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Die Studentin Vivienne Charles hat ein dunkles Geheimnis, eine verbotene Sehnsucht, die sie seit ihrer Jugend begleitet. Sie macht ihr Angst, erregt sie aber auch mehr als alles andere. Als der mysteriöse, aber faszinierende Einzelgänger Jonah Marks zufällig davon erfährt, macht er ihr ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann: Sie werden Fremde sein, die nichts übereinander wissen, sich aber im Geheimen treffen, um ihre Fantasien endlich wahr werden zu lassen. Ihr Abkommen ist abgedreht, krank. Der Sex ist unglaublich, nicht von dieser Welt. Und obwohl sie sich geschworen haben, sich im wirklichen Leben voneinander fernzuhalten, keimen zwischen ihnen langsam Gefühle auf, gegen die sie sich nicht wehren können ...
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2016
LILAH PACE
Tainted Hearts
Roman
Ins Deutsche übertragen von Anika Klüver
Vivienne Charles hat ein dunkles Geheimnis. Eine verbotene Sehnsucht, die sie seit ihrer Jugend begleitet: von einem Mann überwältigt zu werden – gegen ihren Willen, vollständig und ohne Gnade. Die Vorstellung macht ihr Angst, sie schämt sich dafür. Gleichzeitig erregt sie sie aber auch mehr als alles andere. Als der mysteriöse Einzelgänger Jonah Marks davon erfährt, macht er ihr ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann: Sie werden Fremde sein, die nichts übereinander wissen. Und sie werden sich im Geheimen treffen und ihre Fantasien endlich wahr werden lassen. Ihr Abkommen ist ungewöhnlich, verboten. Der Sex ist unglaublich, nicht von dieser Welt. Und obwohl sie geschworen haben, sich im wahren Leben voneinander fernzuhalten, können sie sich nicht gegen die Gefühle wehren, die langsam zwischen ihnen aufkeimen …
Leserwarnung:
Tainted Hearts beschäftigt sich explizit mit Fantasien über nicht einvernehmlichen Sex. Leser, die auf die Darstellung von nicht einvernehmlichem Sex empfindlich reagieren, werden hiermit darauf hingewiesen. Am Ende des Buches befindet sich eine etwas detailliertere Warnung, die allerdings Teile der Handlung vorwegnehmen könnte.
Meine Fantasien beginnen stets … normal. Was auch immer normal bedeutet. In dem Film oder der Fernsehserie, die ich mir ansehe, kommt eine sexy Szene vor: ein Mann und eine Frau in inniger Umarmung, ihre Lippen Silhouetten, die sich fast berühren. Eine raue und sehnsüchtige Ballade von Dinah Washington wird durch die Zufallsfunktion der Stereoanlage abgespielt. Hugh Jackman ist mit nacktem Oberkörper auf der Titelseite einer Zeitschrift im Supermarkt abgebildet. Ich schätze, es sind die üblichen Dinge, die mich erregen.
Und wenn ich dann im Bett meines Freundes bin (wenn ich denn einen Freund habe) oder allein unter der Decke liege oder unter der Dusche stehe (wenn ich keinen Freund habe), schließe ich die Augen. Ich versuche, alles zu vergessen, bis auf das Pochen zwischen meinen Beinen, den Druck und den Rhythmus, der meinen Puls zum Rasen bringt. Die Bilder in meinem Kopf überschlagen sich in einem wilden Durcheinander ohne Handlung, Gefühl oder Sinn – es ist wie ein pornografisches Kaleidoskop aus Zungen und Lippen, Körpern in Ekstase sowie der Hitze von aneinanderreibender Haut. Normalerweise fange ich dann an zu stöhnen. Ich gehöre nicht zu den leisen Frauen. So weit, so gut.
Aber egal wie eindeutig und erotisch das Kaleidoskop wird, egal wie talentiert der Kerl mit seiner Zunge ist, ich kann einfach nicht kommen. Es ist schon peinlich, wie gut ich darin bin, einen Orgasmus vorzutäuschen.
Wenn ich allein bin – oder wenn ich mit einem Liebhaber zusammen bin und so dringend kommen will, dass ich es nicht mehr aushalte –, muss ich mich an diesen ganz bestimmten Ort in meinem Kopf begeben.
In meinem Geist winden sich dann Seile um meine Hand- und Fußgelenke. Oder ich werde auf den Bauch gerollt und meine Hände werden hinter meinem Rücken festgehalten. Manchmal sind meine Augen verbunden. Manchmal zwingt er mich, ihn anzusehen. Wenn ich einem Kerl einen blase, bitte ich ihn, mich an meinen Haaren zu ziehen, und die ganze Zeit über tue ich dann so, als würde er mich dazu zwingen. Mich dazu nötigen. In Wahrheit sagt er Dinge wie »Baby« oder »Du bist wunderschön«. Aber ich stelle mir vor, er sagt: »Hure. Blas mir einen, du Fotze.«
Ich kann nur dann kommen, wenn ich mir vorstelle, vergewaltigt zu werden.
Manchmal ist es »sanfter« – ein Kerl, der mich auf einer Party gegen eine Wand drückt oder die Situation ausnutzt, wenn ich total betrunken bin. Bei anderen Gelegenheiten ist es brutal. Dann liege ich mit ausgestreckten Gliedern gefesselt da. Oder ich kauere auf Händen und Knien in einer Gosse.
Wenigstens habe ich keine Fantasien, in denen mir jemand eine Waffe an die Kehle oder den Kopf hält. Zumindest noch nicht.
Ich hasse das an mir. Ich hasse es. Ich habe so oft versucht, mich zu ändern. Es ist mir nie gelungen. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich keine Ahnung habe, warum ich so ticke. Aber das stimmt nicht.
Vielleicht spielt es keine Rolle. Viele Leute haben sexuelle Fantasien, die sie nie ausleben, ob sie nun gewalttätig und pervers oder albern und einfach biologisch unmöglich sind. Wenn sich das alles nur in meinem Kopf abspielt und dafür sorgt, dass ich komme, dann ist das doch nicht schlimm, oder?
(Und es sorgt dafür, dass ich richtig heftig komme.)
Schlimm wird es erst, wenn die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen.
So wie es vergangene Nacht der Fall war.
Der Highway 71 erstreckte sich vor mir, und die Räder meines Wagens jagten über den schwarzen Asphalt. Sieben Stunden nach meinem Aufbruch zurück nach Austin fragte ich mich, warum ich nicht einfach in den Südwesten geflogen war.
Manchmal unternehme ich gern eine lange Autofahrt ganz allein. Ich höre dann meine Lieblingsmusik und genieße die wundervolle Gewissheit, für eine Weile definitiv nicht an meiner Abschlussarbeit sitzen zu können, egal was passiert. Der Großteil der Rückfahrt von New Orleans hatte mir gefallen. Doch nun war die Sonne untergegangen, und ich hatte immer noch eine Stunde vor mir und fühlte mich rastlos.
Es wäre gut gewesen, wenn du dein Ladegerät fürs Auto nicht zu Hause vergessen hättest, wo es dir absolut nichts bringt …
Bei dem Gedanken an das Handy in meiner Handtasche stöhnte ich auf. Der Akku war bereits seit über einer Stunde leer. Anstatt auf dem letzten Abschnitt meiner Reise meine energiegeladene Lieblingsplaylist hören zu können, war ich nun dem Radio ausgeliefert. Und jeder Sender schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mich einzuschläfern.
Aber es war ja auch schon spät. Nach zweiundzwanzig Uhr. Die meisten Leute kamen jetzt runter und entspannten sich, während sie ruhigerer Musik lauschten und sich vielleicht an jemanden ankuschelten, den sie liebten.
Ein leidenschaftliches lateinamerikanisches Lied setzte ein. Weiche Gitarrenklänge voller Sinnlichkeit erinnerten mich daran, wie lange ich schon allein war.
Meine letzte Trennung war vor vier Monaten gewesen. Manchmal vermisste ich Geordie, auch wenn ich wusste, dass die Trennung die richtige Entscheidung gewesen war. Mit dreißig ist er immer noch im Partymodus, während ich mich mit fünfundzwanzig bereits erwachsener fühle, als er es vermutlich je sein wird. Wir waren ohnehin immer mehr Freunde als ein leidenschaftliches Liebespaar. Unser Sexleben – tja, da kann ich Geordie keinen Vorwurf machen. Wahrscheinlich wären die meisten Frauen mehr als glücklich mit dem gewesen, was er zu bieten hatte. Ich war diejenige, die sich nach etwas gesehnt hatte, das Geordie nicht erfüllen konnte.
Wenigstens hast du ihm gesagt, was du wirklich wolltest. Endlich hast du jemand anders genug vertraut, um es ihm zu sagen, und das allein ist auch schon etwas, oder? Er konnte sich nur nicht mit dir darauf einlassen.
Aber ich hatte mich so geschämt. Mich so bloßgestellt gefühlt. Ich hatte Geordie meine ureigensten Fantasien anvertraut und gehofft, dass er mitspielen würde. Stattdessen war er ausgeflippt. Oh, er versuchte, sich verständnisvoll zu zeigen. Immer wieder fragte er: »Aber warum glaubst du, dass du so empfindest?« Dafür bezahle ich meine Therapeutin. Von ihm hätte ich etwas sehr viel Schmutzigeres gebraucht. Etwas sehr viel Beängstigenderes. Und der sanfte, lustige Geordie konnte es mir nicht geben.
Vielleicht war ich die Unnachgiebige. Ich hielt mir vor Augen, dass ich einen Kerl nicht dafür verurteilen sollte, dass ihn die Vorstellung, eine Frau zu etwas zu zwingen, nicht anmachte. Also rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis: Geordie wird auch seine Grenzen haben …
Das Steuer in meinen Händen ruckelte. Ich schaffte es gerade so, den Civic davon abzuhalten, ins Schleudern zu geraten. Der Wagen schwankte heftig und drängte mit aller Gewalt zu einer Seite, während ich versuchte, ihn auf den Seitenstreifen zu manövrieren. Das Dröhnen der Reifen auf dem Highway wich dem rauen Knirschen von Schotter unter meinem Auto. Sobald ich von der Straße herunter war, zog ich die Handbremse an, stellte den Motor ab und saß einen Moment lang einfach nur da, während ich eine Hand auf mein wie wild pochendes Herz presste.
Mist. Mir ist ein Reifen geplatzt.
Ich stieg aus dem Auto, um mir den Schaden anzusehen. Meine Sandalen knirschten auf dem Schotter am Straßenrand. Wie ich vermutet hatte, war der Vorderreifen auf der Beifahrerseite komplett hinüber. Fetzen aus schwarzem Gummi hatten sich gelöst, und der Reifen war vollkommen platt.
Ich biss mir auf die Unterlippe und schaute den Highway hinauf und hinunter. Ich war noch ein gutes Stück von Giddings entfernt, das in diesem Teil von Texas noch am ehesten so etwas wie einer Stadt gleichkam. Der nächste Außenposten der Zivilisation befand sich vermutlich mindestens eine halbe Stunde Fußmarsch von hier … im Dunkeln und ohne Straßenlampen, die mir den Weg weisen konnten. Warum hatte ich das dämliche Ladegerät nicht mitgenommen? Ich hätte eine Menge für ein aufgeladenes Handy gegeben, mit dem ich Hilfe rufen könnte. Ich hätte unterwegs an einer Tankstelle ein neues Ladegerät kaufen können. So teuer waren die schließlich auch nicht. Aber das hatte ich nicht getan. Also stand ich jetzt da, allein, im Dunkeln und vollkommen auf mich gestellt.
Natürlich war ich als moderne, unabhängige Frau in der Lage, einen platten Reifen zu wechseln. Ich hatte es geübt, um es im Notfall selbst erledigen zu können. Allerdings hatte ich es zum letzten Mal vor acht Jahren gemacht, als ich noch auf der Highschool gewesen war.
Ich straffte die Schultern. Okay, Vivienne. Du kannst das. Fang einfach an.
Als ich den Wagenheber aus dem Kofferraum holte, beschloss ich, die dünne Strickjacke auszuziehen, die ich über meinem roten Sommerkleid trug. Im August war es in Texas viel zu heiß, um sich mit mehreren Lagen Kleidung am Körper an die Arbeit zu machen, sogar so spät in der Nacht. Außerdem wollte ich mir nach Möglichkeit nicht mein komplettes Outfit mit Schmieröl versauen.
Am Horizont erschienen die Frontscheinwerfer eines Lasters, der in meine Richtung fuhr. Ich war hin- und hergerissen. Soll ich winken, um ihn auf mich aufmerksam zu machen, oder mich hinter dem Auto verstecken, damit der Fahrer nicht sieht, dass ich hier draußen als Frau ganz allein unterwegs bin?
Meine Fantasien waren eine Sache. Die Realität eine ganz andere. Ich brauchte wirklich dringend Hilfe, aber ich ging hinter das Auto.
Nicht dass es eine Rolle gespielt hätte – der große Sattelzug donnerte so schnell an mir vorbei, dass mein kompaktes Auto wackelte. Der Fahrtwind blies mir das Haar ins Gesicht und wirbelte den unteren Teil meines Kleids nach oben. Sobald der Laster ein gutes Stück entfernt war, zog ich meine Strickjacke aus und warf sie auf den Fahrersitz. Dann machte ich mich an die Arbeit.
Okay. Der erste Schritt bestand offensichtlich darin, das Auto hochzubocken. Ich kniete mich neben den platten Reifen, brachte den Wagenheber in Position – und hörte, wie ein weiteres Auto auf mich zugefahren kam.
Es wurde langsamer.
Und hielt an.
Das blendende Licht der Scheinwerfer strahlte mich an. Ich hob eine Hand, konnte aber aufgrund des grellen Lichts nichts erkennen. Angst durchflutete meinen Körper. Ich nahm den Kreuzschlüssel fest in meine Faust, während ich dastand und mit der anderen Hand immer noch versuchte, meine Augen gegen das Licht abzuschirmen. Ich bemühte mich, meine Stimme ruhig zu halten, und rief: »Hallo?«
»Sieht so aus, als wären Sie in Schwierigkeiten?«
Der Fahrer kam auf mich zu, wobei die Scheinwerfer seine große, männliche Gestalt betonten. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, konnte ich endlich sein Gesicht erkennen.
Oh mein Gott.
Das Adrenalin in meinem Blutkreislauf schoss in die Höhe. Die Angst war immer noch da, sogar noch ein wenig mehr, als ich sah, wie breit seine Schultern und die Muskeln an seinen Armen waren. Doch nun mischte sich zu der Angst die gleiche Menge an roher und nackter Erregung. Dieser Mann …
Er war groß, so um die eins neunzig. Seine Jeans saß tief unter seiner unglaublich schmalen Taille, wodurch seine muskulösen Oberschenkel nur noch stärker betont wurden. Sein schwarzes T-Shirt lag eng an seinem Oberkörper. Bartstoppeln bedeckten seinen kantigen Kiefer, und sein dunkles Haar war beinahe militärisch kurz geschnitten, sodass es seine starken Gesichtszüge betonte. Er ließ seine grauen Augen über mich wandern, und mir fiel sofort wieder ein, warum ich mich ursprünglich für das Tragen der Strickjacke entschieden hatte. Mein Sommerkleid war tief ausgeschnitten, und sein Blick machte deutlich, dass es ihm aufgefallen war.
Ich verstärkte meinen Griff auf den Kreuzschlüssel.
»Wo liegt denn das Problem?«
»Nur ein platter Reifen. Ich habe einen Ersatzreifen dabei.« Ich klang atemlos. Ängstlich. Würde ihn das ermutigen, mir zu helfen, oder deutlich machen, wie viel Macht er in diesem Augenblick über mich hatte?
Er zog eine Augenbraue hoch. Er hatte eindeutig erkannt, dass ich nervös war. Es schien ihn zu amüsieren. »Können Sie einen Reifen wechseln?«
»Natürlich.« Das war vermutlich nicht die ganze Wahrheit, aber ich ging davon aus, dass ich es schon schaffen würde, wenn mir nichts anderes übrig blieb.
»Haben Sie Hilfe gerufen? Den Pannendienst?« Seine grauen Augen fanden erneut meine, aber ich hatte Schwierigkeiten, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. »Einen Freund?«
Versucht er herauszufinden, ob ich Single bin, oder will er wissen, ob mich irgendjemand vermissen würde, falls mir etwas passieren sollte?
Niemand würde mich vermissen.
Ich versuchte zu lächeln. Vermutlich nicht besonders erfolgreich. »Ja. Der Mitarbeiter des Pannendiensts sagte, sie würden in etwa fünfzehn Minuten oder so hier sein.« Meine Stimme klang schrill, fast schon abweisend, aber darüber konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich konnte nur eins denken: Warum habe ich das gesagt? Fünfzehn Minuten sind zu lang. Fünfzehn Minuten sind mehr als ausreichend für ihn, um …
Sein Lächeln war ein schnelles Aufblitzen in der Dunkelheit, so scharfkantig wie ein Rasiermesser. »Ich kann diesen platten Reifen in fünf Minuten wechseln. Natürlich nur, falls Sie nicht zu stolz sind, mich um Hilfe zu bitten.«
»Stolz?« Dieser Kerl hatte mitten in der Nacht neben mir angehalten, angefangen, mich auszufragen, und wollte mir jetzt einen Vortrag über meine Einstellung halten? Zum Teufel mit der Angst. Ich wurde wütend. »Hören Sie, wenn Sie glauben, es wäre witzig, dass ich in dieser Situation Bedenken wegen eines Fremden haben könnte, fürchte ich, dass Ihnen ein paar grundlegende, traurige Tatsachen des Lebens nicht bewusst sind.«
Er wich zurück, und seine grauen Augen verengten sich, fast so, als hätte ich ihn geschlagen. Hatte er meine Angst als Beleidigung aufgefasst? Vielleicht war sie eine. Ich hatte gewissermaßen zum Ausdruck gebracht, dass er nicht vertrauenswürdig sei. Doch als er wieder sprach, war seine tiefe Stimme sanfter. Sie sollte beruhigend klingen. »Ich habe nicht nachgedacht. Hier, lassen Sie mich Ihnen helfen, dann können Sie weiterfahren.«
Er streckte eine Hand nach dem Kreuzschlüssel aus. Offensichtlich brauchte er ihn, um meinen platten Reifen zu wechseln. Aber das Werkzeug war auch die einzige potenzielle Waffe, die ich hatte.
Vertraue ich diesem Typen?
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Nun blockierte sein Körper die Scheinwerfer ein wenig mehr, und ich konnte sein Gesicht genauer betrachten. Er hatte eine stark ausgeprägte Stirn. Seine feste gerade Nase wirkte wie ein Schnitt in seinem perfekten symmetrischen Gesicht. Und seine Unterlippe war überraschend voll. Er sah ausgesprochen männlich aus, fast schon auf aggressive Weise. Wie jemand, der sich nahm, was er wollte. Und doch wandte er den Blick nie von meinem ab, als ob er nichts zu verbergen hätte …
Ich wollte seinen Augen vertrauen, aber ich konnte nicht. Dieser Mann war ein vollkommen Fremder. Im Grunde genommen lief es auf Folgendes hinaus: Wenn er ein anständiger Kerl war, konnte ich mich auf ihn verlassen. Wenn er ein übler Kerl war, konnte er mir den Kreuzschlüssel vermutlich abnehmen, wann immer er wollte.
Ich zögerte noch einen weiteren Augenblick, dann reichte ich ihm den Kreuzschlüssel.
Er nahm ihn und ging an mir vorbei, um sich an die Arbeit zu machen.
Während der nächsten paar Minuten, in denen er schweigend sein Werk verrichtete und nur das Klappern von Metall zu hören war, stand ich unbeholfen vor seiner dunklen Limousine. Selbst jetzt fiel es mir noch schwer, mich in Gegenwart dieses Mannes zu entspannen. Was, wenn er nur mit mir spielte? Wenn er versuchte, mich in Sicherheit zu wiegen, damit ich unachtsam wurde?
Ach, komm schon, rief ich mich zur Ordnung. Als ob sich irgendein Vergewaltiger auf der Welt die Mühe machen würde, vorher noch einen Reifen zu wechseln.
Aber diese Ängste waren nicht der Hauptgrund, warum es mir schwerfiel, mich zu entspannen. Was mich wirklich verunsicherte, war die Tatsache, dass ich meinen Retter verdammt sexy fand. Und ich hatte ihn sogar schon sexy gefunden, als ich noch Angst vor ihm gehabt hatte.
Was hätte er denn deiner Ansicht nach mit dir angestellt?
Was hätte er denn deiner Ansicht nach mit dir anstellen sollen?
Während ich ihn beobachtete – seine starken Arme kämpften mit dem Rad, die Scheinwerfer beleuchteten mal seinen muskulösen Rücken, mal sein ernstes Profil –, füllte sich mein Geist mit Bildern, die ich nicht haben wollte. Bilder von ihm, wie er mich vornüber über den Kofferraum meines Autos beugte und mein Sommerkleid hochschob. Bilder von ihm, wie er mich auf den Rücksitz zerrte, meine Hand an seinen Schwanz zog und flüsterte: »Zeit, sich bei mir zu bedanken.« Seine Hände, die mein Haar packten, während er mich auf die Knie zwang …
Schluss damit.
Ich schüttelte den Kopf und strich mir die losen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Meine Wangen fühlten sich heiß an. Mein Puls raste immer noch, trommelte in meiner Brust und pochte zwischen meinen Beinen. Ich war erregt und verwirrt und wütend auf mich selbst. Ich wollte, dass er endlich mit dem Reifenwechsel fertig wurde, damit ich wieder in mein Auto steigen und den Rest meines Heimwegs zurücklegen konnte. Dann könnte ich so tun, als wäre mein größtes Problem in dieser Nacht die schlechte Musik im Radio gewesen.
Dann könnte ich außerdem so tun, als hätte er in mir nicht dieses Verlangen geweckt. Und diese Scham.
»Okay«, sagte er. Der Wagenheber klickte, und dann stand mein Auto wieder auf dem Boden. Als er sich aufrichtete, hatte er Schmiere auf der Wange. »Damit sollten Sie bis nach Hause kommen. Aber es ist nur ein Ersatzreifen. Sie sollten sich umgehend einen neuen Reifen besorgen, anstatt länger als nötig mit diesem hier herumzufahren.«
»Das weiß ich«, erwiderte ich pikiert.
»Tut mir leid.« Sein Lächeln wirkte wissend, fast schon verächtlich. »Ich vergaß, dass ich es mit einer Expertin zu tun habe.«
Okay, dann ist er eben ein eingebildeter Mistkerl, aber er ist der Mistkerl, der dir gerade den Arsch gerettet hat. Ich schluckte meine Verärgerung hinunter. »Hören Sie … Danke. Ernsthaft. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie getan hätte. Ich bin Ihnen was schuldig.«
Sein Lächeln verblasste. »Dann tun Sie mir einen Gefallen. Versuchen Sie beim nächsten Mal nicht, die Powerfrau zu spielen. Werden Sie Mitglied beim Pannendienst, bleiben Sie im Wagen, verriegeln Sie die Türen und tun Sie, was immer sonst noch nötig ist, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten.« Er gab mir den Kreuzschlüssel zurück. »Sie sollten besser aufpassen, wem Sie vertrauen.«
Seine Augen suchten erneut meine, und ich hoffte, dass mein Gesicht im Schatten lag – zumindest so sehr, dass er nicht sehen konnte, wie rot ich angelaufen war. Dann drehte er sich um und ging zu seiner Limousine zurück.
Als seine Tür zuschlug, ging ich mit zitternden Beinen zur Fahrerseite meines Civics. Ich stieg ein und verriegelte die Türen. Sein Auto fuhr zurück auf den Highway, an mir vorbei und weiter die Straße entlang. Ich saß reglos da und sah zu, wie seine Heckscheinwerfer kleiner wurden und schließlich ganz aus meinem Sichtfeld verschwanden, während er davonbrauste.
Ich musste weiterfahren. Aber für ein paar Augenblicke saß ich einfach da, hatte eine Hand auf meine Lippen gepresst und versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu bekommen.
Das ist nicht das, was ich wollte. Ganz und gar nicht.
Wenn ich das doch nur glauben könnte.
Ein Montagmorgen bedeutet für mich immer einen Besuch bei Dr. Ward oder, wie sie unbedingt von mir genannt werden möchte, Doreen.
Ich habe es zuvor schon mit Therapie versucht, aber Doreen ist die erste Psychologin, die mir das Gefühl gibt, dass ich damit tatsächlich etwas erreichen könnte. Alles an ihr und ihrer Praxis wirkt beruhigend. Anstelle eines ernsten neutralen Gesichtsausdrucks und eines makellosen Kostüms trägt sie immer eine sanfte Miene zur Schau und kleidet sich in fließende, farbenfrohe Strickwaren. Statt in einer kalten, klinischen Praxis empfängt sie ihre Patienten in einem Zimmer ihres eigenen hellen, sonnendurchfluteten Hauses, in dem überall Topfpflanzen und diese afrikanischen Skulpturen herumstehen, die sie sammelt. Und das Wichtigste ist: Anstatt einem Vorträge zu halten, hört sie zu.
»Ich wusste nicht, ob es sicher war.« Ich sitze auf dem cremefarbenen Sofa, habe die Beine angezogen und meine nackten Füße unter mich geschoben. Doreen bittet ihre Patienten immer, ihre Schuhe an der Tür auszuziehen. Angeblich dient das dem Schutz ihrer Teppiche, aber ich glaube, in Wahrheit hilft uns das dabei, uns zu öffnen. »Soweit ich das beurteilen kann, hätte ich in Gefahr sein können. Ich wusste nicht, ob er mir vielleicht etwas antun würde. Und trotzdem hatte ich Fantasien von ihm … Fantasien, in denen er mich genötigt hat.«
»Er hat Ihnen nichts getan«, sagt Doreen ruhig. »Er hat Ihnen geholfen und ist dann weitergefahren.«
Und er hatte eine ganz bestimmte Einstellung. Aber das spielt keine Rolle. »Trotzdem waren wir dort draußen im Dunkeln alleine. Die Gefahr war echt, und ich wollte ihn dennoch. Es ist, als … als wollte ich verletzt werden.«
Doreen zieht eine Augenbraue hoch. »Ist Ihnen je in den Sinn gekommen, dass Sie ihn einfach wollten, weil er scharf war?«
Gegen meinen Willen musste ich lachen.
Sie lehnt sich vor. »Ich werde Ihnen verraten, wie ich die Sache sehe. Sie waren in Schwierigkeiten. Sie hatten Angst. Ein sehr attraktiver Mann hat Ihnen geholfen. Während er das tat, hatten Sie Fantasien, in denen er vorkam. Das ist nicht unnormal. Tatsächlich würde ich sagen, dass das die normalste Sache der Welt ist.«
»Aber die Fantasien, die ich habe, sind nicht normal.«
»Vergewaltigungsfantasien gehören zu den häufigsten sexuellen Fantasien, die Frauen haben«, sagt Doreen nicht zum ersten Mal. Wie immer überkommt mich Scham, wenn sie das Wort laut ausspricht. Vergewaltigung. »Manche Männer haben ebenfalls Fantasien davon, zum Sex gezwungen zu werden. Das ist nicht dasselbe wie der Wunsch nach einer tatsächlichen Vergewaltigung. Nicht alle Fantasien sind Dinge, die wir in der Realität wollen.«
»Wer wüsste das besser als ich?«
Das ist mein Versuch, einen Scherz zu machen. Doreen verzieht keine Miene. So leicht lässt sie sich nicht ablenken. »Einer der Gründe, aus denen Sie zu mir gekommen sind, ist, dass Sie aufhören wollen, diese Fantasie zu haben. Ich verstehe Ihre Beweggründe. Aber ich glaube nicht, dass die Fantasie selbst Ihr maßgeblichstes Problem ist. Ich denke, Ihr Hauptproblem ist die Art und Weise, auf die Sie sich deswegen selbst quälen.« Doreen seufzt. »Das und der Grund, aus dem Sie überhaupt auf diese Fantasie fixiert sind.«
Ich kann nicht über meine Gründe reden – nicht schon wieder, nicht jetzt. Mein geheimnisvoller Fremder spukt immer noch viel zu intensiv in meinen Gedanken herum. Sein Schatten fällt auf alles, was ich heute sage und tue. »Ich habe diese Fantasie in Augenblicken, in denen ich tatsächlich in Gefahr sein könnte – mit Männern, die mich tatsächlich … die mich vielleicht …«
»Darüber haben wir doch schon gesprochen. Manchmal sind Sie regelrecht besessen davon, was hätte passieren können, anstatt sich einfach mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Lassen Sie uns für eine Weile einfach mal bei den Fakten aus der vergangenen Nacht bleiben.« Doreens Tonfall ist freundlich, aber bestimmt. »Dieser Kerl hat Ihren Reifen gewechselt und ist dann weitergefahren. Das ist alles.«
Denke ich zu viel darüber nach? Vielleicht. Mit einem Seufzen lasse ich die Sache auf sich beruhen – oder versuche es zumindest.
Nach meiner Stunde bei Doreen fahre ich mit meinem Civic zur Werkstatt, kaufe einen neuen Reifen und fahre dann in den Norden der Stadt zu einem kleinen Reihenhaus, vor dem leere Umzugskartons auf dem Bordstein aufgestapelt sind.
»Jemand zu Hause?«, rufe ich, während ich den Weg zu den Stufen am Eingang entlanggehe. »Ich verspüre heute nämlich das Bedürfnis, etwas auszupacken.«
Carmen erscheint an der Fliegengittertür. Ein rotes Kopftuch bedeckt ihr schwarzes Haar, und auf ihrem Gesicht prangt ein breites Lächeln. Sie trägt ein Kleid aus T-Shirt-Stoff und Gummihandschuhe. Offenbar bin ich nicht die Einzige, die mithelfen will. »Bist du etwa masochistisch veranlagt?«
»Nicht mehr als du. Außerdem«, sage ich und deute dabei auf meine abgeschnittene Hose und das graue T-Shirt, das ich trage, »bin ich fürs Arbeiten angezogen.«
»Dann komm rein und mach dich an die Arbeit, Mädchen.«
Als ich das Haus betrete, entdecke ich Carmens jüngeren Bruder Arturo, der einen Hammer in der Hand hält. »Vivienne! Ich kann nicht fassen, dass wir dich am Umzugstag nicht für immer vergrault haben.«
Ich umarme ihn. »Zumindest noch nicht.«
Carmen und ich wurden einander in unserem ersten Jahr an der Universität zufällig als Zimmergenossinnen zugeteilt, weil ich an der UT Austin niemanden kannte und sich ihre beste Freundin aus der Highschool kurzfristig für eine andere Universität entschieden hatte. Anfangs waren wir einander gegenüber noch misstrauisch, denn auf der ganzen Welt gibt es keine zwei Menschen, die unterschiedlicher sein könnten als wir. Ich stamme aus New Orleans, aus einer Familie, die meine Mutter gerne als »alten Geldadel« bezeichnet, auch wenn gar nicht mehr viel von dem Geld übrig ist. Carmen kommt aus einer Kleinstadt in der Nähe von San Antonio. Sie ist die Tochter von Einwanderern, die sich aus der Armut hochgearbeitet haben. Ich bin ein wenig größer als der Durchschnitt, schlank und, wie Carmen mir immer wieder versichert hat, das weißeste weiße Mädchen der Welt. Sie ist klein, kurvenreich und stolz auf ihr mexikanisches Erbe. Mein Haar ist honigbraun und wellig genug, um jeglichen Stylingversuchen zu trotzen. Und meine Augen haben diesen seltsam ungewissen Haselnussfarbton, so als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie nun braun, grün oder golden sein wollen. Carmens Haar ist von einem tiefen, schimmernden Blauschwarz und dazu noch so perfekt glatt, dass ich sie darum fast ebenso sehr beneide wie um ihre dunkelbraunen Augen. Ich liebe Literatur und Geschichte und habe unser Studentenzimmer immer mit überall herumliegenden Taschenbüchern übersät. Sie liebt Mathematik, je komplizierter und abstrakter desto besser, und hasst Unordnung. Während der ersten paar Wochen trauten wir uns kaum, miteinander zu reden – aber irgendwie waren wir bis zu den Weihnachtsferien beste Freundinnen geworden.
Als ihr jüngerer Bruder Arturo ihr zwei Jahre später an die UT Austin folgte, adoptierte ich ihn ebenfalls. Wir nahmen ihn mit auf Partys, sorgten dafür, dass er für seine Abschlussprüfungen lernte und besorgten ihm sogar einen gefälschten Ausweis. Mittlerweile ist er für mich der kleine Bruder, den ich nie hatte.
Daher verstand ich auch, warum Carmen so beschützerisch reagierte, als Arturo seine erste richtige Freundin hatte. Nur ihre Bestürzung darüber, welche Entwicklung diese Beziehung genommen hat, kann ich nicht nachvollziehen.
»Hey, Vivienne.« Shay watschelt die Treppe hinunter und hat dabei die Hände in den Rücken gestützt. Ihr australischer Akzent lässt meinen Name wie »Viv-jin« klingen. »Willst du eine Cola?«
»Vielleicht später, wenn mir heiß ist und ich ganz verschwitzt bin«, erwiderte ich. »Dann bin ich sicher ganz scharf darauf.«
Shay lacht. »Hol sie dir einfach aus dem Kühlschrank! Ich schwöre, diese Dosen verspotten mich.«
Shays Ärztin hat ihr erklärt, dass Koffeinkonsum während ihrer Schwangerschaft nicht gut ist.
Ja, Arturo und Shay sind noch recht jung, um Eltern zu werden – sie sind beide erst zweiundzwanzig und studieren noch. Aber wenn sie einander ansehen, ist es jedes Mal so, als würden sie von innen heraus glühen. Ich glaube nicht, dass sie sich verlobt haben, nur weil sie schwanger geworden ist. Schon als ich sie das erste Mal zusammen sah, war mir klar, dass das Ganze auf eine Hochzeit hinauslaufen würde. Manchmal weiß man so etwas einfach. Wann immer ich Arturo und Shay zusammen sehe, muss ich lächeln.
Carmen hingegen blickt finster drein.
Nachdem wir eine Weile lang in der Küche gearbeitet und Geschirr ausgepackt haben, werfe ich Carmen einen Seitenblick zu. Sie starrt aus dem Fenster über dem Spülbecken in den schmalen Garten hinter dem Haus, in dem Shay und Arturo unter Lachen den Holzkohlegrill aufbauen. »Wenn du nicht aufpasst, wird dein Gesicht so einfrieren«, warne ich sie.
Sie verdreht die Augen über meine blöde Bemerkung. »Ich mache mir nur Sorgen. Das ist alles. Ein Baby … Ich will damit sagen, Arturo hat vergessen, unseren Hund zu füttern.«
Ich lache. »Er ist kein kleines Kind mehr! Und Shay hilft ihm schließlich.«
»Vivienne, sei doch mal realistisch. Sie sind jung. Sie haben kein Geld. Selbst mit ihren Teilzeitjobs können sie es sich kaum leisten, ein Haus zu mieten, das groß genug ist, um über ein Kinderzimmer zu verfügen.« Carmen deutet auf den Raum, in dem wir uns befinden.
Das kleine Reihenhaus ist bescheiden, und ich weiß, dass Arturo und Shay sich jetzt schon alles vom Munde absparen müssen. Das wird nur noch schwerer werden, wenn das Baby in drei Monaten zur Welt kommt. Trotzdem … »Hör mal, wenn Geld jedes Problem lösen würde, wäre meine Familie die glücklichste der Welt.«
»Ich bin nicht materialistisch. Ich bin realistisch. Jung zu heiraten, bevor er überhaupt seinen Abschluss gemacht hat – das macht mir Angst.«
»Eine Menge Kerle würden unter derartigem Druck womöglich das Studium schmeißen und die Fliege machen«, gebe ich zu. »Aber Arturo ist nicht wie die meisten Männer. Er würde sich von nichts und niemandem davon abbringen lassen, sich um Shay und das Baby zu kümmern.«
Carmen presst ihre vollen Lippen zusammen. »Ich mag Shay – ich versuche, sie wie eine Schwester zu lieben –, aber ich nehme ihr übel, was sie mit Arturos Leben angestellt hat.«
»Sie hat das Baby nicht allein gezeugt, weißt du? Vergiss nicht, dazu gehören immer zwei.«
»Oh, das ist eklig. Hast du gerade tatsächlich angedeutet, dass mein kleiner Bruder Sex hatte?« Nun lächelt Carmen, was ich als positives Zeichen werte. »Diese Schwangerschaft ist das Ergebnis von … Osmose.«
»Ohne jeden Zweifel.«
Von draußen hören wir Shays Gelächter, und wir schauen hinaus, um zu sehen, wie Arturo mit ihr durch den Garten tanzt. Arturo ist die männliche Version von Carmen: von gedrungener Statur, dunkel und attraktiv auf eine Weise, die ebenso viel mit Charisma wie mit seiner äußeren Erscheinung zu tun hat. Was Shay anbelangt, so sind ihre nackten Füße fast vollständig von dem hohen Gras bedeckt, als sie herumwirbelt. Ihr kurzes Haar ist in einem Rotton gefärbt, der fast an Kastanienbraun grenzt. Sie lässt sich nicht leicht in die Rolle der bösen Verführerin stecken. Stattdessen ist sie von der dickrandigen Hipsterbrille bis zum Rosentattoo um den Knöchel das unverfälschte alternative Mädchen.
»Ich versuche in letzter Zeit, mich besser mit Shay zu verstehen«, sagt Carmen.
»Ja, das merkt man.«
Das bringt mir einen bösen Blick ein. »Ich versuche es wirklich. Ich habe sie sogar gebeten, ein paar ihrer Freunde zu meiner Party am Freitagabend einzuladen. Du kommst doch nach wie vor, oder?«
»Wo denkst du hin? Natürlich komme ich zur Party meiner besten Freundin.«
»Tja.« Carmens Gesicht nimmt plötzlich einen schuldbewussten Ausdruck an. »Dann sollte ich dir wohl sagen, dass ich auch Geordie eingeladen habe.«
Ich hole tief Luft. »Das ist in Ordnung.«
Sie wirft mir einen Blick zu.
»Ich schwöre.« Geordie und ich haben uns versprochen, Freunde zu bleiben. Nachdem wir uns einen ganzen Sommer lang nicht gesehen haben, sollten wir in der Lage sein, wieder miteinander umzugehen. Die Party könnte verdammt unangenehm werden, besonders wenn er zu viel trinkt – aber damit komme ich zurecht.
»Du hast schneller zugestimmt, als ich vermutet hätte.« Carmen schnappt sich das Teppichmesser, damit wir uns daran machen können, weitere Kartons auszupacken. »Hast du ihn vermisst? Denkst du darüber nach, wieder mit ihm zusammenzukommen?«
»Nein.«
Das stimmt nicht ganz. Ich vermisse Geordie. Nicht als Liebhaber, aber als Mensch. Außerdem vermisse ich den Sex. Ich vermisse ihn wirklich und wahrhaftig. Vielleicht war die Zeit, die ich mit Geordie im Bett verbracht habe, nicht die beste, aber wenigstens hatte ich irgendetwas. Seit Beginn des Sommers habe ich nicht mal das gehabt.
Die fehlende Chemie im Schlafzimmer war nicht der Grund für unsere Trennung, aber sie war auch nicht gerade förderlich. Auch wenn der Sex in Ordnung war, konnte er mir nie geben, was ich wirklich wollte. Was ich brauche.
Einmal mehr denke ich an meinen Retter – den großen, dunkelhaarigen, gefährlichen Mann, dem ich vollkommen ausgeliefert war und der einfach weggefahren ist …
Ich erschaudere.
Aber Carmen bemerkt es nicht, und ich fange an, mit ihr über die Uni, das Wetter und alles Mögliche zu reden. Ich versuche, meine gefährlichen Gedanken zusammen mit dem Staub auf dem Boden wegzufegen.
Der Rest der Woche vergeht wie jede andere für eine Doktorandin an der UT Austin School of Art. Am Dienstag treffe ich mich mit meinem Studienberater, dann gehe ich zu dem Kunstgeschichtekurs, bei dem ich als »Tutorin« fungiere, was bedeutet, dass ich diejenige bin, die die ganzen Hausarbeiten zensiert. Am Mittwoch und Donnerstag bin ich bis spätabends in der School of Information, wo ich Nachforschungen über Dokumentenerhaltung anstelle. Freitags bin ich dann tatsächlich mal mit meinen Drucken im Atelier – und ich bekomme ein paar wirklich gute Drucke von meiner liebsten Radierung, die ich in diesem Jahr bislang gemacht habe. Sie zeigt die Hände eines Manns, die eine Taube halten.
Warum spricht mich dieses Bild so sehr an? Ich bin nicht ganz sicher, und in gewisser Weise will ich es lieber gar nicht wissen. Kunst ist manchmal geheimnisvoll, und unbewusste Inspiration ist oft die intensivste. Ich brauche nur das Bild, sonst nichts: die starken großen Hände eines Manns – rau, wie von jahrelanger Arbeit oder Kampf –, die die Gestalt einer Taube umschließen, in deren hellen Augen sowohl Angst als auch Zuversicht schimmern. Die Interpretation kann später kommen – oder eben nicht.
Sobald ich mit meinen Drucken fertig bin, fahre ich zu meinem kleinen Haus. Es ist ein winziges weißes Gebäude mit nur einem Schlafzimmer, das selbst zwischen den bescheidenen, baufälligen Häusern in der First Street klein wirkt. Carmen sagt, dass mein Zuhause bei ihr Klaustrophobie hervorruft, und Geordie nennt es immer »das Puppenhaus«. Aber ich mag mein gemütliches kleines Refugium. Eingebaute Bücherregale bedecken die Schlafzimmerwände, und ein freistehender Backsteinkamin trennt die Küche und das Wohnzimmer voneinander. Alles in allem ist es mein Traumhaus.
Jeder, der mein Zuhause betritt, würde sofort ein paar Dinge über mich wissen. Erstens: Ich bin eine Büchernärrin – ich sammle alles von Jane Austen bis hin zu John le Carré. Zweitens: Ich bin ein sinnlicher Mensch. Nur jemand, der Textur und Farbe liebt, würde sich mit einem Studentenbudget eine Samtcouch kaufen oder kunstvoll gewobene Dekostoffe über jedem vorhandenen Möbelstück drapieren.
Drittens: Ich hege eine große Liebe für ein kleines Mädchen namens Libby, dessen Malbuchseiten meinen Kühlschrank zieren. Eine ihrer eigenen Zeichnungen habe ich sogar eingerahmt und an die Wand gehängt. In jeder Ecke steht die krakelige Widmung: »Für Tante Vivi«.
Niemand könnte sich in diesem Zimmer umsehen und vermuten, dass ich Libby nicht sehr oft sehe, und schon gar nicht den Grund dafür erraten. Der bleibt geheim, und genau so will ich es haben.
Was soll ich heute Abend anziehen? Ich will nicht zu sexy aussehen, damit Geordie nicht denkt, dass ich ihn zurückhaben möchte. Aber ich will auch nicht im Schlabberlook daherkommen. Schließlich entscheide ich mich, es von der Hitze abhängig zu machen. In Texas sind die Temperaturen im August sogar nach Anbruch der Dunkelheit noch sengend, weshalb man mit viel nackter Haut am besten beraten ist. Ich schlüpfe in einen Jeansminirock und ein schwarzes Trägertop und verlasse mich darauf, dass meine silberfarbenen Riemchensandalen und die baumelnden Ohrringe das Outfit ein wenig aufpeppen. Dann mache ich schnell einen Abstecher in den Gemischtwarenladen, um ein Sixpack Bier zu kaufen, und fahre zu Carmens Haus.
Ihr roter Backsteinbungalow liegt in unmittelbarer Nähe einiger toller Restaurants, Clubs und Bars in der Congress Street. Ich muss mein Auto weiter als einen Block entfernt abstellen, weil diese Party eins von Carmens seltenen Großereignissen ist. Als ich auf das Haus zugehe, sehe ich auf ihrer hinteren Veranda etwa zehn Leute, die sich lachend unterhalten. Zweifellos macht bereits ein Krug Sangria die Runde.
Arturo macht mir auf und umarmt mich mit einem Arm, weil er in der anderen Hand ein Bier hält. Weitere zwei oder drei Dutzend Leute füllen Carmens kleines Haus aus. Sie alle reden und lachen durcheinander, übertönen aber trotzdem nicht das Wummern der Musik aus der Stereoanlage. Das Licht ist gedimmt, und ein paar Kerzen flackern oben auf den Lautsprechern und auf dem Beistelltisch. Durch die Glastür, die auf die hintere Veranda hinausführt, kann ich ein paar dieser Solarlampen erkennen, die den Garten mit sanftem Licht wie von Glühwürmchen erhellen. »Wurde auch Zeit, dass du endlich auftauchst!«, ruft Arturo über den Lärm hinweg. »Du hast einiges aufzuholen. Kennst du alle?«
»Ich glaube, ich kenne niemanden.« Das ist ein klein wenig übertrieben – ich erkenne ein paar Gesichter, aber sowohl Carmen als auch Arturo legen sich mit ihrer magnetischen Anziehungskraft ständig neue Freunde zu. Ich selbst … brauche sehr viel länger, um anderen Menschen zu vertrauen und mich auf sie einzulassen. Ich habe meine Gründe dafür, und ich denke nicht, dass es eine schlechte Lebenseinstellung ist. Aber manchmal macht es einen einsamer.
Außerdem macht es Partys unangenehm.
In diesem Augenblick kommt Shay zu mir und umarmt mich von hinten. Ihr dicker Babybauch drückt sich gegen meinen Rücken. »Zeit für eine kleine Vorstellungsrunde! Das hier ist Nicole Mills – hi! –, eine Kollegin von Arturo. Und ich bin sicher, du kennst Anna Dunham aus Carmens Institut? Und Jonny ist einer von Carmens Nachbarn.« Ich versuche, jedem von ihnen zumindest zuzuwinken, während sie mir vorgestellt werden, aber Shay führt mich bereits Richtung Küche.
Carmens winzige Kochnische ist selbst für eine Person eng. Während einer Party, auf der jeder versucht, an den Kühlschrank oder die Plastikbecher zu gelangen, herrscht dort ein furchtbares Gedränge. Lachend versuche ich, mich zwischen zwei Gestalten in der abgedunkelten Küche hindurchzuzwängen, und werde dabei direkt gegen irgendeinen Kerl geschubst – und erstarre zur Salzsäule.
Shay merkt nichts und redet einfach weiter. »Und das ist Jonah Marks. Er ist Dozent für Geowissenschaften. Du weißt doch, dass ich in dem Fach dieses Semester einen Studentenjob mache, oder?«
Unsere letzte Begegnung fand spät in der Nacht statt, und die Scheinwerfer beleuchteten ihn dabei von hinten wie ein Heiligenschein. Es spielt keine Rolle. Ich würde ihn überall wiedererkennen. Nur ein Mann hat es je geschafft, mich innerhalb von Sekunden heiß und verlegen und schwach zu machen – und hat dabei ein so kühles, abschätzendes Lächeln zur Schau getragen.
Und genau so lächelt er mich jetzt gerade wieder an.
Der große, dunkelhaarige und gefährliche Fremde heißt Jonah. Er ist hier bei meinen Freunden, hier in meinem Leben. Und all meine Fantasien von dem Fremden auf der Straße fühlen sich jetzt, da er kein Fremder mehr ist, noch sehr viel beängstigender an.
Unsere Körper werden in dem Gedränge der Partygäste aneinandergedrückt. Mir ist klar, dass er meine Brüste durch mein knappes Oberteil und den dünnen Baumwollstoff seines Hemds spüren kann. Er legt den Kopf leicht schräg, und ich weiß, dass er mich ebenfalls wiedererkennt. Aber er sagt nichts.
Shay fährt unbekümmert fort. »Jonah, das ist Vivienne Charles. Sie ist eine gute Freundin von uns und Carmens ehemalige Mitbewohnerin.«
Ich nicke nur und bringe kein Wort heraus. Einmal mehr rauscht diese Mischung aus Angst und Verlangen durch meinen Körper. So muss es sich anfühlen, wenn man sich Heroin spritzt, kommt es mir in den Sinn – eine Qual, die so süß ist, dass man alles dafür tun würde.
»Wir sind uns schon mal begegnet«, sagt Jonah, ohne den Blick von mir zu nehmen.
»Ach ja? Tja, so ist das wohl an der UT Austin.« Shay grinst und nimmt die Energie zwischen Jonah und mir immer noch nicht wahr. »Sie ist praktisch die größte Universität des Landes, aber irgendwie läuft man sich doch immer über den Weg.«
»Wir haben uns letztens erst kennengelernt«, gelingt es mir schließlich zu sagen. »Auf meinem Rückweg von New Orleans hatte ich eine Reifenpanne. Jonah hat den Reifen für mich gewechselt. Übrigens danke noch mal.«
Er neigt ganz leicht den Kopf und schenkt meinen Worten damit denkbar wenig Beachtung.
»Hey, hey. Unser Held«, sagt Shay. »Du hast gar nicht erwähnt, dass du jemandem bei einer Autopanne geholfen hast.«
»Das war keine große Sache.« Damit unterbricht Jonah endlich den Blickkontakt, dreht sich um und geht davon. Ich atme erleichtert aus. Bis zu diesem Moment ist mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich die Luft angehalten hatte.
Falls Shay meine Reaktion auffällt, deutet sie sie falsch. »Nimm Jonahs Verhalten nicht persönlich. Er wirkt manchmal unhöflich, aber das ist einfach seine Art. Ich meine, er ist ein toller Boss – er behandelt mich nicht wie eine Leibeigene, wie einige andere Dozenten es tun. Aber ich habe ihn noch nie lachen hören.« Shays Gesicht nimmt einen nachdenklichen Ausdruck an. »Hm. Ich bin mir nicht mal sicher, dass er lachen kann.«
»Warum hast du ihn heute Abend hierher eingeladen, wenn er so … kalt ist?«
»Ich habe einen ganzen Haufen Leute aus unserem Institut eingeladen. Es wäre gemein gewesen, ihn außen vor zu lassen.«
Das ist typisch Shay. Sie lädt jemanden, den sie eigentlich gar nicht richtig mag, zu einer Party ein, nur um dessen Gefühle nicht zu verletzen.
Jonah ist nicht mehr zu sehen und damit ist er – zumindest für Shay – kein Thema mehr. Sie schiebt mich weiter durch den Pulk in der Küche. »Komm schon. Zeit, dir ein wenig Sangria zu besorgen!«
So still zu sein sieht mir eigentlich gar nicht ähnlich. Ich habe den Großteil meines Erwachsenenlebens mit dem Versuch verbracht, mir selbst mehr Durchsetzungsvermögen beizubringen, und … Na ja, sagen wir einfach, ich bin auf einem guten Weg. Aber den großen, dunkelhaarigen und gefährlichen Fremden wiederzusehen – und herauszufinden, dass sein Name Jonah Marks lautet –, hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Und mich in Verlegenheit gebracht.
Korrektur, berichtige ich mich. Er hat dich nicht in Verlegenheit gebracht. Deine Fantasien von ihm rufen bei dir Scham hervor. Das ist nicht dasselbe.
Irgendwann später am Abend werde ich Jonah unter den anderen Partygästen finden. Ich werde etwas Stupides von mir geben. Belangloses Partygeschwätz. Tolles Lied, was? Oder so in der Art. Dann werde ich ihm noch einmal danken, und es wird nicht mehr seltsam sein. Danach kann ich mir diesen Mann dann ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen.
Doch jetzt gerade muss ich erst mal wieder zu Atem kommen.
Shay besorgt mir eine Sangria und schnappt sich selbst ein Ginger Ale. Dann fängt sie an zu erzählen, dass sie das Kinderzimmer grün streichen will, Arturo aber gelb bevorzugt. Ich freue mich natürlich auf das Baby, kann aber nur ein gewisses Maß an Kinderzimmergerede ertragen. Also klinke ich mich geistig irgendwann aus und sage »Ja« und »Natürlich«, wann immer sie für einen Augenblick innehält.
Fast gegen meinen Willen werfe ich verstohlene Blicke durch den Raum auf Jonah Marks.
Er ist sogar noch attraktiver als in meiner Erinnerung. Nicht »schön« oder »umwerfend« – keins dieser Attribute, die zu einem Ralph-Lauren-Model oder dem Star einer Boygroup passen würden. Dafür sind Jonahs Gesichtszüge zu schroff. Zu kantig. Er sieht aus wie das Werk eines Bildhauers, der nichts davon hielt, raue Kanten zu glätten, und dem Betrachter genau zeigen wollte, wo er den Meißel angesetzt hatte. In gewisser Weise ist er von einer aggressiven Männlichkeit. Das dunkelrote Henley-Shirt, das er trägt, ist eng genug, um die beeindruckenden Muskeln seiner Oberarme zu betonen. Aber andererseits wirkt Jonah auch seltsam verletzlich. Seine Taille ist schmal, und sein Hals ist länger als bei den meisten Männern. Sein ganzer Körper sieht aus, als hätte jemand das Ideal einer männlichen Gestalt zum Vorbild genommen und sie so lange bearbeitet, bis sie fast zerbrochen ist. Stark – und doch angespannt, zumindest unter der Oberfläche.
Das ist ein Mann, der zerbrechen könnte, denke ich. Aber wahrscheinlicher wäre, dass er dich zuerst zerbricht.
Jonah mischt sich weiter unter die Menge, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Zuerst überlege ich, ob ich mich irgendwie von Shays Geplapper über die Einrichtung des Kinderzimmers loseisen kann, um ihn zu suchen. Doch dann frage ich mich, warum ich in diesem Augenblick das Gefühl habe, das tun zu müssen.
Vielleicht sollte ich Jonah lieber nicht suchen, wenn er mich so durcheinanderbringt. Was würde ich außerdem zu ihm sagen? Es war schrecklich nett von Ihnen, dass Sie mir in dieser einen Nacht geholfen haben. Wissen Sie noch, wie ich Sie behandelt habe, als wären Sie ein mutmaßlicher Serienmörder? Ja, Männer lieben so was.
Dann taucht plötzlich Ablenkung in Form meines Exfreunds Geordie Hilton auf.
»Vivienne!« Geordies Lächeln ist absolut aufrichtig. In seinen Augen flackert nur ein winziges bisschen Zweifel auf. Er freut sich, mich zu sehen, ist sich aber nicht sicher, ob das auf Gegenseitigkeit beruht.
Zu meiner Überraschung geht es mir allerdings genauso. »Hey, du. Komm her.«
Wir umarmen einander auf diese einarmige freundschaftliche Weise, die ganz deutlich besagt: »Wir haben keinen Sex mehr miteinander.«
Mir ist bewusst, dass Shay uns beobachtet, und auch andere Leute haben die Blicke auf uns gerichtet. Das erste Treffen eines ehemaligen Paars nach der Trennung erregt stets Aufmerksamkeit. Momentan schauen uns alle mit einer Mischung aus Erleichterung (kein Streit) und Enttäuschung (kein Streit?) an. Shay schleicht sich davon, um uns so viel Raum zu geben, wie diese überfüllte Party es erlaubt.
»Hattest du einen schönen Sommer?«, fragt er. »Du postest nie etwas auf Facebook, weißt du?« Geordie ist in diesem Punkt ausgesprochen extrovertiert und sieht es deswegen fast als Verbrechen an, wenn man soziale Medien meidet.
»Mein Sommer war ruhig, was genau das war, was ich gebraucht habe. Und wie ist es dir ergangen?«
»Großartig.« Geordie hat bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr in Inverness gelebt, und gelegentlich verraten ihn sein Akzent und seine Ausdrucksweise. »Das Praktikum war toll. Ernsthaft, viel besser, als ich es mir je hätte vorstellen können. Wir haben eine Amnestie für vier Einwanderer erwirkt, denen eine Abschiebung in ihre Heimatländer drohte, wo man sie entweder wegen ihrer politischen Einstellung oder ihrer sexuellen Orientierung getötet hätte. Vier in drei Monaten! So schnell mahlen die Mühlen der Gerechtigkeit nur selten.«
Die meisten jungen Anwälte, die an die rechtswissenschaftliche Fakultät zurückkehren, um dort ihren Master zu machen, tun das, um noch mehr Geld als ohnehin schon zu verdienen. Geordie macht seinen Master, damit er Menschen noch besser helfen kann. Ich bereue unsere Trennung nicht, aber es tut gut, daran erinnert zu werden, was mir ursprünglich an diesem Mann gefallen hat.
Eine Menge der Leute, die uns beobachten, sind weiblich. Mehr als eine Frau auf dieser Party hofft, sich davon überzeugen zu können, dass ich nichts mehr mit Geordie zu tun habe, damit sie einen Annäherungsversuch unternehmen kann. Er sieht gut aus – okay, er ist hinreißend –, hat wuscheliges braunes Haar, Welpenaugen und ein Lächeln, das warm, durchtrieben oder beides gleichzeitig sein kann. In seinem weißen Oxford-Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln und den offenen Knöpfen am Hals sieht er weniger dürr, sondern eher drahtig aus. Er ist der ideale Held einer romantischen Komödie.
Aber mein Leben ist keine romantische Komödie und wird auch nie eine sein. Dieser Zug war schon lange vor meiner ersten Begegnung mit Geordie abgefahren.
Außerdem gibt mir Geordies unmittelbare Nähe gerade weniger als ein bloßer Blick durch den Raum zu Jonah Marks.
Wieder schaue ich in Richtung der Ecke, in der ich Jonah zuletzt gesehen habe, aber er ist nicht mehr dort. Hat er die Party bereits verlassen?
Falls das so ist, sollte ich erleichtert sein. Doch ich bin es nicht.
Zeit, sich wieder auf Geordie zu konzentrieren. »Gut für dich«, sage ich und meine es auch so.
Wir plaudern eine Weile über seine Zeit in Miami, dann geht jeder von uns auf der Party seines Weges. Ich schaffe es, Arturos ehemaligem Mitbewohner Mack auszuweichen, der mir immer auf die Brüste glotzt. Er ist einer dieser Sportskanonen mit Stiernacken und Quadratschädel. Er sieht aus wie Dosenfleisch in einem Longhorns-T-Shirt. Eine Weile lang unterhalte ich mich mit Kip, dem Institutssekretär in meiner Abteilung des Kunstinstituts. Doch dann erhält er eine dringende Textnachricht, die ihn ins Handyfunkloch saugt. Die meiste Zeit über hänge ich mit Carmen herum, obwohl ich mich eigentlich unter die Gäste mischen und neue Leute kennenlernen sollte. Aber wir sind nicht ohne Grund beste Freundinnen, und außerdem muss sie mir ihren neuesten Schwarm in allen Einzelheiten beschreiben.
Was meinen Schwarm betrifft – falls man für das, was Jonah Marks mit mir anstellt, ein so unschuldiges Wort benutzen kann –, weigere ich mich, erneut nach ihm Ausschau zu halten. Er sucht ebenfalls nicht nach mir. Entweder ist Jonah draußen auf der Veranda oder er hat sich früh aus dem Staub gemacht, denn er ist nirgendwo mehr zu sehen.
Im Gegensatz zu Geordie, der sich gerade sein drittes Glas Sangria holt.
Und dann ein viertes.
Und ein fünftes. Vorausgesetzt, ich habe keine seiner Nachfüllaktionen verpasst, was durchaus der Fall sein könnte.
Beim fünften Glas Sangria stolpert Geordie über den Beistelltisch. Die Getränke einiger Gäste schwappen auf den Teppich, und Carmen flucht leise. Eine der Kerzen wackelt, fällt aber nicht um, um alles in Brand zu setzen. Doch es war knapp.
Die Leute lachen, aber es klingt angespannt. Geordie ist sehr viel betrunkener als alle anderen auf dieser Party.
»Hey«, sage ich so sanft wie möglich zu ihm. »Komm mal mit an die frische Luft.«
Selbst als er mit Papierservietten an ihrem Teppich herumtupft, verteidigt Carmen Geordie noch. »Ist schon gut! Der Teppich ist dunkel. Die Flecken wird man gar nicht sehen.«
»Nein, Viv hat recht. Sie hat recht.« Geordie muss wirklich hackevoll sein. Ansonsten würde er nie meinen Zorn heraufbeschwören wollen, indem er mich Viv nennt. »Wir sollten alle ein wenig öfter auf … auf Viv … hören.«
Ich stehe auf und lege einen seiner Arme über meine Schulter. Falls er oder irgendjemand anders das falsch interpretiert, ist das nicht mein Problem.
»Warum höre ich nicht öfter auf dich?« Geordie stolpert gegen mich, aber ich schaffe es, uns beide auf den Beinen zu halten. »Du bist immer so klug.«
»So bin ich eben. Das Genie. Komm jetzt.«
Mit meiner freien Hand schiebe ich die Glastür auf und führe ihn auf die gepflasterte Veranda. Mittlerweile halten sich dort draußen nur noch ein paar Leute auf, und ich schenke keinem von ihnen Beachtung. Stattdessen manövriere ich Geordie zu der Kühlbox und fische zwischen den diversen Bierflaschen ein Mineralwasser für ihn heraus.
»Trink das, okay? Du darfst für den Rest des Abends nur noch Wasser trinken. Und du solltest auch etwas essen.«
Geordie umklammert die Wasserflasche, trinkt aber nichts davon. Stattdessen schenkt er mir dieses traurige Lächeln. »Ich hätte mich für dich mehr anstrengen sollen. Ich hätte dafür sorgen sollen, dass es funktioniert.«
Fängt er jetzt an zu weinen? Verdammt, Geordie wird echt sentimental, wenn er betrunken ist.
Er redet einfach weiter. »Es tut mir leid, dass ich nicht der Partner sein konnte, den du dir gewünscht hast.«
»Ist schon gut. Wirklich. Bitte trink etwas Wasser.« Ich lehne ihn gegen den Verandatisch. Um uns herum lachen ein paar Leute leise über Geordie. Meine Loyalität ihm gegenüber ist immer noch groß genug, um in seinem Namen wütend zu werden.
»Ich meine, so ist es das Beste. Das weiß ich. Wirklich. Aber manchmal tut es weh, oder?« Geordie spricht immer undeutlicher. »Wir hätten mehr Spaß haben sollen, als wir noch die Gelegenheit dazu hatten.«
»Weniger Spaß«, erwidere ich. »Mehr Wasser.«
Endlich trinkt Geordie einen Schluck, aber kurz darauf redet er bereits weiter. »Ich konnte das einfach nicht für dich tun. Nichts davon. Und, oh mein Gott, ich fühle mich so furchtbar wegen der Vergewaltigungssache …«
Das hat er gerade nicht wirklich gesagt. Er hat nicht angefangen, in aller Öffentlichkeit darüber zu reden, während um uns herum Fremde stehen und zuhören.
Und dann wird mir klar: Doch, genau das hat er getan.
Mein Gesicht wird vor Schreck erst ganz kalt und dann heiß vor lauter Scham, während Geordie weiterspricht. »Ich meine, ich bin total für ungewöhnliche Vorlieben, klar? Jeder sollte eine haben. Und du darfst deine haben! Wirklich. Aber das ist eben nicht meine. Ganz und gar nicht. Einen Vergewaltiger zu spielen, finde ich echt gruselig. Aber ich hätte deswegen nicht so ein dämlicher Arsch sein sollen.«
»Wir werden das nicht hier ausdiskutieren«, presse ich hervor. »Bitte hör auf.«
Plötzlich wird Geordie klar, wo wir sind und was er getan hat. Die Auswirkungen seiner Worte bahnen sich einen Weg durch den ganzen Alkohol. Er holt tief Luft. »Oh Scheiße.«
Ich will nicht in die Gesichter der Leute sehen, die um uns herum stehen und das gerade alles gehört haben, aber ich kann nicht anders. Ein paar von ihnen wirken schockiert. Andere wiederum belustigt. Dieser widerliche Mack wirft mir einen derart anzüglichen Blick zu, dass mich ein Schauer überkommt.
Doch am schlimmsten ist das eine Gesicht, das vollkommen ungerührt bleibt – es gehört Jonah Marks, der nur ein paar Meter entfernt sitzt und jedes Wort gehört haben muss.
Als ich dreizehn Jahre alt war, hing einmal der blutige Faden meines Tampons aus dem Saum meines Badeanzugs. Jackson Overstreet – den ich mit seinen blonden Haaren und blauen Augen so süß fand und von dem ich hoffte, dass er der erste Junge sein würde, der mich küsste – sah den Faden, wies jeden auf der Poolparty meiner Freundin Liz darauf hin und lachte am lautesten von allen. Wenn man bedenkt, wie viele Leute damals gleichzeitig vor Lachen gekreischt haben, war das gar nicht so leicht. Doch Jackson war mit Abstand der Lauteste. Seitdem habe ich geglaubt, dass dieser Augenblick vermutlich die größte öffentliche Demütigung sein würde, die ich je erfahren müsste.
Wie sich nun herausgestellt hat, lag ich damit vollkommen falsch.
Ich stehe am Rand von Carmens Garten neben dem hohen Holzzaun. Der Lärm und das Licht der Party sind so weit entfernt wie möglich, was aber längst nicht weit genug ist. Ich will hier eigentlich nur weg. Aber um die Party zu verlassen, muss ich mir einen Weg durch die Menge bahnen, und dafür bin ich noch nicht bereit.
Schritte auf dem Gras hinter mir lassen mich zusammenzucken. Als Arturo neben mich tritt, hat er allerdings ein breites Lächeln im Gesicht. »Geht es dir gut?«
Das ist Arturo, ich kann ihn nicht anlügen. »Sofern ›zu Tode beschämt‹ als gut zählt.«
»Sag nicht so was. Jeder kommt doch im Bett hin und wieder mal auf verrückte Ideen, oder? Ich könnte dir da ein paar Geschichten erzählen, aber Shay würde mich danach umbringen.«
Ich schenke ihm ein schiefes Lächeln. Vermutlich denkt jeder, der Geordie gehört hat, genau das, was Arturo denkt: dass er von einer schiefgelaufenen Nacht mit Rollenspielen geredet hat, einer einmaligen Sache. Sie haben keine Ahnung, wie viel heftiger es für mich ist. Für sie ist es eine kleine Erschütterung, kein Erdbeben.
»Geordie ist ein Arsch«, fügt Arturo hinzu. »Carmen hätte ihn nicht einladen sollen.«
»Er war betrunken. Das ist alles.« Ich streiche mir meinen Pony aus der Stirn. Die Nacht ist schwül – heiß und feucht. »Ich kläre das später mit ihm. Ihr haltet euch da bitte raus.«
Arturo hebt eine Hand, eine Geste der Kapitulation, aber ich kann sehen, dass er noch nicht bereit ist, Geordie vom Haken zu lassen. Mein adoptierter jüngerer Bruder hat mir gegenüber einen größeren Beschützerinstinkt, als ihn jeder echte ältere Bruder je haben könnte. Er ist nicht leicht zu verärgern, aber wenn er schließlich wütend wird, sollte man auf der Hut sein.
Hoffentlich hat jemand Geordie mittlerweile nach Hause gefahren.
»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«, bohrt er nach.
Ich nicke.
»Gib mir einfach noch ein paar Minuten, in Ordnung? Morgen werde ich vielleicht schon darüber lachen können.« Wohl kaum.
»Geht klar.« Arturo tätschelt tröstend meine Schulter und geht dann zurück zur Party.
Niemand außer mir kennt die Wahrheit. Wenn ich in der Lage gewesen wäre, über Geordies Worte zu lachen, hätten die meisten Leute wahrscheinlich gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ich mache daraus eine größere Sache, als sie es sein müsste, indem ich mich von allen anderen fernhalte, also sollte ich mich einfach zusammenreißen. Vermutlich ist Macks schmieriges Grinsen die schlimmste Auswirkung, und das habe ich bereits hinter mir.
Geordie, du Arschloch. Vielleicht halte ich Arturo davon ab, ihm den Kopf zu waschen, aber das bedeutet nicht, dass ich es nicht tun werde. Hättest du nicht einfach mal auf einer einzigen Party nur Ginger Ale trinken können?
Wieder höre ich Schritte auf dem Gras, aber ich drehe mich nicht um. »Ich komme gleich wieder rein, wirklich …«
Meine Stimme verliert sich, als ich sehe, wer da neben mich getreten ist.
Jonah Marks sieht mich nicht direkt an. Er starrt in dieselbe Richtung wie ich, direkt am Zaun vorbei, aber die Intensität seines Blicks ist eindeutig. Meine Anwesenheit ist ihm gerade ebenso eindringlich bewusst wie mir seine.
»Tut mir leid, dass Ihr Ex Sie in Verlegenheit gebracht hat«, sagt er.
»Er, ähm, er hatte nur zu viel getrunken.« Ich schlinge meine Arme ein wenig fester um meinen Körper. »Schätze, das ist jedem von uns schon mal passiert.«
»Ich habe noch nie eine meiner Geliebten auf einer Party gedemütigt. Sie etwa?«
Wow, danke, dass du es als Demütigung beschreibst. »Ich meinte nur, dass ich nicht wütend auf Geordie bin. Und Sie müssen das auch nicht sein.«
Jonah scheint das anders zu sehen. »Er hätte etwas so Persönliches niemals preisgeben dürfen.«
Eine kleine Erschütterung, kein Erdbeben, rufe ich mir ins Gedächtnis. »Das war nur eine Sache, über die Geordie und ich ein einziges Mal geredet haben. Interpretieren Sie da nicht zu viel hinein.«
Mein bester Bluff. Ich ringe mir sogar ein Lächeln ab. Die meisten Leute würden es mir abnehmen. Doch Jonah nicht.
»Wenn es keine große Sache wäre, würden Sie jetzt nicht hier draußen stehen«, sagt er. »Ich kannte die Wahrheit, sobald ich Ihr Gesicht gesehen hatte. Sie wollen diese Fantasie. Sie wollen Sie mehr, als sie je irgendetwas gewollt haben.« Nun sieht er mich zum ersten Mal direkt an. »Sie hassen sie, nicht wahr? Die Fantasie. Das tue ich auch. Aber das ändert nichts.«
Ich fühle mich vor ihm nackt. Entblößt und verletzlich. Ich kann nicht über seine Worte nachdenken. Ich will einfach nur weg. Aber Jonahs Anwesenheit – seine schiere Hitze – hält mich dort und sorgt dafür, dass ich mich nicht vom Fleck rühren kann. »Sie … Ich will nicht mit Ihnen darüber reden.«
»Doch, ich denke, das wollen Sie.«
Wie anmaßend dieser Kerl ist! »Verzeihung?«
Er trinkt einen Schluck aus seinem Weinglas und lässt sich dabei unglaublich viel Zeit. Er ist so vollkommen ruhig, dass es mich verrückt macht. Dann sagt er: »Ich will Ihnen das jetzt sagen, heute Nacht, während Sie sich in Sicherheit und in der Gesellschaft Ihrer Freunde befinden und wissen, dass ich Sie nicht bedrohe. Was Ihr Ex gesagt hat – wenn dass die Fantasie ist, die Sie wollen, kann ich Sie Ihnen erfüllen.«
Hat er das gerade wirklich gesagt? Ja, tatsächlich.
Ich habe das Gefühl, dass sich jeder Laut in weißes Rauschen verwandelt. Es ist, als würde mein Gehirn plötzlich keine Worte mehr verarbeiten. Der Schock lähmt mich körperlich. »Sie … Sie meinen doch nicht …«
»Vergewaltigung als Fantasie. Sie würden gerne eine Rolle spielen. Ich würde gerne eine andere spielen.« Jonahs Tonfall bleibt zurückhaltend, aber seine Augen sprechen eine andere Sprache. Er starrt mich so eindringlich an, dass ich nicht anders kann, als ihn mir in der Rolle vorzustellen, die er spielen will. »Zu Ihren Bedingungen und innerhalb Ihrer Grenzen. Aber ich denke, wir könnten … einander befriedigen.«
Ich kann nicht mal etwas erwidern.
Offenbar sehe ich so geschockt aus, wie ich mich fühle, denn Jonah sagt: »Sie sind in Sicherheit. Sie sind in der Gesellschaft von Freunden. Selbst wenn Sie allein wären, wären Sie in meiner Anwesenheit sicher.«
Mir fallen tausend Einwände ein, die ich vorbringen könnte, von langen empörten Schmähreden bis hin zu einer deftigen Ohrfeige, die er zweifellos verdient hat. Stattdessen sage ich: »Ich kenne Sie ja nicht mal.«
