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Gänsepelle mit Schmunzel-Effekt oder Herzbumbern bis zum großen Zeh. Beides könnte beim Lesen dieses Buches passieren - womöglich sogar gleichzeitig. 50 Geschichten regen dazu an, die komischen und nicht so komischen Episoden des Lebens aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit Humor, mit Tiefgang, mit reichlich Fantasie oder auch einem Augenzwinkern. Alle Geschichten wurden rein intuitiv verfasst oder anders gesagt: Kopf aus, Herz an!
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2022
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ULRIKE PARTHEN
Vorwort
VOLKER MAUCK
Vorwort
DR. UTE HESKAMP
Das Leben
KAI ZIESMANN
Wäre Karl doch bloß im Bett geblieben!
ULRIKE PARTHEN
Einen Scheiß werd ich!
GABRIELE HEISE
Saftschubse
DANILO MEISS
Das Malheur
MELANIE BENNA
Achillessehne
MONIKA WÖRNER
Unterhaltung mit Nerida
BIRGITTA SCHERMBACH
Wrigley
ANDREA GÜNTHER
Läuft
ILKA DEMMLER
Ein Pinguin am Nordpol
STEFANIE DEGENHARTT
Geschwindigkeit ist keine Hexerei
JANINA ROSE
Normal ist eine Illusion
ULRICH TEICHERT
Vom Suchen und Finden
CAROLE WINIGER-CANDOLFI
Immer in Richtung Sonne
UTE KOTTWITZ
Reisegruppe
DENNIS OPITZ
Hosenscheißer Number One
MELANIE BENNA
Lächeln
ULRIKE PARTHEN
Pfui Teufel!
ANNELIE FLEISCHER
Das flüsternde Sandkorn
MIRIJAM KOBZAN
Göttin des Meeres
NICOLE KÜHN
Alles nur ein Traum?
SVEN MÖLLEKEN
Godverdammer Blackout
STEFANIE DEGENHARTT
Arschloch erster Klasse
DR. UTE HESKAMP
Blümchen im Outback
DANILO MEISS
Sie!
GABRIELE HEISE
Lisa auf Reisen
HARTMUT ZAHN
Slohet
ANDREA GÜNTHER
Wer wagt es?
MELANIE BENNA
Fresse, Alter!
BIRGITTA SCHERMBACH
Slimy Timy
STEFANIE DEGENHARTT
Penner im Kopf
SVEN MÖLLEKEN
Flieg, Wolfgang, flieg!
STEPHANIE ADLER
Nein, ich habe keine Probleme mehr!
CAROLE WINIGER-CANDOLFI
Und plötzlich war sie weg
KAI ZIESMANN
Düstere Zeiten
UTE KOTTWITZ
Susi Sausewind
JANINA ROSE
Zu Hause
ANDREA GÜNTHER
Tooth Brushing in Helsinki
MONIKA WÖRNER
Upps!
ULRICH TEICHERT
In fernen Welten
BIRGITTA SCHERMBACH
Aquamarin
KATRIN RIBBECK
Ida und das Leben
STEFFEN RAUSCHENBACH
Toni in Australien (theoretisch!)
ANDREA GÜNTHER
Frag doch mal Mr. Spock
GABRIELE HEISE
Wind und Wolken
FLORIAN SCHULZ
Heiße Nacht mit MRNA
SVEN MÖLLEKEN
Woanders
BIRGITTA SCHERMBACH
Reiß das Segel hoch
MONIKA WÖRNER
Boxi
ULRIKE PARTHEN
Wer bin ich wirklich?
ULRIKE PARTHEN
Danke!
Dieser Kopf ist manchmal ein echter Lump. Kennst du? Wundert mich nicht, du hast ja auch einen. Meiner jedenfalls macht teils, was er will. Er denkt beispielsweise, wann er partout nicht denken, sondern pennen soll. Nachts um halb zwei oder so. Auch beliebt bei ihm: Mir alles madig zu machen oder bei jeder Kleinigkeit Schulnoten zu verteilen. Und die fangen bei ihm grundsätzlich erst bei 4- an. Ja, darin isser besonders gut. Wenn die Welt da draußen dann das positive Denken bejubelt, lacht er sich kaputt. »Haha, das ist doch nicht das wahre Leben.« Zumindest in diesem Punkt muss ich ihm Recht geben. Es kommt sowieso meistens anders, als man plant oder sich wünschen würde. Mit mal mehr oder weniger großen Katastrophen im Alltag, die bewältigt werden wollen. »Siehste! Deswegen ist der Ich-muss-immer-glücklich-Sein-Quatsch so was von daneben«, fühlt er sich bestätigt. Was soll ich da noch sagen? Am besten nichts! Ich schreibe lieber, rein intuitiv, was gerade raus will – gespickt mit einer guten Prise Humor. Dabei verknüpfe ich reale Erfahrungen, Gedanken, Emotionen mit frei erfundenen Elementen und kreiere eine Stellvertreter-Romanfigur, die durch die Geschichte führt. »He Uli, was machst du da? Lass das!«, schimpft Kopf, weil er damit seine Felle davonschwimmen sieht. Tja, das hat er nun davon. Würde er mal tun, was ich will, könnten wir das alles einfacher haben.
Mit dem intuitiven Schreiben von lustigen Geschichten und Dialogen kommt vieles ans Licht, was sich in einem Menschen hinten links in der Seele versteckt. Und zwar aus dem Grund, da der Kopf das mit seinen ständigen Bewertungen und Schlaumeiereien so was von (mund-)tot quatscht. Das intuitive Schreiben wirkt enorm heilsam, bringt neue Perspektiven, große Aha-Momente, kann Negatives in Positives wandeln und für Klarheit bei Alltagsfragen sorgen. Meist in Verbindung mit einer beachtlichen Wow-Gänsepelle. So kann das Leben dann gern kommen mit seinen unerfüllten Träumen oder Sehnsüchten, mit seinen Hürden oder Ängsten, vor denen niemand gefeit ist. Mit dem intuitiven Schreiben aber habe ich ein Selbstcoaching-Tool an der Hand, um mit alledem wunderbar umgehen zu können – immer dann, wenn es aktuell ist. Und weil das nicht nur bei mir so prima funktioniert, wollen andere natürlich auch wissen, wie das geht. Also zeige ich ihnen das im Rahmen meiner Workshops. Das läuft wie folgt ab:
Die Leute erhalten eine konkrete Übungsaufgabe, die der Kopf überwiegend erst mal befremdlich findet. Kein Wunder, denn auf diese Weise kommen wir seinen Kapriolen ja auf die Schliche. Teilweise protestiert er zu Anfang ein bisschen, jedoch selten lange, denn gegen die Intuition ist er machtlos. Warum? Weil sie nachweislich von ganz innen kommt und einzig in diesem inneren Kern steckt die ganze Wahrheit. Durch das intuitive Schreiben holen wir sie ans Tageslicht und können sie uns angucken. Das macht den Lumpen reichlich nervös, die Schreibenden wiederum voll selig.
Im Verlauf meiner Workshops kamen auf diese Weise eine Menge kraftvoller Geschichten und Dialoge zusammen. Ich fand sie viel zu schade, um sie einfach links liegen zu lassen. Daher findest du einige davon gesammelt in diesem Buch. Und die sind deswegen so wertvoll, da sie erwähntem Kern entspringen – geschrieben von normalen Menschen wie dir und mir. Heißt für dich: Mache es dir gemütlich und habe viel Spaß auf dieser inspirierenden Reise, die definitiv unterhaltsam, oft auch sehr witzig und garantiert bewegend für dich wird.
Was tun, wenn unser Gehirn nicht tut, was wir von ihm wollen? Zum Arzt gehen? Zum Psychotherapeuten? Oder besser doch gleich zu Ulrike Parthen? So könnte dieses Vorwort beginnen. Und so beginnt es auch. Drei Fragen, um das Gehirn ein wenig in Bewegung zu bringen. Wer gut aufgepasst hat, der hat jetzt schon die erste Irritation hinter sich. Das waren doch vier Fragen am Anfang, oder nicht? Nochmal auf Anfang.
Was tun, wenn MEIN Gehirn nicht tut, was ich von ihm will? Jetzt mal ganz konkret. Einmal kurz darüber nachdenken … Und was tun, wenn das Nachdenken nicht hilft? Ich höre Ulrike schon nörgeln. Nicht immer Fragen stellen. Du wolltest doch ein paar schlaue Sätze schreiben. So aus der Sicht des Arztes. Ein bisschen Gehirnkram und so. Am besten dergestalt, dass die Neurowissenschaft nur so aus den Zeilen quillt. Weil’s heutzutage einfach hip ist, auch ein bisschen NEURO mit drin zu haben. Ja, genau. Darum geht’s. NEURO mit drin zu haben. Aber nicht auf dem Papier. Sondern im Kopf. Also eigentlich im ganzen Körper. Wir reden ständig vom Gehirn. Aber NEURO ist so viel mehr. Nicht NERO mit U. Nicht EURO mit N. Sondern NEURO mit allem, was dazugehört. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen vom Fach …
Da hängt nämlich eine ganze Menge dran. Am Gehirn. Weil, eigentlich hängt ja das Gehirn dran. Am Nervensystem. Das Gehirn ist nämlich nur ein riesiges Ganglion. Eine Verdickung des Nervensystems, in dem sich ein paar Zellen miteinander zusammengefunden und -gebunden haben. Um miteinander zu kommunizieren. Und um miteinander Spaß zu haben. Jawoll. Spaß zu haben. Genau darum geht’s den Nervenzellen. Weil Spaß bedeutet, man kann machen, was man will. Und was man am besten kann. Nachdenken gehört nicht dazu. Alle Zellen machen gerne das, wofür sie optimiert sind. Haarzellen haaren. Herzzellen herzen. Du weißt schon. Aber jetzt wieder ernsthaft. Hautzellen schützen. Knochenzellen stützen. Muskelzellen ziehen sich zusammen. Und Nervenzellen leiten Impulse weiter. Oder auch nicht. Je nachdem.
Und was ist dann Denken?
Ein überbewertetes Nebenprodukt unserer Hirnfunktion. Also nicht einer oder mehrerer Zellen, sondern unseres gesamten Nervensystems. Weil da der Körper immer mit dranhängt. Denken entsteht durch den Versuch des Gehirns, sich selbst verstehen zu wollen. Und das geht – wir wissen es alle – meistens ziemlich in die Hose. Also was tun? Einfach mal dem Gehirn beim Tun zuschauen. Am besten mal alles rauslassen. Von mir aus auch die Sau. Und aufschreiben. Dabei nicht denken, sondern beim Aufschreiben EINFACH weiterdenken. Ist am Anfang nicht so leicht. Aber DEIN GEHIRN wird es lieben. Doch es braucht ein wenig Übung. Und Unterstützung. Irgendwann kann es das ganz von allein. Dein liebes kleines Gehirn. Muss man ihm noch beibringen. Obwohl du natürlich schon groß bist. Du Mensch. Du kannst nämlich schon schreiben. Und lesen. Und Geld verdienen. Aber dein Gehirn bedienen? Nun ja, meistens wirst du’s schon können. Aber immer dann, wenn du’s am meisten brauchst? Pustekuchen.
Zu kompliziert? Nö. Einfach mal machen. Ulrike gibt super Tipps. Bessere als ich. Ich kenne nur die Theorie. Arzt halt.
Es ist der Wahnsinn. Ich stehe mitten auf der Piste im schönsten Schnee bei tollstem Sonnenschein. Was für ein Licht, was für eine Helligkeit, was für eine Lichtreflexion! Den ganzen Tag gibt es im gesamten Skigebiet Regenbogenkreise, als ob sich Gott auf der Erde zeigt. Das Tal liegt im Nebel. Hier oben jedoch flirrt der Schnee in der Sonne und zeigt immer größere Kreise in allen Regenbogenfarben. Teilweise sieht es so aus, als ob in der Wolkendecke ein Feuer durch die Sonne entfacht wird oder in diesen Kreisen ein Diamant hängt. Ich kann nicht genug davon bekommen! Und ich darf alles das genießen, sehen und in mich aufsaugen. Gibt es für jetzt und diesen Moment einen besseren Ort? Dieser Augenblick schenkt mir unfassbar viel Energie. Ich werde noch lange davon zehren und im Alltag von dieser Kraft getragen. Eigentlich ist es nicht nur ein Moment, sondern ein richtiger Krafttag, da diese Reflexionen von überall zu sehen sind. Nach all dem Mist der letzten Jahre beginne ich mich frei zu fühlen.
Während der Chemo hatte ich beschlossen, wie ich beerdigt werden möchte. Den Teil zwischen Chemo und Tod hatte ich dann aber leider vergessen. Man nennt das Leben. Irgendwie hatte ich nicht auf dem Schirm, dass ich sogar mehr als überleben und das Leben wieder einen Sinn machen könnte. Welch ein Kraftakt, es neu zu erlernen und dabei jeden Tag als Geschenk in allen seinen Facetten anzunehmen. Die Liebe neu zu erlernen. Die Liebe neu geben zu können. Nicht nur im eigenen Gefühlschaos zu versinken und die gesamte Umwelt als persönlichen Gegner zu betrachten. Ich bin einen guten Schritt vorangekommen. Dieser Tag hier und heute ist eine Zäsur zwischen dem Gestern und dem Morgen. Und dann kommt er den Berg runtergefahren. Der Mann, der mich während dieser ganzen Zeit ertragen hat und mit dem ich nun das Leben und die Liebe neu lernen darf. Komm, mein Liebster – genießen wir den Tag gemeinsam und freuen uns auf unser Morgen.
Kennst du diese Morgen, wo du aufwachst und merkst, dass es nicht dein Tag wird? Genauso einen Tag habe ich heute, als ich an einem herbstlichen Spätsommertag meine Augen öffne. Irgendwas ist mir auf den Magen geschlagen, was sich kurze Zeit später weiter bestätigen sollte. Da heute jedoch ein wichtiger Auftritt vor mir liegt, zwinge ich mich in meinen Anzug und fahre zum Veranstaltungsort. Ein großer Fehler, wie sich bald herausstellen wird ...
Dort angekommen zeigt sich, dass der halbe Kaffee sowie Toast von vorhin keine gute Idee waren. Aber ich bin ja stark und jeder Gang auf die öffentliche Toilette bringt mich meinem Auftritt näher. Als ich das stille Örtchen zum wiederholten Mal verlasse und den Flur entlangschleiche, werde ich bereits hektisch gesucht, weil dem Moderator nicht mehr viel einfiel, um meinen Auftritt anzukündigen. Ich komme auf der Bühne an. Der Moderator erklärt »... nach dem fabelhaften Auftritt von Roman Schreiber zum Thema Intuitives Schreiben begrüßen wir jetzt Karl Auer mit Unlustig kann jeder.«
Das Gegröle der Zuschauer ist mir unheimlich, denn ich habe ja noch gar nichts gesagt. Endlich schwächt sich der Applaus etwas ab. Trotz grellen Scheinwerferlichts sehe ich das Grinsen in der ersten Reihe. Ich beginne mein Programm abzuspulen und begrüße mein Publikum. Ich wollte – wie immer – mit einem kleinen Joke starten. Da einige der Zuschauer*innen jedoch bereits auf mich zeigen, lege ich mit dem Satz »Eigentlich wollte ich mit einem Witz über die deutsche Bahn beginnen, glaube jedoch, der kommt nicht an« los. Nach einer kurzen Denkpause bekomme ich ein paar Lacher geschenkt. Ich verliere zusehends meine anfängliche Verwirrung. Wie immer hole ich mir Gäste auf die Bühne, um mit ihnen zusammen etwas zu veranstalten. Bereits beim ersten Herrn kehrt die Verwirrung zurück. Ich begrüße ihn und frage nach seinem Namen. »Dick Essding«, antwortet er, während das Publikum schon wieder zu grölen anfängt. In dem Moment frage ich mich, ob er wohl wegen seines Vornamens in der Schule gehänselt wurde. Als die ersten Zuschauer vor Lachen von ihren Stühlen fallen, bin ich überzeugt: Irgendwo muss sich hier dieser Typ von Verstehen Sie Spaß versteckt haben. Ich versuche das Spiel – so gut es geht – mitzuspielen, denn eigentlich fühle ich mich nicht wirklich und der nächste Besuch des Donnerbalkens kündigt sich unheilvoll an. Doch egal, was ich auf der Bühne mache, die Menschen hören einfach nicht auf zu lachen. Als ich zu einem Gast sage, ich werde mich für eine Demonstration hinter ihn stellen, fragt er mich, ob er dafür nicht lieber seine Kollegin hochschicken soll. Und auch wenn ich diesen Witz nicht wirklich lustig fand, schaffe ich es, mein Programm bis zum Ende durchzuziehen.
Obwohl ich mich heute so elend fühle und auch von meiner Darbietung wenig überzeugt bin, tobt das Publikum weiter. Ich kann deswegen kein Wort davon verstehen, was mir der Moderator beim Abtreten von der Bühne ins Ohr flüstert. Ich verlasse eilig den Ort des Geschehens und steuere schnellstens die Toilette an. Erst dort bemerke ich, dass mein Hosenstall offensteht und der Hemdzipfel leicht herausschaut. Ich weiß nicht, was das Publikum gesehen hat oder gedacht hat zu sehen. Unglücklicherweise trage ich heute ein Hemd zu meinem braunen Anzug, das bei bestimmter Beleuchtung ein wenig nach der Farbe eines leicht gebräunten Menschen aussieht. Außer gehörigem Dünnpfiff mache ich an diesem Tag eine weitere lebensprägende Erfahrung in der Kategorie »Wenn etwas peinlich ist und du selbst der Letzte bist, dem das auffällt!«
»He, Tod, kannst du mich bitte in Ruhe lassen? Ich kann dich nämlich nicht leiden.«
»Das geht vielen Menschen so.«
»Ist das alles, was du darauf zu sagen hast?«
»Bin mir keiner Schuld bewusst, denn ich habe nur gute Absichten.«
»Dass ich nicht lache. Ein Drecks-Arschloch bist du.«
»In dem Ton brauchen wir gar nicht weiterzureden.«
»Du verduftest jetzt nicht einfach. Das musst du schon aushalten können. Schließlich bringst du Schmerz und Kummer zu den Menschen.«
»Das bin nicht ich, sondern der Lauf der Zeit.«
»Ausreden … nichts als Ausreden! Wie ich das satt habe. Also … noch mal zum Mitschreiben für dich: Lass mich in Ruhe!«
»Bis jetzt ist kein endgültiger Zeitpunkt absehbar, eine Uschi Attinser betreffend.«
»Haha. Als ob ich das einem Typen wie dir glauben kann, der unverhofft einfach mal so um die Ecke kommt, wenn man gewiss nicht mit ihm rechnet.«
»Das hat der Tod so an sich. Beim Wort unerwartet würde ich gern widersprechen wollen. Schließlich weiß jeder Mensch auf dieser Erde, dass wir uns irgendwann begegnen. Das ist von höherer Stelle bestimmt.«
»Dann will ich sofort deinen Chef sprechen!«
»Da ist nicht mit ihm zu verhandeln. Spar dir die Energie und genieße lieber dein Leben.«
»Papperlapapp! Einen Scheiß werd ich. Das geht ja gar nicht, wenn du mir immer im Nacken sitzt.«
»Wieso soll das nicht gehen? Andere Menschen können es ja auch.«
»Das ist mal wieder typisch. Schön mir die Schuld in die Schuhe schieben, dass ich zu blöd dazu wäre.«
»Bei aller Liebe, das ist die Wahrheit. Je schneller du begreifst, desto mehr Zeit bleibt dir dafür.«
»Weißte was? Mit dir zu reden, macht überhaupt keinen
Sinn. War mir vorher schon klar. Eine verschissene Drecksidee war das, mit dir in einen Dialog zu treten.
Du Hornochse, du gemeiner. Ich geh jetzt. Auf nimmer Wiedersehen.«
»Schade, dass du es so siehst. Jedoch kann ich deinem Wunsch auf ›nimmer Wiedersehen‹ leider nicht entsprechen.«
»Hau endlich ab, du Pfeife!«
»Wir sehen uns, Uschi. Mach dir eine schöne Zeit bis dahin.«
»Von dir nehme ich bestimmt keine Ratschläge an.
Adios, Blödmann!«
Der Einkaufszettel stellt eine riesige Herausforderung für mich dar. Bin ich etwa Handwerker? Schmirgelpapier 80, 120 und 180 soll ich mitbringen. Schrauben, Muttern, ein Sägeblatt und weiteres Heimwerkerzubehör. Außerdem muss ich noch Lebensmittel einkaufen. »Geh einfach und mach!«, sagt Toni zu mir. Der ist ein glatzköpfiger Macho. Ein unter der Gürtellinie Denkender mit Affenstammbaum. Außer Grapschen und Motzen ist sein Tagesablauf fest fixiert. Fast süffisant ergänzt er seine Liste immer weiter: Bier, aber kein Alkoholfreies! »Ich bezahle die Miete und du den Einkauf. So war das abgemacht«, schiebt er nach. Fast in Trance fällt mir die Jacke um die Schultern. »Mensch Karin, das ist kein Fresszettel. Das ist die Umsetzung unserer Vereinbarung. Während du ständig an deiner Unterhose zupfst, muss ich mir Gedanken machen, wie die Holzwand mit wenig Aufwand abgeschliffen wird. Worauf wartest du also noch? Kauf ein, damit ich fertig werde«, weist er mich an. Wortkarg fällt der Zettel auf einen Jutebeutel in meinen Korb. Für einen kurzen Moment schaue ich auf die blaue Tasche. Das Blau gibt mir einige Sekunden Ruhe, bevor ich ins Menschengewühl falle.
Ich hasse Handwerker. Sie sind in ihren unrasierten Gesichtern mit der Bierflasche in der Hand meinem Freund zu ähnlich. In ihrem blauen Anton mutieren sie zu gelenkigen Zungenbrechern, die alles versprechen und nichts halten. Die hauswirtschaftlichen Aufgaben bleiben alle an mir hängen. Demnächst werde ich die Socken sammeln statt waschen – und die Rasierutensilien könnte ich unter das Bett stellen. Überhaupt werde ich seinem Verhalten künftig einen anderen Wind entgegensetzen. Der harsche Ton macht mir zu schaffen. »Männer! Das ist ein Volk für sich«, denke ich mir noch, als ich den Supermarkt betrete. Die Gänge sind mit Menschen befüllt. Ich nehme einen Korb, denn die Schieberei eines Wagens ist mir zu viel. Auf einmal höre ich hinter mir: »Du Saftschubse, mach mal Platz!« Die Stimme klingt ähnlich wie die meines Freundes. Der Zwei-Meter-Baum grinst von einem Ohr zum anderen. »Ich bin vielleicht eine Kornblume, jedoch auf keinen Fall jemand, der den Saft durch Gänge vorausschaukelt«, entgegne ich wütend. Dabei bemerke ich, wie mein innerer Druck steigt. Die Ohren beginnen zu glühen. Ich drehe mich mit meinem ganzen Körper um, stehe aufrecht, erhebe die Nase, als könne ich den Himmel aufschließen. Schaue dem Kerl dann direkt in seine grünblauen Augen. Sie funkeln und er zwinkert mir frech zu. »Ist das so üblich, wo du herkommst?«, frage ich den Riesen. »Tja, wer so drängelt, muss damit rechnen.« »Rechnen ist eine Laune der Natur, das können nur wenige«, gebe ich keck zurück. »Meinst du? Dein Einkaufskorb steht hier direkt an der Kasse echt ungeschickt zum Parken. Willst du Gebühren eintreiben, oder was? Bestimmt bist du beim Ballermann diejenige, die morgens mit den Hühnern aufsteht, um das Handtuch auf einem der Liegestühle am Pool auszulegen.« Mir schießt die Schamesröte ins Gesicht. Allerdings mehr für den geparkten Korb als das positionierte Handtuch. Tatsächlich belegte ich meinen Liegestuhl im letzten Urlaub damit. Damals noch ohne Freund und voller Freude auf die schönsten Tage im Jahr. In der Disco rockte ich bis in den Morgen. Natürlich gab es dort einige tolle Jungs. Damals wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich auf so einen Typen wie Toni einzulassen. Irgendwie finden mich die Handwerker trotzdem immer wieder. Deren Anmachen funktionieren ähnlich wie das Auslegen eines Parkettbodens: Pi mal Daumen werden zuerst die Maße genommen. Danach die Holzbretter in eine Ecke gepfeffert, um sich anschließend mit lautem Geschrei über die schlechte Bodenbeschaffenheit zu beschweren. Die Nähe zu Mister Spargel ist mir unangenehm. Er sieht aus wie eine Bohnenstange und erinnert mich an eine Säulenhainbuche. Weil so ein Baum wenig Schatten bringt, kein ordentliches Holz hat und sowieso mehr zur Zierde dasteht, drücke ich ihm die Visitenkarte einer Freundin in die Hand. Sie ist spezialisiert auf solche Jungs. Denn was zum Henker soll ich mit so einem anfangen? Einen Idioten wie ihn habe ich ja schon zu Hause sitzen …
Mein Schulweg war immer schon nicht kurz, aber auch nicht lang, eher so mittel. Aus der Haustür raus geht es die Treppe hinunter und über den Hof und die breite Zufahrtsstraße entlang und an der Einfahrt dann über die Straße, die eben dort zu unserer Zufahrtsstraße abzweigt. Dann geht es auf der anderen Straßenseite direkt die Bäckerwiese runter. Die heißt so, da am Fuße der Wiese im ersten Haus im Erdgeschoss einmal ein Bäcker war. Ich weiß noch genau, wie ich ganz klein war – also viel kleiner als jetzt – und dort samstags morgens Brötchen holte. Dort traf ich auch immer irgendwelche Kinder. Weil, da gab es Kuchenrindeln, also die Randabschnitte von sehr leckeren Blechkuchen. Umsonst! Ohne bezahlen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum es diesen Bäcker heute nicht mehr gibt, er hat nämlich zugemacht. Die Bäckerwiese jedoch, die überlebte trotzdem. Das ist so eine Wiese, die man ganz schnell nach unten rennen kann. Die Beine werden dabei schneller und schneller und man hebt fast ab beim Laufen. Kurz bevor das geschieht, kommt man unten an und kann auf dem Fußweg auslaufen, sozusagen wieder landen. Wenn ich nur daran denke, komme ich ganz aus der Puste vor Lachen. Wie auch immer, nach der Bäckerwiese ist dann die Hauptstraße zu überqueren. Hier gilt strikt diese Guck-Regel: links – rechts – links! Bis heute kann mir keiner der Erwachsenen erklären, warum ich nicht auch rechts – links – rechts oder links – rechts – links – rechts schauen darf. Es heißt stets »Hier wird nicht diskutiert!
Mach, was ich sage!«. Das gehört wohl auch zu diesen unerklärlichen Dingen dieser Welt. Also so was wie Weihnachtsmann, Osterhase und Mädchen.
Doch weiter mit dem Schulweg. Nach der Bäckerwiese und Hauptstraße geht es weiter den Rodelberg hinauf. Dieser liegt direkt neben dem Hof von Bauer Schmidt – der mit dem riesigen Traktor und hohem, doppelflügeligen Tor. So groß in etwa müssen Flügel von echten Flugzeugen sein. Der Rodelberg ist ansonsten nichts Besonderes, er beginnt erst mal recht flach, wenn man da langläuft. Dann kommt man auf einen kleinen Buckel und von dort geht es weiter nach oben. Eigentlich ist das gar kein richtiger Berg. Ich komme beim Hochstapfen nicht mal aus der Puste. Papa meint, dass das deswegen so ist, da ich den schon so oft hochgelaufen bin. Nein, nicht nur zur Schule, ich bin ja erst in der Fünften. Sondern vor allem im Winter, wenn wir dort unsere Eisbahn bauen und mit den Schlitten im Wettrennen runterfahren! Nach dem Rodelberg geht es den ganzen Fußweg zum Schulberg hoch. Dort oben befindet sich … na, was wohl? Die Schule natürlich! Mir ist nicht ganz klar, warum der Schulberg nun Schulberg heißt. Weil dort die Schule ist oder weil alle Kinder immer schön dort hochlaufen? Oder war die Schule zuerst da und deshalb heißt der Berg so? Ich weiß es leider nicht. Alles in allem bin ich jedenfalls so eine halbe Stunde unterwegs. Jedoch klappt das nicht immer in der Zeit. Es kommt ja auch mal vor, dass ich unterwegs einen Freund oder Kameraden treffe und wichtige Dinge mit denen zu besprechen habe. In aller Regel treffe ich mich jedoch mit meinem besten Freund Moppel an der Hauptstraße. Er findet es unfair, dass er an der Hauptstraße wohnt und nicht oben über der Bäckerwiese. Weil deswegen kann er morgens nie von dort oben runterrennen wie ich. Na ja, zum Ausgleich renne ich halt regelmäßig mit ihm, mit lautem Kreischen natürlich. Und das kostet logischerweise ein paar Extra-Minuten. Ich schaffte es bisher auch nur ein einziges Mal, die ganze Strecke in unter zehn Minuten nach Hause zu kommen.
