z. B. Virginia Satir, Monica McGoldrick, Insoo Kim Berg, Steve de Shazer, Jay Haley, Peggy Papp, Lynn Hoffman; vgl. auch Thorman, 1997; Bond, 2009; Constable, 2016). »Sucht man nach den Wurzeln der Familientherapie, so findet man sie vor allem in zwei Praxisfeldern: in der Sozialarbeit und der psychodynamisch orientierten Schizophrenietherapie. […] Sozialarbeiter sind von jeher mit Problemen konfrontiert, die sich nicht auf das Individuum beschränken. In ihrem Arbeitsbereich läßt sich nicht übersehen, daß die Schwierigkeiten eines einzelnen stets mit den Schwierigkeiten anderer, in der Regel der Familie, verbunden sind. Sozialarbeiterische Interventionen bezogen daher in der Regel von Anfang an mehrere Personen ein. Den Anforderungen des Alltags entsprechend wurden pragmatische Methoden der ›Familienarbeit‹ entwickelt« (Stierlin u. Simon, 1986, S. 250 f.; auch Heekerens, 2016, S. 78).
Verfahren, Methoden und Techniken
Trotz der fachpolitisch möglicherweise nachvollziehbaren (z. B. Wendt, 2000; Gregusch, 2013) und gleichzeitig manchmal dennoch etwas konstruiert anmutenden Versuche17, psychosoziale Beratung und Gesprächsführung von allem Psychotherapeutischen und »Psychologisierenden« abzutrennen, stellt Beushausen (2014b, S. 10) fest: »Gemeinsam orientieren sich Beratung und Therapie an den jeweiligen Verfahren der Therapieschulen. Typische Gesprächsstile und Methoden und Techniken lassen sich nur sehr begrenzt identifizieren. Beispielsweise werden in der Verhaltensberatung und der Verhaltenstherapie operante Methoden, Problemlösetraining, Entspannungstechniken und Konfrontationstechniken genutzt. In Personenzentrierten Konzepten sind die Hauptvariablen einfühlendes Verstehen, Wertschätzung und Kongruenz. In der systemischen Beratung und Therapie werden beispielsweise Skulpturtechniken, zirkuläres Fragen und Refraiming eingesetzt.«18 Tatsächlich würde ich wetten, dass anhand einer Sequenz aus einem professionellen Gespräch auf Grundlage der verwendeten Techniken und Methoden eine Raterin nicht erkennen könnte, ob es sich bei dem Gespräch um Beratung oder (Psycho-)Therapie handelt – zumindest würde ich, was Systemik angeht, meinen Ring diesbezüglich in die Mitte werfen.
Supportiv/ressourcenorientiert vs. konfrontativ/aufdeckend
