Szenenwechsel - Ulrike Parthen - E-Book

Szenenwechsel E-Book

Ulrike Parthen

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Beschreibung

Es läuft ganz gut für Amelie Bachmann, 49, die kickboxende Schokoliebhaberin, Vorständin und Mutter - bis auf den ganz normalen Wahnsinn mit der pubertierenden Tochter oder auch dem ihrer Kollegen. Da hilft manchmal nur noch eines: Atmen! Und wenn gar nichts mehr hilft, kann sie sich zumindest auf ihr Verhandlungsgeschick und Freundin Florence verlassen. Hier und da ein Frauenabend oder ein Trip in die Berge und schon sieht die Welt wieder anders aus. Eines ist ihr dabei schon länger klar: Als Mutter ist man einfach die geborene Leaderin. Denn ob Amelie nun einen Teenie bändigt oder die Männer im Büro: In beiden Fällen sind so ziemlich dieselben Kompetenzen gefragt.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

VORWORT DR. STEPHANIE ROBBEN-BEYER

ER UND SIE – NACHTS IN FRANKFURT

MÄNNLICHER ÜBERRASCHUNGSGAST

WOHIN MIT IHM?

MÜTTER – DIE GEBORENEN LEADER

HEITERES BERUFERATEN IM PARK

WILLI LÄSST DIE HOSEN RUNTER

EVERYBODY’S DARLING DEPP

ZWEI MÄNNER – ANSONSTEN KEINE KATASTROPHEN

ALLES EINE FRAGE DES TIMINGS

WEHE, DU SAGST WAS!

ZWEI IST EINER ZU VIEL

ECHT JETZT?

TSCHÜSS, THOMAS!

SPANNENDE ERKENNTNISSE AUF DEM STILLEN ÖRTCHEN

AUF KEINEN FALL!

NEUIGKEITEN VOM ÖRTCHEN

„IT LOOKS LIKE AN ALIEN“

Erschwerende Umstände

Bergwanderung – inklusive Sündenfall

Tohuwabohu

Ohhhm!

Komplize gesucht!

Mit Kuchen ist Chaos gleich viel leichter zu ertragen

Der Wahrheit (halbwegs) auf der Spur

Schnelle Beschlüsse und kein Umzug nach Schweden

Auf in den Kampf

Versuch gescheitert!

Rumpsteak mit mieser Stimmung

Geflügelcurry mit Herzklopfen

Ich komm mit!

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Heimliche Zettelbotschaften

Szenenwechsel extrem

Spionagethriller made in Frankfurt

Kurzer Prozess

Epilog

VORWORT DR. STEPHANIE ROBBEN-BEYER

Dieses Buch ist allen Müttern und Vätern gewidmet. Ihre sozialen Kompetenzen sind unglaublich wertvoll, denn sie fungieren tagtäglich als Vorbilder, Mutmacher, Kommunikatoren, Krisenmanager sowie clevere Organisatoren. Sie machen meist drei Dinge gleichzeitig, sind flexibel ohne Ende, denken drei Schritte voraus, motivieren, schlichten, setzen Ziele, fördern und fordern. Den wenigsten Eltern ist bewusst, welche Social Skills da wirklich in ihnen schlummern. Sie halten sie vielmehr für „nicht der Rede wert“ und so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Sind sie aber nicht – und meiner Ansicht nach sogar für jedes Unternehmen Gold wert!

Ich wünsche mir im Sinne des „I have a dream“: Dass jede/r Vorgesetzte/r zukünftig vor Freude jubelt, wenn eine Mitarbeiterin erklärt, sie sei schwanger. Weil er/sie weiß, was das für das Unternehmen zukünftig an Ressourcengewinn bedeutet. Liebe Eltern, ihr seid unersetzlich! In der Familie, in Betrieben und für die Gesellschaft.

Romanfigur Amelie zeigt mit der vorliegenden Geschichte, wie sie den Szenenwechsel von Familie und Beruf schafft – mit einer Menge Humor und gleichzeitig ganz menschlich, denn auch bei ihr klappt nicht immer alles. In der einen oder anderen Szene werden Sie die subtil eingebetteten Socials Skills sicher entdecken. Viel Freude beim Lesen!

ER UND SIE – NACHTS IN FRANKFURT

Ich war noch nie romantisch. Vermutlich genetisch bedingt, denn mein Vater ist auch so. Das romantischste, das er meiner Mutter je zum Hochzeitstag schenkte, war ein Bügeleisen. Ganz anders Philipp. Er ist der Romantiker schlechthin. Heute Nacht kann jedoch keine Rede davon sein bei dem Geräuschpegel, der da an meine Ohren dringt. „Philipp, du schnarchst!“, versuche ich die Situation zu retten. „Ich schlaf doch noch gar nicht“, brummelt er leise zurück. Ist ja wie in der Firma. Dort behauptet so mancher gelegentlich auch Dinge, die partout nicht stimmen können und meint tatsächlich, ich würde es nicht merken. „Ach, du kannst also schnarchen, während du wach bist?“ Nachfragen schadet ja nicht, auch wenn ich wirklich sehr müde bin und lieber schlafen statt diskutieren würde. „Du hast sicher geträumt!“, erklärt er das Phänomen männertypisch pragmatisch. Die Unterhaltung erinnert mich an Loriots Pappa ante portas. Sie findet in diesem Moment ein jähes Ende. Der Mann neben mir, inzwischen mit leichtem Bauchansatz, ist wieder eingenickt. Deutlich hörbar. Aus seinem Mund ertönt das nächste laute Pfeifen. Inzwischen ist es 1 Uhr durch und ausgerechnet morgen wartet eine wichtige Sitzung auf mich. Ich will endlich schlafen und rüttele daher unsanft an Philipps Schulter. „Aua!“, ertönt es aus seinem Munde. Ja, sorry, wenn Reden nicht hilft, muss ich leider andere Mittel und Wege wählen. „Drehst du dich bitte auf die Seite, Philipp? Du schnarchst wirklich!“ Erneuter Versuch, endlich Ruhe zu finden. Der Mond scheint dabei hochromantisch zu unserem Schlafzimmerfenster herein. Eine Stimmung, die gerade schlecht zu meiner Stimmung passt. Man kann sich die Begebenheiten halt nicht immer aussuchen. „Amelie, ich bin müde!“, beschwert sich Philipp nach meinem tätlichen Angriff. Zumindest da haben wir entscheidend etwas gemeinsam. Kaum ausgesprochen, dreht er sich auf die Seite, kugelt sich wie ein Baby zusammen und pennt weiter. Bombenfest! Er würde in dem Zustand nicht mal mehr einen Weltuntergang mitkriegen. Schnell angle ich mir mein Handy vom Nachttisch. Es liegt direkt neben meinem Notizblock. Der ist wichtig, denn in dem beduselten Zustand kurz vor dem Einschlafen habe ich die besten Ideen für die Firma. Mit Ausnahme von heute, da bin ich so was von hellwach. Meine Ideen im Wachzustand sind allerdings auch super. Die aktuelle lautet: Ich nehme sein Schnarchen einfach auf. Beweismittel zu haben, ist immer gut. Das machte auch meine Lieblingsfilmfigur Miss Marple so, wenngleich sehr viel weniger digital als ich in dieser Nacht. Ich liebe Miss Marple, da sie herrlich schrullig war, außerdem clever und mit ihrer Rafinesse garantiert jeden ungeklärten Mordfall lösen konnte. Das schaffte sie deshalb, weil sie zwischen den Zeilen las und komplexe Sachverhalte auf ihren einfachen Nenner herunterbrach. Im Prinzip nichts anderes, was auch jeder gute Leader beherrschen sollte. Ohne Mordfall natürlich, denn so weit soll es heute Nacht nicht kommen – obwohl ich Philipp gerade schon gerne den Hals umdrehen würde. Selbstverständlich so liebevoll wie möglich.

Die Qualität meiner Aufnahmen lässt leider zu wünschen übrig. Jede Miss Marple fängt mal klein an. Aber so kann ich das Philipp nicht vorführen. Der Bildausschnitt ist auf grausame Weise misslungen. Schade, denn die Tonspur wiederum kommt grandios realistisch rüber. „Keine Brötchen, bitte keine Brötchen!“ wispert Philipp plötzlich. „Was sagtest du?“ Keine Antwort. Was für Brötchen und warum, frage ich mich gerade. Da kapiere ich, dass sich Philipp mitten im Land der Träume befindet. Dass ein Konditormeister von Brötchen träumt, ist mir aber – bei allem Verständnis – suspekt. Daher hake ich erneut nach. „Und was ist mit dem Schokokuchen?“ Mal sehen, inwieweit intellektuell eine eheliche Unterhaltung unter diesen Umständen verlaufen kann. Ich liebe Schokokuchen. Wäre nett, wenn Philipp in seinem Traum daran denken würde. Er backt den besten Schokokuchen von ganz Frankfurt. „Nein, tu die Brötchen weg!“, schreit er so laut, dass ich einen Schrecken bekomme. Philipp schreit niemals. Nicht mal, als ich ihm bei der Geburt von Marie seine linke Hand vor lauter Schmerzen zerquetschte. Was will er denn ständig mit den dusseligen Brötchen? Und wo ist der Schokokuchen? „Hilfe!!!!“, ist das letzte, was ich aus Philipps Traum zu hören bekomme. Dann schlägt er panisch die Augen auf und sitzt kerzengerade im Bett. „Alles okay?“, erkundige ich mich besorgt. Er sieht gar nicht gut aus. „Ich muss wohl geträumt haben“, stellt er fest. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. „Schlaf weiter, ich geh aufs Sofa. Du schnarchst!“, seufze ich resigniert. Ich streiche ihm dabei fürsorglich seine Haare aus der Stirn. „Kann nicht sein, ich habe doch noch gar nicht geschlafen!“

Als Frau ist es wichtig zu wissen, wann Diskussionen keinen Sinn mehr machen. Da hilft nur noch eines: Das Ganze auf einen besseren Zeitpunkt zu vertagen. Also klemme ich mir mein Bettzeug unter den Arm. Weißer Satin mit rosa Blüten drauf. Ich liebe Rosa in allen Variationen. „Gute Nacht Philipp“, flüstere ich ihm zu. Er kriegt es nicht mehr mit. Er sieht richtig süß aus, wie er rücklings in seiner Betthälfte liegt und schläft. Für meinen Schlaf soll nun das Sofa sorgen. Es ist eines von der Sorte ‚riesige Herumlümmel-Wohnlandschaft‘, auf der locker eine Großfamilie passen würde. Nicht das erste Mal übrigens, dass ich die Nacht darauf verbringe. Bei Grippe stelle ich mich ein bisschen an. Ich leide da wie ein Hund. Das macht man besser allein auf dem Sofa, da die anderen Mitbewohner mich dabei kaum aushalten würden. „Mama, jetzt reiß dich mal zusammen!“, musste ich mir sogar schon von der eigenen Tochter anhören. In anderen Dingen bin ich gewiss nicht wehleidig. Würde zu einer Kickboxerin auch passen wie ein Pinguin, der heulend in der Antarktis steht und jammert, ihm wäre kalt. Ne, ansonsten bin ich hart im Nehmen. Bei Grippe endet meine Tapferkeit allerdings abrupt.

Ich will gerade die erste Treppenstufe nehmen, als ich merke: „Mist, Handy vergessen!“ Also Bettzeug schnell auf den Treppenabsatz gelegt und zurück ins Schlafzimmer gehuscht. Auf leisen Sohlen schleiche ich an meinen Nachttisch. Absolut unnötig, denn Philipp würde nicht mal von einem Bombeneinschlag mitten im Raum erwachen. Ich nehme mein Handy zur Hand. Es ist wichtig, das Handy jetzt nicht mehr aus den Augen zu lassen. Es enthält brisantes Beweismaterial, und das ist nicht für alle Augen bestimmt. Könnte sonst in einer ernsthaften Krise enden. Vielleicht sollte ich es doch lieber wieder löschen? Ja, okay, ich mach’s – sobald ich im Wohnzimmer angekommen bin. Ein Karton verhindert das beinahe, der unweit meines Bettzeuges am Treppenabsatz gestanden haben muss. Ich stolpere über ihn und falle beinahe die Treppen hinunter, geölte Eiche und wunderschön. „Scheiße!“, fluche ich laut. Bei völliger Übermüdung ist ein Mensch nicht mehr in der Lage, förmlich zu fluchen. „Wer hat denn diesen Karton hier vor der Tür abgestellt?“, murmle ich verärgert in mich hinein. Allein meiner Reaktionsschnelligkeit ist zu verdanken, dass diese Nacht nicht in der Notaufnahme endet, sondern wie geplant auf dem heimischen Sofa. Apropos Sofa: Nur unsere schöne Holztreppe und ein paar Schritte ins Wohnzimmer trennen mich jetzt noch von meinem Ziel. Ich sehe mich meinem verdienten Schönheitsschlaf schon ganz nah. Den werde ich auch brauchen, wenn ich in der Sitzung morgen erfolgreich um die 10 Millionen mit Herrn Hartnuß von der Bank verhandeln will.

MÄNNLICHER ÜBERRASCHUNGSGAST

Mein Hörsinn ist überdurchschnittlich gut ausgeprägt. Daher wurde ich als Schülerin auch immer von den anderen vorgeschickt, an der Lehrerzimmertür zu lauschen. Ich sollte dadurch für uns elementar wichtige Dinge herauskriegen. Beispielsweise die Inhalte der nächsten Mathearbeit. Hat leider nie geklappt. Beim letzten Versuch dieser Art konnte ich meinen Klassenkameraden lediglich zwei Infos übermitteln: Dass Frau Buchte heide wohl große Eheprobleme zu Hause hat und eine Scheidung erwägt. Und dass sich unser Biologielehrer strikt vegetarisch ernährt. Gute 35 Jahre später dasselbe Spiel. Und das hat seine Gründe. Ich lausche an der Tür meiner Tochter. Würde ich unter normalen Umständen nie und nimmer machen. Heute sehe ich mich dazu gezwungen. Inzwischen ist es halb zwei durch, mitten in der Nacht also mitten in der Woche. Ich bin noch immer hundemüde und würde Philipp nicht so schnarchen, wäre ich nie auf dieses seltsame Geräusch aus Maries Zimmer aufmerksam geworden. Dem will ich natürlich sofort auf den Grund gehen. Nur: Wie mache ich das? Auf den Gedanken, doch einfach mal reinzugehen und nachzuschauen, komme ich im ersten Moment nicht.

„He, lass mich los!“, höre ich von drinnen. Eindeutig Maries Stimme. Was ist da los? Marie in Gefahr? Einbrecher im Zimmer? „Amelie, konzentrier dich. Du brauchst einen Plan“, rede ich mir gut zu. Ganz schlecht, wenn dir der Schlaf fehlt und dein Mutterherz in Sorge ist. Bei „Kind in Gefahr“ kann sich keine Mutter der Welt mehr konzentrieren. „Überraschungseffekt, Taschenlampe, Einbrecher überrumpeln“, halten Herz und Hirn dagegen für eine geeignete Maßnahme. Ja, das ist ein guter Plan, resümiere ich in Sekundenschnelle. Wo aber kriege ich fix eine Taschenlampe her? Ich meine mich zu erinnern, auf der Kommode im Flur eine liegen gesehen zu haben. Und tatsächlich: eine Taschenlampe! Mein Bettzeug ist inzwischen die halbe Treppe hinuntergerutscht. Was interessiert mich das, wenn ein Einbrecher im Zimmer von Marie ist. Dabei gibt es da drin ja rein gar nichts für ihn zu holen. Außer einer Menge Schminkzeug, diverse Taschen und einen Stapel Schulhefte. „Autsch, du sollst mich nicht beißen!“ Marie???? Mein Kind, halte durch, ich bin gleich da! Es wird brenzlig, bloß keinen Fehler machen. Man weiß ja nie, wie ein überrumpelter Einbrecher reagiert. Dass die ihre Opfer auch beißen, habe ich noch nie gehört. Aber die kommen womöglich auf die verrücktesten Ideen bei ihren Raubzügen. „Schluss jetzt!“, Maries Stimme klingt wütend. „Mädchen, den Einbrecher nicht auch noch provozieren“, denke ich mir besorgt. Woher soll eine 17-Jährige aber auch wissen, wie man in brenzligen Situationen mit dem Gegenüber am besten verhandelt. Einmal tief durchatmen, Taschenlampe in der rechten Hand, in der linken die Türklinke. Eine Sekunde später stehe ich in Maries Zimmer. Ein Riesenschrecken für sie, der ihr ins Gesicht geschrieben steht.

„Mama!?!“ Maries Stimme ist schon naturgegeben recht hoch, doch so schrill wie jetzt habe ich sie noch nie schreien hören. Mir platzt beinahe das Trommelfell. Ich habe jedoch keine Zeit, mich mit derlei Nebensächlichkeiten aufzuhalten. Schon gar nicht, als ich einen relativ großen Hügel entdecke, der sich unter ihrer Bettdecke abzeichnet. Mir wird ganz anders, auch wenn mir sofort klar ist, dass es sich um keinen Einbrecher handeln wird. Mein geistiges Auge spult indes einen anderen Film ab, den ich unwesentlich besser finde. Ich sehe bereits einen nackten Jüngling aus Maries Bett steigen. Das will ich bitte nicht mit ansehen müssen. Zumindest trägt Marie obenrum ein T-Shirt, das beruhigt mich schon mal. Das kann untenrum jedoch wieder anders aussehen. Sie versucht hektisch, diesen Hügel irgendwie vor mir zu verstecken. Das beflügelt meine Phantasie zusätzlich. „Was machst du da?“, frage ich so beherrscht wie möglich. „Nichts!“, antwortet Marie und tut so, als sei alles in Butter. „Marie, es ist halb zwei Uhr in der Nacht. Du bist in deinem Bett und offensichtlich nicht alleine!“ In dem Moment bewegt sich der Hügel verdächtig. Da merkt auch Marie, dass Leugnen nichts mehr bringt und grinst mich verschmitzt an. „Wie heißt er?“, frage ich geraderaus. „Benno“, erklärt sie mit diesem gewissen Blick. So schauen Teenager nur, wenn sie verliebt sind. Sie rollen dann die Augen und legen den Kopf verschämt auf die Seite. „Wie lange kennt ihr euch schon und möchte Benno mir vielleicht endlich auch mal guten Tag sagen?“ Gewohnheitsgemäß versuche ich die Sache sehr direkt, aber bedacht aufzulösen. So was musst du einfach beherrschen, wenn du mit Männern am Verhandlungstisch sitzt und deine Ziele durchsetzen willst.

In dem Moment fliegt die Bettdecke in hohem Bogen vom Bett. Danach hüpfen 80 Kilogramm Hund auf mich zu. Offensichtlich ein ausgewachsener Bernhardiner. Seine riesigen Ohren flattern regelrecht, als er auf mich zustürmt. Und seine Lefzen erst! Himmelherrgott, wie kann ein Hund nur solche riesigen Lefzen haben? „Mama, ist er nicht süüüüüüßßßß?“, ruft es vom Bett aus, während Benno netterweise kurz vor mir abbremst und Sekunden später freudig seine Pranken auf meine Schultern legt. In dem Moment wird mir erneut klar, wie hilfreich ein sportlich durchtrainierter Körper sein kann. Ich halte dem Überfall stand und bekomme zum Dank einen dicken Hundeknutsch – inklusive Zunge, mit der er mir dabei einmal quer übers Gesicht schleckt. Ich versuche die Situation zu begreifen. Dazu brauche ich erstens alle meine Sinne und zweitens ein bisschen Atemluft. Mit einem 80-Kilogrammm-Koloss um den Hals nicht so einfach. Ich schubse ihn dezent von mir und ordne meine Gedanken. Benno lässt von mir ab und setzt sich direkt vor mich. Dabei wedelt er mit seinem Schwanz, als würde er für seine Heldentat ein Leckerli zur Belohnung erwarten. „Was macht dieser Hund bei uns? Wo kommt er her und was hat das bitte alles zu bedeuten?“ „Nicht ausflippen jetzt Mama, okay?“, beginnt Marie ihren Antwortversuch. Das kann ja heiter werden. „Du kennst doch Paula, oder?“ Mein Hirn kramt angestrengt nach den nötigen Informationen. Der Name kommt mir bekannt vor. „Och, Mama! Paula, erinnerst du dich nicht mehr?“ Langsam dämmert es mir. Paula … hm, so heißt doch die Nichte unseres Nachbarn zwei Häuser weiter. Wenn ich mich richtig erinnere, war sie in den letzten Ferien ein paar Tage bei ihm zu Besuch. Ich habe beide zufällig auf der Straße getroffen, als ich den Mülleimer rausstellte. Ein netter Mann, der Herr Nachbar. Wir kamen ins Gespräch und dabei erzählte er mir von seiner Besucherin. Sie machten gerade den Campingbus startklar, um gemeinsam an den Luganer See zu fahren. Ist wohl so Tradition, dass sie die erste Woche der Sommerferien gemeinsam campen gehen.

„Stell dir vor!“, erzählt Marie weiter. Ihre Augenbrauen ziehen sich dabei zusammen. Das tun sie immer, wenn sie wütend wird. Je tiefer die Falten, desto mehr kocht sie innerlich. Momentan scheint noch keine größere Explosion in Sicht. „Diese blöde Kuh wollte ihn einfach ins Tierheim abschieben. Also nicht die Paula, sondern ihre Mutter.“ „Na, na, Marie, ich möchte bitte nicht, dass du so über jemanden sprichst. Egal, was diese Frau in deinen Augen verbrochen hat. Aber was ist denn nun passiert?“ Marie ist total aufgeregt. Erst Minuten später kapiere ich nach wirren Erzählungen so viel: Paulas Mutter wollte unbedingt einen Bernhardiner haben. Also kaufte sie ihn als kleinen süßen Welpen beim Züchter. Inzwischen sabbert er ordentlich, daher soll er ab ins Tierheim. Und das möchte Paula unter allen Umständen verhindern. Dabei kommt Marie ins Spiel. Sie wollte ihn bei uns verstecken. Sehr witzig! Wie sollte das gehen, frage ich mich gerade? Für eine Maus fänden sich bei uns bestimmt eine Menge toller Verstecke. Vielleicht auch für einen Chihuahua. Wie Marie das mit einem Bernhardiner anstellen wollte, würde ich gerne wissen. Bei einem Blick auf die Uhr wird mir klar, dass ich die Antwort darauf besser vertagen sollte. „Wir können ihn doch behalten, oder Mama?“, unterbricht Marie meine Gedankengänge. Auch das noch!

„Wir reden morgen Abend darüber, okay? Lass uns schlafen gehen.“ Etwas Besseres fällt mir im Moment auch nicht ein. Ich vertraue meinem Improvisationstalent und Verhandlungsgeschick. Beides hat mich bisher selten im Stich gelassen. Bis morgen sollte mir beides eine grandiose Idee geliefert haben, sonst könnte das Ganze schlimm enden. In erster Linie für mich als Mutter, die ihrem halbwüchsigen Kind mal wieder dessen hirnrissigen Pläne durchkreuzen muss. „Gute Nacht Mama“, flüstert mir Marie selig zu, die sich schon im siebten Hundehimmel wähnt. Ich verlasse den Ort des Geschehens, krame im Badezimmerschrank noch schnell nach frischen Ohrstöpseln. Sicher ist sicher. Danach falle ich erschöpft auf die Sofalandschaft. Meine rosa Blütenbettdecke begleitet mich zusammen mit dem leisen Ticken unserer Standuhr im Wohnzimmer in den Schlaf. Noch drei Stunden, bis der Wecker klingelt.

WOHIN MIT IHM?

Huch, was mache ich denn in der U-Bahn? Ich bin noch nie U-Bahn gefahren! Vor meinen Füßen sitzt Benno und grinst mich an. Seit wann können Hunde grinsen? Plötzlich steht Philipp vor mir, offensichtlich schlafwandelnd. Selbst dabei schnarcht er so laut, dass sich alle anderen Fahrgäste die Ohren zuhalten und schimpfen wie die Rohrspatzen. Benno fängt indes laut zu bellen an. Der Schaffner vermutet einen Notfall und leitet eine Notbremsung ein. Ich purzle dabei aus meinem Sitz, lande unsanft auf dem Boden und kriege keine Luft mehr. Irgendwer hockt über meinem Gesicht, um mich per Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten. Igitt, wie eklig! „Hilfe, Hilfe!“, rufe ich verzweifelt und reiße die Augen auf. Dabei stelle ich fest: Ich lebe noch. So weit, so gut. Da bin ich wirklich sehr erleichtert. Erst jetzt merke ich, dass ich sogar relativ quietschlebendig auf meinem eigenen Sofa liege anstatt in der U-Bahn und es gar keinen Lebensretter braucht. Ach so, ist nur der Benno, der mich gerade sabbernd abknutscht. Damit wäre meine Bettwäsche im Eimer und Teile der Sofalandschaft auch. Hundespeichel überall.

Knutschen grundsätzlich finde ich ja schon schön. Allerdings doch bitte nicht von einem sabbernden Benno. Wenn ich dagegen an die Anfänge von Philipp und mir zurückdenke – oh, oh, da werden sogleich Erinnerungen wach. Vor lauter Knutschen hatte ich tagelang puterrot entzündete Haut um meine Mundwinkel herum. Das lag bestimmt an seinem Dreitagebart, den er damals ziemlich schick und männlich fand. „Na, Amelie, wieder mal `ne heiße Nacht verbracht?“, neckten mich meine Kollegen auf der Arbeit deswegen. „Ist doch bloß ein Ausschlag“, erwiderte ich verschämt. Nicht ohne dabei mindestens genauso rot zu werden wie meine entzündete Haut. Mein Selbstbewusstsein ließ damals sehr zu wünschen übrig. Ich wäre am liebsten im nächsten Mauseloch verschwunden vor Peinlichkeit. Heute würde ich ganz anders darauf reagieren und keck antworten: „Neidisch?“ Das Argument mit dem Ausschlag damals war ja nicht mal gelogen, weil ich Lügen schon immer hasste. Von Dreitagebart kannst du als Frau richtig fetten Ausschlag bekommen, wenn du die Dinge übertreibst. Wir hatten es eindeutig übertrieben! So ändern sich die Begebenheiten im Laufe des Lebens. Scheinbar zählt leidenschaftliches Küssen nicht mehr zu Philipps Vorlieben. Er bevorzugt neuerdings das „Küsschengeben“. Also Mundwinkel leicht anspitzen und ein schnelles Bussi auf meine Lippen hauchen, das so zaghaft ist, dass ich es kaum spüre. Doch Leidenschaft ist jetzt nicht das vorrangige Thema an diesem Morgen. Erst mal habe ich drei andere wichtige Herausforderungen zu lösen: Mein Äußeres in Richtung konferenztauglich zu verwandeln, danach mit Herrn Bankdirektor Hartnuß zu verhandeln, um am Abend nahtlos in die Verhandlungen mit Marie einzusteigen. Die 10 Millionen zu kriegen, wird im Vergleich dazu sicher ein Klacks. „Amelie, Kaffee ist fertig, kommst du?“, ruft Philipp herzallerliebst aus der Wohnküche, als sei nichts gewesen. Der hat vielleicht Nerven! „Ich komme gleich“, antworte ich so erschöpft, wie ich es von mir gar nicht kenne. In der Küche scheppert es, als fände ein Polterabend statt. Wenn ich richtig vermute, räumt Philipp aber nur die Spülmaschine aus. Er hat dabei sein eigenes System, und das macht für gewöhnlich Lärm. Stört mich ansonsten überhaupt nicht. Heute morgen bin ich allerdings schon recht empfindlich, denn mein Kopf platzt vor Schmerzen. Ich schleppe mich die Treppen ins Bad hinauf. Hoffentlich nicht schon wieder stundenlang von Marie besetzt. Ich brauche erst mal eine kalte Dusche, danach einen Kaffee, gemeinsam mit einer Kopfschmerztablette. Dann … ja dann bin ich eventuell wieder ansprechbar. Ohne Kaffee geht bei mir morgens nichts.

„Morgen Mama, gut geschlafen?“ Marie kommt freudestrahlend aus ihrem Zimmer. Sie schaut aus wie das blühende Leben. Diesen Zustand werde ich heute wohl nicht mehr erreichen, egal, wie sehr ich mich im Badezimmer auch bemühe. „Die drei Stunden, die von der Nacht dann noch übrig waren, schon!“, antworte ich leicht gereizt. „Guten Morgen Amelie.“ Philipp mischt sich in die Runde. Habe ihn gar nicht die Treppen hochkommen hören. Liegt bestimmt an dem Hammer in meinem Hirn, der unaufhörlich gegen die Schädeldecke klopft. „Gut geschlafen, mein Energiesternchen?“ An diesen Kosenamen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Allerdings halte ich ihn heute Morgen für unpassend. „Ne, nicht wirklich!“, antworte ich wahrheitsgemäß. Schwindeleien aus Gründen der Höflichkeit liegen mir fern. Ob im ehelichen Verhältnis oder in der Firma. „Mama sagte zu mir eben was anderes“, protestiert Marie. Ich verlasse die schöne Zusammenkunft. Die Unterhaltung führen wir besser an einem geeigneteren Ort fort. Erst mal ins Bad. Die Schrankschublade meiner gestrigen Ohrstöpsel-Suchaktion steht noch offen. Hat scheinbar niemanden bis jetzt gestört. Ich schließe die Lade, in der wild durcheinander Krimskrams liegt. In dieser hier sammeln sich inzwischen zwei Großpackungen Ohrstöpsel, Philipps Nassrasierer, ein Stück unbenutzte Seife – Weihnachtsgeschenk von Mutti, aber sie riecht ekelhaft. Außerdem einige Flasche ausgetrocknete Nagellacke, zwei Feuerzeuge, eine Kerze, ein paar Wattestäbchen und mindestens sechs verschiedenfarbige Kajalstifte. Allesamt von Marie. Sie befindet sich derzeit in der Ausprobierphase, inwieweit grellbunte Farben ihr Gesicht verschönern könnten.

Aus den Augenwinkeln heraus fiel mir beim Schließen etwas auf, das mir komisch vorkam. Als ob in so einer Chaos-Schublade überhaupt irgendwas komisch anmuten könnte. Ich öffne sie erneut. Tatsächlich! Hinten links neben einer Packung Tampons liegen zwei Kondome. Glücklicherweise unbenutzt. „Was machen die in meiner Schublade?“, frage ich mich verwirrt. Völlig sinnlos, denn die Antwort darauf kann ich ja nicht wissen. Dafür sind andere hier im Haushalt lebende Personen zuständig. Ich tippe auf Marie. Wer auch sonst? Philipp ja sicher nicht. Oder doch? Da er im erotischen Eheleben mit mir ganz sicher keine braucht, geht plötzlich meine Phantasie mit mir durch. Das funktioniert, wie ich sehe, auch bei Kopfscherzen und Schlafmangel phänomenal. Ich bin zeitweise auf Geschäftsreise. Nie länger, aber für eine Übernachtung, das kommt schon gelegentlich vor. Was, wenn er eine andere hat? Eifersucht war bisher kein Thema für mich. Heute scheinbar schon. Ich fühle mich innerlich wie eine Furie. „Bleib ruhig, Amelie, die Kondome gehören Marie!“, versuche ich meine Emotionen wieder in normale Bahnen zu lenken. „Außerdem bist du nur übermüdet, sonst nichts.“ Ich atme dreimal tief durch. Atmen hilft. Die meisten meiner gedanklichen Dämonen lassen sich damit wieder verscheuchen. Ein paar ganz hartnäckige von ihnen spüle ich unter der Dusche mit eiskaltem Wasser den Abfluss hinunter. Weg damit! Mit klappernden Zähnen und Handtuch um den Kopf gewickelt, komme ich aus der Dusche. Ich streife meine weiße Spitzen-Unterwäsche über. Die Kälte hat einige meiner Lebensgeister erweckt. Ich kann mich nun also der optischen Verschönerung zuwenden und suche mein Make-up. Es liegt sonst immer an derselben Stelle. „Marie, hast du mein Makeup gesehen?“ Ich stecke meinen Kopf zur Badezimmertür raus und hoffe auf eine schnelle Antwort. Die Zeit drängt. „Liegt auf meinem Nachttisch“, kriege ich prompt zur Antwort. Nur mit Unterwäsche bekleidet, flitze ich hurtig in Maries Zimmer. Nebenbei sammle ich von ihrem Nachttisch diverse andere Utensilien mit ein, die ich eindeutig als die meinen identifiziere.

„So langsam siehst du einigermaßen salonfähig aus“, beruhige ich mich selbst, als ich die erste Schicht Make-up aufgetragen habe. Etwas Puder und Wimperntusche vollenden das Werk. Ich nutze selten mehr, da bin ich ganz unkompliziert. Und ehrlich gesagt auch etwas faul.

„Ameeeeeelllllieeee, Kaffee wird kalt!“ Meine Güte, was für eine Hektik heute. Ich komme ja schon. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und ich stelle fest: Zwar nicht perfekt, aber annehmbar. Ich gehe jedoch davon aus, dass diese feinen Nuancen einem Mann sowieso nie auffallen würden. Meine Vorstandskollegen und Herr Hartnuß sind durchweg Männer. Die haben zwar durchaus ein Auge für schöne, gepflegte Frauen. Aber die Details? Um Himmels willen! Für die kleinen Dinge fraulicher Schönheitsgeheimnisse fehlt ihnen doch wirklich der Blick. „Da bist du ja endlich“, begrüßt mich Philipp ungeduldig und gießt mir netterweise den Kaffee ein. „Endlich“ ist gut. Ich war höchstens 15 Minuten im Bad. Eine Zeitspanne, die wenig Frauen so hinbekommen würden. „Fällt dir nichts auf?“, frage ich ihn direkt. Ich wundere mich, dass er zu Benno noch keinen Piep sagte. Der sitzt unmittelbar neben ihm und sabbert vor sich hin. „Was meinst du?“ Unschuldiger Blick von links. „Ja, Mama, was meinst du denn?“ Unschuldiger Blick von rechts. „Wuff!“ Kommentar dazu vom Zielobjekt. Ich kaue gerade an meinem Marmeladebrötchen. Kirschmarmelade, selbst gemacht vom letzten Frühjahr. „Jetzt sag schon, was du meinst?“ Teenager haben einfach keine Geduld. Ich schlucke meinen letzten Bissen hinunter, begleitet von einem Schluck Kaffee. Stark, schwarz, ohne alles. „Ich meine ihn hier!“ „Ach so, ihn“, antwortet Philipp kurz angebunden, als sei die Sache damit gegessen. „Papa weiß über Benno längst Bescheid!“ Hätte ich mir denken können. Marie war schon immer ein Papakind und vertraut sich in allen Belangen daher meist erst ihm an, bevor sie zu mir kommt.

Während ich den nächsten Bissen meines Brötchens verarbeite, schaue ich unauffällig auf die Uhr. Ich muss gleich los. Philipp demnächst auch und Marie zur Schule. Daraus ergibt sich ein 80 Kilogramm starkes Problem, denn Benno hat sicher noch nichts vor heute. Wer kümmert sich? Ist ja mal wieder klar, dass daran niemand dachte. „Wo soll er hin?“, spreche ich die Sache an. „Du sagtest doch, wir können ihn behalten?!!“ Wieder mal wunderbar die Tatsachen verdreht. Marie beherrscht das meisterlich. Sie schaut dabei ihren Vater an. Philipp schaut mich an. Ich schaue Benno an, der wohl gerade einen kleinen Ausflug ins Obergeschoss hinter sich hat. Im Maul einen von Maries Lieblingsschuhen. Wie mir scheint, für die Zukunft unbrauchbar. Aus Bennos Blick spricht die Unschuld in Person, Marie kreischt laut auf.

„Siehst du? Genau das meinte ich. Wo soll er heute tagsüber hin?“ „Ich bleibe zu Hause!“ Wieder eine von Maries lustigen Ideen. „Ganz sicher nicht. Ihr schreibt heute Mathearbeit!“ „Na, und? Benno ist wichtiger.“ Philipp enthält sich der Sache vorsichtshalber und wartet ab. Das ist ihm zu viel weiblicher Energie, die in solchen Momenten gern überschwappt. „Du gehst zur Schule, ich bringe Benno derweil zu meinen Eltern. Heute Abend sprechen wir!“, bestimme ich. Konsequenz und klare Ansagen helfen selbst in den ausweglosesten Situationen. Der Beweis, wie gut diese Methode funktioniert, folgt sogleich. Marie erhebt sich wortlos vom Tisch, holt ihre Jacke und Tasche. „Tschüss Mama, bis heute Abend.“ Hat dieser Hund auch irgendwo eine Leine? Ich suche im Wohnzimmer, im Flur und werde erst in Maries Zimmer unter der Bettdecke fündig.

An Tagen wie diesen hat es enorme Vorteile, wenn die Eltern schräg gegenüber wohnen. Ich spare mir damit viel Zeit, die ich nun mit Suchen der Leine unnötig verplempere. „Du willst ihn zu Trudchen und Karl bringen?“ fragt Philipp entgeistert. Ich stehe mit Benno an der Leine in der Wohnküche, der die neuesten Entwicklungen schwanzwedelnd befürwortet. „Hast du eine bessere Idee?“ Rücksprache zu halten, ist schon wichtig. Philipp ist in die Denkphase übergegangen. Ich erkenne das daran, dass er sich mit dem Zeigefinger über die Stirn streicht. Bis ein eventuelles Ergebnis vorliegt, kann ich heute nicht warten. Himmelherrgott, ich muss zur Arbeit! „Philipp, wir sehen uns heute Abend.“ Ich bin in Eile. Und ja, mir ist natürlich klar, dass ein Bernhardiner und meine Eltern nicht das perfekte Trio sind. Sie hatten früher nur zwei Wellensittiche. Die waren sehr pflegeleicht und hatten keine Lefzen. In Notsituationen aber sollte die Familie zusammenhalten. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern das verstehen werden. Und ihr Garten ist ja riesig.

MÜTTER – DIE GEBORENEN LEADER

Unser Garten ist mein Heiligtum. Wenn ich nicht gerade im Büro oder meiner Restaurationswerkstatt im Keller bin, findet man mich in meiner grünen Oase. In vielen Stunden liebevoller Arbeit von mir gehegt und gepflegt. Daher fällt mir auch sofort auf, dass heute früh etwas anders ist als sonst. Ich laufe mit Benno den Weg entlang Richtung Straße. Dieser führt an unserem Vorgarten vorbei und ist gesäumt von herrlich orangefarbenen Bodendecker-Rosen. Also normalerweise. Heute blicken die Rosen recht traurig aus der Wäsche. Ihre zarten Blütenblätter sind bedeckt von Hundekacke. Ein riesiger Haufen, als hätte eine Herde Kühe sich direkt über meinen Rosen erleichtert. Ich marschiere zielstrebig weiter zum Haus meiner Eltern. Was hätte ich auch anderes tun sollen in einem Moment, der von großer Eile begleitet wird. „Mama, bitte frag jetzt nichts und nimm Benno für heute in Obhut. Ich hole ihnen heute Abend mit Marie wieder ab.“ Mit diesen Worten drücke ich meiner entgeisterten Mutter die Leine samt Hund plus eine Großpackung Hundefutter in die Hände. Mein Vater eilt zur Hilfe, der wohl gefühlt haben muss, dass seine Unterstützung dringend gebraucht wird. „Ich erklär’s euch heute Abend, okay?“ Und schon mache ich auf dem Absatz kehrt. Wenigstens ist auf meine knallgelbe Rennsemmel Verlass. Sie führt mich stets zuverlässig durch Frankfurts Straßen. Ein Wolf im Schafspelz, das süße Ding, denn die kleine Rakete hat satte 150 PS unter der Motorhaube oder besser gesagt in seinem Hinterteil versteckt, denn Knutschkugels Motoren sitzen ja bekanntlich hinten. Voll der kleine Rebell also, genau wie ich. Meistens parke ich unter der Rosskastanie am Straßenrand direkt vor dem Haus. Unsere Garage hat einfach zu wenig Platz für alles das, was darin Platz finden sollte. Beispielsweise den Rasenmäher, viele alte Kartons und unsere kaputte Spülmaschine. Zusammen mit Philipps Auto ist damit die Kapazität der Garage ausgeschöpft.

Der fährt gerade die Einfahrt raus, als ich die Fahrertür meiner Rennsemmel öffne, und winkt mir nett zu. Ich lächle gequält zurück und wähle erst mal ein Hörbuch aus. Hörbücher entspannen mich kolossal. Entspannung kann ich gerade gut gebrauchen. Leadership? Passt thematisch prima. Also drücke ich auf Play. Das Hörbuch darf es jetzt richten, gemeinsam mit meiner Kopfschmerztablette, die hoffentlich bald zu wirken anfängt. „Guten Morgen, Frau Amelie“, begrüßt mich meine Assistentin überschwänglich. Sie grinst wie ein Honigkuchenpferd. Ich merke sofort, dass heute irgendwas im Busch ist. „Guten Morgen, Brigitte. So euphorisch heute?“ Und schon platzt es aus Brigitte heraus, die nur darauf gewartet zu haben scheint, ihre frohe Kunde loszuwerden. „Jaaaaa, Frau Amelie. Stellen Sie sich vor, ich bin schwanger!“ Ihre Augen leuchten wie bei einem kleinen Kind, das zum ersten Mal vor dem Weihnachtsbaum steht und die bunten Lichter und Kugeln bestaunt. Ich hatte noch nie Berührungsängste, daher nehme ich sie kurzerhand in den Arm und gratuliere ihr. In dem Moment kommt Thomas rein. Er sitzt im Aufsichtsrat und mochte mich noch nie. Gefundenes Fressen für ihn, mich in flagranti umarmend mit meiner Assistentin zu erwischen. „Na, Frau Kollegin, die Seiten gewechselt?“ Seine Stimme hat dabei diesen anzüglichen Unterton. Er zieht dabei die linke Augenbraue hoch, als würde ihn der Gedanke anturnen. Als er mir im Vorbeigehen einen Klaps auf dem Po hinterlässt und mir dabei zuflüstert „Viel Spaß noch“, vibrieren meine Synapsen gefährlich. „In einer halben Stunde bei mir im Büro, Thomas“, zische ich ihn an. Er grinst nur und verlässt lachend das Büro. Ich brauche unbedingt eine zweite Kopfschmerztablette! Eine Stunde vergeht. Kein Thomas in Sicht. Hätte ich mir denken können. Ein Macho-Typ wie er nimmt grundsätzlich keine Befehle von einer Frau entgegen. Im Prinzip kann er einem ja leidtun. Kriegte von Mutti bis ins Erwachsenenalter den Hintern abgewischt, musste nie auch nur einen Finger krumm machen. Bis er irgendwann selbst feststellte, was für ein armes Würstchen er ist. Und damit das keiner merkt, haut man nach Außen einfach mal kräftig auf die Kacke. Oder eben Frauen auf ihren Allerwertesten. „Brigitte, ich bin jetzt im Meeting. Bitte verschieben Sie meine beiden Termine heute Nachmittag auf nächste Woche. Ich muss mich um eine dringliche Angelegenheit kümmern.“ Und schon bin ich in Richtung Konferenzraum entschwunden. Herr Hartnuß wartet hoffentlich mit einer positiven Entscheidung auf uns, während ich vor der Tür händeringend auf Herbert warte.