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"Und doch war es Ivy niemals in den Sinn gekommen, in ihrer Beziehung etwas Unangemessenes zu sehen, niemals war da der Gedanke gewesen, in ihr etwas Schäbiges oder Unzüchtiges zu erkennen. Manchmal musste sie sich selbst daran erinnern, dass sie ja tatsächlich eine Affäre hatte." "Tage des Lichts" erzählt ein achtzigjähriges Frauenleben in sechs Tagen - von Sehnsucht, Schuld und dem Mut, das eigene Herz nicht zu verraten. Wie viel Einfluss haben wir auf unser eigenes Leben, wenn ein unaufhaltsames Verlangen sich seinen Weg bahnt? England 1938. Die 19-jährige Ivy steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, unsicher, wohin ihr Weg sie führen wird. Soll sie Tänzerin werden? Malerin? Abenteurerin? Oder vielleicht sogar Spionin? Ivy weiß nur eines sicher: Ihre Zukunft soll besonders werden - so besonders wie ihre ganze Familie. Doch ein tragisches Ereignis am Ostersonntag lenkt ihr Leben in überraschend gewöhnliche Bahnen: Sie heiratet, bekommt Kinder und führt ein angepasstes Leben. Erst als Ivy Jahre später Frances wiederbegegnet, die sie an eben jenem Ostersonntag zum ersten Mal traf, wird ihr bewusst, wie leer sie sich fühlt. Beide Frauen spüren eine Anziehung, der sie nicht nachgeben dürfen - und die doch unausweichlich scheint.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
MEGAN HUNTER
TAGE DES LICHTS
Aus dem Englischen von Judith Schwaab
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Widmung
Motto
ERSTER TAG – Ostersonntag 1938
ZWEITER TAG – April 1938
DRITTER TAG – April 1944
VIERTER TAG – April 1956
FÜNFTER TAG – April 1965
SECHSTER TAG – Ostersonntag 1999
DANKSAGUNG
NACHBEMERKUNG ZU QUELLEN
ANGABEN ZU QUELLEN
Zum Buch
Vita
Impressum
Für Rebecca Sollom
Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können.
Johannesevangelium, 1:5
Wo all dieser Saft, all diese Lust entsprungen.
Gerard Manley Hopkins, Frühling
Ostersonntag 1938
Wenn Ivy zurückblickte, dann erinnerte sie sich an Folgendes.
*
Joseph sang. Das gehörte zu den wenigen Dingen, die ihr Bruder nicht konnte: Seine Stimme war ohne Klang, unsicher, kämpfte um eine Note wie um eine hohe Felskante in den Bergen. Doch an der Tatsache an sich war nicht zu rütteln: Joseph – der schlichte, verständige Joseph – sang. Er lag nebenan in seinem Bett, wo die Wände um ihn herum Wache hielten, das Fenster stand offen, es kam bereits ein süßer Duft herein. Er öffnete die breiten Lippen, spürte die Vibration, die sich in seiner Magengrube bildete und in die Brust hochstieg. Hier war Musik: In seiner Kehle, auf seiner Zunge, drang sie mit einem leisen Pfeifen durch seine Zähne. Ivy hielt den Atem an, versuchte, besser zu hören, was er da sang. Es war ein leiser, fast anhaltender Ton, wie ein Vogel in einer Sommernacht: anonym, heimatlos, der Klang der Sehnsucht.
Ivy stellte sich Joseph in seinen eigenen vier Wänden in Oxford vor, den beiden kleinen Zimmern mit der typischen Unordnung eines jungen Mannes, seine Freundin eine ungenaue Gestalt am Rande. Ihr Vater Gilbert hatte ihm zum einundzwanzigsten Geburtstag ein Grammofon geschenkt, und ganz bestimmt tanzte Joseph manchmal mit dem Mädchen in seinem Arbeitszimmer, wobei er aufpasste, sich nicht an den klobigen Sesseln und dem altehrwürdigen Schreibtisch aus Holz zu stoßen. Joseph war ein guter Tänzer; bestimmt hielt er sie fest und sicher um die Taille. Diese Taille sah Ivy genau vor sich – ihre weiche, einladende Rundung, und wie geschmeidig sie langsam in Brustkorb und Schulter überging –, doch alles, was sich darüber befand, war unscharf und verschwommen. Joseph hatte nie mehr von diesem Mädchen preisgegeben als ihren Namen – Frances –, und nur ein einziges Mal, nach dem Essen und ein paar Gläsern Wein, hatte er sie als hübsch bezeichnet.
Im Laufe der Zeit hatte Ivy in ihrer Fantasie diese Leerstellen aufgefüllt: mit einem jungen Mädchen, das sich bückte, um einen Penny aufzuheben, das als Kind mit den Gummistiefeln in eine Pfütze stapfte, ein breites, sich öffnendes Lächeln auf den Lippen. Oder: eine ernstere Frau, die ein schief sitzendes Barett auf dem Kopf hatte, eine Zigarette zwischen den Fingern, die Lippen erfahren geschürzt. Manchmal sah sie auch jemanden vor sich, der schlichter war, eine vielleicht sogar inzestuöse Vorstellung: sich selbst oder ihre Mutter. Doch derlei Vorstellungen waren für Ivy kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, denn schließlich würden all diese Vorstellungen nun ein für alle Mal verschwinden. Heute, an diesem Ostersonntag, würde die echte Frances zu Besuch kommen.
Durch ihr offenes Fenster roch Ivy die fruchtbare Süße des Gartens, die Wahrheit eines weiteren Morgens, der vor der Tür stand. Wie immer um diese Tageszeit zwitscherten die Vögel erwartungsvoll und nervös; selbst sie wussten von diesem Tag, dachte Ivy. Sie spürten seine besondere Bedeutung, dass selbst auf Cressingdon – dem unchristlichsten Haus in ganz England, wie ihre Mutter es einmal genannt hatte – Ostern eine andere Bedeutung hatte. Es bedeutete den Bäumen etwas und auch den ergrauenden Statuen im Garten, die sich ab und zu ein wenig bewegten, was aber nur Kinder wahrnehmen konnten. Als Ivy sechs oder sieben gewesen war, hatte sie gesehen, wie sich die kleine Nymphe am Teich umgedreht und ihr zugezwinkert hatte. Das war vielleicht der bedeutsamste Moment ihrer ganzen Kindheit gewesen – ein Zauber, der sich als Wahrheit entpuppte, wenn die Schale der Wirklichkeit geknackt wurde. Doch als sie damals energisch am Rockzipfel ihrer Mutter zog, hatte Marina nur gesagt: Natürlich, Liebes, und ihr den Rücken gekehrt.
Ivy hörte ein Geräusch aus der Küche unter ihr; Anne war bestimmt schon seit Stunden auf den Beinen, holte das Lamm aus der Speisekammer, rieb es mit Salz und Gewürzen ein, in der Hoffnung, damit verbergen zu können, dass das Fleisch an der Luft bereits etwas ausgetrocknet war. An Ostern würde es warm werden, stand in der Zeitung, wobei sie die Worte für die Jahreszeit ungewöhnlich verwendeten, doch war es an Ostern nicht immer sonnig? Ivy schloss die Augen und sah eine ganze Abfolge von vergangenen Ostersonntagen vor sich; die, an denen sie im Wohnzimmer gegessen hatten und im Gartenzimmer und im Garten selbst. Ein Streifen Sonnenlicht, der durch eine Tischdecke fällt; damals musste sie noch ein Kind gewesen sein, das sich unter dem Tisch verschanzt hatte, abwechselnd von Joseph oder Angus Fleischbrocken zugesteckt bekam und am Kopf getätschelt wurde wie ein Hund. In der Erinnerung kam ihr das Sonnenlicht dünner vor und hatte eine andere Farbe, mehr wie Zitrone, heller als der intensive Pfirsichton, der sie jetzt umgab. Sie drehte sich auf den Rücken, zog sich das Nachthemd über den Kopf und roch ihren eigenen Morgengeruch. Sie war wie ein Bauernhof, dachte sie oft: So viele Teile arbeiteten zusammen, um ein Gefühl von Ordnung entstehen zu lassen, eine Gestalt, die sich durch die Welt bewegt.
Das Singen hatte aufgehört, aber jetzt kamen andere Geräusche aus Josephs Zimmer, ein Klappern und Knirschen, als wäre er kurz aufgestanden, hätte es sich dann aber anders überlegt und sich vor der kühlen Schwere der getünchten Wand noch einmal umgedreht. Manchmal hörte sie ihn bei Nacht schnarchen, ein gleichmäßiges Schnaufen, das sie an ein Pferd erinnerte, wenn sich der Atem warm einen Weg durch die tiefen Nüstern bahnte und lang und geduldig ein- und ausgeatmet wurde. Für gewöhnlich stand sie früher auf als Joseph, aber jetzt kam ihr der Gedanke, ob er nicht diesmal sogar noch früher aufgewacht war als sie und dort drüben einfach nur die Ruhe genoss, den Duft des Gartens, der zu ihm ins Zimmer stieg.
Doch da war es; er sang wieder. Da war etwas Ungeformtes und Zartes an seiner Stimme, ein Unterton, den sie seit seiner Kindheit nicht mehr gehört hatte, wenn er ihr einen Regenwurm in die Hand drückte, im Sandkasten einen Kuchen für sie formte oder am Abendbrottisch maulte, weil ihm etwas nicht schmeckte. Sie dachte an seine Haare, wie sie damals gewesen waren, die braune Schmalzlocke, die ihm oft in die Augen fiel. Er war immer größer gewesen als Ivy, stets zwei Jahre voraus, doch jetzt erinnerte sie sich an ihn wie an ein Fohlen oder ein Rehkitz; sie sah die weiche Haut auf seinen Armen, seine verschlungenen Beine auf dem Klo, wenn er die Tür offen ließ. Und jetzt: Jetzt war er verliebt, und angesichts eines wahrscheinlicher gewordenen Krieges war diese Aussicht auf Liebe noch machtvoller – Joseph, ihr Goldjunge, der einzige Sohn.
In diesen Ferien hatte Ivy versucht, Anzeichen dieser Liebe an ihrem Bruder zu entdecken. Sie hatte nicht nur geschaut: Sie versuchte, sie zu erspüren, wann immer sie das Gefühl hatte, er würde es nicht bemerken, indem sie ihre Hand wie zufällig auf seinen Kopf oder Unterarm legte, bevor er sie wegscheuchte. Sie glaubte, seiner Haut die Liebe anfühlen zu können, und dass sie vielleicht seinen behaarten Armen oder den knochigen Knien eine neue Weichheit schenken könne, die Anmut einer Frau. Noch bevor er eingetroffen war, hatte sie sich gefragt, ob er vielleicht anders riechen, ob seine Stimme einen anderen Ton angenommen haben würde. Und jetzt war es endlich da, dieses deutliche Signal, und es war weder ein Anblick noch ein Gefühl – am Ende war es etwas, das sie hörte. Er sang.
*
Ihre Füße waren nackt; das Gras an ihrer Haut wie eine Decke aus Küssen. Genau so hätte sie das formuliert – Decke aus Küssen, indem sie sich den feuchten Druck des Rasens wie einen weit geöffneten Mund vorstellte, der sich um ihre Fersen schloss, zu den weichen Stellen zwischen ihren Zehen vordrang. In letzter Zeit hatte sie versucht, Gedichte zu schreiben, hatte versucht, sich damit zu begnügen, dass sie ungeküsst und unberührt blieb, indem sie sich vorstellte, dass die Natur ihre Liebhaberin sei und ihr die ganze Welt – sprich, niemand – zu Füßen liegen könne. Sie nahm auf der alten Schaukel in dem kleinen Apfelgarten Platz, auch wenn sie wusste, dass der feuchte Sitz Spuren an ihrem Nachthemd hinterlassen würde. Sie mochte das Gefühl von Holz an ihrer Haut, die geheime Aufmerksamkeit, die so sehr der Wertschätzung ähnelte, mit der sie sich selbst begegnete, im Bad, wenn niemand hinschaute, die sanfte Wertschätzung, die sie ihren Brüsten, ihren Schenkeln oder der Rundung ihrer Ellbogen entgegenbrachte. Dieses Holz, es hielt sie, das spürte sie. Es kannte sie. Sie löste sich von dem Sitz, stellte die Füße auf den Boden.
Von hier aus konnte sie das Haus sehen, das ihr den Rücken kehrte, und am massigen Schnitt der Zimmer im obersten Stockwerk schien ihr etwas Bescheidenes, fast Schüchternes zu sein. Sie wusste, dass dort oben nur Joseph war, immer noch im Bett, etwa eine Stunde, nachdem sie ihn singen gehört hatte. Angus war vermutlich in seinem Atelier, das er sich mit Marina teilte, versteckt hinter der Biegung des Hauses, einen Pinsel im Mund oder zwischen den Fingern. Ostern bedeutete ihm nur wenig, vielleicht am wenigsten von ihnen allen; es würde ein etwas üppigeres Mittagessen geben, und im Haus waren mehr Personen, die ihn ablenken und aus seiner Versenkung reißen könnten. Er würde einmal ein großer Maler werden, hieß es. Möglicherweise war er das bereits.
Dann würden Marinas Schwester Genevieve und ihr Mann Hector da sein, beide Schriftsteller – sie schrieb Romane, er zeitweise auch Dramen –, die in ihrem eigenen Landcottage am Ende der Straße wohnten. Sie würden sich bei Angus nach seiner Arbeit erkundigen, und er würde ihren Fragen ausweichen, mit leicht geneigtem Kopf, die Lippen kaum wahrnehmbar geschürzt. Das hatte Ivy immer schon erstaunt: wie die Leute es einfach duldeten, dass Angus eine Frage unbeantwortet ließ und stattdessen eine Blase aus Schweigen erzeugte, die er in der Luft über dem Tisch beiläufig hin und her schubste.
Auch Gilbert würde da sein, ihr Vater, körperlich schwach, aber mit scharfem Verstand, so nachlässig in seinem Äußeren, dass man ihn einmal – ausgerechnet in der British Library – für einen Landstreicher gehalten hatte. Ivy hatte Marina einmal gefragt, ob sie sich eigentlich irgendwann einmal scheiden lassen würden, und ihre Mutter hatte ihre Tasse abgestellt; damals saßen sie im Garten und tranken Tee. Mit starrer Miene hatte sie ihre Tochter angeschaut, als hätte sie etwas Obszönes gesagt. Und das trotz der Tatsache, dass Gilbert mittlerweile mit Dorothy zusammenlebte, und davor mit Ursula und vor ihr mit Maud. Doch immerhin stimmte es, dass keine dieser Frauen jemals nach Cressingdon gekommen war. Gilbert würde Bear mitnehmen, hatte Marina gesagt – ihren bärengleichen alten Freund Rupert, der diesen Spitznamen wegen seiner leicht gebeugten Haltung trug, und weil er immer so ging, als wollte er die ganze Welt umarmen. Ivy stellte sich die beiden im Auto vor, wie zwei entgegengesetzte Pole der Männlichkeit, Gilbert schlaff und bleich, Bear glatt und massiv wie Bronze.
Beim Frühstück hatte Marina etwas gegessen, das war ein gutes Zeichen. Ein Blick auf ihren Teller war so, als schaute man morgens in den Himmel, um zu sehen, ob an diesem Tag alles glatt und geordnet verlaufen würde oder ein Gewitter aufzog, das am Horizont noch nicht zu sehen war. Heute hatte Marina ein Stück Brot gegessen, dick mit Butter und einem Klecks Marmelade bestrichen. Auf mehr konnte man nicht hoffen, auch wenn nicht absehbar war, ob sie es überhaupt aufessen würde. Eines Sommers hatte sie das Essen komplett aufgegeben und sich mehrere Tage am Stück ins Atelier zurückgezogen, um zu malen und es nur zu verlassen, um zur Toilette zu gehen oder einen Schluck Wasser zu trinken. Später hatte Angus Ivy erzählt, ihre Mutter habe gegessen, wenn die anderen schliefen: Kräcker, sagte er. Birnen. Für Marina waren Essen und Kunst nicht wirklich kompatibel, ebenso wenig wie Religion und Kunst und bis zu einem gewissen Grad auch Körper und Geist. Wenn Marina aß – oder sich wenigstens etwas auf den Teller tat –, dann bedeutete es, dass sie sich damit einverstanden erklärte, in der Welt zu sein und mit ihrer Familie zusammenzuleben, auch wenn es nur für diesen einen Tag war.
Jetzt bewegte sich im mittleren Fenster im ersten Stock etwas, so plötzlich, dass es freudig wirkte, ein energischer Ruck am Vorhang, dass es ihn fast zerrissen hätte, und dann stand da Joseph, noch nicht bekleidet, seine breite, blasse Brust eine kindliche Version von Gilberts. Mit gesenktem Kopf entdeckte er Ivy auf der Schaukel, und dann ging das Fenster auf – es öffnete sich! Ivy spürte, wie die dünne Schicht Einsamkeit zerriss und der Morgen endlich lebhaftere Züge annahm.
Ive! Was machst du?
Sie zuckte auf der Schaukel die Achseln, verzog selbstironisch das Gesicht.
Nichts!
Wann machte sie denn überhaupt jemals etwas? Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie in der Schule gewesen war, auch wenn in Wirklichkeit kaum ein Jahr vergangen war. Und seither: Mindestens ein Dutzend möglicher Karrieren hatte sie in Betracht gezogen. Tänzerin, Malerin, Sängerin. Und an kühneren Tagen: Krankenschwester, Abenteurerin. Spionin.
Joseph kam energisch durch die Küchentür, ein Hemd um die Schultern, das noch nicht zugeknöpft war, und mit einem Stück Brot in der Hand. Wie kam das nur, fragte sich Ivy, dass seine Hände auf einmal so aussahen, als wären sie selbst zu Brot geworden, und dass sie die gleiche Beschaffenheit und Farbe hatten wie das, was er in ebendiesen Händen hielt? Ihr war schon öfters aufgefallen, dass ihr Bruder mit seiner Umgebung verschmolz, als würde er einen Tarnanzug tragen. Und da war etwas an der schieren Robustheit seiner Finger – so rundlich mitsamt den kurzen, dicken Nägeln –, das sie sofort an Teig denken ließ, wie jenen, den sie an langen, öden Nachmittagen mit Anne zusammen zu Laiben formte, während der Regen die Scheiben der Küchenfenster blind machte.
Die Sonne lugte hinter einer Wolke hervor, und Joseph nahm auf dem weichsten Rasenstück neben ihr Platz. Bestimmt würde seine Kleidung feucht werden, doch sie wusste, das war ihm egal. Wird schon wieder trocken, würde er mit einem Achselzucken sagen. Joseph vertraute auf die natürlichen Prozesse der Erde – dass sie sich zuverlässig drehte und die Sonne auf- und wieder untergehen würde –, in einer Weise, zu der Ivy niemals in der Lage gewesen wäre. Als sie noch klein waren, hatte Ivy oft Albträume vom Scheitern der Wirklichkeit gehabt – der Himmel fiel herab, das Meer wurde riesig und dunkel wie ein Leichentuch –, und oft war sie über den knarzenden Dielenboden hinüber in Josephs Zimmer geschlichen, um sich an seinen großen, im Schlaf zuckenden Rücken zu schmiegen. Beim letzten Mal hatte ihre Mutter sie am Morgen gefunden und verkündet, dafür sei Ivy viel zu alt. Ivy spürte immer noch Marinas kühle Hände, die unter die Decke griffen, um die beiden zu trennen, ein Kind vom anderen zu lösen wie die Schale von einer Orange.
Frohe Ostern, murmelte Joseph jetzt, die Augen geschlossen, während der fleckige Schatten der Bäume ihn an den Lippen und den Augenlidern kitzelte. Er war heute der Allererste, der ihr das wünschte, und irgendwie hatte es den Anschein, er würde genau damit den Tag zu dem machen, was er sein sollte, was weder Annes Kochkünste noch die zwitschernden Vögel auszurichten vermochten. So, wie das bei Geschwistern eben war, wurden sie immer wieder zu Kindern, wenn sie zusammen waren, und konnten sich niemals ganz und gar in die Gestalt von Erwachsenen fügen wie in eine Backform, um darin aufzugehen und zu ihrer wahren Größe zu wachsen. Einen Augenblick lang überlegte Ivy, ob Joseph wie früher wieder Schokoladenostereier im Garten verstecken würde. Doch dann fiel ihr ein: Bestimmt hatte er heute an so viele andere Dinge zu denken.
Freust du dich, wenn Frances kommt?
Das war eine dumme Frage, und sie setzte schnell die Schaukel in Bewegung, um zu verbergen, dass es ihr peinlich war. Die Äste des Apfelbaums über ihr knarrten. Sie liebte es, wie ihr die Luft entgegenkam, ein weicher Wind, der sie kaum sichtbar in die Höhe hob.
Hmm. Zu ihrer Überraschung schien sich Joseph diese Frage wirklich durch den Kopf gehen zu lassen. Macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen nervös, wenn sie Mater kennenlernt – und den Rest.
Es war schon immer eine heikle Angelegenheit gewesen, ihre Familie einem Außenstehenden zu erklären und sich die Frage zu stellen, ob man stolz auf sie sein oder sich für sie schämen sollte. Es ist eine neue Art zu leben, hatte Ivy versucht, ihren Klassenkameradinnen zu erklären. Und wenn darauf dann peinliches Schweigen entstand oder gar, wie einmal, schallendes Gelächter ausbrach, war sie wieder zu ihrer abgegriffenen Formulierung zurückgekehrt: Ihre Mutter lebe mit ihrem Freund Angus zusammen, während ihr Vater wegen der Arbeit in London wohnen müsse.
Ich habe ihr … alles gesagt, antwortete Joseph jetzt. Sie ist sehr verständnisvoll.
Ivy lehnte sich auf der Schaukel weit zurück, bis ihr Haar das Gras hinter ihr berührte und sie das Gefühl hatte, die Schwerkraft drücke ihren Körper in Richtung Erde, kaum gehalten vom dünnen Brett der Schaukel. Sie bedauerte Joseph, als wäre sie für das Arrangement ihrer Eltern verantwortlich, für das komplizierte Opfer, das er Frances, seiner allerersten Freundin, bringen musste. Oder wenigstens der einzigen, von der wir wissen, hatte Marina gesagt, was in Ivy die Vorstellung eines trüben, spätnächtlichen Oxfords heraufbeschworen hatte, mit Joseph als umschatteter Gestalt im Panamahut, der in Toreingängen mit Frauen knutschte. Allein bei dem Gedanken musste sie lächeln; sie wusste, dass Joseph etwas Derartiges niemals tun würde. Doch konnte es sein, dass sie selbst einmal in Toreingängen knutschen würde?, fragte sie sich. In ihrem Leben hatte es bisher nur zwei Küsse gegeben – jetzt berührte sie wie zur Beweisführung rasch ihre Lippen und löste dafür eine Hand vom Seil der Schaukel –, und beide waren widerlich gewesen; ein feuchtes Durcheinander, das in ihr nicht nur den Zweifel am Küssen, sondern am Leben selbst geweckt hatte, all den Verheißungen, die diesbezüglich gemacht worden waren.
Sie packte die Seile der Schaukel fester, langsam brannten ihre Hände davon, doch das war nicht unangenehm. War denn Küssen – und alles, was damit zusammenhing – nicht, laut denen, die es erlebt hatten, der Gipfel menschlicher Erfahrung? Und was war es für sie, für Ivy gewesen? Ein Körper (ein Bauernhof!), der sich grausam an den anderen presste, das albtraumhafte Gefühl von versuchtem Kontakt. Warum, hatte sie sich gefragt, betrachtete man das überhaupt als eine Verbindung? Die Zunge eines Fremden an ihrer eigenen, seine Hand, die sich an ihrer Bluse zu schaffen machte. Es bedeutete ihr nichts: Diesen Satz hatte sie irgendwo gehört, und er traf die Sache fast. Doch die Küsse waren mehr als nichts gewesen: Sie waren der Beweis dafür, dass sie auf so entscheidende Weise allein war, dass eine Berührung sie nicht erreichen konnte. Doch bei ihrem Bruder war das anscheinend anders. Seine Wahl war auf einen anderen Menschen gefallen, ein Mädchen, von dem er seit dem Michaelistag in seinen Briefen geschrieben hatte, nur kurze Notizen, an Ivy gerichtet, doch in ausführlichen Episteln an Marina, eine blumiger als die letzte. Ihre Mutter war dazu übergegangen, die Schreiben bei ihrem Morgenkaffee laut vorzulesen, ihre Brille ganz weit nach vorn auf die Nasenspitze gerutscht.
Es ist die Tochter eines Kirchenmannes, Angus! Kannst du dir das vorstellen?
Also ein sehr heiliger Strohsack!, hatte Angus gesagt und mit hochgezogenen Augenbrauen herzhaft in seinen Toast gebissen. Ivy beneidete ihn für seine Distanz, was Josephs Angelegenheiten betraf; sie wäre sehr gern gleichgültig Joseph gegenüber gewesen, in jeder Hinsicht, doch vor allem in einer – der Tatsache, dass ihr Bruder Erfolg darin gehabt hatte, jemanden zu finden, während sie selbst darin gnadenlos gescheitert war. Und vielleicht war es ja genau das, was Angus seine entspannte Grundhaltung schenkte: sein reines Selbstvertrauen, das man sogar am Bogen seines langen und schweigsamen Schulterblatts ablesen konnte, das ganz und gar für sich selbst stand und zugleich für ihn. Angus gehörte zu Marina, davon gingen die Leute aus, aber viel mehr noch gehörte er … sich selbst.
Joseph warf mit dem Kopf eines Gänseblümchens nach ihr. Mittlerweile saß er aufrecht da, die Beine gekreuzt wie die Buddhastatue im Atelier, sein Bauch eine weiche Wölbung über dem Hosenbund.
Aufwachen, du Träumerin! Gleich fällst du von der Schaukel!
Langsam juckte das Holz sie an den Beinen, durch die Baumwolle ihres Nachthemds hindurch. Ivy löste sich von der Schaukel. Sie fühlte sich schwer, während sie sich neben Joseph auf den Boden legte und die angenehme Frische des kühlen Grases spürte, dessen Feuchtigkeit sich sogleich an ihrem Rücken ausbreitete. Das würde Grasflecken geben, wurde ihr bewusst, und Anne würde das Hemd schrubben müssen, das Gesicht puterrot über der Waschschüssel. Doch Ivy schaffte es einfach nicht, deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben; sie spürte sowieso fast nichts, wenn sie ähnlich einem Tier auf dem Boden lag. Die Menschen kultivierten so viele Dinge, doch war das nicht das größte Vergnügen von allen? Sich vom einfachen Leben trösten zu lassen: dem Körper, der Sonne, dem steten Takt des Herzens in ihrer Brust.
Und, freust du dich, heute Bear zu sehen?
Joseph hatte sich ihr zugewandt, sein Lächeln das perfekte Gegenstück zu der Verlegenheit, die sich in ihr ausbreitete, während die Sonne wie ein kurzer Blick auf seiner Wange spielte. Er hatte keine Probleme, das sah sie, es war nur sie selbst, die ein Knäuel aus Gefühlen war und all diese Scham in sich barg. Sie ließ ihren Gefühlen freien Lauf und spürte, wie ihre Ferse hart auf sein Schienbein traf.
Aua! Übertreib’s nicht, Ive. Ich mach doch nur Spaß.
Du hast es versprochen.
Sie hatte die Unterlippe vorgeschoben. Am liebsten hätte sie noch die Arme vor der Brust verschränkt, wusste aber, dass das in ihrer Lage auf dem Rücken lächerlich aussah. Warm kullerte eine Träne über ihre Wange.
Ach, Ive. Bitte nicht …
Joseph hatte sich aufgesetzt und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht, immer ein Zeichen dafür, dass ihm etwas unangenehm war.
Ich mag ihn gar nicht mehr, das hab ich dir doch gesagt.
Ihr Mund war klein geworden, ihre Worte abgehackt, so kindisch fühlte sie sich. Es war ein Gefühl, als betrachtete sie sich selbst im Kino. Sagte denn dieses Mädchen – ungekämmtes Haar, feuchtes Nachthemd – die Wahrheit? Sie dachte an Bear, wie sie ihn beim letzten Mal gesehen hatte: an einem früheren, kühleren Frühlingstag, der Wind in seinem blonden Haar, der Schwung seiner Wange. Sein schmaler Blick richtete sich in die Ferne, als hielte er nach einem seltenen Vogel Ausschau. Jetzt versuchte sie insgeheim, ein Standbild für ihn zu finden, das durch ihre Gedanken schwebte wie durch Wasser; jetzt war er ein Wassermann, hemdlos. Sie sah seinen Schweif vor sich, die Schuppen daran, und wie er beim Schwimmen auf und ab wippte. Ohne es zu wollen, grinste sie.
Nun gut. Er ist ein bisschen alt für dich – milde ausgedrückt.
Es stimmte, dass Bear ein Mann war, nicht uralt, aber er gehörte derselben Generation an wie ihre Eltern. Was hatte Marina bei seinem letzten Geburtstag gesagt? Vierundvierzig war er geworden. Und sie selbst war neunzehn und sah noch jünger aus, sagten die Leute oft. Ein Küken.
Joseph spielte mit einem dicken Grashalm, hob ihn an seinen Mund, senkte ihn wieder.
Er hat mir sein Buch gegeben, weißt du. Ziemlich schlüpfrig. Willst du es mal haben?
Ivy schüttelte den Kopf, verzog abfällig den Mund, auch wenn sie furchtbar gern auch nur eine einzige Seite davon gelesen hätte. Sie legte eine Hand vor ihre Augen, als sich die Sonne hinter einer der seltenen Wolken verzog und der Garten sich innerhalb eines einzigen Augenblicks veränderte und schattenverhangen war. Langsam hatte sie das Gefühl, dass dieses Ostern vielleicht doch nicht das Fest werden würde, das sie sich vorgestellt hatte, und der Tag keineswegs so durchlässig sein würde, wie es noch vor ein paar Stunden den Anschein gehabt hatte. Auf einmal verströmte das ganze Haus nicht mehr die besondere Freude wie früher. Sie sehnte sich danach, endlich einmal ein Gefühl zu haben, das länger andauerte als nur eine Woche, zumindest länger als eine Stunde. Doch die Welt war in einem konstanten Wandel begriffen, sie bewegte sich und wurde mehr und mehr sie selbst. Joseph legte sich wieder hin: Er wandte ihr das Gesicht zu.
Eines Tages wirst du dich verlieben, Ivy, das verspreche ich dir. Es ist das …
Er atmete aus, ein Geräusch, das sich anhörte wie sein leises Schnarchen, wie eine Bö aus sanfter Geduld.
Es ist das Aufregendste, das einem passieren kann.
*
Für den späten Vormittag rechnete man mit Ivy. Man rechnete damit, dass sie half, dass sie präsent war, dass sie etwas anzog, aus dem der Frühling sprach, das aufblühende neue Leben. Sie entschied sich für das Kittelkleid aus gelbem Leinen, das eigentlich nicht schick genug war, aber mit dem Tag mithalten konnte, sowie einen breitkrempigen Hut, von dem Joseph behauptete, sie sehe darin aus wie eine Vogelscheuche. Sie fühlte sich wie ein Sammelsurium von Gliedmaßen, von Stoff umhüllt, eine unförmige Person, die nicht dazu in der Lage war, sich der Welt zu präsentieren. Als sie die Treppe herunterkam, wurden Marinas Augen einen Moment lang schmal, bevor sie nickte, anscheinend gnädig. Vielleicht, so dachte Ivy, versuchte Marina selbst, sich freudig auf diesen Feiertag einzustellen: Ihre ganze Familie kam zum Essen. Ihr Sohn war verliebt. Es war Ostern – man würde Blumen arrangieren. Die Sonne würde auf sie alle herabscheinen. Heute, nur heute, würden sie nicht über den Krieg sprechen, und auch nicht über die Pläne der Regierung. Es würde nicht zu Streitigkeiten kommen: Sie würden ausnahmsweise auf das Blau des Himmels vertrauen, auf das üppige Grün des Grases.
Es war Ivys Aufgabe, Blumen zu pflücken. Marina musste nur auf die leeren Vasen auf dem Tisch im Wohnzimmer zeigen, der bereits gedeckt auf die Gäste wartete; das Tischtuch war frisch gewaschen. Ivy war es nur recht, das Haus noch einmal verlassen zu können, weg von der feuchten Atmosphäre, die durch das gebratene Fleisch in der Luft hing, von den knappen Anweisungen von Anne und Marina, die alles vorbereiteten. Sie spürte, wie sich die milde Luft an sie schmiegte, als sie durch den Garten schritt, wie sie jede noch so kleine Kurve ihres Körpers fand und sie kannte, wie noch niemand sonst sie gekannt hatte.
Bei den Blumen handelte es sich um büschelweise Osterglocken, die mit ihren nickenden Köpfen in dem Wäldchen hinter dem Gemüsegarten wuchsen. Ivy ging in ihren Sandalen in die Hocke, griff nach einem Stiel nach dem anderen und spürte das leise Knacken, wenn sie die schmalen grünen Stängel aus der Erde riss. Sie mochte den Geruch, den die Blumen an ihre Hände abgaben: eine hefige, leicht metallische Feuchtigkeit. Manchmal hatte sie das Gefühl, es wäre ihr lieber gewesen, als Blume zu leben, oder als Baum, ein Lebewesen, das einfach wuchs und dann wieder verging und von dem nicht erwartet wurde, dass es sich bewegte oder jenseits seines natürlichen Kreislaufs Neues erschuf. Es waren Feststellungen wie diese, die ihre Lehrer dazu veranlassten, mit den Augen zu rollen. So melodramatisch, sagten sie über sie. Oder auch schlicht – eigen. Als sie damals ihren allerersten Schultag gehabt hatte, rechnete man damit, dass sie außergewöhnlich sein würde, angesichts der Familie, aus der sie stammte, die Tochter von Künstlern – noch dazu berühmten. Doch als sich herausstellte, dass sie zu ihrer Überraschung über keinerlei besondere Talente verfügte, hatte man offenbar nur noch auf das Gewöhnliche gehofft, und dass Ivy einfach sein würde wie die anderen. Mädchen ohne Talente sollten wenigstens gut in Sport sein, oder zumindest eine Frohnatur, sie sollten liebenswert sein oder eine andere, hilfreiche Eigenart haben. Mädchen ohne Talente hatten nicht das Recht, eine philosophische Ader oder einen Sinn fürs Morbide zu haben. Sie sollten nicht darauf hoffen, ein Baum zu werden.
*
Im Haus arrangierte sie Blumen in Krügen auf dem langen Tisch im Gartenzimmer. Sie machte einen Schritt zurück, um den Gesamteffekt zu begutachten, so, wie sie es Marina hatte tun sehen, und betrachtete den Raum, als wäre er ein Bühnenbild mitsamt dem funkelnden Silberbesteck auf dem Tisch, den Wänden, mit warmem Licht beschienen, das jede einzelne der Narzissen zu umfangen und sie zu begnadigen schien. Dann ertönte vor dem Haus das Brummen eines Autos, so klar und menschlich wie eine Stimme, die sich näherte.
Sie sind da! Ivy, geh und hol Angus!
Gäste wollte Marina nie allein begrüßen, sie stand gern mit Angus vor dem Haus, als wären sie die kleinen Figürchen eines Architekturmodells, um sich niemals, nicht einmal für einen Moment, einsam zeigen zu müssen. Doch Angus hatte keine Lust, an dem Firlefanz rund um Blumenarrangements und Tischordnung teilzunehmen. Er beugte sich nicht über Annes Schulter, so wie Marina es tat, um sie zu bitten, noch etwas Zitrone an die Soße zu geben oder frische Kräuter für das Lamm zu holen. Er war auch kein Teil eines Kommandos, das auf die Gäste wartete. Stattdessen blieb er so lange im Atelier, wie es nur möglich war, genauso lange, wie Gilbert vor ihm früher in seinem Büro geblieben war. Ivy wusste, es war genau das, was die Verzweiflung in Marinas Stimme hervorrief, den Klang dehnte, bis er kurz davor war, zu platzen.
Ivy verließ das Haus durch die Gartentür und ging auf bloßen Füßen die paar Schritte bis zum Eingang des Ateliers. Mittlerweile war das Gras wärmer geworden, nur noch eine Erinnerung an die morgendliche Feuchtigkeit in der Nähe zum Erdboden. Als sie sich der Tür näherte, hörte sie Musik aus dem Grammofon, ein verhaltenes Concerto von einem kleinen Streichquartett. Sie konnte das Atelier bereits riechen: eine Mischung aus Terpentin und Anstrengung, Zigarettenrauch und einem winzigen Hauch Lamm aus dem Haus, der sich wie eine Erinnerung an das tierische Leben und die Notwendigkeit, etwas zu essen, durch die Kunst zog.
Angus? Sie sind jetzt da – jedenfalls ist jemand gekommen.
Angus trug ein Malerhemd und eine alte Hose, er war nicht für das Mittagessen angezogen. Er stand reglos vor seiner Leinwand und hielt den Pinsel in die Luft. Woher, das fragte sich Ivy zum zigsten Mal, wusste er eigentlich, dass er Künstler war? Sie begriff nicht, warum er so tat, als hätte er sie nicht gehört, oder er hatte sie wirklich nicht gehört, so versunken, wie er in diesem Moment der Schöpfung war. Wenn sie versuchte, zu malen oder zu schreiben, war sie stets abgelenkt, und zwar von allen möglichen Dingen: einer Fliege, einem interessanten Vogel, den sie durch das Fenster erblickte, von einer Erinnerung oder einem Gedanken oder von einem Anflug von Hunger oder Müdigkeit oder Erregung. Doch hier stand Angus, und er drehte sich nicht einmal um.
Er hob den Pinsel an. Einen anregenden Moment lang hatte Ivy das Gefühl, dass sie überhaupt nicht existierte oder zumindest unsichtbar war und ihn so lange beobachten konnte, wie sie wollte. Er tupfte mit dem Pinsel vorsichtig auf die Leinwand, sein Ellbogen machte nur eine winzige Bewegung, doch seine Miene konnte Ivy nicht sehen. Sie drehte den Kopf, um besser zu erkennen, was er malte. Ein wässriges Blau, das sich zu einem dunkleren Ton vertiefte: offenbar ein Stück Himmel.
Angus? Ivy?
Das war Marinas Gäste-Stimme, die selbst aus dem Haus noch hörbar war und zwar gesittet klang, aber auch einen unverkennbaren Hauch von Verzweiflung in sich trug. Angus blickte auf, hob eine Hand an sein Gesicht.
Ach, dieses verfluchte Mittagessen.
Vielleicht, dachte Ivy, führte er Selbstgespräche. Doch als er sich umdrehte, merkte sie, dass er gewusst hatte, dass sie da stand; er hatte einfach mit dem Malen weitergemacht, weil er nicht aufhören wollte. Diese Fähigkeit hatte er vielleicht schon von Geburt an gehabt, dachte Ivy, und sie war ihm durch die Konzentriertheit seines Vaters, der beim Militär gewesen war, übertragen worden. Wahrscheinlich war er schon als junger Mensch außergewöhnlich gewesen. Doch sie hatte immer noch das Gefühl, auch bei ihr könnte sich etwas ändern, so, wie eine Raupe sich in einen Schmetterling verwandelte, und dass sie eines Morgens aufwachen würde und plötzlich selbst eine richtige Künstlerin wäre, die sich nicht ablenken ließ.
Angus’ Gesicht sah, als er sich umdrehte, fast verlegen aus, und um Augen und Mund lag ein fast jungenhafter Zug.
Dann gehen wir wohl besser, oder?
Ivy nickte. Sie merkte, dass sie sich lieber auf die Chaiselongue gesetzt und ihm noch eine Weile beim Malen zugeschaut hätte. Sie war nicht bereit für das Essen, mit seiner Konversation, die an ein Drehbuch erinnerte, seinen sich wandelnden Allianzen und Stimmungen. Während sie sich mit Angus durch das stille Atelier bewegte und in die leuchtende Helligkeit des Gartens hinaustrat, spürte sie, dass nur Frances der Mahlzeit etwas Neues verleihen und ihre Steifheit in das frei fließende Vergnügen eines geselligen Beisammenseins verwandeln könne. Sie dachte an ihre Blumen, als stünde jede Einzelne von ihnen für eine andere Frances, der sie noch nie begegnet war, und jede hätte eine eigene Dimension von Weiblichkeit, indem die eine den Kopf senkte und die andere ihn hob.
*
Das Lamm war so lange gekocht, dass es hart und trocken geworden war. Es wurde mit Nachsicht und jeder Menge Bratensoße verspeist, Messer und Gabeln kratzten und klapperten auf dem guten Geschirr. Marina hatte die Anordnung der Blumenvasen verändert, sah Ivy, hatte die eine etwas nach links, die andere ein wenig nach rechts verschoben. Ivy musste den Drang unterdrücken, die Arme auszustrecken – über die Köpfe aller Gäste hinweg – und sie wieder an den ursprünglichen Platz zu rücken. Sie alle waren fast gleichzeitig eingetroffen, zwei Wägen mit Gilbert und Bear sowie mit Genevieve und Hector darin; Ivy sah Gilberts behäbigen Wolsely neben Genevieves schlankem Cabrio in der Auffahrt stehen. Marina hatte in ihrer aller Mitte gestanden, als Ivy und Angus aus dem Atelier gekommen waren, und beide Arme gehoben, als wäre sie kurz davor, zu ertrinken.
Angus! Unsere Gäste!
Anne? Der Wein!
Marina hatte nicht gerne Gäste, das war die ganze Wahrheit. Ivy hatte oft gesehen, wie erschöpft sie nach formellen Abendessen und Partys war, wie ausgelaugt und müde, als hätte jemand auch den letzten Tropfen Feuchtigkeit aus ihr gepresst. Dennoch lud sie Leute ein, dennoch lächelte sie und drehte sich um und nahm in die Arme und küsste. Das hatte Ivy von ihrer Mutter gelernt; sie war genauso überzeugend wie sie, hob die Stimme, um in den Gästen das Gefühl zu erzeugen, dass sie willkommen waren, und breitete die Arme aus, als wäre das überhaupt nicht ihr Körper und als dürfte sie jeder berühren. Und das taten sie auch: Tante Genevieve zog sie an sich und gab ihr einen dieser sonderbar intimen Küsse, ihr Atem war warm und würzig, und Ivys Lippen berührten ihre knittrige Wange, während Onkel Hectors Hand sorgsam auf ihrer Schulter lag. Doch nur Bear legte eine Hand an ihre Taille, eine Hand, an der Ivy, ohne es zu wollen, bemerkte, dass die sonnengebräunten Finger behaart waren. Wie es sich wohl anfühlte, fragte sie sich, eine solche Hand zu haben? Sie auf ein Hosenbein zu legen, so wie Bear es tat, nachdem er sie berührt hatte, um sich dann damit durchs Haar zu fahren? Bear habe das prachtvolle Haar eines Leinwandhelden, pflegte Marina zu sagen. Immer lag es genau dort, wo es sein sollte. Wenn sie ihn betrachtete, ging es Ivy durch den Kopf, um wie viel leichter es wäre, ein Mann zu sein, der immer an genau dem Ort war, an dem er sein wollte, und dessen Körper und Verstand eine Einheit waren, die von ein und derselben Kraft gesteuert wurde. Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum, kaute lustlos an einem Stück Lamm. Sie hob die Serviette an ihren Mund. Auf der anderen Seite des Tisches aß Bear mit dem Tempo und dem Genuss eines Menschen, der halb verhungert war. Offenbar machte ihm das Fleisch nicht zu schaffen, Bratensoße tropfte von seiner Gabel. Selbst Joseph musterte ihn über den Tisch hinweg, während er selbst Gabel um Gabel verspeiste, die Augen erfüllt von einer Frage. An einem Kopfende des Tisches hielt Marina das Gespräch im Gange.
Habt ihr gesehen, dass Angus’ Ausstellung angekündigt wurde? Ich weiß, er ist viel zu bescheiden, um es zu erwähnen, aber ich …
Am anderen Ende des Tisches lächelte Angus, sagte aber nichts: Er streute Salz auf sein Essen.
Das ist absolut wundervoll, sagte Genevieve. Nicht, dass wir jemals Zweifel hatten …
Nur eine kleine Galerie, sagte Marina. Aber so eine nette kleine Räumlichkeit …
Darauf gab es mehrere Sekunden lang keine Erwiderung. Ivy verspürte deutlich die Gefahr, die in solchen Momenten lag, das Risiko, dass etwas Schwefliges, Galliges drohte, durch die Ritzen des Nachmittags zu sickern. Es war Joseph, der die Kluft wieder schloss und wusste, wann man etwas sagen musste, bevor das Schweigen seine ganze Bedeutung entfaltete und sichtbar wurde.
Das war köstlich, oder? Er sagte das im Hinblick auf sein Essen, doch mit solch schlichter Finalität, dass der ganze Raum sich zu entspannen schien. Joseph war klug und trotzdem unkompliziert, so sah man ihn in der Familie. Alle anderen konnten ihn nur anschauen, als blickten sie in die Sonne und müssten die Augen schließen, um seinen Segen zu empfangen. Die Tatsache, dass er es immer noch schaffte, diese Rolle zu spielen, selbst heute, schien noch mehr zu belegen, wie sehr sie der Wahrheit entsprach und wie groß seine Stärke inmitten der anderen war.
Neben Joseph stand glänzend ein leerer Teller, so blank und makellos, als hätten ihn Essen oder Spülmittel niemals berührt, als wäre er erst heute getöpfert worden, ein Kunstwerk anstelle eines Gebrauchsgegenstandes, dessen jungfräuliches Weiß von allen Tellern im Raum am meisten leuchtete. Der Teller stellte einen guten Ersatz für Frances dar, fand Ivy, diese Person, der sie nie begegnet war und die sich langsam in ihrem Denken als eine klare, wissende Leichtigkeit abzeichnete. Ihre Abwesenheit war bislang kaum erwähnt worden, vielleicht, weil Marina spürte, dass Joseph es nicht zulassen würde, dass jemand über die näheren Umstände spekulierte.
Bestimmt hat sie den Zug verpasst …
Das hatte er einmal gesagt, und dann, ein paar Minuten später: Am Sonntag ist die Bahn ja grottenschlecht. Und noch dazu an einem Feiertag!
Sie habe darauf bestanden, vom Bahnhof aus zu Fuß zu gehen, hatte ihnen Joseph erst gestern gesagt, und diese Formulierung – sie besteht darauf, zu Fuß zu gehen – hatte Ivy mit einer rätselhaften Freude erfüllt, dem Gefühl, dass das Leben gewaltiger und weiter war, als sie es sich vorgestellt hatte, erfüllt von einer größeren Verheißung als die, auf die sie bislang zu hoffen gewagt hatte. In ebendiesem Moment besaß Frances Beine, auf denen sie zu Fuß gehen konnte, ihr Haar wehte, während sie das Feld durchquerte, und sie bestand darauf. Genau das hatte Ivy unbedingt wissen wollen.
Doch es hatte nicht an der Tür geklopft, und neben Joseph saß keine wohlriechende junge Frau, die an dem zähen Fleisch herumschnippelte. Alles, was am Tisch geäußert wurde, schien sich um diese Absenz herumzubewegen und ihren Ecken und Kanten aus dem Weg zu gehen.
Bear, du hast doch dein Buch fertig, oder?
Das kam von Genevieve, selbst Autorin mehrerer Romane, eine Schriftstellerin, die in Ivys Vorstellung genau so schrieb, wie eine Seidenraupe ihren Faden spann: Es war Ausdruck ihrer Natur. Ivy wusste, dass ihre Tante kein Verständnis dafür hatte, wie sehr sich Bear mit dem Schreiben quälte, dass es stapelweise unvollendete Bücher, fallen gelassene Ideen und – was noch schlimmer war – mehrere Werke gab, die vollendet, aber in der Schublade liegen geblieben waren. Auch Genevieves Werk war nicht ohne Tücken hergestellt, doch es war immer von Beginn an konzipiert und wurde zu Ende gebracht. Ivy spürte, wie Mitgefühl mit Bear in ihr aufstieg, zusammen mit einem Hauch Irritation, was Genevieve anging. Was genau hatte sie da eigentlich gefragt?
Doch wieder einmal war es Joseph, der dem Gespräch die entscheidende Wendung gab und sich in seiner Begeisterung nur einen Hauch Überdruss anmerken ließ.
Es ist fantastisch, Bear, wirklich. Bin noch nicht ganz fertig, aber …
