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Ich weiß, dass es irgendwann aufhören muss.
Ich bin kein Opfer. Und er ist kein Monster.
Aber kann etwas, das sich so gut anfühlt,
wirklich so falsch sein?
Die Fortsetzung der verbotensten Liebesgeschichte des Jahres!
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2017
LILAH PACE
Tainted Souls
Roman
Ins Deutsche übertragenvon Anika Klüver
Nur Sex, eine Gefühle – das war die Abmachung, die Vivienne und Jonah getroffen haben. Doch während die beiden gemeinsam ihre dunkelsten Sehnsüchte auslebten, hat sich zwischen ihnen viel mehr entwickelt. Sie haben sich ineinander verliebt. Aber wie kann eine Liebe Bestand haben, deren Grundlage eine Fantasie ist, die so verboten ist, so krank, dass weder Vivienne noch Jonah sich trauen, sie laut auszusprechen? Die Abgründe ihrer beider Seelen sind zu tief, als dass sie jemals ein normales Leben miteinander führen könnten, da ist Vivienne sich sicher. Und doch wünscht sie sich nichts sehnlicher als genau das. Aber ihre Liebe wird nicht nur von Viviennes Zweifeln bedroht, sondern auch von Jonahs Vergangenheit, die ihn plötzlich wie eine Lawine einholt. Er wird eines schrecklichen Verbrechens beschuldigt, und Vivienne muss erkennen, dass die Wahrheit über ihn und seine Familie viel düsterer ist, als sie jemals hätte ahnen können. Und dass manche Geheimnisse besser für immer im Dunkeln verborgen bleiben …
Tainted Souls beschäftigt sich explizit mit Fantasien über nicht einvernehmlichen Sex. Leser, die auf die Darstellung von nicht einvernehmlichem Sex empfindlich reagieren, werden hiermit darauf hingewiesen. Am Ende des Buches befindet sich eine etwas detailliertere Warnung, die allerdings Teile der Handlung vorwegnehmen könnte.
Ich schäme mich für das, was ich will.
Aber ich will es trotzdem.
Obwohl ich versucht habe, diese Gewohnheit abzulegen, funktioniert es einfach nicht. Manchmal gebe ich mich Fantasien hin, die den meisten Frauen einen Orgasmus verschaffen würden. Ein heißer Kerl, der sein Gesicht zwischen meinen Beinen vergraben und seine muskulösen Arme um meine weit geöffneten Schenkel gelegt hat; dieser sexy Dozent aus meinem Politikwissenschaftskurs, der mich auf dem Schreibtisch in seinem Büro nimmt; sogar Robert Downey jr. und Chris Evans, die mich zu einem Avengers-Dreier einladen und beweisen, dass sie ganz besondere Superkräfte haben.
Nichts davon lässt mich kommen. Meine Fantasien bringen mich jedes Mal unweigerlich zu meiner geheimsten Schande zurück. Die Hände, die mich streicheln, halten mich fest; das Stöhnen der Befriedigung, das ich mir vorstelle, verwandelt sich in Hilfeschreie, Schreie, die niemand hört. Während die Fantasie immer wilder und brutaler wird, genieße ich sie mehr und mehr.
Und letztendlich komme ich nur dann, wenn ich mir vorstelle, vergewaltigt zu werden.
Ich verabscheue mich dafür. Vergewaltigung ist ein scheußliches Verbrechen, das den Opfern das Gefühl gibt, eine leere, zerbrochene Hülle zu sein. Ich sollte es wissen. Zahllose Selbsthilferatgeber und Therapiesitzungen haben mir zu der Erkenntnis verholfen, warum ich diese Fantasien habe. Sie haben mir außerdem zu der Erkenntnis verholfen, dass eine Menge Leute durch derartige Fantasien erregt werden – Frauen sowie Männer. Aber meine Begierden verraten und beherrschen mich dennoch.
Ich habe meine Bedürfnisse lange Zeit geheim gehalten. Die Freunde, mit denen ich zusammen war, hatten keine Ahnung, was ich mir hinter geschlossenen Augenlidern vorstellte, während sie in mir waren. Einmal habe ich versucht, meinem Exfreund Geordie davon zu erzählen. Ich habe das Thema locker angesprochen und so getan, als wäre es lediglich eine verrückte Laune. Doch er teilte diese ungewöhnliche Vorliebe nicht. Er konnte sich nicht darauf einlassen, nicht mal mir zuliebe, und ich fühlte mich daraufhin gedemütigt und schämte mich sogar noch mehr als zuvor.
Aber ich bin froh, dass ich es Geordie erzählt habe. Weil er Monate später auf einer Party in vollkommen betrunkenem Zustand mein Geheimnis ausposaunte. Die meisten Leute, die es mitbekamen, kicherten oder warfen mir anzügliche Blicke zu. Sie erfuhren lediglich, dass ich im Bett etwas Verrücktes ausprobieren wollte.
Ein Mann jedoch hörte die Wahrheit, die nicht mal Geordie begriffen hatte. Ein Mann erkannte genau, was ich wollte und wie ich es wollte.
Jonah Marks verstand es, weil er es ebenfalls wollte.
Wir ließen uns auf eine sexuelle Beziehung ein, die auf unserem gemeinsamen Geheimnis basierte. Zuerst versuchten wir, das Ganze auf einer unpersönlichen Ebene zu belassen. Wir trafen uns nur als Fremde, um die Fantasie intensiver ausleben zu können. Jonah verstand, was ich brauchte und wie er es mir geben konnte. Er ließ mich zu einem Opfer werden; ich ließ ihn zu einem Monster werden. Und doch blieben wir stets innerhalb der Grenzen, die wir festgelegt hatten. Er verstand sich darauf, die heikle Balance zu wahren, sodass ich Angst empfand, mich aber gleichzeitig sicher fühlte.
Doch mit der Zeit waren wir keine Fremden mehr. Wir wussten zwar nur eins über den anderen – aber das war das Intimste, was man überhaupt wissen konnte. Wir hatten einander in die Seele geschaut.
Und schließlich sahen wir zu viel. Sahen die Wahrheit. Jonah zog sich zurück. Jetzt habe ich ihn verloren – fürs Erste und vielleicht für immer.
Aber nicht, wenn ich etwas dagegen unternehmen kann.
Normalerweise macht es mir nichts aus, quer über den Campus zu meinem Auto zu gehen. Mein Stundenplan als Doktorandin und Tutorin ermöglicht es mir meistens, vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu gehen, und die University of Texas in Austin ist eine der größten Universitäten des Landes, was bedeutet, dass dort für gewöhnlich immer Leute unterwegs sind.
Allerdings ist heute der Samstagabend nach Thanksgiving. Die meisten Studenten sind noch zu Hause bei ihren Familien. Die Dozenten ebenfalls. Ich habe New Orleans früher als geplant verlassen. Den riesigen Stapel Seminararbeiten, den ich korrigieren muss, hätte ich auf mehrere Tage verteilen können, aber da ich heute Abend fast fertig war, habe ich ihn bis zum Schluss abgearbeitet.
Deswegen laufe ich jetzt um dreiundzwanzig Uhr über einen fast leeren Campus in der Nähe der Innenstadt.
Ein weißer Truck fährt auf der nahe gelegenen Straße vorbei. Seine Scheinwerfer streifen mich, und ich blinzele gegen die Helligkeit an. Für einen Augenblick denke ich, dass der Truck vielleicht anhalten wird, und ich frage mich, ob er meinetwegen anhält. Doch dann fährt er weiter, und ich atme erleichtert aus.
Alle Welt verbringt so viel Zeit damit, Frauen zu erklären, wie man es vermeidet, vergewaltigt zu werden – mehr Zeit, als sie damit verbringt, Männern zu erklären, dass sie niemanden vergewaltigen sollen. Also rufe ich mir ins Gedächtnis, dass ich weiß, was ich zu tun habe. Ich halte den Kopf hoch. Ich behalte meine Umgebung im Auge, damit mir nichts entgeht. Ich trage keine Kopfhörer, die das Geräusch herannahender Schritte ausblenden könnten, und habe kein Handy in der Hand, das mich mit Textnachrichten oder Spielen ablenkt. Meine Kleidung sollte keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sich ziehen: ein Jeansrock und eine weinrote Strickjacke. Und ich habe flache Schuhe an, in denen ich rennen könnte, falls es nötig werden sollte.
Und ich weiß auch, dass ich jedem Mann, dem ich begegne, in die Augen schauen muss, damit er erkennt, dass ich ihn wahrgenommen habe. Dass ich ihn notfalls identifizieren könnte.
Deswegen drehe ich den Kopf, als ich das dumpfe Geräusch von Stiefeln hinter mir höre – und bleibe wie angewurzelt stehen.
Der Mann, der so nah an mich herangekommen ist, ist groß, fast eins neunzig. Außerdem ist er muskulös, wie seine niedrig sitzenden Jeans und sein eng anliegendes Hemd deutlich machen. Doch er ist kein Bodybuildertyp. Seine Taille ist im Verhältnis zu den breiten Schultern unglaublich schmal, sein Hals lang und sehnig. Seine Proportionen lassen auf Brutalität, aber auch auf Zerbrechlichkeit schließen. Ein Blick genügt, um zu wissen, dass dieser Mann bis aufs Äußerste angespannt ist. Und man fragt sich, wozu er in der Lage wäre. Im bläulichen Schimmer der Straßenlampen sind seine Züge fast zu schön, um schroff zu wirken, aber nicht ganz. Seine Nase ist gerade, seine hohen Wangenknochen sind wie gemeißelt, und sein schmallippiger Mund ist zu einer festen Linie zusammengepresst. Er bräuchte nur eine seiner breiten Hände, um meine Kehle zu umfassen. Die Beschreibung für die Polizei würde folgendermaßen lauten: helle Hautfarbe, dunkles, kurz geschorenes Haar, glatt rasiert. Seine Augen haben die Farbe von Stahl.
Und sie sind unverwandt auf mich gerichtet.
Eben noch habe ich mich so selbstsicher gefühlt. So stark und auf alles gefasst. Jetzt sehe ich mich so, wie mich ein Angreifer sehen würde. Eine Frau Mitte zwanzig, ganz allein und durch das Gewicht einer schweren Umhängetasche voller Seminararbeiten beeinträchtigt. Der Tragegurt der Tasche verläuft diagonal über meinen Oberkörper und drückt meine Strickjacke fest an meine Brüste. Niemand sonst befindet sich in Sicht- oder Hörweite. Mein Auto steht mindestens dreißig Meter entfernt.
Wenn er mich angreifen wollte, könnte ihn niemand aufhalten. Nicht einmal ich.
»Du bist spät unterwegs«, sagt er. Seine tiefe Stimme klingt angespannt. Verkrampft.
»Tja, so ist das eben.« Es ist die Art von bedeutungsloser Floskel, die man Fremden gegenüber äußert. Ich schiebe die Umhängetasche nach hinten. Auf diese Weise könnte ich leichter wegrennen. Doch der Gurt klemmt meine Strickjacke ein und sorgt dafür, dass der Saum hoch genug rutscht, um ein paar Zentimeter meiner Haut zu entblößen. Ich spüre die kühle Nachtluft. Unser endloser texanischer Sommer ist endlich vorbei, und die Kälte hat Einzug gehalten.
Aber ich zittere nicht wegen der Kälte.
Es ist die Erwartung.
»Junge Frauen sollten so spät in der Nacht nicht allein draußen herumlaufen«, sagt er und kommt näher. Das Licht der Straßenlampen verlängert seinen Schatten. Der schmale dunkle Umriss fällt wie eine Grenze zwischen uns auf den Boden. »Das ist gefährlich.«
»Herumlaufen ist nicht gefährlich«, erwidere ich. »Leute sind gefährlich.«
Seine Stimme wird noch tiefer und ist nun fast ein Knurren. »Ja. Also warum bist du hier draußen?«
»Ich gehe zu meinem Auto.«
»Du hättest jederzeit nach Hause gehen können.« Er spricht mit mir, als wären wir Fremde, als wäre ich ein ungezogenes kleines Mädchen, dem er eine Predigt halten darf. »Aber du bist absichtlich bis spät in die Nacht geblieben. Damit du ganz alleine hier draußen herumlaufen kannst.«
Mir stockt der Atem. Die Stimmung zwischen uns hat sich schlagartig verändert.
Und dann wird sie plötzlich scharf wie ein Messer, als er hinzufügt: »Manche Leute würden sagen, dass du regelrecht darauf aus bist.«
Die Möglichkeiten vervielfachen sich in meinem Geist und verwandeln sich in ein pornografisches Kaleidoskop. Er könnte mich in sein oder mein Auto zwingen. Er könnte mich auf dem Rücksitz festhalten, mir die Unterhose vom Leib reißen und mich besinnungslos vögeln. Oder vielleicht würde er es gelassener angehen, mir anbieten, mich in dieser kalten Nacht nach Hause zu fahren und schwören, sich anständig zu verhalten. Doch statt mich wie versprochen zu Hause abzusetzen, würde er sich gewaltsam Zugang zu meinem Haus verschaffen, mich fesseln und stundenlang mit mir machen, was immer er wollte. Er könnte sogar gleich hier über mich herfallen.
Jede andere Frau würde ihr Handy aus der Tasche holen. Oder schreien. Oder weglaufen.
Stattdessen stehe ich da und genieße seinen Anblick. Das Gegenstück zur Angst ist Verlangen, und das Verlangen hat mich jetzt fest im Griff. Nicht nur Verlangen – Lust. Mir ist egal, wie kalt die Nacht ist, mir ist egal, wie gefährlich es wäre. Ich will einfach nur ihn, und zwar so sehr, dass ich alles dafür tun würde.
Und er will mich genauso sehr. Ich erkenne es an der Art, wie sich sein Kiefer anspannt und wie er die ganze Zeit versucht, mich nicht anzusehen, und doch nicht widerstehen kann.
Wir sind zu Jäger und Beute geworden.
Komm schon, Jonah, denke ich, als ich den Mann ansehe, den ich gefürchtet und bekämpft und vielleicht zu lieben begonnen habe. Nun mach schon. Nimm mich.
Er geht einen Schritt auf mich zu – und dann erstarren wir beide, als der weiße Truck erneut vorbeifährt und in der Nähe anhält. Jemand lehnt sich aus dem offenen Fahrerfenster. Durch das grelle Licht der Scheinwerfer erkenne ich den Freund eines Freundes, diesen Kerl namens Mack. »Hey, Vivienne!«, ruft er. »Soll ich dich bis zu deinem Auto mitnehmen?«
»Nein danke!«, antworte ich. Ich hätte das Angebot auf jeden Fall abgelehnt. Mack hat auf mich schon immer wie ein Studentenverbindungstyp gewirkt und ist somit wohl kaum mein Typ. Andererseits hat er angeboten, mir zu helfen, als er mich spät in der Nacht allein und verletzlich draußen herumlaufen sah. Vielleicht habe ich den Kerl falsch eingeschätzt.
Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass ich ihn am liebsten anschreien würde, weil er Jonah und mich unterbrochen hat.
Mack winkt einfach nur, bevor er sein Auto wieder anlässt und davonfährt und mich mit Jonah allein lässt. Doch da ist es bereits zu spät.
Der Zauber ist gebrochen, das Spiel vorbei. Ich schaue Jonah in die Augen, und was ich dort sehe, ist keine Lust. Zumindest nicht nur Lust. Am deutlichsten sehe ich darin Schmerz.
»Das hier läuft jetzt nicht«, sagt er sehr leise. »Tut mir leid.«
Verdammt noch mal. »Du hast damit angefangen …«
»Weil du dafür gesorgt hast, dass ich die Kontrolle verliere.« Jonah wendet sich halb von mir ab und straft seine Worte damit Lügen. Dieser Mann verfügt über eine eiserne Selbstkontrolle. Ich wünschte, es wäre nicht so. »Vivienne, du weißt, dass wir damit aufhören müssen.«
»Du bist derjenige mit dem …« Was sage ich am besten? »Komplex« ist zu trivial und »Problem« zu verurteilend. Worte wie »Wunde« oder »Narbe« kämen der Wahrheit wohl näher. Doch das Letzte, was er will, ist mein Mitleid.
»Ich muss das Spiel für eine Weile unterbrechen«, fährt er entschlossener fort. »Vielleicht für immer. Ich weiß es nicht.«
Für immer? So darf er nicht denken. Wir werden nie eine Lösung finden, wenn er nicht mal danach sucht. »Jonah …«
»Ich kann dir das einfach nicht antun. Nicht nachdem ich die Hintergründe kenne.« Seine Schultern sacken herab, als ob er schon viel zu lange ein schweres Gewicht mit sich herumgetragen hätte. »Das verändert alles.«
»Du weißt schon, dass du mich dadurch nicht beschützt, oder? Du magst das vielleicht glauben, aber in Wirklichkeit hast du nur dafür gesorgt, dass ich mich schäme.« Jonah Marks war der erste Mensch, der mir dabei helfen konnte, diese Scham zu überwinden. Er hat mir den Freiraum gegeben, meine Begierden auszuleben. Dass mir das genommen werden soll, tut mir fast körperlich weh.
»Vivienne …«
»Du hast entschieden, dass ich zu zerbrechlich bin, um berührt zu werden. Und das hat mich zerbrochen.« Meine Stimme versagt mir den Dienst. »Paradox, nicht wahr?«
Ich gehe an ihm vorbei und eile zu meinem Honda Civic. Ich werfe die schwere Umhängetasche ins Auto, steige ein und schlage lautstark die Tür hinter mir zu. Jonah steht in einiger Entfernung und beobachtet mich, um sich zu vergewissern, dass ich sicher ins Auto gelange. Er bestraft mich und beschützt mich. Das ist der Widerspruch, den dieser Mann personifiziert.
Und es ist dieser Widerspruch, der uns nun auseinanderreißt, sowohl äußerlich als auch innerlich.
Als ich den Rückwärtsgang einlege und aus der Parklücke fahre, erhasche ich im Rückspiegel einen letzten Blick auf Jonah. Er sieht mir mit einem so verletzten Ausdruck hinterher, dass ich trotz meiner Verärgerung einen Stich im Herzen verspüre.
Doch was immer er auch fühlt, es reicht nicht aus, um ihn dazu zu bringen, mir zu folgen. Und so fahre ich allein in die Dunkelheit hinaus.
Meine Therapeutin verdient eine Gehaltserhöhung.
Doreen lehnt sich in ihrem Sessel zurück. »Sind Sie überrascht, dass Ihre Begegnung mit Jonah nicht so geendet hat, wie Sie es wollten?«
»Sie fingan, wie ich es wollte, und dann wurden wir unterbrochen.« Jonah wollte es so sehr wie ich, wenn nicht sogar noch mehr. Das spüre ich tief in meinem Inneren. »Aber mir hätte klar sein müssen, dass er es trotzdem nicht durchgezogen hätte.«
»Und warum nicht?«
»Ich dachte, dass er all seine Bedenken beiseitegeschoben hätte, damit wir unsere Probleme mit Sex lösen können«, sage ich. »Aber unser Problem ist der Sex.«
»Tatsächlich?«
»Jonah denkt das.«
Ich ziehe meine von Socken bedeckten Füße auf dem Sofa unter meinen Körper. Doreen bittet ihre Patienten stets, die Schuhe an der Tür auszuziehen. Vermutlich sollen wir uns dadurch weniger förmlich und ungezwungener fühlen. Es funktioniert auch. Keiner der anderen Psychologen, mit denen ich im Laufe der Jahre gesprochen habe, war in der Lage, mir ein Gefühl der Entspannung zu vermitteln. Doch Doreens Praxis ist anders. Die Therapiestunden finden in einem sonnigen, gemütlichen Zimmer in einem Teil ihres Hauses statt. Statt der üblichen Diplome und Zertifikate an den Wänden hat sie alles mit üppigen Zimmerpflanzen und afrikanischer Kunst dekoriert.
Wir haben unsere Sitzungen vor ein paar Wochen abgebrochen, kurz bevor die Beziehung zwischen Jonah und mir auf Grund gelaufen ist. Doreen hatte mich wegen meiner Fixierung auf meine Vergewaltigungsfantasie ein wenig zu sehr in die Enge getrieben. Ich wollte es nicht hören, und wenn ich ehrlich bin, will ich das immer noch nicht. Doch als ich zu ihr zurückkehrte, verstand sie es. Doreen ist klug genug, um zu wissen, wann sie etwas für eine Weile ruhen lassen und wann sie schweigen muss, damit ich gezwungen bin, die Wahrheit zu finden, die die Stille füllt.
Und genau das tut sie jetzt.
»Jonah und ich haben beide mit unseren Fantasien gerungen. Keiner von uns hat je seinen Frieden mit dem gemacht, was wir wollen oder warum wir es wollen. Doch wenn wir zusammen waren und es ausgelebt haben, habe ich mich nicht mehr so schuldig gefühlt und dafür geschämt. Jonah hat sich wahrhaft Mühe gegeben, mir ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Wir haben unsere Grenzen festgesteckt, und er hat sie nie überschritten. Das würde er nie tun. Deswegen konnte ich mich voll und ganz gehen lassen, wenn ich bei ihm war.«
Doreen nickt. »Sie haben Vertrauen und Intimität aufgebaut.«
»Wir haben uns für zu clever gehalten«, murmele ich fast unhörbar in mich hinein. »Als könnten wir diesen Teil unseres Lebens aussperren und die Fantasie erhalten. Aber wir haben nicht verstanden, worauf wir uns eingelassen haben.«
Unsere erste gemeinsame Nacht war brutal, erschreckend und perfekt. Jonah setzte mir zu – er riss mir die Kleidung vom Leib, zwang mich auf die Knie, warf mich auf den Schreibtisch des Hotelzimmers und vögelte mich gnadenlos. Ich kam heftiger als jemals zuvor und schrie auf, während er immer weiter in mich hineinstieß. Meine Schreie entlockten ihm ein triumphierendes Lachen. In diesem Moment besaß Jonah mich, und er wusste es.
Doch danach nahm Jonah mich sanft in seine Arme. Er brachte mir Wasser, vergewisserte sich, dass ich in Ordnung war und gab mir den zärtlichsten Kuss, den ich je bekommen habe.
Dieser Kuss war mein erster Hinweis darauf, dass ich mehr als meinen ultimativen Sexualpartner gefunden hatte. Mit Jonah hatte ich etwas noch sehr viel Selteneres entdeckt.
»Also haben Sie diese Beziehung erweitert«, sagt Doreen und holt mich damit zurück ins Hier und Jetzt. »Und für eine Weile schien das zu funktionieren.«
»Als er mich zum Haus meiner Eltern in New Orleans begleitete, veränderte das alles.« Ich setze mich aufrechter hin. Die Erinnerung an meine rechtschaffene Wut gibt mir neue Energie. »Es war nicht einfach nur die Tatsache, dass er für mich da war, als wir so große Angst um Dad hatten – ich meine, das war natürlich auch ein Faktor. Aber Jonah hat sich meiner Familie gestellt. Er hat die Lügen durchschaut. Und endlich war zum ersten Mal jemand auf meiner Seite, und das war das wirklich Entscheidende für mich.«
»Ihre Familie hat Sie verraten.«
Doreen spricht einfach nur die Wahrheit aus. Doch mir fällt es selbst nach all den Jahren noch schwer, es so unverblümt auszudrücken. Stattdessen zucke ich mit den Schultern und verschränke meine Arme auf meinen Knien. »Sie haben sich auf Anthonys Seite gestellt.«
Sie schüttelt den Kopf. »Sie haben sich auf ihre eigene Seite gestellt. Auf die Seite der Bequemlichkeit und des Luxus und der Verleugnung. Sie entschieden sich, das zu glauben, was leicht war, anstatt das, was unbequem und wahr war, und was das mit Ihnen anstellte, kümmerte sie nicht im Geringsten.«
Selbst Doreen hat es bislang selten so direkt formuliert. Ich finde es erfrischend. »Jonah hat die Wahrheit erkannt, ohne dass man sie ihm erzählen musste. Er hat mir vorbehaltlos geglaubt. Darauf habe ich mein ganzes Leben lang gewartet. Also warum musste diese Wahrheit ausgerechnet das sein, was ihn von mir fortgetrieben hat?«
»Weil Jonah ein Problem damit hat, Vergewaltigungsfantasien mit jemandem auszuleben, der tatsächlich vergewaltigt wurde«, antwortet Doreen nachdrücklich.
Ich senke den Kopf, damit ich ihr nicht in die Augen sehen muss. »Wir haben unsere Regeln aufgestellt. Es war für mich in Ordnung so. Also warum genügt ihm das nicht?«
»Regeln schützen denjenigen, der sie aufstellt, und denjenigen, der sich an sie hält. Als Jonah die Wahrheit über Sie erfahren hat, musste er die Regeln neu definieren.«
»Die Regeln, die er nun aufgestellt hat, halten uns voneinander fern.« Ich weiß nicht, wohin mit mir vor lauter Frustration, und schlinge meine Arme um mich, als ob ich die Unruhe in mir dadurch in Schach halten könnte. »Es ist so, wie wir immer gesagt haben – ich will eine Überlebende sein. Kein Opfer. Aber genau das bin ich jetzt für Jonah. Ein Opfer.«
»Ich bezweifle, dass das so einfach ist. Seine diesbezüglichen Gefühle sind zwangsläufig vielschichtiger Natur. Immerhin ist er auch ein Überlebender.«
Jonah wurde nie vergewaltigt. Nie sexuell belästigt. Was ihm zugestoßen ist, ist absonderlicher und vielleicht sogar noch kränker.
Er und ich haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir wurden beide von denen verraten, die uns hätten beschützen sollen. Wir haben darum gekämpft, seelisch nicht zu zerbrechen, und wir haben gewonnen. Wir haben uns unseren abgründigen Begierden gestellt, die aus unseren dunkelsten Geheimnissen entstanden sind, und darin gemeinsam die ultimative Lust gefunden.
Doch das, was wir gemeinsam haben, hat uns auch auseinandergerissen.
»Wie reagieren die anderen Personen in Ihrem Leben auf die Trennung?«, fragt Doreen. »Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie Jonah gerade Ihren Freunden vorgestellt.«
Trotz allem muss ich lachen. »Ich glaube nicht, dass es irgendjemand von ihnen bemerkt hat.«
Nicht weil es sie nicht kümmern würde, sondern weil unser aller Leben plötzlich auf unterschiedlichste Weise auf den Kopf gestellt wurde.
In Zeiten wie diesen fängt man an, an Astrologie zu glauben. Merkur wird rückläufig.
Später an diesem Tag betrete ich das Mullins Recovery Center, eine ambulante Einrichtung im äußersten Süden der Stadt. Obwohl ich mit meiner Skinny Jeans und dem weiten schwarzen Pullover ganz lässig gekleidet bin, fühle ich mich trotzdem auffällig. Man geht nicht nach Mullins, es sei denn man ist ein Süchtiger oder man sorgt sich um einen solchen. Dies ist kein Ort, von dem ich jemals gedacht hätte, dass ich ihn einmal aufsuchen würde. Aber ich schätze, das gilt für jeden, der herkommt. Niemand plant, Alkoholiker zu werden oder einen solchen zu lieben.
Und ganz sicher plant niemand, sechs Monate nach der Trennung die seelische Stütze seines Exfreunds zu werden. Und doch bin ich hier.
Geordie kommt einen der langen Flure entlang. Die Gummisohlen seiner Turnschuhe quietschen auf dem Linoleum. Soweit man das von einer solchen Einrichtung sagen kann, ist Mullins erstklassig. Trotzdem wirkt das Ganze ein wenig deprimierend, und selbst die Luft riecht antiseptisch. Ich finde, Geordie wirkt irgendwie … verblasst.
Das ist die Erschöpfung, rufe ich mir ins Gedächtnis. Sein Körper kämpft hart darum, sich von den Folgen des Alkoholmissbrauchs zu erholen. Natürlich ist er nicht so wie immer.
Aber vielleicht kenne ich den wahren Geordie auch gar nicht. In gewisser Weise begegne ich ihm gerade zum ersten Mal als die Person, die er ohne Alkohol sein kann.
»Du meine Güte«, sagt er. Sein schottischer Akzent ist ausgeprägter als üblich, als er auf mich zukommt und mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange gibt. »Du bist nicht nur gekommen, du bist sogar zu früh gekommen.«
»Hey, du hast doch gesagt, du brauchst einen Fahrer.«
»Trotzdem danke.« Geordie zieht den Reißverschluss seiner Fleecejacke zu, als würde er die Kälte draußen bereits spüren. »Ich bin nicht sicher, ob mein Ego die Schmach verkraftet hätte, wenn ich ein Taxi hätte rufen müssen, um mich von der Ausnüchterungszelle abholen zu lassen.«
Der Ausdruck »Ausnüchterungszelle« bringt ihm einen strafenden Blick von der Mitarbeiterin an der Rezeption ein. Aber es braucht mehr als das, um Geordie Hilton zu bändigen. Er grinst, als wir beide nach draußen gehen, als ob er dem Tag die Stirn bieten würde.
Als wir meinen Civic erreichen, synchronisiert er sein Handy sofort mit meiner Musikanlage. Das ist eine alte Angewohnheit aus der Zeit, in der wir noch zusammen waren. Es hat mir damals nie etwas ausgemacht, weil Geordie einen tollen Musikgeschmack hat und mir Künstler nähergebracht hat, die ich von selbst nie entdeckt hätte. »Wie geht es dir?«, frage ich ihn.
Geordie hält mit dem Handy in der Hand inne. PJ Harveys basslastiger Beat beginnt durch die Lautsprecher zu wummern. Er schaut mich an, und sein übliches freches Grinsen ist ein wenig … schief. »Ich schätze, mit einem ›Gut, danke‹ lässt du mich nicht davonkommen.«
»Dieses Mal nicht.«
Er lehnt sich auf dem Beifahrersitz zurück. Selbst im blassen Licht dieses bewölkten Nachmittags sind die dunklen Ringe unter seinen Augen und seine hohlen Wangen nicht zu übersehen. Geordie war immer drahtig, aber jetzt wirkt er zu dünn. Nur sein wirres Haar ist so verwegen wie immer, alles andere an ihm wirkt wie ein Schatten seiner selbst.
»Einen Tag nach dem anderen«, sagt Geordie schließlich. »Das sagen sie uns hier immer wieder. Unaufhörlich, bis man denkt, dass man dem Nächsten, der diesen Spruch von sich gibt, eine reinhaut. Aber sie machen das aus einem bestimmten Grund, nicht wahr? Man kann wirklich nicht weiter vorausschauen. Man versucht, den heutigen Tag in den Griff zu bekommen, und lässt den morgigen links liegen, bis er da ist. Also mache ich das.«
Wir schweigen, und eine lange, unangenehme Pause entsteht. Schließlich schaffe ich es zu fragen: »Der Entzug … War er schlimm?«
»Sie sagen, ich habe Glück gehabt. Ich musste kein Delirium tremens durchmachen. Das ist der Teil des Entzugs, bei dem manche Menschen tatsächlich sterben.« Er seufzt. »Ich musste nur mit Erbrechen, Übelkeit, heftigem Zittern und einer drei Tage andauernden Angstattacke klarkommen. Du musst dir das mal lebhaft vorstellen. Doch nun – Trommelwirbel und Fanfarenklänge – bin ich offiziell seit zwei ganzen Wochen nüchtern. Bitte spar dir den Applaus bis zum Ende auf.«
»Du tust so, als wäre das nichts Besonderes.« Ich lächle, teilweise um mein Entsetzen angesichts des Gedankens zu verbergen, dass Geordie so krank und schwach ist. Doch hauptsächlich lächle ich vor Stolz. »Aber du wirst das schaffen. Ganz sicher.«
Er zuckt mit den Schultern. »Zwei Wochen. Nicht mehr.«
»Und auch nicht weniger.« Sicher sind die ersten paar Wochen die schwersten. Andererseits habe ich keine Ahnung, wie sich das mit einer Sucht verhält. Das ist keiner meiner Dämonen. Ich will Geordies Kampf nicht als selbstverständlich hinnehmen. »Als ich mit dir darüber geredet habe, hätte ich ehrlich nicht gedacht, dass du zugeben würdest, dass du ein Problem hast. Stattdessen hast du sofort gehandelt. Das erfordert eine Menge Mut, Geordie.«
Er lacht reuevoll. »Du bist nicht die Erste, die mich auf meinen Alkoholkonsum angesprochen hat. Nur die Erste, der ich Gehör schenkte.«
Ich frage mich, wer in der Vergangenheit mit ihm darüber gesprochen hat. Wie viele Freunde oder Geliebte mochten auf der Strecke geblieben sein, weil Geordie nicht bereit war, sich der Wahrheit zu stellen? »Dann bin ich froh, dass du mir Gehör geschenkt hast.«
»Also gut, genug von meiner erbärmlichen Geschichte. Wie läuft es bei Arturo und Shay? Ich kann nicht glauben, dass ich den kleinen Nicolas noch nicht gesehen habe.«
»Das werden wir ändern«, verspreche ich, als ich den Gang einlege und vom Parkplatz fahre. »Bei ihnen zu Hause geht es natürlich drunter und drüber, aber das Baby ist hinreißend. Du willst ihn einfach nur auf den Arm nehmen und an seinem Kopf riechen.«
»An seinem Kopf riechen?« Geordie schüttelt ungläubig den Kopf. Er wird schon sehen. »Warst du an Thanksgiving zu Hause?«
»Ja.«
Er verzieht das Gesicht. »Oh Gott, tut mir leid. Wie viele zusätzliche Therapiestunden hast du deswegen gebraucht?«
»Dieses Mal war es eigentlich gar nicht so schlimm.« Ich kann Geordie nicht erzählen, warum die Situation besser war. Er weiß zwar, dass es für mich Stress bedeutet, mit meiner Familie zusammen zu sein, aber er kennt nicht die wahren Hintergründe. Meine Vergewaltigung ist etwas, von dem ich nur einer Handvoll Menschen erzählt habe. Also kann er nicht wissen, was mir Jonahs Verteidigung bedeutet hat. »Dad erholt sich gut. Ich war nur ein paar Tage dort, weil Mom sagte, dass sie endlich wieder ›zu ihrem gewohnten Alltag‹ zurückfinden würden. Anthony und Chloe waren auf einer Art Ausflug, deswegen waren nur meine Eltern, Libby und ich dort.« Endlich konnte ich mal ohne Anthony Zeit mit meiner Familie verbringen, und ausgerechnet in diesem Jahr verlangt meine Mutter nicht, dass ich so lange wie nur menschenmöglich bleibe. Typisch.
»Deine Schwester und ihr Mann haben an Thanksgiving Urlaub gemacht?«, hakt Geordie nach. »Und sie haben ihre Tochter bei euch gelassen?«
»Ich weiß. Das ist merkwürdig.« Besonders wenn man bedenkt, wie sehr Chloe versucht hat, mir Schuldgefühle einzureden, damit ich an diesem Thanksgiving nach Hause komme. Andererseits hat sie mir dieses Ultimatum gestellt, bevor sie gehört hat, wie Anthony einen Teil dessen, was er mir angetan hat, zugegeben hat. Zweifellos wollte keiner von ihnen so bald eine weitere Konfrontation erleben. Es fühlt sich gut an zu wissen, dass sie dieses Mal zuerst klein beigegeben haben. »Wegen Dads Herzkrankheit hatten wir ein fettarmes, natriumarmes Essen – ugh. Aber ich habe mich mit Libby am nächsten Tag aus dem Haus geschlichen, um Pekannusskuchen zu essen. Damit zählt das als das beste Thanksgiving, das ich seit zehn Jahren oder so hatte.«
»Es ist auf jeden Fall besser als meins. Ich meine, meine Familie, wir sind Schotten, also haben wir uns nie viel daraus gemacht, obwohl wir schon eine ganze Weile hier leben. Manchmal hat meine Mutter einen Truthahn im Supermarkt gekauft. Das war’s. Aber dieses Jahr war ich während der ›Feier‹ in Mullins, und nein, du brauchst dich wegen dieser Anführungszeichen, die ich mit den Fingern gemacht habe, nicht über mich lustig zu machen. Sie sind nämlich durchaus berechtigt. Wenn du je den wahren Geschmack von Depression kosten willst, kann ich dir versichern, dass du ihn in Instantkartoffelbrei in einer Alkoholentzugsanstalt finden wirst.«
Ich kichere. »War es so schlimm?«
»Fragt diejenige, die nie Instantkartoffelbrei gegessen hat. Er schmeckt nach unechter Butter und gescheiterten Träumen. Und oh! Sie haben dazu eine Scheußlichkeit namens ›Turducken‹ serviert.«
»Was redest du da? Turducken ist köstlich.«
Geordie wirft mir einen skeptischen Blick zu. »Warum habe ich dann noch nie zuvor davon gehört? Was für ein Tier soll das überhaupt sein?«
»Das Gericht heißt so, weil es aus einem Truthahn besteht, den man mit einer Ente und einem Hühnchen gefüllt hat.«
»Und das soll ein Festtagsessen sein? Das klingt eher nach einem fehlgeschlagenen Experiment von Doktor Moreau.«
Es fühlt sich gut an, wieder so zu lachen. Geordie und ich waren schon immer eher Freunde als ein Liebespaar. Deswegen ist es uns auch gelungen, diese Freundschaft nach dem Ende unserer Beziehung aufrechtzuerhalten. Er braucht jetzt einen Freund – und ich ebenso, wenn auch in geringerem Maße.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, fragt Geordie: »Ist Jonah an Thanksgiving mit dir zu deinen Eltern gefahren? Du sagtest doch, er sei schon vorher mal mit dir in New Orleans gewesen.«
Seine Wortwahl ist wohl bedacht und höflich. Geordie ist nicht wirklich eifersüchtig auf Jonah. Wir haben uns in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Aber den nächsten Mann in meinem Leben zu akzeptieren ist vermutlich trotzdem schwierig für ihn.
Oder das wäre es, wenn Jonah immer noch ein Teil meines Lebens wäre.
»Ist er nicht.« Ich verabscheue es, dass meine Stimme plötzlich brüchig klingt. Ich höre mich an wie meine Mutter. »Wir … machen eine Pause.«
Geordie wirft mir einen Blick von der Seite zu. »Meinst du eine Ross-und-Rachel-Pause? Oder die dauerhaftere Variante?«
Die einzige Möglichkeit, nicht länger wie meine Mutter zu klingen, besteht darin, etwas zu tun, das sie niemals tut: die absolute Wahrheit zu sagen. »Ich wünschte, ich wüsste es.«
Wieder schweigen wir, und die Musik aus den Lautsprechern füllt die Stille. Geordie tätschelt meinen Arm. Es ist eine unbeholfene Geste, aber ich weiß sie trotzdem zu schätzen. Nach allem, was ich erlebt habe, hilft sie mir, mich daran zu erinnern, dass ich nicht allein bin.
Dank meiner Therapiesitzung, dem Abholen von Geordie und dem Beantworten einiger E-Mails von panischen Studenten, die mich in letzter Minute über den Status ihrer bevorstehenden Abschlussarbeiten informieren wollen, sind meine Gedanken den ganzen Tag über beschäftigt. Erst als ich abends nach Hause komme, fängt meine Vorstellungskraft an, in gefährliche Richtungen abzudriften.
Ich wohne in dem kleinen Bereich zwischen der South Congress Avenue und der First Street, der eigentlich einer der begehrenswertesten Flecken der Stadt sein sollte. Doch die meisten Häuser hier wurden lange vor dem Einzug der Restaurants und Clubs gebaut, bevor Durchschnittswohnhäuser Eingangshallen, Kathedralendecken oder riesige Schlafzimmer hatten. Wir haben kleine Gärten und Drahtzäune. Wir haben Einfahrten anstelle von Garagen. Meine Nachbarn sind eine Mischung aus älteren Paaren, die tapfer durchhalten, Yuppies, die immer ein Projekt am Laufen haben, und Collegestudenten, die seltsame Flaggen oder Bierschilder in ihre Fenster hängen.
Mein Haus ist ein wenig schicker als die umliegenden. Es befindet sich ganz in der Nähe des größeren Hauses, in dem mein Vermieter wohnt und das zu den älteren in dieser Gegend zählt. Manchmal frage ich mich, ob es ursprünglich als Gästehaus oder sogar als Bedienstetenunterkunft gedacht war. Aber egal, zu welchem Zweck es gebaut wurde, ich bin froh, dass es nun mein Zuhause ist. Ich liebe mein kleines Haus aus weißen Ziegeln mit seinen zahlreichen Bücherregalen (die alle voll sind) und dem offenen Kamin, den ich nicht oft benutze. Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, die kleinste Kochnische der Welt und ein sogar noch kleineres Bad – das ist alles. Wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, sicher in einem gemütlichen kleinen Nest über dem Rest der Welt zu hocken.
Einmal habe ich Jonah allerdings hier einbrechen lassen.
Als ich mich auf mein Sofa setze, baumelt mein E-Reader fast vergessen in meiner Hand. Ich kann die Worte auf dem Bildschirm nicht sehen, nicht während ich mich an diese Nacht erinnere.
Wir haben die Regeln für die Spiele immer im Voraus abgesprochen. Unterschiedliche Begegnungen, unterschiedliche Gewalt, unterschiedliche Methoden. Einmal hat er so getan, als wäre er ein nicht ganz so guter Samariter, der angeboten hat, mir bei einem Reifenwechsel zu helfen, den Preis für seine Hilfe aber mit jeder Sekunde erhöht hat. Zuerst sollte ich nur meine Hand auf seinen Schwanz legen, und schließlich lag ich breitbeinig auf dem Rücksitz seines Wagens, während er mich besinnungslos gevögelt hat. Ein anderes Mal hat er so getan, als wäre er ein Fremder auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, der mich mit einem Trick hinter die Bühne gelockt und mich dort genommen hat, während er eine Hand fest um meine Kehle gelegt hatte. Jede Begegnung war anders. Jede bediente eine andere Art von Fantasie.
In der Nacht, in der er hier eingebrochen ist, hat er mich verhöhnt. Er hat mich mit meinem eigenen Sexspielzeug gedemütigt. Ich habe mich gewehrt, ihn beschimpft, aber es hat nichts gebracht. Jonah hat mich gezwungen, ihm einen zu blasen, und ist zum ersten Mal in meinem Mund gekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich selbst bereits zwei Orgasmen hinter mir und war … schlaff, fast schon schwach von den Nachwirkungen. Doch ich habe es trotzdem genossen, ihn in mich aufzunehmen und alles zu schlucken. Er hätte mich die ganze Nacht lang vögeln können, wenn er es gewollt hätte. Ich hätte uns nicht aus dem Spiel genommen. Ich wäre sein Opfer gewesen, seine Sklavin. Der bloße Gedanke daran, dass er die Kontrolle übernimmt, bringt meinen Puls zum Rasen. Ich spüre ihn in meinem Bauch, in meiner Kehle und zwischen meinen Beinen.
Jonah, denke ich und lasse mich auf die weißen Kissen auf meinem Sofa sinken. Warum kannst du das nicht überwinden?
Aber die Frage ist nicht fair. Wir können uns unsere eigenen Grenzen nicht immer aussuchen. Wenn er unsere Fantasien nicht mehr ausleben kann, nachdem er nun weiß, was ich durchgemacht habe, dann … ist das eben so.
Ende.
Diesen Gedanken habe ich noch nie zugelassen. Trotz der Funkstille zwischen mir und Jonah habe ich so fest daran geglaubt, dass wir wieder zueinanderfinden würden – dass das, was wir miteinander geteilt haben, stärker sein würde als das, was uns angetan wurde. Mein Glaube allein reicht jedoch nicht aus. Jonah muss es ebenfalls glauben, und vielleicht tut er das nicht.
An diesem Abend auf dem Campus muss er die Hoffnung und die Verzweiflung gespürt haben, die ich ausgestrahlt habe. Ich habe das Verlangen in seinem Blick gesehen, als er meinen kurzen Rock betrachtet hat, und dann den gequälten Gesichtsausdruck, als er sich abwandte, nicht bereit, sich auf mich einzulassen.
Soll das unser letztes Zusammentreffen gewesen sein? Ist unser Ende so kümmerlich und traurig?
Wir hätten etwas Besseres verdient. Wir beide.
Tränen treten mir in die Augen. Ich habe mir wegen dieser Sache bislang keinen einzigen Zusammenbruch gestattet, weil ich so fest entschlossen war zu glauben, dass Jonahs Rückzug nur ein Umweg statt einer Sackgasse sein würde. Doch nun lasse ich alles raus, rolle mich zusammen und weine lange und ausgiebig.
Während ich in meine Armbeuge schluchze, sage ich mir: Lass einfach los. Aber es gibt zu viel, das ich loslassen muss. Die Last der Fantasie, die Schuld, meine Wut auf Anthony und vor allem Jonah und alles, was wir hätten sein können – so viel mehr als Partner in einer Fantasie. Das alles ist mehr, als ich in einer Nacht verarbeiten kann.
Doch ich tue mein Bestes. Ich weine, bis ich keine Tränen mehr habe und hebe den Kopf nur von dem feuchten Kissen, um ins Bett zu kriechen. Mittlerweile schmerzt mein Kopf vom Weinen, und Erschöpfung überkommt mich innerhalb von Sekunden. Ich falle in einen Schlaf, der zu tief ist, um zu träumen.
Am nächsten Morgen wache ich mit immer noch geschwollenen Augen auf und verspüre eine lähmende Furcht bei dem Gedanken daran, diesen Tag überstehen zu müssen.
Deswegen bin ich auch so schockiert, als ich auf mein Handy schaue und eine Nachricht von Jonah entdecke.
Er hat mir die ersten Worte gesandt, die ich ihm damals geschickt habe: Lass uns reden.
Als ich an diesem Abend Richtung Innenstadt fahre, bin ich nervös und kann kaum auf meine Umgebung achten. Vielleicht hätte ich ein Taxi nehmen sollen. Ich rufe eine ruhige Playlist auf und hoffe, dass mich die sanften Klänge von Norah Jones beruhigen werden.
Aber wem mache ich etwas vor? Ruhe steht heute Abend nicht auf dem Programm. Ich habe Jonah so sehr vermisst, körperlich und seelisch. Es fühlt sich an, als hätte ich jahrelang auf diesen Moment gewartet und nicht nur ein paar Wochen.
Wir können das schaffen, rede ich mir selbst Mut zu. Das hat Jonah nun auch endlich erkannt. Hätte er sonst auf diese Weise Kontakt zu dir aufgenommen? Ihr zwei habt eine neue Chance. Verdirb sie nicht, indem du jetzt ausflippst.
Gerade als ich das denke, klingelt mein Handy, und ich verbinde es mit dem Lautsprechersystem des Autos. Vielleicht ist es Jonah. Ich verspüre plötzlich einen Anflug von Angst, dass er die Verabredung absagen könnte, weil er glaubt, doch nicht damit umgehen zu können.
Doch als ich höre, wer es ist, muss ich lächeln. »Vivienne, Schätzchen!«
»Hi, Kip.«
Kip Rucker ist Sekretär an unserem Kunstinstitut. Er besteht zu siebzig Prozent aus gnadenloser Effizienz, zu zwanzig Prozent aus Dreistigkeit und zu zehn Prozent aus Allwissenheit. Selbst seine neue glutheiße Romanze mit einem Barkeeper namens Ryan hat seine Fähigkeit, so ziemlich alles an der University of Texas umzudrehen, weiterzuleiten oder sonst wie zu kontrollieren, nicht erschüttert. Es ist so, als besäße er sowohl Hermine Grangers Zeitumkehrer als auch Saurons alles sehendes Auge.
Zum Glück mag Kip mich.
»Wirst du den Boden unter meinen Füßen küssen?«, fährt er fort. »Vorausgesetzt, du tust es nicht bereits, was du allerdings solltest.«
»Natürlich tue ich das. Und warum werde ich dich sogar noch mehr verehren?«, frage ich, während ich weiter Richtung Innenstadt fahre.
»Tanisha, meine Freundin im Archivbüro …«
Buchstäblich jeder an der Universität ist Kips Freund … oder schuldet ihm zumindest einen Gefallen.
»… stellt die Stundenpläne zusammen, und dank meines Ratschlags hat ein gewisser Jemand im nächsten Semester nur zwei Unterrichtstage pro Woche und nicht den geringsten Grund, vor dreizehn Uhr auf dem Campus zu sein«, beendet er seine Ausführungen mit sichtlicher Zufriedenheit. »Die Lobhudelei darf nun beginnen.«
»Das ist fantastisch!«, rufe ich laut lachend. »Oh Gott, ist das der Teil, bei dem ich dir mein erstgeborenes Kind geben muss?«
»Was in aller Welt sollte ich denn damit anfangen? Als Gegenleistung verlange ich natürlich lediglich deine unsterbliche Dankbarkeit. Und einen Gefallen, falls ich je einen benötigen sollte.«
»Geht klar.«
»Hast du heute Abend irgendwas vor?«
»… Nichts Besonderes.«
Ich wünschte, ich könnte die Worte zurücknehmen, kaum dass ich sie ausgesprochen habe. Kip anzulügen, funktioniert nie. »Ohhhh«, macht er und klingt dabei unerträglich wissend. »Diese Kombination aus Unehrlichkeit und Zögern erregt meine Aufmerksamkeit. Entweder hast du jemanden gefunden, um Jonah Marks eifersüchtig zu machen, oder der schwer fassbare Mr Marks ist ganz von selbst zur Vernunft gekommen.«
»Dieses Gespräch führen wir noch nicht.«
»Aha! Also ist er zur Vernunft gekommen.« Ich kann mir Kips Gesichtsausdruck nur zu gut vorstellen – halb erwartungsvoll, halb ausgehungert, wie eine Katze, die sich zum Sprung bereitmacht. »Erzähl mir alles.«
»Momentan gibt es noch nicht viel zu erzählen, das schwöre ich. Hast du nicht selbst einen heißen Freund, mit dem du deine Zeit verbringen kannst?«
»… Wenn ich so darüber nachdenke, ja, den habe ich tatsächlich. Aber glaub ja nicht, dass du dich damit aus der Affäre ziehen kannst. Du wirst mir die ganze Sache erklären, wenn ich dich das nächste Mal sehe.«
»Gute Nacht, Kip.« Ich lege auf und merke, dass ich für diese kurze Unterbrechung dankbar bin. Von Kip zu hören war genau das, was ich gebraucht habe, um damit aufzuhören, mir Sorgen zu machen. Nun kann ich es zulassen, nach vorne zu schauen und diesem Abend mit Jonah entgegenzublicken. Wieder mit ihm zu reden.
Ich kann es zulassen zu hoffen.
Wir treffen uns in derselben Hotelbar, in der wir unsere ersten Vereinbarungen für unser Abkommen getroffen haben. Hier stellten wir unsere Regeln auf, hier wurden die Grenzen festgelegt.
Vielleicht können wir heute Abend ein paar Grenzen einreißen.
Manche Hotelbars scheinen für Tagungen konzipiert worden zu sein – lange Tische, die sich hervorragend dafür eignen, ein Dutzend ausgelassener Fremde mit Namensschildern unterzubringen, und kitschige Getränkekarten aus Plastik in grellem Orange oder Grün auf jeder verfügbaren Oberfläche. Aber dieser Ort? Er ist für Verführungen gedacht. Der Lobbybereich der Bar ist mithilfe von weißen Wänden gewissermaßen in einzelne Nischen unterteilt, in denen niedrige cremefarbene Sofas stehen. Die erdfarbenen Kissen und der farblich passende Teppich sowie das gewaltige prasselnde Kaminfeuer verleihen dem Ort eine Atmosphäre wie aus TausendundeinerNacht.
Ein Sonntagabend würde hier in jeder Woche ruhiger sein. Da dies aber das Ende der Thanksgiving-Ferien ist, habe ich die Bar für mich allein – bis Jonah hereinkommt.
Sein dunkler Pullover mit V-Ausschnitt schmiegt sich an die beeindruckenden Formen seines Körpers – die breiten Schultern und die schlanke Taille. Seine weizenfarbene Hose deutet die muskulösen Oberschenkel eher an, als sie zu betonen, aber eine Andeutung kann eine Menge bewirken. Er mustert mich mit seinen grauen Augen, und die Situation erinnert mich an den kühlen abschätzenden Blick, den er mir so oft zugeworfen und der mich schon immer ganz verrückt gemacht hat.
Heute Abend ist sein Blick jedoch düster. Roh.
Obwohl diese Unterhaltung definitiv nur das ist – eine reine Unterhaltung, keine Spiele, kein Sex –, habe ich mich so angezogen, dass ich Jonah daran erinnere, was er verpasst. Eine enge schwarze Jeans, ein hautfarbenes Camisol, um die Illusion von nackter Haut unter meinem leicht durchscheinenden roten Oberteil zu erzeugen, und Schuhe mit extra hohen Absätzen. Normalerweise würde ihn dieses Outfit anmachen. Doch als ich die Traurigkeit in ihm spüre, komme ich mir dumm vor, weil ich gedacht habe, ein sexy Outfit könnte alles wieder in Ordnung bringen.
Unser Problem besteht nicht in einem Mangel an Anziehungskraft. Wir entflammen schon füreinander, wenn wir uns nur im selben Raum befinden.
Unser Problem ist, dass uns dieses Feuer komplett niederbrennen könnte.
Jonah beugt sich so nah zu mir hin, dass ich denke, er wird mich auf die Wange küssen, aber das tut er nicht. Er setzt sich einfach neben mich. Unsere Knie berühren sich fast. Ich bin ihm so nah, dass ich den Duft seiner Haut riechen kann. In dem Moment wird mir schmerzhaft bewusst, wie sehr ich das vermisst habe. Ihn. Uns.
»Tut mir leid«, sagt er. Jonah hält nicht viel von Begrüßungen oder Verabschiedungen. »Dass ich mich dir letztens auf dem Campus auf diese Weise genähert habe – das war nicht fair.«
»Es wäre fair gewesen, wenn du nicht aufgehört hättest.« Ich will ihm klarmachen, dass es in Ordnung ist, wenn er mich anfasst. Mehr als in Ordnung. Ich würde darum betteln, hat er gesagt. Und in diesem Moment würde ich tatsächlich betteln, wenn ich glauben könnte, dass es etwas bringen würde. Es würde nichts bringen.
»Hör auf.« Er kann mir nicht länger ins Gesicht sehen. Stattdessen fällt sein Blick auf die Weinflasche, die ich für uns bestellt habe – ein Pinot noir, dessen dunkelrote Farbe durch das Feuer, das direkt dahinter lodert, noch betont wird. Zwei Gläser stehen wartend daneben.
»Ich habe schon bestellt«, sage ich, da mich sein Schweigen ein wenig verwirrt. »Ich hoffe, das ist okay.« Wir wissen beide, dass ihm vollkommen egal ist, was wir trinken.
»Ich hätte Hallo sagen sollen, wie ein normaler Mensch«, fährt Jonah fort. »Ich hätte dich zu deinem Auto begleiten sollen. Doch der Anblick von dir in diesem Rock, ganz allein dort draußen …«
Seine Fantasien fangen immer mit einer Frau an, die allein und angreifbar ist. So fangen auch meine Fantasien an.
Als sich unsere Blicke treffen, sehe ich den Jonah, den ich kenne und begehre. Den Jonah, den er vor allen anderen außer mir zu verbergen versucht. »Ich konnte die ganze Nacht lang nicht aufhören, an dich zu denken«, flüstert er.
Hitze durchströmt mich, während ich mir Jonah in seiner Wohnung vorstelle, wo er die Faust fest um seine Erektion geschlossen hat, in der Dusche steht und sich zu der Erinnerung an mich an diesem Abend selbst befriedigt. Vielleicht hat er sich dabei eins der Szenarien vorgestellt, die mich erregt haben, zum Beispiel wie er mich in mein Auto zerrt und mich auf meinem eigenen Rücksitz nimmt. Ich denke daran, wie seine Lippen leicht geöffnet sind, während er schwerer und heftiger atmet. Das Wasser aus der Dusche prasselt auf seine helle Haut, und die dunkle Spitze seines Schwanzes bewegt sich in seinem Griff vor und zurück. Als er das getan hat, hat er sich an mich erinnert.
Meine Macht über ihn entspringt meiner Machtlosigkeit in seinen Armen. Das Paradoxon versetzt uns beide in einen Rausch.
Ich lehne mich vor und schenke uns beiden ein Glas Wein ein. Ich will ihn nicht betrunken machen oder ihn überreden, etwas zu tun, das er nicht tun will. Er hat meine Grenzen akzeptiert, und ich will seine akzeptieren. Aber dies ist ein schwieriges Thema für uns, selbst nachdem wir monatelang gemeinsam unsere Fantasien ausgelebt haben. Der Wein kann da nur helfen.
Wir brauchen ein wenig Gleitmittel, denke ich, werde den Witz jedoch nie mit ihm teilen können. Meine Unterhose ist allein von seinem Anblick bereits so feucht, dass ich spüren kann, wie sich der Schritt meiner Jeans damit vollsaugt.
»Wolltest du dich deswegen mit mir treffen?«, frage ich. »Weil du nicht aufhören kannst, an mich zu denken?«
Jonah atmet aus. Es ist kein richtiger Seufzer. »Natürlich.«
Die Hoffnung flammt heller in mir auf. »Du bist wieder bereit, unsere Spiele zu spielen?«
Seine Miene verfinstert sich. »Das habe ich nicht gesagt.«
Warum nicht?, will ich flehend fragen. Aber wir beide kennen den Grund.
Bei unserer letzten intimen Unterhaltung hat mir Jonah endlich den Grund für seine Fantasien anvertraut. Er wurde in eine so privilegierte und wohlhabende Familie hineingeboren, dass er ebenso gut ein Prinz in einem Märchen hätte sein können. Seine Mutter, Lorena Marks, war eine Erbin, womöglich die reichste und hübscheste Frau unter Chicagos oberen Zehntausend. Sein Vater, Alexander Marks, war ein Selfmademan und einer der Mitbegründer von Oceanic Airlines. Sowohl Jonah als auch seine kleine Schwester Rebecca wuchsen in Redgrave House auf, einem Herrenhaus, das aufgrund seiner imposanten barocken Bauweise im ganzen Land bekannt ist. Sie trugen Kleidung aus Samt, wurden von Kindermädchen umhegt und hatten keine Sorgen.
Doch in Märchen passiert irgendwann immer etwas Schlimmes. Jonahs Vater starb, und seine Mutter – vielleicht von Trauer gezeichnet – heiratete erneut. Für Außenstehende muss es so ausgesehen haben, als würde Jonahs Stiefvater die Rolle des Königs gleichermaßen gut ausfüllen. Carter Maddox Hale ist ein Luxushotelmogul, der die Titelseiten von Zeitschriften wie Forbes schmückt. Er hat zwei Kinder aus erster Ehe mit in die Beziehung gebracht, ein Mädchen namens Elise und einen Jungen namens Maddox. Jonah zufolge kamen die Kinder vom ersten Tag an bestens miteinander zurecht und haben sich nie als »Stiefbruder« oder »Stiefschwester« bezeichnet. Sie haben sich immer wie Blutsverwandte gefühlt.
Im Inneren von Redgrave House zeigte Carter Hale jedoch sein wahres Gesicht. Das Märchen entwickelte sich in die falsche Richtung, und der König verwandelte sich in ein Ungeheuer.
Carter vergewaltigte seine Frau regelmäßig und auf brutale Weise. Das allein würde schon ausreichen, um ihn als Monster zu bezeichnen. Doch seine Bedürfnisse waren sogar noch entarteter. Als Jonah fünf Jahre alt war … fing Carter an, ihn zu zwingen, dabei zuzusehen.
Entweder befahl er Jonah, sich an die Wand zu stellen oder sich direkt neben ihnen aufs Bett zu legen. Elise musste ihnen manchmal ebenfalls zusehen. Jonah und Elise bemühten sich nach Kräften darum, dass Carter die beiden jüngeren Kinder in Ruhe ließ. Ich weiß nicht einmal, ob Rebecca und Maddox je die Wahrheit erfahren haben. Aber Jonah hat das Gefühl, dass er sie vor dem Schlimmen bewahren konnte und dass sie deswegen innerlich nicht so verkorkst sind, wie er es für immer sein wird.
Denn das war Jonahs erster Eindruck von Sex – gewalttätig, heftig und gnadenlos. Als Kind fragte er seine Mutter immer wieder, was nicht stimmte. Und immer wieder weigerte sie sich, die Wahrheit zu akzeptieren und sich ihr zu stellen. Sie zu verleugnen fiel ihr leichter. Also erzählte sie Jonah, dass das, was passierte, normal zwischen Männern und Frauen sei.
Er lernte zum Glück, dass das nicht stimmte. Aber der Schaden an seiner Seele war bereits angerichtet. Für ihn werden der Anblick und die Geräusche von Gewalt immer erregend sein. Das kann er ebenso wenig ändern wie ich.
Vergewaltigung war auch meine erste Erfahrung mit Sex.
»Zu wissen, dass du verletzt wurdest«, sagt er, »zu erkennen, was Anthony dir angetan hat – das verändert die Situation grundlegend für mich.«
Ich war so verdammt glücklich, als Jonah Anthony die Stirn geboten hat. Er hat die Wahrheit hinter unserem Verhalten erkannt. Dieselbe Wahrheit, die meine Familie nicht sehen wollte, als ich sie ihnen in klaren Worten mitteilte. Niemand hat mich je verteidigt. Niemand hat Anthony dazu gebracht, mich in Ruhe zu lassen.
Wenn ich gewusst hätte, dass das das Ende meiner Beziehung zu Jonah einläuten würde, wäre ich stattdessen weinend zusammengebrochen. Mir wäre sogar egal gewesen, dass Anthony dabei zugesehen hätte.
»Es hat mich immer so sehr erregt«, fährt Jonah fort, »mir vorzustellen, wie du mir gefesselt ausgeliefert bist. Und nun will ich mich nur noch zwischen dich und alles und jeden stellen, der dir Schaden zufügen könnte.«
Tränen brennen in meinen Augen. Ich habe so lange auf jemanden gewartet, der das für mich empfindet.
Und doch habe ich ebenso lange auf jemanden gewartet, der so mit mir schlafen kann, wie ich es wirklich will – der mich so akzeptiert, wie ich bin, mit all meinen verkorksten Vorlieben. Werde ich mich immer zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden müssen?
»Du weißt, wie sehr ich das brauche«, flüstere ich.
Aber er schüttelt den Kopf. »Es kann nichts geben, was einer von uns beiden im Bett so sehr will, wie wir einander brauchen.«
Dem kann ich nicht widersprechen. Und das will ich auch nicht. Jonahs Stimme klingt mittlerweile brüchig. Er umfasst mit einer Hand meinen Unterarm, als würde er ihn nie wieder loslassen wollen.
»Du bist der Einzige, der mich je verstanden hat, Jonah. Der Einzige, der mich je vollkommen verstehen könnte.« Meine Stimme zittert. Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch. »Aber du hast dich von mir zurückgezogen.«
»Tut mir leid. Ich hätte mir mehr Mühe geben sollen, es besser durchdenken sollen. In jenem Moment habe ich mich einfach so sehr dafür gehasst, dich verletzt zu haben, dass ich nichts anderes wahrnehmen konnte. Ich konnte nichts außer meinem eigenen Schmerz fühlen.«
Du hast mich nicht verletzt, Jonah. Du hast mir gegeben, was ich wollte, als niemand sonst bereit dazu war. Warum kannst du das nicht verstehen?
»Es muss eine andere Möglichkeit für uns geben, zusammen zu sein«, spricht er weiter.
»Wie normale Menschen?« Es ist ein Scherz. Wir beide lächeln schief. Was auch immer Jonah und ich zusammen sind, es ist nicht normal. »Bedeutet das, dass wir niemals wieder unsere Spiele spielen werden?«
Die Erwähnung des Euphemismus lässt sein Lächeln verblassen. »Wir können eine Beziehung ohne diesen Aspekt haben.«
»Ja, das können wir – das könnten wir –, aber ich will es nicht. Du hast mir nicht nur die Fantasie erfüllt, die ich wollte, du hast mir auch etwas gegeben, das ich brauchte.«
Dann neige ich den Kopf und fordere ihn dazu auf, für einen Augenblick weniger ernst zu sein. »Und es war der absolut beste Sex meines Lebens. Willst du mir etwa erzählen, dass es für dich nicht gut war?«
»Du weißt, dass es das war. Keine andere Frau war je bereit, sich mir so vollkommen hinzugeben. Herrgott, du bist perfekt.« Jonah bremst sich ein wenig. »Aber ich brauche das Spiel nicht, um den Sex mit dir zu genießen. Erinnerst du dich an Schottland?«
Früher in diesem Herbst hatte er mich für eine unglaubliche Woche in die Highlands entführt. Während er tat, was immer Erdbebenwissenschaftler vor der schottischen Küste so tun, zeichnete ich unablässig. Ich füllte zahllose Seiten mit Skizzen von heidebedeckten Hügeln und Ottern, die durch dunkles Wasser gleiten. Ich habe vor, diese Zeichnungen bald in eine Reihe von Radierungen umzuwandeln. Wir aßen in dem kleinen Küstengasthaus, in dem wir untergekommen waren, zu Abend, und in den Nächten ging Jonah mit mir ins Bett und behandelte mich wie die zerbrechlichste Sache der Welt. Er liebkoste mich, verwöhnte mich länger mit seinem Mund, als es jeder andere Mann je getan hat …
… und es genügte nicht.
Das ist nicht seine Schuld. Ich kann guten Oralsex durchaus als solchen erkennen, und verdammt noch mal, Jonah ist darin ein ausgewiesener Experte. Aber mein Gehirn wurde lange vor meiner ersten Begegnung mit Jonah auf Perversität programmiert.
»Ich habe den Sex mit dir in Schottland genossen«, sage ich ehrlich. Einfach seine Nähe zu spüren und seine sanfte Behandlung zu erfahren war auf ganz eigene Weise wunderbar. »Aber mittlerweile musst du begriffen haben, dass das allein für mich nicht funktioniert hat.«
»Du meinst, du hast deine Orgasmen vorgetäuscht?« Er klingt gekränkt. Betrogen.
»Nein, das habe ich nicht! Das musste ich bei dir nie tun, Jonah. Nicht ein einziges Mal.« Ich nehme seine Hand in meine. »Ich hätte von Anfang an ehrlich zu dir sein sollen. Aber es fiel mir so schwer, dir gegenüber zuzugeben, dass ich nicht … dass ich nicht kommen kann, ohne mir vorzustellen, dass ich vergewaltigt werde.«
Ich habe gerade das V-Wort in der Öffentlichkeit gesagt. Aber niemand sitzt in unserer unmittelbaren Nähe, und die leise Musik dämpft alles, was wir sagen, also kann uns niemand belauschen.
»Manchmal fällt es mir sogar schwer, es mir selbst gegenüber einzugestehen. Ich hasse es. Ich habe so viele Jahre in Therapie verbracht und versucht, mich davon zu befreien, aber es hat nichts geändert. Also habe ich das Spiel immer noch gespielt, selbst als du es nicht mehr getan hast.«
Jonah lehnt sich auf dem Sofa zurück. Er wirkt enttäuscht – nein, schlimmer. Verletzt. Aber nicht weil ich ihn gekränkt hätte, sondern weil ihn das Mitleid schmerzt, das er mit mir hat.
»Nie«, sagt er. »Du bist noch nie auf andere Weise gekommen.«
»Vor Anthony …« Doch ich halte inne. Sexuell gesehen gibt es für mich eigentlich keine Zeit vor Anthony. Ich war vierzehn. In diesem Alter fangen Mädchen an, sich Fragen zu stellen und herumzuexperimentieren. Für mich ging es von den Tagträumen direkt in die Albträume über. »Ich habe mich wie jedes andere Kind angefasst, zumindest davor.«
»Und danach?«
»Danach habe ich mich vier Jahre lang nicht mehr selbst befriedigt.«
Jonah legt seine große Hand auf meine, als ob er in diese schreckliche Zeit hineingreifen und mich aus ihr herausziehen könnte. »So war das für mich nicht«, sagt er leise. »Mir war nicht klar, wie es für dich war.«
Natürlich war es für ihn nicht so. Männer können sich mit ihren Schwänzen glücklich schätzen. Egal wie verkorkst sie sind, der Mechanismus funktioniert normalerweise. Es ist so, als hätten sie eine Schnellstraße zum Orgasmus, während sich selbst die glücklichsten Frauen manchmal einen Weg durch ein Labyrinth suchen müssen. »So ist es für mich«, sage ich. »Ich will daran arbeiten, aber … das ist meine Wahrheit und dort stehe ich. Wenn du nicht an meiner Seite sein kannst, bis ich das überwunden habe … Jonah, das wird sehr lange dauern.«
Er antwortet nicht sofort. Er ist tief in Gedanken versunken und wägt das, was ich gesagt habe, sorgfältig ab. Ich will, dass er das ernst nimmt, aber ich will auch eine Antwort. Aber mehr als alles andere will ich, dass er mich in seine Wohnung schleift und sich über mich hermacht, bis die Lust in meinem Körper den Schmerz in meinem Kopf verdrängt.
Ich trinke einen Schluck Wein, um die Zeit totzuschlagen. Die Anspannung macht mich nervös.
Endlich sagt Jonah: »Du weißt, warum mir das schwerfällt. Es ist nicht so, als hätte ich eine willkürliche Grenze gezogen.«
»Ich weiß.« Wie muss es für ihn gewesen sein, dabei zuzusehen, wie seine Mutter jahrelang Nacht für Nacht gedemütigt wurde? »Aber ich verstehe nicht, warum das, was Anthony mir angetan hat, über das bestimmen muss, was wir zusammen tun.«
»Wenn du es so ausdrückst, klingt es grausam. Ich möchte nicht, dass es das ist.« Dieses Mal dauert die Stille zwischen uns sogar noch länger an. Jonah richtet den Blick nach innen, auf andere Menschen und andere Zeiten. »Was mein Stiefvater meiner Mutter angetan hat, sollte nicht nur sie verletzen. Elise und ich waren nicht nur Requisiten für seine kranken Spiele. Ich brauchte sehr lange, um zu erkennen, dass es ihm genauso viel Freude bereitete, auch uns zu Opfern zu machen. Ich glaube, er wollte erreichen, dass Elise sich hilflos fühlte. Sie sollte von keinem Mann etwas anderes als Schmerz erwarten. Und Carter wollte, dass ich ebenfalls zu einem solchen Mann wurde.«
»Das bist du nicht. Das muss dir klar sein, Jonah. Du hast dich immer fürsorglich um mich gekümmert.«
Seine grauen Augen suchen meine. »Ich möchte dir gern glauben«, sagt er. »Manchmal schaffe ich das auch. In anderen Momenten frage ich mich jedoch, ob all das Böse, das ich in Carter gesehen habe, nicht auch in mir schlummert. Wie eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartet zu explodieren.«
Ich verstehe, was Jonah meint. Nein, ich glaube nicht, dass er zu einem Mann herangewachsen ist, der auch nur im Entferntesten etwas mit diesem Mistkerl Carter Hale gemein hat. Aber ich weiß, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, dass das Drehbuch der Eltern ständig darauf wartet, dass man seinen Text aufsagt. Die Verleugnung meines Vaters, die scharfen, oberflächlichen Urteile meiner Mutter: Ich höre sie von Zeit zu Zeit immer noch in meinen eigenen Gedanken widerhallen. Die Tatsache, dass ich die Worte nicht glaube, bewahrt mich nicht davor, sie zu hören.
»Zu wissen, was du durchgemacht hast«, fährt Jonah fort, »wie sehr du verletzt wurdest … bringt uns zu sehr in die Nähe dessen, was ich durchleben musste. Ich kann nicht vergessen, was dir angetan wurde, und ich kann nicht so tun, als hätte es keinen Einfluss auf mich.«
»Es ist, als … als hättest du aufgehört, mich als Person zu sehen. Nun kannst du mich nur noch als Opfer wahrnehmen.«
