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Aus unserer Ausschreibung 'Tag am Meer' ergaben sich zwei Anthologien. Die eine 'Wo ist Süden? für Kinder von 6 bis 11 Jahre und eben dieses Buch, in dem sich Geschichten für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene finden. Geschichten rund um die See und das Meer. 35 Geschichten, genauso unterschiedlich wie ihre Autor*innen, jede einzelne mit ihrer eigenen Idee. Geschichten mit Humor und zum Nachdenken.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Tag am Meer
Hrsg. Carsten Böhn und Matthias Deigner
Buchbeschreibung:
Aus unserer Ausschreibung 'Tag am Meer' ergaben sich zwei Anthologien.
Die eine 'Wo ist Süden? für Kinder von 6 bis 11 Jahre und eben dieses Buch, in dem sich Geschichten für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene finden. Geschichten rund um die See und das Meer. 35 Geschichten, genauso unterschiedlich wie ihre Autor*innen, jede einzelne mit ihrer eigenen Idee.
Geschichten mit Humor und zum Nachdenken.
Die Autor*innen:
Andrea Nesseldreher, Anke Wogersien, Ann-Kathrin Kerstan, Christina Schnug, Béatrice Sassi, Detlev Zesny, Eva Joan, Finn Lorenzen, Gabriele Nakhosteen, Gerhard Goldmann, Gisela Pflüger, Gisela Verges, Gudrun Güth, Gwendolin Simper, Johannes Wöstemeyer, Jutta Gornik, Kai Riedemann, Katrin Streeck, Olivia Stahlenburg, Melanie Maria Diaz Blanco, Natalie Bauer, Nicole Hein, Nora Hanusch, Nora Sorokina, Olivér Meiser, Patricia Pinto Plaza, Sven Rima, Rebekka Müller, Regina König, Stefanie Waizer-Fichtl, Ulrike Müller, Ulli Krebs
Impressum
© 2022 Baltrum Verlag GbR
BV 2231 – Tag am Meer
Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR
Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR
Herausgeber: Baltrum Verlag GbR
Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch
ISBN: 978-3-910388-08-6
Internet: www.baltrum-verlag.de
E-Mail an [email protected]
Druck: BoD
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Tag am Meer
Hrsg. Carsten Böhn und Matthias Deigner
Baltrum Verlag
Weststraße 5
67454 Haßloch
Keineswegs gesundheitsgefährdend
Ulli Krebs
»Weichei!«, »Memme!« – die Beschimpfungen meiner neuen Mitschüler der Klasse 5b sind alles andere als angenehm. Aber die Jungs haben Recht. Unseren Tagesausflug ans Meer kann ich nur bedingt genießen. Die großen Wellen machen mir Angst. Vor allem dann, wenn ich mir vorstelle, wie tief das Wasser schon unweit des Strandes sein muss.
»Tom und Luca, hört auf, Deniz zu ärgern! Wenn er nicht schwimmen mag, ist das in Ordnung. Hier wird niemand gezwungen.« Meine Klassenlehrerin lächelt mir zu. Die Referendarin tut es ihr nach.
»Danke«, nuschele ich, »mir ist zu kalt.«
Während die anderen im Wasser herum juchzen, suche ich den Strand nach Bernstein ab. Vergebens, denn das fossile Harz wird meist nur dann angeschwemmt, wenn es heftig gestürmt hat. Und das tut es im Sommer eher selten.
Schon bald fange ich deshalb an, nach Muscheln, die ich meiner kleinen Schwester von unserem Strandtag mitbringen kann, zu suchen. Miray sammelt die kalkigen Schalen in allen Formen und Größen.
»Deniz, jetzt gib dir doch einen Ruck!«, ruft Anne mir zu. »Es ist herrlich im Wasser.«
Ich starre weiterhin auf den Boden und tue so, als ob ich nichts gehört hätte. Dabei beneide ich die anderen so sehr. Um den Spaß, den sie im Wasser haben, um das Gefühl der Gemeinschaft und um die Tatsache, dass sie keine Angst vor dem Wasser kennen. Trotzdem bin ich froh, dass ich jetzt hier die fünfte Klasse der Oberschule besuche. Auch wenn in Zeiten von Corona oftmals Homeschooling angesagt ist.
Meine Klassenlehrerin spricht das, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf geht, aus. »Ach, es ist toll, endlich wieder einen Teil der Schüler um sich zu haben«, sagt sie. »So ein Ausflug schweißt zusammen. Und die freie Natur ist ja zum Glück selbst zu Covid 19-Zeiten unbedenklich und keineswegs gesundheitsgefährdend.«
»Boah, die Wellen sind der Hammer!«, höre ich Niklas schwärmen.
»Tauch mal unten durch!«, antwortet Steffen. »Einfach mega.«
Ich fühle mich ausgeschlossen und laufe mit hängenden Schultern bis zur nächsten Buhne. Dort finde ich die Schalen mehrerer Pazifikaustern. Früher hat es die hier gar nicht gegeben. Diese Muscheln sind invasive Arten. Erst im Zuge des Klimawandels haben sie sich an der deutschen Nordseeküste breitgemacht. Das steht jedenfalls in dem Sachbuch, das ich mir aus der Bücherei geliehen habe. Es ist schon eigenartig: Auch wenn ich vor Wasser panische Angst habe – Meeresbiologie finde ich superspannend. Später möchte ich unbedingt in dem Bereich arbeiten.
»Ahh, was ist das?« Die Schmerzenslaute hören sich heftig an. Es ist Louis, der jetzt humpelnd aus dem Wasser kommt und sich bald laut weinend den Oberschenkel unter der Strand-Süßwasser-Dusche abspült.
»Nicht! Du machst nur schlimmer«, rufe ich. Vergebens! Louis hört mich nicht. Ich bin zu weit entfernt. Oh Mann, dieses Quallengift kann richtig wehtun. Das habe ich auch gelesen. Schmerzen und Striemen wie bei einer Verbrennung. Oh nein, Frau Schröder versucht, die Quallenreste auf der Haut mit einem Handtuch zu entfernen. Ich schüttele verständnislos den Kopf. Mit ihrem blinden Aktionismus bewirkt sie doch nur, dass das Gift in die Haut eindringt. So schnell es geht, renne ich von der steinigen Buhne zu Louis und den anderen.
»Stopp!«, schreie ich. »Sofort aufhören!«
Frau Schröder ist so irritiert, dass sie tatsächlich innehält. Auch die anderen, die mittlerweile aus dem Wasser gekommen sind, blicken mich erstaunt an. Normalerweise brülle ich nicht. Ich bin eher der ruhige Typ.
»Okay, da kein Essig noch Rasierschaum hier, brauchen wir Sand, um Reste von Tentakel wegzumachen. Am besten mit Plastikkarte. Frau Schröder, kann bitte Ihre Scheckkarte haben?«, frage ich völlig außer Atem.
Meine Deutschlehrerin zögert einen kurzen Augenblick. Dann nickt sie und kramt in ihrem Rucksack herum. Louis versucht, die Tränen weitestgehend zu unterdrücken.
»Brennt höllisch, ich weiß«, gebe ich ihm und den anderen zu verstehen. Mittlerweile halte ich die Bankkarte in der Hand, um die letzten Quallenteile sorgfältig zu entfernen. Frau Schröder wirft mir einen dankbaren Blick zu und fordert die anderen auf, sich umzuziehen und ihre Badesachen zusammenzupacken. Sicherheitshalber will sie mit Louis zum Arzt.
»Nicht nötig«, gebe ich zu bedenken. »Louis nicht allergisch und nicht Schock. Kreislauf okay.«
»Geschockt bin ich schon«, jammert der arme Kerl. »Aber Wahnsinn, was du für ein medizinisches Wissen hast, Deniz.«
»Du willst bestimmt mal Arzt werden, oder?«, mutmaßt Anne.
Ich schüttele kurz den Kopf und konzentriere mich wieder auf den geröteten und jetzt mit Sand bedeckten Oberschenkel vor mir.
»Nie wieder gehe ich in der Nordsee schwimmen. Ich schwöre. Das eben war die Hölle«, gibt uns Louis zu verstehen.
»Kann ich verstehen«, antworte ich. »Wenn du zu Hause, sofort Kühlpack in Plastik wickeln und auf Haut legen. Das hilft. Kenne Quallen nur zu gut aus Heimat in Syrien.«
»Wird gemacht, Herr Doktor. Aber ganz ehrlich, Deniz: Du machst es echt richtig und hältst dich ganz bewusst vom Wasser und von diesen Viechern fern. Ey, ich hasse Quallen.«
Ich nicke und ziehe es vor zu schweigen. Denn ich mag eigentlich diese Lebewesen, die um die 600 Millionen Jahre alt sind, ohne Gehirn, Mund, Knochen und Herz auskommen und es trotzdem schaffen, sowohl in den Gewässern der Polargebiete als auch in denen der Tropen zu überleben. Aber das muss hier wirklich niemand wissen. Und auch nicht, dass ich seit unserer Flucht aus Syrien übers Mittelmeer panische Angst vor dem Ertrinken habe.
Der perfekte Moment
Christina Schnug
Sanft gleitet Abismo, unser Whalewatching-Boot, durch den Atlantik. Es ist windstill und die Wasseroberfläche schimmert im Sonnenlicht golden. Diese windstillen Tage sind auf den Azoren selten. Oft ist zumindest eine kleine Brise zu spüren, meistens aber weht ein kräftiger Wind. Immerhin liegen die Azoren ungefähr 1.700 km weit von Portugals Lissabon entfernt inmitten des Atlantiks.
Ich arbeite seit sechs Jahren im kurzen Azoren-Sommer als Wal- und Delphinforscherin auf der Insel Pico. Ich nehme Touristengruppen mit hinaus auf das Meer und erkläre ihnen die Delphine und Wale der Azoren. Und manchmal bietet der Höhepunkt dieser Ausfahrten die Gelegenheit, mit Delphinen zu schwimmen. Ein Traum für viele Menschen. Ich kann ihn mir häufig erfüllen.
Wir sehen an diesem Tag viele verschiedene Arten: die freundlichen Gemeinen Delphine, die immer beschäftigt scheinenden Streifendelphine, die neugierigen Fleckendelphine, die verspielten Großen Tümmler, die etwas scheuen Risso-Delphine, die geselligen Pilotwale und auch ein paar der ganz Großen. Pottwale mit ihren Kälbern und sogar ein paar einsame Buckelwale. Selbst der Blauwal, das größte Lebewesen der Erde, zieht an der Südküste der Insel Pico vorbei. Nicht umsonst gehören die Azoren zu den besten Spots weltweit, um Delphine und Wale zu beobachten.
»Wow«, ruft Hubert enthusiastisch. »Das ist der perfekte Moment, oder? Besser kann es nicht werden.« Hubert ist zum ersten Mal mit und begeistert.
An diesem Vormittag ist das Glück uns hold. Denn als wir gerade wieder wenden, um unseren Hafen in der Stadt Lajes do Pico anzusteuern, sieht Eduardo, unser Skipper, noch eine Gruppe Delphine. Sie kommen auf unser Boot zu geschwommen. Es sind Große Tümmler – und sie scheinen an uns interessiert. Mario, unser zweiter Skipper, gibt mir ein Zeichen. Ich verstehe ihn sofort und sage aufgeregt zu meiner Urlaubergruppe: »Fertig machen zum Schwimmen!« Und sofort bricht an Bord eine Hektik aus. Die einen suchen ihre Schnorchelausrüstung, die anderen ziehen sich unter Deck den Badeanzug an, und wieder andere suchen aufgeregt ihre Unterwasserkameras.
Ich muss erst mal Ruhe in diesen aufgescheuchten Haufen bringen. Es gibt strenge Auflagen zum Schwimmen mit Delphinen auf den Azoren. Ich teile die Gruppen ein, denn es dürfen immer nur zwei Leute ins Wasser und erinnere an die wichtigsten Regeln: »Ihr müsst gleich im Wasser den Kopf sofort nach unten tun und nicht erst lang in die Luft schauen, denn die Delphine sind im Wasser und nicht in der Luft. Außerdem vermeidet unruhige Bewegungen mit Armen und Beinen, versucht so ruhig wie möglich, durch das Wasser zu gleiten und die Bewegung dem Delphin anzupassen. Außerdem könnt ihr kleine Zwitscher- und Pfeiftöne durch den Schnorchel machen, viele Delphine finden das interessant.«
»So, und jetzt ab ins Wasser, die Delphine sind genau um uns herum. Eine bessere Gelegenheit bekommt ihr heute nicht mehr.« Nach und nach gehen alle Zweiergruppen für ein paar Minuten ins Wasser und alle meine Leute sehen heute auch tatsächlich die Tümmler. Das ist nicht selbstverständlich, denn oft sind die Delphine schnell wieder weg.
Aber heute sind alle begeistert. Als letztes Zweierteam gleiten Sandra und ich ins Wasser. Sofort vergesse ich die Welt um mich herum, wie immer, wenn ich ins Wasser tauche. Sandra ist eine erfahrene Schnorchlerin, um sie muss ich mir keine Sorgen machen. Es ist schon ihr dritter Urlaub mit mir. Also konzentriere ich mich vollkommen auf mich und meine Umgebung im Wasser. Und sofort sehe ich drei Delphine, die mich neugierig beäugen. Ich passe meine Bewegung ihrem Schwimmstil an und versuche, so elegant wie sie durchs Wasser zu schweben, leider wohl eher mit mäßigem Erfolg. Das Wasser ist erfüllt vom Gezirpe und Pfeifen der Großen Tümmler. Sie gehören zu den kommunikativsten Arten im Atlantik. Schwebend gleiten die großen Delphine um mich herum durch das tiefblaue Wasser. Dann holen sie noch einmal Luft und verschwinden in der Tiefe. Auch die Geräusche werden immer leiser und ich tauche auf, um mich zu orientieren. Sandra ist schon wieder an Bord und auch ich schwimme langsam Richtung Abismo. Auf einmal fangen alle Menschen an Bord an, wie wild zu rufen und zu gestikulieren. Ich werde unsicher, etwa ein Hai? Denn auch diese Räuber sind hier natürlich oft zu sehen und gerade heute vor gut einer halben Stunde hatten wir einen Hammerhai beobachten können. Ich drehe mich um, und ich sehe eine große Rückenflosse auf mich zu gleiten. Ein einzelner Großer Tümmler kommt zurück und auf mich zu. Ich erkenne an seiner Rückenfinne einen der Delphine, die ich vorher schon gesehen hatte.
Langsam tauche ich wieder unter und direkt neben mir sieht mich der Delphin neugierig an. Er macht ein paar Schwimmbewegungen und ich versuche, sie ihm nachzuahmen. Dann taucht er durch die Wasseroberfläche und atmet. Sofort tauche ich auch auf und atme durch meinen Schnorchel. Der Delphin lässt sich langsam sinken, ich ebenso. Erst ein Meter, dann zwei, drei Meter, vier, fünf, sechs. Ich bin immer direkt neben dem Tümmler. Doch dann muss ich auftauchen. Der Atem wird mir knapp. Und der Delphin taucht neben mir durch die Wasseroberfläche. Jetzt bin ich etwas mutiger und übernehme die Führung. Ich drehe mich um die eigene Längsachse und mein Freund tut es mir nach. Ich versuche einen Purzelbaum im Wasser und auch der große Tümmler macht einen Salto im Wasser. So geht das gemeinsame Spielen für gefühlte Stunden. Wir wechseln uns immer ab, einer macht etwas und der andere versucht es, nachzuahmen. Endlich sind wir beide des Spielens müde, und der Delphin verschwindet mit einem letzten Winken der Schwanzflosse in der unendlichen Tiefe. Ich bin allein und sehe ihm nach.
Das Wasser ist spiegelglatt und tiefblau, und die Sonnenstrahlen scheinen auf ihrem Weg in das unendliche Blau und schimmern, bis sie sich dann irgendwann in der Tiefe verlieren. Ich schwimme zurück zum Boot, wo alle mich rufend und lachend beglückwünschen. Keiner hatte einen so nahen und langen Kontakt mit einem Delphin. »Da kommt die Delphinflüsterin«, rufen sie. Auch ich muss lachen und schreien, gleichzeitig laufen mir die Tränen über das Gesicht. Ich hatte schon viele Delphinbegegnungen, und es sollten noch zahllose kommen, aber diese eine Begegnung werde ich nie vergessen.
Die uneingeschränkte Harmonie und das Vertrauen zwischen zwei sich ansonsten fremden Arten, dem im Wasser lebenden Delphin und mir, dem auf dem Land lebenden Menschen, ist unbeschreiblich. Nie hatte ich danach wieder eine so vollkommene Begegnung.
Und ich wusste, das war er gewesen. Der perfekte Moment.
Der Tag am Meer
Natalie Bauer
Die Sonne brennt heute unerbittlich vom Himmel herab, so wie die letzten Tage auch. Fast jeder hat im Moment Ferien, kann nicht die Sonne auch mal Urlaub machen? Der nasse Waschlappen auf meiner Stirn hat die angenehme Kühle gefühlt binnen von Minuten verloren. Seufzend nehme ich ihn von der Stirn und lasse Arme und Beine schlapp vom Sessel baumeln. Jetzt bin ich diejenige, die wie ein nasser Waschlappen in der Ecke hängt. Kann mich mal jemand bitte auswringen?
Meine Mutter betritt mit einem dampfenden Kaffee das Wohnzimmer und zieht die Augenbrauen hoch, als sie mich sieht.
»Da ist ja der schmelzende Schneemann.« Ich verdrehe die Augen. Seit ich klein bin, bin ich blass, und dass, obwohl ich dunkle Haare habe. Ich werde in der Sonne nicht braun, höchstens rot. Meist bleibe ich so bleich wie ich bin. Diese Charakteristik hat mir den liebevollen Kosenamen ›Schneemann‹ eingebracht. Ich verdrehe genervt die Augen.
»Und du trinkst noch einen Kaffee bei der Hitze. Bist du unkaputtbar?«
»Kaffee macht müde Menschen munter.«
»Es heißt: 'Milch macht müde Männer munter'. Du trinkst weder Milch, noch bist du ein Mann.«
»Ja, aber verdammt müde«, entgegnet meine Mutter und setzt sich zu mir gegenüber auf die Couch. »Dein kleiner Bruder war mal wieder Alleinunterhalter in der Nacht.« Sie gähnt und nimmt einen großen Schluck von ihrer dampfenden Brühe. Ich werde nie verstehen, was Erwachsene an Kaffee finden. Vor allem nicht im Hochsommer, wo man doch eher eiskalte Zitronenlimonade mit einem bunten Strohhalm genießen sollte.
»Wir fahren heute an den Strand. Willst du mit?« Ihre Frage ist zögerlich, sie versucht es aber so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Und da ist er wieder. Dieser versteckte, hoffnungsvolle Unterton in der Stimme meiner Mutter.
»Wenn du willst, dass nur noch eine Pfütze von mir übrig ist«, sage ich ausweichend.
»Also nein«, seufzt sie resigniert. »Dein Bruder würde sich auch freuen, wenn du mal mitkommen würdest.«
»Er ist doch erst vier, so viel bekommt er doch eh nicht mit.«
»Ich glaube, du unterschätzt die Macht der Erinnerungen«, sagt meine Mutter plötzlich ernst und geht in die Küche. Ich höre Spülmaschinengeklapper. Die Macht der Erinnerung? Ich war länger nicht am Meer, obwohl es so nah ist. Vielleicht gerade, weil es so nah ist. So alltäglich. Ich erinnere mich an Menschenmassen im Sommer und an schmerzenden Ohren im Winter vom Wind. Aber da ist auch etwas anderes, aber ich kann es nicht genau zuordnen. Ich sehe die Fußspuren meines Vaters im Sand. Eine Welle kommt und sie sind verschwunden. So als wären sie nie da gewesen. Ich starre an die Decke und schließe kurz die Augen. Ich möchte nicht ans Meer.
Mein kleiner Bruder Tom kommt ins Zimmer getapst, in der Hand hält er einen kleinen Schwimmring, der aussieht wie ein Schoko-Donut. »Ich will planschen gehen.« Jedes Mal, wenn es an den Strand geht, ist mein Bruder aufgeregt und hat ein besonderes Funkeln in den Augen. Ich beneide ihn um seine kindliche Sicht auf Dinge. Ich mit meinen sechzehn Jahren kann nicht auf alles so unbekümmert und neugierig schauen. Irgendwie verlernt man das mit dem Älterwerden. Und jetzt klinge ich schon so wie meine Großmutter, dabei habe ich mein ganzes Leben noch vor mir. Und auch das hört sich wie ein totaler Oma-Spruch an.
Eine halbe Stunde später steht meine Mutter mit Tom an der einen und einem üppig gepackten Korb mit Strandutensilien in der anderen Hand im Flur. »Wir sind in ein paar Stunden wieder da, Sarah. Ich hoffe ich finde nachher nicht nur eine Pfütze von dir vor.« Eine Anspielung darauf, dass ich der schmelzende Schneemann bin, ha, ha …
»Ich kann den Wischmopp ja schonmal vorsichtshalber hochholen«, sage ich und zwinkere ihr zu. »Kommst du diesmal mit?«, fragt mein Bruder und schaut mich mit seinen blauen Kulleraugen an. Ich gehe in die Hocke und streichle seinen dunklen Lockenkopf. »Ich muss das Haus gegen böse Diebe verteidigen, solange ihr weg seid.« Meine Mutter lächelt belustigt, mein Bruder schaut mich mit großen Augen an.
»Dann nehme ich meinen Donut erst recht mit.«
»Ja, den dürfen sie nicht in ihre Hände bekommen! Das Schicksal der Erde hängt davon ab!« Mein Bruder umklammert seinen Schwimm-Donut stolz mit der anderen Hand und nickt. »Über sowas macht man eigentlich keine Witze, Sarah.« Ich ernte einen mahnenden Blick. »Aber auf der anderen Seite ist die Einbruchsrate hier auf der Insel so erschreckend niedrig … von daher brauche ich mir, denke ich, keine Sorgen zu machen«, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu.
»Nein, brauchst du nicht«, pflichte ich ihr bei.
»Und du willst wirklich nicht mit …?«
»Nein«, sage ich leise, aber bestimmt. Ihr Mund ist wie eine Linie zusammengepresst, dann fängt sie sich wieder und lächelt mich ein bisschen traurig an.
»Alles klar, bis später.« Ich blicke ihnen nach, als sie mit dem Auto aus der Einfahrt fahren und der rote Peugeot hinter der nächsten Kurve verschwindet. Als Stille einkehrt, spüre ich die Hitze plötzlich wieder wie ein Gewicht auf mir. Ich tigere in der Wohnung umher, unschlüssig, was ich machen soll und vor allem wo. Überall ist es warm. Dann kommt mir eine Idee: Die Garage! Da meine Mutter und Tom weg sind, kann ich es mir dort ein wenig gemütlich machen. Klar, nicht der schönste Ort zum chillen und keine Location für ein stylishes Sommer-Instagram-Selfie, aber immerhin kühler als drinnen und draußen!
Und ich werde nicht enttäuscht: Als ich die Garage betrete, kommt mir eine angenehm kühle Luft entgegen. Ich schnappe mir einen Liegestuhl und stelle ihn in der Mitte auf, eine kühle Dose Cola mit im Schlepptau. Hier lässt es sich definitiv aushalten! Nach einer kurzen Phase der Euphorie stelle ich ernüchtert fest, dass mein Smartphone hier keinen Empfang hat. Kein WhatsApp oder Instagram werde ich hier nutzen können, wie öde! Ich blicke mich in der Garage um. Regale mit Farbtöpfen und Werkzeug, alte Holzlatten und Spielzeugautos meines Bruders und einige Kisten – was hier noch für ein Krempel rumliegt. Aus einer der Kisten in der hintersten Ecke sehe ich den Ansatz eines pinken Rüschenkleides blitzen, das früher einer meiner Lieblingspuppen gehört hat. Ich öffne die Kiste und ziehe sie heraus. Die blonden Locken der Puppe, die ich 'Peppermint' genannt habe, sind nicht mehr so golden wie früher, aber trotzdem hängen noch viele Erinnerungen an viele unzählige Spielstunden an ihr. An ihrem Kleid klebt ein bisschen Sand.
»Wo kommt der denn her?«, sage ich laut zu mir selbst. Ich wühle durch die Kiste und finde noch mehr Sachen, an denen kleine Sandkörner hängen, sogar an den heiligen Rolling Stones CDs meiner Mutter. Aber wieso? Und da sehe ich sie – eine kleine blaue Holzkiste. Ich hole sie vorsichtig heraus und puste den Staub und die Sandkörner hinunter.
Ein Tag am Meer ist in das Holz eingeritzt. Ich öffne die kleine Kiste und mir schlägt die Brise des Meeres entgegen. Die Kiste ist mit feinem Sand und Muscheln gefüllt. Ich streiche mit der Hand über die glatte Oberfläche und lasse die Körner zwischen meinen Fingern durchrieseln. Es fühlt sich weich und rau zugleich an. So wie die See.
Ich begutachte jede Muschel einzeln. Ein großes spitzes Schneckenhaus, halte ich mir ans Ohr.
»Wenn du genau hinhörst, kannst du das Rauschen der Wellen hören.«
Die Worte meiner Mutter hallen in mir wider. Ich schließe die Augen, aber ich höre nichts. Enttäuscht lasse ich die Schnecke sinken. Früher hätte das funktioniert. Früher hing an fast allem ein gewisser Zauber. Als ich die Schnecke zurücklegen will, blitzt ein Stückchen Papier aus dem Sand. Ich ziehe es vorsichtig hinaus. Ich halte einen zerfledderten Briefumschlag in den Händen, der voller Sand ist. Auf der Vorderseite steht mit feiner Schrift »Für Maria« geschrieben. Er ist an meine Mutter adressiert. Die Handschrift kommt mir vertraut vor: Es ist die Handschrift meines Vaters. Traurigkeit überkommt mich. Wie jedes Mal, wenn ich etwas sehe, dass mich an ihn erinnert. Vor knapp zwei Jahren starb mein Vater plötzlich bei einem Autounfall. Wir waren fast täglich zusammen am Strand gewesen, weswegen ich das Meer nicht mehr mit den gleichen Augen sehen kann. Etwas fehlt und es wirkt seitdem nur noch unvollkommen und leer.
Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Brief in meinen Händen. Ob ich ihn überhaupt lesen darf? Dann erinnere ich mich an den Tag, an dem ich meine Mutter mal mit meinem Tagebuch erwischt habe. Ihr überraschter Blick glich dem eines Räubers, den man auf frischer Tat ertappt hat, auch wenn noch etwas Schuldbewusstes darin lag. Mit ein wenig Genugtuung und Schadenfreude hole ich den Brief vorsichtig aus dem Umschlag heraus und klappe ihn auf.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund klopft mein Herz, während mir einige Sandkörner durch die Finger rieseln. Der Brief ist auf den 26. Juli 2004 datiert, der erste Hochzeitstag meiner Eltern. Knapp ein Jahr später kam ich auf die Welt.
Meine liebe Maria,
Du wunderst Dich bestimmt, dass Du diesen Brief zu unserem ersten Hochzeitstag in den Händen hältst. Ich habe mal gehört, dass Frauen darauf stehen, wenn sie Briefe von Männern bekommen. Zumindest wird das in Deinen Liebesschnulzen immer so gesagt, die Du mir des Öfteren aufzwingst. Aber vielmehr bin ich davon überzeugt, dass man Dinge, die man liebt, festhalten soll. Und das möchte ich mit diesem Tag machen, den wir vor zehn Jahren zusammen erlebt haben, an dem wir zusammengekommen sind. Diesen Tag für immer festhalten – und Dich gleich mit! Mein Großvater, der Seefahrer war, hat immer gesagt »Das Meer ist rau und ungestüm.« Mit Dir habe ich das Meer aber so friedlich erlebt, wie sonst nie.
Weißt Du noch? Wir waren die ganze Nacht am Strand und haben geredet. Du hast Deine Füße mit den bunt lackierten Nägeln in den Sand gegraben, um sie zu wärmen, und ich habe Dich ausgelacht und in ernstem Ton gesagt, dass Dich gleich ein Sandwurm von unten piksen wird. Du hast blitzschnell die Füße herausgezogen und Sand durch die Gegend geschleudert, als hätte Dich wirklich etwas gestochen! Ich muss manchmal immer noch grinsen, wenn ich an Deinen erschrockenen Gesichtsausdruck denke – herrlich!
Ich habe Dir daraufhin meine Jacke gegeben, damit Dir nicht kalt ist. War ich nicht ein richtiger Gentleman und so schön klischeehaft? Wir haben über irgendeinen Blödsinn philosophiert, den ich wirklich nicht mehr wiedergeben kann. Irgendwann hast Du dann Deine Hände tief in den Taschen meiner Jacke vergraben und bist dann plötzlich aufgesprungen, wie vom Sandwurm gestochen. »Taschen müssen mit Muscheln gefüllt sein!«, hast Du gerufen und wie wild nach welchen im Sand gesucht und diese in mein gutes Sakko gestopft. Ich habe mich breitschlagen lassen und habe Dir geholfen. Gar nicht so einfach im fast Dunkeln! Ich habe diese Muscheln tatsächlich vor kurzem in einer alten Keksdose wiedergefunden, macht das nicht einen absoluten Romantiker aus mir?
Ich blicke kurz vom Brief auf und fahre mit dem Finger über eine der Muscheln aus der Kiste. An diesen Muscheln hängen Erinnerungen. Meine Finger wandern durch den Sand zu ihnen. Ich streiche über die Rillen und Einkerbungen. Ich habe selbst welche gesammelt und sie immer stolz meinen Eltern präsentiert, als wären sie kleine Edelsteine im Sand. Jede schöner und einzigartiger als die andere. Einmal habe ich noch geschlossene Miesmuscheln gesammelt und alle in einer Plastiktüte im Auto gebunkert. Nachdem dieses dann stundenlang in der prallen Sonne stand, stank es bestialisch von innen! Den entgeisterten Blick meines Vaters, als er die Fahrertür öffnete und einsteigen wollte, werde ich nie vergessen. Er ist rückwärts zurückgestolpert und hat die Tür sofort wieder zugeschlagen. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Auch ich hatte die Tasche voller Muscheln, genau wie meine Mutter damals. Ich lese weiter.
Du weißt, dass ich kein Mann der großen Worte bin, auch wenn wohl ein großer Lyriker an mir verloren gegangen ist. Ich wollte Dir nur sagen, wie schön die letzten Jahre waren, wie besonders Du jeden Augenblick gemacht hast. Wenn ich mit Dir am Meer bin, ist es manchmal so, als könne ich in die Zukunft sehen. Ich sehe uns beide, aber da ist noch mehr. Ich sehe unsere zukünftigen Kinder im Wasser spielen und ich hoffe, dass sie das Meer mindestens genauso lieben werden, wie ich Dich liebe. Auf die nächsten Jahre, Dein Marius.
Ein Meer an Erinnerungen schwappt in mir hoch. Es ist, als könnte ich die Unbeschwertheit dieser unzähligen Tage, die mein Vater damals schon vor seinem inneren Auge gesehen hat, förmlich spüren. Das Rauschen des Meeres, die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Mein Vater, der mit mir lautstark auf die Möwen am Strand zu rennt, um sie von unserem Picknickkorb zu vertreiben. Mein Vater, der mir seine Eiskugel anbietet, weil meine in den Sand gefallen ist, als ich mich gebückt habe, um Krebse zu beobachten. Mein Vater, mit dem ich mit Muscheln riesig das Wort »Pizza« in den Sand lege, mit der Hoffnung, dass plötzlich ein Helikopter eine über uns abwirft. Mein Vater, mit dem ich den Schaum der Wellen beobachte, und nach Wasserpferden Ausschau halte, weil ich 'Das letzte Einhorn' gesehen habe. Mein Vater, der mir das Schwimmen beibringt und mich bei jeder kommenden Welle festhält, als wäre ich der kostbarste Schatz seiner Welt.
Ich schmecke Salz auf meinen Lippen. Erst jetzt bemerke ich die Tränen auf meinem Gesicht.
Das Meer ist rau und ungestüm, so wie es mein Großvater mal zu meinem Vater gesagt hat. Genau so sind aber auch unsere Erinnerungen. Manchmal kommen sie wie eine Welle und begraben uns unter sich, dann ziehen sie sich wieder zurück. Wir lassen uns auf ihnen treiben und können in sie abtauchen. Sie tragen uns durchs Leben und manchmal verlieren wir den Boden dabei unter den Füßen. Immer aber wieder treiben sie uns in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt, bis wir wieder Boden unter den Füßen spüren und mit festen Schritten an Land gehen können. Ich drücke den Brief kurz an mich und kann die Prise des Meeres regelrecht riechen. Es ist, als wäre ein Stück meines Vaters zu mir zurückgekommen, dabei war er in meinem Herzen nie weg. Ich habe ihn nur eine Zeit lang weggeschlossen.
Ich zerreibe Sand langsam zwischen meinen Fingerspitzen und beobachte, wie er auf meine Hose rieselt. Es ist Zeit.
*
Der Blick meiner Mutter gleicht dem eines Autos, als ich plötzlich in Sommermontur am Strand direkt vor ihr stehe. Mein Bruder kniet im nassen Sand und versucht mit einer Schaufel ein Loch zu buddeln, aber die Wellen schließen es sofort wieder.
»Ich glaub ich träume, ein Schneemann«, murmelt meine Mutter entgeistert und kickt neben sich einen Wasserball vom Handtuch, um mir Platz zu machen. Ich lasse mich neben ihr nieder und blicke auf das weite Wasser, das sich bis zum Horizont erstreckt. Ich muss unweigerlich an meinen Vater denken und kurz versetzt es mir einen Stich. So wie immer, wenn ich das Meer sehe. Aber dann wird der kurze Schmerz überflutet von den vielen Erinnerungen an die schönen Stunden, die wir hier zusammen als Familie verbracht haben.
»Was hat dich denn dazu bewogen, wieder an den Strand zu kommen?« Die Frage meiner Mutter ist zaghaft, fast so, als hätte sie Angst, mich mit den falschen Worten wieder zu vertreiben. Ich blicke nachdenklich auf den von einer Welle aufgeschlagenen Meeresschaum, der langsam im Sand versickert und sich letztlich auflöst.
»Die Macht der Erinnerungen«, sage ich leise und meine Mutter lächelt sanft.
Mein Bruder erblickt mich, lässt abrupt seine kleine Schaufel fallen und läuft jauchzend auf mich zu.
Ich bin mir sicher: Diesen Tag am Meer werde nicht nur ich lange in meinem Herzen tragen.
Spiele
Gisela Verges
Wir waren zu früh da, standen am Kai. Die Fähre ließ auf sich warten. Neben uns tobten Kinder, vertrieben sich die Zeit mit Fangen. Immer rings um den Kofferberg der Familie herum. Bis ein Kind plötzlich rief:
»Ich sehe das Schiff!«
Ein anderes Kind erwiderte gelangweilt, wohl weil es seiner Schwester den Erfolg nicht gönnte:
»Hab' ich vorhin schon gesehen!«
»Kannst du ja gar nicht! Du bist viel kleiner als ich!«
Und das alles in diesem provozierend singenden Tonfall, den wir zwei Alten nur zur Genüge kannten.
Wir ahnten: Gleich bricht ein Streit aus! Und da mischten wir uns ohne Absprache ein, spannen laut die von den Kindern so harmlos begonnenen Unterhaltung weiter.
»Du«, sagte ich laut zu meiner Freundin, »ich habe die Fähre zuerst gesehen!«
»Geht ja gar nicht«, erwiderte sie im Brustton voller Überzeugung und ebenso laut wie ich, »ich habe sie genau in dem Moment entdeckt, als du ganz woanders hingeschaut hast!«
Die Kinder standen still und hörten uns zu.
»Ich muss ja die Fähre eher sehen als du«, griff ich das Thema erneut auf, »ich bin ja ein paar Zentimeter größer als du!«
Gerade, als ich meiner Freundin das physikalisch erklären wollte, das mit der Erde als Kugel und so weiter, da unterbrach sie mich:
»Du bist kurzsichtig, meine Liebe! Hast du das schon vergessen? Du kannst noch nicht einmal in drei Metern Entfernung einen Handwagen von einem Baum unterscheiden!«
Die Kinder grinsten. Sie fanden es lustig, wenn sich zwei alten Frauen ihre Gebrechen vorwerfen!
»Dafür bin ich aber älter«, konterte ich. »Ich habe schon Schiffe gesehen, da lagst du noch im Kinderwagen!«
Wir ließen uns, angestachelt durch die Aufmerksamkeit der Kinder in vollem Ernst allerlei einfallen. Meine Freundin warf mir den nächsten Ball zu: »Ich habe schon Fähren tuten hören, da war ich noch gar nicht auf der Welt!«
Der Ton wurde schärfer. Unsere Mienen passten sich der Dramatik an.
»Wer weiß, was du da gehört hast? Du warst schon immer schwerhörig!«
Die Kinder lachten.
»Ja, ja, mach nur weiter so! Mein Großvater kannte einen, der musste früher jeden Tag mit der Fähre an die Arbeit fahren! Ätsch!«
War es nun die Erwähnung des Wortes Arbeit, jedenfalls verloren die Kinder plötzlich jegliches Interesse an uns. Sie setzten ihr vorhin unterbrochenes Spiel rund um den Kofferstapel wieder fort.
