Tage des Traders - Kaas Koop - E-Book

Tage des Traders E-Book

Kaas Koop

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Beschreibung

Kaas Koop wagt nach erfolgreichen Jahren in der volkswirtschaftlichen Abteilung einer Grossbank den Sprung in die pulsierende Finanzmarktwelt. Als Portfoliomanager festverzinslicher Anleihen lernt er schnell die Sonnen- und Schattenseite des aktiven Asset Managements kennen. Bonierguss, Finanzmarkt-Jetset hier, Performancedruck, Entscheidungsstress dort. Alsbald fühlt sich Kaas zunehmend von der Finanzmarktkultur abgestossen. Neue Ziele geraten in den Fokus, alte Ideale verblassen. Gelingt ihm der Ausstieg aus der Finanzmarktbranche oder verfängt er sich in ihrem Teufelskreis? Das Buch bedient sich der literarischen Gattung des Briefes in Email-Form. Es ist in Form eines Briefromans, der erstmals im Zeitalter der Aufklärung angeregt durch Arbeiten von Goethe, Rousseau und Richardson weite Verbreitung fand, geschrieben. Kaas Emails an seinen alten Jungendfreund Wouter lassen den Leser unmittelbar Anteil nehmen an Kaas Sorgen, Zweifel, Hoffnungen, Freuden und Erfolgen, lassen den Leser unmittelbar Eintauchen in die vermeintlich elektrisierende Welt der Finanzmärkte.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kaas Koop

Tage des Traders

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sprung ins kalte Wasser

Erster Trade – emotionale Achterbahnfahrt

Auf Erfolgsspur

Jahresbeginn – Offsite, View-Sitzung, Jahresendgespräche

GAU im TV

CFA-Prüfung

Im Bann der Technik

Auf und Ab, CFA und Triathlon

In der Konkursfalle

Portfoliorückblick und Konjunkturausblick

Geopolitische Börsen haben kurze Beine

Elend und Freude eines Bankangestellten in der heutigen Zeit

Danaergeschenk

Kollision mit Anlagerichtlinie

Überraschung in der Morgensitzung

Man(n) bringt sich ein

Auf der Sonnen- und Schattenseite der Performance

Tücken der richtigen Positionierung zur richtigen Zeit

Projekt Hausmann

Von Umstrukturierungswelle erfasst

Here we go again

Ein Neuer Trade ist wie ein neues Leben

Gewinne eingefahren, Gewinne gesät

Klartext vom EZB-Präsidenten und Krippenfeind

Hoffen auf thailändische Junta

Süsse Trader-Leben und seine Folgen

Asienfokus bringt Schwung ins Portfolio

Neues Leben nach Offsite-Schock

Stressige Zeiten

Auf der Kippe

Vom Glück und Unglück

Verrottete Sitten

Sorgen um China

Verzockt

Piano Man

Wette auf Verschwörungstheorie

Sprung aus dem Fenster

Ausstieg misslingt

Ausstieg vor Augen

Papa is coming home

Epilog

Impressum neobooks

Sprung ins kalte Wasser

17. Dezember: Hab den Job! Kann es noch nicht fassen. Gerade kam der Anruf aus der Personalabteilung. Sie wollen mich, ja mich und schicken heute noch den Vertrag heraus. Du hast mal wieder recht gehabt. Einfach Wahnsinn! Bin überglücklich! Habe sofort Susi angerufen und sie spontan heute Abend zum Essen eingeladen. Fange am 1. März an. Vorbereitung auf das Interview hat sich endlich einmal gelohnt. Hatte schon irgendwie ein gutes Gefühl, aber dann überwog die Skepsis. Fragte mich, all Deinem guten Zuredens zum Trotz, ob sie das Risiko wagen würden, mich als Quereinsteiger zu nehmen? Als Volkswirt war meine bisherige Spielwiese die konjunkturelle Analyse und das Verfassen volkswirtschaftlicher Kurzstudien. Aktives Portfoliomanagement ist jedoch Neuland für mich. Muss mich für einmal überzeugend verkauft haben, da meine Bedenken nicht die ihren wurden. Endlich! Weiter so!

18. Dezember: Mensch, was für ein Katzenjammer. Jetzt gelingt mir endlich, nach vielen Anläufen der heiss ersehnte Schritt aus der grauen volkswirtschaftlichen Analysewelt in den operativen Glanz des Portfoliomanagements. Und was macht Susie?!? Freut Sie sich mit mir? Nein, mitnichten! Bös ist Sie mit mir. Gebe zu, dass es nicht ganz optimal ist, wenn mein neuer Arbeitsort gut 800km nördlich von unserem aktuellen Wohndomizil entfernt liegt. Aber seien wir ehrlich: Das Leben ist keine Wunschkonzert? Man kann doch nicht alles haben – meinst Du doch auch, oder?!? Warum verschliesst sie nur ihre Augen, vor den Chancen, die sich mir durch den Jobwechsel auftuen. Seitwärtsschritt vom volkswirtschaftlichen Research in das Portfoliomanagement bringt doch einen enorme Erweiterung meines fachlichen Erfahrungsschatz mit sich. Meine zukünftige Arbeitsmarkttauglichkeit, meine Einsatzradius wird deutlich grösser. Im Hinblick auf die langfristige Einkommenssicherung kann dies in der heutigen kompetitiven Arbeitswelt essentiell sein. Kurzum: Ein Karriereschritt, der begangen werden muss. Und überhaupt, Sie kann ja mitkommen. Nach der erfolgreich absolvierten Probezeit, zieht sie mir einfach nach. Sie findet schon einen neuen Job, oder besser: Wir bekommen Kinder, so habt Ihr das doch auch gemacht. Flexibel muss man sein! Und steht nicht auch im „Handbuch für die gute Ehefrau“, wie mein Chef jüngst in einem anderen Zusammenhang erwähnte: „Denken Sie daran: Er ist der Hausherr und als dieser wird er seinen Willen stets mit Fairness und Aufrichtigkeit durchsetzen. Sie haben kein Recht, ihn in Frage zu stellen.“. Richtig so! Vielleicht kennt sie dieses Standardwerk der Pflichten einer Hausfrau noch nicht. Na, da habe ich ja etwas für Weihnachten gefunden. Endlich!

9. Februar: Mit Susi in den Ferien. Erholung dringend notwendig. Auch musste Susi irgendwie für eine temporäre Pendelbeziehung begeistert werden. Letztendlich ist der Tausch des geliebten Biergartenpanoramas gegen nordische Nüchternheit und Grachtenwelt durch zähestes Ringen und bereitgestellte Urlaubsfreuden erreicht.

28. Februar: Morgen geht’s los! Stehe vor neuem Karriereschritt als Portfoliomanager. Tasche vor Aufregung dreimal gepackt. Emotional aufgewühlt, auch durch Abschied von Susi. Sehe Sie erst in zwei Wochen wieder. Was ziehe ich nur an? Dunkler Anzug – blau oder anthrazit, mit Streifen oder ohne – , weisses Hemd – mit oder ohne Manschetten – und eine Krawatte – mit Streifen, Punkten oder doch lieber nicht? Würde ein konservativer Auftritt meine künftigen Kollegen nicht eher verschrecken, als Türen zu öffnen? Der erste Eindruck aus den Bewerbungsrunden war ja, das Portfoliomanager in Stilfragen ein eher relativ lockeres Völkchen sind. Zwar meint der oft in seiner Weissheit überschätzte Volksmund, dass es auf die inneren Werte ankommt, klar ist jedoch auch: Der erste Blick ist oft schon entscheidend. Susi fehlt mir. Ruf sie an.

1. März: Geschafft, Wouter! Erster Arbeitstag verging wie im Rausch. Bin begeistert. Ganze Aufregung war umsonst. Du willst sicher wissen, wie die Leute hier sind? Warmer Empfang, nette Kollegen, freundlicher Chef. Alle ganz locker und leger, jedoch trotzdem elegant gekleidet. Hohe Manschettenknopf- und Luxusuhrendichte – wer will es verdenken bei den hohen Bonizahlungen, pecunia non olet [!] – aber keine Krawatte – Mann will Brusthaar zeigen. Toller Arbeitsplatz direkt am Fenster mit schönem Blick ins Grüne und – da wird Susi staunen – mit sechs Bildschirmen. Wahnsinn, da den Überblick zu behalten. Mir soll es gelingen! Mit stoischer Ruhe und souverän das Einstellungsprozedere der Personal- und IT-Abteilung über mich ergehen lassen. Straffes Einführungsprogramm erhalten. Bin ganz erschlagen von den vielen, gleichwohl interessanten Eindrücken. Mit den neuen Kollegen noch „auf ein Bierchen“ gegangen. Es wurden zehn – oh weh, mein Kopf.

5. April: Gut in mein Portfolio sowie die diversen Analysevehikel und Handelssysteme eingearbeitet. Weiss jetzt, wie man es macht – glaub es mir, alles keine Hexenwerk. Übergabe von meinem Vorgänger verlief indes holprig. Er war in Gedanken schon weg. Musste mir vieles durch hartnäckiges Nachfragen bei Kollegen selbst erarbeiten. Fragen wurde zunehmend als lästig empfunden und immer knapper beantwortet. Egal, das muss einfach sein. Portfolio jetzt neutral zur Benchmark ausgerichtet. Nur kein Risiko eingehen. Kann ruhig schlafen.

9. April: Viel Fundamentalresearch gelesen. Auszüge gemacht. Einschätzungen über die aktuelle Konjunkturlage gewonnen. Viel Strategieresearch gelesen. Auszüge gemacht. Ideen zur strategischen Positionierung bekommen. Ganz erschlagen von Researchkakophonie. Faust’sches Dilemma erschien mir als Déjà-vu: Der Gelehrte Faust hat es nicht leicht gehabt. Er studierte Philosophie, Jurisprudenz, Medizin und zu seinem Leidwesen auch Theologie, nur um am Ende zu dem Schluss zu gelangen, er stehe dort, der armer Tors und sei so klug als wie zuvor.

16. April: Mit Susi in Ferien, dringend erholungsbedürftig.

Erster Trade – emotionale Achterbahnfahrt

2. Mai: Ende der zweimonatigen Probezeit feudal in grosser Runde gefeiert. Mit Susi in gemeinsame Wohnung gezogen. Endlich wieder vereint! Du kennst mich von alters her und meine Abneigung gegen Einsamkeit. Somit weisst Du nur zu gut, wie glücklich ich jetzt bin. Susi jedoch wegen Wegzug aus heimeliger Umgebung und vom liebgewonnenen Freundeskreis weiterhin knatschig.

12. Mai: Chef war da. Seine anfängliche Freundlichkeit war wie weggeblasen. Soll endlich eine Position beziehen. Werde als aktiver Manager bezahlt und nicht für die Nachbildung der Benchmark in meinem Portfolio, als Überschussrendite- bzw. Alpha-Generator, nicht als Benchmark-Replikator. Werde somit zum aktionistischen Handeln aufgefordert, obwohl ich mich noch im rational abwägenden Schwebezustand befinde. Auch komme ich mir manchmal vor wie Don Quijotes Rosinante, die selbst schärfste Sporen und auch alles gute Zureden nicht davon abhalten, vor dem kleinsten Wall erst einmal ins Nachdenken zu verfallen darüber, welche Unendlichkeit an neuen Hindernissen wohl noch auf sie warten mögen. Muss jetzt ganz stark sein und jegliche Scheu ablegen. Position beziehen ist die Devise – doch welche nur?

13. Mai: Vielen Dank mein Lieber für Dein aufmunternden Worte. Derweil auf interessante Trade-Idee gestossen. Bin begeistert. Zinssenkungserwartungen des Marktes sind völlig übertrieben. Gemäss meiner Konjunkturanalyse und genauster Exegese der Zentralbankkommunikation wird es keine weitere Zinssenkung geben. Darauf lässt sich vortrefflich wetten.

26. Mai: Trade-Idee präsentabel hergerichtet und an der letzten Anlagesitzung vorgestellt. Kollegen skeptisch, Chef kritisch. Mein Konjunkturbild sei eine Karikatur desjenigen unserer volkswirtschaftlichen Abteilung, und somit implizit der Realität. Habe zudem vergessen Trade auf Direktionalität zu prüfen und Umsetzungsalternativen aufzuzeigen. Überarbeitung und Wiedervorlage im Rahmen der nächsten Trade-Sitzung eingefordert. Trage Bürde ritterlich.

Mai bis Juni: Konnte Direktionalität exakt nachweisen und konjunkturelle Argumentationslinie stärker herausarbeiten. Profitiere dabei vom radikalen Schwenk unserer Volkswirte, die ihre Sichtweise diametral umgeworfen haben. Du glaubst es nicht, wie flattrig sie im Ausblick sind. Erinnern mich stark an ein Fähnchen im Wind. Sind somit jetzt im Einklang mit meiner Konjunkturprognose. Diverse Umsetzungsmöglichkeiten für das Eingehen einer Short-Position am kurzen Ende beleuchtet und in die Präsentation einfliessen lassen.

7. Juni: Trade erneut bei Anlagesitzung vorgestellt. Konnte nach intensiver Diskussion Kollegen und Chef überzeugen. Werde Trade auf derivativen Weg umsetzen und zwar – verzeih mir den technischen Ausdruck – über eine Pay Position im OIS-Kontrakte für den August-Sitzungstermin der Zentralbank, also 5. August bis 6. September. Bin durch die Diskussion und Überzeugungsarbeit völlig ausgelaugt, jedoch glücklich mich durchgesetzt zu haben.

8. Juni: Warum ich Dir nicht schreibe? Kollegentypologie erarbeitet. Erhoffe mir daraus ein tieferes Verständnis für die unterschiedlichen Lösungskonzepte des Problems: wie generiere ich eine Überrendite, wie generiere ich Alpha. Konnte insgesamt 5 Typen klar herauskristallisieren. Fundamentalist stützt gesamte Handelsaktivität, auf die Entwicklung von Fundamental- bzw. Konjunkturdaten ab – reiner Top-Down-Ansatz. „Alter Hase“ kennt sich aus in der Welt und an den Märkten, hat bereits alles gesehen und erlebt. Handel erfolgt intuitiv, am Gespür für den Markt ausgerichtet. „Roboter“ handelt rein quantitativ basiert und steuert sein Portfolio stur nach Signalen, die ihm ein modellgestütztes Handelstool sendet. „Contrarian“ pflegt das Partisanentum einer Minderheitenposition („only dead fish swim with the tide“) und wettet strikt gegen den Trend. „Zocker“ ist ein Spiegelbild davon, dass entwicklungspsychologischer Umstände, die dazu führen, dass Jugendliche erst dann richtig Spass haben, wenn sie Risiken eingehen, bei manchem bis ins Erwachsenenalter anhalten. Fröhliche no-risk-no-fun-Mentalität bestimmt seine Portfolioausrichtung und sein Anlageverhalten.

14. Juni: Oh weh, Wouter, Arbeitsmarktbericht fällt überraschend schwach aus. Deutlicher Beschäftigungsabbau, kräftiger Anstieg der Arbeitslosenrate. Zu allem Übel revidieren zahlreiche Konjunkturauguren ihre Zinserwartungen und rechnen neu noch deutlicher mit Zinssenkungen. Muss massive Verluste auf meiner Short-Position hinnehmen. Trade durchbricht rasant mein Stopp Loss-Niveau. Kann Chef unter Aufbietung all meiner Überredungs- und Überzeugungskünste – Zahlen sind ein statistisch nicht signifikanter Ausreisser aufgrund ungebührender Berücksichtigung saisonaler Einflüsse – überzeugen, Position trotzdem laufen zu lassen.

15. Juni: Markt bleibt in Rally-Laune. Meine Short-Position rutscht weiter in den Verlustbereich. Liege bereits 20 BP unter der Stop Loss-Marke. Konnten den ganzen Tag den Blick nicht vom Trade lassen – die Faszination des Schrecklichen ist ja oft grösser als die Anziehungskraft gebirgsbachklarer Schönheit. Chef ist zum Glück auf Geschäftsreise.

18. Juni: Ablenkung gesucht. Mit Susi vor dem Fernseher gesessen und Loriot-Sketche angesehen. Bin nervliches Elend. „Auf die Frage von Herrn Hallmackenreuther, ob eine Schlaf-Sitz-Garnitur mit versenkbaren Rückenpolstern, eine Couch-Dreh-Kombination oder das klassische Horizontal-Ensemble bevorzugt würde, antwortete Loriot dem ambitionierten Bettenverkäufer: „Wir schlafen im Liegen.“ Die Glücklichen. Kann seit Tagen nicht mehr schlafen.

Ende Juni: Bin untröstlich. Der von Dir vorgeschlagene Kurzurlaub brachte auch keine Zerstreuung. Täglich dreimal einen Markt-Update abgerufen. Täglich den Trade im Sinn gehabt. Täglich Gegenparteien mein Leid geplagt und über Auswege aus dem Dilemma diskutiert. Von Entspannung konnte keine Rede sein. Selbst Susis tröstende Worte konnten nicht beruhigen.

3. Juli: Auf Susis Initiative zum Stressabbau beim Fitness-Studio angemeldet. Gleich im Spinning gewesen. Bin begeistert. Adrenalin-Kick versetzte mich in einen Glücksrausch, der den Mittags-Blues und die Alltagssorgen – zumindest kurzzeitig – vergessen liess. Noch immer höre ich den Trainer die fetzige Musik übertönend schreien: „Jetzt rein in die Steigung, Druck, Druck, Druck..“ und, als ich – dem Kollaps nah – das Ende der Stunde herbeisehnte, aufmuntern zurufen: „..never give up…never surrender…it’s now or never…“ Mann, Wouter, war das schön! Interessante Diskussion mit Kollegen gehabt. Mit Erstaunen wahrgenommen, dass Rückgriff auf Extremsportarten zur Stressbewältigung weit verbreitet ist. Kollegen entpuppen sich überraschend als Adrenalin-Junkies, die Stress im Berufsalltag mit Stress im Sport bekämpfen. Ob Big-Wave- oder Kite-Surfing, Bouldern oder Eisklettern, (Kick-)Boxen, Paragliding, Paintball, Marathon, Triathlon oder gar Iron-Man – wahrhaftig die Kerle beschreiten prächtige Wege zum Stressabbau. Wie machst Du das eigentlich?

26. Juli: Lieber Wouter, glückliche Änderung der Situation: Unerwartet feste Konjunktur-, v.a. Inflationszahlen haben meine Trade-Position ins Plus drehen lassen. Chef lobt mein Stehvermögen und Durchhaltewillen. Spricht mir Mut zu, meinen Einsatz zu Verdoppeln und das Exposure auszubauen. Erzählt ausführlich aus seiner Zeit als Junior-Trader an der Wall Street. Er konnte damals mit einer „If-in-trouble-double“-Strategie eine grosse Überschussrendite erwirtschaften.

27. Juli: Hab’s getan. Scheu abgelegt. Verdoppelt – nothing ventured, nothing gained, gell Wouter?. Gehöre nicht zu denjenigen, die nach kurzen Handauflegen sich ein Urteil erlauben. In diesem Fall ist jetzt jedoch klar: Zentralbank behält Leitzins bei der nächsten Sitzung Anfang August unverändert. Zudem werden Märkte auf kommenden Zinsanhebungen vorbereitet. Zinserwartungen dürften daraufhin massiv korrigieren, mein Trade massiv gewinnen, meine Wertschätzung beim Chef und unter meinen Kollegen massiv ansteigen. Freu mich!

5. August: Katastrophe: Zentralbank senkt – völlig überraschend – Leitzins um 25 BP. Muss kräftigen Verlust realisieren. Chef gesehen. Er mich nicht. Schlimmes Zeichen. Was man für ein Kind ist, was man nach so einem Blick geizt. Zur Ablenkung „Asterix“- Heft in die Hand genommen. Ein frisch von den Galliern verprügelter römischer Legionär sagt: „Vae victis“ – wehe den Besiegten. Sein genauso niedergeschlagener Kamerad fragt: „Was sagt er?“. Der Begleittext spottet dazu: „Die Römer sind mir ihrem Latein am Ende. Ich auch.

6. August: Komme mit Hilfe von Susi und Deinen tröstenden Worten langsam wieder zu mir: Wenn ich konservativ anlege, rigide Take-Profit- und Stopp-Loss-Marken beachte und nachziehe sowie konsequent Opportunitäten ausnutze, könnte ich in der Jahresschlussrechnung noch ein kleines Plus realisieren.

Auf Erfolgsspur

17 September: Wo waren wir noch bei Deiner letzten Email stehen geblieben? Genau, wollte Dir von meinem Seminarbesuch in London berichten. Gut mal rauszukommen, nach all dem Stress in jüngster Zeit. Interessanten Vortragskanon zu makroökonomischen und geopolitischen Themen sowie zu aktuellen Fragen der strategischen Asset Allokation gehört. Habe viele neue Erkenntnisse und Kontakte gewonnen. Konnte mit meinen Einwürfen – „das hat schon Keynes gesagt“, „das Fazit ändert sich, wenn sie die Unsicherheit berücksichtigen“, „Hatten sie Schwierigkeiten bei der Inversion der singulären Matrix?“ – Zeichen setzen. Zeichen setzen konnten auch die Freizeitaktivitäten im Seminarprogramm. Auf der Buckmore Park Kartbahn wurde Driftwinkel jenseits der Physik gezogen. Und schnell war klar: Beschleunigung ist, wenn die Tränen der Ergriffenheit waagerecht zum Ohr hin abfliessen. Und es floss in Strömen.

4. November: Lieber Wouter, kann Dir sagen, Rückkehr in den Büroalltag fiel anfänglich nicht leicht. Einige glückliche Trades brachten jedoch neue Sicherheit und liessen mein „Looser“-Stigma verblassen – auch beim Chef. An den Märkten und auch unter meinen Kollegen kursiert aktuell alles um die Frage, ob das unsere Hormone in Wallung versetzende Konjunkturhoch über den USA und somit an den Märkten nur vorübergehend Natur ist. Wegweisende Erkenntnisse verspricht man sich von der für morgen anstehenden Veröffentlichung des Oktober-Arbeitsmarktberichtes. Die Veröffentlichung wurde gehyped wie der Millennium-Bug oder das Ende der Welt laut Maya-Kalender, manch einer wird heute doppelt gefrühstückt haben – wer weiss, ob es morgen noch Nussnougatcreme gibt. Aber seien wir ehrlich, dass es mit der US-Konjunktur und somit den Märkten einmal wieder runter gehen wird, ist bei aller Unsicherheit von Prognosen eine bedauerliche Gewissheit. An den Märkten geht es nicht anders zu als im richtigen Leben, auf und ab eben, was aktuell indes nur diejenigen vertrösten mag, die ihre Verkäufe schon hinter sich haben. Hoffe indes auf weitere Fortsetzung der Hausse. Habe mich dementsprechend positioniert – im Fahrwasser meiner Kollegen.

5. November: Bin begeistert, ganz euphorisch! Kannte die Faust auf ausgestrecktem Arm der Black Panther-Bewegung, die Faust auf angewinkeltem Arm der SED-Parteibosse, kannte Goethes „Faust“ und kannte „Vier Fäuste für ein Halleluja“, doch was war das alles gegen die Fäuste meiner Kollegen, die nach den überraschend festen US-Arbeitsmarktzahlen im wilden Tremolo vor Freude über die aufgegangenen Wetten auf die Tische knallten. Im ganzen Handelsraum flogen die Hände zusammen wie verliebte Tauben – erst unkoordiniert, dann rhythmisch immer lauter werdend. Und schon umfassten wir wie im Rausch die Schultern des Kollegen und die Polonaise schob sich durch die Gänge des Handelsraums. Wahnsinn, Wahnsinn, einfach Wahnsinn! Wouter, es war der pure Wahnsinn – unglaublich!

2. Januar: Vielen Dank für die guten Neujahreswünsche, die ich hiermit umgehend erwidere. Altes Geschäftsjahr dank glücklichem Händchen zum Jahresschluss letztendlich doch noch knapp positiv abgeschlossen. Bonus egoistisch genutzt. Top-end Rennrad gekauft. Susi böse, da für Sie statt Klunker nur ein kleines Festessen blieb.

Ende Januar: Kurzer Ski-Urlaub konnte alles wieder komplett einrenken. Ressourcen gefüllt. Viel Research gelesen. Bin jetzt im Bilde und gut gerüstet, das neue Geschäftsjahr aggressiv anzugehen. Wie verlief Dein Jahresstart?

Jahresbeginn – Offsite, View-Sitzung, Jahresendgespräche